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Der Apollon-Tempel [Quelle]

Didyma, das heutige Didim, war eine antike Stadt mit einem bedeutendem Orakelheiligtum des Gottes Apollon. Der hellenistische Apollontempel wird in seiner Größe in Ionien nur vom Heraion in Samos und dem Artemision in Ephesos übertroffen. Er zählt zu den besterhaltenen Großbauten des Altertums.

Lage

Didyma liegt in der Nähe der Hafenstadt Milet an der Westküste Kleinasiens (in der heutigen Türkei). Die natürliche Verbindung war der Seeweg. Zusätzlich wurde ab dem 6.Jahrhundert v.Chr. abseits der Küste eine Straße gebaut. Diese „Heilige Straße“ verband Milet mit Didyma. Der Name verweist auf ihren sakralen Charakter, da sie für Prozessionen bestimmt war.

Der Name

Die Herkunft des Namens „Didyma“ ist umstritten: er kommt entweder aus dem Karischen (und damit aus vorgriechischer Zeit) oder aus dem Griechischen (didymos heißt „Zwilling“, womit Apollon und Artemis gemeint wären).

Geschichte des Apollonheiligtums

Herodot (1,157) und Pausanias (7,26) berichten, dass die Ionier um die Wende zum 1. Jahrtausend v. Chr. einwanderten und eine ältere Kultstätte übernahmen, an der in vorgriechischer Zeit eine weibliche Naturgottheit verehrt wurde. Bisher ist eine Gründungszeit im 2. Jahrtausend v. Chr. jedoch archäologisch nicht nachweisbar.

Die Kultlegende berichtet, dass Leto am Ort der Orakelstätte ihren Sohn Apollon von Zeus empfangen habe. Später erschien Apollon einem einheimischen Hirten namens Branchos, dem er die Sehergabe verlieh. Auf diesen Hirten führte sich das karische Priestergeschlecht der Branchiden zurück, die bis in die Zeit der Perserkriege Namensgeber und Vorsteher des Heiligtums waren. Daher kommt auch der frühere Name „Branchidai“; später wurden die Priester von Milet eingesetzt und gehörten zu angesehenen Familien der Stadt.

Das Orakel hatte wahrscheinlich schon im 7. Jahrhundert v. Chr. einen internationalen Ruf. Dies belegt zum einen Herodot, der von Weihgeschenken des ägyptischen Pharao Necho und des Lyderkönigs Kroisos berichtet, zum anderen der tatsächliche Fund zahlreicher Weihgeschenke.

Herodot berichtet, dass nach dem Zusammenbruch des ionischen Aufstandes und dem Fall von Milet 494 v. Chr. der Perserkönig Dareios die Tempel von Didyma und das Orakel plünderte und in Flammen aufgehen ließ. Strabon und Pausanias berichten wiederum, dass Xerxes nach seiner Niederlage bei Plataiai 479 v. Chr. das Heiligtums von Didyma zerstörte. Die Branchiden sollen freiwillig die Tempelschätze dem Perserkönig übereignet haben und nach Persien geflohen sein. Archäologisch ist eine Brandzerstörung weder für 494 noch für 479 v. Chr. nachweisbar. Tatsache ist aber, dass für die nächsten 150 Jahre neue Baumaßnahmen aussetzten.

Im letzten Drittel des 4. Jahrhunderts v. Chr. wurde das zuvor regionale Heiligtum Bestandteil der Polis Milet. Milet gab den Auftrag zum Neubau des Apollontempels und setzte Jahresbeamte als prophetes und Opferpriester ein.

In römischer Zeit erweiterte Gaius Iulius Caesar den Asylbezirk. Angeblich versuchte Caligula, sich den Apollontempel anzueignen bzw. diesen fertigzustellen. Trajan ließ um 100 n. Chr. die Heilige Straße ausbauen und innerhalb des Heiligtums pflastern. Kaiser Hadrian war selbst Prophet im Heiligtum. Commodus ließ ab 177 n. Chr. die Kommodeia als Kaiserkult feiern.

Der religiöse Betrieb des Orakels kam im 4. Jahrhundert zum Erliegen. Im 5./6. Jahrhundert und vom 10. bis 12. Jahrhundert war Didyma Bischofssitz und es lässt sich christliche Bautätigkeit nachweisen. Zweimal zerstörten Erdbeben Didyma, im 7. Jahrhundert und im 15. Jahrhundert. Letzteres führte zur Aufgabe der Siedlung. Erst Ende des 18.Jahrhunderts besiedelte man den Ort wieder.

Seit dem 18. Jahrhundert wird der Ort erforscht, zuerst durch englische, dann französische, schließlich durch deutsche Archäologen. Einzelne Fundstücke aus Didyma befinden sich im British Museum in London, im Louvre in Paris und im Pergamonmuseum in Berlin.

Das Apollon-Heiligtum

Der hellenistische Großtempel hatte zwei Vorgängerbauten aus archaischer Zeit. Der eine Bau stammt aus der Zeit um 700 v. Chr., der andere aus dem 6.Jahrhundert v. Chr. Bereits damals erhielt die Anlage eine von Säulen getragene Ringhalle, die in ihrer Gestalt dem hellenistischen Heiligtum vorausgriff. Da das archaische Heiligtum unter den Steinmassen des hellenistischen Tempels liegt, ist relativ wenig darüber bekannt. Im Tempelhof sind noch Reste der Vorgängerbauten zu sehen.

Mit dem Bau des hellenistischen Heiligtums wurde um 330 v. Chr. begonnen. Dies wird mit dem Besuch Alexanders des Großen in Milet 334 v. Chr. und der Eingliederung Didymas in die Polis Milets in Verbindung gebracht. Für die Planung des Tempels beauftragte man den milesischen Baumeister Daphnis und den führenden Architekten seiner Zeit Paionios von Ephesos.

Der Tempel hat eine doppelte Ringhalle: der äußere Säulenring hat 10 × 21 Säulen, der innere 8 × 19 Säulen. Diese Ringhalle erhebt sich auf einem siebenstufigem Unterbau, dem Stereobat. Sein Eingang liegt im Osten und führt über eine Freitreppe von 14 Stufen. Von dort gelangt man, nach dem Durchschreiten der Ringhalle, in die Vorhalle (Prodomos), die wegen ihrer 3 × 4 Säulen auch Zwölfsäulensaal (griechisch Dodekastylos) genannt wird. Anstelle einer Cellatür befindet sich hier ein über 14 Meter hohes unverschließbares Portal mit einer Schwelle von knapp 1,5 Metern Höhe. Sie war also unüberschreitbar. In das Innere des Tempels führen seitlich des Portals zwei Tunnelgewölbe. Diese Tunnelgänge sind die einzigen Zugänge.

Im Inneren des Tempels liegt ein Hof, der in Inschriften als Adyton bezeichnet wird. Im Westen des Hofes finden sich die Fundamente eines Baus mit einer Größe von 8,24 m × 14,23 m. Dieses Gebäude diente zum Schutz des Kultmals, einer Süßwasserquelle. Die Bedeutung dieser Quelle schließt sich daraus, dass Didyma auf einem wasserarmen Kalkplateau liegt. An der Ostseite des Hofes führt zwischen den beiden erwähnten Tunnelgängen eine Freitreppe mit 24 Stufen zu einer Dreitürenwand (griechisch Trithyron). Diese Wand hat zwei korinthische Halbsäulen und bildet innerhalb des Hofes eine Außen- und Fassadenarchitektur. Gottfried_Gruben bezeichnet sie als den „architektonischen Brennpunkt des Tempels“. Dahinter liegt ein Saal mit zwei gegenüberliegenden Treppenhäusern und dem so genannten Großen Portal. Auch hier sind die Schwellen mit einer Höhe von 50 Zentimetern relativ hoch und konnten nur mit Hilfsmitteln überschritten werden. Die Treppenhäuser werden labyrinthoi genannt. Der Bau wurde wohl nach eindeutig kultischen Vorgaben erstellt. Über die genaue Nutzung und Funktion gibt es allerdings nur Mutmaßungen.

Einige Zahlen, um sich die Ausmaße dieses Tempels vorstellen zu können: Der Stylobat (oberste Stufe des Tempelunterbaus) hat eine Größe von ca. 51 m × 109 m. Die 109 ionischen Säulen sind fast 20 m hoch.

Apollon Tempel in Didyma, Das Verhältnis der Seitenlängen verschiedener Elemente des Tempels entsprechen Zahlen die in den Zahlentheorien und Harmonielehren von Pythagoras und Platon auftreten (Die Zeichnung ist nicht maßstabsgerecht)

Obwohl man etwa 600 Jahre am Tempel arbeitete, wurde er nie fertiggestellt. Strabon berichtet, der Tempel sei wegen seiner Größe ohne Dach geblieben. Tatsächlich fehlen die Dachzone des Prodomos (Vorhalle) und der nie vollendeten Ringhallen. Auch wurde die letzte Glättung der Wände nicht ausgeführt: 1979 entdeckte man an den Wänden Werkzeichnungen des Tempels. Arbeitspläne für Säulen, Gebälke, Decken, Pforten, etc. sind auf diese Weise dokumentiert worden. In der Antike wurden die Wände mit Rötel eingerieben, so dass diese Linien deutlich sichtbar waren. Die antiken Bauzeichner zogen bis zu 25 Meter lange Geraden und schlugen Kreisbögen mit Radien bis zu 4,5 Metern. Die Linien zogen sie mit Metallstichel, Lineal und Zirkel und sind bis auf wenige Millimeter genau.

Didyma gehörte zusammen mit Delphi, Dodona und Klaros zu den bedeutendsten griechischen Orakeln. Der genaue Ablauf beim Erteilen einer Prophezeiung ist nicht bekannt; ihre Endform in Versen erhielten die Orakelsprüche jedenfalls durch Priester. Die letzte große Blütezeit des Heiligtums war im 1. und 2. Jahrhundert.

Im Südosten des Tempels liegt ein Stadion, in dem man seit ca. 200 v. Chr. Wettkämpfe abhielt. Die Stufen des Stylobats an der südöstlichen Langseite des Tempels dienten dabei den Zuschauern als Sitzgelegenheit.

Literatur

  • Klaus Tuchelt: Didyma-Branchidai. Verlag Philip von Zabern, Mainz 1991, ISBN 3-8053-1316-0 (Zaberns Bildbände zur Archäologie, 3).

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