- Kunst Galerie -

 

 

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Die Schönheit der Natur, die sie umgibt
lässt wachsen in den Feinden die Ungeduld
das schöne Land zu erobern
und in den Belagerten den Schmerz es zu verlieren.

...wer heute stirbt stirbt tausend mal
Dionysios Solomos, Freie Belagerte

Entstehung der Siedlung

Messolongi liegt am Golf von Patras in der Ebene, die im Lauf der Jahrhunderte im Mündungsgebiet der Flüsse Acheloos und Evinos durch natürliche Anschwemmungen aufgeschüttet wurde. Ursprünglich entstand das Städtchen auf drei Laguneninseln, die heute allerdings durch Verlandung Teil des zentralgriechischen Festlands geworden sind.

Vorgeschichte: Byzantinische Epoche

Obwohl das Byzantinische Reich durch Sprache und Kultur ein griechisch geprägtes Staatswesen war, geriet das eigentliche griechische Kernland innerhalb des Reiches mehr und mehr in den Status einer abgelegenen Provinz. Die Entvölkerung und Verödung selbst einst bedeutender Städte wie Athen und Korinth hatte bereits in der Antike eingesetzt. Räuberische Invasionen germanischer und slawischer Stämme hatten in der Spätantike und im Mittelalter zum Niedergang der Region beigetragen. In der Folge des Vierten Kreuzzuges fielen Zentralgriechenland und der Peloponnes an Kleinfürsten aus dem westlichen Europa, die so genannten „Lateiner“. Die faktische Macht lag hauptsächlich in der Hand der Republik Venedig, die in diesem Randgebiet der Adria massiv die eigenen strategischen und Handelsinteressen durchsetzte. Das Alltagsleben der Menschen blieb durch die Zwistigkeiten der Feudalherren untereinander sowie mit den Byzantinern und, seit etwa 1300, den Osmanen von beständiger Unsicherheit gekennzeichnet. Nach dem Vorbild der Venezianer zogen sich viele Bewohner der Küstenregion des Golfes von Patras auf die vorgelagerten Laguneninseln zurück, weil diese relativen Schutz boten und leicht zu verteidigen waren. Auf diese Lage „inmitten der Seen“ (d.h. der Lagune) – auf Italienisch mezzo laghi – soll nach Ansicht der meisten Historiker der Name der späteren Stadt Messolongi zurückgehen.

Am Rande des Osmanischen Reichs

In der Zeit vor Lepanto

Seit Mitte des 14. Jahrhunderts brachten die Osmanen fast die gesamte Balkanhalbinsel und damit auch Griechenland unter ihren Einfluss. Die türkischen Eroberungen waren aber hauptsächlich auf die Stärke der Landstreitkräfte zurückzuführen, über eine schlagkräftige und zuverlässige Kriegsmarine verfügten die Osmanen nur selten. Es gelang den Venezianern als ausgeprochener Seemacht daher, große Teile der für sie relevanten ehemals byzantinischen Gebiete unter Kontrolle zu behalten, dies betraf vor allem griechische Inseln und die der Adria zugewandten Küstenregion. Die Seeschlacht von Lepanto (der griechische Name des unweit von Messolongi gelegenen Orts lautet Nafpaktos) 1571 sicherte den Venezianern ihre Vorherrschaft in der Adria auf Dauer. In der Beschreibung, die der venezianische Historiker und Staatsmann Paolo Paruta (1540-1598) in seiner Guerra di Cipro vom Verlauf der Lepanto-Schlacht gibt, findet sich auch die erste Erwähnung von Messolongi. Es scheint sich um eine zu diesem Zeitpunkt noch sehr junge Siedlung gehandelt zu haben, die aber mit mehreren Tausend Einwohnern über eine bemerkenswert große Bevölkerung verfügte, zahlenmäßig soll sie sogar diejenige Athens übertroffen haben.

In den folgenden Jahrhunderten blieb Messolongi de facto eine Besitzung oder zumindest ein Protektorat Venedigs, wobei der Streit um die Herrschaft über Stadt und Umland immer wieder – je nach dem Kräfteverhältnis zwischen der Serenissima und der Hohen Pforte – Gegenstand auch kriegerischer Auseinandersetzungen war.

Vorherrschaft Venedigs

Die Einwohner der Stadt lebten in den frühen Jahrhunderten vielfach in Pfahlbauten, so genannten pelades, wie sie auch heute noch typisch für die Gegend sind. Mit zunehmender Verlandung der die Stadt umgebenden Lagune errichtete man dann mehr und mehr Häuser ín herkömmlicher Bauweise. Wirtschaftliche Grundlage des städtischen Lebens waren zunächst Landwirtschaft und Fischerei, in nicht unwesentlichem Ausmaß jedoch auch die Piraterie. Mit dem Wachstum der Stadt und der engen Bindung an Venedig erwarb sich Messolongi einige Bedeutung als Handelsplatz. In der Blütezeit der „venezianischen Epoche“ zwischen 1740 und 1770 verfügte die Stadt über 75 Schiffe verschiedener Bauart und galt als einer der wichtigsten Handels- und Kriegshäfen Westgriechenlands. Viele europäische Staaten unterhielten im 18. Jahrhundert hier diplomatische Vertretungen.

Die Jahre vor der griechischen Revolution

Das Ende der Schutzmacht Venedig kam 1797 während der Napoleonischen Kriege, und die unerwartete Situation stellte die Einwohner Messolongis vor neue Probleme. Während die Stadt gezwungen war, die Oberhoheit von Sultan Selim III. zumindest formal anzuerkennen, blieb sie gleichzeitig eine Keimzelle des aufkommenden griechischen Nationalismus. Darüber hinaus hatte der Untergang der Republik Venedig aber auch eine für die griechische Unabhängigkeit psychologisch wichtige Folge: Die vordem ebenfalls venezianischen, in der unmittelbaren Nachbarschaft Messolongis gelegenen Ionischen Inseln erhielten von 1800 bis 1807 als „Republik der Ionischen Inseln“ (italienisch Repubblica Settinsolare, griechisch Επτάνησος Πολιτεία, Eptánisos politía) eine beschränkte Autonomie unter türkischer und russischer Oberhoheit. Auf diese Weise war erstmals seit dem 15. Jahrhundert ein zumindest teilweise selbständiger griechischer Staat entstanden.

Die Ereignisse der 1820er Jahre

Dass die griechischen Freiheitskämpfer mit dem Namen Klephten, das heißt „Räuber“, belegt wurden, war nicht nur die polemische Sprachregelung der türkischen Obrigkeit. Tatsächlich waren die Widerstandsgruppen bunt zusammengewürfelt, in ihren Reihen fanden sich keineswegs ausschließlich freiheitsliebende Idealisten. Vielmehr waren durch zunehmende Unterdrückung und Misswirtschaft der osmanischen Verwaltung im 18. Jahrhundert viele griechische Kleinbauern verarmt und hatten sich, an den Rand der Gesellschaft gedrängt, in die Berge und auf Inseln zurückgezogen, wo sie auch mit kriminellen Mitteln zu überleben versuchten. Die bildhafte, bedrohlich klingende Bezeichnung übernahmen aber binnen kurzer Zeit auch politisch engagierte Gruppen von „Gesetzlosen“.


Die erste Belagerung

Aléxandros Mavrokordátos (1791-1865) war beim Ausbruch der Kampfhandlungen 1821 Kommandant der Aufständischen in Westgriechenland. Er wählte Messolongi als sein Hauptquartier, weil die Stadt bereits unter venezianischer Herrschaft mit Befestigungsanlagen versehen worden war: Zusammen mit der bereits erwähnten günstigen natürlichen Lage verschaffte die mit einem guten Dutzend Kanonen bewehrte Festung den zunächst an Zahl und Ausrüstung weit unterlegenen Griechen also eine gut geschützte Operationsbasis.

Jedoch erkannten auch die Türken die strategische Bedeutung der Stadt, gerade im Hinblick auf die angespannte Lage auf dem Peloponnes, der bereits an die Aufständischen verloren zu gehen drohte. Am 20. Juli 1822[1] erreichte ein türkisch-ägyptischer Flottenverband von etwa 80 Schiffen unter dem Kommando von Hasan Pascha die Lagune. Am 21. Oktober begannen die Belagerer mit mehreren Tausend Marinesoldaten einen Sturmangriff auf die mit etwa 850 Verteidigern besetzten Wälle Messolongis, der jedoch erfolglos verlief. Die anschließenden Übergabeverhandlungen nutzten die Griechen, um Zeit zu gewinnen. Tatsächlich gelang es am 8. November einem kleinen Entsatzheer, auf sieben Schiffen die türkische Blockade zu durchbrechen.

Die Befehlshaber des Belagerungsheers beraumten einen weiteren Angriff für den 24. Dezember an, weil sie hofften, die Griechen während der Weihnachtsfeierlichkeiten überraschen zu können. Die Verteidiger erhielten jedoch durch Verrat Kenntnis von diesem Vorhaben, und der Plan scheiterte. Die für beide Seiten äußerst verlustreichen Kampfhandlungen zogen sich noch fast ein ganzes Jahr hin. Da es den Türken jedoch nicht gelang, den geschickt organisierten Widerstand der griechischen Besatzung Messolongis entscheidend zu brechen, beendeten die mittlerweile demoralisierten osmanischen Truppen die Belagerung im November 1823.


Die zweite Belagerung

Die Schlappe, die die Türken während der ersten Belagerung hatten hinnehmen müssen, verlieh dem Kampf um Messolongi auf beiden Seiten einen hohen symbolischen Wert. Die Griechen beauftragten den italienischen Ingenieur Pietro Coccini (gräzisiert Petros Kokkinis, andere Quellen geben den Vornamen Michele/Michalis an) mit der Verstärkung und dem Ausbau der Festungsanlagen, die darüberhinaus nun mit 48 weiteren Kanonen bestückt wurden.

Im April 1825 begannen die Türken auf Befehl Sultan Mahmuts II. unter Resit Pascha (von den Griechen meist Kioutahis genannt) die erneute Belagerung, zunächst nur von der Landseite her. Abermals gelang es nicht, den Widerstand der von Admiral Andreas Miaoulis befehligten Griechen zu brechen. Einige Wochen später erreichte eine türkisch-ägyptische Flotte unter Ibrahim Pascha den Golf von Patras. Trotz der erdrückenden Überlegenheit der osmanischen Einheiten wiesen die Verteidiger Messolongis alle Kapitulationsangebote zurück. Miaoulis' Schiffe waren nunmehr aber nur noch selten in der Lage, die feindliche Blockade zu durchbrechen, um für Nachschub zu sorgen; in der hungernden Stadt breiteten sich Seuchen aus.

Im Frühjahr 1826 war die Situation der Belagerten aussichtslos geworden, so dass für die Nacht des 10. April (dem Vorabend des Palmsonntag) ein Ausbruch aus der feindlichen Umzingelung beschlossen wurde. Mittels dreier mobiler Brücken versuchten die Einwohner, den die Stadt umgebenden Graben und später die türkischen Linien zu überwinden. Diejenigen Bürger, die zu alt, krank oder geschwächt für eine schnelle Flucht waren, verschanzten sich mit den verbliebenen Munitionsvorräten im Zeughaus und der Windmühle der Stadt. Der Ausbruchsplan wurde jedoch an die Türken verraten, die somit auf die Situation vorbeitet waren und ein Massaker unter den Flüchtenden anrichteten. Nur einigen Hundert Griechen gelang die Flucht aus dem Belagerungsring, die in der Stadt verbliebenen Bürger sprengten sich nach blutigen Straßenkämpfen gegen die eindringenden Eroberer in den Morgenstunden des 12. April selbst in die Luft.

Mit dem Exodos der Verteidiger Messolongis wurde die Basis für einen nationalen Mythos gelegt, der im griechischen Selbstverständnis bis heute präsent ist. Die enorme symbolische Bedeutung, die den Ereignissen um die Belagerungen zuerkannt wurde, hat dazu geführt, dass viele Fakten und Zahlen von pro-griechischer Seite entstellt oder massiv übertrieben wurden, während Angaben von türkischer Seite kaum überliefert und von der historischen Forschung so gut wie nicht aufgearbeitet sind.[2] Es ist davon auszugehen, dass sich im April 1826 etwa 10.000 Menschen in den Mauern von Messolongi aufhielten, von denen wohl nur ungefähr 1.000 die Kämpfe überlebten.



Drei Philhellenen und der „Mythos Messolongi“

Der Freiheitskampf der Griechen bewegte die öffentliche Meinung in den Ländern West- und Mitteleuropas sowie den USA außerordentlich. Die Philhellenen waren jedoch in keiner Weise eine homogene gesellschaftliche Kraft, vielmehr waren die Beweggründe, sich als „Griechenfreund“ zu bekennen, äußerst vielfältig. Sie reichten von einer dem Zeitgeist der Romantik geschuldeten, oft ganz realitätsfernen Verklärung alles Griechischen bis zum zupackenden politischen Engagement, das Hunderte von meist jungen Männern dazu brachte, sich in Griechenland auf die Seite der Aufständischen zu schlagen. In Deutschland waren Johann Wolfgang von Goethe und König Ludwig I. von Bayern prominente Philhellenen, der zweite Sohn des Wittelsbachers wurde 1832 als Otto I. König von Griechenland. Der Komponist Louis Spohr schrieb die Musik zu einer beliebten Tragödie in drei Akten, die unter dem Titel Der Sturm von Missolunghi von einem anonymen „Freunde der heldenmüthigen Griechen“ verfasst worden war.


Johann Jakob Meyer

Der Schweizer Johann Jakob Meyer ist bis heute in Griechenland einer der populärsten Philhellenen. Am 30. Dezember 1798 in Schöfflisdorf als Sohn eines Arztes geboren, verlebte er eine unstete Jugend, während der er mehr als einmal in Konflikt mit den bürgerlichen Moralvorstellungen seiner Umwelt kam. Nach dem Ende einer Ausbildung zum Apotheker nahm er ein Studium der Medizin in Freiburg im Breisgau auf, das er nach kurzer Zeit wieder aufgeben musste, weil er sich zum wiederholten Male hoch verschuldet hatte. Das hielt den jungen Mann nicht davon ab, sich beim Berner Hilfs-Verein für Griechenland als „Dr. Johann Jakob Meyer aus Zürich, Arzt und Chirurg“ vorzustellen, wo ihm ohne weiteres die Kosten für die Reise nach Griechenland bezahlt wurden. Dort angekommen, nahm Meyer am 5. und 6. März 1822 unter dem Kommando von Miaoulis an der Seeschlacht von Patras teil. In der Folge ließ er sich in Messolongi nieder, wo er eine Griechin heiratete und innerhalb kurzer Zeit zu einem geachteten Bürger avancierte. Seit 1824 publizierte er in seiner Wahlheimat mit der Ellinki Chronika die erste Zeitung in griechischer Sprache. Viele Berichte über die Ereignisse während der zweiten Belagerung gehen direkt auf Meyer und seine Zeitung zurück. Das macht ihre Bewertung schwierig, da der Schweizer trotz seines aufrechten Eintretens für die griechische Sache immer wieder eine Neigung zur Hochstapelei erkennen ließ. Die genauen Umstände von Meyers Tod sind nicht bekannt, es heißt, er habe zu den Ersten gehört, die den Ausbruch am 10. April 1826 versuchten. Wenige Stunden vor seinem Ende schrieb er an einen Freund:

Mich macht der Gedanke stolz, dass das Blut eines Schweizers, eines Enkels von Wilhelm Tell, sich mit dem Blute der Helden Griechenlands mischen soll.[3]


Im Heldenpark von Messolongi erinnern zwei Denkmale an Meyer, in seiner Schweizer Heimat ist er dagegen bis heute weitgehend unbekannt geblieben.

Lord Byron

Lord Byron in Messolongi

George Gordon Byron, einer der bedeutendsten Dichter der englischen Spätromantik, hatte Messolongi bereits im Jahre 1811 erstmals besucht. Als einem der berühmtesten Philhellenen wurde ihm 1823 in Pisa, wo er seit einiger Zeit lebte, der Oberbefehl über die griechischen Streitkräfte angetragen. Obwohl ohne jegliche militärischen Kenntnisse, akzeptierte Byron und finanzierte umgehend die Ausrüstung neuer griechischer Flotteneinheiten. Die geplante Einnahme der von den Türken gehaltenen Festung Nafpaktos misslang, und so wendete sich Byron mit seiner Truppe nach Messolongi, wo er am 5. Januar 1824 von einer begeisterten Menschenmenge willkommen geheißen wurde. Byrons Gesundheit verschlechterte sich in den kommenden Wochen rapide – vermutet wird unter anderem, er habe sich im ungesunden Klima der Lagune mit Malaria infiziert. Die von den Ärzten verordneten Aderlässe schwächten den Körper des Dichters weiter, und er starb schließlich am 19. April 1824, ohne jemals in großem Umfang an Kämpfen teilgenommen zu haben.Eines seiner letzten Gedichte verfasste Byron an seinem 36. Geburtstag, es endet mit den Worten:

[...] Seek out—less often sought than found—
A soldier’s grave, for thee the best;
Then look around, and choose thy ground,
And take thy rest.
(At Missolonghi, January 22, 1824)

Johann Jakob Meyer behauptete später, sein Freund Byron sei in seinen Armen verstorben, eine Anekdote, die zumindest von zwei Zeitgenossen bestätigt wird. Dennoch lässt sich nicht mit Bestimmtheit sagen, ob die Aussage des Schweizers der historischen Wahrheit oder dem Wunschdenken entspringt.

So hoch der Symbolwert von Byrons Ankunft in Griechenland für die Bevölkerung gewesen war, so schockiert reagierten die Aufständischen, als sie vom überraschenden Tod eines ihrer berühmtesten und wortgewaltigsten Sympathisanten erfuhren. Während Byrons Leichnam nach England überführt wurde, hatte der Dichter verfügt, dass sein Herz in Messolongi bestattet werde.

Eugène Delacroix

Der Maler Eugène Delacroix repräsentiert einen anderen Typus des Philhellenen. Während der dramatischen Ereignisse um den Aufstand in Griechenland verließ er seine französische Heimat nicht. Delacroix war ein begeisterter Leser der Werke Byrons, und auf diese Lektüre ist die Hinwendung des jungen Künstlers zum Philhellenismus wohl maßgeblich zurückzuführen. Obwohl Delacroix zeitlebens nicht nach Griechenland kam, schuf er mit dem Massaker von Chios (1824) und dem abgebildeten Werk Das sterbende Griechenland auf den Ruinen von Messolongi zwei Gemälde, die bereits zu ihrer Entstehungszeit sinnbildhaft für den „Freiheitskampf der Hellenen“ standen.

"LA GRECE SUR LES RUINES DE MISSOLONGHI" , Eugène Delacroix


Die junge Frau in griechischer Tracht steht als zentrale Figur des Gemäldes mit ihren hilflos ausgebreiteten Armen für das geschlagene griechische Volk. Zu ihren Füßen ragt aus den Ruinen die Hand eines von umstürzenden Mauerresten zerschmetterten Freiheitskämpfers, eine Anspielung auf die Umstände, unter denen die in der Stadt verbliebenen Bewohner in den Tod gingen. Im Hintergrund sehen wir die triumphierende Gestalt eines „maurischen“ Söldners, der die siegreichen osmanischen Truppen verkörpert.

Das Sterbende Griechenland vereinigt in sich mehrere Merkmale, die für Delacroix' Werk charakteristisch sind. Das Eintreten für die Sache der Unterlegenen, wie es auch im Massaker von Chios thematisiert wird, findet hier ihren malerischen Ausdruck in der allegorischen Figur der jungen Frau, die ikonographisch als wichtigste „Vorläuferin“ des überhaupt berühmtesten Bildes aus der Hand des Malers gilt, nämlich Die Freiheit führt das Volk („La Liberté guidant le peuple“, 1830, Louvre, Paris). Auch die Begeisterung für alles „Orientalische“ sollte den Franzosen sein Leben lang begleiten. Eher ungewöhnlich im Oeuvre des jungen Delacroix' ist dagegen die vergleichsweise ruhige, verhaltene Darstellung der Szene, die in merklichem Gegensatz zu der bewegten Dramatik vieler anderer seiner Bilder aus der Zeit um 1830 steht.

Nach der griechischen Unabhängigkeit

Das Eingreifen der europäischen Großmächte, beispielsweise in der Schlacht von Navarino 1827, führte schließlich mit dem Londoner Protokoll von 1830 zur Gründung eines souveränen griechischen Königreiches. In Messolongi konnten sich die Türken noch bis 1829 halten.

Innerhalb des neuen Staates spielte Messolongi keine bedeutende Rolle mehr. Allerdings wurde die Stadt wiederaufgebaut und modernisiert: Der Hafen wurde erweitert, und in den 1890er Jahren erhielt der Ort Anschluss an die Eisenbahnlinie nach Ioannina. Für den Bau der Gleise und des Bahnhofs wurden große Teile der noch vorhandenen Stadtmauer abgerissen, das so genannte Exodus-Tor ist allerdings erhalten geblieben. Die Eisenbahnlinie wurde ihrerseits in den 1980er Jahren stillgelegt, der aufgelassene Bahnhof zu einem Kulturzentrum umgebaut. Derzeit (2006) erhält Messolongi Anschluss an die Autobahnen 5 und 8, einem Teil der Europastraßen 55 und 951.

Das moderne Messolongi ist noch immer tief geprägt von der Erinnerung an die Ereignisse aus den Jahren des Aufstandes. Mehrere Museen und Gedenkstätten thematisieren verschiedenste Aspekte des Mythos, mit dem die Stadt in Griechenland umgeben ist. Der Palmsonntag ist, in Erinnerung der Tragödie von 1826, in Messolongi weit mehr ein nationaler denn ein religiöser Feiertag. 1996, zum 100. Jubiläum der ersten Olympischen Spiele von 1896, wurde mit Unterstützung des Nationalen Olympischen Komitees Griechenlands der Heldenpark ausgebaut, in dem zahlreiche Denkmäler an die Freiheitskämpfer aufgestellt sind, darunter unter anderem für Byron, Meyer und die US-amerikanischen Philhellenen.

Messolongi ist eine sportbegeisterte Stadt, die seit 1896 regelmäßig Athleten zu Olympischen Spielen und anderen internationalen Wettbewerben entsendet und über ein eigenes Stadion verfügt. Außerdem beherbergt die Stadt neben allgemeinbildenden Schulen auch einige Fachschulen (zum Beispiel für Landwirtschaft, Agrartechnik und Management sowie drei Musikschulen). In Messolongi erscheinen drei Tages- und zwei Wochenzeitungen, die Elliniki Chronika ist jedoch nicht mehr darunter. Besonders reich ist das kulturelle Angebot in den Sparten Musik und Tanz, vor allem deren traditionellen griechischen Ausprägungen.

Im Gegensatz zu vielen anderen Regionen Griechenlands spielt der Tourismus als Wirtschaftsfaktor noch eine untergeordnete Rolle. Die Lagune von Messolongi ist ein Naturschutzgebiet gemäß der Fauna-Flora-Habitat-Richtlinie der Europäischen Union.



    Quellen und Anmerkungen

    1. Die griechische Geschichtsschreibung verwendet für den fraglichen Zeitraum die Datumsangaben des Julianischen Kalenders, wie er in Griechenland bis 1923 in Gebrauch war. In den 1820er Jahren betrug die Differenz zum in fast ganz Westeuropa bereits üblichen Gregorianischen Kalender 12 Tage, es handelt sich also um den 1. August 1822 neuen Stils. Im Falle des zitierten Byron-Gedichts ist anzunehmen, dass der Autor gemäß dem Gregorianischen Kalender datierte.
    2. ↑ Tzermias, S.87f.
    3. ↑ Tzermias, S.72

    Literatur

    • Pavlos Tzermias: Neugriechische Geschichte. Francke, Tübingen 1999, ISBN 3-7720-1792-4
    • Siegfried Lauffer (Hrsg.): Griechenland, Lexikon der historischen Stätten. Von den Anfängen bis zur Gegenwart. C.H. Beck, München 1989, ISBN 3-406-333028
    • Hubert Eichheim: Griechenland. C.H. Beck, München 1999, ISBN 3-406-39877-4
    • Marie-Christine Torre-Schäfer: Delacroix' Orient – ein Gedankenbild. in Kunsthalle Bremen. Eugène Delacroix : Verzeichnis sämtlicher Gemälde, Handzeichnungen, druckgraphischer Blätter und Autographen der Kunsthalle Bremen, hrsg. aus Anlaß der Ausstellung Eugène Delacroix - Orientalische Impressionen, vom 26. April bis 3. Juli 1998 aus der Sammlung des Kupferstichkabinetts der Kunsthalle Bremen zum 200. Geburtstag des französischen Künstlers. Hauschild, Bremen 1998, ISBN 3-931-78585-8
    • Gilles Néret: Eugène Delacroix. Taschen, Köln 1999, ISBN 3-8228-7290-3
    • André Maurois: Don Juan oder das Leben Lord Byrons. Piper, München 1990, ISBN 3-492-11210-2
    • David Roessel: In Byron's shadow. Modern Greece in the English and American Imagination. Oxford University Press, New York 2003, ISBN 0-195-16662-0

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