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Zenon von Kition

Zenon von Kition

Als Stoa (griech. στοά) wird eines der wirkungsmächtigsten philosophischen Lehrgebäude in der abendländischen Geschichte bezeichnet. Tatsächlich geht der Begriff (griech. στοά ποικίλη – "bemalte Vorhalle") auf eine Säulenhalle am Marktplatz von Athen zurück, in der Zenon von Kition um 300 v. Chr. seine Lehrtätigkeit aufnahm. Ein besonderes Merkmal der stoischen Philosophie ist die kosmologische, auf Ganzheitlichkeit der Welterfassung gerichtete Betrachtungsweise, aus der sich ein in allen Naturerscheinungen und natürlichen Zusammenhängen waltendes göttliches Prinzip ergibt. Für den einzelnen Menschen gilt es, seinen Platz in dieser Ordnung zu erkennen und auszufüllen, indem er durch die Einübung emotionaler Selbstbeherrschung sein Los zu akzeptieren lernt und mit Hilfe von Gelassenheit und Seelenruhe zur Weisheit strebt.

Entstehungszusammenhang der stoischen Philosophie

Die parallele Entstehung der beiden großen philosophischen Schulen der Epikureer und der Stoa fiel sicher nicht zufällig in eine Zeit, in der der bis dahin die Normen bestimmende, individuelle Orientierung und Halt gewährende, aber auch zur Einordnung verpflichtende Polis-Verband in die Krise geraten war. Gerade Athen, wo auch diese beiden philosophischen Richtungen entstanden, war nach eineinhalb Jahrhunderten politischer Machtentfaltung und kultureller Blüte als Stadtstaat in einer ungewissen neuen Lage: Seit Mitte des 4. Jahrhunderts v. Chr. in Selbstbehauptungskämpfen gegenüber dem expandierenden Königreich Makedonien engagiert, musste es im Zerfallsstadium des von Alexander dem Großen eroberten Vielvölkerreichs und im Zuge der Diadochenkämpfe sich eine unmittelbare makedonische Vorherrschaft und die Abschaffung der bis dahin noch bestehenden Attischen Demokratie gefallen lassen – eine grundlegende Veränderung des bis dahin nicht ernsthaft angefochtenen politisch-sozialen Koordinatensystems.

Die Situation begünstigte also das Nachdenken über neue weltanschauliche Deutungsmöglichkeiten und über Konsequenzen für die individuelle Lebensausrichtung. Gemeinsam war Epikureern und Stoikern dabei die Selbstsorge, also die Frage nach dem richtigen Weg zum eigenen Seelenheil, für das die Polis nicht mehr der geeignete Bezugsrahmen schien. Konträr waren jedoch die gezogenen Schlussfolgerungen sowohl in politisch-weltanschaulicher Hinsicht als auch – und dazu jeweils passend – in der ethischen Ausrichtung des individuellen Verhaltens. Dem Athener Epikur, der in der Krise der Polis jeglicher politischen Betätigung eine Absage erteilte und ein rational gesteuertes, wohldosiertes Genussleben zum Leitbild für das individuelle Seelenheil und Lebensglück machte, setzte der aus dem zyprischen Kition stammende Zenon ein über die Polis weit hinausgreifendes, kosmopolitisches Bindungsbewusstsein gegenüber, in dem das individuelle Streben aufgehen und die Seele Ruhe finden sollte.

Kernaspekte der Lehre

Die stoische Philosophie hat während der Jahrhunderte ihrer Überlieferung und Weiterentwicklung mancherlei Wandlung durchlaufen und die Fähigkeit entwickelt, sich neuen Einsichten zu öffnen und bei ihren führenden Köpfen unterschiedliche Akzente und Spielarten zuzulassen. Auch diese Weltoffenheit und Anpassungsfähigkeit hat zu ihrer Langlebigkeit entscheidend beigetragen. Andererseits beinhaltet sie typische Merkmale, die als Konstanten stets erhalten blieben und ihr ein unverwechselbares Gepräge geben. Sie finden sich in allen drei Grundpfeilern des stoischen Lehrgebäudes. Dazu zählen die Physik, die die materielle Seite des stoischen Weltbilds umfasst, zweitens die Logik, die auf Erkenntnis, Erklärung und Beweisführung gerichtet ist, sowie drittens die Ethik, die – in unauflöslicher Einheit mit den beiden anderen Pfeilern – Ziel und Zentrum der Stoa bildet.

Physik und Kosmologie

Die einprägsamste Kurzformel für das stoische Weltbild hat – wie in manch anderer Hinsicht noch – Kaiser Mark Aurel als letzter der überlieferten bedeutenden Stoiker hinterlassen (Selbstbetrachtungen VII, 9):

Alles ist wie durch ein heiliges Band miteinander verflochten. Nahezu nichts ist sich fremd. Alles Geschaffene ist einander beigeordnet und zielt auf die Harmonie derselben Welt. Aus allem zusammengesetzt ist eine Welt vorhanden, ein Gott, alles durchdringend, ein Körperstoff, ein Gesetz, eine Vernunft, allen vernünftigen Wesen gemein, und eine Wahrheit, so wie es auch eine Vollkommenheit für all diese verwandten, derselben Vernunft teilhaftigen Wesen gibt.“

Aus einem Urfeuer, dem Äther, entsteht in stoischer Sicht alles Existierende, wobei eine stoffliche Komponente (Hyle) und eine geistige (Logos) dazu führen, dass alle Materie von der in ihr wirkenden Gottheit beseelt ist. Und so erweist sich die stoische Lehre einerseits als konsequent materialistisch gegründet, andererseits aber auch als Mittlerin für einen Pantheismus: Das göttliche Prinzip durchwirkt den Kosmos in allen seinen Bestandteilen und ist (nur) in ihnen anzutreffen.

Mehr als Physiker denn als Metaphysiker erscheinen die Stoiker auch in ihrer Überzeugtheit von der strengen Kausalität alles natürlichen und gesellschaftlichen Geschehens. Was immer in der Welt und unter Menschen vorkommt, beruht demnach auf einer lückenlosen Kausalkette. Wo diese nicht nachweisbar ist, versagt unser Erkenntnisvermögen. Da auch unser individuelles Schicksal (Heimarmene) in dieser gleichsam naturgesetzlichen Weise bestimmt ist, tun wir gut daran, uns dareinzuschicken und uns nicht gegen die Vorsehung (Pronoia) zu stellen.

Damit stellten sich aber schon seit den Anfängen der stoischen Philosophie Fragen nach der individuellen Willensfreiheit und Verantwortlichkeit. Chrysippos von Soli, der nach Zenon wegen seiner überragenden dialektischen Fähigkeiten als zweiter Begründer der Stoa galt, hat die Verantwortlichkeit des Menschen für sein Tun am Beispiel von Triebregung und Verhaltenskonsequenz dargelegt. Die Vernunftanlage des Menschen gibt ihm die Möglichkeit und stellt ihn vor die Aufgabe, die mit der Triebregung verbundene Vorstellung zu prüfen und darüber zu befinden, ob ihr zu folgen oder ob sie zurückzuweisen ist. Die innere Verfasstheit des Individuums gibt den Ausschlag:

„Wenn jemand eine Walze auf eine schiefe Ebene wirft, gibt er allerdings den äußeren Anstoß zur Bewegung; aber die eigentliche Ursache, daß die Walze herabrollt, liegt in ihrer Gestalt, also in ihrem eigenen Wesen.“

Logik

Chrysipps wichtigste Leistung lag tatsächlich in der systematischen Aufbereitung der stoischen Kernvorstellungen im Sinne einer überzeugenden Beweisführung. Da Erkenntnis und deren Vermittlung sich im Medium der Sprache vollziehen, haben die Stoiker gemäß ihrem Ansatz, die Kausalketten möglichst lückenlos aufzuweisen, gründliche Studien zu Grammatik und Aussagenlogik betrieben, haben die Deklinations- und Tempuslehre entwickelt und als erste eine systematische Sprachlehre geschaffen.

In Verbindung damit und darauf gegründet waren als weitere Kernbereiche der Logik die Dialektik und die Rhetorik zu schulen, erstere als Methode der Wahrheitsfindung bzw. Erkenntnissicherung, die zweite als jene Kunst, das Entdeckte in überzeugend gegliederter und sprachästhetisch ansprechender Form mitzuteilen. Zenon bereits pflegte das Verhältnis von Dialektik und Rhetorik durch Gesten zu veranschaulichen: die geballte Faust für die die Gedanken straff zusammenfassende Dialektik einerseits und die flach gespreizte Hand für die breit dahinlaufende Rede andererseits. Das größere Gewicht besaß im stoischen Bewusstsein zweifellos die Dialektik.

Der eigentliche Dreh- und Angelpunkt der stoischen Logik ist der richtige Weg zur Erkenntnis. Als wahr erkannt werden kann aber letztlich nur, was nach methodisch korrektem Einsatz des Prüfinstrumentariums unmittelbar einleuchtet. Nur ein geistig wacher und emotional ausgeglichener Mensch gelangt zu realistischen Wahrnehmungen, während ein von Trieben und Gefühlen geleiteter Mensch zur Erfassung der Wahrheit und demgemäßen Handeln unfähig ist.

Der polnische Logiker Jan Łukasiewicz fand 1934 heraus, dass die (vorher stets belächelte) stoische Logik schon aus einer ausgearbeiteten Junktorenlogik bestand, dass die Junktorenlogik also dreimal (in der Stoa, im Mittelalter und in der Neuzeit) unabhängig voneinander neu erfunden wurde.

Ethik

Die Einordnung des Menschen als Teil und Funktionsglied der vom Logos durchwalteten Natur ist aus stoischer Sicht seine vorrangige Bestimmung. Mit Geist und Denkvermögen verfügt er selbst über Instrumente, die ihn am göttlichen Logos teilhaben lassen und ihn zur Weisheit als höchstem Gut und Inbegriff des glücklichen bzw. glückenden Daseins führen können. Voraussetzung dafür ist ein Prozess der Selbsterkenntnis und der Aneignung zielführender Verhaltensweisen, Gewohnheiten und Haltungen. Als Wegweiser dient dabei die eigene Vernunft; als Motivatoren fungieren der Selbsterhaltungstrieb und das Streben nach Selbstvervollkommnung (Oikeiosis).

Nur ein lebenslanges Bildungs- und Selbstformungsbemühen, das auch den Herausforderungen von Schicksal und mitmenschlichem Umfeld standhält, schafft Aussicht auf die Seelenruhe des stoischen Weisen. Voraussetzung dafür sind eine ausgeprägte Affektkontrolle und Freiheit von Leidenschaften (Apathie), Selbstgenügsamkeit (Autarkie) und Unerschütterlichkeit (Ataraxie). Unser heutiger Begriff der „stoischen Ruhe“ geht auf diese Eigenschaften zurück.

Dabei steht Apathie im Sinne der Stoa allerdings gerade nicht für Teilnahmslosigkeit und Passivität. Mark Aurel traf einen Kern des stoischen Ethos, als er sich selbst ermahnte (Selbstbetrachtungen IX, 12; zit.n. Weinkauf) :

„Arbeite! Aber nicht wie ein Unglücklicher oder wie einer, der bewundert oder bemitleidet werden will. Arbeite oder ruhe, wie es das beste für die Gemeinschaft ist.“

Die Gemeinschaft der Stoiker bezog prinzipiell alle Menschen ein, Griechen wie „Barbaren“ (bei natürlich fortbestehenden Staaten und Grenzen), Bürger wie Sklaven (ohne dass die Abschaffung der Sklaverei zum Programm erhoben worden wäre). Dieser kosmopolitische Zug der Stoa war von ihren Gründungspersönlichkeiten bereits angelegt worden, längst bevor sie die politischen Führungskreise des Römischen Reiches erreichte. Dazu passt die Tatsache, dass die prominenten Stoiker zumeist aus den Randbereichen der antiken griechischen Zivilisation stammten.

Kontinuität und Wandel in der Römischen Antike

Das Aufgehen des griechischen Kulturkreises im Römischen Reich, das als Folge der römischen Expansion seit dem 2. Jahrhundert v. Chr. mächtig voranschritt, führte zu einem Verhältnis wechselseitiger Beeinflussung, das auch die Stoa betraf. In diesem über mehrere Jahrhunderte fortwirkenden Prozess werden zwei Phasen unterschieden, die zum einen auf die republikanische, zum anderen auf die kaiserzeitliche Epoche der römischen Vorherrschaft bezogen sind.

Die mittlere Stoa: Leitbildfunktion in führenden Kreisen der Römischen Republik

In ihrer dem politischen Handeln förderlichen Ausrichtung und mit ihrem kosmopolitischen Ansatz ist die stoische Lehre wohl nicht zufällig zum Leitbild führender Zirkel eines in Expansion begriffenen Gemeinwesens geworden, das die der eigenen Herrschaft Unterworfenen auf lange Sicht als Mitbürger integrierte. Diese Orientierungsfunktion war umso eher möglich, als sich bedeutende Interpreten der Stoa fanden, die die Strenge und Einseitigkeit etwa der ursprünglichen Affektlehre akzeptabler auch für den im öffentlichen Leben Agierenden gestalteten.

Panaitios

Zum wichtigsten Bindeglied zwischen der Stoa und der römischen Herrschaftselite wurde Panaitios, der zeitweise dem Kreis um Scipio Aemilianus angehörte. Bereits vor seinem Wirken in Rom und dann als Leiter der Athener Philosophenschule hatte er auf Reisen einen weiten Horizont im Hinblick auf Naturschönheit und Vielfalt menschlicher Kultur in sich aufgenommen. Er modifizierte die in der alten Lehre angelegte strenge Scheidung von Geist und Leib und die Geringschätzung des letzteren im Menschenbild der Stoa und beschrieb den Organismus als Einheit und Ausdruck der Gesamtpersönlichkeit. Nicht auf radikale Triebunterdrückung , sondern auf mäßige Entfaltung und Vernunftsteuerung war seine Anthropologie gerichtet.

Auch auf die Individualität der Anlagen und auf Prägungen im Fortgang des Lebens hat Panaitios hingewiesen und so die Voraussetzungen zur Führung eines Lebens im Einklang mit den Erfordernissen von Natur und Schicksal deutlich in Bezug zur jeweiligen Persönlichkeit gesetzt. Von solchen Unterschieden waren schließlich auch Art und Umfang der Pflichten bestimmt, die sich für die Lebensführung ergaben und die dem Patrizier anderes zur Pflicht machten als dem Plebejer. Derartige Differenzierungen kamen dem aristokratischen Selbstbild der republikanischen Führungselite durchaus entgegen.

Poseidonios

Die von Panaitios bewirkte Lockerung und Erweiterung der stoischen Weltsicht wurde von Poseidonius aus Apameia in Syrien fortgesetzt und ausgebaut. Pohlenz sah in ihm den größten wissenschaftlichen Forschungsreisenden des Altertums, dessen Forschertätigkeit neben Philosophie und Geschichte auch alle Bereiche der antiken Naturwissenschaften einschloss, ein Forschungshorizont, wie ihn davor nur Aristoteles entfaltet hat und nach ihm in der Antike niemand mehr.

Poseidonios, der sich in Athen von Panaitios hatte ausbilden lassen, gründete schließlich auf Rhodos seine eigene Philosophieschule, wo auch Cicero ihn aufsuchte, um seinen Vorlesungen zu folgen. Und Cicero wiederum war es, der mit seinem Werk De officiis dafür gesorgt hat, dass die Pflichtenlehre des Panaitios überliefert ist.

Die jüngere Stoa: Orientierungsreservoir in der römischen Kaiserzeit

Nach der Differenzierung der stoischen Lehre durch Panaitios und ihrer komplexen Ausweitung durch Poseidonios konzentrierten sich die Stoiker der römischen Kaiserzeit hauptsächlich auf ethische Probleme und Fragen der Daseinsbewältigung und Lebenshilfe. Dabei konnten sie sich bereits auf das von der mittleren Stoa entwickelte Naturrechtsfundament und Humanitätsideal stützen. Ansehen und Einfluss der stoischen Lehre bei Hofe unterlag aber je nach Herrschernaturell und öffentlicher Stimmung großen Schwankungen. Von Augustus geschätzt und gefördert, geriet sie seit Nero erheblich unter Druck.

Seneca

Lucius Aennaeus Seneca aus wohlhabender Familie spanischer Herkunft hatte bereits als Quästor in der Ämterlaufbahn Fuß gefasst und sich als philosophischer Schriftsteller einen Namen gemacht, als er wegen eines Machtwechsels bei Hofe 41 n. Chr. in Ungnade fiel und für acht Jahre nach Korsika verbannt wurde. Seine Rückberufung erfolgte, weil die inzwischen an die politischen Schalthebel gelangte Agrippina die Ältere ihn als den besten Erzieher für ihren17-jährigen Sohn Nero ansah. Seneca verfasste für Nero eine philosophische Denkschrift, deren Kernbotschaft auf die Milde des Herrschers gegenüber Besiegten und Straffälligen gerichtet war, vermochte es aber nicht, diesen ambitionierten Selbstdarsteller nachhaltig für die stoische Pflichtenlehre und Moralvorstellungen einzunehmen.

Von 54-62 verblieb Senaca dennoch im kaiserlichen Machtzentrum und übte dort bedeutenden politischen Einfluss aus. Danach setzte er die Arbeit an seinen philosophischen Schriften fort, durch die er zum wohl meistgelesenen Stoiker überhaupt wurde. Als 65 eine gegen Nero gerichtete Verschwörung aufgedeckt wurde, ließ dieser dem gar nicht beteiligten Senaeca eine Aufforderung zur Selbsttötung zustellen. In der Gelassenheit des stoischen Weisen vollzog Seneca diesen Schritt, auf den er gedanklich längst vorbereitet war:

„Der letzte Lebenstag, vor dem dir so graut, ist der Geburtstag der Ewigkeit. Wirf alle Last von dir! Wozu das Zögern? Hast du nicht einst auch den Leib verlassen, der dich der Welt verbarg, und das Licht des Tages erblickt? Du zögerst und willst nicht? Auch damals hat dich die Mutter unter schweren Leiden ans Licht gebracht. Du seufzest und weinst? Das tun auch die Neugeborenen.“

Musonius und Epiktet

Neben Seneca waren auch andere führende Stoiker von Neros Säuberungsmaßnahmen im Anschluss an die Verschwörung des Piso betroffen: Musonius, der sich unverhohlen kritisch gegenüber dem Herrschaftsregime Neros geäußert hatte, wurde auf eine kleine Ägäis-Insel verbannt, während ein anderer führender Stoiker in Rom auf die gleiche Weise aus dem Leben schied wie Seneca. An seinem Verbannungsort hatte Musonius großen Zulauf an Menschen, die seine Vorträge hören wollten. Auch der später freigelassene phrygische Sklave Epiktet wurde in jungen Jahren sein Schüler. Domitian, der wie schon Vespasian die kynischen und stoischen Philosophen wegen deren kritischer Haltung samt und sonders ins Exil verbannte, wurde zum Anlass dafür, dass Epiktet außerhalb Roms, in Nikopolis, eine Philosophenschule gründete, wo er wie vor ihm Musonius zum Magneten wurde.

Weder Musonius noch Epiktet haben eigene Schriften hinterlassen, so dass ihr Denken nur aus Mitschriften von Hörern überliefert ist. Speziell Epiktet knüpfte in seiner Lehre an die Rigidität und Strenge der älteren Stoa an. Für den vormaligen Sklaven war das Thema Freiheit von besonderer Bedeutung. Allerdings zielte er gerade nicht auf die rechtsförmliche Abschaffung der Sklaverei, sondern auf jene Freiheit, die jeder Mensch, ob Bürger oder Sklave, aus eigenen Stücken zu erreichen vermag. Dazu müsse er unterscheiden lernen zwischen Dingen, die ganz in seiner Macht stehen, weil sie mit eigener Betätigung oder Unterlassung verbunden sind (z.B. Vorstellungen, Urteil, Begierden und Abneigungen), und Dingen, die nicht der eigenen Kontrolle bzw. Verfügung unterliegen (wie Körpergestalt, Gesundheit, Ansehen, Ehre, Besitz und Tod). Der Königsweg zu Freiheit, Seelenruhe und stoischer Weisheit bestünde also darin, nur die ersteren als Werte anzuerkennen, die anderen dagegen als sittlich gleichgültige Dinge (Adiaphora) geringzuschätzen und sich nicht weiter damit zu befassen. Epiktet, heißt es, bedurfte keiner verschließbaren Tür für seine Bleibe, weil ihre ärmliche Ausstattung zu keinerlei Diebstahl gereizt hätte.

Mark Aurel

Seit Nerva waren die Philosophen in Rom wieder wohlgelitten, und das Adoptivkaisertum bot der Stoa neue Entfaltungsmöglichkeiten. Epiktet besaß die Wertschätzung Kaiser Hadrians, so dass der zur Thronfolge nach Antoninus Pius vorgesehene Mark Aurel infolge dieses Richtungswechsels bei Hofe Gelegenheit hatte, die Vorlesungen des aus Griechenland nach Rom geholten Stoikers Apollonius zu besuchen. Mit seinen Selbstbetrachtungen, die er bei Feldzügen an der Donaugrenze in seinen späten Lebensjahren für den Eigengebrauch festhielt, hat Mark Aurel das letzte bedeutende Zeugnis der stoischen Philosophie hinterlassen. Der Erfahrungsschatz nahezu eines halben Jahrhunderts seit den Anfängen der Stoa ist darin verarbeitet. Die Herrscherfunktion wird als eine Schicksalsfügung angenommen und als positiv gedeutete Verpflichtung zum Dienst am Gemeinwesen und an den Mitmenschen begriffen. Vor einer Überschätzung des eigenen Wirkens und der eigenen Bedeutung bewahrte Mark Aurel sein weit ausgreifender geschichtlicher und kosmologischer Horizont:

„ Erwäge beständig, daß alles, wie es jetzt ist, auch ehemals war, und daß es immer so sein wird. Stelle dir alle die gleichartigen Schauspiele und Auftritte, die du aus deiner eigenen Erfahrung oder aus der Geschichte kennst, vor Augen, zum Beispiel den ganzen Hof Hadrians, den ganzen Hof Antonins, den ganzen Hof Phillips, Alexanders, des Krösus. Überall dasselbe Schauspiel, nur von anderen Personen aufgeführt. (X, 27)“

„ Alexander von Mazedonien und sein Maultiertreiber haben nach ihrem Tode dasselbe Schicksal erfahren. Denn entweder wurden sie in dieselben Lebenskeime der Welt aufgenommen oder der eine wie der andere unter die Atome zerstreut. (VI, 24)“

Fortwirken der Stoa jenseits der Antike

Mit dem Aufstieg des Christentums zur Staatsreligion im Römischen Reich zwischen den Kaisern Konstantin I. und Theodosius I. verlor die Stoa als weltanschauliche Option in führenden politischen Kreisen entscheidend an Boden. Dabei kam es aber in Fragen von Ethik und Moral zu einem beachtlichen Verschmelzungsprozess, der stoische Elemente in christliche Lebensart überführte.

In der Spätrenaissance entwickelte sich ein regelrechter Neostoizismus, als dessen berühmtester Vertreter Justus Lipsius zu nennen ist. Dieser Neostoizismus prägte z.B. auch Michel de Montaigne (bevor sich dieser dem Skeptizismus zuwandte) und später René Descartes; wegen des großen Einflusses dieser Denker reichen Spuren der Stoa, immer wieder durch direkte Anknüpfungen an die antiken Quellen erneuert, von da an durch die gesamte Philosophiegeschichte. So ist etwa die Ethik Baruch Spinozas und die Moralphilosophie Immanuel Kants deutlich von der Stoa geprägt.

Ebenfalls stoisch inspiriert war der aufgeklärte Absolutismus des preußischen Königs Friedrichs II. Mit der Formel: Ich bin der erste Diener meines Staates, knüpfte er demonstrativ an das Vorbild Mark Aurels an.

Beispielhaft dafür, wie vielfältig die Nachwirkungen der Stoa auch in die Gegenwart hineinreichen, ist die von Albert Ellis in den USA entwickelte Rational Emotive Therapie, die in Anlehnung an das stoische Konzept der Affektsteuerung und an die Lehren Epiktets in der Psychotherapie zur Anwendung kommt. Neuerdings zeigen sich auch im politisch-philosophischen Diskurs, der die gegenwärtige Ausbildung der Weltgesellschaft reflektiert, Tendenzen, die eine zeitgemäße Erschließung der stoischen Ethik favorisieren (Weinkauf, S. 38):

„Für die Zukunft kann aus guten Gründen eine wachsende Beachtung stoischen Gedankenguts angenommen werden: Die Vorstellung von der grundsätzlichen Gleichwertigkeit aller Menschen, der ausgeprägte Kosmopolitismus der Stoa, die Warnung vor der Weltverfallenheit, vor allem die Sicht von der Welt als einem Gesamtorganismus - solche Gedanken könnten in den nächsten Jahren zunehmend wichtiger werden und möglicherweise zum Gespräch mit der Stoa anregen.

Quellenlage

Von den Vertretern der älteren Stoa (also Zenon von Kition, Kleanthes und Chrysippos mit ihren Schülern) sind nur Fragmente erhalten (s.u. Ausgaben). Deren Überlieferung beruht teilweise auf unsicheren Quellen, wie z.B. Doxographien, also Sammlungen von philosophische Lehrsätzen, darunter:

Pseudo-Plutarch, Meinungen der Philosophen

Diogenes Laertios, Über Leben und Lehrmeinungen der berühmten Philosophen, 7. Buch

Joannes Stobaeus, Exzerpte

Bei den Genannten handelt es sich um Vertreter einer in der Antike beliebten Art von Literatur, die - ohne wissenschaftlichen oder diskursiven Anspruch - philosophische Lehrmeinungen, Zitate, biographisches Material, Anekdoten und teilweise auch schlicht Klatsch enthielt und zur Unterhaltung gelesen wurde. Die Inhalte sind z.T. dementsprechend zweifelhaft, aber für manche frühen Philosophen die einzigen erhaltenen Quellen. Da die jüngere Stoa der Kaiserzeit Physik und Logik nicht eingehend behandelt hat, bleiben hier Kenntnislücken, die zu Forschungskontroversen Anlass geben.

Auch Gegner der Stoa haben zu den überlieferten Fragmenten beigesteuert, indem sie Stoiker zitiert haben. Zu diesen der Stoa kritisch gegenüberstehenden Autoren – auch z.T. christlicher Prägung - gehören Alexander von Aphrodias, Plutarch, Galen, Sextus Empiricus, Plotin, Eusebios, Nemesius von Emesa und Simplikios.

Kenntnisse über die Inhalte der mittleren Stoa sind vor allem den Schriften von Cicero zu verdanken. Cicero war zwar kein Vertreter der Stoa im engeren Sinn, hat aber in der Antike viel zur Popularisierung stoischer Lehren und Standpunkte beigetragen.

Vollständige Werke sind erst von den Stoikern des kaiserzeitlichen Rom erhalten (insbesondere von Seneca, Epiktet (Schülermitschriften) und Mark Aurel).

Ausgaben

Hans v. Arnim (Hrsg.), Stoicorum Veterum Fragmenta, 4 Bände, 1905, unv. Nachdruck 1978 ISBN 3-598-74254-1

Anthony A. Long / David N. Seldley, The Hellenistic Philosophers, Vol. 1: Translations of the Principle Sources with Philosophical Commentary, Cambridge University Press 1987, ISBN 0521275563 (enthält englische Übersetzungen von Texten wichtiger Vertreter der Stoa)

Literatur

Epiktet: Handbüchlein der Moral und Unterredungen. Hrsg. von Heinrich Schmidt, Stuttgart 1984

Forschner, Maximilian: Die stoische Ethik, Darmstadt 1995

Hobert, Erhard: Stoische Philosophie. Tradition und Aktualität, Frankfurt a. M. 1992

Hoellen, Burkhard: Stoizismus und rational-emotive Therapie (RET) , Pfaffenweiler 1986

Marc Aurel: Selbstbetrachtungen. Übersetzung, Einleitung und Anmerkungen von Albert Wittstock. Stuttgart 1979

Mates, Benson: Stoic Logic, Berkeley: University of California Press 1953 (=University of California Publications in Philosophy 26) ISBN 0-608-11119-8 (in englischer Sprache) Books on Demand

Jan Łukasiewicz, (1934) Z historii logiki zdan. In: Przegl. filoz. 37, 417 - 437 (dt.: Zur Geschichte der Aussagenlogik, Erkenntnis 5 [1935] 111-131) (Entdeckung der stoischen Junktorenlogik)

Pohlenz, Max: Die Stoa. Geschichte einer geistigen Bewegung, Göttingen 1970 (4.Aufl.)

Weinkauf, Wolfgang: Die Philosophie der Stoa. Ausgewählte Texte, Stuttgart 2001

Weblinks

Eintrag (englisch) in der Stanford Encyclopedia of Philosophy (inkl. Literaturangaben)

Artikel in „The Internet Encyclopedia of Philosophy“

Stoic Links (engl. Linksammlung)

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