ART

Ikarios. 1) Athener, Vater der Erigone. Neben I. kommt gelegentlich auch die Namensform Ikaros (Hygin. astron. II 4 u. a. Prop. III 33, 29. Tib. IV 1, 10. Ovid. Ib. 609) und Ikarion vor. Über die etymologische Herleitung vgl. u. Ikaros Nr. 1. Die Sage hat ihre literarische Form wesentlich durch das berühmte Gedicht Ἠριγόνη) des Eratosthenes erhalten (s. Eratosthenis Catasterismorum Rel. rec. Robert p. 39ff. 77ff. und E. Maass Anal. Eratocthen. 60ff.). [974] Auf dieses geht die weitschichtige, aber im großen und ganzen ziemlich einheitliche mythographische Tradition zurück: Hygin. astron. II 4 p. 34f. Bunte (ausgeschrieben vom Mythographus Vatican. II 61 in Mais Class. Auctores III 106, und Schol. zu Ovid. Ibis 611 p. 101 Ellis), der einzelne Züge aus Hegesiana nimmt. Schol. zu Germanicus Schol. B P p. 66, 6 nebst Ampel. II 6. Probus und Servius zu Verg. Georg. II 385 bezw. 389. Hygin. fab. 130. Aelian. hist. an. VII 28. Apollod. bibl. III 14, 7. Schol. zu Hom. Il. XXII 29. Nonn. Dionys. 47, 35–264. Kosmas Hierosol. bei A. Mai Spicil. Rom. II 128 (vgl. auch die kürzeren Erwähnungen und Anspielungen bei Eustath. D. 1535, 38. Paus. I 2, 4. Lucian. deor. dial. 18, 2 nebst Schol.; de salt. 40. Porphyr. de abstin. II 10. Tib. IV 1, 19. Prop. II 83, 29. Maxim. de act. auspic. 488ff. aus der orph. Georgia = Abel Orph. frg. 12). Darnach erhält I. von dem (nach Apollodor. a. a. O. unter Pandions Herrschaft) nach Athen gekommenen Dionysos zum Dank für gastfreundliche Aufnahme Wein- und Rebzweige. Als er, begleitet von seinem Hunde Maira (Μαῖρα), nach der Weisung des Gottes in Attika umherzog, um den Weinbau zu verbreiten, und außerhalb Athens Hirten und Bauern von dem Geschenke des Gottes zu kosten gegeben hatte, erschlagen ihn diese mit Knütteln und bestatten ihn unter einem Baum oder werfen nach einer zweiten Version den Leichnam in einen Brunnen. Der Hund kehrt zurück, begleitet die ihren Vater suchende umherirrende Erigone (daher Ἀλῆτις genannt: Athen. XIV 10 p. 618 e. Pollux IV 55. Hesych. s. v.) und zeigt ihr das Grab. An eben dem Baum, unter dem ihr Vater bestattet war, erhängt sie sich sodann. Während Erigone als Jungfrau, I. als Bootes (oder Arkturos), der Hund Maira als Seirios unter die Gestirne versetzt werden, rächt Dionysos nach der einen Fassung der Sage die Untat an den undankbaren Athenern, indem er die Jungfrauen in Raserei versetzt, so daß sie sich wie Erigone erhängen. Die Athener wenden sich, um Abhilfe des Unheils zu erlangen, an Apollon, der ihnen für den Fall Rettung verheißt, daß sie die Leiche des I. fänden und Erigone Genugtuung schafften. Man findet zwar den Leichnam nicht, sucht aber das Verbrechen dadurch zu sühnen, daß man Erigone zum Andenken das Fest der αἰώρα (vgl. Etym. M. s. v. Hesych. s. v. oder ἐώρα, auch Εὔδειπνος genannt; vgl. o. Bd. I S. 1043) stiftet, bei dem man allerlei Bildwerke und Figuren (nach Macr. Sat. I 7, 31 in Italien oscilla genannt; vgl. L. Jan z. St. Osann Verh. der Philol.-Vers. zu Cassel 1843, 20 und O. Jahn Archäolog. Beiträge 324) oder nach anderer Überlieferung (Serv. Georg. II 389; aus orphischer Quelle, vielleicht Ἀστρονομία oder Σφάιρα?) Phalli an Bäumen aufhängte und in schaukelnde Bewegung versetzte, dazu Erigone zu Ehren ein gleichfalls Ἀλῆτις (vgl. Athenaios und Pollux a. O.) genanntes Lied sang und sie nebst ihrem Vater durch Darbringung der ersten Weintrauben und Feldfrüchte ehrte. Die Tradition bringt auch eine der bei der Weinlese üblichen Volksbelustigungen, den ἀσκωλιασμός (Schol. zu Aristoph. [975] Ἀσκωλιασμός wird gewöhnlich als Schlauchtanz gedeutet, der darin bestand, daß Leute auf aufgeblasenen und mit Öl bestrichenen Schläuchen herumsprangen oder tanzten; Hygin. astron. II 4 p. 24 Bunte spricht dagegen deutlich von einem Tanzen um den Schlauch herum; vgl. auch Mommsen Feste 353, 4), wohl erst sekundär, mit I. zusammen, der einen Bock wegen des an seinen Weinpflanzungen angerichteten Schadens tötete, daraus einen Schlauch anfertigte und in der Weinlust auf ihm herumtanzte. Es scheint nicht zweifelhaft, daß der ἀσκωλιασμός ursprünglich zu dem in Ikaria gefeierten Dionysosfeste gehörte. Nach einer vereinzelten Überlieferung (bei Hygin. astron. II 4) wären es Räuber gewesen, die in ihrer Trunkenheit I. erschlagen und sich nach Keos geflüchtet hätten. Zur Strafe dafür habe der aufgehende Hundsstern die Felder der Keer ausgedörrt und auch Krankheiten unter der Bevölkerung verursacht. Als Aristaios (s. o. Bd. II S. 854), der Sohn des Apollon und der Kyrene, deshalb seinen Vater befragte, wie er dem Unheil begegnen könne, riet dieser die Ermordung des I. mit vielen Opfern zu sühnen und Zeus zu bitten, vom Aufgang des Hundssterns an 40 Tage die Etesien wehen zu lassen. Dieser Bitte habe Zeus willfahren. Vgl. außer den mythologischen Handbüchern von Gruppe I 46f. und Preller-Robert I 667f. noch Schultz in Roschers Myth. Lex.

Die Sage von I. wird allgemein als ein einfaches, durchsichtiges Naturmärchen gedeutet, das das Aufleben der Vegetation im Frühling und ihre Vernichtung durch den Einfluß des Hundssterns darstellt; vgl. Welcker Nachträge 222f. Preller Demeter u. Perseph. 288, 17. Mittelhaus De Baccho Att. (1874) 5. Nach Gruppe Griech. Myth. II 946 wurde der, ursprünglich mit Ikaros identische, von der Hündin bewahrte I. erst später im Bootes wiedergefunden, seine Tochter in dem benachbarten Sternbild der Jungfrau und es läge hier eine spätere Umdeutung vor.

Bildliche Darstellungen aus dem Sagenkreis sind nicht selten, z. B. Dionysos bei I. am Proskenion des attischen Theaters (aus der Kaiserzeit) in Ann. d. Inst. XLII (1870) 101. Weitere Angaben gibt Roscher zu dem genannten Artikel von Schultz.
[Heeg.]

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