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278) C. Iulius Hyginus, nach Suet. de gramm. 20 Freigelassener des Augustus und Spanier von Geburt, während ‚einige ihn für einen Alexandriner halten, der nach der Einnahme von Alexandrien als Knabe von Caesar nach Rom überführt wurde‘. Den vollen Namen gibt auch Hieron. chron. a. Abr. 2008, Iulius Hyginus nennen ihn Colum. I 1, 13. Gell. I 14, 1. VI 1, 2. VII 6, 2. XVI 6, 14. Charis. gramm. I 134. 12. Macrob. sat. V 18, 16, Hyginus Colum., Gell. und Plin. oft. L. Hyginus in der Asconiusüberlieferung (in Pis. p. 13 Cl.) ist mit Rücksicht auf den Namen des kaiserlichen Patronus ohne Belang. Der Name Hyginus ist selten, zeitlich stände dem Freigelassenen am nächsten der Arzt Hyginus bei Mart. X 56, 4, Spezialist für Kosmetik.

Für die Lebenszeit Hygins bieten sich folgende Anhaltspunkte: die Übersiedlung des Knaben Hyginus nach Rom anläßlich des Falles von Alexandrien, 47 v. Chr. (Suet. a. O.), der Unterricht bei Alexander Polyhistor (ebd.), der noch von Sulla (also spätestens 79 v. Chr.) als Erwachsener das Bürgerrecht erhielt und etwa 70–60 auf dem Höhepunkt seines Wirkens stand, die Verwaltung der im J. 28 v. Chr. gegründeten Palatinischen Bibliothek (Suet.), freilich nicht als erster, die intime Freundschaft mit Ovid (geb. 43 v. Chr.) und Clodius Licinus, dem Historiker und cos. suff. 4 n. Chr. (Suet.); endlich die Angabe des Hieron. chron. a. Abr. 2008 (= 9 v. Chr.) C. Iulius Hyginus cognomento Polyhistor grammaticus habetur inlustris. Für die schriftstellerische Tätigkeit Hygins ergibt sich ein wichtiger Terminus ante quem aus Colum. I 1, 13, der den Hygin, welcher auch über den Ackerbau geschrieben hat, als quasi paedagogus des Vergil bezeichnet, des Vergil als Dichters der im J. 30 veröffentlichten Georgica, nicht des Vergil überhaupt, wie Reitzenstein De scriptor. rei rust. libr. deperd. (Berlin 1884) 18 wegen paedagogus zu Unrecht fordert; zudem ist das Werk des Hygin nach Varros Schrift über die Landwirtschaft erschienen , d. h. nach 37 v. Chr., zu einer Zeit, wo sich Vergil bereits mit demselben Gegenstand befaßt haben soll. Die Daten lassen sich keineswegs alle restlos miteinander in Einklang bringen: der im J. 47 höchstens 16 Jahre alte Knabe Hyginus könnte nur den hochbetagten Alexander gehört haben, und doch sagt Sueton studiose et audiit et imitatus est, während die Angabe des Hieronymus und die intime Freundschaft mit Ovid und seinem Kreise eher einen noch späteren Ansatz des Geburtsjahres empfehlen. Daß Hygin mit etwa 30 Jahren die Stelle eines Präfekten der Bibliotheca Apollinis bekleidete und sich bereits literarisch betätigt hatte, unterliegt keinem Bedenken.

[629] Die widersprechenden Angaben über die Heimat des Hyginus hat man in üblicher Weise zu erklären versucht: Der in Spanien geborene Hyginus hat frühzeitig in Alexandrien eine zweite Heimat gefunden oder: aus den nahen Beziehungen zum ‚Alexandriner‘ Alexander Polyhistor und der ,alexandrinischen‘ Art der Schriftstellerei Hygins schloß man auf die Geburtsstadt Alexandria.

Die übrigen biographischen Notizen sind äußerst dürftig. Sueton a. O. bezeugt, daß Hygin der Palatinischen Bibliothek vorstand und daneben eine umfangreiche Lehrtätigkeit entfaltete (praefuit Palatinos bibliothecae, nec eo secius plurimos docuit). Erster Bibliothekar, genauer ,Ordner‘, scheint nach Suet. Caes. 56 Pompeius Macer gewesen zu sein, so daß Hygin als dessen Nachfolger zu gelten hätte. Aus dem Bericht des Clodius Licinus bei Sueton de gramm. 20, daß Hygin in recht dürftigen Verhältnissen verstorben sei und durch die Freigebigkeit des genannten Historikers sein Leben gefristet habe, hat man geschlossen, daß Hygin. in Ungnade gefallen, der Bibliothekarstelle verlustig gegangen war. Anderseits scheint Hygin mehrere Jahrzehnte hindurch die Verwaltung der Bibliothek in Händen gehabt zu haben, wenn der Adressat des Schlußgedichtes des im J. 10 n. Chr. edierten 3. Buches von Ovids Tristia Hygin gewesen ist, den Ovid als cultor et antistes doctorum sancte virorum und vatum studiosa novorum feiert (Ovid. trist. III 14, 1. 7), in der Absicht, daß das Verdikt gegen die Aufnahme seiner Werke in öffentliche Bibliotheken (trist. I 3, 67ff.) mit Ausnahme der verseuchten Ars aufgehoben werde; vgl. Merkel und Owen (Oxf. 1889) zur Ovidstelle und H. Peter Histor. Rom. rell. II p. CIII, trotz G. Graeber Untersuchungen über Ovids Briefe aus der Verbannung II. Teil, Elberfeld 1884, 14. Es hätte also Hygin, noch über 70 Jahre alt, des Amtes gewaltet, ein unfreiwilliges Ausscheiden aus seiner Stellung wäre wenig wahrscheinlich, und die Armut des Gelehrten hätte in mangelndem wirtschaftlichen Talent ihren Grund oder in finanziellen Verlusten. Aus der Ovidstelle wäre weiterhin zu folgern, daß Hygin im J. 10 n. Chr. noch lebte, während er, als Columella schrieb, längst tot war (I 1, 13). Verrius Flaccus hat in de verborum significatu, entstanden nach 10 n. Chr., den Hygin zum erstenmal zitiert (Fest. 182 a, 16), so daß nichts nötigt, das Todesjahr Hygins erheblich unter das J. 10 n. Chr. herabzusetzen. Der Beiname Polyhistor bei Hier. a. O. beruht auf falscher Interpretation Suetons. Endlich nennt Sueton am Schlusse des Kapitels de gramm. 20 den Grammatiker Iulius Modestus als Hygins Freigelassenen, der als Forscher in sachlicher und sprachlicher Beziehung in die Fußstapfen seines Herren und Meisters trat.

Die schriftstellerische Tätigkeit Hygins läßt sich hinsichtlich der vielseitigen Gelehrsamkeit mit der Varros vergleichen, dem er bewußt nachahmte, ohne ihm jedoch an Bedeutung bei der Mit- und Nachwelt auch nur annähernd gleichzukommen. Hygins Unterricht bei Alexander Polyhistor und die Verwaltung der Palatinischen Bibliothek brachten es mit sich, daß Hygin mehr fleißiger Kompilator und belesener Buchgelehrter [630] war, als selbständiger Forscher, und zwar beherrschte er das aus griechischen Quellen fließende Material besser als verwandte lateinische Literatur. Das Interessante reizte ihn mehr, als das historisch und wissenschaftlich Bedeutsame, daher der starke mythologische Einschlag selbst in den landwirtschaftlichen Schriften. Bahnbrechend hat Hygin auf keinem Gebiet gewirkt, nicht einmal die Titel seiner Bücher und Monographien sind originell. Nach Ausweis der Buchtitel hat sich Hygin schriftstellerisch auf dem Gebiet der Landwirtschaft, Philologie, Geschichte, Geographie und Altertumskunde betätigt.

An erster Stelle sind zu behandeln, weil hinsichtlich der Abfassungszeit datierbar, die beiden landwirtschaftlichen Schriften: 1) Iul. Roman. bei Char. gramm. I 142, 15 Hyginus de agricultura II. 2) Colum. IX 13, 8 Hyginus in eo libro quem de apibus scripsit. Die Abfassungszeit der Bücher de agricultura erhellt aus den Tatsachen, daß Varro in de re rustica, erschienen 37 v. Chr., Hygin nicht nennt, während für Vergil Columella I 1. 13 ausdrücklich bezeugt, daß Hygin sein Lehrmeister gewesen (nec postremo quasi paedagogi eius meminisse dedignemur, Iulii Hygini): das ist nur unter der Voraussetzung denkbar, daß bald nach 37 Hygins Werk abgeschlossen war, mag Vergil nun 7 Jahre oder kürzere Zeit an den im J. 30 erschienenen Georgica gearbeitet haben. Den Umfang des Werkes möchte Reitzenstein a. O. 19 auf die bei Charisius überlieferten beiden Bücher beschränkt wissen, indem B. 1 de agrorum cultu handelte (Colum. XI 3, 62. Plin. n. h. XIX 88. XX 116. XXI 53), Buch 2 de vitibus et arboribus (Colum. III 11, 8. XI 2, 83. Plin. n. h. XVIII 232. XIII 134. XVI 230. Corp. gloss. lat. II 141, 10 s. Paleta). An Vorlagen können wir mit Sicherheit nur das landwirtschaftliche Werk des Tremellius Scrofa (Colum. III 11, 8 über Weinberge) namhaft machen, wenn auch wie bei de apibus die Benutzung griechischer Vorbilder außer Zweifel stehen dürfte; z. B. Hygin bei Colum. XI 3, 62 in Anlehnung an Nikander (s. Reitzenstein a. O. 23). Benutzt haben das Werk Columella und Plinius, der den Hygin in den Quellenverzeichnissen zu Buch 10–22, d. h. zur Zoologie und Botanik nennt, ihn in den Büchern 13. 16. 18–21 mehrfach zitiert. Daß Vergil in den Georgica auch Hygin befragt hat, ist nach Columellas Ausspruch (I 1, 13) so gut wie sicher, aber nicht nachweisbar. Für diese Schrift Hygins und für de apibus ist von Bedeutung festzustellen, daß sich Hygin lediglich als Theoretiker und Buchgelehrter mit jenen Stoffen befaßt hat, ein Moment, das für die Behandlung der Materien nicht von Vorteil war.

Das Werk de apibus, die erste lateinische Monographie über diesen Gegenstand, als einen Teil von de agricultura anzusprechen, verbietet der Titel, der dann de re rustica oder georgicon hätte lauten müssen (s. Reitzenstein a. O. 19f.). Über Hygins Werk urteilt Colum. IX 2, 1: de quibus (Bienenkörbe) neque diligentius quidquam praecipi potest quam ab Hygino iam dictum est, nec ornatius quam Vergilio nec elegantius quam Celso. Hyginus veterum auctorum placita secretis dispersa monimentis industrie collegit … ea quae [631] Hyginus fabulose tradita de originibus apum non intermisit poeticae magis licentiae quam, nostrae fidei concesserim … haec et his similia magis scrutantium rerum naturae latebras, quam rusticorum est inquirere. studiosis litterarum gratiora essent in otio legentibus quam negotiosis agricolis. Die Quellen deutet Columella IX 11, 5 (Hyginus auctoritatem Graecorum sequens) und IX 13, 3 (Hyginus antiquos secutus auctores) an, der außer an diesen Stellen auch IX 13, 6. 14, 1–13 auf Hygins Werk basiert. Die Benutzung durch Vergil ist auch in diesem Falle nicht zu beweisen, während Plinius zum 11. und 21. Buch den Hygin unter seinen Gewährsmännern nennt. Insbesondere geht der Abschnitt Plin. n. h. XI 11-70 auf de apibus des Hygin zurück, s. Reitzenstein a. O. 26, 45. F. Münzer Beiträge zur Quellenkritik der Naturgesch. d. Plinius, Berlin 1897, 37. P. Rusch a. O. 42.

Die Fragmente beider Werke bei R. Reitzenstein De scriptorum rei rusticae libris deperditis, Berl. 1884, 53f. (vgl. 18ff.). Für einzelnes und im allgemeinen Gr. F. Unger Der sog. Cornelius Nepos, Abh. Akad. München XVI (188l) 221. P. Rusch Zu Hygins Schrift de apibus (Comment. in honorem sodalicii philol. Gryphiswald. 1887, 42).- H. Degering Rh. Mus. LVII (1902) 16 (zu Plin. n. h. XVI 45).

Philologischen Inhaltes waren zwei bzw. drei Kommentare: 1. zu dem gelehrten, schwerverständlichen Geleitsgedicht des Neoterikers Helvius Cinna an Asinius Pollio (anläßlich dessen griechischer Reise im J. 56?): Iul. Roman. bei Charis. gramm. I 134, 19 iteris Iulius Hyginus in Cinnae propemptico: ,ab Actio navigantes stadia circiter LX veniunt ad Isthmum Leucadiensium. ibi solent iteris minuendi causa remulco, quem graece πάκτωνα dicunt, navem traducere‘; 2. zu Vergil, dessen Dichtungen er kritisch und exegetisch behandelt hat. Die Kritik setzte bei der Bewertung der handschriftlichen Überlieferung ein: Gell. 121,2 bemerkt zu Verg. georg. II 246f. (at sapor indicium manifestus, et ora tristia temptantum sensu torquebit amaro) Hyginus … non hercle ignobilis grammaticus, in commentariis quae in Vergilium fecit, confirmat et perseverat, non hoc a Vergilio relictum, sed quod ipse invenerit in libro, qui fuerit ex domo atque familia Vergilii; ,et ora … amaror‘. Die Lesart des aus dem Hause Vergil stammenden Codex steht im M[ediceus], bezeugt Servius, während P[alatinus] und R[omanus] in Übereinstimmung mit Macrob. sat. VI 1, 47 amaro bieten, eine keineswegs unmögliche Lesung. Eine Verderbnis des Textes nahmen nach Servius Caper und Hyginus zu Aen. XII 120 an. Weiterhin übte Hygin Kritik an der Aeneis, d. h. am Dichter selbst, der sich mehrfach Anachronismen und Widersprüche zu schulden kommen ließ, Irrtümer, die nach Hygins Meinung Vergil beseitigt hätte, wenn es ihm vergönnt gewesen wäre, die letzte Feile an sein Werk anzulegen: Gell. X 16 tit.: quos errores Iulius Hyginus in sexto Vergilii unimadverterit in Romana historia erratos. X 16, 1 reprehendit Hyginus Vergilium correcturumque eum fuisse existimat, quod in libro sexto (365) scriptum est. X 16, 11 hoc quoque in eodem libro (VI 617) reprehendit et correcturum [632] fuisse Vergilium putat, nisi mori occupasset. X 16, 18 potest … medius eximi versus, quem Vergilius procul dubio exempturus … fuit (VI 838). VII 6,2 in his Vergilii versibus (VI 14) reprehendit Iulius Hyginus ,pennis praepetibus‘ quasi inproprie et inscite dictum. V 8 tit. defensus error a Vergilii versibus, quos arguerat Iulius Hyginus grammaticus. V 8, 1 in his versibus (VII 187) errasse Hyginus Vergilium scripsit Exegetischen Charakter tragen die von Servius überlieferten Urteile Hygins über mehrere Latini (zu Aen. VII 47, vgl. XII 164), über das troianische Pferd (Aen. II 15) und die eigentliche Bedeutung der bidentes (Aen. IV 57) bei Gell. XVI 6, 4, wo es heißt: Hyginus tamen Iulius, qui ius pontificum non videtur ignorasse, in quarto librorum, quos de Vergilio fecit, … scripsit usw., ähnlich Macrob. sat. VI 9, 7 (irrtümlich in quinto librorum). Gellius spricht also von commentaria in Vergilium des Hygin und von libri de Vergilio, woraus Fr. Leo Didymos περὶ Δημοσθένους (Nachr. d. Gött. Ges. d. Wissensch. 1904, 259) den Schluß zog, daß es sich um zwei verschiedene Werke Hygins handle, von denen das eine den Charakter eines ὑπόμνημα trug, das andere ein zwölf Bücher umfassendes σύγγραμμα darstellte. Eine schöne Parallele bietet L. Annaeus Cornutus in Maronis commentariis Aeneidos X (Char. gramm. I 127, 19) und Annaeus Cornutus ad Italicum de Vergilio libro X (ebd. 125, 16, vgl. R. Reppe De L. Annaeo Cornuto, Leipz. 1906, 28f.). Grundsätzlich verschieden können beide Werke Hygins nicht gewesen sein, da Kritik und Exegese sowohl im Kommentar als im σύγγραμμα geübt wurden: Gell. X 16 über die errores des sechsten Buches der Aeneis müßte aus dem σύγγραμμα stammen, umgekehrt nötigt nichts, die Bemerkung über Latinus dem σύγγραμμα zuzuschreiben. Fest steht, daß Hygin neben der Aeneis auch die Georgica kommentiert hat, also wohl Vergils Gedichte insgesamt.

Literatur: O. Ribbeck Proleg. ad Verg. 117. Ch. B. Bunte De C. Iulii Hygini, Augusti liberti, vita et scriptis, Diss. Marb. 1846, 22. H. Georgii Die antike Aeneiskritik, Stuttgart 1891 z. d. Stellen und 568. H. Funaioli Grammaticae Romanae frg. I (Leipz. 1907) 527f. Ed. Norden Vergils Aeneis Buch VI² 1915 (zu 6, 2. 14. 38. 617. 838).

Unter den historisch-geographischen und antiquarischen Schriften Hygins nehmen seine biographischen Studien einen hervorragenden Platz ein. Wir besitzen drei Zitate: Gell. I 14, 1 erzählt die Geschichte von der Unbestechlichkeit des Fabricius nach Iulius Hyginus … in libro de vita rebusque inlustrium virorum sexto; ders. VI 1, 2 nach C. Oppius et Iulius Hyginus aliique, qui de vita et rebus Africani scripserunt, das Wunder von der Geburt des älteren Africanus (vgl. Gell. III 4, 1 in libris quos de vita P. Scipionis Africani compositos legimus und F. Münzer o. Bd. IV 8. 1439). Mit dem Titel und Umfang dieses biographischen Werkes läßt sich das Zitat des Asconius in Cic. Pison. 13, 13 Cl. Varronem autem tradere M. Valerio quia saepius vicerat, aedes in Palatio tributas Iulius Hyginus dicit [633] in libro priore de viris claris nicht vereinbaren: zwei Bücher de viris claris, mindestens sechs Bücher de vita rebusque inlustrium virorum. Buchtitel und Buchzahl bei Asconius als ungenau bzw. irrtümlich oder verderbt anzunehmen, geht nicht an. Es handelt sich jedenfalls um zwei Werke, wobei es zweifelhaft sein könnte, ob das kleinere einen Auszug aus dem größeren darstellte, wie ja auch Varro Epitomae seiner großen Werke erscheinen ließ (?), oder ein jedes eignen Rechtes war. Für letzteres plaidiert Fr. Leo Griechisch-römische Biographie (Leipz. 1901) 138, nach dessen Meinung Hygin in den viri clari nach varronisch-alexandrinischem Vorbild gelehrte Untersuchungen vorlegte, während er in Anlehnung an die peripatetische Literatur de vita rebusque inlustrium virorum dem großen Publikum in mindestens sechs Büchern erzählte. Dieses Werk Hygins hatte vor Augen Hier. de vir. ill. praef. p. 1 (Rich.), als er unter den römischen Autoren, die über den gleichen Gegenstand geschrieben, Varro, Santra, Nepos, Hyginus et Tranquillus namhaft machte. Wie bei den Exempla haben wir auch hier in Cornelius Nepos den römischen Vorgänger des Hygin zu sehen, wenn auch in Anbetracht der Dürftigkeit des Materials über das Verhältnis der beiden Werke Hygins zueinander, das Verhältnis Hygins zu Cornelius Nepos nur Vermutungen möglich sind, die, je mehr sie ins einzelne gehen, zu uferlosen Hypothesen führen, wie G. F. Unger (Der sog. Cornelius Nepos, Abh. Akad. Münch. XVI 1881, 129) das Feldherrnbuch des Nepos zu einem Teil des großen Hyginschen Werkes umstempelte. Verständiger H. Hildesheimer De libro qui inscribitur de vir. ill. urbis Rom. quaest. hist., Berl. 1880, 63. Derselbe hat auch das Fortleben der biographischen Studien Hygins in dem späten Traktat De viris illustribus urbis Romae und im Liber memorialis des Ampelius zu erweisen versucht (a. O. 25); vgl. E. Woelfflin De Ampelii libro memoriali, Gött. 1854, 35. Th. Opitz Jahrb. f. Philol. CXXIII (1881) 203. H. Peter Hist. Rom. rell. II p. CVf. Die Frag, bei Peter a. O. 72; ders. Hist. Rom frg. p. 280.

2. Exempla. Gell. X 18, 6 berichtet, daß zu Mausolos’ Ehren Artemisia einen Wettkampf veranstaltet habe, an dem sich Meister der Sprache und Geisteskoryphäen beteiligten, wie Theopomp, Theodektes und Naukrates, vielleicht Isokrates selbst. Sodann fährt Gellius fort: extat nunc quoque Theodecti tragoedia, quae inscribitur Mausolus, in qua eum magis quam in prosa placuisse Hyginus in exemplis refert. Über diesen von Cornelius Nepos nach dem Vorbild der griechischen Παράδοξα in die römische Literatur eingeführten Literaturzweig, der Belege von Interessantem und Kuriosem aller Art nach gewissen Rubriken zusammentrug, hat L. Traube S.-Ber. Akad. Münch. 1891, 397ff. zuerst grundlegend gehandelt. Traube vermutete, daß die an Valerius Maximus angelehnte Epitome des C. Titius Probus aus Hygins Exempla geflossen, deren Fortleben alsdann A. Klotz Herm. XLIV (1909) 218f. (Zur Literatur der Exempla u. zur Epitoma Livii) weiter zu verfolgen suchte: wie das Exemplum Hygins bei Gell. zu Val. Max. IV 6 ext 1 in enger Beziehung stehe, so fanden sich parallele [634] bezw. gleichgeartete ,Beispiele‘ bei Val. Max. und Seneca (dial., benef. und epist)., weiterhin bei Ps.-Frontinus, Macrob., Apuleius. u. a., deren Exempla alle nicht über die Zeit des Augustus hinausführen und nachweislich zum Teil aus Livius stammen: ein indirektes Fortleben der Exempla Hygins in jenen Beispielserien ist nicht unwahrscheinlich.

3. De familiis Troianis. Serv. Aen. V 389: sane sciendum hunc (Entellum) secundum Hyginum, qui de familiis Troianis scripsit, unum Troianorum fuisse, de quo Vergilius mutat historiam. Die Worte des Servius und ein Buch Varros gleichen Titels (Serv. Aen. V 704) lehren, daß beide Werke dem Streben römischer Familien, gleich dem Kaiserhause auch ihren Stammbaum auf troianische Helden zurückzuführen, dienten, wofür schon der liber annalis des Atticus wertvolles Material geliefert hatte. Servius konstatierte, daß Vergil zu Hygin in Gegensatz getreten war; s. H. Peter Hist. Rom. rell. p. CV.

4. Hygins Hauptwerk geographischen Inhalts zitiert Serv. Aen. III 553: secundum Hyginum, qui scripsit de situ urbium Italicarum. I 277 Hyginus … cum de situ urbis loqueretur. VII 412 Hyginus in Italicis urbibus(VII 678. VIII 597 H. i. u. I). Serv. auct. Aen. VIII 638 ut Hyginus ait de origine urbium Italicarum. Macrob. sat. V 18, 15 Iulius Hyginus in libro secundo urbium. Wie es ausgeschlossen ist, an eine Reihe von Monographien zu denken, so erscheint selbst die Annahme von zwei verschiedenen Werken bedenklich. Ein Titel de origine et situ urbium Italicarum hätte in Tacitus de origine et situ Germanorum sein Gegenstück, und wie sich dann von diesem Werke de urbibus Italicis grundsätzlich unterscheiden könnte, wäre schwer zu ergründen. Nicht minder schwer freilich ist zu entscheiden, welcher der beiden Titel als authentisch zu gelten hätte. Ohne Titelangabe zitieren das Werk fernerhin Serv. Aen. I 530 (Hyginus docet), Serv. auct. Aen. VIII 600 (Hyginus dicit), Macrob. sat. I 7, 19 (ut Hyginus Protarchum Trallianum secutus tradit) und endlich Plin. n. h. ind. auct. lib. III (s. u.). Die Unsicherheit hinsichtlich des Buchtitels findet am leichtesten ihre Erklärung aus der Erwägung heraus, daß weder Servius (bezw. dessen Erweiterer) noch Macrobius – sie allein benennen überhaupt das Werk – das Geographiebuch Hygins eingesehen haben, beide vielmehr aus älteren Vergilkommentaren schöpften. In dem mehrere Bücher umfassenden Werke hat Hygin – soweit die Fragmente einen Rückschluß gestatten – auf das Mythologische großen Wert gelegt, woraus dann zu folgern wäre, daß eine ausgiebige Benutzung des Hygin von Seiten des Plinius in seiner Geographie Italiens (Buch 3) nicht in Frage kommt. Die Hervorkehrung des mythischen Elementes hätte ihren Grund in den Neigungen des Alexander Polyhistor, des Lehrers des Hygin, der selbst Ἰταλικά geschrieben hat, und in der Art des Protarchos von Tralles, der bei Macrob. I 7, 19 als Gewährsmann des Hygin erscheint. Von römischen Autoren können Varro (Serv. auct. Aen. VIII 600), sowie Cato und Cn. Gellius (Serv. auct. Aen. VIII 638, vgl. Serv. Aen. VII 678) [635] verglichen werden. Während Titel und Zitate des geographischen Werkes Hygins italische Städte und Einrichtungen berücksichtigen, und Serv. Aen. VII 678 ausdrücklich bezeugt, daß im Gegensatz zu Ptolemaios dem Griechen, Plinius dem Römer Hygin und Cato ausführlichst lediglich de Italicis urbibus geschrieben haben, muß es befremden, daß Plinius den Hygin nicht bloß als Quelle seines 3. Buches nennt, das die Geographie Italiens darstellt, sondern auch im Index auctorum von Buch 4–6. Hieraus haben C. Bursian (Jahrb. f. Philol. XCIII 1866, 768, 14), Unger (Der sog. Cornelius Nepos 211), Münzer (Beitr. z. Quellenkritik der Naturgesch. d. Plinius, Berl. 1897, 130, 1) den Schluß gezogen, daß Hygin sich nicht etwa auf Italien beschränkt, sondern eine allgemeine Chorographie gegeben habe. Diese These ist um so bedenklicher, als Plinius einen Buchtitel Hygins überhaupt nicht nennt, weder im Index auctorum noch im Text der Bücher 3–6, wo der Name Hygin nicht einmal vorkommt. Wenn auch in Buch 3 Plinius Hygins geographisches Werk nicht übergangen haben wird – wie eine ausgiebige Benutzung kaum in Betracht kommen kann, so ist es bedenklich, sie völlig zu leugnen – können in Buch 3–6 auch andere Werke Hygins für nebensächliche Dinge von Plinius befragt worden sein. Nicht unmöglich ist auch die Erwägung von A. Klotz Quaestiones Plinianae geographicae (Quellen u. Forschungen z. alten Gesch. u. Geogr. Heft 11) 1906, 8, daß Plinius den zum 3. Buch entworfenen Index auctorum für die übrigen Bücher geographischen Inhaltes erweitert habe, ohne wegfallende Autornamen zu streichen. Ähnlich D. Detlefsen Die Anordnung der geographischen Bücher des Plinius und ihre Quellen (Quellen u. Forsch. usw. Heft 18), Berl. 1908, 36. Die Fragmente bei H. Peter Hist. Rom. rell. II 73 (vgl. p. CVI), frg. p. 280 und Hyginus Funaioli Grammat. Rom. frg. 533ff.

5. und 6. In das Gebiet der antiquitates rerum divinarum gehören die beiden Werke de proprietatibus deorum (Macrob. sat. III 8, 4 Hyginus de pr. d. cum de astris ac de stellis loqueretur, ait oportere his volucres immolari) und de dis Penatibus (ebd. III 4, 13 Hyginus in libro quem de d. P. scripsit). Dem Werke über die Eigenschaften der Götter pflegt man das Zitat bei Nonius p. 518 M. (s. picumnus) Hyginus: est parra Vestae, picus Martis zuzuschreiben. Ebendaher könnte stammen, was Paulinus Nolanus carm. 32, 131–143 unter Berufung auf Hyginus über das Feuer in seiner Beziehung zu Vesta, Vulcanus, Sol, Mars, Venus, Adonis berichtet. Endlich hat Mommsen CIL I¹ p. 26, 58 zu Macrob. sat. III 2, 13 Hyllus libro quem de dis composuit ait Vitulam vocari deam, quae laetitiae praeest statt Hyllus Hyginus vermutet. Ihm widerspricht Funaioli a. O. 537. Da in dem Werke auch die Rede war von dem Verhalten der Menschen zu den Göttern, mögen die Indigitamenta letzten Endes als Quelle bezeichnet werden können (Schanz a. O. 516).

Über die Monographie de dis Penatibus urteilt Wissowa Ges. Abh. zur röm. Religions- und Stadtgeschichte, München 1904, 123f., daß sie vielleicht unmittelbar die Quelle des gleichnamigen Werkes des Cornelius Labeo (des Theologen [636] aus dem 3. Jhdt.) war und diesem die Zusammenstellung der älteren Ansichten ganz oder zum größten Teil lieferte.

Literatur: Ch. B. Bunte De C. Iulii Hygini, Augusti liberti, vita et scriptis, Diss. Marb. 1846; ders. in der Ausg. der Fabulae 1ff. G. F. Unger Der sog. Cornelius Nepos (Abh. Akad. Münch. XVI 1881, 196ff.). H. Dessau Prosopograph. imper. Rom. II 196, 237. Teuffel Gesch. d. röm. Litt. II⁶ l45ff. Schanz Gesch. d. röm. Lit. II³ 1, 511ff. [Diehl]

Unter dem Namen Hyginus sind zwei Schulbücher mythologischen Inhalts überliefert, an die sich mannigfaltige literarhistorische Fragen knüpfen.

Allgemeine Literatur: P. Wessner bei Teuffel-Kroll R. Lit-Gesch. II § 262, 5–7. M. Schanz R. Lit.-Gesch. II 1³, 517–526.

I. Das reinmythologische Werk.

1. Titel. Die heute gangbare Überschrift Fabulae ist von Micyllus aufgebracht worden; ob er sie erfunden oder sich dabei auf antike Überlieferung stützt, ist nicht klar. Das Exemplar, das der griechische Bearbeiter benutzte, war wohl Genealogiae überschrieben. Über die vermeintlichen Spuren eines anderen Titels s. unter Fortleben.

2. Komposition. Das Werk beginnt ohne jede Einleitung mit Genealogien, die, nach Art der antiken Dichter und Mythographen mit dem Chaos anfangend, die Stammbäume von Göttern und Heroen vorführen. Inhaltlich stehen sie in engster Beziehung zum Hauptteile des Werkes, den 220 folgenden Fabulae, die Mythen aus den verschiedenen Sagenkreisen enthalten. Ab und zu sind zwischen die ausführlicheren Erzählungen katalogartige Stücke eingefügt. Daran schließen sich 57 Nummern an, die sog. Indices, die Zusammenstellungen aus den Gebieten der Mythologie, Geschichte, Literatur, Kunst und Geographie bieten, so septem sapientes, septem lyrici, septem opera mirabilia, qui facti sunt ex mortalibus immortales usw. Darunter finden sich aber auch wieder Geschichten eingestreut. Das mythologische Element überwiegt auch in diesem Anhange.

3. Ursprüngliche Gestalt. Es unterliegt keinem Zweifel, daß das Werk in seiner heutigen Gestalt nicht direkt aus der Hand des Verfassers hervorgegangen ist. Über die Zusammengehörigkeit der drei Teile gehen die Meinungen auseinander; darüber gelegentlich der Behandlung der Verfasserfrage mehr.

In dem Hauptteile ist die Ordnung augenscheinlich mehr als einmal erheblich gestört worden. Vgl. C. Lange De nexu inter C. Iulii Hygini opera mythologica et fabularum, qui nomen eius prae se fert librum (Mainz 1863) 17. Dergleichen begegnet auch im Anhange. Fab. 274 quis quid invenerit und 277 rerum inventores primi haben z. B. dereinst zusammengehört; jetzt stehen 275 oppida qui quae condiderunt und 276 insulae maximae dazwischen. Daß innerhalb von fab. 125 Umstellungen stattgefunden haben, erkannte schon Micyllus. Wenn fab. 137 in einem Satze berichtet wird, daß Polyphontes nach Tötung des Cresphontes dessen Gattin Merope und die Herrschaft über Messenien erlangt habe, und im zweiten Teile von 184, der mit dem ersten in gar keinem Zusammenhang steht, die Erzählung von dem Schicksale jener beiden weiter fortgeht, so durfte [637] da eine Blattversetzung im Archetypus erfolgt sein (Bursian Jahrb. f. Philol. 1866, 773).

Mor. Schmidt Ausg. Praef. hat eine ursprüngliche Anordnung der Sagen nach Geschlechtern angenommen, wie sie etwa die Apollodorische Βιβλιοθήκη aufweist. Das Unternehmen war verfrüht; vgl R. Unger Philol. 1888, 247. über Lücken s. C. Lange 9, 2. A. Otto Jahrb. f. Philol. 1886, 282. Lange weist ferner S. 19 eine ganze Zahl von Irrtümern in mythologischen und geographischen Dingen nach; über Wiederholungen und Widersprüche s. Bursian a. a. O. 771. Die Annahme einer sprachlichen Umarbeitung begründet J. Dietze Quaestiones Hyginianae, Kiel 1890.

Es sieht so aus, als ob das Werk die heutige Gestalt, wenigstens inhaltlich, im großen und ganzen schon im J. 207 n. Chr. gehabt habe. In den Hermeneumata, die in der Überlieferung mit der Grammatik des Dositheus verbunden erscheinen, findet sich auch ein Stück (Corp. gloss. lat. III 56, 30), das mit den Worten anhebt: Μαξίμῳ καί Ἄπρῳ ὑπάτοις (=207) πρὸ γ’ εἰδῶν Σεπτεμβρίων Ὑγίνου γενεαλογίαν πᾶσιν γνωστὴν μετέγραψα ἐν ᾖ ἔσονται πλείονες ἱστορίαι διερμηνευμέναι ἐν τούτῳ τῷ βιβιλίῳ usw. Da nun der Grammatiker Dositheus nicht vor dem Anfang des 4. Jhdts. gelebt haben dürfte (s. Tolkiehn Ausgabe des Dositheus, Leipzig 1913 XI), so kann diese Notiz nicht von ihm herrühren und man hat sich daher heute gewöhnt, von Hermeneumata Pseudodositheana zu sprechen (Goetz o. Bd. V S. 1606). Vielleicht ist aber doch die Vermutung von Lachmann Versuch über Dositheus (Berlin 1837) 6, 1 nicht ganz von der Hand zu weisen, daß dem griechischen Bearbeiter bereits eine Übersetzung des Hyginschen Werkes vorlag. Die dürfte er nach seiner Weise umgemodelt und dabei auch die Zeitangabe zur Übung Latein lernender Griechen mithinübergenommen haben. Die γενεαλογία macht im Verhältnis zum lateinischen Urtext einen durchaus ähnlichen Eindruck wie die Übersetzung des Cominianus durch Dositheus. Eine diesbezügliche Untersuchung wäre erwünscht. Wie aber auch die Sache sich verhalten mag, so viel steht fest, daß jene γενεαλογία bereits Stücke nicht genealogischen Charakters enthielt, die in dem Fabelbuche ihre Entsprechung haben, wenngleich da die Reihenfolge eine völlig andere ist. Das sind die Abschnitte von Prometheus, von Philyra, von Odysseus und ein Bruchstück von den Qualen des Tantalus. Außerdem werden in dem vorausgeschickten Inhaltsverzeichnisse noch eine Reihe von Stoffen genannt, die sich ebenfalls in dem Fabelbuche nachweisen lassen, ebenso wie ein Abschnitt über Erfindungen. Dagegen ist nicht in diesem enthalten, was dort über die Namen der Musen, ihre Künste, ihre Geliebten und ihre Kinder, ferner über die Namen der Götter, der Wochentage und der Sternbilder mitgeteilt wird. Was davon auf einen vollständigeren Hygin zurückgeht, was späterer Zusatz ist, läßt sich nicht bestimmen.

4. Quellen. Früher war man der Ansicht, daß das Werk aus griechischen und lateinischen Scholiasten und Mythographen kompiliert sei; vgl. Lange De nexu. Heutzutage ist die Annahme ziemlich allgemein verbreitet, daß Hygins Fabelbuche hauptsächlich eine griechische mythologische Quelle zu Grunde liege; vgl. A. Werth [638] Schedae philol. H. Usener obl. (Bonn 1891) 113. Derselbe geht aber zu weit, wenn er De Hygini fabularum indole (Leipzig 1901) das lateinische Werk lediglich für eine Übersetzung aus dem Griechischen erklärt. J. Dietze Rh. Mus. 1894. 35 meint, daß das Original die auch von Apollodor benützte mythographische Vorlage – Hygin hat mit der Bibliotheca verglichen Werth Diss. 31 – gewesen sei, die die Sagen im Anschluß an die aufgestellten Stemmata der Heroen erzählt habe. Von Hygin seien im wesentlichen die eigentlichen Fabelerzählungen herausgehoben worden, die durchgehende verwandtschaftliche Verbindung habe er fallen lassen; s. auch den Abschnitt über die Verfasserfrage.

Mit der Untersuchung der Quellen, auf die die einzelnen Erzählungen in letzter Instanz zurückgehen, hat sich Lange a. a. O. befaßt. Als solche stellt er fest: Homer, Hesiod, die Kykliker, die alexandrinischen und vor allem die tragischen Dichter; über Kallimachos vgl. noch besonders O. Schneider Callimachea II 49, gegen dessen Verfahren Couat La poés. alexandr. 133 Einspruch erhoben hat. Mehrfach ist augenscheinlich die kontaminierende Methode angewandt worden, Fab. 14 z. B. scheint Apollonios Rhodios als Grundlage zu haben, dessen Name nebenbei erwähnt wird; er ist aber nicht die alleinige Quelle. Von einer unmittelbaren Benutzung der genannten Gewährsmänner kann keine Rede sein.

Das Vorhandensein jeden römischen Einflusses ist bestritten worden von Robert Eratosth. Catast. Rel. 15, 22, dann von v. Wilamowitz Philol. Unters. IX (1886) 49, 9, der alles Römische für Interpolation erklärt. Andere, wie E. Bieber Hygini fabularum supplementum (Marburg 1904) und Werth, der Diss. 17 das auf die Auctores Latini und die Res Romanae bezügliche Material am vollständigsten zusammengebracht hat, haben sich auf den nämlichen Standpunkt gestellt. Aber schon deshalb weil es, wie Schanz II 1³, 524 richtig bemerkt, dabei nicht ohne Gewalttätigkeit abgeht, ist es natürlicher, die römischen Elemente auf den Verfasser selbst zurückzuführen; vgl. auch J. Dietze Dissert. 25. 35 und Rh. Mus. 1894, 24. Hinsichtlich fab. 220 (Cura) hat J. Bernays Ges. Abhandl. II 319 nachgewiesen, daß da keine Übersetzung aus dem Griechischen, sondern eine vollständige Umarbeitung einer auf griechischem Boden entstandenen Allegorie stattgefunden hat.

Was die Indices anlangt, so hat E. Wendling De peplo Aristotelis (Straßburg 1891) 70 erwiesen, daß die Kapitel über Tempel- und Städtegründungen, über Einsetzung von Spielen und über Erfindungen auf den Peplos des Aristoteles zurückgehen. Im übrigen tritt in diesem Teile die römische Tradition weit stärker hervor als in dem vorangehenden. Einige Klassen von Quellen hat G. Lafaye Revue de philol. 1914, 177 aufzustellen versucht. Er gelangt zu dem Ergebnis, daß sich die römische Tradition bei Hygin auf die Äneide und Catos Origines zurückführen lasse; wie viele vermittelnde Glieder dazwischen liegen, sei nicht zu ergründen.

5. Wert. Das Werk bietet manche seltenen Angaben, so z. B. fab. 140 über die Geburt des Apollon (Robert Hermes 1888, 318). Selbst die Indices enthalten einen Schatz von guter alter [639] Gelehrsamkeit (Knaack Hermes 1881, 585), Sein Hauptwert aber liegt für die Gegenwart darin, daß das Fabelbuch uns die Kenntnis einer großen Anzahl von Sagen vermittelt, die den griechischen Tragikern zum Vorwurf gedient haben, und uns somit instand setzt, uns eine ungefähre Vorstellung von dem Inhalte manches verlorenen Stückes zu machen. Allerdings hat Hygin das bloß poetisch Bedeutsame und tiefere, innere Züge weggeschnitten und nur den äußern Geschichtszusammenhang wie für Knaben dargestellt (Welcker Griech. Trag. 473).

6. Fortleben. Die Fabelsammlung Hygins hat augenscheinlich schon frühe in den Schulen der Grammatiker Eingang gefunden und infolge des jahrhundertelang fortgesetzten Gebrauches die mannigfachsten Veränderungen erlitten. In der Literatur des Altertums hat sie nur ganz geringfügige Spuren hinterlassen. Im 6. Jhdt. zeigt Cassiodor in seinen Variae genaue Bekanntschaft mit fab. 274 und 277; vgl. Knaack Hermes 1881, 586. Sonst erscheint sie nur in der Scholienliteratur; vgl. Dietze Dissert. 19. Die mythologischen Studien des Mittelalters und der Renaissance zogen vor allem aus Ovid Nahrung, das Fabelbuch des Hygin scheint damals nur wenig verbreitet gewesen zu sein. Daher erklärt es sich, daß unsere handschriftliche Überlieferung so unbedeutend ist. In den Bücherverzeichnissen der mittelalterlichen Bibliotheken begegnet es nicht. Allerdings wollte Manitius Rh. Mus. 1892 (Ergänzungsheft), 3 in dem Werke Ygini astrologi liber de mythologya ad Marcum Fabium aus dem Katalog, den Richard von Fournival im 13. Jhdt. entworfen hat, das Fabelbuch sehen; aber die Bezeichnung ,astrologus‘, die Hyginus da erhält, sowie die Widmung an M. Fabius lassen es als sicher erscheinen, daß die ja auch mit Mythologie stark durchsetzte Astrologie gemeint ist. Anders dagegen gestalten sich die Verhältnisse, wenigstens für Deutschland, mit dem Beginne der Neuzeit. Da hat das Fabelbuch vor allein bei den Dichtern eine nicht unbedeutende Rolle gespielt. J. Brock Hygins Fabeln in der deutschen Literatur (München 1913) ist eine ziemlich wüste Materialsammlung. Für die anderen modernen Literaturen ist meines Wissens die Frage nach dem Einfluß Hygins überhaupt noch nicht im Zusammenhange behandelt worden. Im J. 1535 entdeckte Jacob Micyllus das Werk in einer Hs. (s. IX) des Freisinger Domkapitels, und die von ihm (Basileae apud Joan. Hervagium) veranstaltete Ed. pr., zu deren Herstellung er auch noch eine von einem andern Gelehrten früher gemachte Abschrift heranzog, ist heutzutage maßgebend, da der Frisingensis nachmals verschollen ist. Bruchstücke von diesem wurden im J. 1870 in dem Einband eines Werkes von Albrecht Dürer gefunden. Sie zeigen, daß der Text der Ed. pr. wenig verläßlich ist; vgl. Halm S.-Ber. Akad. Münch. 1870 I 317. Ergänzungen gibt G. D. Kellogg Amer. Journ. of PhiL 1899, 406; vgL auch Dietze Dissert. 9. Die Hs. war sehr lückenhaft und enthielt viele Fehler; die ursprüngliche Reihenfolge der Erzählungen war durch eine Blattversetzung gestört (s. oben). Alle Bemühungen der Gelehrten, einen andern vollständigen und guten Kodex ausfindig zu machen, sind erfolglos gewesen. Eine Hs., die Berkel gehabt haben [640] soll, ist ganz mythisch (Muncker Mythogr. Lat. praef.). Dasselbe gilt von einem Manuskript, über das Barth in seinen Adversaria Mitteilung gemacht hat. Vgl. Bunte Ausgabe 23.

In der Vaticana stieß Niebuhr auf zwei Palimspestblätter, die sich auf den thebanischen Sagenkreis beziehen, dem Stück 73, 20–78, 12 Schm. entsprechen und einer von der uns erhaltenen nicht unbedeutend abweichenden Rezension der Fabeln angehören; mitgeteilt in M. Tullii Cic. orat. pro M. Fonteio et pro C. Rabirio frg. (Rom 1820) 105, abgedruckt in der Ausgabe von Schmidt XLIX; vgl. Dietze Dissert. 9.

Auch das Exemplar, das dem Dositheus vorlag, war von dem Text des Frisingensis sehr verschieden; vgl. Dietze 3. Doch ist hierüber noch keine Klarheit geschaffen worden. Einen weitaus besseren Text hatte ferner Cassiodor vor sich. Vielfach ist die Hyginische Sammlung von den antiken Erklärern ausgebeutet worden, und aus diesem Umstande vermag die Textkritik für jene nicht unerheblichen Nutzen zu ziehen. Auf die Berührungen des Fabelbuches mit den Scholiasten ist zuerst näher, aber öfters über das Ziel hinausschießend, eingegangen Lange De nexu 29. Einen besseren und von Interpolationen freieren Text bieten nach Robert Eratosth. Catast. 210 diejenigen Stücke, die in den sog. Scholia Strozziana zu Germanicus stehen. Anderer Ansicht ist O. Gruppe Philol. 1889, 335. Jedenfalls dürfen jene Stücke vom zukünftigen Herausgeber nicht unberücksichtigt gelassen werden. Eine noch reichhaltigere, aber sehr mit Vorsicht zu benützende Textesquelle für eine Reihe von Fabeln haben wir in dem Kommentar des Lactantius Placidus zu Statius’ Thebais; vgl. E. Bieber Hygini fabularum supplementum (Marburg 1904). Eine Untersuchung über das Verhältnis der Vergilscholien zu Hygin steht noch aus.

Der Name Hyginus, der sich in der Subscriptio des sog. ersten Mythographus Vaticanus im Reginensis 1401 finden sollte, beruht nach Rossbach Jahrb. f. Phil. 1885, 408 auf irrtümlicher Lesung.

7. Ausgaben. Die älteren s. bei Schweiger Handb. d. class. Bibliogr. II 1, 464. Von diesen sind zu erwähnen außer der von Micyllus (s. o.) die von Scheffer (Hamburg 1674), ferner die in den Mythographi Latini von Th. Muncker (Amsterdam 1681) und von Aug. van Staveren (Leiden 1742); neueren Datums sind die von B. Bunte (Leipzig 1857) und M. Schmidt (Jena 1872). Eine abschließende Ausgabe fehlt. Sonderausgabe der genealogischen Abschnitte von Bursian Grat.-Progr. Zürich 1868.


II. Die Astronomie. 1. Titel. Wie Hyginus das Werk überschrieben hatte, ist nicht zu ermitteln. Der einzige spätlateinische Schriftsteller, der es zitiert, der Bischof Isidorus führt keinen Titel an. In den Hss. fehlt entweder jeder Titel oder es begegnen Überschriften, die augenscheinlich von den Schreibern der betreffenden Codices oder deren Vorlagen willkürlich gewählt sind: de astrologia, de astronomia, Astronomicon libri, de ratione sphaerae, de sideribus, de signis caelestibus und ähnliche; vgl. C. Bursian Jahrb. f. Philol. 1866, 761, 1. M. Manitius Rh. Mus. 1892 (Erg.-Heft), 40. E. Lasinio Riv. di filol. 1910, 247. Gar keine [641] Berechtigung hat das von den Herausgebern gebrauchte Poeticon Astronomicon! Auf Sphaera als den ursprünglichen Titel hat Bunte Woch. f. kl. Phil. 1889, 61, 1 aus den Worten der Einleitung p. 21 ,praeter nostram scriptionem sphaerae‘ geschlossen. Da Hygin selbst zehnmal ,astrologi‘, niemals ,astronomi‘ gebraucht, so dürfte keine Überschrift, die etymologisch mit dem letzteren Worte zusammenhängt, auf Originalität Anspruch haben.

2. Widmung. Dem Ganzen voran geht ein Schreiben an einen M. Fabius: ,Etsi te studio qrammaticae artis inductum non solum versuum moderatione, quam pauci perviderunt, sed historiarum quoque varietate, qua scientia rerum perspicitur, praestare video, quae facilius etiam scriptis tuis perspici potest … tamen … ne nihil in adolescentia laborasse dicerer et imperatorum iudicio desidiae subirem crimen, hoc velut rudimento scientiae nisus scripsi ad te‘ (p. 19, 3–10 Bunte). Es liegt nahe, an M. Fabius Quintilianus zu denken. Aber Bursian Jahrb. f. Philol. XCIII (1866) 767 war der Ansicht, daß das die Nichterwähnung der rhetorischen Studien bei Hyginus verbiete, wie anderseits der Umstand, daß wir weder von grammatischen Studien noch von dichterischen Versuchen und historischen Schriften Quintilians Kunde haben. Nun war aber Quintilian doch ein Schüler des Remmius Palaemon; bei dem hatte er gründlich Grammatik studiert, wie das auch die darauf bezüglichen Kapitel im ersten Buche der inst. or. beweisen. Ob ferner die Ausdrücke ,versuum moderatione‘ (in R ist modulatione darübergeschrieben) und ,historiarum varietate‘ sich auf dichterische Versuche und historische Schriften beziehen, ist mir sehr fraglich. Im Gegenteil treten die ,scripta‘ zu jenen sofort in Gegensatz, und darunter könnten sehr wohl rhetorische Schriften verstanden sein, die als solche bei einem Manne wie Quintilian nicht noch erst genauer bezeichnet zu werden brauchten. Durch nichts gerechtfertigt dürfte der Versuch von Dietze Rh. Mus. 1894, 33 sein, den Adressaten des Hygin mit Fabius Marcellinus, einem Verfasser von Kaiserbiographien (Hist. aug. Alex. Sev. 48, 6; Prob. 2, 7), zu identifizieren, dessen Vornamen wir nicht einmal kennen.

In dem einleitenden Schreiben entwickelt Hyginus ausführlich sein Programm. Er will die Grundbegriffe der Astronomie darstellen, bei der Aufzählung der 42 Sternbilder auch die sich auf sie beziehenden Sagen berichten. Es sollen ferner Mitteilungen über Lage, Auf- und Untergang sowie über die Zahl der Sterne geboten werden.

3. Einteilung. In den Hss. geht die Darstellung von Anfang bis zu Ende ununterbrochen fort. Die Herausgeber haben das Werk in vier Bücher eingeteilt:

1. Buch: De mundi et sphaerae ac utriusque partium declaratione ( = Einleitung und 8 Kapitel).
2. Buch: De signorum caelestium historiis (= 43 Kapitel).
3. Buch: De descriptionibus formarum caelestium (= 40 Kapitel).
4. Buch: De quinque circulorum inter corpora caelestia notatione et planetis (=19 Kapitel).

Der Schluß hat nach der Vorrede (p. 21, 17 B) [642] eine Erörterung enthalten ,qua ratione priores astrologi non eodem tempore signa et reliquas stellas reverti dixerint et quare Meton diligentissime observasse videatur et quid antiquos fefellerit in eodem causa‘. Er ist verloren gegangen. Eine Ergänzung bieten zwei Florentiner Hss. Laurentianus LXXXIX sup. 43 und Magliabechianus XI 114 durch einen Abschnitt ,De differentia temporum ortus signorum, der aus dem 8. Buche des Martianus Capella geschöpft ist.

4. Quellen. Über seine Quellen äußert sich Hyginus selbst in der Praef. (p. 21, 27 B): ,praeter nostram scriptionem sphaerae quae fuerunt ab Arato obscurius dicta persecuti planius ostendimus, ut penitus id quod coepimus exquisisse videremur. quod si vel optimis usus auctoribus effeci, ut neque brevius neque verius diceret quisquam, non immerito fuerim laudari dignus a vobis, quae vel amplissima laus hominibus est doctis; si minus, non deprecamur in hac confectione nostram scientiam ponderari‘. Auch sonst rühmt er sich, Arats lückenhafte Darstellung ergänzt und Fehlerhaftes richtig gestellt zu haben (32, 15. 41, 15. 98, 20). In der Tat zeigt sich bei ihm deutlich eine große Abhängigkeit von Arat und auch von Aratkommentaren. Darauf ist vielfach gelegentlich hingewiesen worden; vgl. Robert Eratosth. Cataster. 231. Maass Philol. Unters. VI 43. Dietze Rh. Mus. 1894, 22. Im Zusammenhang hat die Frage gründlich erörtert G. Dittmann De Hygino Arati interprete (Leipzig 1900), indem er die Angaben über die Lage der Sternbilder im dritten Buche und in den ersten Kapiteln des vierten Buches untersucht. Es kann danach kaum ein Zweifel sein, daß Hygin die Φαινόμενα unmittelbar benutzt hat. Dafür spricht namentlich ein Vergleich von Hygin IV 12 (quorum [sc. XII signorum] exortu quae de reliquis corporibus occidant aut oriantur commemorabimus, so gibt er selbst kurz vorher den Inhalt des Folgenden an) mit Arat. 569–732. Es tritt hier die größte Übereinstimmung zwischen beiden Berichten zu Tage, indem der lateinische Autor sogar einige poetische Wendungen des Originals herübernimmt. Die Aratübersetzung Ciceros dürfte er ebenfalls herangezogen haben; vgl. G. Kauffmann Bresl. philol. Abhandl. III 4 (1888) 61 und F. Wieck Berl. philol. Wochenschr. 1901, 1064. Zur Vervollständigung der Darstellung des griechischen Originals benutzte Hygin einen gelehrten Aratkommentar, in dem auch andere Ansichten als die des Dichters, namentlich die späterhin allgemein verbreitete Hipparchische Theorie der Berechnung des Auf- und Niederganges der Gestirne zu Worte kamen. Doch ist wohl auch letztere etwas modifiziert worden; es scheint an Stelle der Breite Griechenlands die Makedoniens berücksichtigt zu sein. Für den Urheber dieser Nicht-Aratea hält Dittmann den Eratosthenes, was die größte Wahrscheinlichkeit für sich hat; und zwar denkt er an die Schrift des alexandrinischen Gelehrten, die von Achill. isag. 24 so zitiert wird: Ἐρατοσθένους ἐν τῷ Καταμερισμῷ. Aber von dieser Schrift wissen wir sonst weiter nichts, und es erscheint fraglich, ob die Angabe des Kommentators fehlerfrei ist.

Daneben macht sich die Benutzung eines [643] Himmelsglobus bemerkbar. Das erkannte schon Thiele Antike Himmelsbilder (Leipzig 1898) 48. Vom Globus las Hyginus die Sternbilder zonenweise ab; nach dem Deltoton (II 19) behandelte er, mit dem danebenliegenden Widder beginnend, den Tierkreis, an die Fische (II 30) schloß er die südlichen Sternbilder an, zu denen er mit der Besprechung des jenen benachbarten Cetus (II 31) überging. Den Einfluß des Globus zeigen auch bei der Beschreibung der Milchstraße (IV 7) die Worte: transit - perveniens - tangit - revertens - transiens. Auf einen solchen Apparat deutet wohl die Vorrede p. 21, 27 mit der Wendung ,praeter nostram scriptionem sphaerae'‘' hin. Daher glaube ich nicht mit Dittmann 52, daß auch diejenigen Stellen, an denen jener Globus der Darstellung den Weg gewiesen hat, durch den Aratkommentar vermittelt sind; vgl. auch H. Moeller Wochenschr. f. klass. Philol. 1901, 974. Auf Eratosthenes beruft sich Hygin besonders häufig im zweiten Buche (34, 3. 35, 10. 41, 5 u ö.). Entweder hat er also diese Zitate von seiner Vorlage überkommen oder ein Buch, das unter dem Namen jenes ging, benutzt. Daß ersteres ausgeschlossen ist, hat A. Rehm Mythographische Untersuchungen über griechische Sternsagen (München 1896) 6 dargetan. Den Einfluß des Eratosthenes genau bestimmt zu haben, ist das Verdienst von Robert Eratosth. Catasterism. Rel. (Berlin 1878) Prol. 1. Daß Beziehungen zwischen jenem Abschnitte Hygins und dem gewöhnlich als Καταστερισμοί bezeichneten Schriftchen bestehen, war schon frühe beobachtet worden. G. Bernhardy Eratosthenica (Berlin 1822) 110, dem A. Westermann Mythogr. praef. IX beitrat, stellte die Behauptung auf, daß letztere aus der lateinischen Astronomie geflossen seien, wurde aber von Bursian Jahrb. f. Philol. 1866, 765 widerlegt. Robert suchte darzutun, daß sich in Hygins Händen ein vollständigeres Exemplar der Katasterismen unter Eratosthenes’ Namen befunden habe und wir in diesem einen Auszug aus den Κατάλογοι, einem größeren Werke des Eratosthenes, zu sehen hätten, das eine Sammlung der Sternbilder mit einem Sternkataloge gewesen sei; in diesem Auszuge sei die ursprüngliche Reihenfolge der Sternbilder in Anlehnung an Arat geändert worden. Diese Aufstellungen von Robert haben Widerspruch, namentlich den von Maass Philol. Unters. VI, hervorgerufen, meist aber Zustimmung gefunden; ich verweise auf die übersichtliche Darstellung der weitern Entwicklung der Frage durch Knaack o. Bd. VI S. 378, der meint, daß Robert mit seiner Zurückführung der Hyginischen Astronomie auf eine echte Schrift des Eratosthenes doch schließlich recht behalten werde. Die Aufgabe, die Beziehungen des Hygin zu Arat für das erste Buch und den zweiten Teil des vierten Buches klarzulegen, harrt noch ihrer Erledigung. Noch nicht genügend geklärt ist auch das Verhältnis Hygins zu einer Reihe der vielen andern Autoren, auf die er sich beruft. Zusammenstellung in Buntes Ausgabe, Prol. 3. So viel steht fest, daß er sie nicht sämtlich im Original eingesehen hat. (Vgl. auch Bursian Jahrb. f Philol. 1866, 764.) Dietze Rh. Mus. 1894, 29, 2 meint, das ließe sich für das Homerzitat II 37: ,Homerus [644] hunc eundem locum in Thessaliae finibus esse demonstrat‘ beweisen; diese Worte bezögen sich auf das in der von Hygin verstümmelten Vorlage erwähnte thessalische Argos. Aber es könnte ja auch in unserem Hygintext ein diesbezüglicher Satz ausgefallen sein. Die Berücksichtigung lateinischer Autoren ganz in Abrede zu stellen, wie man das vielfach getan hat (vgl. Robert a. a. O. 15, 22), ist nicht angänglich. Ciceros Übersetzung kann, wie gesagt, nicht ausgeschaltet werden. II 17 finden wir ,complures Graeci'‘' neben den ,nostri in progenie deorum‘. Eine Einlage aus einem Catullkommentar erkannte II 24 Haupt Opusc. I 60, hielt diese aber mit Valckenaer für späteren Ursprungs. Für ihre Echtheit ist Dietze 24 eingetreten. Ob dagegen die von Bursian S.-Ber. Akad. Münch. 1876, 22. 34 bemerkten Spuren römischer Literaturwerke wirklich solche sind, muß einstweilen dahingestellt bleiben.

5. Charakteristik. Die Arbeit, die Hyginus geleistet hat, ist nicht gerade geeignet, in uns eine besonders günstige Meinung von seiner Gelehrsamkeit und schriftstellerischen Begabung zu erwecken. Die in der Vorrede kundgegebene Absicht, den Arattext zu erweitern und zu verbessern, ist in sehr leichtfertiger Weise verwirklicht worden. Die Lehre seines Vorgängers erscheint durch ihn eher verwirrt als erklärt, und so unterscheidet er sich in dieser Beziehung sehr zu seinem Nachteil von dem sachlichen und verständigen Verfahren des Germanicus, der denselben Zweck verfolgte. Hygin war augenscheinlich seinem Unternehmen nicht gewachsen. Er war nicht imstande, dem Gegensatz Rechnung zu tragen, der zwischen der Lage der Gestirne am Himmel und ihrer Spiegellage bestand, und verfiel somit in zahlreiche Irrtümer (Dittmann 42). Er war kein Astronom von Fach, und seine große Vorliebe für die Mythologie hat ihn vielfach verleitet, Dinge vorzubringen, die zu seinem eigentlichen Thema in keiner Beziehung stehen. Ob die Ansätze zur Kritik gegenüber den verschiedenen Darstellungen der Mythen, wie II 11 ,sed de hac Euripides hoc eodem nomine fabulam commodissime scribit‘ und 12 ,ut quidam inscientissime interpretantur‘ auf selbständigem Urteil beruhen, muß dahingestellt bleiben. Bisweilen zeigt sich Flüchtigkeit in der Behandlung der Mythologie; so verwechselt er II 13 die Töchter des Kekrops mit denen des Erechtheus. Eine Flüchtigkeit anderer Art tritt III 10 ,supra d ximus‘ zu Tage, während die hier gemeinte Stelle erst III 29 folgt. Hygins Kenntnis des Griechischen war äußerst mangelhaft. Das zeigen die mehrfachen Mißverständnisse seiner Vorlagen; vgl. Bursian Jahrh f. Philol. 1866, 705 und F. Wieck a. a. O. 1064, 1. Im Ausdruck lehnt er sich manchmal sehr enge an Arat (vgl. Dittmann 3), dann wieder an Cicero (vgl. Wieck 1064), in einer für die prosaische Darstellung wenig passenden Weise an. Das Latein ist im ganzen korrekt, wenngleich nicht besonders gefeilt. Im übrigen dürfte eine wissenschaftliche Untersuchung über Sprache und Stil des Hyginus ohne vorherige Ausschöpfung des handschriftlichen Materials keinen Erfolg versprechen.

6. Fortleben. Das frühere Altertum hat [645] keine Spuren von einer Benutzung der astronomischen Arbeit des Hyginus aufbewahrt. Auf eine solche stoßen wir erst im 7. Jhdt. Da nimmt Hyginus eine hervorragende Stelle unter den Gewährsmännern des Isidorus ein. Die Abhängigkeit dieses von jenem hat zuerst G. Becker in seiner Ausgabe von Isidors de natura rerum (Berlin 1857) Prol. XII dargelegt. Reifferscheid Sueton. Rel. deckte weitere Parallelen auf und dachte daran, daß Isidor auf Sueton und nicht auf Hygin fuße. Aber damit ist es nichts. Nicht bewiesen ist auch die Annahme von H. Dressel De Isidori originum fontibus (Turin 1884) 50, Isidor habe einen verkürzten Hygin benutzt. Gegenüberstellung entsprechender Stellen von Hygin und Isidors de natura rerum bei Kauffmann 62 und A. Schenk De Isidori Hispalensis de natura rerum libelli fontibus (Jena 1909) 46, der zeigt, daß Kap. 9–26 dieser Schrift bald mit, bald ohne Quellenangabe aus Hygins Werk ausgeschrieben sind.

Darauf taucht Hygin erst wieder im 9. Jhdt. auf, als die karolingische Renaissance der Astronomie neben dem Trivium eine besondere Beachtung schenkte. Daher war Bursian Liter. Centralbl. 1861, 854 geneigt, einen Traktat, der die Sternbilder in bezug auf die Zeit ihres Auf- und Unterganges, sowie hinsichtlich der einzelnen Sterne, aus denen sie zusammengesetzt sind, in fast wörtlicher Übereinstimmung mit dem dritten Buche des Hygin behandelt, keinem Geringeren als Alcuin zuzuschreiben; aber der Umstand, daß im Montepessulanus, der u. a. auch diesen Traktat enthält, die Notiz sich findet: ,Anni ab incarnatione domini anno praesenti sunt DCCXCIII‘ reicht dazu nicht hin. Ausgabe von Hasper Hyginus Philosophus, Leipzig 1861, 16.

Aus dieser Zeit mag das 77 Hexameter umfassende Gedicht; ,Haec pictura docet quicquid recitavit Hyginus‘ (Riese Anthol. II² 761) stammen; vgl. Kauffmann 72, 28. Eine große Bedeutung hat Hygins Werk im Mittelalter in Verbindung mit Ciceros Übersetzung der Phaenomena des Arat erlangt. Die Entstehung dieses Schulbuches aber reicht vielleicht schon in das 3. Jhdt. zurück (vgl. Kauffmann 60), und mit gutem Grunde hat Reifferscheid Sueton. Rel. 443 aus Isidor de rer. nat. 17, wo ,Aratus et Hyginus‘ als Quelle angegeben, aber nur der letztere ausgeschrieben wird, gefolgert, daß dem Bischof ein Exemplar vorgelegen habe, in dem der Aratus Latinus, d. i. die Übersetzung Ciceros, und Hygins Astronomie vereinigt waren. So mag auch die Zusammenstellung beider in dem Kommentar des im 9. Jhdt. lebenden Grammatikers Remigius von Auxerre zu erklären sein: ,Hyginus et Aratus astrologi fuerunt fingentes se scire numerum stellarum, sed mentiti sunt. Nullus enim hoc scit nisi deus‘ (ed. Huemer Corp. Script eccl. Latin. X 324).

Wesentlich davon verschieden war die gleichfalls Schulzwecken dienende Zusammenstellung von Cicero und Hygin, die etwa im 5. Jhdt entstand und heute noch in englischen Hss. enthalten ist; s. unter Überlieferung.

In noch späterer Zeit endlich trat die Astronomie an die Stelle des ersten Teiles eines astronomisch-komputistischen Sammelwerkes, das vermutlich [646] denjenigen Kreisen seine Entstehung verdankte, die von Beda beeinflußt wurden. Vgl. Rück Auszüge aus der Naturgeschichte des C. Plinius Secundus (München 1888) 81.

Als besondere Schrift scheint die Hyginische Astronomie keine große Verbreitung gefunden zu haben. Zwar die deutschen Bibliothekskataloge vom 9.–11. Jhdt. führen vielfach den Hyginus an, während hier die spätere Zeit fast nichts mehr aufzuweisen hat. Dagegen finden sich vereinzelt Exemplare in Frankreich und England auch aus den beiden folgenden Jahrhunderten verzeichnet. Man wird wohl bei allen diesen Hss. an das astronomische Werk zu denken haben, das bisweilen auch als solches bezeichnet wird. Vgl. Manitius Rh. Mus. 1892 (Erg.-Heft), 40. Die Ausnahme, die dieser feststellen zu müssen glaubt, kann ich nicht gelten lassen; s o.

Wenn der um das Jahr 1000 lebende Kommentator Bedas Brightefertus von Ramsey ein Zitat aus IV 14 bringt, so hat er das aus Isidor. de nat. rer. 19 abgeschrieben, und wenn im 12. Jhdt. Johann von Salisbury in seinem Policraticus II 18 sagt: ,Eorum vero, qui scientiam profitentur astrorum, alii opinionis errore prolabuntur ad fabulas, in quo deprehenditur et Hyginus‘, so beweist das gerade bei diesem Schriftsteller für seine Kenntnis der Hyginschen Astronomie gar nichts; vgl. Schaarschmidt Johannes Saresberiensis (Leipzig 1862) 86. Dagegen scheint der dem 12. Jhdt angehörende Scholastiker Honorius von Autun bei seinen Erwähnungen des Hyginus in den Schriften de animae exilio et patria c. 8 und de philosophia mundi II 5 wirklich die Astronomie vor Augen gehabt zu haben, ebenso Boccaccio in den Genealogiae deorum VII 41.

7. Überlieferung. Die erhaltenen Hss. fallen in das 9.–15. Jhdt. Es sind noch eine ganze Menge vorhanden. Ihre systematische Durchforschung hat verhältnismäßig spät eingesetzt und ist auch heute noch längst nicht beendet. Über die Tätigkeit der älteren Gelehrten auf diesem Gebiete finden sich wenig deutliche Angaben in der Ausgabe von van Staveren (1742). Dann hatte Bursian, zuerst in den J. 1852 und 1853, Vorarbeiten zu einer neuen Ausgabe der ,Auctores mythographi Latini‘ gemacht, aber nur wenig von seinen Studien veröffentlicht. Nicht ohne Verdienste um die Vergleichung von handschriftlichem Material ist B. Bunte; vgl. die Prolegomena zu seiner Ausgabe. Über eine Hygin-Hs. der Freiburger Gymnasialbibliothek saec. XV (F) berichtete E. Heydenreich in einem Freiburger Programm vom J. 1878. Die Kollationen Bursians, die aus seinem Nachlaß in den Besitz der Münchener Hof- und Staatsbibliothek übergegangen waren, sind nachmals von G. Kauffmann benutzt worden, der die bisher vollständigste Aufzählung der Hss. Bresl. philol. Abh. III 4 (1888), 3 bietet und sich vielfach in dem herangezogenen hsl. Material, sowie in den Ausführungen darüber mit K. Rück Auszüge usw. berührt. Er unterscheidet drei Klassen: A. die beste wird gebildet von 1. Dresdensis (Bibl. reg. 183) saec. IX/X D; vgl. Manitius Hermes 1902, 501, der eine genaue Kollation des ganzen Textes mit Buntes Ausgabe besitzt und gerne bereit ist, sie einem künftigen Herausgeber zur Verfügung [647] zu stellen; 2. einem Codex der Ecole de médecine in Montpellier 334 saec. X M; 3. Vaticanus Reginensis 1260 saec. IX R. Dazu kommt ein Monacensis lat. 13 084, der aus der Münchener Stadtbibliothek stammt; über sein Verhältnis zu R M D vgl. Manitius Hermes 1905, 471. B. Geringeren Wert haben die zur zweiten Klasse gehörenden Codices: Bruxellensis 10 078 (aus Gembloux) saec. XII B, Guelferbytanus (18. 16 Aug.) saec. XII in. G, Parisinus 8663 saec. XI P. M R B P hatte Bursian verglichen. C. Am schlechtesten sind die Vertreter der dritten Klasse: Fribergensis saec. XV F (von Heydenreich a. a. O. überschätzt) – er ist identisch mit jener Freiburger Hs., deren teilweise Kollation in ein Exemplar von Munckers Mythographi durch Bursian benutzt wurde – Guelferbytanus (65 ms. Aug. fol.) saec. XV; dazu kommt die einer Hs. gleichwertige Editio Veneta 1482 (U). Heydenreich stellt auch die Angaben van Staverens über eine Reihe von Lesarten des Vossianus primus (Catal. pr. nr. 84) saec. IX/X und des Codex von St. Gallen nr. 250 saec. IX zusammen und gibt Mitteilungen über fünf vatikanische Hygin-Hss.: Reginensis 1207 saec. XI, Vatican. lat. 3109 saec. XV R, Vaticanus Palat. lat. 1363 saec. XIII, Vatican. 3110 saec. XIV (nach G. Loewe): vgl. auch Bursian S.-Ber. Akad. Münch. 1876, 4 A.

Einen recht mittelmäßigen Text weist auch der Ambrosianus M. 12 sup. saec. IX auf, der wohl von einem illustrierten Archetypus herstammt. Dagegen wohnt ihm eine ziemliche paläographische Bedeutung inne. Der Schreiber hat sich bald der tironischen Noten, bald der Buchstaben bedient, aber dabei weniger Fehler gemacht, als das in jener Zeit zu geschehen pflegte. Ausgabe von E. Chatelain und P. Legendre Bibliothèque des hautes études 180 (1909) avec 8 planches en héliogravure. Chatelain hat ihn nicht ohne Wahrscheinlichkeit mit jenem tachygraphischen Codex der Astronomie identifiziert, den Papst Iulius II e Dacia geschickt erhalten hatte und dessen Entzifferung Bembo gelang, worüber er in einem Schreiben an den Papst vom 20. Januar 1513 (Epist. fam II 169 ed. Bas 1556) berichtet; vgl. R. Förster Jahrb. f. Philol. 1880, 56. In jener Publikation der Bibl. des haut. ét. sind auch die hauptsächlichsten Lesarten des Parisinus 11 127 saec. X/XI (P) nach der Kollation von Legendre verwertet. Kollation der Hs. des Lord Ashburnham (nr. 226 Barrois) bei Gottlieb Wien. Stud. 1890, 132. Über mehrere in Florenz befindliche Hss., deren keiner besondere Bedeutung zukommt, berichtet E. Lasinio Riv. di filol. 1910, 247.

Für die Gestaltung des Textes kommen endlich noch in Frage die Scholien zu Ciceros Aratübersetzung. Die Reste dieser sind in drei Codices erhalten, in denen die Verse nur als Unterschrift für die Bilder dienen. Unter ihnen nimmt der Harleianus 647 (A), eine Pracht-Hs. des 9./ 10. Jhdts., eine besondere Stellung ein. Er enthielt ursprünglich auf jeder Seite von fol. 2v-14v eine farbige Zeichnung der in Ciceros Aratea 1–222 behandelten Gestirne. Heute ist fol. 6 verloren und fol. 7v, 8v, 9v, 13v sind zum größeren oder geringeren Teile erloschen. Von fast [648] allen Figuren sind aber nur die Köpfe ganz, die Extremitäten im Umriß ausgeführt. In die leeren Bildräume hat dieselbe Hand kunstvoll in Kapitalschrift Scholien eingetragen, die dem Werke des Hyginus entnommen sind. Man hat also die Scholien nach Analogie der im 4. Jhdt. n. Chr. wieder auflebenden und im 9. Jhdt. nachgeahmten Technik der Figurengedichte behandelt. Bei den Bildern des Orion und der Plejaden ziehen sich die Scholien um die Figur herum, bei den Plejaden, von denen nur die Köpfe gezeichnet sind als Rahmen, beim Orion in Form einer antiken Aedicula. Unterhalb der Zeichnungen stehen die darauf bezüglichen Ciceroverse, von einem zweiten Schreiber nachgetragen. Über die Figuren vgl. vor allem G. Thiele Antike Himmelsbilder 152, wo auch G und der Leidener Vossianus latin. 15 als mit Aratosbildern geschmückte Hygin-Hss. genannt werden. Zuerst wies auf den Harleianus hin Otley Archaelogia XXVI (London 1836) 47, und neigte infolge mangelhafter paläographischer Kenntnisse dazu, ihn in das 2. oder 3. Jhdt. zu setzen. Den richtigen Ansatz machte Orelli in seiner Ciceroausgabe. Inhalt und Form dieser Hs. gehen auf einen Archetypus (Y) zurück, der meist jünger ist als das 5. Jhdt. Der Verfasser von Y setzte jedem Scholion den Namen des Gestirnes voran, dazu fügte er die betreffende Sage und Angaben über Auf- und Niedergang, Ordnung und Zahl der Sterne. Die Rücksicht auf den zur Verfügung stehenden Raum veranlaßte dabei vielfach Kürzungen des Hygintextes.

Eine schlechte Abschrift des Harleianus 647 ist der Harleianus 2506. Auch über ihn berichtet Otley ebenso wie über den Cottonianus Tib. B 5 saec. XI (K), der ganze Figuren bietet, darunter zwei, die im Harleianus nicht vorhanden sind. Unzuverlässig ist das Programm von J. Vogels Scholia in Ciceronis Aratea aliaque ad astronomiam pertinentia e codice Musei Britannici Harleiano 647 I (Crefeld 1884), worin auch eine Kollation von K. Dieser muß auf A selbst oder einen Zwillingsbruder von ihm zurückgehen. Sein Schreiber hat aber nur den kleineren Teil jener Abschnitte aus Hygin übernommen, im übrigen die sog. Scholia Sangermanensia zu Germanicus ausgeschrieben. – Aus Y ist auch C abzuleiten die Abschrift eines Kodex, den Cyriacus von Ancona während seines Aufenthaltes in Vercelli einsah und aus dem er einige Verse und Scholien mitgeteilt hat; vgl. Reifferscheid Ann. d. Inst. XXXIV (1862) 108. Wahrscheinlich war die Verceller Hs. im 10. Jhdt. geschrieben worden und von England nach Oberitalien gekommen. Die Scholien standen hier nicht im Innern, sondern am Rande der Bilder. Y zeigt große Ähnlichkeit mit dem Archetypus unserer Hyginüberlieferung (X), ist aber durchaus selbständig. Der Text ist vielfach vollständiger und korrekter. So haben wir hier ein wichtiges Hilfsmittel zur Herstellung eines auf wissenschaftlicher Grundlage beruhenden Hygintextes.

Von Y unterschied sich wesentlich der von Isidor benutzte Kodex. Dieser entstammte einem Archetypus, der etwa im 3. Jhdt. als Schulbuch hergestellt war und die vollständigen Aratea Ciceros, sowie die ganze Astronomie das Hyginus umfaßte.

[649] Alle die hier kurz berührten Fragen sind eingehend behandelt von Kauffmann a. a. O., der sodann einen sehr sorgfältigen kritischen Text der Hyginexzerpte des Cicerokommentars bietet. Benutzt hat er eine Kollation A. Hilgards von A und eine durch einen ungenannten Engländer für Reifferscheid von K angefertigte.

8. Ausgaben und Übersetzungen. Vollständigstes Verzeichnis der älteren bei Schweiger Handb. der class. Bibliogr. II 1, 465, die späteren s. bei Kauffmann 13. Ich wähle die wichtigsten aus; Ed. pr. Ferrara 1475 (den Herausgebern unbekannt geblieben). Venedig (cura Erh. Ratdolt Augustensis) 1482; aus dieser sind alle folgenden hergeleitet. Andere Bahnen schlug erst ein Joannes Soter, Köln 1534, indem er zwei Hss. zur Verbesserung heranzog. Die Venediger Ausgabe wiederholte mit geringfügigen Änderungen Jac. Micyllus, Basel 1555; ganz auf dessen Schultern steht Jo. Scheffer, Hamburg und Amsterdam 1674. Auf Soter griff wieder zurück Guil. Morel, Paris 1559. Diese Ausgabe ward Heidelberg 1589 neu gedruckt in der Officina S. Andreana unter Beifügung der Illustrationen aus der Ausgabe des Micyllus. Die Andreana bildet die nur an ganz wenigen Stellen geänderte Grundlage des Textes in den Mythographi Latini von Thomas Muncker, Amsterdam 1681. Von ihm weicht fast nur in der Orthographie ab Augustinus van Staveren, Leiden IV 42, so daß bis 1875, wo zu Leipzig die Ausgabe von B. Bunte erschien – vgl. über diese Bursian S.-Ber. Akad.Münch. 1878, 1 – Morels Textesgestaltung maßgebend geblieben ist. Eine allen Ansprüchen genügende Rezension fehlt. Die den Καταστερισμοί entsprechenden Abschnitte sind zusammengestellt und kritisch behandelt bei Robert Eratosth. Catast. Rel. 45.

Deutsche Übersetzung Augsburg (E. Ratdolf) 1491, ebd. (Joh. Sittich) 1512 und 1518. In der Wolfenbüttler Bibliothek befindet sich eine französische Hs. des 16. Jhdts. (Ms. Blancoburgensis nr. 237) von Rob. Frescher, in der die mythologischen Erzählungen des 2. Buches über die Namen der Sternbilder in kurzen Auszügen wiedergegeben werden; vgl. Bunte Herrigs Archiv 1876, 155.

9. Das sog. Anecdoton Hygini oder Excerptum de Astrologia. In mehreren Hss. ist ein astronomischer Traktat überliefert, den man vielfach, aber nicht mit genügenden Gründen zu Hyginus in Beziehung gesetzt hat. Zwölf zählt Rück, Auszüge 7 auf. Dazu kommen der Codex Philipp. Berolin. 1832 und ein Parisinus Bibl. Nat. XLVI Nouv. acqu. lat. 1615 (s. Rück Bl. f. d. Gymn. 1900, 164) und zwei Florentiner Hss. Laurentianus LI 14 s. XI und LXXTIX sup., 43 deren Kollation bei Lasinio Riv. di filol. 1910, 251. Die Überschrift lautet bald Excerptum, bzw. Excerptio de astrologia, bald Excerptum de astrologia Arati oder auch Yginus philosophus de imaginibus celi. Mit den Worten: Duo sunt extremi vertices mundi, quos appellant polos beginnt eine kurze Aufzählung der Sternbilder nach ihrer Stellung zueinander. Die Ansicht von Maass Comment. in Arat. Rel. (Berlin 1898) XLV, daß das Exzerpt eine im ausgehenden Altertum oder im Mittelalter angefertigte Übersetzung eines griechischen Vorbildes sei, ist durchaus nicht erwiesen. Die älteren Ausgaben dieses [650] Stückes verzeichnet Heydenreich Pr., Freiburg 1878, 4; je eine mit kritischem Apparat rührt her von Manitius Rh. Mus. 1898, 393 und Maass a. a. O. 307. Rück Bl. f. d. Gymn. 1900, 1 bietet die beste Kollation des Montepessulanus H 334.

10. De duodecim signis. Ein Fragment unter diesem Titel steht im Sangallensis 878 s. X. Es behandelt die Tierkreisbilder, aber nicht vollständig und stimmt größtenteils wörtlich mit Hygin überein; veröffentlicht nach einer Abschrift von Reitzenstein durch F. Wieck Berl. phil. Woch. 1900, 1308 und 1901, 605.

III. Die Verfasserfrage. 1. Verhältnis der Werke zueinander. Tschiassny Studia Hyginiana I (Wien 1888), 9 leugnete, daß die Fabulae und die Astronomie von einem Verfasser herrührten. Ihm schien der Ausdruck der letzteren Schrift erheblich besser als der der ersteren. Da aber die Fabulae heute in stark veränderter Form vorliegen, so ist von einer Durchforschung der Sprache für die Entscheidung dieser Frage nichts zu hoffen. Gegen die Beweise die Tschiassny aus sprachlichen Unterschieden herholt, wendet sich besonders Kauffmann Berl. phil Woch. 1889, 1529, Auszugehen ist vielmehr von der Stelle der Astronomie II 12: Sed ut ait Aeschylus tragoediarum scriptor in Phorcisin, Gracae fuerunt Gorgonum custodes III, de quibus in primo libro genealogiarum scripsimus: quae utracque uno oculo usae existimantur et ita suo quoque tempore accepto oculo vigilias egisse. Danach hatte der Verfasser dieses Werkes schon vorher ein anderes unter dem Titel Genealogiae geschrieben, das mindestens zwei Bücher umfaßte, und er scheint mit jenen Worten, wie schon Micyllus bemerkte, auf dasjenige hinzudeuten, was in der Einleitung zu den Fabulae p. 11, 1 Schm. zu lesen ist: Ex Phorco et Ceto Phorcides, Pemphredo Enyo Chersis (pro hac ultima Dino alii ponunt) et Gorgones, Sthenno Euryale Medusa. Vermutungen über den Inhalt der Genealogiae bei Bursian Jahrb. f. Philol. 1866, 773, 24. Infolgedessen hielt dieser 762 die den Fabulae vorausgehenden genealogischen Abschnitte für einen sehr dürftigen Auszug eines Grammatikers aus einem Werke oder aus einem Teile eines Werkes, das von dem Autor der Astronomie herrührte. Mit diesem Auszug, den Bursian in dem Grat.-Pr., Zürich 1868 aus dem übrigen loszulösen unternahm, habe derselbe Grammatiker eine nach mythologischen Gesichtspunkten geordnete Darstellung des gesamten, besonders zum Verständnis erforderlichen mythologischen Stoffes aus verschiedenen, zum Teil sehr guten Quellen verbunden, dem Ganzen sei fälschlich der Name des Hyginus vorgesetzt worden. Demgegenüber suchte Robert Eratosth. 234 nachzuweisen, daß die Genealogiae vor der Herausgabe der Astronomie, (das Fabelbuch danach von Hygin verfaßt und aus beiden nachträglich die Sammlung, wie sie uns vorliegt, kompiliert worden sei. Dafür spricht vor allem die Bemerkung in der Astronomie II 20: ,quem Hesiodus et Pherecydes ait habuisse auream pellem; de qua alibi plura dicemus‘. Denn fab. 3 wird in der Tat die Geschichte vom goldenen Vlies ausführlicher berichtet. Dazu kommt noch II 12: ,Euhemeru» quidem Gorgonam [651] a Minerva dicit interfectam, de qua alio tempore plura dicemus‘ und II 34 ,sed quae post mortem eius (sc. Orionis) Diana fecerit, in eius historiis dicemus‘ (Robert a. a. O. 235, 29), wo vielleicht auch Hindeutungen auf das geplante Werk enthalten sind. Dietze Rh. Mus. 1894, 21 hat von neuem die Zusammenhänge zwischen dem Fabelbuche und der Astronomie untersucht. Die Vergleichung des Inhalts und der Darstellung der beiden Werken gemeinsamen Fabeln führt ihn dazu, diese auf ein und denselben Verfasser zurückzuführen, das Fabelbuch aber, dessen Vereinigung mit den Genealogiae von Hygin selbst vorgenommen sein soll, erklärt er für älter, ohne einen stichhaltigen Grund dafür beizubringen. Dagegen sieht er an den drei angeführten Stellen aus der Astronomie Hinweise auf ein anderes in Vorbereitung befindliches Buch, das ebenfalls mythologische Stoffe behandelt. Darauf soll auch der Schluß des Praefatio hindeuten: ideoque maioribus etiam niti laboribus cogitamus, in quibus et ipsi exerceamur et quibus volumus nos probare possimus. etenim necessariis nostris hominibus scientissimis maximas res scripsimus; non levibus occupati rebus, populi captamus existimationem; sed ne diutius de eo, quod neglegimus, loquamur, ad propositum veniemus et initium rerum demonstrabimus. Ich sehe keine Notwendigkeit, diese Worte auf etwas anderes zu beziehen, als auf die folgende Astronomie, und bezweifle auch, daß II 4 (p. 38, 2 B.) sed hoc in media relinquetur, ne nos omnia praeripuisse existimemur für Dietzes Ansicht geltend gemacht werden können. Schwerwiegende Bedenken gegen diese ganze Hypothese äußert Schanz Literaturg. II I³ 519.

2. Person des Verfassers. Man hat vielfach den Verfasser der drei oder auch einer der drei Schriften mit dem Vorsteher der palatinischen Bibliothek, C. Iulius Hyginus, Augusti libertus, gleichgesetzt, so Lange De nexu. Andere haben die Identität energisch bestritten, so Bursian Jahrb. f. Philol. 1866, 763. Bewiesen ist bisher weder das eine noch das andere, wenngleich die Wahrscheinlichkeit für das letztere spricht. Noch weniger kommt wohl der Gromatiker Hyginus in Frage; Bursian 767 hat bemerkt, daß zwischen dem Abschnitt in dessen Werk de limitibus constituendis, der von den astronomischen Grundlagen der Feldmeßkunst handelt (Schriften der römischen Feldmesser I 183), und der Astronomie Hygins sich so bedeutende Unterschiede sowohl hinsichtlich der vorgetragenen Lehren als auch namentlich in den technischen Ausdrücken finden, daß man notwendig die beiden Werke als von verschiedenen Verfassern herrührend betrachten müsse.

3. Zeit. Bursian Jahrb. f. Philol. 1866, 768 war geneigt, Hygin in das Ende des ersten oder in die erste Hälfte des zweiten Jhdts. n. Chr. zu setzen. Sicher ist nur, daß er vor dem J. 207 seine Genealogien verfaßt haben muß, da in diesem Jahre eine Abschrift von dem Werk genommen wurde. Einen Terminus post quem würden wir gewinnen, wenn es gelänge, die Zeit einwandfrei zu bestimmen, in der die Katasterismen die von Hygin gekannte Verfassung erhalten haben.
[Tolkiehn.]

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