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Isthmos (ὁ, poetisch auch ἡ Ἰσθμός). 1) Die Landenge, speziell die Landenge von Korinth zwischen dem Saronischen und dem Korinthischen Meerbusen; diese wird in der Regel als I. schlechthin, selten mit dem Zusatz Κορινθιακός oder τῆς Πελοποννήσου, bezeichnet. Sie bildet die Verbindung der Peloponnesischen Halbinsel mit dem griechischen Festland als Damm (γέφυρα πόντου Pind. Nem. VI 67; Isthm. III 85) oder Engpaß [2257] (angusti fauces Liv. XXXLI 21), der von Plinins n. h. IV 8 mit dem Nacken des menschlichen Körpers verglichen wird; vgl. Curtius Pelop. I 27, 8. Eine Personifikation des I. findet sieh häufig auf Münzen der Kaiserzeit von Korinth meistens als ein auf einem Felsen sitzender bärtiger Mann mit einem Ruder in der Hand; Beispiele: Imhoof-Blumer and Gardner Numismatic Commentary on Pausanias Taf. C 37–39; andere nennt Drexler bei Roscher Myth. Lex. II 1, 553f. – Philostratos II 16 (II p. 363 Kayser) beschreibt ein Gemälde ‚Palaimon‘, auf dem der I. ἐν εἴδει δαίμονος ἐνυπτιάζων ἑαυτὸν τῇ γῇ dargestellt war.

In weiterem Sinne bezeichnet man gelegentlich als I. von Korinth die ganze etwa 40 km lange Landbrücke von Megara bis einschließlich Korinth; als eigentlicher I. galt aber immer der südwestlich des Geraneiagebirges gelegene engste Teil dieser Landbrücke. Seine Nordostgrenze bilden die Abhänge der Geraneia und das ihr südlich vorgelagerte krommyonische Hügelland, die Südwestgrenze der Kegel von Akrokorinth und das Oneion. Das von diesen Bergen und im Nordwesten und Südosten vom Meer umschlossene Gebiet von ungefähr 120 qkm ist der I. im engeren Sinne. Seine geringste Breite von Meer zu Meer beträgt 6 km (40 Stadien Strab. VIII 334; 4 Millen Mela II 48).

Das Gebiet des I. durchzieht in der Richtung von Westsüdwest nach Ostnordost ein an seiner niedrigsten Stelle etwa 75 m hoher Rücken, der in steilen Stufen nach Südosten zur Bucht von Kalamaki, in weniger steilen nach Nordwesten zur Bucht von Korinth abfällt. Nach Osten geht der Rücken in das krommyonische Hügelland über; im Norden bleibt die kleine Küstenebene von Lutraki frei, in der sich ein paar aus dem krommyonisehen Hügelland in westlicher Richtung auslaufende Erosionstäler vereinigen. Nach Süden verschmilzt der Rücken mit dem Plateau von Isthmia, das seinerseits nur durch ein bei Kenchreai mündendes Bachbett vom Oneion geschieden ist. Nach Westen endlich geht der Scheiderücken des I. in das Stufenland von Korinth über, das nach Süden durch den das ganze I.-Gebiet beherrschenden Felsen von Akrokorinth begrenzt wird. Philippson Der Isthmos von Korinth, Zeitschr. d. Gesellsch. f. Erdk. XXV 1, 1890, mit Karte 1:50 000, kurz zusammengefaßt in seinem Buch Pelop. 28ff.

Die genaue geologische Erforschung des I. ist durch den Kanaleinschnitt ermöglicht worden. Horizontale Pliocänablagerungen gliedern sich in zwei Abteilungen, eine untere aus blauen und weißen Mergeln mit Süßwasser- und marinen Konchylien und eine obere aus Sanden und Konglomeraten mit Meereskonchylien. Beim Durchfahren des Kanals fallen besonders die zahlreichen Verwerfungen auf, von denen Philippson 23 Gruppen gezählt hat, sie verlaufen fast alle in westöstlicher Richtung, scheiden sich aber in zwei Systeme; bei dem einen ist der abgesunkene Flügel der südliche – dies System setzt sich östlich im krommyonischen Stufenland fort; bei dem andern herrscht Absinken des nördlichen Flügels vor – es setzt sich westlich im Oneion und im korinthischen Hügelland fort. Von der [2258] Bildung dieser Verwerfungen zeugen die im Gebiet des I. sehr häufigen Erdbeben; aus dem Altertum sind verheerende Erdbeben hier in den J. 420 und 227 v. Chr. und 77 n. Chr. bekannt (vgl. auch IG IV 203); auch heute sind sie nicht selten. Strandverschiebungen darf man wohl daraus erschließen, daß Hausbauten des Altertums am Nordende der Bucht von Kenchreai jetzt etwas unter dem Meeresniveau liegen.

In der Gestalt der Erdoberfläche geben sich die Verwerfungen durch Bodenstufen zu erkennen, die für den I. charakteristisch sind. Durch Abspülungen und Verwehungen verändern sich diese Stufen in dem Sinne, daß am Fuße der Stufe sich Humus ablagert, während die äußere Kante kahl bleibt. Im allgemeinen ist die Humusbildung auf dem I. jedoch äußerst gering. Quellen gibt es nur sehr wenige, und dauernd fließende Bäche überhaupt nicht. Die Vegetation ist infolgedessen nicht bedeutend. Lichte und niedrige Kiefernwälder (ἱερὸν ἄλσει πιτνώδει συνηρεφές Strab. VIII 380) wechseln mit größeren kahlen Flächen ab; angebaut mit Getreide, Wein und Ölbäumen ist kaum die Hälfte des Landes, und auch diese ist wenig ertragreich. Trockenes Klima und heftige Winde verringern noch die schon an sich geringe Ertragsfähigkeit. So nährt das Land eine nur ganz geringe Bevölkerung. Die große Bedeutung des I. im Altertum beruht allein auf seiner wichtigen Lage für den einstigen Weltverkehr.

Der in der Blütezeit Griechenlands starke Verkehr und Handel zwischen den mittelgriechischen Landschaften Attika, Boiotien und Phokis und den peloponnesischen Ebenen von Argos, Arkadien, Lakonien und Messenien ging fast ohne Ausnahme zu Lande und berührte die I.-Passage. Drei Wege laufen von Norden her über den I. auf Korinth zu: der oft als Heerstraße erwähnte nördliche Küstenweg Pegai–Oinoe–Therma, ein Saumpfad über die Geraneia und der wichtigste südliche Küstenweg Megara–Skironische Klippen–Krommyon–Schoinus. Curtius Pelop. I 8ff. Von Korinth aus geht entweder über Kleonai–Nemea oder über Tenea durch die Kontoporeia der Weg in die Argolis weiter; eine weniger wichtige Straße verbindet Kenchreai direkt mit Tenea.

Die Städte des I. Schoinus (jetzt Kalamaki) und Kenchreai an der Ostküste, Therma (jetzt Lutruki) an der Westküste – von Korinth und seinem Hafen Lechaion ganz zu schweigen – verdanken ihre Bedeutung in weit höherem Maße noch dem Seehandel als dem Landverkehr. Am ungünstigsten lag das selten erwähnte Therma; Kenchreai war der wichtigste Osthafen für Korinth, Schoinus der Haupthafen für das Poseidonheiligtum und den Diolkos. Die Bedeutung der I.-Häfen war um so größer, da die Landenge der kürzesten Verbindung des im Altertum sehr starken Seeverkehrs vom Ägäischen zum Ionischen Meer Aufenthalt und Unterbrechung gebot. Man mußte die Waren umladen oder die Schiffe über den Diolkos ziehen, da der mehrmals versuchte Kanalbau im Altertum nicht zur Ausführung kam. Immerhin zog man diesen Weg gern der gefährlichen Umfahrung der Peloponnes vor, die bei der Fahrt in die Adria einen Umweg [2259] von schätzungsweise 342 km nötig machte (Umfang der Peloponnes ohne Buchten bei Strab. VIII 335 4000 oder 4400 Stadien; vgl. Plin. n. h. IV 12ff.).

Von Einschnitten für die Fahrbahn des Diolkos sind auf dem I. keine sicheren Spuren festgestellt worden; jedenfalls lief sie von Schoinus aus (Strab. VIII 380) in der Nähe des jetzigen Kanals, wo die Verbindung die kürzeste (τὸ στενώτατον τοῦ Ἰσθμοῦ Strab. VIII 369) und der Scheiderücken am niedrigsten ist, und nicht von Kenchreai nach Lechaion, wie Monceaux Gaz. archéol. X 406f. vermutete. Der Diolkos wird zuerst während des Peloponnesischen Krieges von Thukydides VIII 7ff. erwähnt (vgl. III 15); Aristophanes Thesm. 647f. spielt auf ihn an. Für große Schiffe war der Transport (das διισθμεῖν, διισθμίζειν Polyb. IV 19, 7, ὑπερισθμίζειν Polyb. IV 19, 9; andere Bezeichnungen bei Curtius Pelop. I 28, 13. II 596, 91) über den Diolkos nicht möglich, Plin. n. h. IV 10. Daher mußte Philipp III. von Makedonien 217 v. Chr. seine Flotte teilen und die größeren Schiffe (τὰς καταφράκτους) um Malea herumfahren lassen, Polyb. V 101, 4. Nach der Schlacht bei Actium benutzten die Schiffe Octavians den Diolkos, Cass. Dio LI 5, 2. 881 n. Chr. ließ der kaiserliche Admiral Niketas Oryphas noch Kriegsschiffe über den I. schleppen (Georg Phrantzes I 33 p. 961. ed. B. Theophanes continuatus V 61 p. 300f. ed. B. Hertzberg Gesch. Griechenlands seit d. Absterb. d. ant. Leb. I 234), und bis in die Mitte des 12. Jhdts. läßt sich das Hinüberschleppen von kleinen Schiffen über den Diolkos verfolgen (Hertzberg Gesch. d. Byzant. 306).

Der Diolkos konnte jedoch einen Kanal nicht ersetzen; so ist man im Altertum immer wieder auf den Plan eines Kanalbaus zurückgekommen, wenn es vielen auch als Sakrileg galt, die von den Göttern geschaffenen natürlichen Verhältnisse umgestalten zu wollen, Herod. I 174. Tac. ann. I 79. XV 42. Plin. n. h. IV 10. Paus. II 1, 5. Den ersten Plan faßte um 600 v. Chr. Periander von Korinth, Diog. Laert. I 99. Demetrios Poliorketes wurde um 300 von dem gleichen Vorhaben durch ein Gutachten der Architekten abgeschreckt, daß das Meer im Korinthischen Golf so viel höher als im Saronischen Golf stände, daß eine Überschwemmung Aeginas befürchtet werden müsse, Strab. I 54. Caesar (Plut. Caes. 58. Suet. Caes. 44. Cass. Dio XLIV 5, 1) und Caligula (Suet. Calig. 21. Plin. n. h. IV 10) trugen sich mit Bauplänen, aber zu einer ernstlichen Inangriffnahme der Arbeiten kam es nur unter Nero im Jahr 67 v. Chr. (Pseudo-Lucian. Νέρων ἢ περὶ ὀρυχῆς τοῦ Ἰσθμοῦ. Cass. Dio LXII 16). Endlich plante noch Herodes Atticus, die unter Nero liegen gebliebenen Arbeiten zu Ende zu führen, Philostr. vit. sophist. 6. Über diese Kanalbaupläne und Versuche Leake Morea III 297ff. Fiedler Reise durch Griechenl. I 235ff. mit Vorschlägen zum Ausbau im neuen Königreich Griechenland. Curtius Pelop. I 27f. Gerster Bull. hell. VIII 227ff.

Von dem neronischen Kanalbau waren zahlreiche Spuren vorhanden, bis sie durch den modernen Kanal fast alle verschwanden; es spricht [2260] für die sorgfältige Vorbereitung des neronischen Baus, daß man für den heutigen Kanal auf genau dieselbe Linie zurückkam. In gerader, ungefähr westöstlich laufender Linie wurde von beiden Seiten ein 40–50 m breiter Graben eingetrieben. Von Westen drang er ungefähr 2 km weit vor, in der Strandebene bis unter das Meeresniveau reichend, dann etwa 10 m hohe Tuffschichten durchschneidend; das Felsrelief einer in einer Adikula stehenden Figur (Herakles mit der Keule?) bezeichnet ungefähr das Ende des westlichen Grabens. Von Osten wurde der Graben ungefähr 1 km weit vorgeführt, reichte nirgends unter das Meeresniveau, erreichte aber eine Höhe von 30 m, durch die man in vier Staffeln übereinander durchzudringen suchte; die höchste zu überwindende Höhe wäre 79 m gewesen. In der mittleren Zwischenstrecke hatte man zwei Reihen von Schächten für Sondierungen und Vertikalangriff 30–40 m tief in den Felsen eingetrieben. Nach der Arbeit in diesen Schächten und der Bewegung von insgesamt einer halben Million Kubikmeter Erde hat man die Arbeit auf 3–4 Monate mit etwa 5–6000 Arbeitern geschätzt; die Dauer läßt sich aus dem schwankenden Text bei Ps.-Lucian, de fossa Isthmi, nicht ermitteln; vgl. auch Philostr. Apollon. Tyan. IV 24. V 7. Ob die 6000 jüdischen Kriegsgefangenen, die Vespasian zum I. schickte (Joseph. bell. Iud. III 540), noch verwendet wurden, ist unsicher; die drohenden Unruhen im Westen, die zum Aufstand des Vindex führten, riefen Nero, der persönlich die Arbeiten eingeleitet und überwacht hatte (Suet. Nero 19. Cass. Dio LXII 16), ab und bereiteten dem Bau ein vorzeitiges Ende. Erst im J. 1893 ist nach Überwindung vieler Schwierigkeiten ein Kanal an dieser Stelle fertiggestellt worden, wenngleich dieser für den Weltverkehr nicht mehr die Bedeutung haben kann, die er im Altertum gehabt haben würde. Über Neros Versuch vgl. Hertzberg Gesch. Griechenl. unt. d. Röm. II 115ff.; über die erhaltenen Spuren Gerster Bull. hell. VIII 229ff. Taf. 8.

So bedeutungsvoll die Landenge für den Verkehr war, so wichtig war ihre Verteidigung in allen kriegerischen Verwicklungen, die sich gegen die Peloponnes richteten. Man hatte hier drei Verteidigungslinien (vgl. Claudian. de belle Get. 188): zunächst die Geraneia und den Skironischen Paß, der z. B. 480 v. Chr. auch verschüttet wurde (Herod. VIII 71), dann die engste I.-Stelle, über die eine Mauer lief, die am häufigsten verteidigt wurde, und endlich die Bergpässe an der Linie vom Oneion nach Akrokorinth (verteidigt z. B. von Kleomenes Polyb. II 52). Die 7, 3 km lange I.-Mauer (Hexamilion) läuft oberhalb der kleinen Talschluchten westlich des Kanals mit der Front nach Nordosten und ist fast in ihrem ganzen Verlaufe noch gut zu erkennen. Allerdings stammt der Bauzustand, dessen Ruinen man sieht, durchweg aus nachklassischer Zeit (trotz Curtius Pelop. II 547), wenn auch vielleicht einige der in der Mauer verwendeten Quadern aus älteren Anlagen stammen mögen. Nach Osten springen Türme vor, und von innen gegen die Mauer lehnen sich an einigen Stellen Unterkunftsräume und Kastelle, [2261] von denen das wichtigste von den Byzantinern im Gebiet des Poseidonheiligtums angelegt wurde.

Die erste Mauer an dieser Stelle, von der wir Kunde haben, wurde 480 v. Chr. gegen die Perser gebaut (Herod. VIII 40 u. 71. Diod. XI 16), nachdem erst im Jahre zuvor durch den dort stattfindenden hellenischen Kongreß die zentrale Bedeutung des I. hervorgetreten war, Herod. VII 172; im J. 479 wurde diese Verteidigungsstellung verstärkt und wieder besetzt, Herod. IX 7f. Die im J. 369 gegen Epaminondas errichteten Verschanzungen lagen etwas weiter zurück in der Linie von Kenchreai nach Lechaion vor dem Oneion, Xen. hell. VII 1, 15. Diod. XV 68, 3. Während der Barbareneinfälle wurde die I.-Mauer ein wichtiges Bollwerk. Schon bei dem Kelteneinfall 279 v. Chr. fühlten sieh die Peloponnesier hinter ihr vollkommen sicher, Paus. VII 6, 7; ob damals gebaut wurde, ist jedoch sehr zweifelhaft. Gegen die Goten stellte 253 n. Chr. Valerian die Mauer wieder her, Zosim. I 29; allerdings erreichten diese einige Jahre später (267) doch die Peloponnes. Erneuert und stark befestigt wurde die I.-Mauer dann durch Iustinian nach 540, Georg Phrantzes I 33 p 96 ed. B. Inschriften mit seinem Namen (IG IV 204, 205) fand man an der I.-Mauer; die erstere las schon Kaiser Manuel Palaiologos, als er im J. 1415 wieder an der I.-Mauer baute, Georg Phrantzes I 35 p. 108 ed. B. Auch die Venetianer betrachteten im Kampf gegen die Türken im 15. Jhdt. die I.-Mauer noch als wertvolle Festung, die sie mehrmals wiederherstellten. Curtius Pelop. I 14f. II 546f.

Unmittelbar an der I.-Mauer nahe der östlichen Küste liegt das Isthmische Heiligtum (Poseidonion), der Ort der Isthmischen Spiele. Es nimmt einen sich nach Norden und Osten ganz sanft abdachenden Hügelhang ein, Plan Gaz. archéol. IX Taf. 38. Von dem nahen Schoinus aus erreichte man es bei dem wohlerhaltenen Haupttor, dessen Durchfahrt die Spuren starker Wagenbenutzung zeigt; andere Wege führten nach Korinth und bei einem Artemisheiligtum vorbei (Paus. II 2, 3) nach Kenchreai.

Man hat bisher immer angenommen, der eigentliche heilige Bezirk beschränke sich auf den sich an die I.-Mauer lehnenden, von einer festungsartigen Mauer umschlossenen Raum, indem man die Umfassungsmauer z. T. in griechische Zeit zurückdatierte. Es läßt sich jedoch nachweisen, daß die Umfassungsmauer durchweg frühbyzantinisch ist, daß das Haupttor in der I.-Mauer ursprünglich ein freistehendes Festtor war, und daß ein bedeutender alter Tempel außerhalb des ummauerten Bezirkes lag. Aus dem früher viel größeren heiligen Bezirk wurde erst von Iustinian ein Kastell herausgeschnitten und von einer Festungsmauer mit 19 Türmen umgeben. Diese Umfassungsmauer trägt durchaus den Charakter iustinianischer Bauten: zwischen den beiden Fassaden aus Quadern ein Kern von Mörtelfüllwerk. Die Breite der Mauer beträgt 2,20 m und mehr; etwa von 10 zu 10 m springen die Türme vor. Das so umschlossene unregelmäßige Viereck hat den Byzantinern und anscheinend auch noch den Venetianern und [2262] Türken in Verbindung mit der I.-Mauer als Festung gedient.

In der Westmauer dieses Kastells ist ein Durchgang noch zu erkennen. Die Torpfeiler des ungefähr 3 m breiten Südtors sind mit zwei christlichen Kreuzen in Relief geschmückt, die, wie ihre Anbringung zeigt, nicht nachträglich eingearbeitet sein können; in nachbyzantinischer Zeit wurde es zugebaut und dabei die oben genannte iustianische Inschrift IG IV 204, die 1415 noch lesbar war, vermauert. Am besten – bis 4 m hoch – erhalten ist das große Prunktor im Nordosten, das der Anlage und Ornamentik nach aus der frühen Kaiserzeit stammt. Daß es wie andere Bogen oder Festtore dieser Zeit ursprünglich frei stand, muß man aus einem Eckblock mit drei Faszien, Fries und geschwungenem Architrav, auf dem Hängeplatten mit Zahnschnitt ruhen, erschließen – ein Beweis mehr, daß die erste Anlage der I.-Mauer, wie sie erhalten ist, frühestens von Valerian stammt. Das Tor hat eine mittlere, 4 m breite, mit Marmorplatten gepflasterte Durchfahrt und zwei ungefähr 2 m breite seitliche Durchgänge; Pilaster mit attisch profilierten Basen stehen zu Seiten des Mitteldurchgangs. Später – wohl im Zusammenhang mit dem I.-Mauerbau – wurden die Seitendurchgänge zugebaut und die Mitteldurchfahrt von zwei Rundtürmen eingefaßt, in denen die Steine einer frührömischen Exedra wiederverwendet sind, und zwar östlich des Durchgangs die Stufen, westlich die profilierten Basen und Orthostaten. Dann wurde zu Verteidigungszwecken die Toranlage nach innen durch zwei Mauerzungen erweitert, an die sich große Torflügel legen sollten; die Löcher für Riegelbalken sind erhalten. Durch diese Verteidigungsbauten wurde das ursprüngliche Festtor in das wahrscheinlich gleichzeitig entstehende Kastell eingegliedert. Der Ausgrabungsbericht von Monceaux Gaz. archéol. IX 273ff. ist durchaus unzulänglich.

Sicher war dieses Nordosttor, durch das die Straße vom Hafen Schoinus in das Heiligtum führte, der Hauptzugang des heiligen Bezirks; die zum Heiligtum hinansteigende, vielbenutzte Straße hat sich noch 14 m weit innerhalb des Tors feststellen lassen. Wahrscheinlich ist das Tor mit der von P. Licinius Priscus Iuventianus wiederhergestellten ἱερὰ εἴσοδος (IG IV 203) identisch, und es ist anzunehmen, daß auch Pausanias von hier aus den heiligen Bezirk betrat.

Pausanias II 1, 7ff. nennt zwei Tempel: einen des Palaimon links im Bezirk und an anderer Stelle einen des Poseidon. Das Palaimonion σὺν τοῖς προσκοσμήμασι erwähnt auch P. Licinius in der ebengenannten Inschrift IG IV 203. Da auf korinthischen Münzen mitunter Palaimon auf dem Delphin in einem ionischen Rundtempel erscheint (Imhoof-Blumer and Gardner Nnmism. comment. on Paus. Taf. B 12; derselbe Tempel ohne Palaimon ebenda Taf. 11, 13), hat man diesen für das Palaimonion gehalten und ionische Kapitelle aus lokalem Kalkstein, die zu Quadern zurechtgehauen links vom Nordosttor in der I.-Mauer verbaut sind, und zugehörige Säulentrommeln mit 24 Kannelüren [2263] mit diesem Tempel in Zusammenhang gebracht, Monceaux Gaz. archéol. IX 362. Frazer Pausan. III 14. Hitzig-Blümner Pausan. I 2, 489f. Da sich jedoch unter den Kapitellbruchstücken die Volute eines Eckkapitells befindet, können diese Bauglieder nicht von einem Rundtempel stammen; entweder war also das Palaimonion kein Rundtempel, oder die Bauglieder stammen von einem andern Bau. – Der Poseidontempel mit Tritonen auf dem Dach war nach Münzen (Imhoof-Blumer and Gardner Taf. D 49, 50) ein anscheinend dorischer Prostylos oder Amphiprostylos. Monceaux Gaz. archéol. IX 358ff. verlegt den Tempel, dem er alte Säulentrommeln mit 16 Kannelüren zurechnet, natürlich in die byzantinische Umfassungsmauer; er hat nicht erkannt, daß südwestlich vom Kastell, ungefähr da, wo sein Plan (Taf. 38) débris de murs et de constructions angibt, eine große Terrasse künstlich hergerichtet ist, deren Südwestecke aus dem Felsen herausgeschnitten ist, und daß in der Mitte dieser Terrasse Fundamentreste eines älteren Tempels aus großen Kalksteinquadern liegen (dabei auch eine verstümmelte Säulentrommel mit 20 Kannelüren). Den Poseidontempel sollte man am ersten dort suchen. – Unter der Nordwestecke der genannten Terrasse ist ein mit Keilschnittwölbung, die anscheinend in römischer Zeit mit Gußmauerwerk über Holzverschalung repariert wurde, überwölbter, unterirdischer Gang. Ob dieser mit dem von Pausanias II 2, 1 im Zusammenhang mit dem Palaimonkult genannten ?δυτον (κάθοδος δὲ ἐς αὐτὸ ὑπόγεως) oder mit dem von P. Licinius IG IV 203 genannten ἐναγιστήριον in Verbindung zu bringen ist, bleibt mir jedoch fraglich. Philastr. imag. II 16 p. 362 Kayser) kennt das Adyton als Erdschlund.

Außer dem reichen Inventar an Statuen und Votiven in den beiden Tempeln nennt Pausanias II 1, 7ff. im Heiligtum Statuen von Athleten, die in den I.-Spielen siegten, Pinienalleen und einen Altar der Kyklopen. Einen Altar des Poseidon nennt Herod. VIII 123, eine eherne Poseidonstatue aus der Beute von Plataiai derselbe IX 81; von andern Weihgeschenken kannte man z. B. ein phönikisches Schiff (Herod. VIII 121) und die altberühmte Argo (Dio Chrysost. orat. Corinth. 37, 15); von wichtigen Urkunden gab es im Heiligtum z. B. die des 50jährigen Friedens zwischen Sparta und Athen, Thuk. V 18, 10. Altäre der πάτριοι θεοί mit besonderem Peribolos und Pronaos, einen Heliostempel mit Kultstatue und Peribolos, ferner Tempel der Eneteria, der Kore und ein Plutoneion lernen wir aus der oftgenannten Bauinschrift des P. Licinius IG IV 203 kennen. Derselbe P. Licinius Priscus weihte auch eine große Poseidonstatue (IG IV 202), die nach Rom kam, aber jetzt verschollen ist; eine ähnliche kolossale Poseidonstatue im Lateran (Brunn-Bruckmann Denkmäler Nr. 243. Helbig Führer II³ nr. 1188) geht nach Amelang auf eine auf dem I. im Freien aufgestellte Statue zurück, die den Kunstformen des Bryaxis nahe stand. Weihungen an Poseidon (IG IV 201) und Basen von Votiven (IG IV 198–200) wurden bei den Ausgrabungen [2264] auf dem I. gefunden. Von andern Funden nenne ich noch die interessante Stele des Ἀλκίας Φωκεύς (IG IV 197) mit dem Relief eines über einen Gefallenen hinschreitenden Kriegers im Athener Nationalmuseum (Staïs Marbres² 127 nr. 751).

Etwas außerhalb des eigentlichen Heiligtums lagen das römische Theater und das Stadion (Paus. II 1, 6), deren Plätze man leicht hat widerfinden können (s. den Plan Gaz. archéol. IX Taf. 38, wo aber der Platz des griechischen Theaters auf einer ganz willkürlichen Annahme beruht). Das römische Theater liegt in einer großen halbkreisförmigen, nach Norden geöffneten Mulde von etwa 50 m Durchmesser. Das Stadion nimmt eine natürliche, nach Nordosten gerichtete Bodensenkung ein, die durch künstliche Anschüttungen noch etwas verlängert ist; durch die Mulde führt ein kleiner, einst kanalisierter Wasserlauf. Am Stadion errichtete P. Licinius eine Stoa mit gewölbten Seitenräumen (IG IV 203, 24ff.) vielleicht für die während der Festtage anwesenden Händler. In diesem Stadion verkündete im Jahre 196 v. Chr. T. Quinctius Flamininus die Unabhängigkeit Griechenlands (Polyb. XVIII 46, 4), die durch die Entscheidungsschlacht von 146 v. Chr. wieder eben am I. (Polyb. III 32, 2. IG IV 894) ihren Abschluß fand.

Zur unmittelbaren Umgebung des Heiligtums gehört auch die ἱερὰ νάπη, die man wahrscheinlich im Westen in der Nähe der einzigen Quelle der Gegend suchen muß; in diesem ‚heiligen Tal‘ waren Tempel der Demeter, Kore, Artemis und des Dionysos, IG IV 203, 15ff., die P. Licinius gebaut hatte. Derselbe errichtete Athletenherbergen und ἐγκριτηρίους οἴκους, in denen die sich zum Kampfe meldenden Athleten untersucht wurden, gewiß auch unmittelbar beim Heiligtum. Von den jetzt besonders im Westen des Heiligtums vorhandenen Bauresten läßt sich allerdings nichts mehr auf seinen Zweck bestimmen. Kenntlich sind jedoch noch große Steinbrüche südwestlich vom Heiligtum, die sich bis zu einer ungefähr 100 m hohen Kuppe hinauferstrecken, auf der Treppeneinschnitte und Mauerbettungen einer alten Siedlung sichtbar sind. Monceaux’ Vermutung (Gaz. archéol. X 402ff.), daß hier Urkorinth (Ephyra) gelegen habe, scheint doch sehr zweifelhaft. Auf dem I. sind endlich noch ein Melikertesaltar (Paus. II 1, 3) und die Gräber des Sisyphos und Neleus (Paus. II 2, 2) bemerkenswert; die Lage der letzteren kannte man schon im Altertum nicht mehr; sie jetzt mit zwei prähistorischen Grabhügeln zu identifizieren (Amer. Journ. of Archaeol. VI 1890, 563), ist müßiges Spiel.

Die wichtigste Arbeit über den I. ist die erwähnte Abhandlung von Philippson Ztschr. d. Gesellsch. f. Erdk. XXV 1 mit Karte (Zusammenfassung: Pelop. I 28ff.). Anthropogeographisch Curtius Pelop. I 7ff. II 539ff. Dimitsas Ὁ Ἰσθμὸς τῆς Κορίνθου, Athen 1883, beruht fast ganz auf Curtius. Über Kanalbauversuche Gerster Bull. hell. VIII 1884, 225ff. Taf. 8. Über das Isthmische Heiligtum Monceaux Gaz. archéol. IX 1884, 273ff. 354ff. Taf. 38. X 1885, 205ff. 402ff. Staïs Πρακτ. τῆς ἀρχαιολ. ἑταιρ.. 1903, 14ff. Ich besuchte den I. am [2265] 7. April 1914 mit Herrn Baurat Knackfuß, dem ich alle Beobachtungen an den Bauresten des Heiligtums verdanke.

[Fimmen.]

Supplementband XI (1968)

[850–854] [WS: Der Nachtrag von Ernst Meyer († 1975) ist aus urheberrechtlichen Gründen noch nicht enthalten.].

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