ART

7) Eirenaios, mit latinisiertem Namen Minucius Pacatus, alexandrinischer Grammatiker, Schüler des Metrikers Heliodoros (Suid. s. Εἰρηναῖος und Πακᾶτος). Über seine Lebenszeit und die seines Lehrers Heliodor ist viel gestritten worden; vgl. J. H. Lipsius Jahrb. f. Philol. LXXXI (1860), 607ff. O. Hense Heliodoreische Unters. (Leipzig 1870) 1ff. F. Ritschl (Opusc. I 115. 188f.) hatte infolge eines Mißverständnisses und auf Grund einer falschen Konjektur G. Hermanns bei Priscian angenommen, daß der Metriker Heliodor noch vor Didymos lebte, und daher E. in die augusteische Zeit und Heliodor in die nächsten Zeiten vor Augustus gesetzt. Ritschls Gründe wurden in den Hauptpunkten widerlegt von H. Keil (Quaest. gramm., Lips. 1870), der seinerseits Heliodor bis in die hadrianische Zeit hinabrückte und ihn für nicht viel älter erklärte als Hephaestion, der in der Zeit der Antonine lebte. Dieser Datierung stimmte unter anderen M. Haupt (Ind. lect. Berol. aest. 1871 = Opusc. II 434ff.) zu, der auch Heliodors Schüler E. in dieselbe Zeit versetzte und ihn für einen Altersgenossen des Iulius Vestinus erklärte. Da indessen einerseits Heliodors metrische Theorien zum Teil älteren Charakter zeigen als die des Hephaestion, andererseits der Grammatiker Seleukos, der zur Zeit des Augustus und Tiberius lebte, bereits von Heliodor zitiert wird (Priscian. de metr. Terent. p. 428, 1 Keil), so scheint O. Hense a. a. O. 167 das Richtige zu treffen, wenn er die Blüte des Heliodor in die Mitte des 1. Jhdts. n. Chr. setzt. Zu derselben Zeitbestimmung gelangte Lipsius, indem er (was Ritschl unentschieden gelassen hatte) den Metriker mit dem Homeriker Heliodor identifizierte, der eine Hauptquelle des Homerglossars des Apollonios Sophistes und wohl Zeitgenosse des Apion war. Danach würde auch Heliodors Schüler E. noch in das 1. Jhdt. zu setzen sein, eine Annahme, die noch eine weitere Stütze dadurch erhält, daß E. bereits in dem Hippokratesglossar des am Ende des 1. Jhdts. lebenden Erotian zitiert wird (p. 25, 3 Klein). Zu beachten [2121] ist auch, daß der unter Traian und Hadrian lebende Arzt Soranos den E. zitiert (Etym. Or. 168, 11 ψύη coll. Melet. Cram. An. Ox. III 92. 12). Vgl. auch E. Bethe Quaest. Diod. 91. Der lateinische Name, den E. neben seinem griechischen führte, läßt darauf schließen, daß er auch in Rom lehrte; dafür spricht auch der Umstand, daß er an einer Stelle über die Orthographie von Καπετώλιον handelte (frg. 7). Vielleicht ist er mit dem bei Seneca controv. X 10. 11 erwähnten rhetor Pacatus gemeint.

Suidas (Hesych. Mil.) führt folgende Schriftentitel von E. an: περὶ τῆς Ἀθηναίων προπομπίας. περὶ τῆς Ἀλεξανδρέων διαλέκτου, ὅτι ἔστιν ἐκ τῆς Ἀτθίδος (s. Πακᾶτος ist hinzugefügt ἢ περὶ ἑλληνισμοῦ) βιβλία ζ' (s. Πακᾶτος ist noch hinzugefügt ἔστι δὲ κατὰ στοιχεῖον). Ἀττικῶν ὀνομάτων βιβλία γ'. Ἀττικῆς συνηθείας τῆς ἐν λέξει καὶ προσῳδίᾳ κατὰ στοιχεῖον βιβλία γ'. κανόνας ἑλληνισμοῦ, βιβλίον α'. περὶ ἀττικισμοῦ βιβλίον α'. καὶ ἄλλα πολλά (s. Πακᾶτος wird noch angeführt περὶ ἰδιωμάτων τῆς Ἀττικῆς καὶ τῆς Δωρίδος διαλέκτου). Der Titel περὶ τῆς Ἀθηναίων προπομπίας ist wohl von Bernhardy richtiger verstanden (er übersetzt de Atheniensium honoribus in pompis deducendis) als von Haupt, der ihn auf die athenische Hegemonie nach den Perserkriegen beziehen wollte. Bernhardy hielt diese Schrift als historische unter lauter grammatischen für verdächtig; es handelte sich aber darin vielleicht um die grammatische (und antiquarische) Erläuterung der betreffenden Ausdrücke. Die drei Bücher Ἀττικῶν ὀνομάτων (s. Πακᾶτος fehlt dieser Titel) sind vielleicht mit den drei Büchern Ἀττικῆς συνηθείας zu identifizieren (A. Daub Studien zu d. Biographika d. Suidas 122). Nicht erwähnt sind von Suidas Kommentare zu Herodot, zu Euripides Medeia und zu Apollonios Rhodios, die wir durch Zitate kennen. Ein Kommentar zu Herodot wird zitiert in dem Bruchstück aus Klaudios Kasilon bei Miller Mélanges de littér. grecque 397 = Lex. rhet. Cantabrig. p. 675, 4 Dobree (Εἰρηναῖος ἐν τῷ νπομνήματι τῷ εἰς Ἡρόδοτον) über die Bedeutung von ἄγγαρος. In den Scholien zu Eurip. Med. 218 wird mit οὕτως Εἰρηναῖος eine längere Erklärung gegeben, die, wie es scheint, nur in einem ὑπόμνημα zu diesem Stücke gestanden haben kann. Ebenso lassen die vier Zitate in den Scholien zu Apoll. Rhod. I 1299. II 127. 992. 1015 vermuten, daß E. ὑπομνήματα zu den Argonautika verfaßt hat; an der ersten Stelle heißt es ausdrücklich Εἰρηναῖος ἐν δ' (wohl verschrieben für α') Ἀπολλωνίου.

Erhalten sind von den zahlreichen Schriften des E. nur wenige unbedeutende Fragmente (insgesamt 22); sie sind zusammengestellt von M. Haupt a. a. O. Hinzugekommen ist ein neues Fragment in dem Phrynichos-Exzerpt des cod. Laur. 57, 34 (Rutherford Phryn. 518, wo im Lemma ἀκρατεύεσθαι zu verbessern ist). Außer den bereits erwähnten Zitaten aus seinen Kommentaren haben wir nur noch einige Bruchstücke aus den Schriften περὶ τῆς Ἀλεξανδρέων διαλέκτου und περὶ Ἀττικῆς συνηθείας, die noch im 5. Jhdt. vorhanden waren, wo sie von Orion für sein Buch περὶ ἐτυμολογιῶν ausgezogen wurden (vgl. H. Kleist De Philoxeni studiis etymologicis 26). In dem lexikalisch angelegten Werke περὶ Ἀττικῆς συνηθείας τῆς [2122] ἐν λέξει καὶ προσῳδίᾳ waren in alphabetischer Reihenfolge Ausdrücke und Redewendungen zusammengestellt und auf Grund grammatischer Regeln und an der Hand der Überlieferung angegeben, wie sie im Attischen gebraucht werden. Wegen dieses Werkes (und wegen der Schrift περὶ ἀττικισμοῦ) scheint E. später der Beiname ὁ Ἀττικιστής gegeben worden zu sein, Etym. Or. 90, 33. 157, 4 οὕτως Εἰρηναῖος δ' Ἀττικιστής (ἐν τῷ κ' στοιχείῳ). Etym. Gud. 127, 57 (aus Etym. Or.) οὕτως Εἰρηναῖος ὁ Ἀττικιστής. Scholion in Gregor. Naz. ed. Bast in Schaefers Gregor. Cor. p. LIII ὡς Εἰρηναῖος ὁ Ἀττικιστής (in dem Zitat bei Sokrates hist. eccl. III 7, 18 Εἰρηναῖος δὲ ὁ γραμματικὸς ἐν τῷ κατὰ στοιχεῖον Ἀττικιστῇ ist der Ausdruck Ἀττικιστής irrtümlich auf die zitierte Schrift übertragen). Die Hauptvertreter des Atticismus in der griechischen Lexikographie d. h. der für reinen attischen Stil in der Schriftsprache kämpfenden Richtung gehören erst den Zeiten Hadrians und der Antonine an. E. muß demnach als der älteste Atticist und als Vorläufer eines Aelius Dionysius und Phrynichos angesehen werden. Die wenigen Zitate aus den Büchern περὶ Ἀττικῆς συνηθείας geben allerdings keinen sicheren Anhalt dafür, daß er auf eine Stufe mit den strengen Atticisten des 2. Jhdts. gestellt werden kann, die nur attischen Sprachgebrauch gelten lassen und die durch ihre Wörtersammlungen den Schriftstellern ihrer Zeit das Material liefern wollen, einen reinen attischen Stil zu schreiben und Verstöße gegen den attischen Sprachgebrauch zu vermeiden. Aus der Schrift περὶ ἀττικισμοῦν, die wohl eine Ergänzung zu den Büchern περὶ Ἀττικῆς συνηθείας bildete, ist leider nichts erhalten. Unter den Fragmenten aus dem Werke περὶ Ἀττικῆς συνηθείας erinnern an die Art der Atticisten eigentlich nur zwei (frg. 13 und das neue Fragment bei Phrynichos): E. erklärte das Wort ὑπόστασις (in der philosophischen Bedeutung) für βάρβαρον, weil es bei älteren (attischen) Schrifstellern in ganz anderem Sinne gebraucht werde, und das Wort ἐγκρατεύεσθαι als ἐσχάτως βάρβαρον. Die andern zeigen mehr die Art der älteren Verfasser von Ἀττικὰ ὀνόματα, die nur die Feststellung des attischen Sprachgebrauchs, nicht praktische Zwecke, im Auge haben. Wie schon im Titel angedeutet ist. erstreckten sich seine Beobachtungen gleichmäßig auf die Form und Bedeutung der Wörter (λέξις) wie auf Prosodie und Accentuierung (προσῳδία). Die Form der 3. Person Conj. Praes. Pass. der Verba contracta auf οῦν müßte nach den Regeln der Analogie -οῦται lauten, ἐὰν χρυσοῦται, ἐὰν στεφανοῦταὶ, der attische Sprachgebrauch verlangt jedoch nach E. die Form -ῶται. ἐὰν χρυσῶται, ἐὰν στεφανῶται (frg. 4 bei Theodos. Kanon. p. 75. 2 und Choerob. in Theodos. p. 292, 15 Hilg.). Κλέπτον (Aristoph. Vesp. 900. 933) ist nach E. im Attischen Paroxytonon (frg. 8: Schol. Arist. Vesp. 900); andere betonten nämlich κλεπτόν. Ebenso soll μεθεσθε im Attischen Paroxytonon sein, also μεθέσθε zu betonen (frg. 10: Schol. Ar. Plut. 75). Die Angehörigen eines γένος heißen im Attischen, wie E. feststellte, γεννῆται (frg. 14 bei Erotian p. 25, 3 Klein), nicht, wie zu ergänzen ist, γενέται oder γεννηταί.

Mehr als die Schrift περὶ Ἀττικῆς συνηθειας [2123] scheinen die sieben Bücher περὶ τῆς Ἀλεξανδρέων διαλέκτου dazu bestimmt gewesen zu sein, auch der Praxis zu dienen. In diesem gleichfalls in lexikalischer Form abgefaßten Werke verglich E. den alexandrinischen Dialekt in seinem Sprachschatz mit dem attischen und suchte nachzuweisen, daß der eine aus dem andern hervorgegangen sei. Der alexandrinische Dialekt galt ihm dabei vermutlich als Vertreter der κοινή, der allgemeinen hellenischen Schriftsprache, des ἑλληνισμός. Daher hatte auch das Werk den Nebentitel περὶ ἑλληνισμοῦ. Zahlreiche Ausdrücke der κοινή waren darin untersucht und in Form und Bedeutung mit Hülfe der Etymologie und unter Anführung von Stellen klassischer Autoren festgestellt und dabei die Übereinstimmung mit dem Attischen bezw. die Abweichung hervorgehoben. Während die Schrift περὶ Ἀττικῆς συνηθείας Beobachtungen über den attischen Sprachgebrauch enthielt, insofern er von andern Dialekten und von der κοινή abwich, war es ihm hier um den Nachweis zu tun, daß der reine d. h. von allen Barbarismen und Soloecismen freie ἑλληνισμός das meiste und Beste aus der attischen Sprache habe. Vgl. die Definition des ἑλληνισμός Schol. Londin. in Dionys. Thr. p. 446, 12 Hilg. (Gramm. graeci III). Die Schriftsteller, die auf einen sorgfältigen Stil achthaben wollten, erhielten in diesem Werke zugleich die nötigen Fingerzeige, welche Ausdrücke und Formen sie gebrauchen können und welche sie zu vermeiden haben. Haupt hat dem Werke nur die drei Bruchstücke zugewiesen, in denen ausdrücklich Εἰρηναῖος ἐν τῷ περὶ τῆς Ἀλεξανδρέων διαλέκτου zitiert wird, sicher gehören aber dazu auch einige andere gleichartige nur mit Εἰρηναῖος zitierte Stellen, die Haupt mit den Fragmenten aus der Schrift περὶ Ἀττικῆς συνηθείας verbunden hat: frg. 5. 9. 11. 12. 15, vielleicht auch 6 (vgl. Reitzenstein Gesch. d. griech. Etym. 383). E. berührt sich hier mit andern alexandrinischen Grammatikern, die vor ihm περὶ ἑλληνισμοῦ geschrieben haben, mit Ptolemaios von Askalon, Tryphon, Seleukos, am engsten mit Philoxenos (Kleist De Philox. stud. etym. 14. Reitzenstein 382). Wie bei diesem, spielte auch bei E. die Etymologie eine wichtige Rolle, durch die hauptsächlich die Analogie d. h. die regelrechte Bildung eines Wortes oder einer Form begründet wurde. So zieht E. der Wortform γνόφος die Form δνόφος vor; denn diese sei mehr der Analogie entsprechend (ἀναλογώτερον) wegen der Ableitung παρὰ τὸ δονεῖν τὰ νέφη (frg. 5: Etym. Gud. 127, 57). Das Wort πυδαρίζειν erläutert E. durch zwei Etymologien; entweder sei es aus ποδαρίζειν entstanden (wie äol. ὄνυμα aus ὄνομα), also von πούς abzuleiten, oder aus πυγαρίζειν (wie umgekehrt γνόφος aus δνόφος), also von πυγὴ (frg. 2: Etym. Or. 134, 22). Er leitet ψόη von ψαύω ab und erklärt es ἡ ἐπιψαύουσα σὰρξ καὶ ἐξ ἐπιπολῆς οὖσα τοῖς ὀστέοις (frg. 3: Etym. Or. 168, 11). Die verschiedenen Bedeutungen von κομψός begründet er durch die Ableitung von κάμπτω: κάμπτω – κομπός – κομψός (frg. 9: Etym. Or. 90, 29). Das Wort ὐπηρεσίον wird von ἐρέσσω abgeleitet, denn ὑπηρέσιον sei κυρίως ἐφ' οὖ καθίζουσιν οἱ ἐρέται (frg. 12: Etym. Or. 157, 4). Die von Suidas erwähnte Schrift κανόνες ἑλληνισμοῦ bildete [2124] vermutlich eine Ergänzung oder die Einleitung zu den Büchern περὶ ἑλληνισμοῦ. Als κανόνες ἐλληνισμοῦ, als Maßstäbe dafür, daß etwas ,hellenisch‘ ist und in der Schriftsprache gebraucht werden darf, galten die Analogie und der Gebrauch bei den alten Schriftstellern, die ἀναλογία und die χρῆσις (vgl. Schol. Londin. in Dionys. Thr. p. 446, 18 Hilg.), oder auch die vier Normen, die später als κανόνες ὀρθογραφίας aufgeführt werden, ἀναλογία, διάλεκτος, ἐτυμολογία, ἱστορία oder ἡ τῶν παλαιῶν παράδοσις (Bekker Anecd. gr. III 1127. Cramer An. Ox. IV 331, 31), die schon in der Varronischen Definition der latinitas (bei Diomedes p. 439, 15 Keil) auf diese übertragen vorkommen: latinitas est incorrupta loquendi observatio secundum Romanam linguam; constat autem, ut adserit Varro, his quattuor: natura (= ἐτυμολογία), analogia, consuetudine (= διάλεκτος), auctoritate. Vgl. H. Usener Ein altes Lehrgebäude der Philologie, S.-Ber. Akad. München 1892, 622ff. Reitzenstein Gesch. d. griech. Etym. 185.
[Cohn.]

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