ART

Iuno. 1) § 1. Der früher angenommenen Zusammenstellung von I. mit Iuppiter (Stamm Diou-) fehlt nunmehr jeder Ansatz, da in den inschriftlichen Zeugnissen aus der ältesten Zeit sowohl der Anlaut I, nicht Di ist, wie der erste Vokal des Wortes immer u, nicht ou, ist (W. Schulze Zur Gesch. lat. Eigennamen 470f. W. F. Otto Philol. N. F. XVIII 1905, 177f. H. Ehrlich Kuhns Ztschr. XLI 1907, 283ff. Besonders beweisend ist die Inschrift von Norba aus dem [1115] 6. Jhdt. Roms, Not. d. scavi 1903, 256. Röm. Mitt. XVIII 338: P. Rutilius M. f. | Iunonei Loucina | dedit meretod | Diovos castud; vgL CIL VI 357: Iunone Loucinai | Diovis castud facitud). Das Wort hängt wahrscheinlich mit iuvenis ebenso zusammen wie iūnix mit iuvencus und ist eine alte Femininbildung auf -on vom schwachen einsilbigen Stamm iūn- (vgl. K. Brugmann Arch. f. lat. Lexikogr. XV 1906, 4f.); es bedeutet also dann ,die jugendliche‘, ,junge Frau‘.

§ 2. In der Zusammenstellung von Iuno mit dem Genius kommt die durch jene Herleitung des Wortes gewonnene Bedeutung am besten zum Ausdruck, jedem Weibe kommt eine Iuno zu wie jedem Mann ein Genius[1]: der empfangenden Funktion der jungen Frau steht die zeugende Kraft des Mannes gegenüber (Seneca epist. 110, 1: singulis enim et Genium et Iunonem dederunt. Plin. n. h. II 16. CIL V 7237: Genio | Sex. Valeri | Severini ⟨et⟩ | Iunoni Va⟨leriae⟩ | Potitae uxso⟨ris⟩ | eius usw. 5869. VIII 3695. XIII 1735. An den Genius des regierenden Kaisers und die I. der Kaiserin wird geopfert Henzen Act. fratr. Arv. p. 85f. 122; an Iunones einzelner Frauen richten sich CIL III Suppl. 11 312. V 6407. 6954. 7472. VI 2128. VIII 1140. X 1009 1023. 7541. XI 1324. XII 3063–3066. XIII 567). Die I. einer Frau ist zwar erst von Tibull erwähnt (III 12, 1: natalis Iuno. III 6, 48: Iunonemque suam. III 19, 15: tuae Iunonis), aber die Genien der Männer sind zufälligerweise auch nicht früher bezeugt. Schon der älteste Teil des Arvalenrituals hat dagegen neben der Dea Dia auch die Iuno Deae Diae (Henzen Act. fratr. Arv. 144). Aber für die Männer mit den ganz verschiedenen Lebensberufen konnte der Genius sich nicht zu einer einheitlichen Gottheit entwickeln, sondern wurde nur ein Gattungsbegriff. Für die Frauen war dagegen immer das Leben so verhältnismäßig gleich, daß aus den einzelnen Iunones leicht eine einheitliche Frauengottheit I. wurde.

§ 3. Iuno Lucina ist die Geburtsgöttin, die das Kind ,ans Licht bringt‘ (Fest. 305 M. 396 L. Paul. 304 M. 397 L. - luce – unde et Lucina dicta est. Mart. Cap. II 149: te Lucinam quod lucem nascentibus tribuas ac Lucetiam convenit nuncupare. Ovid. fast. II 450. III 255: tu nobis lucem, Lucina, dedisti; desgleichen, nur daß I. nebenbei als luna gedeutet ist, Varro de l. l. V 69 und Cic. de nat. deor. II 69). Sie wird deshalb, wie in Griechenland die Εἰλείθυια, von den Wöchnerinnen angerufen, bei der Niederkunft beizustehen (Plaut. Aulul. 692: Iuno Lucina tuam fidem. Ter. Andr. 473; Ad. 487: fer opem, serva me. Catull. 34, 13: Tu Lucina dolentibus Iuno dicta puerperis. Hor. epod. 5, 4f. Ovid. ars amat. III 785. Verg. Ecl. 4, 8: nascenti puero … casta fave Lucina). Mit aufgelöstem Haar und mit aufgelösten Knoten [1116] mußte man sie bitten (Ovid. fast. III 256: tu voto parturientis ades. – resoluto crine precetur, ut solvat partus molliter illa suos. Serv. Aen. IV 518: ⟨ad⟩ Iunonis Lucinae sacra non licet accedere nisi solutis nodis, vgl. Samter Geburt, Hochzeit und Tod 1911, 122f.); nach glücklicher Geburt stellte man ihr zum Dank eine ganze Woche lang im Atrium einen Tisch mit Speiseopfer auf (Tertull. de anim. 39: dum in partu Lucinae et Dianae heiulatur, dum per totam hebdomadam Iunoni mensa proponitur; vgl. Schol. Bern. Verg. Ecl. IV 62. Wissowa Relig.² 183, 3. 423, 1). Einmal richtet die betende Frau ihre Worte ausdrücklich an ihre eigene Lucina (Plaut. Trucul. 475: Date mi huc … ignem in aram, ut venerem Lucinam meam). Sonst ist aber schon I. Lucina die allen gemeinsame Geburtsgöttin, die allen Frauen gleichmäßig beisteht. Folgende Inschriften sind ihr geweiht: CIL VI 357–361. 3694f. = 30 918f. X 4660 (Cales). 6484 (Ulubrae Iunonei|Loucina). XI 6293 (Pisaurum). Not. d. scavi 1903, 255. 256 = Röm. Mitt. XVIII 338 s. o. § 1 und Iunone Locina | dono pro | C. Rutilio (Norba). Über ihr Bild s. Overbeck Kunstmythol. III 153f.

In Rom hatte I. Lucina einen uralten heiligen Hain auf dem Esquilin an der Spitze des Mons Cispius (Ovid. fast. II 435ff.): später wurde ihr daselbst am 1. März (dem alten Jahresanfang) 379 = 375 ein Tempel geweiht (Plin. n. h. XVI 285: Romae vero lotos in Lucinae area, anno, qui fuit sine magistratibus, CCCLXXIX urbit aede condita. Varro de l. l. V 50. Ovid. fast II 435f., vgl. III 247f. Paul. p. 147 M. 131, 25 L. Fast Praen. zum 1. März. Hülsen-Jordan Topogr. I 3, 333f.). An die Kasse desselben mußte von jeder Geburt eine Abgabe entrichtet werden (Dionys. Hal. IV 15, 5). Am Festtage, dem 1. März, feierte man Matronalia, d. h. ein Fest der verheirateten Frauen, das nicht zu den feriae publicae gehörte (Iuven. 9, 58 femineae Kalendae. Schol. dazu. Plut. Rom. 21. Tibull. III 1, 1. 8, 1. Macrob. Sat. VI 4, 13. Serv. Aen. VIII 638) An diesem Tage beteten und opferten die Ehegatten für das Glück der Ehe (Hor. od. III 8, 1 und Ps.-Acro dazu) und brachten den Frauen Geschenke (Plaut. Mil. 691. Suet. Vesp. 19), die Frauen gaben den Sklaven ein Festmahl, wie an den Saturnalien die Herren (Macrob. I 12, 7). An die offenbare Ähnlichkeit des Tages mit dem Geburtstag erinnert Pompon. Dig. XXIV 1, 31 § 8: si vir uxori munus immodicum Kalendis Martiis aut natali die dedisset.

§ 4. Iuno Covella. Der I. sind seit alter Zeit alle Monatsanfänge heilig, wodurch sie in engste Beziehung zu Ianus, dem Gott des Eingangs, tritt (Macrob. Sat. I 15, 18–20. In Laurentum führt sie den Beinamen Kalendaris nach Macrob. I 15, 18. Ianus wurde nach Macrob. I 19, 15 Iunonius genannt. Altäre des Ianus Curiatius und der Iuno Sororia standen nach fast. Arval. zum 1. Oktober auf dem Mons Oppius zu den beiden Seiten des tigillum sororium ad compitum Acili; vgl. Hülsen-Jordan Topogr. I 3, 322f.). Auf der Curia Calabra, an der südlichen Anhöhe des Capitols, wurde diesen Göttern geopfert, und der Pontifex minor teilte jeden Monat, nachdem er den neuen Mond festgestellt [1117] hatte, in einer Spruchformel an I. Covella mit, ob die Nonen auf den 5. oder den 7. Tag fallen würden (Varro de l. l. VI 27; vgl. Macrob. Sat. I 15, 9ff. Fast. Praenest. CIL I² p. 231. Serv. Aen. VIII 654. Plut. qu. Rom. 24. Mommsen Röm. Chronol. 16f.; St.-R. II 39, 1). Während Roscher darin von der falschen Herleitung der I. (St. diou-) ausgehend die Hauptstütze für die Annahme, daß I. von Anfang an eine Mondgöttin war, findet (Varro de l. l. V 69. Plut. qu. Gr. 77. Cic. nat. deor. II 69), W. Otto dagegen Philolog. LXIV 1905, 206 diese Bedeutung der Göttin ganz fallen läßt, so erkennt Wissowa Relig.² 187 zwar, daß sie als Mondgöttin gedacht ist, aber erklärt diese Natur aus dem ,Glauben an eine innere Beziehung zwischen den Phasen des Mondes und den Vorgängen im physiologischen Leben der Frau‘.

§ 5. Iuno Caprotina. Von dem Ursprung der am 7. Juli in Rom und Latium gefeierten Nonae Caprotinae (CIL IV 1555) ist uns nichts bekannt. Nicht nur die Frauen, sondern auch die Dienerinnen nahmen an dem Fest teil (Macrob. Sat. I 11, 36). Die erhaltenen Berichte, die nur aitiologische Legenden sind, weichen in vielen Einzelheiten voneinander ab (Macrob. Sat. I 11, 36–40. Plut. Rom. 29; Cam. 33. Varro de l. l. VI 18; vgl. Wissowa o. Bd. III S. 1552f.). Sicher scheint aber, daß I. darin die Bedeutung einer Göttin der weiblichen Fruchtbarkeit hatte. Unter einem wilden Feigenbaum (caprificus) mußte das Opfer und der Festschmaus abgehalten werden, wie am Feste der Lupercalien: die Feige ist aber das Abbild des weiblichen Geschlechtsteiles. Der Name caprificus weist auch, sowie der Name des Tages Nonae Caprotinae und der daraus hergeleitete Name der Göttin I. Caprotina, auf die Ziege capra hin, die im italischen Kulte besonders der I. heilig ist und die sich öfters auf die Fruchtbarkeit der Frauen bezieht (Plin. n. h. XXVIII 255: caprino cornu suffiri vulvam utilissimum putant), während es dem Priester Iuppiters, dem Flamen Dialis, streng untersagt war, eine Ziege zu berühren oder zu nennen. Amiculum Iunonis heißt so in Rom das Ziegenfell, mit dessen Riemen (februa Serv. Aen. VIII 343) die Luperci an den Lupercalia (dem 15. Februar) die Frauen schlugen, um ihnen Fruchtbarkeit zu verleihen (Paul. p. 85 M. 75, 23 L. Mart. Cap. II 149. Arnob. III 30). In einem Ziegenfell war auch die I. Sospes von Lanuvium angezogen (s. u. § 10). Über die Beziehung der I. zu Faunus s. Wissowa Relig.² 185. 209f.

§ 6. I. hält auch die Wacht über die Keuschheit der Frauen und Mädchen: die sog. lex Numae verbietet der Kebse, den Altar der I. zu berühren (Paul. 222 M. 248, 5 L. Paelex aram Iunonis ne tangito; si tanget, Iunoni crinibus demissis agnum feminam caedito). Vgl. Lanuvium § 10. Als Beschützerin der Menstruation (fluores menstrui) führt sie den Namen Fluonia (Paul. 92 M. 82, 4 L. Tertull. ad nat. II 11. Arnob. III 80. Martian. Cap. II 149).

§ 7. Als Ehegöttin (= Ἥρα Ζυγία) wird die Göttin geehrt durch den Zunamen Iuno Iuga ,die Vereinigerin‘ (Paul. 104 M. 92 L: Iunonis Iugae, quam putabant matrimonia iungere; vgl. Serv. [1118] Aen. IV 16: unde et Iuno iugalis dicitur). Nach dem Gürten der Braut wird sie Cinxia genannt (Paul. 63 M. 55 L: Cinxia Iunonis nomen sanctum habebatur, quod initio coniugii solutio erat cinguli, quo nova nupta erat cincta), nach dem Salben der Pfosten des neuen Hauses heißt sie Unxia (Arnob. III 25: unctionibus … superest Unxia, cingulorum Cinxia replicationi. 30. Martian. Cap. II 149: Iterducam et Domiducam Unxiam Cinxiam mortales puellae debent in nuptias convocare –. August. c. d. VII 3. Zur Bildung der Namen s. M. Pokrowskij Ztschr. f. vergleich. Sprachforsch. XXXVIII 1905, 282f.). Vergil huldigt ihr als der Brautführerin (Aen. IV 166: pronuba Iuno). Auf den Sarkophagen mit römischen Hochzeitsdarstellungen erscheint I. immer zwischen den Neuvermählten bei dem Handdruck (A. Rossbach Römische Hochzeits- und Ehedenkmäler, Leipz. 1871. Overbeck Kunstmythologie III 131ff.). In den Curien, den Verwaltungskörpern der Geschlechterverbände, wurde der I. geopfert (Paul. 64 M. 56 L: curiales mensae, in quibus immolabatur Iunoni quae Curis appellata est. Dionys. Hal. II 50, 3. Der Name der Göttin Curis ist nur freie Erdichtung: die Iuno Curitis ist von Falerii nach Rom importiert; s. § 12).

§ 8. Iuno Moneta. 1. Der Tempel der I. Moneta auf dem nordöstlichen Hügel des Mons Capitolinus, der Burg, wurde im Krieg gegen die Aurunker vom Dictator L. Furius Camillus im J. 409 = 345 gelobt und im nachfolgenden Jahre eingeweiht (Liv. VII 28, 4: Dictator (L. Furius) … aedem Iunoni Monetae vovit. – 5 … locus in arce destinatus, quae area aedium M. Manlii Capitolini fuerat … 6 … anno postquam vota erat, aedes Monetae dedicatur. Ovid. fast VI 183f.; vgl. Jordan Topogr. I 2, 109ff.). Der I. waren hier schon früher die Gänse heilig, die im J. 364 – 390 beim Einfall der Gallier die Burg erretteten (Liv. V 47, 4. Dionys. Hal. XIII 7, 3. Diod. XIV 116, 6. Plut. Cam. 27; de fort. Rom. 12); vielleicht war sie als Ehegöttin dort verehrt, da die Gans die Sittsamkeit zu vertreten scheint (Arist. hist. an. I 1 p. 488 b. Plin. n. h. X 44: verecundum (animal). Petron. 137: anserem omnibus matronis acceptissimum); aber der einmal ihr bezeugte Name Regina (CLL VI 362: Iunoni Monetae Regin(ae) | sacrum | usw.) betont mehr die politische Bedeutung. Der Name Moneta bedeutet wahrscheinlich ,die Raterin‘ (von moneo), aber weshalb sie so genannt wurde, weiß man nicht; jedenfalls war die Bedeutung von moneta = Münze nachträglich, da die Münzen bei dem Tempel der Moneta geprägt wurden. E. Assmann Klio VI 1906, 477ff. sucht vergeblich moneta mit der Aufschrift machanat der punischen Münze zusammenzubringen.

Der Stiftungstag des Tempels war am 1. Juni. Da der Marstempel vor der Porta Capena an demselben Tage gestiftet war, andererseits das alte Marsfest des 1. März später mit dem Stiftungstag des Tempels der I. Lucina (s. o.) und ihrem Fest der Matronalia zusammenfiel, so entstand, in Anlehnung an griechische Erzählungen, der Glaube, daß I. durch den Duft einer Blume geschwängert den Mars geboren habe (Ovid. fast. V 229ff. Paul. 97 M. 86, 17 L.).

[1119] 2. Auf dem Albaner Berge fing die I. Moneta an, neben dem Iuppiter Latiaris (s. den Art. Iuppiter § 14) gefeiert zu werden, nachdem der Praetor C. Cicereius ihr im J. 581 = 173 im Kampfe mit den Corsen einen Tempel gelobt und fünf Jahre nachher dort geweiht hatte (Liv. XLII 7, 1. XLV 15, 10).

§ 9. Iuno Regina. 1. Der berühmteste unter allen Kulten der Göttin ist in geschichtlicher Zeit der kapitolinische der I. Regina, die in dem J. 245 = 509 durch den Consul M. Horatius dedizierten Tempel des Iuppiter M. (s. den Art. Iuppiter § 15) in der linken Nebenzelle hauste, während Minerva die rechte bekommen hatte (Liv. XXII 1,17: Decemvirorum monitu decretum est, Iovi primum donum fulmen aureum pondo L fieret, Iunoni Minervaeque ex argento dona darentur –. Regina heißt I. immer in den Arval- und Säkularakten und oft in den Inschriften, die dem Iuppiter O. M., der I. und der Minerva geeignet sind: CIL III 1074–1076 I. O. M. | … | Iunoni | Reginae Po|puloniae | … | Minervae | … Suppl. 11079. 13718. VI 401. VIII 4578. XI 1545. Vgl. Cic. Verr. V 184; de domo 144; pro Scauro 47: Iovis optimi maximi, Iunonis Reginae, Minervae). Wahrscheinlich ist die Trias von Etrurien nach Rom gekommen (s. den Art. Iuppiter), aber bei den Etruskern war die Göttin in dieser Verbindung mit Iuppiter eine griechische Entlehnung. Unter dem später zunehmenden griechischen Einflusse bei den Römern wurde dann die Gleichsetzung von Iuppiter-I. mit Ζεύς–Ἥρα durchgeführt und die I. Regina des Capitols der griechischen Ἥρα Βασιλεία gleichgestellt.

Über die außerrömischen Inschriften, die der Iuno Regina oder Populona allein geweiht sind, s. u. § 12.

2. Nach der Zerstörung Veiis wurde das Bild der I. Regina durch M. Furius Camillus von dort nach Rom geführt und in einem am 1. September 362 = 392 (nach dem Arvalenkalender) eingeweihten Tempel auf dem Aventin aufgenommen (Liv. V 21, 3. 22, 7. 23, 7. 31, 3; daraus Plut. Camill. 6 und Val. Max. I 8, 3, der die Göttin falsch Moneta nennt. Dionys. Hal. XIII 3). Die Göttin wurde aber hier wie eine griechische Ἥρα Βασιλεία durch Frauenprozessionen und Opfer weißer Kühe und andere Zeremonien auf Befehl der Decemviri sacris faciundis geehrt (Liv. XXI 62, 8: Signum aeneum matronae Iunoni in Aventino dedicaverunt. XXII 1, 17. XXVII 37, 7–15 (547 = 207): tacta de caelo aedes in Aventino Iunonis Reginae; prodigiumque id ⟨ad⟩ matronas pertinere haruspices quum respondissent, – donum pelvis aurea facta lataque in Aventinum. – confestim ad aliud sacrificium eidem divae ab decemviris edicta dies, cuius ordo talis fuit. – boves feminae albae duae – signa cupressea Iunonis Reg. – septem et viginti virgines – carmen in Iunonem Reginam canentes – sequebantur decemviri – in aedem Iunonis reginae perrectum. – Livius Andronicus hatte den Gesang verfaßt; vgl. Wissowa Relig.² 426. – XXXI 12, 9: Carmen ab ter novenis virginibus cani per urbem iusserunt donumque Iunoni Reginae ferri). Augustus stellte den Tempel wieder her (Mon. Ancyr. 4, 6); s. Hülsen-Jordan [1120] Topographie I 3, 165ff. Weihinschriften CIL VI 364f.

3. 4. Die Göttin hat ferner zwei Tempel im Quartier des Circus Flaminius. Der eine wurde vom Consul M. Aemilius Lepidus im J. 567 = 187 im Ligurerkriege gelobt und im J. 575 = 179 von ihm als Censor dediziert (Liv. XXXIX 2, 11: aedem Iunoni Reginae vovit. XL 52, 2: dedicavit eas aedes, utramque in circo Flaminio, ludosque scenicos triduum post dedicationem templi Iunonis, biduum post Dianae, et singulos dies fecit in circo. Hülsen-Jordan Topogr. I 3, 487). Der andere wurde von Q. Caecilius Metellus Macedonicus bei seinem Triumph 608 = 146 eingeweiht; eine Säulenhalle, die spätere Porticus Octaviae, schloß ihn ein zugleich mit dem Tempel des Iuppiter Stator, der sein Stiftungsfest an demselben Tage feierte (CIL I² p. 252, 11: … Iovi Stator(i) Iun(oni) Reg(inae) ad cir(cum) Flam(inium)). Der Platz wurde mit zahlreichen griechischen Statuen geschmückt (Vell. I 11, 3: … turmam statuarum equestrium, quae frontem aedium spectant, … ex Macedonia detulit. Plin. n. h. XXXVI 24: Praxitelis … intra Octaviae porticus in Iunonis aede Aesculapius et Diana. 43; vgl. Hülsen-Jordan Topogr. I 3, 538f.).

§ 10. Iuno Sospita. 1. Den vornehmsten der lateinischen I.-Kulte haben die Römer sich angeeignet, da sie im J. 416 = 338 den Kult der I. Sispes oder Sospita, Mater Regina von Lanuvium, als Staatskult aufnahmen, als Lanuvium in den römischen Staat einbezogen wurde. Die Göttin blieb aber in ihrer Stadt, wo ihr Kult durch den Dictator von Lanuvium und einen von ihm bestellten Flamen (Cic. pro. Mil. 27. 45. CIL XIV 2092) unter der Aufsicht des römischen Pontificalkollegiums besorgt wurde (Liv. VIII 14, 2: Lanuvinis civitas data sacraque sua reddita cum eo, ut aedes lucusque Sospitae Iunonis communis Lanuvinis municipibus cum populo Romano esset. CIL XIV 2088. 2089 … I. S. M. R. 2090 … Iunone Seispitei | Matri Reginae. 2091. 2121; vgl. Fest. 343 M. 462, 2 L: Sispitem Iunonem, quam vulgo sospitem appellant. Ephem. epigr. IX 605: Herculi San[cto] et Iunoni Sispit[i]). Außerdem bestand aber gemäß Inschriften der Kaiserzeit eine aus römischen Rittern gebildete Priesterschaft, die sacerdotes Lanuvini (Dessau CIL XIV p. 192. CIL V 6992. 7814. IX 4206f. 4399. X 4590); auch die römischen Consuln mußten der Göttin alljährlich ein Opfer bringen (Cic. pro Mur. 90: Iunonis Sospitae, cui omnes consules facere necesse est). Gemälde des verfallenen Tempels erwähnt Plin. n. h. XXXV 17. Unter den Werken des Antoninus Pius werden auch templa Lanuviana aufgeführt (Hist. aug. Anton. P. 8, 3).

2. In Rom erhielt dieselbe Göttin im J. 560 = 194 durch C. Cornelius Cethegus einen Tempel, den er drei Jahre vorher im Kampf mit den Insubrern gelobt hatte (Liv. XXXII 30, 10. XXXIV 53, 3: Aedes eo anno aliquot dedicatae sunt, una Iunonis Sospitae (corr. Sigonius pro Matutae) in foro olitorio, vota locataque quadriennio ante a C. Cornelio consule Gallico bello; censor idem dedicavit). Der Stiftungstag war der 1. Februar (Ovid. fast. II 55f.).

[1121] Die Göttin war, in Rom wahrscheinlich ebenso wie in Lanuvium, mit Lanze und Schild bewaffnet und mit einem Ziegenfell bekleidet, dessen Kopf wie ein Helm über das Haupt gezogen war; an den Füßen hatte sie Schnabelschuhe (Cic. nat. deor. I 82: illam vestram Sospitam, quam tu numquam … vides nisi cum pelle caprina, cum hasta, cum scutulo, cum calceolis repandis); der Schild war oval, mit halbkreisförmigen Einschnitten an beiden Seiten, ganz wie der Salierschild (Müller-Wieseler Denkm. I 299 b Kandelaberfuß, München). Diese Darstellung findet sich auch auf republikanischen Münzen (Babelon Monn. de la rép. Romaine II 20. 224. 240. 283. 386. 402. 434f.; auf der Schulter der I. erscheint auf den letzteren, Denaren des Q. Cornuficius, wahrscheinlich eine Krähe, die in ihrem Schutz stand [Paul. 64 M. 56 L.], wohl als Hinweis auf die eheliche Treue; s. O. Keller Raben und Krähen im Altertum, Prag 1893, 15 ; in 224 und 402, Denaren des L. Roscius Fabatus, ist aber eine Schlange gezeichnet, die nach Propert. IV 8, 3ff. und Aelian. nat. an. XI 16 den Beweis der Keuschheit des opfernden Mädchens gab, wenn sie von dem Opferkuchen genoß); ferner an Statuen und Reliefs der Kaiserzeit (Overbeck Kunstmythol. III 160ff.), besonders aus der Zeit des Antoninus Pius, der in der Nähe von Lanuvium geboren war (s. o.). Daß ein verschollener griechischer Göttertypus dem Bild zugrunde liegt, vermutet mit Recht Overbeck.

§ 11. Während Iuppiter in der Kaiserzeit die fremden Götter des Orients mit oder ohne den einheimischen Namen derselben aufnahm, wurde I. verhältnismäßig selten mit den fremden Göttinnen identifiziert. So wurde die auf einer Kuh oder Hirschkuh stehende Göttin im Typus der Hera inschriftlich als Iuno bezeichnet (CIL VI 365-367. 413. VII 98), während der bärtige, gepanzerte Gott gegenüber, der auf dem Rücken eines Stieres stehend in der Linken den Blitz, in der Rechten ein Doppelbeil hält, I. O. M. Dolichenus heißt. Die karthagische Dea Caelestis, die schon zur Zeit des ausgehenden Altertums in Rom und im Heere eine bedeutende Rolle spielte, aber erst durch den aus Afrika gebürtigen Kaiser Septimius Severus in der Hauptstadt heimisch wurde (ihr Bild s. Eckhel D. N. VII 183) und auf der nördlichen Anhöhe des Capitoliums in der Nähe der I. Moneta ein Heiligtum bekam, das wenigstens 259 bestand (Dessau 4438. Gatti Dissert. d. pontif. accad. Rom. di arch. ser. II t. VI 1897, 331ff.), wurde seit Vergil am häufigsten mit I. gleichgesetzt (Hor. carm. II 1, 25. Min. Fel. 25, 9. Apul. met. VI 4. CIL III Suppl. 10407. VIII 1424). Der Kaiser Elagabal erachtete sie für würdig, durch ἱερὸς γάμος mit seinem Gott Sol Elagabal von Emesa vermählt zu werden, und holte ihr Bild aus Karthago nach dem palatinischen Tempel (Herodian V 6, 4. Cass. Dio LXXIX 12, 1).

§ 12. Außerrömische Kulte der Iuno. Der Kult der I. ist, besonders in Latium, unter verschiedenen Beinamen sehr verbreitet. In den Kalendern von Aricia Laurentum Lanuvium Tibur und Praeneste war wie in Rom ein Monat nach I. benannt (Ovid. fast VI 59–63 ... Iunonale leges tempus. Macrob. Sat I 12, 30: Iunius . . ut [1122] Cingius arbitratur, quod Iunonius apud Latinos ante vocitatus diuque apud Aricinos Praenestinosque … in fastos relatus sit. Über Iunius und Iunonius s. W. Schulze Zur Gesch. lat. Eigenn. 470). Über die Iuno Regina von Veii s. o. § 9, 2. Folgende Inschriften sind der Iuno Regina geweiht, ohne daß wir entscheiden können, inwieweit die capitolinische I. mitgewirkt hat: CIL IX 2110-2111 (Beneventum). 2323 (Allifae). 2587 (Terventum). X 5648 (Fabrateria vetus). XI 620 (Forum Livi). 2921 (Visentium). 6300: Iunone Reg|matronae Pisaurese | dono dedrot (Pisaurum). Plinius n. h. XXXV 115 führt die Verse aus der Zeit nach dem zweiten Punischen Kriege an, die den asiatischen Maler des Tempels der Iuno Regina zu Ardea, Plautius Marcus, verewigten. Sie wird in diesen als coniunx supremi (Iovis) angesprochen. Iuno Regina Populona heißt die Göttin, die CIL IX 2630 (Aesernia, Samnium) angesprochen wird, ebenso wie die Göttin der Trias III 1074-1076 (s. o. § 9, 1), d. h. die Beschützerin der Volksmehrung. Iuno Populona wird in den Inschriften von Teanum Sidicinum (Campanien) erwähnt: CIL X 4780. 4789–4791; vgl. Nissen Pomp. Studien 343. – Außeritalische Weihungen an I. Regina CIL III Suppl. 10408–10410.

Latium.

Albanus mons. Einen Tempel der Iuno Moneta gelobte der Praetor C. Cicereius im J. 581 = 173 und weihte ihn im J. 586 = 168 auf dem Albanerberge, wo er auch privat den Triumph gefeiert hatte (Liv. XLII 7, 1 … in Corsica … pugnavit … 2 voverat in ea pugna praetor aedem Iunoni Monetae. XLII 21, 7: in monte Albano, quod iam in morem venerat ut sine publica auctoritate fieret, triumphavit. XLV 15, 10: aedem Monetae ⟨in monte⟩ Albano dedicavit quinquennio post quam vovit).

Gabii. Verg. Aen. VII 682: arva Gabinae Iunonis. Serv. z. d. St. Sil. Ital. XII 537.

Lanuvium. Über den Kultus der Iuno Sospita s. o. § 10. Sil. Ital. VIII 360 nennt die Stadt Iunonia sedes.

Laurentum. Iuno Kalendaris wird alle Kalenden von März bis Dezember gefeiert (Macrob. Sat. I 15, 18).

Norba. Über den Tempel der Iuno Lucina von Norba s. L. Savignoni und R. Mengarelli Not. d. Scavi 1903, 229ff. Folgende Inschriften aus dem 6. Jhdt. sind dort gefunden (S. 225f.; Röm. Mitt. XVIII 338): Iunone Locina | dono pro | C. Rutilio und P. Rutilius M. f. | Iunonei Lucina | dedit meretod | Diovos castud. Die letztere, die der aus Rom CIL VI 357: Iunone Loucinai Diovos castud facitud entspricht, verknüpft die I. Lucina auf unerklärte Weise mit dem Iuppiter.

Praeneste. Die Inschrift CIL XIV 2867 … ut Triviam in Iunonario … erwähnt eine eigene Abteilung des Tempels der Fortuna Primigenia als Iunonarium.

Tibur. Über die tiburtinische I. Curritis s. Falerii. Zu CIL XIV 3556: Iunoni Argeiae C. Blandus procos. s. Wissowa Rel.² 273, 1.

Tusculum. Den Kult der I. Lucina bezeugt die Inschrift von Capua CIL X 3807: Iunone Loucina | Tuscolana | sacra.

[1123] Etrurien.

Über die etruskische Göttin uni = Iuno .s. Uni.

Falerii. Der Kult der I. Curitis (Curritis) oder Quiritis war in Falerii wahrscheinlich der Hauptkult (Ovid. fast VI 49: Iunicolasque Faliscos), besonders als die Stadt später den Namen Colonia Iunonia hatte (Grom. lat. p. 217, 5: Colonia Iunonia quae appellatur Faliscos). Ovidius am. III 13ff. schildert uns ihr Fest, an dem Knaben mit Wurfspeeren eine Ziegenjagd anstellen (v. 21). Über Reste des Tempels s. Notiz. d. scavi 1887, 170. 262. 307. Die Inschriften CIL XI 3100 und 3125 erwähnen einen pontifex sacrarius Iunonis Quiritis oder Cu(ritis), die Arvalkalender CIL XI 3126 zum 7. Oktober einen lucum Iunon(is) Curritis. Die letztere Schreibung, die auch in dem tiburtinischen Gebete Serv. Aen. I 17: Iuno Curritis, tuo curru clipeoque tuere meos curiae vernulas vorkommt, ist wahrscheinlich auf falsche Etymologie zurückzuführen (vgl. Serv. Aen. 18: Curitis quae utitur curru et hasta): richtig scheint also Paul. p. 49 M. 43, 1 L.: Curis est Sabine hasta. Unde Romulus Quirinus … Curitim Iunonem appellabant, quia eandem ferre hastam putabant; p. 63 M. 55, 7 L.: Iunonis Curitis … a ferenda hasta, quae lingua Sabinorum curis dicitur. Plut. Rom. 29; quaest. Rom. 87. Quiritis wird sie auch genannt CIL IX 1547: Iunonei Quiritei sacra … (Beneventum). Aber ob sie mit Quirinus und Quirites zusammenzubringen ist (Mommsen St.-R. III 5, 2), scheint sehr fraglich zu sein.

Da die Steinkalender am 7. Oktober ein Stiftungsfest dieser Göttin auf dem Marsfelde erwähnen (Iovi Fulguri, Iunoni Curriti in campo; vgl. Mommsen CIL I² p. 331), muß man annehmen, daß bei der Eroberung von Falerii 513 = 241 ihr Kult nach Rom evoziert wurde.

Perusia. I. war die Hauptgottheit der Stadt nach Appian. bell. civ. V 49, 206: διὸ καὶ τὴν Ἥραν ἔσεβον οἷα Τυρρηνοί. Vgl. Cass. Dio XL VIII 14, 5.

Sabini.

Eretum. Serv. Aen. VII 711: oppidum est dictum a Iunone i. e. ἀπὸ τῆς Ἥρας quae illic colitur.

Samnium.

Aeclanum CIL IX 1097f.

Beneventum. Über CIL IX 1547: Iunonei Quiritei sacra s. Falerii.

Campanien.

Cales. CIL X 4660 Iunonis Lucinae … (aus der Kaiserzeit).

Capua. CIL X 3783 … Iunonis Gaurae … (im J. 683 = 71). Über X 3807 s. Tusculum.

Celenna. Serv. Aen. VII 739: locus est Campaniae sacer Iunoni.

Cubulteria. CIL X 4620 … mag. | fani Iunonis ...

Nuceria. Plin. n. h. XVI 132.

Ulubrae. CIL X 6484 Iunonei | Loucina.

Umbrien.

Pisaurum. CIL XI 6292 IVNONII. 6293 Iuno Loucina.

Venetien.

Patavium. Liv. X 2, 14 in aede Iunonis veteri.
[Thulin.]

Wissowa Relig.² 182, 5 führt folgende Beziehungen zwischen dem Genius und der I. an: der Frauenschwur heißt eiuno (Charis. p. 198, 18 K.), die Männer schwören beim Genius; dem Genius ist die Stirn (Serv. Aen. III 607; ecl. 6, 3), der I. sind die Augenbrauen heilig (Varro de l. l. V 69. Paul. p. 304 M. 897, 4 L.)

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