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Geflügelte Worte
Der Citatenschatz des deutschen Volkes

gesammelt und erläutert

von

Georg Büchmann.

Fortgesetzt von Walter Robert-tornow.

Neunzehnte vermehrte und verbesserte Auflage.

Berlin

Haude & Spener'sche Buchhandlung (F. Weidling)

1898.

[Druckermarke]

[Georg Büchmann]


DES

DEUTSCHEN KAISERS UND KÖNIGS

VON PREUSSEN

WILHELMS II.

MAJESTÄT

IN TIEFSTER EHRFURCHT

ZUGEEIGNET.


[S. VII]

Vorwort
zur neunzehnten Auflage.

Auf Wunsch des verewigten Walter Robert-tornow habe ich die Herausgabe dieser ersten seinem Ableben folgenden Auflage der "Geflügelten Worte" übernommen. Der verdienstvolle Nachfolger des unvergesslichen Georg Büchmann sollte das Erscheinen der achtzehnten Auflage des Buches und mit ihr die Drucklegung des hunderttausendsten Exemplares nur um wenige Monate überleben. Alles in der Zwischenzeit von ihm gesammelte und ihm zugegangene Material wurde, soweit es sich als brauchbar erwies, in dieser neuen Auflage verarbeitet. Dasselbe gilt von den zahlreichen späteren Funden und Einsendungen. Es darf getrost behauptet werden, dass auch die vorliegende neunzehnte Auflage des "Büchmann" eine "vermehrte und verbesserte" genannt zu werden verdient, und dass das Buch abermals um einen Schritt derjenigen Vollkommenheit näher gebracht wurde, die für ein solches Werk überhaupt erreichbar ist, und die zu erreichen seit mehr als dreissig Jahren das Bestreben seiner Herausgeber war. Die Freunde des Buches werden sehen, dass eine stattliche Anzahl neuer "geflügelter Worte" hinzugetreten ist, und dass auch sonst zahlreiche Verbesserungen und Berichtigungen älterer Angaben zu verzeichnen sind. Das "Gedenkblatt" wurde durch einen Lebensabriss Robert-tornows, verfasst von Dr. Georg Thouret, erweitert und die "Einleitung" einer gründlichen Umarbeitung unterzogen.

[S. VIII]

Allen, die durch freundliche Ratschläge und Einsendungen oder Quellennachweise zur Vervollkommnung des Buches beigetragen haben, sei hier herzlichster Dank gesagt! Soweit die Beiträge keine Verwendung gefunden haben, unterliegen sie noch der Prüfung und gelangen, soweit sie brauchbar sind, später zur Benutzung. Ich bitte um gütige freiwillige Mitarbeit auch für die Zukunft. Einsendungen werden durch Vermittlung der Verlagshandlung erbeten.

Möge von der vorliegenden Auflage gesagt werden können, dass sie pietätvoll im Sinne Büchmanns und Robert-tornows das Werk fortzuführen und weiterzubilden bestrebt war. Einen weiteren Anspruch erhebt sie nicht.

Berlin

Konrad Weidling.

Dezember 1897.


Inhalt.

[S. IX]

Gedenkblatt.

Georg Büchmann

Walter Robert-tornow

Einleitung

Geflügelte Worte

I. Aus der Bibel

II. Aus Sagen und Volksmärchen

III. Aus deutschen Schriftstellern

IV. Aus dänischen Schriftstellern

V. Aus französischen Schriftstellern

VI. Aus englischen Schriftstellern

VII. Aus italienischen Schriftstellern

VIII. Aus spanischen Schriftstellern

IX. Aus russischen Schriftstellern

X. Aus griechischen Schriftstellern

XI. Aus lateinischen Schriftstellern

XII. Aus der Geschichte

Hellas

Rom

Italien

Spanien

Polen

Frankreich

Amerika

Holland

England

Deutschland und Österreich

[S. X]

Namen-Verzeichnis der Urheber "Geflügelter Worte"

Register

1. Deutsche Sprache

2. Französische Sprache

3. Englische Sprache

4. Italienische Sprache

5. Spanische Sprache

6. Griechische Sprache

7. Lateinische Sprache


[S. XI]

Gedenkblatt.[1]

Georg Büchmann wurde geboren zu Berlin am 4. Januar des Jahres 1822. Er besuchte daselbst das Joachimsthalsche Gymnasium bis zum Jahre 1841, besonders gefördert durch die trefflichen Pädagogen August Meineke und Ludwig Wiese, und er studierte, ebenfalls in Berlin, anfänglich Theologie, bald aber, angezogen durch Boeckh und Panofka, klassische Philologie und Archäologie bis zum Jahre 1844.

[1] Das Gedenkblatt für Georg Büchmann schrieb Walter Robert-tornow; den Lebensabriss Robert-tornows verfasste Dr. Georg Thouret.

Durch die damals noch herrschende Hegelsche Philosophie gewann er früh eine glänzende Dialektik. Die Jugendgenossen wissen von seiner Redegewandtheit und von seinem schlagenden Witz zu berichten; doch trieb er keinen Missbrauch mit diesen Gaben, denn sein bester Freund aus jenen und späteren Tagen schreibt über ihn: "Mit der Freude an seinem Schaffen vereinte er die anspruchsloseste Bescheidenheit. Streng gegen sich selbst, war er liebevoll gegen Andere, anerkennend und voll Wohlwollen. Nur der Lüge und hohlen Phrase, oder der Unduldsamkeit gegenüber konnte er schroff werden."

Nach Absolvierung der Universität nahm Büchmann in der Nähe von Warschau eine Hauslehrerstelle an, erlernte dort die polnische Sprache und erwarb sich im Oktober 1845 in Erlangen den philosophischen Doktorgrad auf Grund seiner Dissertation "Über die charakteristischen Differenzen zwischen den germanischen und slawischen Sprachstämmen". Demnächst ging er nach Paris, befestigte seine Kenntnisse [S. XII]in der französischen Sprache und gab Unterricht an einem dortigen Institut.

Im Jahre 1848 in seine Vaterstadt zurückgekehrt, machte Büchmann das Lehrerexamen, erledigte das Probejahr am "Collège" und wurde, nachdem er drei Jahre lang an der Saldernschen Realschule zu Brandenburg a. d. Havel unterrichtet hatte, im April 1854 Oberlehrer an der Friedrich-Werderschen Gewerbeschule in Berlin. Hier gehörte er dreiundzwanzig und ein halbes Jahr hindurch zu den geachtetsten Lehrkräften und zählte in der von Professor Herrig gegründeten "Gesellschaft für neuere Sprachen" zu den Leitsternen.

Hervorragend war Georg Büchmanns Leichtigkeit in der Aneignung lebender Sprachen. Das Griechische, Hebräische und Lateinische trieb er lediglich in den Jugendjahren (nur dass er letzteres noch in seinen romanischen Abzweigungen, besonders im Provençalischen, eifrig verfolgte), wählte dann das Französische und Englische zu seinem Spezialstudium und Lehrgegenstand und machte sich daneben vertraut mit dem Spanischen, Italienischen, Polnischen, Dänischen und Schwedischen. Die Ergebnisse seiner Forschungen legte er gelegentlich nieder in Schulprogrammen und Zeitschriften. So findet sich in den Programmen der Saldernschen Realschule ausser seiner obenerwähnten Doktordissertation eine Abhandlung "Über Wort- und Satzfügung im Neuschwedischen", in dem Jahresbericht für 1858 der Berliner Gewerbeschule ein feinsinniger Essay über Longfellow und im Herrigschen "Archiv" eine vielbelobte Arbeit "Beiträge zur englischen Lexikographie". Ferner hatte er den wesentlichsten Anteil an der Neubearbeitung zur sechzigsten Auflage des französischen Wörterbuches von Thibaut, die er mit Wüllenweber herausgab.

Auf weitere Kreise suchte Georg Büchmann zu wirken, als er mit seinem Schulfreunde Ludwig Pomtow eine Reihe anmutiger "Märchen" herausgab, deren einige [S. XIII]noch heute in Sammlungen fortleben. Auch hielt er am 22. Januar 1862 im Saale des Berliner Schauspielhauses einen zündenden Vortrag "Über den Berliner Adresskalender", worin er seine vielseitige Sprachkenntnis zur Erklärung der üblichsten und der seltsamsten Familiennamen benutzte. Aber das Gebiet seiner eigensten Befähigung ging ihm erst auf, als er die Bekanntschaft zweier Werke machte, in denen Engländer und Franzosen ihren Reichtum an landesüblichen Citaten auszubreiten versuchten.

Diese Bücher führen den Titel: "Handbook of Familiar Quotations" [Chiefly from English Authors (by J. R. P.). A new Edition. London 1853]—und: "L'Esprit des Autres" [par Edouard Fournier. Paris 1855]. Sie regten Georg Büchmanns launiges Naturell und seinen durch grosse Belesenheit unterstützten Scharfsinn zu Forschungen an über die geistige Scheidemünze aus aller Herren Ländern, welche in Deutschland umläuft. Bald gelang es ihm, seine Vorgänger durch Stofffülle und Zuverlässigkeit weit zu übertreffen.

Zunächst hielt Büchmann nun im Herrigschen Verein, 1863, einen Vortrag über "gefälschte Citate" und er sprach dann, 1864, im Saale des Berliner Schauspielhauses über "landläufige Citate" im allgemeinen, denen er in bestimmter, erweiterter Auffassung (vrgl. die Einleitung) bei dieser Gelegenheit den seitdem weltbekannten Namen "Geflügelte Worte" gab. In demselben Jahre noch erschien im bescheidenen Umfange von 220 Seiten sein Buch "Geflügelte Worte. Der Citatenschatz des deutschen Volkes". Schon aus dem Inhalte dieser ersten Auflage ist ersichtlich, welche weiten, über den engeren Kreis der landläufigen Citate im gewöhnlichen Sinne erheblich hinausgehenden Grenzen Büchmann dem neuen, von ihm geschaffenen sprachwissenschaftlichen Begriffe des "geflügelten Wortes" zog. In der dreizehnten Auflage, der letzten von ihm herausgegebenen (1882) schrieb er:

[S. XIV]

"Die ganz willkürlich gewählte Benennung 'Geflügelte Worte', welche ich diesem Buche gab, ist allgültig geworden und über Deutschlands Grenzen hinausgedrungen. Es erschien 1871 in Holland unter dem Titel 'Gevleugelde Woorden' ein klägliches Machwerk, welches mich ausbeutete, ohne dass mein Name darin auch nur erwähnt wurde. Eine sehr erfreuliche, in der Anlage sich eng an mein Buch anschliessende, aber trotzdem selbständige dänische Bearbeitung des Stoffes hat 1878 Oscar Arlaud in Kopenhagen unter dem Titel 'Bevingede Ord' geliefert und die Citate der dänischen Sprache hinzugefügt. Im Jahre 1881 liess er ein ebenso lobenswertes Supplement erscheinen. Arvid Ahnfeld gab 1880 in Stockholm eine Citatensammlung unter dem Titel 'Bevingade Ord' heraus, zu welcher die meinige und Oscar Arlauds benutzt worden sind und welche ausserdem die schwedischen und finnischen Citate bringt"[2].

[2] Italien und Ungarn traten hinzu. "Chi l'ha detto?" des Giuseppe Fumagalli, Mailand 1895 und "Szájrul szájra" (d. h. "von Mund zu Mund") von Tóth Béla, Budapest 1895.

Selbstverständlich lockte Büchmanns und seiner Mitarbeiter Bienenfleiss bis in die jüngste Zeit hinein manche litterarische Drohnen herbei, die ihren Plagiaten ein mehr oder minder schäbiges Mäntelchen umhingen, sich Wörter und Namen aus dem Büchmannschen Buchtitel aneigneten und die Ausbeutung so gründlich betrieben, dass sie sogar die Druckfehler mit übernahmen. Einen wesentlichen Abbruch konnten sie indessen dem Werke Büchmanns nicht thun, weil die gebildeten Kreise des deutschen Volkes eine feine Empfindung in Dingen des litterarischen Anstandes besitzen, und weil Büchmanns Werk in jeder neuen Auflage für sich selbst sprach.

Ausserdem, dass seine vortreffliche Arbeit den wohlverdienten Anklang in den weitesten Kreisen fand, wurde[S. XV] Georg Büchmann erfreut durch die Verleihung des Professortitels und des Ordens vom roten Adler.

Es war gut für ihn, dass er nun eine eigene Thätigkeit besass, welche ihn alle Unbilden des Lebens vergessen machte; denn, krankend an den Folgen eines schweren Sturzes, musste er sich im Jahre 1877 in den Ruhestand versetzen lassen. "Alle seine Schüler", so heisst es in dem Programm der Gewerbeschule vom Jahre 1878, "bewahren der anregenden und bildenden Kraft seines Unterrichts und der persönlichen Wärme, die er ihnen entgegentrug, das dankbarste und ehrenvollste Andenken; alle seine Kollegen zollen ihm ihre Hochachtung, viele verehren in ihm dankbar ihr Vorbild und Muster in ihrem amtlichen Wirken".

Fortan lebte Georg Büchmann, gepflegt von seiner Gattin, der bekannten Malerin Helene Büchmann, der wir sein wohlgetroffenes Bildnis verdanken, das in einer Radierung von Hans Meyer unser Buch schmückt, ganz der Ausgestaltung seines Werkes, versenkt in das Studium der Weltlitteratur und angeregt durch einen schliesslich über neunhundert Namen aufweisenden Briefwechsel.[3]

[3] D. h. die überwiegende Zahl dieser Korrespondenten wandte sich Einmal an Büchmann, einige öfters; ein regerer Gedankenaustausch, wie z. B. mit dem Germanisten Robert Hein, konnte nur mit sehr Wenigen stattfinden.

Er hatte in der "Einleitung" jeder Auflage um Zusätze und Berichtigungen gebeten, und ein solcher Appell an die Philologie findet in deutschen Herzen immer ein Echo. In der damals von Paul Lindau redigierten "Gegenwart" vom 27. September 1879 sprach Georg Büchmann in dem Aufsatz "Sechshundert Korrespondenten" seinen lebhaften Dank aus für den vielfältigen Nutzen, der seiner Sammlung aus solcher freiwilligen Mitarbeiterschaft erwachsen sei. Gegen Ende dieses Artikels heisst es:

"'Geflügelte Worte' sind vorhanden. Es war meine Pflicht, sie zu sammeln und ihren Quellen nachzuspüren.[S. XVI] Die Frage, ob ihre Anwendung nützlich oder schädlich, zu empfehlen oder abzuraten sei, hatte ich mir nicht vorzulegen. Sie sind als eine Ergänzung des deutschen Wortvorrats und Wörterbuches zu betrachten. Das lesende Publikum zollt ihrer Sammlung einen Beifall, der mich erfreut und mich anspornt, die betretene Bahn nach Kräften zu erweitern und noch gangbarer zu machen".

Bald nach dem Erscheinen der dreizehnten Auflage der "Geflügelten Worte", vom Herbst des Jahres 1882 an, sah sich der leidende Autor genötigt, jeder ernsten Thätigkeit zu entsagen. Ein allmähliches Hinschwinden aller Lebenskräfte trat ein, und am 24. Februar 1884 gab ein erlösender Tod ihm die ewige Ruhe.

Sein Name wird unvergessen bleiben, so lange es auf Erden gebildete und gründliche Deutsche giebt.


Walter Robert-tornow wurde am 14. Juli 1852 auf Ruhnow in Hinterpommern geboren. Zeit seines Lebens blieb ihm das "Horizontgefühl" seiner Jugend, wie er es nannte, lebendig, und immer von neuem ergriff ihn die Sehnsucht nach den "weissen, reinen" Wolken des pommerschen Himmels, nach den rauschenden Buchenkronen und den hochwipfligen Fichten an den stillen, tiefen Landseen voll Wasserrosen, und nach den in duftigem Schimmer wogenden Getreidefeldern seiner vielverlästerten, hinterpommerschen Heimat. Leider war ihm das köstliche Erbteil des Pommernstammes, die derbe Leibesgesundheit, versagt. Nie empfand er seine körperliche Gebrechlichkeit schmerzlicher als im Jahre 1870.

Während einer Kur auf Helgoland lernte der dreijährige Knabe spielend lesen, d. h. die Kunst, die er später und bis zum letzten Atemzuge als Handwerk betrieb. Die gehaltvolle Bücherei des Vaters, der nicht[S. XVII] nur in der Landwirtschaft, sondern auch in den Wissenschaften heimisch war, und die gesunde Luft eines wohlhabenden und hochgebildeten Elternhauses begünstigten die geistige Entwicklung des begabten Jünglings. Mit besonderer Vorliebe pflegte gerade er die künstlerischen Traditionen der Familie, der eine Rahel, die Gattin Varnhagens von Ense, und ihr Bruder, der Dichter Ludwig Robert, entsprossen waren. Sein Lehrer in Ruhnow und für immer sein Freund wurde der Philologe Dr. Isler, und die originelle Lebensanschauung dieses ausgezeichneten Mannes, bei dem sich Stoizismus und humorvolle Skepsis wundersam mischten, wirkte nachhaltig auf den Schüler ein. Aus den Epigrammen in Robert-tornows "Begleitbuch" (Berlin 1888) sprechen verwandte Überzeugungen und Stimmungen.

Im Sommer 1870 bezog unser Freund die Berliner Universität, um philologische und kunsthistorische Vorlesungen zu hören. Am meisten zog ihn zunächst die klassische Philologie an, und er hatte bei gediegenen Kenntnissen und einem angeborenen Spürsinn das Zeug zum Philologen. Zum Abschlusse jahrelanger, aber oft unterbrochener Studien schrieb er eine lateinische Abhandlung "über die symbolische und mythologische Bedeutung der Bienen und des Honigs bei den Alten", liess aber die Arbeit liegen und veröffentlichte sie erst volle achtzehn Jahre später.[4]

[4] De apium mellisque apud veteres significatione et symbolica et mythologica. Berolini 1893. In das philologische Gebiet gehört ausserdem seine Herausgabe der 2. Auflage von Abels "deutschen Personennamen", Berlin 1889.

Eine Zeit lang zeichnete er neben den Universitätsstudien auf der Berliner Kunstakademie, weil ein der Familie befreundeter Maler Portraitiertalent bei ihm entdeckt haben wollte. Diesen Versuch gab er bald auf; denn Neigung und Talent zogen ihn mächtig zur Poesie. Er übte und verstand die Kunst, Verse aller Art zu schmieden. Schon bei seiner Arbeit über die[S. XVIII] Bienen übertrug er für sich das 4. Buch von Virgils Georgica in deutsche Jamben, dann machte er sich daran, die Elegieen des Theognis in Reimen nachzudichten; Versuche aus dem Englischen schlossen sich später an, bis ihm zuletzt, am Ende seines Lebens, auf diesem Gebiete ein Meisterwerk gelang: die Übersetzung der "Gedichte des Michelangelo Buonarotti", die erst nach seinem Tode erscheinen konnte (Berlin 1896).

Durch unausgesetzte Beschäftigung mit der deutschen Litteratur erwarb er sich eine aussergewöhnliche Belesenheit. Gute Bücher las er immer wieder und übte sein an sich starkes Gedächtnis durch Auswendiglernen. In Lessings Werken fühlte er sich zu Haus, so dass er getrost die 9. Auflage von Stahrs Biographie des Dichters besorgen konnte. Aber am vertrautesten von allen Dichtern war und blieb ihm Goethe, "sein Tröster, der, aus Sturm und Drang zur Weisheit gekommen, der Menschheit ein Meer von Schönheiten erschuf". Auch Heine gehörte zu seinen Lieblingen, weil ihn dessen Schreibweise bezauberte und sein Schicksal rührte. Gern wandte er die Mahnung dieses Dichters: "Baue dein Hüttchen im Thal!" auf sich selbst an. Schon der Umstand, dass Heine nach den Musikkatalogen der am häufigsten komponierte deutsche Lyriker sein soll, genügte ihm, um ihn zäh gegen alle Angriffe zu verteidigen. Die schöne Schrift "Goethe in Heines Werken" (Berlin 1883) darf als die reifste Frucht seiner liebsten Studien bezeichnet werden.

Unter den deutschen Prosaikern standen die tiefinnerlichen Humoristen seinem Herzen am nächsten. Scherrs "Michel", Kellers "Grüner Heinrich", Vischers "Auch Einer", Roseggers "Waldschulmeister" und Reuters "Stromtid" waren ihm unentbehrliche Bücher, am unentbehrlichsten der grüne Heinrich.

Im Februar 1877 trat Robert-tornow noch von Pommern aus in nähere Beziehungen zu Büchmann und den "Geflügelten Worten". Damals begann er dem Verfasser [S. XIX]Stoff zuzusenden; beide wechselten dann während dreier Jahre in steigendem Einverständnisse Briefe und wurden endlich Freunde, als Robert-tornow i. J. 1880 mit seinen Eltern nach Berlin übersiedelte[5]. Vier Jahre später starb Büchmann, aber er hatte sein Werk bereits ganz in die Hände des Freundes gelegt. Auch hätte er keinen passenderen Nachfolger finden können. Denn Belesenheit und Gedächtniskraft, Sprachgefühl und Geschmack, Arbeitslust und Musse, alles fand sich zusammen, um diesen für das verantwortungsvolle Amt geschickt zu machen.

[5] In das Haus seines verstorbenen Onkels Ferdinand Robert-tornow Er schilderte das originelle Heim dieses seiner Zeit berühmten Sammlers und Kunstkenners in einer formvollendeten Monographie. Vgl. deutsche Rundschau XVII, Dezember 1890.

Wie der Ährenleser dem Schnitter, so folgte Robert-tornow Büchmann nach und sammelte mit demselben Fleisse, den er an seinem Vorgänger neidlos pries. Stillschweigend besserte er das Vorhandene und führte die schon von Büchmann angestrebte chronologische Anordnung des Stoffes innerhalb der einzelnen Kapitel durch. Das reizvolle Kapitel "Geflügelte Worte aus Sagen und Volksmärchen" ist sein Werk; im ganzen buchte er 730 neue Citate und Ausdrücke. Ausserdem arbeitete er ein umfangreiches, durch die Fülle der Schlagwörter nahezu untrügliches Register aus, um die Benutzung des Buches so bequem wie möglich zu machen. Endlich gelang ihm, was dem verdienstvollen Begründer trotz aller Mühe nicht hatte gelingen wollen, nämlich eine feste Definition für den Begriff eines geflügelten Wortes in sprachwissenschaftlichem Sinne, die genau mit Büchmanns Absichten übereinstimmt (s. Einleitung). Genug, er sparte keine Mühe, um das schöne Buch auf der Höhe zu erhalten. Es wurde ein Stück auch seines Lebens und beeinflusste seinen eigenen Stil in Poesie und Prosa. Er dichtete am liebsten und besten in der Epigrammform und verwuchs mit den geliebten[S. XX] "Geflügelten Worten" so innig, dass er in der Todesstunde nur in Citaten sprach.

Wenn bei einem Buche wie diesem der Erfolg als Massstab für seinen Wert gelten darf, so erkannte die gebildete Welt Robert-tornows Weiterarbeit willig an. Denn während bis zu Büchmanns Tode 13 Auflagen und 57000 Exemplare der "Geflügelten Worte" verbreitet waren, erlebte Robert-tornow die Freude und gerechte Genugthuung, mit der 18. Auflage das hundertste Tausend zu erreichen.

Seit dem Jahre 1888 lebte er als Bibliothekar des Königlichen Hauses in einem heimlichen und anheimelnden Winkel des alten Hohenzollernschlosses. Gehört Einsamkeit zur Vertiefung und bedeutet Geselligkeit das beste Gegengift gegen Vergrübeln, ist also Abwechselung in Beidem das Beste, so führte er hier ein beneidenswertes Dasein. Hinter diesen gewaltigen Mauern, welche Stille! Hier hauste er wie ein Zauberer im Märchen. Aber wer ihn suchte und zu finden wusste, der traf ihn stets aufgeräumt und immer hilfsbereit. Seine Zelle öffnete sich für alle ehrlichen Seelen. Allen war er da Etwas, gar manchem Viel, jedem aber etwas Besonderes. Er verstand sich auf Menschenschicksale. Denn auch in seinem Herzen hatten Leidenschaften getobt, auch um seine Seele hatten dunkle Gewalten gestritten: er aber hatte sich in selbsterlebten Liedern frei gesungen und sich zum Siege, zum echten Lebenshumor durchgekämpft. Nicht unerwähnt darf bleiben, dass er dankbar die steigende Anerkennung und Gunst des Hofes empfand und sich über die äusseren Ehrungen, die ihm zu teil wurden, herzlich freute.

Ward es ihm in der Grossstadt zu eng und zu laut, so flüchtete er hinaus in den Frieden der Wälder, oder an die See und nach Helgoland, seiner "Insel der Seligen", oder pilgerte zusammen mit Herman Grimm in die Tiroler Berge. Ein Besuch Pommerns schloss gewöhnlich solche Reisen ab.

[S. XXI]

Obwohl längst mit dem Gedanken an einen frühen Tod vertraut, suchte und verstand er als echter Lebenskünstler es doch, sein Dasein auszuspinnen, bis ihn der Tod auf Helgoland am 17. September 1895 überraschte.

Walter Robert-tornow wird seinen bescheidenen Platz in der deutschen Litteraturgeschichte erhalten. Eine stets schwankende Gesundheit und übertriebene Selbstkritik beeinträchtigten seine Leistungsfähigkeit. Auch scheute er die Öffentlichkeit je länger je mehr, obwohl er mit gespannter Aufmerksamkeit den Kampf der Geister verfolgte. Er liebte die Arbeit in der Stille, und seine Stärke war die Treue und Sauberkeit im Kleinen, "in tenui labor", und hierin hat er Grosses für die "Geflügelten Worte" geleistet. Durch sie wird die Arbeit seines Lebens Früchte tragen und sein Gedächtnis dauernd fortleben.


[S. XXII]

Einleitung.

Als Georg Büchmann im Jahre 1864 zuerst jenen köstlichen Schatz hob, der unter stetiger Vermehrung den Inhalt des vorliegenden Werkes bildet, gab er seiner Sammlung den willkürlich gewählten, dem Homer entlehnten Titel "Geflügelte Worte".

Bis dahin hiess "geflügelte Worte" nur, was es bei Homer heisst, nämlich "schnell von den Lippen des Redenden enteilende, zum Ohre des Hörenden fliegende Worte". Weil Büchmann jedoch unter diesem Namen einen neuen, von ihm selbst geschaffenen Begriff in die deutsche Sprachwissenschaft einführte, musste er eine möglichst scharfe Erklärung Dessen, was er wollte, zu geben versuchen. Er sagte darüber:

"Die allgemeinen Verständigungsmittel der Menschen sind nicht nur die in ihrer Form fertigen, Jedem zu Gebote stehenden einzelnen Wörter; es haben sich daneben auch im Laufe der Zeit stehende, fertige Formen von Wortzusammenstellungen und Gedanken entwickelt, für welche eine allgemeine Bezeichnung nicht vorhanden ist, und welche je nach ihrer Natur Redensarten, sprichwörtliche Redensarten, Sprüche, Sprichwörter u. s. w. genannt werden. Lässt sich von den meisten dieser Gedankenformen weder die Zeit, in welcher, noch die Umstände, unter welchen sie entstanden sind, angeben, so giebt es doch eine Gruppe derselben, die sich auf einen bestimmten litterarischen oder historischen Ausgangspunkt zurückführen lassen. Diese sind in dem folgenden Büchlein unter dem Titel: "Geflügelte Worte" gesammelt und mit den Attesten ihres oft überraschend versteckten Ursprungs versehen worden; mag der Name "geflügelte Worte" nun richtig gewählt sein oder nicht. So viel über den Gedanken und den Namen des Buchs. Der Ausführung des Gedankens treten namentlich zwei Schwierigkeiten in den Weg; die Schwierigkeit der[S. XXIII] Abgrenzung des geflügelten Wortes gegen das Sprichwort und die andere, festzustellen, ob ein Wort allgemein genug ist, um den Rang eines geflügelten Wortes beanspruchen zu dürfen. Was die erstere anbetrifft, so entsteht oft die Frage, ob ein Schriftsteller ein schon vorher umlaufendes Wort für seine Zwecke angewendet hat, oder ob er selbst der Schöpfer seines Worts ist. Denn auch die Sprichwörter fallen nicht wie Manna vom Himmel; jedes derselben hat seinen speciellen Autor, seinen ersten Erfinder; viele derselben sind ohne Zweifel Sprüche aus verloren gegangenen oder noch nicht wieder aufgefundenen Schriftstellern. Selten nur ist man so glücklich, von dem Schriftsteller selbst zu erfahren, ob ein Wort, das er anwendet, auf seiner eigenen Mühle gemahlen oder fremde Ware ist. In zweifelhaften Fällen wird hier dem Sammler als Regel gelten dürfen, die erste schriftstellerische Quelle getrost anzumerken und es dann der spätern Forschung zu überweisen, ob das Wort schon in früheren Tagen im Volke verbreitet gewesen ist."

Es mag zunächst auffallend erscheinen, dass Büchmann in der vorstehenden Erklärung das Wort "Citat" vermeidet. Dies ist kein Zufall. Der engere Begriff des landläufigen Citates in dem allgemein üblichen Sinne der bewussten Anführung eines fremden Satzes deckte sich nämlich nicht ganz mit dem Inhalte schon der ersten Auflage des Buches. Schon dort sind als geflügelte Worte verzeichnet die bei uns landläufigen Anwendungen von Aussprüchen und Ausdrücken der Dichter, Denker, Propheten, Redner, Geschichtsschreiber und Mythographen, einschliesslich des metaphorischen Gebrauches von Ereignissen und typisch gewordenen Namen. Mit dem Untertitel "Citatenschatz des deutschen Volkes" wollte Büchmann sein Werk einführen und wenigstens dem grössten Teile des Inhaltes nach kennzeichnen, soweit er nicht eine Erweiterung des Begriffes "Citat" überhaupt beabsichtigte. Aus begreiflichen Gründen wurde denn auch dieser Untertitel beibehalten, obschon er dem allgemeinen Sprachgebrauche gegenüber zu eng war und mehrfach zu nicht ganz unberechtigten Bedenken strenger Begriffswächter Anlass geboten hat. Büchmann[S. XXIV] sagte darüber in einer seiner Vorreden, dass das Buch unter dem alten Titel, unter dem es sich beim Publikum eingeführt hätte, weiter erscheinen müsse, und dass "weder Autor noch Verleger das Werk unter einem anderen, als dem gewohnten Namen, gewissermassen in einer Vermummung dem Publikum vorführen könnten".

Büchmann musste bald erkennen, dass seine erste Erklärung den Inhalt seines Buches nicht erschöpfte, und so brachte er denn in der Einleitung zur achten Auflage vom Jahre 1874 den nachfolgenden kürzeren Versuch:

"In jeder Sprache, so auch in der deutschen, giebt es neben der unendlichen Fülle von Sprichwörtern, Stich-, Kraft- und Schlagworten, deren Urheber gänzlich unbekannt sind, eine verhältnissmässig kleine Zahl solcher Worte, deren Ursprung sich urkundlich belegen lässt. Letztere sind, soweit sie dem deutschen Volke angehören, in diesem Buche unter dem Namen 'Geflügelte Worte' zusammengestellt."

Doch auch diese Erklärung konnte Büchmann nicht auf die Dauer befriedigen, daher fasste er sich bald ganz kurz und urteilte:

"'Geflügelte Worte' nenne ich solche Worte, welche, von nachweisbaren Verfassern ausgegangen, allgemein bekannt geworden sind und allgemein wie Sprichwörter angewendet werden".

Diese, den Inhalt des Buches ebenfalls nur teilweise deckende Definition behielt Büchmann bis in die dreizehnte Auflage letzter Hand vom Jahre 1882 bei, indem er annahm, dass sein Buch selbst die beste Definition enthalte.

Erst Robert-tornow gelang es, eine feste Umgrenzung des Begriffes "geflügeltes Wort" im Sinne Büchmanns zu finden. Diese, auch heute noch gültige Erklärung lautet:

"Ein geflügeltes Wort ist ein in weiteren Kreisen des Vaterlandes dauernd angeführter Ausspruch, Ausdruck oder Name, gleichviel welcher Sprache, dessen historischer Urheber, oder dessen litterarischer Ursprung nachweisbar ist. Immer muss man möglichst bestimmt sagen können: 'da steht es zuerst geschrieben', oder: 'aus der Stelle ist es abgeleitet',[S. XXV] oder: 'Der hat es hervorgerufen', und: 'es hat sich bei den Gebildeten eingebürgert'."

Diese Begriffsbestimmung umschliesst Alles, was Büchmann in seiner Sammlung unter dem Namen "Geflügelte Worte" vereinigt hat und steht daher, weil Büchmann einen neuen Begriff in die deutsche Sprache einführte, ebenso ausserhalb der Kritik, wie die Bezeichnung, die der Finder eines neuen Sternes seiner Entdeckung giebt.

Wenn nun auch hiermit die Definition des "geflügelten Wortes" im sprachwissenschaftlichen Sinne erledigt ist, so darf doch nicht übersehen werden, dass auch ihrer Durchführung zwei erhebliche Schwierigkeiten sich entgegenstellen.

Die erste wurde schon vorhin erwähnt. Sie besteht darin, dass der Begriff des "landläufigen Citates" sich nicht voll mit dem "geflügelten Worte" im Sinne Büchmanns deckt. Diese, wohl unbewusste Erweiterung, die Büchmann dem Begriffe "Citat" gab, hat mancherlei Missverständnisse, auch von hochgeschätzter Seite zur Folge gehabt. Denn viele "geflügelte Worte" im Büchmannschen Sinne sind längst als "Wörter" in die deutsche Sprache übergegangen und gehören trotzdem in diese Sammlung, weil ihr historischer oder litterarischer Ursprung sich nachweisen lässt. Die zweite Schwierigkeit ist noch grösser, weil sie es nicht mit Einzelnen zu thun hat, sondern mit dem deutschen Sprachgebrauche überhaupt, der sich des Ausdruckes "geflügeltes Wort" nach Büchmanns Einführung immer mehr und mehr bemächtigte und in dessen Anwendung weit über die Grenzen, die ihm Büchmann gezogen hatte, im Laufe der Zeit hinausgegangen ist. Der vulgäre Sprachgebrauch versteht unter einem geflügelten Worte jeden Ausspruch, der in allgemeinem Gebrauch als Citat von Mund zu Mund fliegt, gleichgültig ob der historische Urheber oder der litterarische Ursprung nachweisbar ist oder[S. XXVI] nicht, und gleichgültig auch, ob das Wort schon wirklich dauernd dem deutschen Sprachschatze einverleibt ist. Diese, durch einen lässigen Sprachgebrauch entstandene Begriffserweiterung veranlasst nun wieder manche Freunde und Leser des Buches in ihm Dinge zu suchen, die in dem, durch Büchmann geschaffenen sprachwissenschaftlichen Sinne gar nicht hineingehören. Die Herausgeber dieses Buches wissen von der gewaltigen Anzahl von Zuschriften zu berichten, die oft mit den Ausdrücken des lebhaftesten Erstaunens angebliche geflügelte Worte in dem Buche vermissen, ohne dass dabei daran gedacht wird, dass ein allgemein bekannter und gebrauchter Ausspruch u. s. w. erst durch den bestimmten Nachweis seines historischen Urhebers oder litterarischen Ursprungs zu einem geflügelten Worte wird. Nur um Beispiele zu erbringen, die sich leicht ins Hundertfache vermehren liessen, sei hier gesagt, dass Citate wie "Als ich noch im Flügelkleide in die Mädchenschule ging", "honny soit qui mal y pense", "sint ut sunt aut non sint", "sic transit gloria mundi" darum keine geflügelten Worte sind, weil ihr Ursprung bis jetzt noch nicht hat nachgewiesen werden können. Manche bekannten Redensarten und Ausdrücke, die in alten Auflagen des Buches als "geflügelt" standen, sind später wieder in Fortfall gekommen, weil die angegebene Quelle sich nicht als stichhaltig erwies. Sie mögen in den Büchern der Plagiatoren, die sich dieses Ausschusses aus alten Büchmann-Auflagen bemächtigt haben, um den Eindruck grösserer "Reichhaltigkeit" zu machen, nachgelesen werden.

Zum Kennzeichen des geflügelten Wortes gehört neben der Nachweisbarkeit seines Ursprunges und seiner Landläufigkeit auch, dass es dauernd in den Sprachgebrauch der Gebildeten übergegangen ist. Gerade in dieser Hinsicht muss der Herausgeber doppelt vorsichtig[S. XXVII] sein, weil die wandelbare Gunst der Menge schon nach wenigen Jahren oft nichts mehr von den Schlagworten weiss, die kurz vorher in aller Munde waren. Und so ist es denn auch kein Zufall, dass in dem vorliegenden Buche die letzten geflügelten Worte nach zeitlicher Ordnung aus dem Jahre 1888 stammen. Bedachtsam muss hier weiter gearbeitet werden, und immer muss man an die Weisung denken, die Büchmann seinen Nachfolgern hinterliess, dass nämlich die Prüfung, Ordnung und Sichtung des vorhandenen Inhaltes weit wichtiger wäre als die Vermehrung.

Nur als Curiosum sei erwähnt, dass von manchen Lesern verlangt wird, es sollten in das Buch auch solche Citate, insbesondere aus unseren deutschen Klassikern, aufgenommen werden, die zwar noch nicht allgemein gebräuchlich sind, aber doch verdienten, wegen der Tiefe und Schönheit der in ihnen enthaltenen Gedanken zu geflügelten Worten zu werden.

Die Erfordernisse eines "geflügelten Wortes" sind also nach den vorstehenden Darlegungen:

1. dass sein litterarischer Ursprung oder sein historischer Urheber nachweisbar ist;

2. dass es nicht nur allgemein bekannt ist sondern auch in den Gebrauch der deutschen Sprache überging und allgemein gebraucht oder angewendet wird;

3. dass diese Anwendung nicht nur eine zeitweilige, sondern eine dauernde ist, wobei natürlich "Dauer" nicht "Ewigkeit" heissen soll.

Hinsichtlich der ersten Bedingung ist, soweit sie nicht schon früher erläutert wurde, zu bemerken, dass historische Forschungen hier wie anderwärts leicht bis an die Grenze des Mythus führen nach dem Satze, dass "alles Gescheite schon gedacht worden ist".

Wenn wir Homer, Aesop, die Bibel, oder die Edda als Quellen angeben, so schwankt die Beantwortung der Frage, ob das betreffende Wort wirklich da zuerst[S. XXVIII] geschrieben stehe, ganz beträchtlich, ja sie schwankt eigentlich immer, denn Niemand kann sicher wissen, ob nicht etwa mancher aus Goethe viel citierte Spruch seine Form oder seinen Inhalt befreundetem oder anderem Einfluss verdankt. Und dennoch bleibt er ein "geflügeltes Wort" aus Goethes Werken, denn für uns steht er bestimmt da zuerst geschrieben, wenn sich keine ältere Parallelstelle nachweisen lässt. Parallelstellen finden aber nur dann Aufnahme, wenn sie für die Genesis oder für die Wandlungen des "geflügelten Wortes" von wesentlicher Bedeutung sind; während Parodien nur dann eingeschaltet werden, wenn deren Urheber erweislich ist.

Die zweite Bedingung, die Beantwortung der Frage, ob ein Wort so allgemein geworden ist, dass es "geflügelt" genannt zu werden verdient, lässt sich nur durch Beobachtung und Umfrage lösen. Von vornherein muss sich Jeder vor dem Irrtum hüten, als ob ihm und seinen besonderen Kreisen geläufige Worte deswegen allein schon geflügelte Worte seien, und als ob ein ihm nicht geläufiges, vielleicht gar nicht bekanntes Wort deswegen aus der Reihe der geflügelten Worte zu streichen sei.

Obwohl Mancher daran zweifelt, giebt es dabei doch recht untrügliche Proben. Wird nämlich ein Wort von unbelesenen Leuten überhaupt, oder von vielen Gedächtnisschwachen falsch, oder von mehreren Witzigen in übertragener Bedeutung angeführt, dann ist es gewiss ein "geflügeltes"; ist es aber vielen belesenen und gedächtnisfrischen Leuten fremd, dann ist es schwerlich "geflügelt".

Mit blossem Taktgefühl oder ästhetischem Belieben kommt man bei diesem Werke nicht weiter. Der Begriff des geflügelten Wortes zieht dem Sammler strenge Schranken, und es wäre allerdings viel bequemer, dem Buche durch hineingesprengte Citate eigener leichtfertiger[S. XXIX] Wahl den Anschein grösseren Stoffreichtums zu geben.

Bei der Sorgfalt, mit der die Bearbeitung dieser Sammlung länger als dreissig Jahre hindurch stattgefunden hat, darf gesagt werden, nicht nur, dass die Hauptarbeit gemacht ist, sondern auch, dass es kaum geflügelte Worte in irgendwie erheblicher Anzahl geben wird, die der "Büchmann" nicht verzeichnet. Was aber von bekannten Aussprüchen und Redensarten hier fehlt, ist in seinem Ursprünge noch nicht nachweisbar und darum auch nicht "geflügelt".

Nicht ganz so sicher wird man den vorstehenden Satz umkehren können dahin, dass alle in dieser Sammlung verzeichneten Worte auch ausnahmslos "geflügelt" sind oder wenigstens einmal "geflügelt" waren. Manch ein Wort wird wohl als "blinder Passagier" in dem Schifflein dieses Buches mitschwimmen, ohne sich genügend über seine Landläufigkeit, soweit sie wenigstens für die Gegenwart noch in Frage kommt, ausweisen zu können, oder das mit einem Ursprungsatteste versehen ist, dessen Angaben spätere historische oder litterarische Forschungen als unrichtig erweisen werden. Jeder, der sich ernstlich damit befasst, wird merken, dass es nicht leicht ist, die Klasse der geflügelten Worte aus dem Gesamtschatz aller heimischen und eingewanderten Worte und Wendungen herauszuheben, und er muss einsehen, dass auch dem Erfahrenen bei der Bestimmung eines "geflügelten Wortes" Irrtümer nicht erspart bleiben.

Wenn nun der Sammler geflügelter Worte mit inniger Freude seinen Vorrat überschaut, weil es ihm immer und immer wieder dabei vor die Seele tritt, wie hoch der durchschnittliche Bildungsgrad seines Volkes im Vergleich zu anderen Nationen ist, so ist er doch keineswegs in der glücklichen Lage Desjenigen, der es sich zur Aufgabe gestellt hat, die Perlen und Goldkörner, die in reichster Fülle über die deutsche Litteratur zerstreut sind, zusammenzulesen; er hat es[S. XXX] im Gegenteil oft genug mit dem Staube der Alltäglichkeit zu thun. Zieht Jenen vielleicht gerade das Ungewöhnliche und Seltene an, so ist er verpflichtet, auf das Gewöhnliche und Gebräuchliche sein Augenmerk zu richten, mag er sich auch oft daran erfreuen können, dass das Gebräuchliche zugleich ein tiefer, schön ausgeprägter Gedanke ist. Nicht der gediegene Inhalt nämlich macht Worte zu geflügelten, sondern der oft zufällige Eindruck auf einen grösseren Kreis von Lesern und mehr noch von Hörern. Die Kanzel, das Theater, das Schulkatheder, die Rednerbühne, der Gesang, die Zeitschrift sind die Vermittler derselben. Daher kommt es, dass die dramatische Litteratur ihrer mehr liefert, als die lyrische oder die epische, und dass aus der lyrischen Poesie mehr solche fliessen, die komponiert worden sind und gesungen werden, als andere. Daher kommt es auch, dass mancher Liebling des Volks und der Musen in diesem Buche unvertreten bleibt, und dass Meisterstücke der Lyrik, ausgezeichnete Romane, überhaupt Werke, die in den seltenen Stunden stiller Weihe die Seele erquicken und deren Publikum stets der einzelne Mensch oder höchstens ein traulich geschlossener enger Kreis ist, eine überaus geringe Ausbeute zu den geflügelten Worten geben. Diese entstehen auf dem Markte des Lebens und im Strudel der Öffentlichkeit.

Viele werden das Werk nur als Nachschlagebuch wert halten und benutzen, Manche jedoch werden den in ihm behandelten Stoff tiefer fassen als eine Hilfswissenschaft zur Erkenntnis des Seelenlebens der Völker. Diesen, unseren eigentlichen Lesern kann es nicht darauf ankommen, sich zu merken, wie man richtig zu citieren habe, geschweige auf oberflächliche Vielwisserei; sondern ihre Grundfrage wird lauten: "Welche geistigen Strömungen haben Deutschland im 19. Jahrhundert befruchtet?" "Und was hat Deutschland an die anderen Nationen weitergegeben?"[S. XXXI] werden sie fragen, wenn sie die ähnlichen Werke für Frankreich, Italien, Ungarn, England, Holland, Dänemark und Schweden vergleichend lesen.

Im 20. Jahrhundert kommen hoffentlich die Deutschen als Spendende mehr und mehr in Betracht. Allmählich erfüllt sich ja Friedrichs des Grossen Prophezeiung: "Il pourra arriver que notre langue polie et perfectionnée s'étende, en faveur de nos bons écrivains, d'un bout de l'Europe à l'autre. Ces beaux jours de notre littérature ne sont pas encore venus: mais ils s'approchent." Schon sind wir längst nicht mehr nur die Übersetzenden, sondern wir werden auch fleissig übersetzt, und Goethes "Weltlitteraturepoche" tritt immer lebendiger ans Licht.


[S. 1]

I.
Geflügelte Worte aus der Bibel.[6]

Da die Bibel unter allen Büchern der Erde das bekannteste ist, so sind die Sprachen mit volkstümlichen Ausdrücken aus ihr reichlich getränkt. So die deutsche Sprache:

"Der Mensch wird nackt geboren wie Adam, er ist keusch wie Joseph, weise wie Salomo, stark wie Simson, ein gewaltiger Nimrod, der wahre Jakob, ein ungläubiger Thomas; er ist ein langer Laban, ein Riese Goliath, ein Enakskind; er lebt wie im Paradiese, dient dem Mammon und hat Mosen und die Propheten, oder er stimmt, arm wie Lazarus oder ein blinder Tobias, Jeremiaden an, sehnt sich zurück nach den Fleischtöpfen Ägyptens, bekommt eine Hiobspost über die andere und muss Uriasbriefe bestellen, wobei er von Pontius zu Pilatus zu laufen hat. Vielleicht ist er ein Saul unter den Propheten, ein barmherziger Samariter oder ein Pharisäer, der Judasküsse giebt; noch schlimmer, wenn er ein [S. 2]Kainszeichen an der Stirn trägt oder wenn man ihn zur Rotte Korah zählen muss, aber möglicherweise gehört er zu dem unschädlichen Geschlechte der Krethi und Plethi, oder er ist nichts als ein gewöhnlicher Philister. Jedenfalls müssen ihm der Text, die Epistel und die Leviten gelesen werden, damit er den alten Adam ausziehe und er nicht länger wie in Sodom und Gomorrha lebe, in ägyptischer Finsternis und babylonischer Verwirrung. Doch wie dem auch sei, er sehnt sich danach, alt zu werden wie Methusalem, und wenn es mit ihm Matthäi am letzten ist, wird er aufgenommen in Abrahams Schoss."

[6] Aus diesem Kapitel (15. Aufl.) ging des Pfarrers Paul Grünberg sorgfältige Studie "über den Gebrauch und Missbrauch der Bibel in der deutschen Volks- und Umgangssprache" hervor ("Biblische Redensarten" Henninger, Heilbronn 1888), der wiederum unsere 17. Auflage manchen Aufschluss verdankte.

Es braucht wohl kaum erwähnt zu werden, dass "wahrer Jakob", "langer Laban", "von Pontius zu Pilatus" (statt: von Herodes zu Pontius Pilatus) Anlehnungen oder Entstellungen sind.

Neben solchen der Bibel entnommenen Worten, Namen und Redensarten sind eine Menge biblischer Sprüche im Munde des Volkes, die oft zu bequemerem Gebrauch umgestaltet, ja sogar profaniert worden sind.

Es wird in dem Folgenden Luthers Bibelübersetzung citiert[7], denn diese allein ist seit mehr als drei Jahrhunderten Volksbuch; und so findet man denn auch, weil sie das Volk aus der Bibel citiert, Worte hier eingereiht, die streng genommen nicht biblisch, sondern luthersch, ja sogar manchmal vorluthersch sind. Auch bleibt in diesem Kapitel die Reihenfolge der Bücher so unchronologisch, wie sie uns durch Luther zur Gewohnheit wurde.—

[7] Wo in diesem Buche Luthers Werke ohne weiteren Zusatz citiert werden, ist die Erlanger Ausgabe gemeint.[S. 3]

Ein wüster Zustand der Verwirrung heisst uns nach 1. Mose 1, 2 ein

Tohuwabohu

(nach den hebräischen Ausdrücken für "wüste und leer").—

1. Mos. 1, 3 steht:

Es werde Licht.—

1. Mos. 1, 12 schliesst:

Und Gott sahe, dass es gut war.—

Den Menschen nennen wir nach 1. Mos. 2, 7 einen

Erdenkloss.—

Nach 1. Mos. 2, 9 u. 17, wo von dem "Baum des Erkenntnisses Gutes und Böses" die Rede ist, dessen Früchte der Herr dem ersten Menschenpaar zu geniessen verbietet (s. 3, 2-6), wurden die Worte üblich:

Vom Baum der Erkenntniss essen

und:

Die verbotene Frucht.—

Nach 1. Mos. 2, 18 citieren wir:

Es ist nicht gut, dass der Mensch allein sei,

und:

Mann und Frau sind Eins

nach 1. Mos. 2, 24: "Darum wird ein Mann seinen Vater und seine Mutter verlassen und an seinem Weibe hangen, und sie werden sein Ein Fleisch" (vrgl. Matth. 19, 5).—

Aus 1. Mos. 2, 23, wo Adam von Eva sagt: "Das ist doch Bein von meinen Beinen, und Fleisch von meinem Fleisch", entnehmen wir:

Fleisch von meinem Fleisch und Bein von meinem Bein.—

1. Mos. 3, 5 lesen wir das Schlangenwort: "Und werdet sein wie Gott und wissen, was gut und böse ist". Die Vulgata giebt: "Eritis sicut Dii". "Und werdet sein wie die Götter". Wir aber citieren die Stelle so, wie sie Goethe in der Schülerscene des "Faust" anwendet:

[S. 4]

Eritis sicut Deus, scientes bonum et malum.

Und werdet sein wie Gott und wissen, was gut und böse ist.

Die Verwendung bei Goethe dürfte durch Agrippa von Nettesheim vermittelt sein, der im Anfange seines Werkes "de incertitudine et vanitate omnium scientiarum", Köln 1527, sich dahin äussert, die Wissenschaft erhebe zu Gott nur im Sinne dieses Spruches der Schlange. "Eritis sicut Deus" wurde zum Titel eines die Philosophen, besonders Fr. Th. Vischer, verspottenden Romans erkoren, der 1855 anonym zu Hamburg erschien und dessen fromme Verfasserin Wilhelmine Canz hiess.—

Nach dem Sündenfall heisst es 1. Mos. 3, 7 von Adam und Eva, sie "wurden gewahr, dass sie nackend waren; und flochten Feigenblätter zusammen, und machten ihnen Schürzen". Hiernach ward uns das

Feigenblatt

ein bildlicher Ausdruck für "schamhafte Verhüllung".—

1. Mos. 3, 16 spricht Gott zu Eva: "dein Wille soll deinem Manne unterworfen sein, und

Er soll dein Herr sein".—

1. Mos. 3, 19 steht:

Im Schweisse deines Angesichts sollst du dein Brod essen,

und:

Denn du bist Erde und sollst zu Erde werden.

Dies citieren wir auch mit Sirach 41, 11 (vrgl. 42, 13 u. Pred. Sal. 12, 7) in der Form:

Alles, was aus der Erde kommt, muss wieder zur Erde werden.—

1. Mos. 4, 9 fragt Kain:

Soll ich meines Bruders Hüter sein?—

Der Ausdruck

himmelschreiend

beruht auf 1. Mos. 4, 10; 18, 20; 19, 13; 2. Mos. 3, 7; 22, 23; Jakobi 5, 4. Die alte Dogmatik hatte hieraus den Begriff der "schreienden Sünden", der "peccata clamantia" gebildet und diese in folgenden Versen aufgezählt:

[S. 5]

Clamitat ad coelum vox sanguinis et Sodomorum,

Vox oppressorum, viduae, pretium famulorum.

Es schreit zum Himmel

die Stimme des Bluts und der Sodomiter, die Stimme der

Unterdrückten, der Witwe, der Arbeiter Lohn.—

Nach 1. Mos. 4, 15: "Und der Herr machte ein Zeichen an Kain, dass ihn niemand erschlüge", reden wir von einem

Kainszeichen

in dem fälschlichen Sinne, als stünde geschrieben, dass der Herr sichtbarlich Kain zum Mörder stempelte.—

1. Mos. 5, 24 heisst es von Henoch: "Und dieweil er ein göttlich Leben führte, nahm ihn Gott hinweg

und ward nicht mehr gesehen".

Dies Wort ist oft dichterisch als Schlusseffekt verwendet worden[8].—

[8] Z. B. von Wieland am Schlusse des "Musarion"; von Goethe am Schlusse der Ballade "der Fischer"; von Schiller in der "Braut von Messina", als Manuel dem Chor seine Liebe enthüllt; und von Tiedge am Schlusse des Gedichtes "Jenny" in Beckers "Taschenb. z. gesell. Vergnüg." Leipzig 1804. S. 259.

Nach diesem Spruch (oder nach 1. Mos. 6, 9) sagt man auch:

Ein göttliches Leben führen,

ohne mehr an Henochs oder Noahs Wandel zu denken, sondern im Märchensinne des Schlaraffenlebens.—

Zur Bezeichnung eines sehr hohen Alters dient

Methusala, gewöhnlich: Methusalem,

welcher nach 1. Mos. 5, 27 das Alter von 969 Jahren erreichte.—

Den Weg alles Fleisches gehen

für "zu Grunde gehen" entnehmen wir wohl aus 1. Mos. 6, 12-13: "Da sahe Gott auf Erden, und siehe, sie war verderbet; denn alles Fleisch hatte seinen Weg verderbet [S. 6]auf Erden. Da sprach Gott zu Noah: Alles Fleisches Ende ist vor mich gekommen, denn die Erde ist voll Frevels von ihnen; und siehe da, ich will sie verderben mit der Erde". Auch 1. Kön. 2, 2: "ich gehe hin den Weg aller Welt", ist zu beachten und Hiob 16, 22 (s. unten).—

1. Mos. 6, 4 steht:

Berühmte Leute.—

Nach 1. Mos. 6, 17; 7, 10 u. 17; 9, 11 u. 15; Psalm 29, 10; Weisheit 10, 4; Sirach 40, 27; Matth. 24, 38 u. 39; 2. Petri 2, 5; 3, 6 reden wir mit Luther von einer

Sündflut

anstatt von einer Sintflut (Sint-Fluot d. i. grosse Flut), wie die genaueren Gelehrten nun zu schreiben pflegen.—

Das Ölblatt,

welches nach 1. Mos. 8, 11 die zweite von Noah ausgesandte Taube heimbrachte, gilt bis heute als Zeichen der Beschwichtigung, der Versöhnung und des Friedens.—

1. Mos. 8, 21 (vrgl. 1. Mos. 6, 5) steht:

Das Dichten des menschlichen Herzens ist böse von Jugend auf.—

Zur Bezeichnung eines leidenschaftlichen Jägers dient Noahs Enkel

Nimrod

nach 1. Mos. 10, 9: "Daher spricht man: Das ist

ein gewaltiger Jäger vor dem Herrn

wie Nimrod".—

Menschenkind(er),

kommt 1. Mos. 11, 5 und sonst noch sehr oft in der Bibel vor, namentlich im Hesekiel.—

[S. 7]

Babylonische Verwirrung

stammt aus 1. Mos. 11, 9: "Daher heisset ihr Name Babel, dass der Herr daselbst verwirret hatte aller Länder Sprache . . ."—

Gnade vor deinen (meinen) Augen finden

beruht auf 1. Mos. 18, 3; 19, 19; 2. Mos. 33, 12. 13. 16. 17.—

1. Mos. 18, 14 (vrgl. Jerem. 32, 27) steht: "Sollte dem Herrn etwas unmöglich sein?" und danach Jerem. 32, 17 "und ist kein Ding vor dir (Herr) unmöglich", was dann bei Luk. 1, 37 (vrgl. Matth. 19, 26; Mark. 10, 27; Luk. 18, 27) also lautet:

bei Gott ist kein Ding unmöglich.—

Auf 1. Mos. 19 beruht

Sodom und Gomorrha,

eine oft in der Bibel wiederkehrende Bezeichnung lasterhafter Stätten.—

Mit Blindheit geschlagen werden

steht 1. Mos. 19, 11; 5. Mos. 28, 28; 2. Kön. 6, 18 und "Weisheit" 19, 16.—

Zur Salzsäule werden

heisst uns "vor Entsetzen erstarren" nach 1. Mos. 19, 26 "Und sein (Lot's) Weib sahe hinter sich und ward zur Salzsäule". Der Herr hatte zu Lot und den Seinen gesagt, als die Engel sie fortführten aus dem der Vernichtung anheimfallenden Sodom (17): "Errette deine Seele und siehe nicht hinter dich".—

Nach 1. Mos. 22, 17; 32, 12; 41, 49; Jesaias 10, 22; 1. Kön. 4, 20; Hosea 1, 10; Gebet Asariae 36; Römer 9, 27 und anderen ähnlichen Schriftstellen sagen wir

Wie Sand am Meer.—

[S. 8]

Aus 1. Mos. 23, 4. 9. 20; 49, 30; 50, 13 kommt uns das Wort:

Erbbegräbnis.—

1. Mos. 23, 6 heisst es: "begrabe deinen Todten in unsern ehrlichsten Gräbern", Sirach 38, 16: "bestatte ihn ehrlich zum Grabe" und 2. Macc. 4, 49: "und liessen sie ehrlich zur Erde bestatten". Hieraus bildeten wir das Wort

ein ehrliches Begräbnis.—

Nach 1. Mos. 25, 34 nennen wir etwas Wertloses, wofür etwas Wertvolles preisgegeben wird,

ein Linsengericht;

denn für ein solches mit Brod verkaufte Esau dem Bruder Jakob seine Erstgeburt (vrgl. Ebr. 12, 16).—

Gotteshaus

wird für "Kirche" oder "Tempel" gebraucht nach 1. Mos. 28, 22; Richter 17, 5; Matth. 12, 4. Kühnerweise schrieb Zesen sich diese Erfindung zu [s. unt. a. a. O. bei "Gottestisch"].—

Nach 1. Mos. 31, 20; 2. Sam. 15, 6 sagen wir:

Einem das Herz stehlen

und danach:

Herzensdieb.—

Die Kinder Israël

werden 1. Mos. 32, 32 und auch sonst häufig in der Bibel genannt.—

1. Mos. 33, 9 steht

Behalt, was du hast,

was sich Offenbar. Joh. 3, 11 in der Form: "Halt, was du hast" wiederholt, während es ebenda 2, 25 heisst: "(Doch) was ihr habt, das haltet, (bis dass ich komme)".—

[S. 9]

Nach 1. Mos. 34, 1 wird ganz willkürlich von Männern auf Freiersfüssen gesagt:

ausgehen, um die Töchter des Landes zu besehen;

denn Jakobs und Leas Tochter Dina, so steht geschrieben, "ging heraus, die Töchter des Landes zu sehen".—

Nach 1. Mos. 37, 27: "Es ist unser Bruder, Fleisch und Blut", nennen wir die nächsten Angehörigen unser

Fleisch und Blut.—

1. Mos. 37, 35 steht für "sterben":

in die Grube fahren,

ein oft in der Bibel wiederkehrender Ausdruck.—

Habeat sibi,

meinetwegen,

oder, wie Luther übersetzt: "Sie hab's ihr", ist aus 1. Mos. 38, 23 entlehnt (vrgl. Sueton: "Julius Cäsar", 1).—

Keusch wie Joseph

ist entwickelt aus 1. Mos. 39.—

Pharaos Traum, 1. Mos. 41, von "sieben schönen fetten Kühen", die von "sieben hässlichen und mageren Kühen" gefressen und von "sieben dicken und vollen Ähren", die von "sieben mageren Ähren" verschlungen werden, wird von Joseph dahin gedeutet, dass in ganz Ägyptenland "sieben reiche Jahre" und nach denselben "sieben Jahre teure Zeit" kommen würden. Hiernach sprechen wir von

Fetten Jahren und mageren Jahren.—

Aus 1. Mos. 41, 43, wo geschrieben steht, dass Pharao vor Joseph her ausrufen liess: "Der ist des Landes Vater" stammt

Landesvater,

oder aus Cicero "pr. Sest." 57: "pater patriae", "Vater des Vaterlands".—

[S. 10]

Benjamin

als Bezeichnung des jüngsten Kindes und Lieblingssohnes beruht auf 1. Mos. 42, 4 und 43, 6 und 14.—

Nach 1. Mos. 44, 4; 1. Sam. 24, 18; 25, 21 und Jerem. 18, 20 sagen wir:

Gutes mit Bösem vergelten.

"Arges um Gutes thun" steht Psalm 35, 12; 38, 21 und: "Vergeltet nicht Böses mit Bösem" 1. Petri 3, 9; daher unser:

Böses mit Bösem vergelten.—

Nach 2. Mos. 1, 14: "Und (die Ägypter) machten ihnen (den Kindern Israel) ihr Leben sauer, mit schwerer Arbeit in Thon und Ziegeln und mit allerlei Fröhnen auf dem Felde", sagen wir:

Einem das Leben sauer machen.—

Wir sprechen von einem gesegneten Lande,

darinnen Milch und Honig fliesst

nach 2. Mos. 3, 8. Der Ausdruck wiederholt sich häufig in der Bibel und ist auch in den klassischen Sprachen bekannt[9].—

[9] Vrgl. Gualterus Robert-tornow: "De apium mellisque apud veteres significatione et symbolica et mythologica" (Berolini apud Weidmannos, 1893, p. 82-85).—

Zeichen und Wunder,

2. Mos. 7, 3 wiederholt sich ebenfalls oft in der Bibel. Auch im Aelian (2. Jahrh. n. Chr.; "Variae historiae" 12, 57) findet sich der Ausdruck σημεῖα καὶ τέρατα, also in derselben Form, wie im Neuen Testament an vielen Stellen, z. B. Matth. 24, 24.—

Der Finger Gottes

beruht zunächst auf 2. Mos. 8, 19, wo die Zauberer, weil [S. 11]Aaron Läuse aus dem Staube entstehen lassen konnte, zu Pharao sprechen: "Das ist Gottes Finger". Luk. 11, 20 spricht Jesus vom Austreiben der Teufel "durch Gottes Finger".—

Wir reden von der

Ägyptischen Finsternis

nach 2. Mos. 10, 22: "Da ward eine dicke Finsternis in ganz Ägyptenland drei Tage".—

2. Mos. 14, 17. 18 und Psalm 46, 11 heisst es:

Ehre einlegen.—

2. Mos. 15, 10: "Da liessest du deinen Wind blasen, und das Meer bedeckte sie" . . "Flavit spiritus tuus et operuit eos mare" . . . rief ein viel citiertes Wort hervor. Auf die Vernichtung der gegen England gesandten Riesenflotte Philipps II., der Armada, durch die August- und Septemberstürme d. J. 1588 schlugen nämlich die Holländer in Middleburg eine Dank- und Denkmünze. Die eine Seite trägt mit den Wogen kämpfende Schiffe und die Umschrift: "Flavit Jehovah et dissipati sunt" ("Jehovah" in hebräischen Lettern auf einem Gewölk: vergl. Van Loon "Nederlandsche Historipenningen" 1, 392). Die andere Seite zeigt als Sinnbild des Protestantismus eine auf meerumbrandetem Fels festgegründete Kirche, darunter des Moritz von Nassau Wappenschild und um den Rand die Worte: "Allidor non laedor" ("mag es an mir anprallen, wird es doch an mir abprallen"). Irrtümlich schreibt Addison ("Spectator" No. 293) eine solche Denkmünze mit der Inschrift: "Afflavit Deus et dissipantur" der Königin Elisabeth von England zu, und Schiller bringt, nach Mercier ("Portrait de Philippe second" Amst. 1785. "Précis historique" p. IX), in [S. 12]der Anmerkung zu seinem Gedicht "Die unüberwindliche Flotte" (1786, "Thalia" II, 71) denselben Irrtum nebst der nun durch ihn landläufig gewordenen Änderung der Devise:

Afflavit Deus et dissipati sunt,

die er am Schluss des Gedichtes also übersetzt:

"Gott der Allmächt'ge blies,

Und die Armada flog nach allen Winden".

Dies lautet in Racines "Athalie" (1691) 5, 6, 3-4:

"Comme le vent dans l'air dissipe la fumée,

La voix du tout-Puissant a chassé cette armée . . ."

und in Martin Crugots "Der Christ in der Einsamkeit" (1756, J. Korn, Breslau): "Der Allmächtige blies und zerstäubete die Unüberwindliche wie Spreu, welche der Wind zerstreuet". Vrgl. "Martin Crugot, der ältere Dichter der unüberwindlichen Flotte Schillers". Urkundlich nachgewiesen von Karl Hermann Manchot (Bremen, C. W. Roussell, 1886. S. 23).—

Auf 2. Mos. 16, 15. 33. 35 (vrgl. Psalm 78, 24; Joh. 6, 31. 49. 58), beruht:

Manna in der Wüste.—

Wollen wir bezeichnen, dass sich jemand nach einer äusserlich besseren Lage zurücksehnt, so sagen wir mit Anlehnung an 2. Mos. 16, 3 (vrgl. 4. Mos. 11): "Wollte Gott, wir wären in Ägypten gestorben, durch des Herrn Hand, da wir bei den Fleischtöpfen sassen", dass er sich zurücksehnt nach

den Fleischtöpfen Ägyptens.—

2. Mos. 21, 24; 3. Mos. 24, 20; 5. Mos. 19, 21; Matthäi 5, 38 steht:

Auge um Auge, Zahn um Zahn.—

Die Verehrung des Reichtums und die Sucht nach Metallbesitz bezeichnen wir fälschlich nach 2. Mos. 32 (wo wörtlich 'gegossenes Kalb' steht) mit

[S. 13]

Anbetung des goldenen Kalbes; Tanz ums goldene Kalb;

denn in der betreffenden Stelle handelt es sich um ein Götzenbild, welches die Israeliten allerdings anbeteten und umtanzten, zu dessen Herstellung sie sich aber ihres goldenen Geschmeides entäussert hatten; auch liefert Ch. Beke (in "The Idol of Horeb: Evidence that the Golden Image was a Cone and not a Calf", 1871) den Beweis, dass die eigentliche Bedeutung des hebräischen Wortes nicht "Kalb", sondern "Kegel" ist.—

Aus 2. Mos. 23, 6; 5. Mos. 16, 19; 24, 17; 27, 19; 1. Sam. 3, 3; Hiob 34, 12 (vrgl. auch Sprichw. 17, 23; 18, 5; Jes. 10, 2) entnehmen wir:

das Recht beugen,

nach Luther, der so übersetzt, gleichviel ob in der Vulgata "declinare", "opprimere", "subvertere" oder "pervertere" steht. Aber es entstand unabhängig von ihm aus den Vulgataworten (5. Mos. 27, 19 vrgl. dazu 24, 17 und Hiob 34, 12): "maledictus, qui pervertit iudicium . . ." die Wendung:

das Recht verdrehen

und daraus:

Rechtsverdreher

und:

Rechtsverdrehung.—

Nach 2. Mos. 32, 27: ". . Gürte ein jeglicher sein Schwert auf seine Lenden . ." sagen wir für "sich kampfbereit machen":

Seine Lenden mit dem Schwert gürten.—

2. Mos. 33, 11 steht geschrieben: "Der Herr aber redete mit Mose

von Angesicht zu Angesicht,

wie ein Mann mit seinem Freunde redet".—

Auf 3. Mos. 16 (vrgl. 4. Mos. 7, 16ff.; 15, 24; 28 u. 29) beruht der Ausdruck:

[S. 14]

Sündenbock,

von welchem Vers 21 und 22 geschrieben steht: "Da soll denn Aaron seine beide Hände auf sein Haupt legen, und bekennen auf ihm alle Missethat der Kinder Israel, und alle ihre Übertretung in allen ihren Sünden; und soll sie dem Bock auf das Haupt legen, und ihn durch einen Mann, der vorhanden ist, in die Wüste laufen lassen: dass also der Bock alle ihre Missethat auf ihm in eine Wildnis trage".—

Aus 3. Mos. 19, 18: "Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst" ("als dich selbst": Matth. 5, 43; 22, 39; Mark. 12, 31; Röm. 13, 9) entsprangen die Worte:

Nächstenliebe

und (Gal. 5, 14):

Liebe deinen Nächsten als dich selbst.—

3. Mos. 19, 32 lautet: "Vor einem grauen Haupt sollt ihr aufstehen und die Alten ehren"; daher wir sagen:

Ein graues Haupt ehren.—

Aus 3. Mos. 19, 36: "Ihr sollt nicht ungleich handeln am Gericht, mit der Elle, mit Gewicht, mit Maas" stammt die Wendung:

Mit gleicher Elle messen.—

3. Mos. 20, 4 steht für "gegen Einen nachsichtig sein": dem Menschen

Durch die Finger sehen.—

3. Mos. 24, 11-16 (vrgl. Daniel 7, 25) lesen wir von Einem, der "des Herrn Namen lästert" und danach 2. Macc. 13, 6 das Wort:

Gotteslästerer

und 2. Macc. 15, 24, wie Matth. 26, 25; Mark. 2, 7; 3, 28; 14, 64; Luk. 5, 21:

Gotteslästerung.

[S. 15]

Hier giebt der Grundtext:

Βλασφημία,

Blasphemie,

was bei den Hellenen lediglich "Lästerung" bedeutete.—

3. Mos. Kap. 25 ist überschrieben "Feier- und Jubeljahr", und es wird darin den Kindern Israel befohlen, jedes fünfzigste Jahr mit dem Schall der Posaune (hebräisch: jobel) als ein Erlassjahr anzukündigen, "da jedermann wieder zu dem Seinen kommen soll". Eigentlich müsste es also "Jobeljahr" heissen; aber schon im 6. Jahrh. n. Chr. nennt Arator ("de actib. Apostol." II, 677) dieses jüdische Festjahr "annus iubilaeus". Wir sagen nun von einer seltenen Wiederholung, sie komme

"alle Jubeljahr' mal",

und die katholische Kirche feiert noch heute alle fünfundzwanzig Jahre ein gewinnbringendes Jubel- und Gnadenjahr, welches zuerst Bonifacius VIII. i. J. 1300 für eine hundertjährige Wiederkehr eingesetzt hatte. Die Worte "Jubel, jubeln, jubilieren, Jubelfest, Jubiläum, Jubilar, Jubelgreis", sind alle davon herzuleiten.—

3. Mos. 26, 6; 1. Macc. 7, 50; 9, 57; 14, 11 steht:

Friede im Lande.—

Aus 4, Mos. 6, 25: "Der Herr lasse sein Angesicht leuchten über dir und sei dir gnädig" entnehmen wir:

Sein Angesicht leuchten lassen über Jemandem.—

4. Mos. 9, 23 heisst es von den Kindern Israel: "Nach des Herrn Munde lagen sie und nach des Herrn Munde zogen sie, dass sie auf des Herrn Hut warteten . . ." Dieser Spruch und andere auf den Wachtdienst im Tempel bezügliche Stellen des alten Testamentes (s. 3. Mos. [S. 16]8, 35; 4. Mos. 9, 19; 1. Chron. 24, 32; Nehemia 12, 45; Sacharja 3, 7) trugen bei zur Bildung des Sektennamens

Herrnhuter.

Nämlich der Zimmermann Christian David aus Mähren begründete im Jahre 1722 auf Berthelsdorf, dem Oberlausitzischen Gut des frommen Grafen Zinzendorf, mit neun Anderen am Hutberge eine Niederlassung, aus der die "evangelische Brüdergemeinde" hervorwuchs. Er, der Haushofmeister Georg Heitz und der Magister Christian Gottfried Marche benannten in des Spenders Abwesenheit den Ort "Herrnhut" und David schrieb darüber (s. Ersch und Grubers "Encyclopädie" unter "Brüder-Unität"): "Wir gaben diesem Orte nach dem dabei gelegenen Hutberge den Namen Herrnhut, teils deswegen, weil wir uns immer dabei erinnern sollten, dass der Herr über uns Hüter und Wächter ist, teils um uns täglich zu erinnern, dass wir auch auf der Hut und Wache sein sollen".—

Für Riesenkind, riesig starker Mensch, sagen wir nach 4. Mos. 13, 23. 29. 34 und anderen Stellen des alten Testamentes

Enakskind.—

Aus 4. Mos. 14, 34; 5. Mos. 31, 6. 8; Psalm 74, 11 schöpfen wir das Wort

die Hand abziehen von Einem.—

Die Bezeichnung eines Haufens wüster Polterer durch

die Rotte Korah

ist 4. Mos. 16, 5 entnommen.—

Auf 4. Mos. 31, 26. 27; Josua 22, 8; Eichter 5, 20 beruht:

Den Raub unter sich teilen.—

[S. 17]

Dorn im Auge

ist aus 4. Mos. 33, 55 gebildet, wo es heisst:

"Werdet ihr aber die Einwohner des Landes nicht

vertreiben vor eurem Angesicht, so werden euch

die, so ihr überbleiben lasset, zu Dornen werden

in euren Augen—".—

5. Mos. 1, 17 (vrgl. Sprichw. 24, 25; Joh. 7, 24) steht: "Keine Person sollt ihr im Gericht ansehen" und Hiob 34, 19 heisst es von Gott (vrgl. Hiob 13, 10; Maleachi 1, 9; Sir. 35, 16; Matth. 22, 16; Mark. 12, 14; Luk. 20, 21; Apostelg. 10, 34. 35; Röm. 2, 11; 2. Kor. 19, 7; Gal. 2, 6; Ephes. 6, 9; Col. 3, 25; Jak. 2, 1): "Der doch nicht ansieht die Person der Fürsten und kennt den Herrlichen nicht mehr, denn den Armen". Daher verlangen wir mit 1. Petri 1, 17, man solle richten

Ohne Ansehen der Person.—

Nach 5. Mos. 4, 26 sagen wir:

Himmel und Erde zu Zeugen (an)rufen.—

5. Mos. 4, 29; 6, 15; 10, 12; 26, 16; 30, 2; 30, 6; 30, 10; Josua 22, 5; 23, 14; 1. Kön. 2, 4; 8, 48; 2. Kön. 23, 3. 25; Jerem. 32, 41 steht geschrieben:

Von ganzem Herzen und von ganzer Seele—

und 5. Mos. 30, 19 und 31, 28:

Himmel und Erde zu Zeugen nehmen.—

Aus 5. Mos. 8, 3 ist:

Der Mensch lebt nicht vom Brot allein

entnommen, was wir Matth. 4, 4 und mit Wortumstellung Luk. 4, 4 lesen.—

Für "Einen unbarmherzig strafen" sagen wir:

Einen steinigen

nach 5. Mos. 13, 10; 17, 5; 21, 21. 24.—

[S. 18]

Seine milde Hand aufthun

stammt aus 5. Mos. 15, 11 (vrgl. Psalm 104, 28; 145, 16): "Es werden allezeit Arme sein im Lande; darum gebiete ich dir und sage, dass du deine Hand aufthust deinem Bruder, der bedrängt und arm ist in deinem Lande" und Psalm 37, 21: "Der Gerechte ist barmherzig und milde".—

5. Mose 21, 1-9 wird angeordnet, dass da, wo ein Erschlagener liege, dessen Mörder unbekannt sei, die Ältesten der nächsten Stadt über einer jungen Kuh, der der Hals abgehauen ist, ihre Hände waschen und dabei sagen sollen: "Unsere Hände haben das Blut nicht vergossen, so haben es auch unsere Augen nicht gesehen; sei gnädig deinem Volke Israel, dass du, der Herr, erlöset hast, lege nicht das unschuldige Blut auf dein Volk Israel u. s. w.". Hierauf beruht die uns nach Psalm 26, 6 oder besser Ps. 73, 13 (vrgl. Pilatus bei Matth. 27, 24) geläufige Wendung:

Ich wasche meine Hände in Unschuld,

oder:

Seine Hände in Unschuld waschen.—

Aus 5. Mos. 22, 26 "Sünde des Todes werth" und 1. Joh. 5, 16. 17 "Sünde zum Tode" stammt das Wort:

Todsünde.—

Aus 5. Mos. 24, 1. 3 (vrgl. Matth. 5, 31; 19, 7; Mark. 10, 4; Luk. 16, 18; 1. Kor. 7, 10) stammt der

Scheidebrief.—

Du sollst dem Ochsen, der da drischet, nicht das Maul verbinden

steht 5. Mos. 25, 4 (vrgl. 1. Kor. 9, 9; 1. Timoth. 5, 18). Noch heute wird in Syrien das im Freien ausgebreitete Getreide gedroschen, indem man mit einem ochsenbespannten [S. 19]hölzernen Stuhlschlitten darüberhinfährt, unter dessen Kufen scharfe Steine befestigt sind.—

5. Mos. 25, 18 findet sich:

müde und matt.—

5. Mos. 27, 15-26 steht zwölfmal: "und alles Volk soll sagen: Amen"; Matth. 5, 37: "Eure Rede sei ja, ja . . ." und Offenb. Joh. 22, 20: "Ja, ich komme bald, Amen". Daher unser:

Ja und Amen zu Etwas sagen.—

Aus 5. Mos. 28, 29, wo dem, der nicht auf des Herrn Stimme hörte, prophezeit wird: "Und wirst tappen im Mittage, wie ein Blinder tappet im Dunkeln", citieren wir:

im Dunkeln tappen.

Vrgl. Hiob 5, 14; 12, 25.—

Vom Scheitel bis zur Sohle

sagen wir nach 5. Mos. 28, 35; 2. Sam. 14, 25 und Hiob 2, 7, obwohl wir eigentlich "von der Fusssohle an bis auf die Scheitel" citieren müssten.—

Aus 5. Mos. 28, 37 (vrgl. 1. Kön. 9, 7; 2. Chron. 7, 20; Hiob 17, 6; Jerem. 24, 9; Hes. 14, 8) entnehmen wir:

zum Sprichwort werden

und:

zur Fabel werden.—

Eine Person oder Eigenschaft, die Einem Unehre macht, nennen wir einen

Schandfleck

nach 5. Mos. 32, 5: "Sie sind Schandflecken und nicht seine Kinder", und nach Sir. 20, 26: "Die Lüge ist ein hässlicher Schandfleck an einem Menschen" und 47, 21: ". . und bringest deiner Ehre einen Schandfleck an".—

[S. 20]

Jemanden wie seinen Augapfel behüten

ist aus 5. Mos. 32, 10 und Psalm 17, 8. (Sacharja 2, 8: "Wer euch antastet, der tastet seinen Augapfel an".)—

Traubenblut

für "Wein" finden wir 5. Mos. 32, 14.—

5. Mos. 32, 35 (Röm. 12, 19; Ebr. 10, 30) spricht der Herr:

Die Rache ist mein.—

Mann Gottes

steht 5. Mos. 33, 1 und sonst noch sechzigmal im alten Testamente.—

Josua 1, 14; 8, 3; Richter 3, 29; 18, 2; 20, 17; 1. Chronika 6, 18; 11, 12 finden wir:

streitbare Männer,

Josua 17, 1:

Ein streitbarer Mann.—

Josua 3, 7 verspricht der Herr, "Josua gross zu machen vor dem ganzen Israel", 4, 14 beginnt: "An dem Tage machte der Herr Josua gross vor dem ganzen Israel", und in der "Historie von der Susanne und Daniel" 64 heisst es: "Und Daniel ward gross vor dem Volk". Daher stammt die unserer jüdischen Bevölkerung geläufige Redensart:

Gross vor den Leuten.—

Josua 6, 5. 10. 16. 20; 1. Thess. 4, 16 steht:

Feldgeschrei.—

Nach Josua 10, 24; Psalm 74, 3; Ev. Joh. 13, 18 und Ebräer 10, 29 sagen wir:

Einen mit Füssen treten.—

Josua 24, 15 steht:

Ich (aber) und mein Haus wollen dem Herrn dienen.—

[S. 21]

Josua 24, 16; 1. Samuelis 14, 45; 2. Sam. 20, 20; Römer 3, 4. 6 und öfters in den paulinischen Briefen lesen wir:

Das sei ferne!

vrgl. "Das sei ferne von dir" (1. Mos. 18, 25) und "Das sei ferne von mir" (1. Mos. 40, 7).—

Das Buch der Richter 2, 10 (vrgl. 2. Kön. 22, 20; 2. Chronik. 34, 28; 1. Macc. 2, 69 und auch 1. Mos. 25, 8) schenkt uns das Wort:

zu seinen Vätern versammelt werden.—

Im Buch der Richter 5, 6 (vrgl. Psalm 125, 5) steht: ". . . die da auf Pfaden gehen sollten, die wandelten durch

krumme Wege".—

Im Buche der Richter 6, 12 und Ruth 5, 6 steht:

(Ein) streitbarer Held.—

Als Bezeichnung des Losungswortes für eine Partei gebrauchen wir nach dem Buch der Richter 12, 5. 6:

Schiboleth.

Die Gileaditer hatten sich bei einer Furt des Jordans aufgestellt und richteten an jeden Ephraiter, der hinüber wollte, die Frage: "Bist du ein Ephraiter? Wenn er dann antwortete: Nein; so hiessen sie ihn sprechen: Schiboleth; so sprach er: Siboleth und konnte es nicht reden. So griffen sie ihn" u. s. w.—

Löst jemand eine Aufgabe mit fremder Hülfe, so nennen wir das:

mit fremdem Kalbe pflügen,

nach dem Vorgange Simsons, dessen Weib die Auflösung eines von ihm aufgegebenen Rätsels seiner Verschwiegenheit entlockt und den Ratenden mitgeteilt hatte, worauf er zu ihnen (nach dem Buche der Richter 14, 18) [S. 22]sprach: "Wenn ihr nicht hättet mit meinem Kalbe gepflüget, ihr hättet mein Rätsel nicht troffen".—

Brandfuchs

wird (nach Hase: "Ideale und Irrtümer", Lpz. 1872, S. 116) der Student im zweiten Semester genannt, weil ihm, dem "Fuchs", dann einige Haare hinter dem Ohre mit einem Fidibus angebrannt wurden, damit er von nun ab ein Brandfuchs im Kampfe gegen die Philister würde, wie (nach dem Buche der Richter 15) Simson gegen die Felder, Gärten und Weinberge der Philister dreihundert Füchse aussendete, von denen je zwei einen Brand zwischen ihren Schwänzen hatten.—

Philister

für Nichtstudent, Widersacher des Studententums, soll darauf beruhen, dass, als am Ende des 17. Jahrhunderts[10] bei Händeln in Jena zwischen den Studenten und den Einwohnern der Johannisvorstadt ein Student erschlagen worden war, der Oberpfarrer und Generalsuperintendent Lic. theol. Götze ihm die Leichenrede über den im Buche der Richter (16) viermal vorkommenden Text gehalten habe:

"Philister über dir,

Simson". (vrgl. Schmeitzel in den "Wöchentlichen Hallischen Anzeigen", 1746 Sp. 177 und E. B. Wiedeburg "Beschreib. d. Stadt Jena", Jena 1785, S. 155.)

[10] In "Jena und Umgegend, Taschenbuch für Fremde" von H. Ortloff wird jedoch das Jahr 1624 angegeben.

Hingegen nach Oskar Justinus ("Schlesische Zeitung" Nr. 520, 1879) haben diejenigen Häuser der ehemaligen Universitätsstadt Helmstädt, welche in irgend einer Beziehung zur Universität standen, Tafeln mit einem Simson, der einem Löwen den Rachen aufreisst. Dies vom Kaiser Maximilian verliehene Siegel hätte zuwege gebracht, dass man alle, welche [S. 23]nicht unter diesem Zeichen standen, also alle Nichtakademiker, mit dem Namen der von Simson bekämpften Philister belegte. Friedrich Kluge bezweifelt diese Deutung mit Recht in seinem "historischen Wörterbuche der Studentensprache" (K. J. Trübner. Strassburg 1895).—

Dass sich ein Volk erhebt

wie Ein Mann

ist ein Wort, das wir dem Buche der Richter 20, 1. 8. 11; Esra 2, 64; 3, 1. 9; 6, 20 und Nehemia 7, 66; 8, 1 entlehnen.—

1. Samuelis 1, 15; Psalm 42, 5 und 62, 9 entstammt:

Sein Herz ausschütten.—

Nach 1. Samuelis 3, 11 (vrgl. 2. Könige 21, 12): "Wer das hören wird, dem werden seine beiden Ohren gellen" und Jeremias 19, 3: "ich will ein solch Unglück über diese Stätte gehen lassen, dass, wer es hören wird, ihm die Ohren klingen sollen" . . sagen wir, dass Einem

die Ohren gellen oder klingen.—

1. Samuelis 3, 13 (vrgl. Hiob 21, 5; Matth. 6, 16) heisst es von Eli, "dass er wusste, wie seine Kinder sich schändlich hielten, und hätte nicht einmal

sauer dazu gesehen".—

Nach 1. Samuelis 5, 9 und 11 sagen wir:

Einen grossen Rumor machen.—

Nach 1. Samuelis 9, 2, wo es von Saul heisst: "der war ein junger feiner Mann" sagt man wohl:

ein feiner junger Mann;

doch wird darunter nicht mehr, wie dort, ein stattlich gewachsener, sondern ein wohlanständiger Jüngling verstanden und auch spöttisch ein ladenmässig geschniegelter.—

Das von Goethe am Ende von "Wilhelm Meister's Lehrjahren" angewendete:

[S. 24]

Saul, der Sohn Kis, ging aus, seines Vaters Eselinnen zu

suchen und fand ein Königreich

erklärt sich aus 1. Samuelis, Kap. 9 und 10.—

Wie kommt Saul unter die Propheten?

hat folgenden Ursprung. Einer Prophetenschar begegnend und vom Geiste Gottes ergriffen, fing Saul auch an, unter ihnen zu weissagen, und sie sprachen (1. Samuelis 10, 11); "Ist Saul auch unter den Propheten?" und "Daher", heisst es 1. Samuelis 10, 12, "ist das Sprichwort kommen: Ist Saul auch unter den Propheten?" (vrgl. 1. Sam. 19, 24.)—

Ein Mann nach dem Herzen Gottes

beruht auf 1. Samuelis 13, 14 und Apostelg. 13, 22.—

1. Samuelis 16, 7 steht geschrieben: "Ein Mensch siehet, was vor Augen ist, der Herr aber siehet das Herz an". Hieraus schöpfen wir unser:

Gott sieht aufs Herz.—

Nach 1. Samuelis 17 nennen wir einen hochgewachsenen Mann einen

Goliath oder einen Riesen Goliath.—

Als ein Beispiel inniger Freundesliebe gelten uns

David und Jonathan

nach 1. Samuelis 18, 1-7; 19, 1; 20, 17; 23, 18; 2. Samuelis 1, 26; 21, 7 (s. unten: 1. Macc. 10 und 11).—

Nach 1. Samuelis 25, 17. 25; 2. Samuelis 20, 1, wo aber "Mann" steht, sagen wir:

Ein heilloser Mensch.—

2. Samuelis 8, 13 lesen wir:

Sich einen Namen machen.—

Das bekannte Wort:

Krethi und Plethi,

d. h. die Kreter (nach anderen die Karer) und Philister, [S. 25]welche die Leibwache des Königs bildeten, steht 2. Samuelis 8, 18; 15, 18; 20, 7. 23; 1. Könige 1, 38. 44; 1. Chronica 19, 17 und es ist uns gleichbedeutend mit "allerlei Pöbel".—

Als nach 2. Samuelis 10, 5 und 1. Chronika 20, 5 der Ammoniterkönig Hanon den abgesendeten Dienern des Königs David hatte die Haare scheren lassen, liess David ihnen sagen: "Bleibet zu Jericho, bis euer Bart gewachsen", woraus jene volkstümliche Abfertigung an einen frühklugen Unbärtigen entstand:

Gehe nach Jericho und lass dir den Bart wachsen.—

Nach 2. Samuelis 11, 14 u. 15 nennt man einen Brief, welcher dem Überbringer Unheil bringt:

Uriasbrief,

denn David schickte an Joab den Uria mit einem Briefe des Inhalts: "Stellet Uria an den Streit, da er am härtesten ist, und wendet euch hinter ihm ab, dass er erschlagen werde und sterbe". Und also geschah es.—

2. Samuelis 12, 5 steht:

Kind des Todes,

1. Sam. 26, 16; Psalm 79, 11; 102, 21: "Kinder des Todes".—

Aus 2. Samuelis 15, 14 stammt:

Kein Entrinnen.—

2. Samuelis 16, 7 u. 8 nennt Simei den David einen

Bluthund;

und Sirach 34, 27 lautet: "Wer dem Arbeiter seinen Lohn nicht giebt, der ist ein Bluthund".—

2. Samuelis 18, 9 berichtet von Absalom, der auf einem Maultier ritt: "da das Maulthier unter eine grosse dicke Eiche kam, behing sein Haupt an der Eiche und [S. 26]schwebete zwischen Himmel und Erde, aber sein Maulthier lief unter ihm weg". Danach brauchen wir die Wendung:

zwischen Himmel und Erde schweben.—

Aus 2. Samuelis 18, 33 und 19, 4 stammt:

O mein Sohn Absalom!—

1. Könige 2, 2 sagt der sterbende David zu seinem Sohne Salomo:

sei ein Mann.—

1. Könige 3, 7 spricht Salomo zu Gott: ". . bin . . ein kleiner Knabe, weiss nicht weder meinen Ausgang noch Eingang". Daher sagen wir:

nicht aus noch ein wissen.—

Auf 1. Könige 3, 16-28 beruht:

Salomonisches Urteil.

Es wird da eine junge Mutter von einer anderen bei Salomo verklagt, sie habe der Schlummernden ihr eigenes im Schlaf erdrücktes Kind untergeschoben und sich deren lebendes genommen, was die Bezichtigte läugnet. Um die Wahrheit herauszubringen, entscheidet der König, das lebendige Kind solle mit dem Schwert in zwei Teile geteilt werden und jeder eine Hälfte zufallen. Die eine willigt darein, die andere aber will dann lieber ganz verzichten, "denn ihr mütterliches Herz entbrannte über ihren Sohn". Da sprach Salomo: "Gebt dieser das Kind lebendig und tötet es nicht; die ist die Mutter."—

Weise wie Salomo, Weisheit Salomos oder Salomonis, salomonische Weisheit

beruht auf 1. Könige 4, 29. 30. 31. 34; 5, 7. 12; 10, 4. 6. 7. 8. 23. 24; 11, 41; 2. Chronika 1, 10. 11. 12; 9, 3. 5. 6. 7. [S. 27]22. 23; Luk. 11, 31 und dem Titel des apokryphischen Buches "die Weisheit Salomons an die Tyrannen".—

1. Könige 12, 11 sprechen "die Jungen, die mit ihm aufgewachsen waren" zu Rehabeam, Salomos Sohn, er möge dem um Erleichterung flehenden Volke antworten: "mein Vater hat euch mit Peitschen gezüchtigt, Ich aber will euch

mit Scorpionen (d. h. mit Geisseln) züchtigen".—

1. König 22, 22 und 23 ist die Rede von "einem falschen Geist in aller Propheten Munde" (vrgl. Jesais 9, 15; Jerem. 5, 31; 6, 13; 14, 14; 23, 25 und 26), danach reden wir mit Matth. 7, 15; 24, 11; Mark. 13, 22; 2. Petri 2, 1; 1. Joh. 4, 1; Offenb. 16, 13; 15, 20 und 20, 10 von

falschen Propheten.—

Aus 2. Könige 4, 40 entnehmen wir den Klageruf über schlechtes Essen:

der Tod im Topf!—

1. Chronica 13, 18 steht:

Friede sei mit dir.—

1. Chronica 13, 19 sagen die Fürsten der Philister von David: "wenn er zu seinem Herrn Saul fiele, so möchte es uns unsern Hals kosten"; daher die Wendung:

es kostet den Hals.—

1. Chronica 17, 34; Psalm 106, 1; 107, 1; 118, 1. 29; 1. Maccab. 4, 24; Gesang der drei Männer im Feuer, 89, (vrgl. 2. Chronika 7, 3; Psalm 136, 1; Esra 3, 11) steht:

Danket dem Herrn, denn er ist freundlich und seine Güte währet ewiglich.—

Esra 9, 6 schliesst: "unsere Missethat ist über unser [S. 28]Haupt gewachsen und unsere Schuld ist gross bis in den Himmel". Danach sagen wir:

Sich Etwas über den Kopf wachsen lassen.—

Für "Alles was dazu dient, eine leere Stelle auszufüllen", sagen wir:

Lückenbüsser,

nach Nehemia 4, 7: "da aber Saneballat, und Tobia, und die Araber, und Ammoniter, und Asdoditer höreten, dass die Mauern zu Jerusalem zugemacht waren, und dass sie die Lücken angefangen hatten zu büssen (veraltet für: "ausbessern, flicken"), wurden sie sehr zornig".—

Im Sack und in der Asche trauern (oder) Busse thun

beruht auf Esther 4, 1 und 3 (vrgl. Jes. 58, 5; Jerem. 6, 26; Jona 3, 6; 1. Maccab. 3, 47; Matth. 11, 21; Luk. 10, 13).—

In dem Buche Hiob 1, 1 u. 8; 2, 3 (vrgl. 2. Sam. 15, 3; Ps. 25, 21) wird Hiob bezeichnet als

schlecht (d. i. schlicht) und recht.—

Eine unglückliche Botschaft nennen wir eine

Hiobspost

nach Hiob 1, 14. 16. 17 und 18; während

Arm wie Hiob

sich auf das ganze Buch oder noch passender auf Hiob 17, 6 stützt: "Er hat mich zum Sprichwort unter den Leuten gesetzt".—

Der Herr hat's gegeben, der Herr hat's genommen, der

Name des Herrn sei gelobet

steht Hiob 1, 21.—

Wenn wir bei einem grossen Schrecken sagen, dass uns

die Haare zu Berge stehen,

so citieren wir damit Hiob 4, 15: "Und da der Geist [S. 29]vor mir über ging, standen mir die Haare zu Berge an meinem Leibe".

Sir. 27, 15 "gehen" Einem die Haare zu Berge.—

Hiob 8, 9 heisst es:

(Denn) wir sind von gestern (her und wissen nichts).—

Aus Hiob 10, 22: "(Ehe denn ich hingehe) in das Land, da es stockdick finster ist . . ." schöpfen wir das Wort:

stockfinster.—

Aus Hiob 15, 32: "und sein Zweig wird nicht grünen" ist die Redensart:

auf keinen grünen Zweig kommen

wahrscheinlich entstanden.—

Ein leidiger Trost

sagen wir nach Hiob 16, 2: "Ihr seid allzumal leidige Tröster".—

Den Weg gehen, den man nicht wiederkommt

stammt aus Hiob 16, 22: "Aber die bestimmten Jahre sind gekommen und ich gehe hin des Weges, den ich nicht wiederkommen werde". S. oben: "Den Weg alles Fleisches gehen".

Nach Hiob 12, 18: "Sie (die Gottlosen) werden sein . . . wie Spreu, die der Sturmwind wegführet," sagen wir von etwas Haltlosem, Vergänglichem, es sei

wie Spreu im Winde.

Vrgl. Psalm 1, 4 "wie Spreu, die der Wind zerstreuet", Psalm 35, 5 "wie Spreu vor dem Winde", sowie Hosea 13, 3 und Zephanja 2, 2.—

Hiob 21, 23; Tobias 5, 28 (vrgl. 8, 15; 14, 15); Sir. 30, 14 und 2. Macc. 9, 20 lesen wir:

frisch und gesund.—

Auf Hiob 25, 3; Psalm 97, 11; 112, 4; Matth. 4, 16 beruht:

[S. 30]

Es geht mir ein Licht auf.—

Hiob 27, 2 steht:

So wahr Gott leb(e)t.—

Aus Hiob 27, 6: ". . mein Gewissen beisst mich nicht" kam uns das Wort:

Gewissensbisse.—

Hiob 29, 10 heisst es: "Da die Stimme der Fürstin sich verkroch und ihre Zunge an ihrem Gaumen klebte"; Ps. 22, 16: "Meine Kräfte sind vertrocknet wie ein Scherben und meine Zunge klebet an meinem Gaumen"; Ps. 137, 6: "Meine Zunge müsse an meinem Gaumen kleben, wo ich deiner (Jerusalem) nicht gedenke"; Klagelieder 4, 4; "Dem Säuglinge klebt seine Zunge am Gaumen vor Durst" und Hesekiel 3, 26: "Ich will die Zunge an deinem Gaumen kleben lassen, dass du verstummen sollst". Danach sagen wir:

Es klebt einem die Zunge am Gaumen

vor Durst, Schreck, Schwäche oder Angst.—

Hiob 29, 16 steht: "Ich war

ein Vater der Armen",

danach wir auch sagen:

Armenvater.—

"Man hat mich in Dreck getreten und gleich geachtet dem

Staub und Asche"

steht Hiob 30, 19 (vrgl. "Erde und Asche" 1. Mos. 18, 27; Sirach 10, 9; "Erde und Staub" Sir. 17, 31).—

Aus Hiob 31, 17: "Habe ich meinen Bissen allein gegessen und nicht der Waise auch davon gegessen?" 18: "Denn ich habe mich von Jugend auf gehalten wie ein Vater . . ." oder aus Sirach 4, 10: "Halte dich [S. 31]gegen die Waisen wie ein Vater . ." bildeten wir das Wort:

Waisenvater.—

Nach Hiob 36, 26: "Siehe, Gott ist gross und unbekannt" sagt man von einem sich in Werken offenbarenden, sonst unsichtbar bleibenden bedeutenden Geist:

Der grosse Unbekannte.

So wurde (nach J. Ebertys "Walter Scott" 1, 143, 318, 322; 2, 42) der anonyme Verfasser des "Waverley" genannt ("The great Unknown") und Lenau singt ("der Hagestolz"):

"Die Schädelpfeif' hat auch geraucht,

Als drin das Leben brannte,

Als noch der Raucher drein gehaucht,

Der grosse Unbekannte".—

Des Herren Worte an das Meer:

Bis hierher sollst du kommen und nicht weiter; hie sollen sich legen deine stolzen Wellen;

finden sich Hiob 38, 11. Gewöhnlich wird, wie in Schillers "Räubern" (2, 1), verkürzt citiert:

Bis hierher und nicht weiter!

Goethe legt die in dem Verse 11 enthaltenen Endworte in der Form: "Werden sich schon legen die stolzen Wellen", der Postmeisterin in "Stella" (1) in den Mund. Die Worte "und nicht weiter" sind sowohl in der von Franzosen und Engländern richtig angeführten Übersetzung:

Nec plus ultra,

wie in der Umformung, die wir damit vorgenommen:

Non plus ultra,

eine Bezeichnung des höchsten Grades einer Eigenschaft geworden.—

[S. 32]

Hiob 39, 30 (vrgl. Habakuk 1, 8) heisst es vom "Adler": "wo ein Aas ist, da ist er", danach wir mit Matth. 24, 28 und Lukas 17, 37 sagen:

Wo (aber) ein Aas ist, da sammeln sich die Adler.—

Auf Hiob 42, 3: ". . Darum bekenne ich, dass ich habe unweislich geredet, dass mir zu hoch ist und nicht verstehe", oder auf Psalm 139, 6 (vrgl. 131, 1): "Solches Erkenntnis ist mir zu wunderlich und zu hoch, ich kann es nicht begreifen" oder auf den "Sprüchen Salomons" 24, 7: "Weisheit ist dem Narren zu hoch"—beruht das Wort:

Das ist mir zu hoch.—

Psalm 1, 1: "Wohl dem, der nicht wandelt im Rat der Gottlosen; noch tritt auf den Weg der Sünder; noch sitzet, da die Spötter sitzen . . ." liefert uns die Worte:

Sitzen, da die Spötter sitzen,

oder:

Auf der Bank der Spötter sitzen.—

Aus Psalm[11] 2, 1: "Warum toben die Heiden?" mag das Wort

Heidenlärm

entstanden sein, was dann für "grosser Lärm" gebraucht ward und in diesem Sinne des Gewaltigen Worte hervorrief wie "Heidengeld", "Heidenprofit", "heidenmässig viel Geld".—

[11] Die folgenden Psaltercitate sind aus Luthers Bibelübersetzung, wie sie jetzt vorliegt. In seiner ersten Übersetzung von 1524 ("Der Psalter deutsch, nach Art ebräischer Sprache") kommen manche in ganz anderer Form vor. Seine zweite Übersetzung ist von 1531; aber in den späteren Ausgaben wurde noch vieles geändert, so dass der heutige Text erst von 1545 stammt.

Aus Psalm 2, 11: "Dienet dem Herrn mit Furcht und freuet euch mit Zittern" stammt

[S. 33]

mit Furcht und Zittern,

was sich Tobias 13, 5; Ephes. 6, 5 und Philipp. 2, 12 wiederholt. Hiob 4, 14 und Ps. 55, 6 steht: "Furcht und Zittern", 1. Kor. 2, 3: "Mit Furcht und grossem Zittern".—

Aus Psalm 4, 4: "Erkennet doch, dass der Herr seine Heiligen wunderlich führet" stammt:

wunderlicher Heiliger

und

Gott führt seine Heiligen wunderlich.—

Aus Psalm 4, 9 (Vulgata): "in pace in idipsum dormiam et requiescam" entnehmen wir, ohne dass dort vom Tode die Rede ist, unseren Wunsch für einen Verstorbenen:

Requiescat in pace!

Er ruhe in Frieden!

und wenden ihn auch auf einen Lebenden an, den wir zu den Toten werfen.—

Psalm 7, 10 (vrgl. Psalm 26, 2; Jerem. 11, 20; 17, 10; 20, 12; Offenbar. 2, 23) bringt uns:

Herzen und Nieren prüfen.—

Psalm 8, 6 steht:

Von Gott verlassen sein

(vrgl. Psalm 22, 2; Matth. 27, 46; Mark. 15, 34).—

Reden ist Silber

beruht wohl auf Psalm 12, 2: "Die Rede des Herrn ist lauter, wie durchläutertes Silber" und Sprüche 10, 20: "Der Gerechten Zunge ist köstliches Silber"; aber welcher Weise setzte hinzu: "Schweigen ist Gold"? Der Prediger Salomo 3, 7 sagt nur: "Schweigen, Reden hat seine Zeit". Manche nennen für "Reden ist Silber und Schweigen ist Gold" den Koran als Quelle, bezeichnen aber klüglich nie die Sure, in der es Mohammed offenbart habe.—

[S. 34]

Zum Spott der Leute werden

sagen wir nach Psalm 22, 7: "Ich aber bin ein Wurm und kein Mensch, ein Spott der Leute und Verachtung des Volks".—

Jugendsünden

entstand aus Psalm 25, 7: "Gedenke nicht der Sünden meiner Jugend".—

Es heisst Psalm 34, 20:

Der Gerechte muss viel leiden,

und 35, 20:

Die Stillen im Lande,

ferner 37, 3:

Bleibe im Lande und nähre dich redlich.—

Aus Psalm 39, 3: "Ich bin verstummet und still und schweige der Freuden und muss mein Leid in mich fressen" stammt das Wort:

Sein Leid in sich fressen.—

Psalm 41, 9 heisst es: "Sie haben ein

Bubenstück

über mich beschlossen: wenn er liegt, soll er nicht wieder aufstehen".—

Aus Psalm 42, 2 citieren Dürstende:

Wie der Hirsch schreiet nach frischem Wasser.—

Den Ausdruck:

Falsche Zunge und falsche Zungen

lesen wir Psalm 52, 6; 120, 2; Sprüche 6, 17; 12, 19; 26, 28; Micha 6, 12.—

Psalm 73, 19 (s. Gefl. Worte aus der Geschichte: Schill) heisst es:

Ein Ende mit Schrecken nehmen.—

Aus Psalm 75, 9 ist der Scherz entwickelt:

Die Gottlosen kriegen die Neige,

oder:

Der Rest ist für die Gottlosen;

[S. 35]

denn der Herr wird dort als ein Schenk dargestellt, der uns aus einem Becher starken Weines tränkt; aber "die Gottlosen" heisst es weiter, "müssen alle trinken und die Hefen aussaufen". Jeremias 25, 15-28 reicht der Herr dem Propheten einen "Becher Weins voll Zorn" zum Ausschenken.—

Jammerthal,

(Psalm 84, 7; nach der Vulgata Ps. 83, 7: "vallis lacrymarum") ist längst vor Luther aus dieser Bibelstelle gebildet worden.

Hugo von Trimberg (1260-1309) wendet es in "Dem Renner", Vers 235 und 896 an. (Nach der Erlanger Handschrift, herausg. in Bamberg 1834-36.) In Grimms Wörterbuch sind eine Menge Stellen angegeben, wo es citiert wird.—

Psalm 90, 10 steht:

Unser Leben währet siebenzig Jahr, und wenn's hoch kommt,

so sinds achtzig Jahr, und wenn's köstlich gewesen ist,

so ist's Mühe und Arbeit gewesen.

Hiernach sagen wir, es erreiche Einer

das Alter des Psalmisten oder das Psalmistenalter.—

Psalm 91, 12 bringt:

Auf (den) Händen tragen,

was, mit Berufung auf diese Stelle, Matth. 4, 6 und Luk. 4, 11 wiederholen. Es wird von den Engeln gesagt, die dafür sorgen, dass der Fuss des Getragenen nicht an einen Stein stosse; und es bedeutet daher "mit Engelsgüte behandeln".—

Aus Psalm 92, 8: "Die Gottlosen grünen, wie das Gras, und die Übelthäter blühen alle" entnehmen wir:

Grünen und blühen.

"Blühen und grünen" soll "Israel" nach Jesaias 27, 6.—

Psalm 94, 15 steht:

(Denn) Recht muss (doch) Recht bleiben.—

[S. 36]

Das nach Psalm 104, 15 "Und dass der Wein erfreue des Menschen Herz" gebildete:

Der Wein erfreut des Menschen Herz

ist der Anfang eines Trinkliedes von Gleim (Sämtl. Werke, hrsg. v. Körte, II, 166), der Ausspruch Bruder Martins in Goethes "Götz" (1. Akt), ferner der Anfang der Arie Nr. 3 aus dem musikalischen Quodlibet "Der Kapellmeister von Venedig" v. Breitenstein (Danzig bei Wedel, ersch. nach Mozarts "Don Juan"), endlich der Anfang eines von Zelter 1795 komponierten Liedes von Karl Müchler in F. W. A. Schmidts "Neuem Berlinischen Musenalmanach" (1797, S. 45), das fälschlich J. H. Voss zugeschrieben und irrig in Fr. v. Sonnenbergs Gedichte (Rudolst. 1808) aufgenommen wurde, (vrgl. Sprüche Salomons 31, 6. 7; Prediger 10, 19; Sirach 32, 34-35; 40, 20.)—

Das auserwählte Volk

werden die Juden genannt nach Psalm 105, 43: "also führte er sein Volk aus mit Freuden und seine Auserwählten mit Wonne" und nach 2. Macc. 5, 19: "Gott hat das Volk nicht auserwählt um der Stätte willen, sondern die Stätte um des Volkes willen."—

Vor den Riss treten,

d. h. "Verluste durch Einsetzung der eigenen Person wieder gut machen", ist ein biblischer Gedanke, s. Psalm 106, 23, Hesekiel 13, 5 und 22, 30. An der ersten Stelle lautet der Ausdruck: "den Riss aufhalten", an der zweiten: "vor die Lücken treten", an der dritten: "wider den Riss stehen".—

Eine durstige Seele

steht Psalm 107, 9 und ebenda (vrgl. Baruch 2, 18):

Eine hungrige Seele.—

Nach Psalm 107, 42: ". . . aller Bosheit wird das Maul gestopfet werden" (vrgl. Matth. 22, 34; Titus 1, 11) sagen wir:

Einem das Maul stopfen.

"Lügenmäuler verstopfen" steht Psalm 63, 12, "den Mund stopfen" Psalm 40, 10 u. Luk. 11, 53.—

[S. 37]

Augen haben und nicht sehen und Ohren haben und nicht hören

beruht auf Psalm 115, 5. 6; 135, 16. 17; Jer. 5, 21; Hesek. 12, 2; Weisheit 15, 15.—

Psalm 116, 11 steht:

Omnis homo mendax,

Alle Menschen sind Lügner.—

Im Texte von Psalm 127, 2: "Denn seinen Freunden giebt er's schlafend", liegt das Wort:

Gott giebt's den Seinen im Schlafe,

oder:

Dem Gerechten giebt's der Herr im Schlafe.—

Als Umgestaltung von Psalm 127, 3: "Siehe, Kinder sind eine Gabe des Herrn" mag gelten:

Viel Kinder, viel Segen.—

Psalm 143, 2: ". . . gehe nicht in's Gericht mit deinem Knechte; denn vor dir ist kein Lebendiger gerecht" giebt uns das Wort:

Mit Einem ins Gericht gehen.—

Psalm 145, 15 und 16 (s. oben 5. Mos. 15, 11) steht das Tischgebet:

Aller Augen warten auf Dich und Du giebst ihnen ihre Speise

zu seiner Zeit. Du thust Deine Hand auf und erfüllest

alles, was lebet, mit Wohlgefallen.—

Der weise Salomo, der "dreitausend Sprüche redete" (1. Könige 4, 32), und der den Sprichwörtern die allgemeingültige Bezeichnung der

Weisheit auf der Gasse

(Sprüche Salomons 1, 20: "Die Weisheit klaget draussen, und lässet sich hören auf den Gassen") verschafft hat, wird natürlich oft citiert.—

"Sprüche" 1, 10 lautet:

(Mein Kind,) wenn dich die bösen Buben

locken, so folge nicht.—

[S. 38]

"Sprüche" 2, 16 warnt vor "eines andern Weib, und die nicht dein ist, die

glatte Worte

giebt".—

"Sprüche" 3, 12 enthält:

Welchen der Herr liebet, den strafet er,

was sich Ebräer 12, 6 ähnlich wiederholt (s. auch Offenbar. Joh. 3, 19):

We(lche)n der Herr lieb hat, den züchtigt er.—

"Sprüche" 4, 24 lesen wir: "Thue von dir den verkehrten Mund und lass das

Lästermaul

ferne von dir sein".—

"Sprüche" 5, 4 heisst es im schlimmen, Ebräer 4, 12 und Offenb. Joh. 1, 16 u. 2, 12 im guten Sinne von einer scharfen Rede, sie sei wie

ein zweischneidig(es) Schwert.

Gedankenlos wird heute dies Wort so citiert, als sei im allgemeinen ein Schwert gemeint, dessen eine Schärfe Heil, dessen andere Unheil bringe.—

"Sprüche" 8, 14 steht: "Mein ist beides

Rat und That";

während es Jeremias 32, 19 heisst: "Gross von Rat und mächtig von That".—

Gestohlenes Wasser schmeckt süss,

sagen wir nach "Sprüche" 9, 17: "Die verstohlenen Wasser sind süsse" (vrgl. 20, 17) und

Unrecht Gut gedeiht nicht,

nach "Sprüche" 10, 2: "Unrecht Gut hilft nicht" (vrgl. Sirach 5, 10; 41, 12 u. unter Kap. X: Sophokles).—

[S. 39]

Dies irae,

der Tag des Zorns, d. h. des Gerichts Gottes, steht, wie "Sprüche" 11, 4 "dies ultionis" und Hesekiel 7, 19 "dies furoris", in der Vulgata Römer 2, 5 (vrgl. Offenb. 6, 16. 17; 11, 18) und bildet den Anfang des Liedes von Thomas von Celano (13. Jahrh.), das beim katholischen Traueramte ertönt und in Goethes "Faust" dem reuigen Gretchen im Dome entgegenbraust.—

"Sprüche" 12, 10 bietet:

Der Gerechte erbarmet sich seines Viehes.—

"Sprüche" 13, 24 steht: "Wer seiner Ruthe schonet, der hasset seinen Sohn; wer ihn aber lieb hat, der züchtiget ihn bald". (vrgl. Sirach 30, 1.) Hiernach ist gebildet:

Wer sein Kind lieb hat, der züchtigt es.—

"Sprüche" 14, 13: "Nach dem Lachen kommt Trauern, und nach der Freude kommt Leid" und Lukas 6, 25: ". . . Wehe euch, die ihr hier lachet, denn ihr werdet weinen und heulen" sind die Quellen des Wortes:

Nach Lachen kommt Weinen.—

Nach "Sprüche" 16, 9 (Vulgata): "Cor hominis disponit viam suam, sed Domini est dirigere gressus eius", bei Luther: "Des Menschen Herz schläget seinen Weg an, aber der Herr allein giebt, dass er fortgehe" ist gebildet:

Homo proponit, sed Deus disponit.

Der Mensch denkt, Gott lenkt.

L'homme propose et Dieu dispose.

Der lateinische Spruch kommt schon in dem englischen Gedichte W. Langlands "Piers Ploughmans Vision", (Mitte des 14. Jahrh.) V. 6644 und V. 13, 994 vor. An ersterer Stelle heisst es: "Homo proponit, sprach ein Dichter, und Plato hiess er, und Deus disponit sprach er; lass Gott seinen Willen thun".—

[S. 40]

Hochmut kommt vor dem Fall

ist gebildet nach "Sprüche" 16, 18: "Stolzer Mut kommt vor dem Fall" (vgl. Tobias 4, 14: "Hoffart . . . ist ein Anfang alles Verderbens" und Sirach 3, 30: "Hochmut thut nimmer gut und kann nichts denn Arges daraus erwachsen").—

"Sprüche" 19, 17 steht:

Wer sich des Armen erbarmet, der leihet dem Herrn.—

"Sprüche" 24, 8 lautet: "Wer ihm selbst Schaden thut, den heisst man billig einen

Erzbösewicht".

Als solcher wird Maccabäer 15, 3 Nicanor bezeichnet, der aber anderen Schaden zu thun trachtet.—

Aus "Sprüche" 24, 15: "Laure nicht als ein Gottloser, auf das Haus des Gerechten, verstöre seine Ruhe nicht" mag sich der Ausdruck

Schlaf des Gerechten

entwickelt haben (andere leiten ihn her aus 3. Mos. 26, 6; aus Psalm 3, 6. 7; 4, 9; 127, 2; oder aus Sprüche Sal. 3, 24).—

"Sprüche" 24, 29: "Wie man mir thut, so will ich wieder thun", wird verkürzt zu:

Wie du mir, so ich dir.—

"Sprüche" 25, 11 bringt uns:

Güldene Äpfel in silbernen Schalen.—

"Sprüche" 25, 22 steht geschrieben: wer seinem Feinde Gutes thut, wird "Kohlen auf sein Haupt häufen" d. h. er wird dessen Wangen vor Schamröte erglühen machen. Nach dem Apostel Paulus (Röm. 12, 20) citieren wir dies Wort also:

Feurige Kohlen auf sein (oder: Jemandes) Haupt sammeln.—

[S. 41]

Nach "Sprüche" 26, 27: "Wer eine Grube machet, der wird darein fallen" (vrgl. Psalm 7, 16; 9, 16; 57, 7; Predig. Sal. 10, 8; Sirach 27, 29) ist gebildet:

Wer ändern eine Grube gräbt, fällt selbst hinein.

Vrgl. Hesiod, (Werke und Tage, Vers 265): "οἷ τ' αὐτῷ κακὰ τεύχει ἀνὴρ ἄλλῳ κακὰ τεύχων" (Der Mann, der einem andern Böses bereitet, bereitet das Böse sich selbst.)—

Prediger Salomo 1, 2 und 12, 8 ruft: "Es ist alles ganz eitel", danach wir sagen:

Alles ist eitel.

Auch wird der lateinische Text citiert:

Vanitas vanitatum, et omnia vanitas.—

1, 7 (vrgl. Sirach 40, 11) heisst es:

Alle Wasser laufen ins Meer.—

1, 8: . . "das Auge sieht sich nimmer satt, und das Ohr hört sich nimmer satt" liess uns das Wort bilden:

Ein Nimmersatt.—

1, 9:

und geschiehet nichts Neues unter der Sonne.—

3, 1:

Ein jegliches hat seine Zeit.—

3, 11:

(Er aber thut) Alles (fein) zu seiner Zeit.—

3, 12: "Darum merke ich, dass nichts besseres darinnen ist, denn fröhlich sein und ihm

(sich) gütlich thun

in seinem Leben".—

3, 13: "Denn ein jeglicher Mensch, der da isset und trinket und hat guten Mut in aller seiner Arbeit, das ist

eine Gabe Gottes".—

5, 18: ". . . welchem Menschen Gott Reichtum und Güter und Gewalt giebt, dass er davon isset und trinket für sein Teil und fröhlich ist in seiner Arbeit; das ist

eine Gottes-Gabe".—

[S. 42]

4, 12: "Einer mag überwältigt werden, aber zween mögen widerstehen; denn eine dreifältige Schnur reisst nicht leicht entzwei", daher wohl stammt:

Doppelt reisst nicht oder: Doppelt hält besser.—

9, 4: Ein lebendiger Hund ist besser weder (d. h. als) ein toter Löwe.—

Nach dem Prediger Salomo 10, 15: "Die Arbeit der Narren wird ihnen sauer" und nach Sirach 7, 16: "Ob dirs sauer wird mit deiner Nahrung und Ackerwerk, das lass dich nicht verdriessen" sagen wir:

Es wird Einem sauer

und:

Saure Arbeit.—

Pred. Sal. 10, 16 bietet:

Wehe dir Land, dess König ein Kind ist.—

Aus Pred. 12, 1: "Gedenke an deinen Schöpfer in deiner Jugend, ehe denn die bösen Tage kommen und die Jahre herzutreten, da du wirst sagen: sie gefallen mir nicht", entnehmen wir:

Das sind Tage, von denen wir sagen: Sie gefallen uns nicht.—

12, 12 steht:

Viel Büchermachens ist kein Ende.—

Das Hohelied Salomons (1, 15; 4, 1; 5, 12) schenkt uns das Wort:

Taubenaugen

und (8, 6):

Liebe ist stark wie der Tod.—

Nach Jesaias 5, 7: "Des Herrn Zebaoth Weinberg aber ist das Haus Israel" (vrgl. Matth. 20, 1 ff.) sprechen wir vom

Weinberg des Herrn.—

Jesaias 8, 14 und 1. Petri 2, 8 findet sich:

Stein des Anstossens (gewöhnlich: des Anstosses),

während Römer 9, 32 und 33 "Stein des Anlaufens" gesagt wird.—

[S. 43]

Wenn die christliche Poesie den Fürsten der Finsternis

Lucifer

(Lichtbringer)

nennt, so stützt sie sich auf Jesaias 14, 12: "Wie bist du vom Himmel gefallen, du schöner Morgenstern!" da die lateinische Bibel für "Morgenstern" "Lucifer" setzt.—

Der Grund- und Eckstein

sagen wir von dem Wesentlichen eines Werkes nach Jesaias 28, 16: ". . . ich lege in Zion einen Grundstein, einen bewährten Stein, einen köstlichen Eckstein."

(Vrgl. Psalm 118, 22: "Der Stein, den die Bauleute verworfen, ist zum Eckstein geworden" und Jer. 51, 25-26: ". . . ich will an dich, du schädlicher Berg . . . dass man weder Eckstein noch Grundstein aus dir nehmen könne". S. auch unter den "Gefl. Worten aus der Geschichte": Süvern.)—

Jesaias 34, 8 (u. a. a. O.) steht:

Der Tag der Rache.—

Nach Jesaias 38, 1: ". . . Bestelle dein Haus, denn du wirst sterben" . . . sagen wir für "sein Testament machen":

Sein Haus bestellen.—

Wer vergeblich mahnt, den nennen wir einen

Prediger in der Wüste

nach Jesaias 40, 3: "Es ist eine Stimme eines Predigers in der Wüste" (vrgl. Jes. 53, 1: ". . wer glaubt unserer Predigt?"); nach der Vulgata:

vox clamantis in deserto,

was, gedeutet auf Johannes den Täufer, Matth. 3, 3, Mark. 1, 3, Luk. 3, 4 und Johannes 1, 23 wiederholt wird. Genau genommen wäre zu übersetzen: "Es ist die Stimme eines Rufenden: In der Wüste (bereitet dem Herrn den Weg, auf dem Gefilde machet eine Bahn unserm Gotte)". Hieraus und aus Jesaias 42, 20: "Man [S. 44]predigt wohl viel, aber sie halten es nicht; man sagt ihnen genug, aber sie wollen es nicht hören" bildete man wohl das Wort:

Tauben Ohren predigen.—

Aus Jesaias 48, 4 "und deine Stirn ist ehern" ist entnommen:

Eherne Stirn,

oder, wie Lessing (1755 "Miss Sara Sampson" 2, 4) sagt:

Eiserne Stirn,

die er auch der "frons ferrea" der Angeberschar bei Plinius (Panegyricus, 35) verdanken kann.—

In der Vulgata lautet Jesaias 49, 20: ". . . Angustus est mihi locus, fac spatium mihi, ut habitem".—"Der Raum ist mir zu eng, mach' mir Platz, auf dass ich wohnen kann!" In seinem "Il poeta di teatro" (zuerst ersch. Lond. 1808) II, 14 "la rivoluzione teatrale", 2, singt Filippo Pananti da Mugello, wohl darauf anspielend:

E donde nascon le rivoluzioni?

Dai lumi dei filosofi? dal peso

Dell' ingiustizia, delle imposizioni?

So che questo si dice; anch' io l'ho inteso.

Ma tutto si riduce, al parer mio,

Al dire, esci di li, ci vo' star io.

Und woher kommen Revolutionen?

Von Philosophenlichtern? Von den Banden

Der Ungerechtigkeit, der Steuerfronen?

Ich weiss, so sagt man; und ich hab's verstanden.

Doch scheint mir alles drauf hinaus zu gehen,

Zu sagen: pack' dich fort, ich will hier stehen!

Giusti wiederholte fast buchstäblich die beiden letzten Verse in einem Sonett (1829) mit dem Zusatz: "come dice un poeta da Mugello" "wie's ein Poet Mugellos [S. 45]ausgedrückt". Wir aber citieren die Schlusssentenz in der französischen Fassung des Grafen Saint-Simon ("Catéchisme des industriels". Paris 1823, s. "Oeuvres" Paris 1875. Vol. VIII, p. 53):

ôte-toi de là, que je m'y mette!—

Ein Himmel, wie ein Sack

sagen wir nach Jesaias 50, 3: "Ich kleide den Himmel mit Dunkel und mache seine Decke als einen Sack".—

Wer geduldig, still und willig anderen nachgiebt, von dem sagen wir, nach Jesaias 53, 7 und Apostelg. 8, 32, er sei

wie ein Lamm.—

Wer da schweigt, wo er reden sollte, von dem sagen wir, er sei

Ein stummer Hund

nach Jesaias 56, 10: "Alle ihre Wächter sind blind, sie wissen alle nichts: stumme Hunde sind sie, die nicht strafen; sind faul, liegen und schlafen gerne".—

Kopfhänger und Kopfhängerei

bilden wir nach Jesaias 58, 5: "Sollte das ein Fasten sein, das ich erwählen soll, dass ein Mensch seinem Leibe des Tages über Leid thue oder seinen Kopf hänge wie ein Schilf . . .", aus Jeremias 48, 39: "Wie heulen sie! Wie schändlich hängen sie die Köpfe!" und aus Sirach 19, 23: "Derselbige Schalk kann den Kopf hängen und ernstlich sehen und ist doch eitel Betrug".—

Von Leuten, die Böses sinnen, sagen wir, dass sie

Basiliskeneier ausbrüten

nach Jesaias 59, 5: "Sie brüten Basiliskeneier und wirken Spinnwebe. Isset man von ihren Eiern, so muss man sterben, zertritt man sie aber, so fährt eine Otter heraus", (vrgl. Plinius: "Basiliskenblick".)—

[S. 46]

Nach Jeremias 4, 20 und 11, 16 reden wir von einem

Mordgeschrei,

nach Jeremias 12, 6 von

Zeter schreien,

und nach Amos 3, 9 und Judith 14, 16 von

Zetergeschrei,

woraus wir gebildet haben

Mord und Zeter schreien und Zeter Mordio.—

Das übliche Bild vom

Lockvogel

findet sich zuerst bei Jeremias 5, 27: "ihre Häuser sind voller Tücke, wie ein Vogelbauer voller Lockvögel ist"; und bei Sirach 11, 81: "Ein falsch Herz ist wie ein Lockvogel auf dem Kloben und lauert, wie er dich fangen möge", (vrgl. auch: Lockspitzel.)—

Jeremias 7, 11: "Haltet ihr denn dies Haus, das nach meinem Namen genannt ist, für eine Mördergrube?" citiert Matth. 21, 13 (vrgl. Luk. 19, 46) in der Form: "Mein Haus soll ein Bethaus heissen. Ihr aber habt eine Mördergrube daraus gemacht", und wir citieren danach ganz ungenau, wenn wir statt "aus jemandes Hause . . ." sagen:

Aus seinem Herzen eine Mördergrube machen.—

Jeremias 12, 13 (vrgl. Sirach 11, 11) heisst es von den Gottlosen: "sie lassen es ihnen [= sich] sauer werden, aber sie werden es nicht geniessen", daher wir sagen:

Es sich oder Sich's sauer werden lassen.—

Auf Jeremias 13, 23: "Kann auch ein Mohr seine Haut wandeln, oder ein Parder seine Flecken?" beruht:

Mohrenwäsche, einen Mohren weiss waschen.

Die Griechen sagten sprichwörtlich: "Einen Aethiopier [S. 47]abreiben". (S. Aesop, Fab. 13 rec. v. Halm, Lucian "An den Ungebildeten", 28 und Zonaras 15, 4.)—

"Gnade und Barmherzigkeit" findet sich sehr oft in der Schrift; aber

ohne Gnade und Barmherzigkeit,

wie wir zu sagen pflegen, beruht wohl auf Jeremias 16, 5: ". . . ich habe meinen Frieden von diesem Volk weggenommen, spricht der Herr, samt meiner Gnade und Barmherzigkeit", wobei dann noch vorschweben mag Psalm 56, 8: "Gott stosse solche Leute ohne alle Gnade hinunter" oder Psalm 59, 14: "Vertilge sie ohne alle Gnade" und 2 Macc. 5, 12: "Und hiess die Kriegsknechte erschlagen ohne alle Barmherzigkeit" oder Ebr. 10, 28: "Wenn jemand das Gesetz Mosis bricht, der muss sterben ohne Barmherzigkeit".—

Jeremias 26, 23 lesen wir, dass Jojakim des hingerichteten Uria "Leichnam unter dem

gemeinen Pöbel.

begraben" liess.—

Jeremias 31, 34 spricht der Herr: "ich will ihnen ihre Missethat vergeben und ihrer Sünde nicht mehr gedenken", danach wir sagen:

vergeben und vergessen.—

Jeremias 32, 7-8 steht geschrieben: "Du hast das nächste Freundrecht dazu, . . . denn du hast Erbrecht dazu und du bist der Nächste". Daraus stammt das vielcitierte Lieblingswort der Frau Pastorin in Fritz Reuters "Ut mine Stromtid" (1862-64):

Ich bin die Nächste dazu.—

Jeremias 32, 34 steht:

versiegelt und verbrieft.—

[S. 48]

Nach Jeremias 33, 8: "Er hält weder Treue noch Glauben" sagen wir:

Treue und Glauben halten.—

Jeremias 50, 43 (s. Hesekiel 30, 16) heisst es vom Könige zu Babel: "ihm wird so

angst und bange werden,

wie einer Frau . . . . . . .". Nach Sirach 4, 19 sagen wir:

angst und bange machen,

("bange und angst" steht 1. Maccab. 13, 2).—

Nach Jeremias 51, 6: "Fliehet aus Babel, damit ein jeglicher seine Seele errette . . .", 51, 9: "Wir heilen Babel, aber sie will nicht heil werden . .", 51, 24: "ich will Babel vergelten alle ihre Bosheit, die sie an Zion begangen . . ." 51, 25: "Siehe, ich will an Dich, du schädlicher Berg . . ." und nach anderen Bibelstellen dient

Babel

uns zur Bezeichnung einer sündhaften Grossstadt. Wer bildete danach das für Paris übliche Wort:

Seinebabel?—

Aus Jeremias 51, 39 (s. auch 57) entnehmen wir:

Den ewigen Schlaf schlafen,

denn es heisst dort: "Ich will sie . . . trunken machen, dass sie fröhlich werden und einen ewigen Schlaf schlafen, von dem sie nimmermehr aufwachen sollen, spricht der Herr".—

Nach "Klaglieder Jeremiae" bilden wir:

Jeremiade.—

Aus 2, 11 (vrgl. Baruch 2, 18) entnehmen wir:

sich die Augen ausweinen.—

[S. 49]

2, 12 (vrgl. Apostelg. 5, 5 und 10; 12, 23) bringt uns die übliche Wendung für "sterben":

Den Geist aufgeben.—

3, 41: "Levemus corda nostra cum manibus ad Dominum in coelos" "Lasst uns unser Herz samt den Händen aufheben zu Gott im Himmel" scheint die Quelle des

Sursum corda! empor die Herzen!

zu sein, womit der katholische Priester die "Praefatio", den Lobgesang beginnt, welcher den "Canon missae", die Einsegnung des Brotes und Weines, einleitet. Die Gemeinde respondiert dann: "habemus ad Dominum" "wir haben sie zum Herrn (emporgerichtet)". Schon Cyprian, der Kirchenvater (3. Jahrh.), erwähnt diesen Brauch ("De dominica oratione" "Über das Gebet des Herrn", 31).—

Hesekiel 3, 19 (vrgl. 33, 9) lautet: "Wo du aber den Gottlosen warnest und er sich nicht bekehret von seinem gottlosen Wesen und Wege: so wird er um seiner Sünde willen sterben; aber du hast eine Seele errettet". Daher rührt unser:

dixi et salvavi animam meam,

Ich habe gesprochen (d. h. gewarnt) und meine Seele gerettet (d. h. mein Gewissen beruhigt).—

Hesekiel 17, 21 steht:

In alle Winde zerstreut.—

Hesekiel 17, 24 u. 21, 26 (vrgl. Sprüche Sal. 29, 23; Xenophon "Anabasis" 6, 3; Luk. 14, 11 u. 18, 14) citieren wir mit Matth. 23, 12 in dieser Form:

Wer sich selbst erhöhet, der wird erniedriget, und wer sich selbst erniedriget, der wird erhöhet.—

[S. 50]

Hesekiel 33, 14. 16. 19; 45, 9 entnehmen wir:

Thun was recht und gut ist.—

Auf Nebucadnezars Traum im Daniel 2, 31-34 beruht das Wort:

Koloss mit oder auf thönernen Füssen.—

Für "Warnungsruf" sagen wir:

Mene Tekel

nach Daniel 5, 25. König Belsazer gab ein wüstes Mahl. Plötzlich sah er entsetzt an der hell bestrahlten Wand des Saales entlang sich Finger einer Menschenhand bewegen und die Worte verzeichnen: "Mene, Mene, Tekel, Upharsin". Daniel, zur Deutung dieser rätselhaften Ausdrücke herbeigerufen, las den Untergang des Reiches heraus. Der König starb in der folgenden Nacht. Die in Vers 27 enthaltene Verdolmetschung des Wortes "Tekel": "man hat dich in einer Wage gewogen und zu leicht gefunden", hat der deutschen Sprache die Wendung zugeführt:

In einer Wage gewogen und zu leicht befunden werden.—

Daniel 9, 27 (11, 31; 12, 11; 1. Maccab. 1, 57; Matth. 24, 15; Mark. 13, 14) bietet:

Gräuel der Verwüstung.—

Auf Hosea 8, 7 (vrgl. "ut sementem feceris, ita metes"): "Sie säen Wind und werden Ungewitter einernten", "ventum seminabunt, et turbinem metent" beruht:

Wer Wind säet, wird Sturm ernten.—

Joël 2, 13 steht: "Zerreisset eure Herzen und nicht eure Kleider" und Psalm 7, 2-3: "Hilf mir . . .; dass sie nicht, wie Löwen, meine Seele . . . zerreissen . . ." Hieraus entstand uns wohl das Wort

herzzerreissend.—

[S. 51]

Nach Amos 5, 7 u. 24; 6, 12 reden wir von

Recht und Gerechtigkeit.—

Amos 5, 12 steht: ". . . ich weiss . . ., wie ihr die Gerechten dränget und

Blutgeld

nehmet und die Armen . . . unterdrücket". Auch werden Matth. 27, 6 mit diesem Wort die dreissig Silberlinge bezeichnet, für die Judas Jesum verriet.—

Nach Jona 4, 11 sprach der Herr: "Und mich sollte nicht jammern Ninive's, solcher grossen Stadt, in welcher sind mehr denn hundert und zwanzig tausend Menschen, die

Nicht wissen (Unterschied), was rechts oder links ist,

dazu auch viele Tiere?"—

Micha 7, 3 steht: "die Gewaltigen raten nach ihrem Mutwillen Schaden zu thun, und drehen es, wie sie wollen", und Sirach 19, 22 heisst es vom "Schalk": er "kann die Sache drehen, wie er's haben will". Danach sagen wir:

Es oder Eine Sache drehen, wie man will.—

Zephanja 1, 11 heisst es: "Heulet, die ihr in der Mühle wohnet; denn das ganze

Krämervolk

ist dahin und alle, die Geld sammeln sind ausgerottet", woher wohl Adam Smith den Ausdruck

nation of shopkeepers>

nahm. Er sagt in seinem Werk "Wealth of Nation" (1775; II, 4; Kap. 7, Part. 3): "Einen grossen Staat gründen zu dem einzigen Zweck ein Volk von Kunden aufzuziehen, mag beim ersten Blick als ein nur für ein Krämervolk geeigneter Plan erscheinen". Und vor ihm, [S. 52]1766, heisst es in einem Traktat des Dekans von Gloucester, Tucker: "Was von einem Krämer wahr ist, ist auch von einem krambesitzenden Volk wahr".—

Nach Haggai 2, 7 (vrgl. 2, 22 u. Ebr. 12, 26), wo der Herr verheisst, er werde "Himmel und Erde und das Meer und das Trockne bewegen", sagen wir:

Himmel und Erde in Bewegung setzen.—

Nach Sacharja 8, 23; Apost. 10, 28; 21, 39 und 22, 3 wird gesagt:

Ein jüdischer Mann.—

Das Maleachi 3, 16 und Matth. 23, 5 vorkommende Wort

Denkzettel

erklärt sich aus 4. Mos. 15, 38-39, wo der Herr durch Moses den Kindern Israel befiehlt, dass sie "Läpplein an den Fittigen ihrer Kleider" tragen, bei deren Anblick sie an alle Gebote denken sollen (vrgl. das ähnliche "Denkmahl" 5. Mos. 6, 8; 11, 18 und dazu Sprüche 3, 3; 7, 3).—

Aus dem Buche "Die Weisheit Salomons an die Tyrannen" 15, 12: "Sie halten auch das menschliche Leben für einen Scherz, und menschlichen Wandel für einen Jahrmarkt" . . entnehmen wir den

Jahrmarkt des Lebens.—

Im Buche Judith 6, 3 steht:

sterben und verderben.—

Tobias 2, 9 lesen wir: "Tobias aber fürchtete Gott mehr, denn den König" . ., danach uns Paulus in der Apostelgeschichte 5, 29 die Lehre giebt:

Man muss Gott mehr gehorchen denn den Menschen.—

[S. 53]

Ein alter Reimspruch:

Was du nicht willst, das dir geschieht, Das thu' auch keinem andern nicht,

oder:

Was du nicht willst, das man dir thu', Das füg' auch keinem Andern zu,

ist die Umformung von Tobias 4, 16: "Was du nicht willst, das man dir thue, das thue einem Andern auch nicht", (vrgl. Matth. 7, 12 und Luk. 6, 31.) Man nimmt an, das Buch Tobiae stamme aus dem ersten vorchristlichen Jahrhundert, und so könnte man diesen Spruch auch auf den Rabbi Hillel zurückführen, der von 70 vor bis 10 n. Chr. lebte. Nach dem Talmudtraktat Sabbath (fol. 31 a) hat nämlich dieser Synedrialvorsitzende und Mischnalehrer einst einem Heiden, der ins Judentum aufgenommen werden wollte, gesagt: "Was dir unlieb ist, füge deinem Nebenmenschen nicht zu; das ist das ganze Gesetz u. s. w." Wir citieren das Wort auch lateinisch nach Lampridius (51), welcher vom Kaiser Alexander Severus († 235 n. Chr.) berichtet: "Er rief öfter aus, was er von einigen Juden oder Christen gehört und behalten hatte:

Quod tibi fieri non vis, alteri ne feceris,

liess es, wenn er jemanden rügte, durch den Ausrufer ausrufen, und liebte diesen Spruch so, dass er ihn sowohl an seinen Palast wie auch an öffentliche Gebäude anschreiben liess". Doch hätte der Kaiser diese Weisheit auch von den Heiden erfahren können: denn schon im 4. Jahrh. v. Chr. sagte Isokrates (3, im Nikokles, 61) ἃ πάσχοντες ὑφ' ἑτέρων ὀργίζεσθε, ταῦτα τοῖς ἄλλοις μὴ ποιεῖτε (Worüber ihr zürnt, wenn ihr es von andern erleidet, das thut den andern nicht.) Der Spruch findet sich ferner im Seneka (ep. 94) und in der syrischen Redaktion [S. 54]des Buches "von den sieben weisen Meistern" (von Fr. Bäthgen, Lpz. 1879, S. 4), sowie in der arabischen Bearbeitung dieser Erzählung in "1001 Nacht". (Deutsche Ausgabe. Hagen-Habicht, B. 15, S. 117.) u. s. w.—

Ein guter Gesell

sagen wir nach Tobias 5, 6.—

"Der gute Engel

Jemandes sein" oder "Einem als solcher zur Seite stehen", ist aus Tobias 5, 29 (vrgl. 2. Makk. 15, 23) entlehnt, wo Tobias zur Frau seines Sohnes von diesem spricht: "Ich glaube, dass der gute Engel Gottes ihn geleite".—

Die Worte aus Tobias 6, 3:

O Herr, er will mich fressen!

wendet man im gewöhnlichen Leben an, um ein unverstecktes, unhöfliches Gähnen damit zu rügen. Weil man aber gähnt, wo es langweilig ist, so kritisiert man damit auch eine solche Gesellschaft, oder man sagt kurzweg:

Tobias sechs, Vers drei.—

Jesus Sirach 3, 11 steht:

"Des Vaters Segen bauet den Kindern Häuser,

aber der Mutter Fluch reisset sie nieder".—

3, 24 lesen wir:

(Und) was deines Amtes nicht ist, da lass deinen Vorwitz;

und nach 3, 27: "Denn wer sich gern in Gefahr giebt, der verdirbt darinnen" wird citiert:

Wer sich in Gefahr begiebt, kommt darin um.—

Wider den Strom schwimmen

ist entnommen aus Sirach 4, 31: "Strebe nicht wider den Strom" (vrgl. Juvenal 4, 89: "nunquam direxerit brachia contra torrentem").—

[S. 55]

Sirach 7, 15 (vrgl. Matth. 6, 7): . . . "wenn du betest, so mache nicht viele Worte" ist die Quelle der Redewendungen:

Viele Worte machen

und:

Nicht viele Worte machen.—

Sirach 7, 40 steht:

Was du thust, (so) bedenke das Ende.

Ist nach diesem Spruch der lateinische gemacht:

Quidquid agis, prudenter agas et respice finem,

Was du beginnest, beginne es klug und bedenke das Ende, der schon im Mittelalter (z. B. in den "Gesta Romanorum", c. 103) citiert wird? Andere mittelalterliche Schriften (Edélestand du Méril, Poésies inédites du moyen-âge, p. 162) berufen sich hinsichtlich dieses Ausspruches auf Aesop (Fab. 45, bei Halm; vrgl. 45b): ... τῶν ἀνθρώπων τοὺς φρονίμους δεῖ πρότερον τὰ τέλη τῶν πραγμάτων σκοπεῖν, εἶθ' οὕτως αὐτοῖς ἐπιχειρεῖν—"klugen Leuten ziemt es, zunächst das Ende eines Unternehmens ins Auge zu fassen, und es erst dann also ins Werk zu setzen". Ferner ist zu erinnern an V. 27 aus den pseudo-pythagoräischen "goldenen Sprüchen": βουλεύου δὲ πρὸ ἔργου, ὅπως μὴ μωρὰ πέληται—"Überlege vor der That, damit nichts Thörichtes daraus entstehe".

Hans Sachs erzählt in dem 1557 geschriebenen

"Mensch, was du thust, bedenk' das End,

Das wird die höchst' Weisheit genennt."

(I, 4), dass ein Philosoph aus Athen diese Weisheit für tausend Goldstücke zu Rom dem Kaiser Domitianus verkauft habe, und glaubt irrtümlich, diese Geschichte sei im Sueton zu finden. Im "Kurtzweiligen Zeitvertreiber" von 1666, S. 50 wird erzählt, dass der Tyrann Dionysius einst einen Philosophen unter den Kaufleuten sitzen sah und ihn fragte, was er zu verkaufen hätte. Er antwortete: "Weisheit" und bestimmte den Preis dafür auf 400 Gulden. Dionys bezahlte den Preis, und der Philosoph sagte ihm unsern Spruch her.—

[S. 56]

Sirach 9, 24 steht:

Das Werk lobt den Meister.—

Auf Sirach 10, 12 "Heute König, morgen tot" beruht

Heute rot, morgen tot.—

Aus Sirach 11, 29 stellen wir um:

Du sollst niemand rühmen vor seinem Ende.

vrgl. auch: nemo ante mortem beatus.—

Aus Sirach 11, 34 citieren wir:

Nichts Gutes im Sinne haben.—

Sirach 13, 1 steht:

Wer Pech angreift, (der) besudelt sich (damit).—

Aus Sirach 18, 20: "Hilf dir zuvor selber, ehe du andere arzneiest" entsprang:

Arzt, hilf dir selber!

Lukas 4, 23 wird es schon als Sprichwort angeführt.—

Seine Worte auf der Goldwage wägen

stützt sich auf Sirach 21, 27: "Die unnützen Wäscher plaudern, das nichts zur Sache dienet; die Weisen aber wägen ihre Worte mit der Goldwage" und 28, 29: "Du wägest dein Gold und Silber ein; warum wägest du nicht auch deine Worte auf der Goldwage?"

In einem Fragmente des Varro aus der Satire Περίπλους (Buch 2 περὶ φιλοσοφίας) kommt der Ausdruck in der Form "unum quodque verbum statera aeraria pendere" ebenfalls vor. (Ausg. v. Bücheler, No. 419.)—

Eine sitzen lassen

sagen wir nach Sirach 22, 4: "Eine vernünftige Tochter kriegt wohl einen Mann, aber eine ungerathene Tochter lässt man sitzen und sie bekümmert ihren Vater".—

Mit Bürger ("Die Weiber von Weinsberg" Strophe 6) reden wir von

Weiberlist

[S. 57]

nach Sirach 25, 18: "Es ist keine List über Frauen List".—

Einem den Rücken bläuen

entnehmen wir aus Sirach 30, 12: "bläue ihm den Rücken, weil er noch klein ist, auf dass er nicht halsstarrig und dir ungehorsam werde".—

Heute mir, morgen dir

stammt wohl aus Sirach 38, 23: "Gedenke an ihn wie er gestorben, so musst du auch sterben. Gestern war es an mir, heute ist es an dir".—

Früh aufstehen

für "gescheidt sein" sagen wir nach Sirach 39, 5, wo es von dem Gelehrten und Weisen heisst: "und denkt, wie er früh aufstehe, den Herrn zu suchen, der ihn geschaffen hat, und betet vor dem Höchsten".—

Nichts Besseres zu hoffen, noch zu erwarten haben

citieren wir aus Sirach 41, 3: "O Tod, wie wohl thust du dem Dürftigen, 4: Der da schwach und alt ist, der in allen Sorgen steckt und nichts Besseres zu hoffen, noch zu erwarten hat!"—

Sirach 41, 26 steht:

Gut machet Mut.—

Sirach 42, 4:

Rechtes Maß und Gewicht halten.—

Sirach 50, 24:

Nun danket alle Gott,

was als der Anfang eines 1644 verfassten Kirchenliedes von Martin Rinckhart (1585-1649) am bekanntesten ist.—

Nach Baruch 2, 25 sagen wir:

jämmerlich umkommen.—

[S. 58]

1. Maccabäer 10, 18 und 11, 30 wird Jonathan, des Mathathias Sohn, in den Briefen der Könige Demetrius und Alexander

Bruder Jonathan

angeredet, womit jetzt scherzend die Nordamerikaner bezeichnet werden. Der bibelfeste Washington nämlich soll nach einem ergebnislosen Kriegsrat, auf seinen Freund Jonathan Trumbull, den Gouverneur von Connecticut zielend, ausgerufen haben: "da müssen wir Bruder Jonathan zu Rate ziehen", und diese Bezeichnung soll dann, sprichwörtlich geworden, auf die Nordamerikaner überhaupt angewandt worden sein. Oder meinte Washington jenen anderen Jonathan, den Sohn Sauls, der (s. oben 2. Sam. 1, 26) von seinem Freunde David "Bruder Jonathan" genannt wird?—

Es giebt Petschafte mit der Inschrift "1. Maccabäer 12, 18" weil daselbst steht:

Und bitten um Antwort.—

Aus 2. Maccabäer 3, 38 schöpfen wir das Wort:

Mit dem Leben davon kommen.—

2. Maccabäer 4, 11 heißt es vom Hohenpriester Jason: "die guten löblichen Sitten, von den alten Königen geordnet, that er gar ab . . .", daher wir sagen:

Eine löbliche Sitte.—

2. Maccabäer 7, 28 ist die Quelle des Wortes:

Aus Nichts hat Gott die Welt erschaffen;

denn es heisst da: "Siehe an Himmel und Erde, und alles, was darinnen ist: dies hat Gott alles aus nichts gemacht, und wir Menschen sind auch so gemacht".—

[S. 59]

Auf der Historie von der Susanne und Daniel beruht der Ausdruck

Daniel

für "weiser Richter", welcher durch Shakespeares "Kaufmann von Venedig" (4, 1) volkstümlich geworden ist. Shylock nennt dort die in Gestalt eines Richters auftretende Porzia einen Daniel, und Graziano wiederholt das Wort, den Shylock verhöhnend.—

Auf Matthäus 3, 10 (vrgl. Luk. 3, 9): "Es ist schon die Axt den Bäumen an die Wurzel gelegt. Darum, welcher Baum nicht gute Frucht bringet, wird abgehauen und ins Feuer geworfen . ." beruht:

die Axt an die Wurzel legen.—

Matth. 3, 11 (vrgl. Luk. 3, 16) heisst es: "Ich taufe euch mit Wasser zur Busse: der aber nach mir kommt . . . . ., der wird euch mit dem heiligen Geist und mit Feuer taufen". Daher reden wir, jedoch ohne den Sinn festzuhalten, von einer

Feuertaufe.—

Aus Matth. 3, 12: "Und er hat seine Wurfschaufel in seiner Hand; er wird seine Tenne fegen und den Weizen in seine Scheune sammeln; aber die Spreu wird er verbrennen mit ewigem Feuer", citiert man:

Die Spreu vom Weizen sondern.—

Matth. 3, 17 lesen wir:

Dies ist mein lieber Sohn, an welchem ich Wohlgefallen habe;

(vrgl. Jesaias 42, 1; Matth. 17, 5; Mark, 1, 11; Luk. 3, 22; 2. Petri 1, 17).—

Matth. 4, 10, sowie Luk. 4, 8 steht das Wort Jesu zum Teufel:

Hebe dich weg von mir, Satan! Apage, Satana!

[S. 60]

(In ähnlicher Weise redet Christus den Petrus an: Matth. 16, 23 und Mark. 8, 33.)—

Matth. 5, 3: "Μακάριοι οἱ πτωχοὶ τῷ πνεύματι" ("Selig sind die am Geiste Armen") übersetzte Luther: "Selig sind, die da geistlich (veraltet für "geistig") arm sind", woraus wir die Worte gebildet haben:

arm an Geist,

geistesarm und Geistesarmut.—

Matth. 5, 14 spricht Jesus zu den Jüngern: "Ihr seid das Licht der Welt", nach der Vulgata: "Vos estis lux mundi", woraus uns wohl für einen bedeutenden Geist die Bezeichnung "ein

lumen mundi"

entsprang. "Lumina civitatis" (Staatsleuchten) nannte Cicero ("Catil." 3, 10, 24) berühmte Männer.—

Sein Licht unter den Scheffel stellen

und

Sein Licht vor den Leuten leuchten lassen

stammt aus Matth. 5, 15 und 16: "Man zündet auch nicht ein Licht an und setzt es unter einen Scheffel, sondern auf einen Leuchter, so leuchtet es denen allen, die im Hause sind. Also lasset euer Licht leuchten vor den Leuten" u. s. w. (vrgl. Mark. 4, 21; Luk. 8, 16 und 11, 33.)—

Kein Jota, oder nicht ein Jota

beruht auf Matth. 5, 18. Der griechische Text hat dort statt des Lutherischen "—wird nicht zergehen der kleinste Buchstabe": "ἰῶτα ἕν—οὐ μὴ παρέλθῃ" (in der Vulgata: "iota unum—non praeteribit" d. h. "nicht ein Jota wird zergehen"). Der ganze Satz (vrgl. Luk. 16, 17) lautet: "Bis dass Himmel und Erde zergehe, wird nicht zergehen der kleinste Buchstabe, [S. 61]noch Ein Titel vom Gesetz, bis dass es alles geschehe". Daher auch unser:

Kein Titel, oder Tütel, oder Tittel, oder Tittelchen.—

Nach Matth. 5, 26 sagen wir:

der letzte Heller.—

Matth. 5, 37 steht:

Eure Rede aber sei, ja, ja, nein, nein; was drüber ist, das ist vom Übel.—

Matth. 5, 45: ". . . er lässt seine Sonne aufgehen über die Bösen und über die Guten und lässt regnen über Gerechte und Ungerechte" giebt uns das Wort:

Seine Sonne scheinen lassen über Gerechte und Ungerechte.—

Giebt jemand prahlerisch aller Welt etwas kund, so tadeln wir, dass er es

ausposaune,

nach Matth. 6, 2: "Wenn du nun Almosen giebst, sollst du nicht lassen vor dir posaunen, wie die Heuchler thun in den Schulen und auf den Gassen".—

Lass deine linke Hand nicht wissen, was die rechte thut

lesen wir Matth. 6, 3.—

Matth. 6, 9-13 (vrgl. Luk. 11, 2. 4) steht das

Vaterunser, lateinisch: Paternoster,

dessen vierte Bitte

das tägliche Brot

und dessen siebente Bitte das "Erlöse uns von dem Übel" bietet. Hiernach sagt man im Volke von einem bösen Weibe: "Sie ist aus der siebenten Bitte", oder man nennt sie kurzweg:

Böse Sieben.

Nach Andern soll dieser Ausdruck von den sieben Todsünden entlehnt sein. Auch werden an manchen Stellen der heiligen Schrift böse Sieben angeführt. So heisst es:

[S. 62]

Sprüche 26, 25: "Denn es sind sieben Gräuel in seinem Herzen"; Matth. 12, 45: "So gehet er hin und nimmt zu sich sieben andere Geister, die ärger sind, denn er selbst" (Luk. 11, 26);—Mark. 16, 9: "Jesus aber, da er auferstanden war frühe am ersten Tage der Sabbather, erschien er am ersten der Maria Magdalena, von welcher er sieben Teufel ausgetrieben hatte";—Luk. 8, 2: "Maria, die da Magdalena heisset, von welcher waren sieben Teufel ausgefahren".

Andere wiederum leiten "böse Sieben" von einem im 15. Jahrh. erwähnten Kartenspiele, Karnüffel, Karnöffel, Karnuffel oder Karnoffel genannt, her. Darin war die siebente Karte von oben der Teufel, der alle anderen Karten stach. Man nannte diese Karte die "böse Sieben". (Cyriacus Spangenberg veröffentlichte: "Wider die bösen Sieben ins Teufels Karnöffelspiel". Jena 1562; Eisl. 1562; Frankf. 1562.)—

Aus Matth. 6, 20 schöpfen wir das Wort:

Schätze sammeln, die weder Motten noch Rost fressen.—

Matth. 6, 21 (vrgl. Luk. 12, 34) steht geschrieben:

Denn wo euer Schatz ist, da ist auch euer Herz.—

Der Spruch Matth. 6, 24:

Niemand kann zween Herrn dienen

hat in Luk. 16, 13 die Form erhalten: "Kein Hausknecht kann zween Herrn dienen".—

Aus Matth. 6, 24 ist auch:

Mammon und Mammonsdiener

für "Reichtum" und "Geldmensch" entnommen. Es heisst daselbst: "Ihr könnet nicht Gott dienen und dem Mammon" (d. h. dem syrischen Gott des Reichtums). Der Mammon wird auch erwähnt Luk. 16, 9. 11. und 13.—

Matth. 6, 27 (vrgl. Luk. 12, 25) lautet: "Wer ist unter euch, der

[S. 63]

seiner Länge Eine Elle zusetzen

möge, ob er gleich darum sorget?"—

Matth. 6, 34, lesen wir:

Es ist genug, dass ein jeglicher Tag seine Plage habe,

was wir gewöhnlich verkürzen in:

Jeder Tag hat seine Plage.—

Matth. 7, 1 (vrgl. Luk. 6, 37) steht:

Richtet nicht, auf das ihr nicht gerichtet werdet.—

Den Ausdruck:

Splitterrichter

bilden wir aus Matth. 7, 3-5: "Was siehest du aber den Splitter in deines Bruders Auge und wirst nicht gewahr des Balkens in deinem Auge?" u. s. w. (vrgl. Luk. 6, 41). Doch ist nach Dr. Zunz ("ges. Schrift." III, 294. Berl. 1876) der Priester und Mischnalehrer Tarfon der wahre Urheber dieses Spruches.—

Die Perlen vor die Säue werfen

ist gebildet nach Matth. 7, 6: "Ihr sollt das Heiligtum nicht den Hunden geben, und eure Perlen sollt ihr nicht vor die Säue werfen".—

Suchet, so werdet ihr finden

steht Matth. 7, 7 und Luk. 11, 9 (Sprüche Sal. 2, 4-5 ist wohl die Quelle).—

Aus Matth. 7, 9: "Welcher ist unter euch Menschen, so ihn sein Sohn bittet um Brot, der ihm einen Stein biete?" entnehmen wir:

einen Stein statt Brot geben.—

Auf Matth. 7, 15: "Sehet euch vor vor den falschen Propheten, die in Schafskleidern zu Euch kommen, inwendig aber sind sie reissende Wölfe" beruht:

Wölfe in Schafskleidern.—

[S. 64]

Matth. 7, 16 und 20 (vrgl. 12, 33 und Luk. 6, 44) steht:

an ihren Früchten sollt ihr sie erkennen.

Ein griechisches Sprichwort (Paroemiogr. Graeci. 1, 252, ed. Leutsch.) ist: ἐκ τοῦ καρποῦ τὸ δένδρον.—

Matth. 7, 26 lesen wir Jesu Gleichnis von dem "thörichten Manne", der

Sein Haus auf den Sand bauete,

so dass Regen und Wind es zu Falle brachten.—

Matth. 8, 12; 13, 42. 50; 22, 13; 24, 51; 25, 30 und Luk. 13, 28 steht, dass in der Hölle, in "der äussersten Finsternis", sein wird

Heulen und Zähnklappen.—

Aus Matth. 8, 20 oder aus Lukas 9, 58, wo Jesus von sich spricht: "Die Füchse haben Gruben und die Vögel unter dem Himmel haben Nester, aber des Menschen Sohn hat nicht, da er sein Haupt hinlege", entnehmen wir zur Bezeichnung äusserster Armut das Wort:

Nicht haben, wo man sein Haupt hinlege.—

Matth. 8, 22, sowie Luk. 9, 60 bietet Jesu Wort:

Lass die Toten ihre Toten begraben.—

Matth. 9, 12 und fast ebenso Mark. 2, 17 und Luk. 5, 31 spricht Jesus:

Die Starken (d. h. die Gesunden) bedürfen des Arztes nicht, sondern die Kranken.—

Matth. 10, 14 (sowie Mark. 6, 11; Luk. 9, 5 und Apost. 13, 51) bringt uns für "verachtungsvoll von dannen gehen" das Wort:

Den Staub von den Füssen schütteln.—

Matth. 10, 16 enthält:

Seid klug wie die Schlangen und ohne Falsch wie die Tauben.—

[S. 65]

Nach Matth. 10, 27 und Luk. 12, 3 wird citiert:

Auf den Dächern (von den Dächern) predigen.—

Nach Matth. 10, 38 (vrgl. 16, 24; Mark. 8, 34; 10, 21; Luk. 9, 23; 14, 27; Joh. 19, 17) sagen wir von jemandem, der ein Leid zu tragen hat:

Er trägt sein Kreuz

und

Sein Kreuz auf sich nehmen

und danach:

Ein Kreuzträger.—

Matth. 11, 15 findet sich das häufig wiederholte:

Wer Ohren hat zu hören, der höre.—

Matth. 11, 28 lesen wir: "Kommet her zu mir alle, die ihr

mühselig und beladen

seid, ich will euch erquicken".—

Nach Matth. 11, 30: ". . mein Joch ist sanft und meine Last ist leicht", sagen wir:

Ein sanftes Joch.—

Nach Matth. 12, 24. 27, sowie Luk. 11, 15. 18. 19 (vrgl. 9, 34 und Mark. 3, 22) sagt man:

den Teufel durch Beelzebub austreiben.—

Matth, 12, 30 und Luk. 11, 23 (vrgl. 9, 50) steht:

Wer nicht mit mir ist, der ist wider mich.—

Auf Matth. 12, 31 (vrgl. Mark. 3, 28; Luk. 12, 10; Ebr. 6, 4) beruht:

Sünde wider den heiligen Geist.—

Das von Luther volkstümlich gefasste und deshalb, wie er im "Sendbriefe vom Dolmetschen" vom 8. Sept. 1530 (§ XIV) mitteilt, von ihm zur Übersetzung des Urtextes (ἐκ ... τοῦ περισσεύματος τῆς καρδίας τὸ στόμα λαλεῖ) Matth. 12, 34 (vrgl. Luk. 6, 45) gewählte:

Wess das Herz voll ist, dess gehet der Mund über,

lautet wörtlich übersetzt im Französischen:

De l'abondance du coeur la bouche parle.—

[S. 66]

Matth. 13, 12; 25, 29; Mark. 4, 25; Luk, 8, 18; 19, 26:

Wer da hat, dem wird gegeben,

fand seinen französischen Schliff in:

On ne prête qu'aux riches.—

Aus Matth. 13, 13 (s. oben Psalm 115, 5) schöpfen wir das Wort:

Mit sehenden Augen nicht sehen.—

Matth. 13, 21 sowie Mark. 4, 17 übersetzt Luther "πρόσκαιρος" mit

wetterwendisch,

d. h. unbeständig, sich wendend und ändernd wie das Wetter. Vor Luther lässt es sich in dieser übertragenen Bedeutung nicht nachweisen.—

Nach Matth. 13, 25 citieren wir:

Unkraut zwischen den Weizen säen.—

Matth. 13, 57 (s. Mark. 6, 4; Luk. 4, 24; Joh. 4, 44): "Ein Prophet gilt nirgend weniger, denn in seinem Vaterlande und in seinem Hause", wird gemeiniglich gekürzt in:

Der Prophet gilt nichts in seinem Vaterlande.—

Matth. 15, 11 (vrgl. Mark. 7, 15) enthält:

Was zum Munde eingehet, das verunreinigt den Menschen nicht.—

Aus Matth. 15, 27 stammt:

Brosamen, die von des Herrn Tische fallen.—

Brosamen, die von des Reichen Tische fallen

beruht auf Luk. 16, 21.—

Aus Matth. 16, 3: "Könnet ihr denn nicht auch die Zeichen dieser Zeit urteilen?" ist entlehnt:

Zeichen der Zeit.—

[S. 67]

Matth. 16, 24 (Mark. 8, 34; Luk. 9, 23) spricht Jesus zu seinen Jüngern: "Will mir jemand nachfolgen, der verleugne sich selbst . . ." Danach reden wir von:

sich selbst verleugnen

und von

Selbstverleugnung,

ein Moralbegriff, der noch über den der "Nächstenliebe" (3. Mos. 19, 18; Matth. 5, 43; 22, 39; Mark. 12, 21; Röm. 13, 9; Gal. 5, 14) hinausgeht, weil er schon das "Thut wohl denen, die euch hassen" (Matth. 5, 44; Luk. 6, 27) in sich schliesst, und der seine Wurzel in dem Gebote (2. Mos. 23, 5) hat: "Versäume gerne das Deine um seinet (d. h. des Feindes und Hassers) willen".—

Aus Matth. 17, 4: "Herr, hier ist gut sein; willst du, so wollen wir hier drei Hütten machen, dir eine, Mosi eine, und Elias eine", und aus den ähnlichen Stellen Markus 9, 5 und Lukas 9, 33 hat sich der Volksmund die Redensart:

Hier ist gut sein, hier lasst uns Hütten bauen

zurechtgelegt.—

Matth. 19, 6 und Markus 10, 9 steht:

Was (nun) Gott zusammengefüget hat, das soll der Mensch nicht scheiden.—

Matth. 19, 30 (vrgl. Matth. 20, 16; Markus 10, 31 und Luk. 13, 30) bietet:

(Aber viele, die da sind) die ersten werden die letzten und die letzten werden die ersten sein.—

Auf Matth. 20 (vrgl. Jesaias 5, 7) beruhen die

Arbeiter im Weinberg.—

Für "späte Zeit" ist Matth. 20, 6 und 9 entnommen:

Elfte (nicht: zwölfte) Stunde.—

[S. 68]

Matth. 20, 12 steht:

Des Tages Last und Hitze getragen haben.—

Matth. 20, 16 und 22, 14 findet sich:

(Denn) viele sind berufen, aber wenige sind auserwählet.—

Nach Matth. 22, 11 entschuldigen wir uns, dass wir

kein hochzeitlich Kleid anhaben.—

Matth. 22, 21; Markus 12, 17; Luk. 20, 25 liest man:

(So) gebet dem Kaiser, was des Kaisers ist, und Gotte, was Gottes ist.—

Matth. 23, 3: "Alles nun, was sie (die Schriftgelehrten und Pharisäer) euch sagen, das ihr halten sollt, das haltet und thut es; aber nach ihren Werken sollt ihr nicht thun. Sie sagen es wohl, und thun es nicht", ist die Quelle unseres

Haltet Euch an meine Worte und nicht an meine Werke!

Nach Livius 7, 32 sagte der Consul Valerius (343 v. Chr.) "facta mea, non dicta vos, milites, sequi volo"—"Soldaten, ich will, dass ihr meinen Thaten, nicht meinen Worten folget".—

Matth. 23, 15 lautet: "Wehe euch, Schriftgelehrten und Pharisäern, ihr Heuchler, die ihr Land und Wasser umziehet, dass ihr Einen Judengenossen machet (ποιῆσαι ἕνα προσήλυτον); und wenn er es geworden ist, macht ihr aus ihm ein Kind der Hölle, zwiefältig mehr, denn ihr seyd". Mit Hinzuziehung des griechischen Textes bildete man hieraus das verächtliche Wort:

Proselytenmacherei.—

Auf Matth. 23, 23 und Lukas 11, 42: "Dies sollte man thun und jenes nicht lassen" beruht:

Eines thun und das andere nicht lassen.—

Von Leuten, die im Nichtigen gewissenhaft und im Wichtigen gewissenlos sind, sagen wir, dass sie

Mücken seigen (d. h. durch ein Sieb entfernen) und Kameele verschlucken,

wie Jesus nach Matth. 23, 24 zu den Schriftgelehrten [S. 69]und Pharisäern sprach: "Ihr verblendete Leiter, die ihr Mücken seiget und Kameele verschlucket".—

Matth. 23, 27 werden die Schriftgelehrten und Pharisäer Heuchler genannt und

"Übertünchte Gräber,

welche auswendig hübsch scheinen, aber inwendig sind sie voller Totenbeine und alles Unflats".—

Matth. 24, 2 (vrgl. Mark. 13, 2; Luk. 19, 44; 21, 6) spricht Jesus in Jerusalem: "Es wird hier nicht ein Stein auf dem andern bleiben, der nicht zerbrochen werde". Danach sagt man von Dingen und Verhältnissen, die der völligen Zerstörung entgegengehen:

Es wird kein Stein auf dem andern bleiben.—

Mit dem Bürger in Goethes "Faust" (I "vor dem Thore") citieren wir

Krieg und Kriegsgeschrei

aus Matth. 24, 6: "Ihr werdet hören Kriege und Geschrei von Kriegen . ."—

In Bild und Wort verdanken wir den

Posaunenengel

Matth. 24, 31: "Und er wird senden seine Engel mit hellen Posaunen . . ." (vrgl. Offenb. Joh. 8, 2).—

Auf Matth. 25, 15-28, wo von den "vertraueten Centnern" und deren Verwertung erzählt wird, beruht der Ausdruck:

Talent.

Das griechische "τάλαντον", in der Vulgata "talentum", von Luther in diesem Kapitel mit "Centner" übersetzt, ist späterhin zu einem allen westeuropäischen Völkern gemeinsamen Ausdrucke für geistige Anlagen geworden (s. im Register "anvertrautes Pfund").—

[S. 70]

Auf Matth. 25, 18 und 25 beruht:

Sein Pfund vergraben

mit Hinzuziehung des ähnlichen Gleichnisses bei Lukas 19 (s. weiterhin), da hier nur von "Centnern" die Rede ist.—

Matth. 25, 32 u. 33 heisst es von "des Menschen Sohn": "Und werden vor ihm alle Völker versammelt werden. Und er wird sie von einander scheiden, gleich als ein Hirte die Schafe von den Böcken scheidet. Und wird

die Schafe zu(seine)r Rechten (stellen, und) die Böcke zur Linken".

Dies wurde zum beliebten Vergleich guter mit bösen Menschen.—

Auf Matth. 26, wo geschrieben steht, dass die anderen Jünger schlafen, während Judas den Herrn verrät, beruht das Wort:

Der Verräter schläft nicht;

und auf Matth. 26, 15: "Ich will ihn euch verraten. Und sie boten ihm 30 Silberlinge" der Ausdruck:

Judaslohn.—

Wenn wir in bitteren Leiden wünschen:

Dieser Kelch mag an mir vorübergehen,

so wenden wir ungenau Worte Christi an, die Matth. 26, 39. 42; Lukas 22, 42; Markus 14, 36 angegeben werden.—

Matth. 26, 10 spricht Jesus von dem Weibe, die köstliches Wasser auf sein Haupt goss: "Sie hat ein gutes Werk an mir gethan". Daher unser Wort:

Ein gutes Werk an Einem thun.—

Matth. 26, 41 und Markus 14, 38 lesen wir:

Der Geist ist willig, aber das Fleisch ist schwach.—

Matth. 26, 48 u. 49 (vrgl. Luk. 22, 48) heisst es von [S. 71]Judas: "Und der Verräter hatte ihnen ein Zeichen gegeben und gesagt: welchen ich küssen werde, der ist's, den greifet. Und alsobald trat er zu Jesu und sprach: Gegrüssest seyst du, Rabbi! und küssete ihn". Darauf beruht der Ausdruck:

Judaskuss,

und einen

Judas

nennen wir danach einen falschen, verräterischen Menschen.—

Sehen, wo es hinaus will

sagen wir nach Matth. 26, 58: "Petrus . . . setzte sich bey den Knechten, auf dass er sähe, wo es hinaus wollte".—

Matth. 26, 73 sprechen die Umstehenden zu Petro, als er Jesum zum zweiten Male verleugnet hatte: "Wahrlich, du bist

auch Einer von Denen

(nämlich: die mit Ihm waren); denn deine Sprache verrät dich". Der Titel von Fr. Th. Vischer's Buch "Auch Einer" (1879) wurzelt in diesen Worten.—

Matthäi am letzten sein

in der Bedeutung: "Seinem Ende oder seinem Verderben nahe sein" beruht auf dem Schlusse des Evangeliums Matthäi: "(bis an der Welt) Ende". "Matthäi am letzten" citiert Luther im "Katechismus" (4. Hauptst. 1. B.).—

Aus Markus 1, 7; Luk. 3, 16; Joh. 1, 27 (vrgl. Apost. 13, 25) entnehmen wir die Redeweise:

Nicht wert sein, einem die Schuhriemen aufzulösen.—

Nach Mark. 3, 30: "Denn sie sagten: er hat einen unsaubern Geist" citieren wir:

Unsauberer Geist.

[S. 72]

Von der Macht Jesu über die "unsauberen Geister", oder "den unsauberen Geist", welcher Luk. 4, 33 "unsauberer Teufel" heisst, ist die Rede Matth. 10, 1; Mark. 1, 23-27; 5, 2-9; 9, 25; Luk. 4, 33-35; 8, 29; Mark. 3, 11; vom Ausfahren des "unsauberen Geistes" ausser an einigen der citierten Stellen: Matth. 12, 43 u. Luk. 11, 24.—

Ihre Zahl ist Legion

beruht auf Mark. 5, 9, wo der "unsaubere Geist" spricht: "Legion heisse ich, denn unser ist viel" und Luk. 8, 30, wo der Teufel sagt, dass er "Legion" heisse; "denn es waren viel Teufel in ihn gefahren".—

Mark. 6, 26 heisst es vom Herodes "er ward betrübt", weil Herodias ihn um des Täufers Haupt gebeten, "doch um des Eides willen und derer, die am Tische sassen, wollte er sie nicht lassen

eine Fehlbitte thun".

Im Text aber steht gerade diese Wendung nicht, so dass wir damit nicht Markus, sondern Luther citieren.—

Das Scherflein der Witwe

beruht auf Mark. 12, 42 und Luk. 21, 1-4, wo jedoch von "zwei Scherflein" (= einem Heller) die Rede ist;

der Glaube macht selig

auf Mark. 16, 16: "Wer da glaubet und getauft wird, der wird selig werden: wer aber nicht glaubet, der wird verdammet werden". ("Wer's glaubt, wird selig", sagt das Volk zu einer wenig glaubwürdigen Erzählung.)—

Mit Zungen reden

ist Mark. 16, 17 entnommen; auch kommt es Apostelgeschichte 2, 4; 10, 46; 19, 6 und 1. Korinth. 14 vielmals vor. In den ersten beiden Stellen, wo es "mit neuen" und "mit andern Zungen" lautet, bedeutet es "in fremden Sprachen reden", in den folgenden Stellen ohne Beiwort hat es den Sinn "vom heiligen Geist erfüllt reden".—

[S. 73]

Aus Lukas 1, 66 citieren wir:

Was wird (eigentlich: will) aus dem Kindlein werden!

aus Luk. 2, 13:

Die Menge der himmlischen Heerscharen;

aus Luk. 2, 52:

Zunehmen an Alter und Weisheit;

und aus Luk. 6, 38:

Gebet, so wird euch gegeben. Ein voll, gedrückt, gerüttelt und überflüssig Mass (wird man in euren Schoss geben: denn eben) mit dem Mass, da ihr (mit) messet, wird man euch wieder messen.

(vrgl. Matth. 7, 2 u. Mark. 4, 24.)—

Nach Luk. 9, 55: "Welches Geistes Kinder" citiert man:

Wess Geistes Kind.—

Luk. 10, 7 und 1. Tim. 5, 18 heisst es:

(Denn) ein Arbeiter ist seines Lohnes wert,

während es Matth. 10, 10 "seiner Speise" lautet.—

Das Gleichnis vom

barmherzigen Samariter,

Luk. 10, 30-37, schliesst Jesus:

(So) gehe hin und thue desgleichen.

Wir reden danach auch von einem

Samariterdienst.—

Nach Luk. 10, 34 citieren wir:

Öl in die Wunden giessen,

und nach 10, 40 und 41 sprechen wir von der

geschäftigen Martha.—

Wenn wir sagen, dass wir

das bessere Teil erwählt haben,

so gestalten wir den Ausdruck in Luk. 10, 42 um: "Maria hat das gute Theil erwählet".—

[S. 74]

Luk. 10, 42 steht:

Eins aber ist not.—

Aus Luk. 12, 19: "Liebe Seele . . ., habe nun Ruhe" ist abgeleitet:

Nun hat die liebe Seele Ruh'.—

Das "Nötige sie, hereinzukommen", Luk. 14, 23, übersetzt die Vulgata mit:

Compelle intrare.

In dieser Form wurde es zur Rechtfertigung der gegen die Ketzer angewendeten Gewalt gebraucht und dient noch heute dazu, um die Ausübung irgend eines Zwanges auszudrücken. Viel wird auch citiert das sich unmittelbar an diese Worte anschliessende:

auf dass mein Haus voll werde.—

Auf Luk. 15, 11-32 beruht:

der verlorene Sohn,—

welcher V. 18 heimzukehren und zum Vater zu sagen beschliesst:

pater, peccavi[12] (Vater, ich habe gesündiget).

V. 21 führt er diesen Vorsatz aus, worauf der verzeihende Vater

ein fettes Kalb

(wörtlich: "ein gemästetes" V. 23) zu Ehren des Wiedergefundenen schlachten lässt.—

[12] So ruft schon der goldgequälte Midas bei Ovid ("Met." 11, 132) zum Bacchus: "Da veniam, Lenaee pater; peccavimus . . ." "Vater Lenaeus, verzeih'; ich habe gesündiget . . ."

Aus Lukas 16, 8 (vrgl. 20, 34): ". . . die Kinder dieser Welt sind klüger, denn die Kinder des Lichts...; leiten wir die Worte her:

[S. 75]

Kinder der Welt, Weltkind, Weltklug und Weltklugheit.—

Lukas 16, 9 und 11 bietet das Wort:

Ungerechter Mammon.—

Aus Lukas 16, 19 ist:

Herrlich und in Freuden leben;

aus Lukas 16, 20:

Arm wie Lazarus

(dessen Name in "Lazareth" und "Lazzaroni" verewigt ist);

aus Lukas 16, 22 und 23:

In Abrahams Schoss.—

Lukas 16, 26 sagt Abraham, den Lazarus im Schoss liegend, vom Himmel herab zu dem aus der Hölle emporflehenden Reichen: ". . über das Alles ist zwischen uns und euch

eine grosse Kluft

befestiget, dass die da wollten von hinnen hinab fahren zu euch, können nicht, und auch nicht von dannen zu uns herüber fahren".—

Moses und die Propheten haben

dient uns als scherzhafte Hindeutung auf den Geldbesitz der Juden. Luk. 16, 29 sagt nämlich Abraham zu dem aus der Hölle für seine fünf Brüder bittenden Reichen: "Sie haben Moses und die Propheten; lass sie dieselbigen hören". Hieraus ist das Wort entlehnt und dessen falsche Anwendung mag daher rühren, dass "Moos haben" für "Geld haben" damit verquickt wurde.

Das jüdische Wort "Moos" für "Geld" ist der schlecht gesprochene Pluralis eines nur im Junghebräischen der Mischna vorkommenden Wortes, welches im Singularis eine kleine Münze = 1/6 Denar bedeutet (Buxtorf, Lexikon Talmud. S. 1236).—

[S. 76]

Auf Grund der Evangelien überhaupt und besonders nach Lukas 18, 10ff. ist uns der

Pharisäer

zum Typus der Selbstgerechtigkeit geworden, dessen Gebet Lukas 18, 11:

Ich danke dir Gott, dass ich nicht bin wie andre Leute

wir solchen Selbstgerechten gern ironisch in den Mund legen; während das Gebet des Zöllners, Lukas 18, 13:

Gott sei mir Sünder gnädig!

noch heut mit bescheidenem Ernst aus dem Herzen des Demütigen quillt. Aus demselben Verse citieren wir im Sinne des zerknirscht Insichgehens das Wort:

an seine Brust schlagen,

das Nahum 2, 8, wie bei den Griechen und Römern, im Sinne der Betrübnis, Luk. 2, 3. 48 in dem der Verwunderung vorkommt.—

Man pflegt einen Menschen, den man bei allen öffentlichen Lustbarkeiten findet:

Zachäus auf allen Kirchweihen

zu nennen, weil der kleine Zachäus, der aus Drang, Jesum zu sehen, auf einen Baum steigt, im Evangelium des Tages der Kirchweihung, Luk. 19, 1-10, vorkommt, also regelmässig am Kirchweihtage genannt wird.—

Aus dem Gleichnis Luk. 19, 12-23 "Von vertrauten Pfunden" schöpfen wir die nicht unmittelbar darin enthaltenen Worte:

anvertrautes Pfund,

was für "Geistesgaben" angewendet wird (s. oben "Talent"), und:

Mit seinem Pfunde wuchern.—

[S. 77]

Luk. 19, 40 (s. Habakuk 2, 11) spricht Jesus von den Jüngern:

Wo diese (werden) schweigen, (so) werden die Steine schreien.

In der "Legenda aurea" des Jacobus a Voragine (2. Hälfte des 13. Jahrh.), Cap. 181 "De sancto Pelagio papa" (S. 833, Graesses Ausg.) wird von Beda Venerabilis († 735) erzählt, er habe sich im hohen Alter, als er blind geworden, führen lassen, und sein Führer habe ihm in einem steinigen Thale vorgeredet, es harre dort eine grosse Menschenmenge seiner Predigt. Am Ende derselben hätten die Steine Amen gerufen. Diese Legende erzählt L. Th. Kosegarten unter dem Titel: "Das Amen der Steine" ("Legenden", neue Aufl., Berl. 1810, 1. Bd., 1. Bch., XVII), darinnen es heisst:

Wenn Menschen schweigen, werden Steine schrei'n.—

Luk. 21, 26 steht:

Warten der Dinge, die (da) kommen sollen.—

Luk. 21, 35 (vrgl. Hiob 43, 19) spricht Jesus: "wie ein

Fallstrick

wird er kommen über alle, die auf Erden wohnen".—

Luk. 22, 6 (vrgl. Apostelg. 24, 68) steht:

Ohne Rumor.—

Aus Luk. 23, 6-12 erklärt sich die Redensart:

von Herodes (fälschlich: Pontius) zu Pilatus schicken oder laufen.—

Das Luk. 23, 16 und 22 enthaltene:

Züchtigen und loslassen

ist ein den Handwerkern gewöhnlicher Ausdruck geworden. Der Küfer sagt, er könne züchtigen und loslassen, d. h. zum Wein Wasser zusetzen oder nicht; der Schuhmacher, wenn er Schuhe mit Riemen gemacht hat, er könne [S. 78]sie züchtigen und loslassen, d. h. zubinden und aufbinden u. s. w.—

Denn so man das thut am grünen Holz, was will am dürren werden!

steht Lukas 23, 31.—

Lukas 24, 36 und Joh. 30, 19. 21. 26 spricht Jesus:

Friede sei mit euch! Pax vobiscum!—

Johannes 1, 46 spricht Nathanael zum Philippus:

Was kann von Nazareth Gutes kommen?—

Joh. 1, 51 (vrgl. Hesekiel 1, 1, Apostelgesch. 7, 55 und 10, 11) finden wir:

Den Himmel offen sehen.—

Joh. 2, 15 (vrgl. Matth. 21, 12; Mark. 11, 15 und Luk. 19, 45) heisst es von Jesus: "... er machte eine Geissel aus Stricken und trieb sie alle zum Tempel hinaus", nämlich die Viehhändler und Wechsler. Daher

zum Tempel hinaus treiben

uns für "unsanft entfernen" üblich wurde.—

Wie Nikodemus kommen bei der Nacht

beruht auf Joh. 3, 2 wo erzählt wird, dass der Pharisäer Nikodemus, "ein Oberster unter den Juden", zu Jesu kam "bey der Nacht" (s. auch 7, 50 und 19, 39), der mit ihm redete vom Wege zum ewigen Leben, der Wiedergeburt im Geiste. "Wie mag solches zugehen?" fragt Nikodemus, und (V. 10): "Jesus antwortete und sprach zu ihm:

Bist Du ein Meister in Israel und weisst das nicht?"—

Auf Joh. 8, 7, wo Jesus spricht: "Wer unter euch ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein auf sie" beruht:

Den ersten Stein auf jemanden werfen.—

Nach Joh. 8, 57: "Da sprachen die Juden zu ihm: [S. 79]Du bist noch nicht fünfzig Jahr alt und hast Abraham gesehen?" wurde die Redeweise

Er hat schon Vater Abraham gesehen

in den Rheinlanden gebräuchlich für "er ist über fünfzig Jahre alt".—

Joh. 9, 4 steht: "Ich muss wirken die Werke dess, der mich gesandt hat, so lange es Tag ist;

es kommt die Nacht, da niemand wirken kann".

(vrgl. Goethes "Noch ist es Tag" u. s. w.).—

Was du thust, das thue bald

spricht Joh. 13, 27 Jesus zu Judas Ischarioth.—

Joh. 18, 38 enthält die Frage des Pilatus:

Was ist Wahrheit?—

Der Ausruf des Pilatus, Joh. 19, 5: "Sehet, welch ein Mensch!" ist in lateinischer Form:

Ecce homo!

ein Wort geworden, womit man in der Kunst die Darstellung eines leidenden Christus mit der Dornenkrone bezeichnet.—

Joh. 19, 22 steht des Pilatus Grundsatz:

Was ich geschrieben habe, das habe ich geschrieben.—

Die Worte des auferstandenen Jesu zu Maria aus Joh. 20, 17 lauten in der Vulgata:

Noli me tangere! (Rühre mich nicht an!).—

Ungläubiger Thomas

ist aus Joh. 20, 24-29 entwickelt, wo der Jünger Thomas nicht eher an die Auferstehung Jesu glauben mag, als bis er dessen Wunden betastet hat.—

[S. 80]

Joh. 21, 23 sagen die anderen Jünger von dem Johannes:

Dieser Jünger stirbt nicht.—

Aus der Apostelgeschichte S. Lucae 2, 5 und 10, 35 ist entlehnt:

Allerlei Volk,

aus 2, 11:

Juden und Judengenossen;

aus 2, 12:

Was will das werden?

und aus 2, 13:

voll süssen Weines sein.—

Apost. 4, 20 steht:

Non possumus

"wir können es ja nicht lassen, dass wir nicht reden sollten, was wir gesehen und gehöret haben".

ebenda 4, 32:

Ein Herz und eine Seele.—

Nach dem Zauberer Simon (Apost. 8, 9-24), der die Gabe der Mitteilung des Geistes durch Händeauflegen von den Aposteln für Geld erhandeln zu können glaubte, nennen wir Schacher mit geistlichen Ämtern

Simonie.—

Apost. 9, 5 und 26, 14 steht der bei den vorchristlichen Griechen und Römern schon übliche[13] Vergleich:

Wider den Stachel löcken.

"Löcken" ist so viel als "mit den Beinen ausschlagen", und das dem Ausdrucke zu Grunde liegende Bild ist das eines vor den Pflug gespannten Rindes, welches gegen den Stachelstock des Treibers eigensinnig ausschlägt.—

[13] "πρὸς κέντρον λακτίζειν"—Aeschyl. "Agam." 1624; Eurip. "Bakch." 795; s. auch Plaut. "Truc." 4, 2, 55 u. Terent. "Phorm." 1, 2, 28: "contra stimulum calcare".

Aus einem Saulus ein Paulus werden

oder:

Seinen Tag von Damaskus erleben

erläutert sich aus dem Anfange des 9. Kap. der Apostelgeschichte. Apost. 9, 15 spricht der Herr von Saulus: "Dieser ist mir

ein auserwähltes Rüstzeug".—

[S. 81]

Der Bekehrung des Saulus Apost. 9, 18 ist entlehnt:

Wie Schuppen von den Augen fallen.—

Apost. 18, 21 steht geschrieben: "τοῦ θεοῦ θέλοντος ..." ("will's Gott . . ."), ebenso 1. Kor. 4, 19 ("So der Herr will . . ."), Ebr. 6, 3 ("So es Gott anders zulässt . . .") und ähnlich Jak. 4, 15 ("So der Herr will . . ."). Danach sprechen wir:

"Will's Gott" oder: "So Gott will".—

Apost. 20, 35 bringt:

Geben ist seliger denn Nehmen.

Nach Plutarchs "Sprüchen von Königen und Feldherren" hat Artaxerxes gesagt: "Geben ist königlicher denn Nehmen" (τὸ προσθεῖναι τοῦ ἀφελεῖν βασιλικώτερόν ἐστι).—

Wenn wir sagen:

zu den Füssen eines Lehrers sitzen,

so citieren wir Paulus, der Apost. 22, 3 berichtet: "Ich bin ein jüdischer Mann, geboren zu Tarsen in Cilicien, und erzogen in dieser Stadt, zu den Füssen Gamaliels, gelehret mit allem Fleiss im väterlichen Gesetz . . ."—

Apost. 26, 24 enthält:

Paule, du rasest,

und:

Die grosse Kunst macht Dich rasen(d).—

Aus dem Römerbrief citieren wir:

1, 20:

Also dass sie keine Entschuldigung haben;

3, 23: "Denn es ist hier kein Unterschied; sie sind allzumal Sünder . . ." wird gewöhnlich so citiert:

Wir sind Sünder allzumal.—

5, 5:

Hoffnung (aber) lässt nicht zu Schanden werden.—

Nach Römer 6, 6, Epheser 4, 22, Kolosser 3, 9, wo "der alte Mensch" gebraucht wird, ist

der alte Adam

[S. 82]

gebildet, ein Wort, das auf der Anschauung und Sprachweise des Paulus beruht (Römer 5, 14 ff. und 1. Korinth. 15, 45), wonach dem ersten Adam als Urheber der Sünde und des Todes in Christus der zweite Adam als Urheber des Lebens und der Unsterblichkeit gegenübergestellt wird. Das hebräische Wort "Adam" heisst auf deutsch "Mensch". Ist "alter Adam" zuerst von Luther gebraucht worden?

Es kommt im 4. Hauptstück des Katechismus vor; in seiner Predigt am Sonntag Lätare, die andere Predigt; in der 9. Passionspredigt; in der anderen Predigt am Tage der heiligen Dreifaltigkeit; in der Predigt am 16. Sonntag und in der am 19. Sonntag nach der Dreifaltigkeit.—

Nach Römer 7, 18: ". . . Wollen habe ich wohl, aber Vollbringen das Gute habe ich nicht" und nach Philipper 2, 13: "Gott ist es, der in euch wirket beides, das Wollen und das Vollbringen nach seinem Wohlgefallen" reden wir vom

Wollen und Vollbringen.—

Nach Röm. 7, 22 und Ephes. 3, 16 sagen wir:

der inwendige Mensch.—

Röm. 10, 2: "ich gebe ihnen das Zeugnis, dass sie eifern um Gott, aber mit Unverstand", bietet uns das Wort:

eifern mit Unverstand.—

Heidenblindheit und blinder Heide

stammt aus Röm. 11, 25: "Blindheit ist Israel eines Teils widerfahren, so lange, bis die Fülle der Heiden eingegangen sei"; und noch deutlicher aus Eph. 4, 17: "So sage ich . . ., dass ihr nicht mehr wandelt, wie die andern Heiden . . .", 18: "welcher Verstand verfinstert ist und sind entfremdet von dem Leben, das aus Gott ist, durch . . . die Blindheit ihres Herzens".—

[S. 83]

Röm. 12, 11 steht:

Schicket euch in die Zeit;

auch Eph. 5, 16 und Koloss. 4, 5 lautet es bei Luther ebenso, während Bunsen hier strenger übersetzt: "Kaufet die Zeit aus", d. h. "wendet die Zeit gescheidt an".—

Röm. 12, 15: "Freuet euch mit den Fröhlichen und weinet mit den Weinenden" liefert uns die Wendung:

Sich freuen mit den Fröhlichen.—

Römer 13, 7 bietet:

Ehre, dem (die) Ehre gebühret.—

Aus Röm. 14, 22: ". . . Selig ist, der sich selbst kein Gewissen macht in dem, das er annimmt" schöpfen wir:

Sich kein (oder ein) Gewissen aus Etwas machen.—

Im 1. Korintherbrief heisst es: 1, 19 (s. Jesaias 29, 14), dass Gott verwerfen will

Den Verstand der Verständigen

(s. Schillers "Die Worte des Glaubens" 1798).—

1. Kor. 1, 23 lautet: "Wir aber predigen den gekreuzigten Christum,

den Juden ein Ärgernis und den Griechen eine Thorheit".

Dem griechischen Text nach:

Ἰουδαίοις μὲν σκάνδαλον, Ἕλλησι δὲ μωρίαν.

Hiernach sagen wir von einem anstössigen Ärgernis, es sei

Ein Skandal.—

1. Kor. 3, 8 lautet: "Der aber pflanzet und der da begiesset, ist

einer wie der andere.

Ein jeglicher aber wird seinen Lohn empfangen nach seiner Arbeit". Man bezieht aber heute "Es ist einer wie der andere" auf die Schlechtigkeit.—

[S. 84]

1. Kor. 3, 10 (vrgl. 15, 10) bietet das demutsvolle

Von Gottes Gnade(n). Dei gratia,

was schon im 5. Jahrhundert Kirchenfürsten und vom 6. Jahrhundert an auch weltliche Herrscher im Sinne der Demut vor ihren Titel setzten.

Als Theodolinde (592) nach ihrer zweiten Vermählung zu Monza eine, Johannes dem Täufer geweihte, Basilica bauen liess, legte sie in deren Schatz eine goldene Krone nieder mit der Umschrift: "Agilulf, von Gottes Gnaden König von Italien u. s. w."—

1. Kor. 5, 6 heisst es:

Euer Ruhm ist nicht fein.—

Aus 1. Kor. 5, 7 und 8 entnehmen wir

"den alten Sauerteig

der Bosheit und Schalkheit", dem der "Süssteig der Lauterkeit und der Wahrheit" gegenübergestellt ist.—

1. Kor. 7, 38 steht:

Welcher verheiratet, der thut wohl: welcher aber nicht verheiratet, der thut besser;

1. Kor. 11, 3 und Ephes. 5, 23:

Der Mann ist des Weibes Haupt;

1. Kor. 13, 1: "Wenn ich mit Menschen- und mit Engelzungen redete, und hätte der Liebe nicht; so wäre ich

ein tönend(es) Erz oder eine klingende Schelle".—

Nach 1. Kor. 13, 2 (vrgl. Matth. 17, 20; 21, 21 und Mark. 11, 23) wird citiert:

Der Glaube versetzt Berge.

Das "Berge versetzen" stammt aus Hiob 9, 5, vrgl. 14, 18; 18, 4.—

1. Kor. 13, 9 bietet:

(Denn) unser Wissen ist Stückwerk.—

Aus 1. Kor. 13, 11: "Da ich ein Kind war, da redete [S. 85]ich wie ein Kind und war klug wie ein Kind und hatte kindische Anschläge" . . . entsprang der Vers:

Sunt pueri pueri, pueri puerilia tractant,

Kinder sind Kinder doch stets, und Kindisches treiben die Kinder;

doch welcher Klosterschulmann ihn aus dieser Quelle schöpfte, ist noch eine offene Frage.—

1. Kor. 13, 13:

Glaube, Hoffnung, Liebe

wird gewöhnlich in der Form:

Glaube, Liebe, Hoffnung

citiert (vrgl. 1. Thessalonicher 1, 3; 5, 8).—

Nach 1. Kor. 14, 9 sagen wir:

In den Wind reden (oder sprechen, oder schwatzen).—

Es heisst 1. Kor. 14, 34:

Mulieres in ecclesiis taceant,

Eure Weiber lasset schweigen unter der Gemeine [Gemeinde],

was mit Umänderung in die Einzahl so citiert wird:

Mulier taceat in ecclesia

(vrgl. 1. Timoth. 2, 12). Eine Gnome Menanders (s. Meineke: "Fragm. Com. Graec." 4, 347) lautet schon: Ἱστοὶ γυναικῶν ἔργα, κοὐκ ἐκκλησίαι (Webstühle sind Frauenwerk, Gemeindeversammlungen nicht).—

Nach 1. Kor. 15, 33: "Böse Geschwätze verderben gute Sitten", oder wie Bunsen übersetzt: "Schlechter Umgang verdirbt (besser: "verderbt") gute Sitten", sagen wir:

Böse Beispiele verderben gute Sitten,

(Φθείρουσιν ἤθη χρήσθ' ὁμιλίαι κακαί),

Hausrath ("Neutestamentliche Zeitgeschichte", II, S. 398) sagt darüber etwas schulmeisternd:

"So sehr Paulus die Citate liebte, die aus den griechischen Schriftstellern sind sparsam und bestehen [S. 86]ausschliesslich aus allgemeinen, sprichwörtlich gewordenen Citaten griechischer Dichter. 1. Kor. 15, 33 recitiert Paulus einen iambischen Trimeter aus der "Thaïs" des Menander (Menander, ed. Meineke, S. 75); aber er verfehlt das Versmass und lässt sich einen üblen Hiatus zu Schulden kommen, der nur zu deutlich verrät, wie sein Ohr an den Wohlklang griechischer Prosodie nicht gewöhnt ist. Der Spruch selbst aber: "schlechter Umgang verdirbt gute Sitten", ist ein hellenischer Gemeinplatz, den niemand aus Büchern lernte. Vielmehr hat sich Paulus denselben wohl gelegentlich auf der Strasse aufgelesen, wie den unmittelbar vorhergehenden Satz seines Briefes: "Lasset uns essen und trinken, denn morgen sind wir tot", den er auf dem Sockel der Sandansäule des benachbarten Anchiale gesehen haben dürfte".

vrgl. Weisheit Salomos 4, 12: "Denn die bösen Exempel verführen und verderben einem das Gute".—

1. Kor. 15, 55 lesen wir:

Tod, wo ist dein Stachel!

(Hölle, wo ist dein Sieg!)

und 16, 22 nach der Vulgata, wo jedoch "sit anathema" steht:

Anathema sit (er sei verflucht)!

Bei Luther heisst es: "Der sei Anathema".—

Der 2. Korintherbrief bietet 3, 6:

(Denn) der Buchstabe tötet, aber der Geist machet lebendig;

daher wir auch, vom eigentlichen Sinne abweichend, sagen:

Der tote Buchstabe.—

2. Kor. 9, 7 steht:

Einen fröhlichen Geber hat Gott lieb.—

11, 11 und 12, 2 (vrgl. Galater 1, 20) steht:

Gott weiss es.—

[S. 87]

Aus 2. Kor. 11, 26 (vrgl. Galater 2, 4) citieren wir:

Falsche Brüder.—

Mit aus 2. Kor. 12, 2 "derselbige ward entzückt bis in den dritten Himmel" mag der Ausdruck für den höchsten Grad freudiger Erregung herrühren:

Im siebenten Himmel sein.

Aber er fliesst auch noch aus anderen Quellen. Abraham Geiger sagt in seiner gekrönten Preisschrift "Was hat Mohammed aus dem Judentum aufgenommen"? (Bonn 1833, S. 65-66): "Die Anzahl der Himmel wurde ihm wohl von den Juden überliefert, und ihre Ansicht von sieben Himmeln, welche durch die verschiedenen Namen, die vom Himmel angegeben sind, herrührt, ging auch auf ihn über". Diese "sieben Himmel" werden im Koran Sure 2, 17, 40, 65, 67, 71 erwähnt, werden Sure 23 "sieben Wege" und Sure 78 "sieben Vesten" genannt, und es wird angenommen, dass in der Nacht Alkadar, vom 23. zum 24. des Monats Rhamadan der Koran durch den Engel Gabriel aus dem siebenten Himmel herabgebracht wurde.—

2 Kor. 12, 7 lautet: ". . auf dass ich mich nicht der hohen Offenbarung überhebe, ist mir gegeben ein Pfahl in's Fleisch, nämlich des Satans Engel, der mich mit Fäusten schlage . . .—" Daher sagen wir:

ein Pfahl im Fleisch.—

Nach Galater 6, 9 (vrgl. 2. Thess. 3, 13): "Lasset uns aber Gutes thun und nicht müde werden", sagen wir:

Nicht müde werden, Gutes zu thun.—

Epheser 4, 23: "Erneuert euch aber im Geist eures Gemüths"; 24: "Und ziehet den neuen Menschen an . . ." (vrgl. Colosser 3, 9-10) verdanken wir das Wort:

Einen neuen Menschen anziehen.—

[S. 88]

Aus Epheser 6, 6: "(Ihr Knechte, seid gehorsam) nicht mit Dienst allein vor Augen, als den Menschen zu gefallen, sondern als die Knechte Christi" stammt

Augendienerei.—

Epheser 6, 16 u. 17 entnehmen wir den

Schild des Glaubens

und das

Schwert des Geistes.—

Philipper 2, 14 (vrgl. 1. Petri 4, 9 "ohne Murmeln") lesen wir:

(Thut alles) ohne Murren (und ohne Zweifel).—

Philipper 4, 3 schreibt Paulus von seinen Gehülfen, "welcher Namen sind in dem

Buch des Lebens".

Hiermit ist das 2. Mos. 32, 32 erwähnte "Buch" gemeint, in dem der Herr die Gerechten anschreibt und aus dem er die Sünder tilgt (vrgl. Psalm 69, 29; Daniel 12, 1; Luk. 10, 20; Offenb. 3, 5; 13, 8; 17, 8; 20, 12 u. 15; 21, 27). Ebräer 12, 23 spricht mit Bezug auf dieses "Buch" von "der Gemeine der Erstgebornen, die im Himmel angeschrieben sind", daher uns die Wendung kommt:

Gut (oder schlecht) angeschrieben sein.—

Nach 1. Thessalonicher 5, 2 (vrgl. Matth. 24, 42-44; Luk. 12, 39 und 2. Petri 3, 10) soll der Tag des Herrn

Wie ein Dieb in der Nacht kommen.—

1. Thess. 5, 21: "Prüfet aber alles, und das Gute behaltet" wird citiert in der Form:

Prüfet alles, und behaltet das Beste.—

Auf 1. Thess. 5, 22: "Meidet allen bösen Schein" beruht:

Den Schein vermeiden.—

[S. 89]

Der 2. Brief an die Thessalonicher enthält 3, 10:

So jemand nicht will arbeiten, der soll auch nicht essen.—

Im 1. Briefe an Timotheus steht

1, 19:

am Glauben Schiffbruch erlitten haben;

5, 6:

lebendig todt,

6, 5:

Schulgezänk(e),

womit Luther παραδιατριβαί übersetzt:

6, 10:

Geiz ist eine Wurzel alles Übels;

6, 12 (vrgl. unt. "Goethe": "Dieser ist ein Mensch gewesen" u. s. w.): "Kämpfe den guten Kampf des Glaubens", wonach wir von

Glaubenskämpfen

reden und davon, dass wir

Einen guten Kampf kämpfen

oder (nach 2. Tim. 4, 7 s. unter "Dieser ist ein Mensch gewesen . .")

Einen guten Kampf gekämpft haben.—

Im Briefe an Titus 1, 15 schreibt Paulus:

Den Reinen ist alles rein.

(2. Samuelis 22, 27 und Psalm 18, 27 heisst es: "Bei den Reinen bist du rein".)—

1. Petri 4, 7 steht: "Das Ende aller Dinge" und Sirach 40, 25 (vrgl. Jes. 62, 11; 49, 6; Jer. 25, 30; Sacharja 9, 10; Matth. 28, 20): "Bis ans Ende der Welt" und Apostelg. 13, 47; "Bis an's Ende der Erde". Hiernach sagen wir mit König Georgs V. von Hannover Proklamation von 1865 aus Anlass des fünfzigjährigen Besitzes von Ostfriesland:

Bis an's Ende aller Dinge.—

[S. 90]

1. Petri 5, 8 heisst es:

(Der Teufel) gehet umher wie ein brüllender Löwe, (und suchet, welchen er verschlinge).—

Nach 2. Petri 2, 18: ". . . sie reden stolze Worte, da nichts hinter ist . . ." sagen wir:

Es ist Nichts dahinter.—

1. Johannes 2, 18; 4, 3; 2. Joh. 7 wird im griechischen Text der Bösewicht

ὁ ἀντίχριστος,

der Antichrist,

genannt. Luther übersetzt "Widerchrist", doch giebt er Daniel 12 die Überschrift "Vom Antichrist" und Off. Joh. 17: "eine Beschreibung des antichristlichen Reichs".—

1. Joh. 2, 19 steht:

Sie sind von uns ausgegangen, aber sie waren nicht von uns;

und 5, 19:

Die (ganze) Welt lieget im Argen.—

Ebräer 1, 14 finden wir:

Dienstbare Geister.—

Nach Ebräer 4, 12: ". . das Wort Gottes ist schärfer denn kein zweischneidig Schwert und durchdringet, bis dass es scheidet . . . Mark und Bein" sagen wir:

Mark und Bein durchdringend.—

Ebräer 10, 27 lautet: "(so wir muthwillig sündigen . . . haben wir . . .) ein schreckliches Warten des Gerichts und des

Feuereifers,

der die Widerwärtigen verzehren wird".—

Ebräer 12, 4 lautet: "ihr habt noch nicht

bis aufs Blut

widerstanden über dem Kämpfen wider die Sünde".—

[S. 91]

Aus Ebräer 13, 14 entlehnen wir:

keine bleibende Stätte (wörtlich: Stadt) haben.—

Und Ebräer 13, 16 lesen wir:

Wohlzuthun und mitzutheilen (vergesset nicht).—

Jacobus 1, 22-23 steht geschrieben: "Seid . .

Thäter des Worts

und nicht Hörer allein . . . . Denn so jemand ist ein

Hörer des Worts

und nicht ein Thäter; der ist gleich einem Manne, der sein leibliches Angesicht im Spiegel beschauet".—

Seine Zunge im Zaum halten

sagen wir nach Jacobus 1, 26: "So aber sich jemand unter euch lässt dünken, er diene Gott, und hält seine Zunge nicht im Zaum, sondern verführet sein Herz: dess Gottesdienst ist eitel".—

Jakobus 3, 7 lesen wir: ". . . alle Natur der Thiere und der Vögel und der Schlangen und der

Meerwunder

werden gezähmet und sind gezähmet von der menschlichen Natur".—

Sub reservatione Jacobea,

das heisst: "unter dem Vorbehalt, wie ihn Jakobus macht", beruht auf Jacobus 4, 15: "So der Herr will und wir leben, wollen wir dies oder das thun".—

Weil sich "der Herr" Jesaias 41, 4; 44, 6 und 48, 12 "der Erste und der Letzte" nennt, schreibt ihm die Offenbarung Johannis 1, 8 u. 11; 21, 6; 22, 13 das Wort zu: "Ich bin

das A und das O",

was sich daraus erklärt, dass A (Alpha) der erste und O [S. 92](Omega) der letzte Buchstabe des griechischen Alphabets ist. Heute bedeutet dies soviel wie: "Alles in Allem", "das Wichtigste und Liebste", "Anfang und Ende".—

Getreu bis in den Tod

ist entlehnt aus Offenb. 2, 10: ". . sei getreu bis in den Tod, so will ich dir die Krone des Lebens geben".—

Offenb. 3, 15-16 lesen wir: "Ich weiss deine Werke, dass du

weder kalt noch warm

bist. Ach dass du kalt oder warm wärest! Weil du aber

lau

bist, und weder kalt noch warm, werde ich dich ausspeien aus meinem Munde".—

Offenb. 4, 8, sowie 14, 11 heisst es:

keine Ruhe Tag und Nacht,

was in der Form:

keine Ruh' bei Tag und Nacht

in Moscheroschs "Totenheer" (1643) S. 203 der Dittmarschen Ausgabe und ferner in dem Daponteschen Text der Mozartschen Oper "Don Juan" vorkommt.—

Offenb. 5, 1-6 steht:

ein Buch (geschrieben inwendig und auswendig, versiegelt) mit sieben Siegeln,

was für ein schwer verständliches Buch, wie überhaupt für alles schwer Verständliche angewendet wird.—

Offenb. 6, 1 findet sich: "Und ich hörete der vier Thiere eins sagen, als

mit einer Donnerstimme:

komm, und siehe zu".—

Wenn man sagen hört, dass jemand

auf einem faulen Pferde,

[S. 93]

d. h. auf schlimmen Wegen der Hölle, ertappt worden sei, so ist dies missverständlich gesetzt für: "auf einem fahlen Pferde" von denen, welche die Quelle des Worts nicht kennen. In der Offenb. 6, 8 steht: "Und ich sahe, und siehe, ein fahl Pferd und der darauf sass, dess Name hiess Tod und die Hölle folgte ihm nach".—

Offenb. 14, 13 spricht der Geist zu Johannes von denen, die in dem Herrn sterben: dass sie ruhen von ihrer Arbeit; denn

ihre Werke folgen ihnen nach.—

In der Offenbarung Johannis 15, 7 heisst es: "sieben güldene Schalen voll Zorns Gottes", und 16, 1: "giesset aus die Schalen des Zorns Gottes", woraus wir entnommen haben:

die Schale des Zorns ausgiessen.—

Aus Offenb. 20, 2-3: "und er griff den Drachen, die alte Schlange, welche ist der Teufel und der Satan, und band ihn tausend Jahre und warf ihn in den Abgrund und verschloss ihn und versiegelte oben darauf, dass er nicht mehr verführen sollte die Heiden, bis dass vollendet würden tausend Jahr; und darnach muss er los werden eine kleine Zeit", so wie aus 20, 7: "Und wenn tausend Jahre vollendet sind, wird der Satanas los werden aus seinem Gefängnis" ward entwickelt:

Der Teufel ist los.—

Das in den Psalmen und im Habakuk vorkommende Wort "Sela" bezeichnet ein Finale im musikalischen Vortrage und daher sagen wir, wenn wir mit einer Sache glücklich zu Ende kamen:

Abgemacht! Sela!


[S. 94]

II.
Geflügelte Worte aus Sagen und Volksmärchen.

Aus den Sagen und Volksmärchen citieren wir dauernd eine Anzahl Ausdrücke und Namen, deren Auftauchen zu erforschen nicht ohne Reiz ist.

In Homers "Iliade" (3, 6) heisst es von den Kranichen:

"ἀνδράσι Πυγμαίοισι φόνον καὶ κῆρα φέρουσαι",

"welche Verderben und Tod darbringen Pygmäischen Männern".

Diese klassischen Däumlinge (wörtlich: "Fäustlinge"), die

Pygmäen,

wurden uns zum spasshaften Symbol für die Auflehnung kleiner Geister gegen Geistesheroën, weil sie den Tod des Riesenbruders Antaeus (s. weiterhin) am Herkules zu rächen gedachten und gegen den schlafenden Halbgott zu Felde zogen, d. h. auf seinen Gliedern herumkrabbelten und sein Haupt in Belagerungszustand versetzten, ohne ihn im mindesten zu schädigen. Der Gewaltige wachte auf, lachte, sammelte all die kleinen Helden in sein Löwenfell und brachte sie seinem Arbeitgeber Eurystheus.

(Vrgl. Philostrat, "Icon." 2, 22.—Frans de Vriendt, gen. Floris, der "niederländische Rafaël", 1520-1570, zeichnete diese Scene, und H. Cock verbreitete das Blatt durch den Kupferstich.)—

[S. 95]

Eine anmutige Mundschenkin nennen wir eine

Hebe

nach Homer ("Il." 4, 2), wo beim Zeus den Göttern "πότνια Ἥβη ἐῳνοχόει"—"die herrliche Hebe Wein einschenkt", welche er ("Od." 11, 603) als "καλλίσφυρον"—"die mit den schönen Knöcheln" preist.—

Im Homer erscheint uns auch zuerst der "Οὔλυμπος",

Olymp,

ein Berg auf Thessaliens und Macedoniens Grenze, als "Sitz der Unsterblichen", oder "Göttersitz" ("Il." 8, 456 "ἀθανάτων ἕδος"; "Od." 6, 42-46 "θεῶν ἕδος"). Späteren Dichtern (s. Sophokles "Frg." 490, Nauck; Aristophanes "Thesmoph." 1068 ff.; Vergil "Ecl." 5, 56-57) heisst dann auch das Himmelsgewölbe, auf dem die Götter wohnen, "Olymp"; während wir damit die obersten Sitzreihen im Theater wohl deswegen bezeichnen, weil sie dem wolken- und götterreichen Plafond zunächst liegen.—

Ganymed

ist uns das Urbild eines erfreulichen Mundschenken nach Homers Schilderung ("Il." 20, 232 ff.):

     "... ἀντίθεος Γανυμήδης

ὃς δὴ κάλλιστος γένετο θνητῶν ἀνθρώπων

τὸν καὶ ἀνηρείψαντο θεοὶ Διὶ οἰνοχοεύειν

κάλλεος εἵνεκα οἷο, ἵν'ἀθανάτοισι μετείῃ".

     "Ganymedes, den Göttern vergleichbar,

Welcher der Schönste war von allen sterblichen Menschen;

Ihn ja rafften die Götter empor, Zeus' Becher zu füllen,

Wegen der schönen Gestalt, dass er lebe mit ewigen Göttern".—

Bei Homer ("Il." 24, 25-30) findet sich auch die erste Hindeutung auf

[S. 96]

Das Urteil des Paris,

das zu unzähligen Darstellungen verwertet ward und noch heut citiert wird, wo es gilt, einen Streit um Frauenschönheit zu entscheiden. Here und Athene zürnten Ilion wegen der frevelhaften Verblendung des Alexandros (Paris),

"ὃς νείκεσσε θεὰς, ὅτε οἱ μέσσαυλον ἵκοντο,

τὺν δ' ᾔνησ' ἥ οἱ πόρε μαχλοσύνην ἀλεγεινήν",

"welcher die Göttinnen schmähte, als ihm ins Gehöfte sie kamen,

und die pries, die zum Lohn ihm verderbliche Üppigkeit anbot".

nämlich Aphrodite, der er als der Schönsten den Apfel gab (vrgl. Euripides "Hec." 633, "Troad." 930). Die Vorgeschichte hierzu liefert Lucian ("dial. marin." 5; vrgl. in des Proclus "Chrestomathie": "Kyprien", wo der Apfel noch unerwähnt ist) also:

Die zur Hochzeit des Peleus und der Thetis nicht gebetene Eris (Discordia, Göttin der Zwietracht) rollte einen goldenen Apfel mit der Aufschrift "Die Schöne soll mich bekommen" dahin zwischen die Gäste, wo Here, Athene und Aphrodite weilten, die alsbald in Zwist gerieten, welcher von ihnen der Apfel gebühre. Für ein Streitobjekt entnehmen wir daraus den bildlichen Ausdruck:

Apfel der Zwietracht, Zankapfel, Erisapfel,

der uns zuerst bei Justinus (XII, 15; XVI, 3) als "malum Discordiae" und "Discordiae malum" begegnet[14]. Dieser Zwist der Göttinnen rief dann eben das den [S. 97]trojanischen Krieg entfesselnde "Urteil des Paris" hervor, das "iudicium Paridis" (s. Kap. XI: Vergil "Aen." 1, 27).—

[14] Justinus (2. Jahrh. n. Chr.) excerpierte den Pompeius Trogus (um 20 v. Chr.), der also schon das Wort gebraucht haben mag.

Ein unzertrennliches Freundespaar nennen wir

Orest und Pylades

nach den beiden Vettern, Freunden und Schwägern, deren gemeinsame Rache an Aegisth und Klytemnestra wegen Agamemnons Ermordung des Hagias von Troezen "Heimkehr" schilderte (s. Proclus: "Chrestomathie"). Als bester Freund und Waffengefährte des Orest beim Rachezug und bei Iphigeniens Heimführung begegnet uns dann Pylades bei Aeschylus ("Choëph." 557), bei Sophokles ("Elektra" 15) und bei Euripides ("Orest." 388, 705-712, 773, 779 ff., 859 ff, 927 ff, 991 ff, 1042-1076, 1370 ff, 1586-7; "Elektra" 82-85, 835-837, 870-879; "Iphig. Taur." 94 ff, 296-300, 307 ff, 469, 570-579, 621, 643-691, 868). Darum spricht Cicero ("de fin." 2, 26) von "Pyladeïscher Freundschaft" ("Pyladea amicitia"). Am berühmtesten ist der Beiden edler Wettstreit, welcher von ihnen sterben soll (s. Euripides "Orest." 1046-1076; "Iphig. Taur." 570-579, 621, 643-679 und danach M. Pacuvius, den Cicero "Laelius" 2, 24 citiert; vrgl. Cic. "de fin." 2, 24 und Ovid "ex Pont." 3, 2, 85-86).—

Für ein vielgestaltiges wandelbares Wesen gab uns der Meergott

Proteus (Πρωτεύς)

den Namen. Homer singt ("Od." 4. 416-418 u. 456-458) zuerst von dessen Fähigkeit, sich in Alles zu verwandeln, was auf Erden webt und lebt, um nicht Rede stehen zu müssen.—

[S. 98]

Einen himmlischen Aufenthalt nennen wir ein

Elysium

nach Homers "Odyssee" 4, 565-568, an welcher Stelle der überwältigte Proteus dem Menelaos das "an der Erde Grenzen" liegende "Elysische Gefilde" ("Ἠλύσιον πεδίον") also ausmalt:

"τῇ περ ῥηίστη βιοτὴ πέλει ἀνθρώποισιν·

οὐ νιφετός, οὔτ' ἂρ χειμὼν πολὺς οὔτε ποτ' ὄμβρος,

ἀλλ' αἰεὶ Ζεφύροιο λιγὺ πνείοντος ἀήτας

Ὠκεανὸς ἀνίησιν ἀναψύχειν ἀνθρώπους".

"Wo in behaglicher Ruhe den Menschen das Leben dahinfliesst:

Dort ist kein Schnee, kein schneidender Sturm, kein strömender Regen,

Sondern der Ocean sendet empor zur Erquickung der Menschen

Immer den luftigen Hauch des frischhinwehenden Zephyrs".—

Nektar und Ambrosia

als "Göttertrank und Götterspeise" finden wir bei Homer ("Od." 5, 93; vrgl. 5, 199-201), wo Kalypso Hermes den Tisch deckt:

"ἀμβροσίης πλήσασα, κέρασσε δὲ νέκταρ ἐρυθρόν

αὐτὰρ ὁ πῖνε καὶ ἦσθε διάκτορος ἀργειφόντης".

"Füllte Ambrosia auf und mischt' ihm rötlichen Nektar;

Hierauf ass er und trank, der argostötende Bote".

Sonst wurde Ambrosia auch oft als Trank oder als Salböl der Götter angesehen.—

Ein durch dämonischen Zauber fesselndes Weib nennen wir eine

Circe

nach Homer ("Od." 10, 210 ff.), wo die Göttin Κίρκη, [S. 99]die lockige und ränkevolle, den Odysseus zur Liebe verleitet; obwohl er sie fürchtete, weil sie seine Gefährten in Schweine verwandelt hatte.—

Von den Enkeln Neptuns, den Riesenbrüdern Otos und Ephialtes, überliefert Homer ("Od." 11, 305-320), dass sie die Götter also bedrohten:

"Ὄσσαν ἐπ' Οὐλύμπῳ μέμασαν θέμεν, αὐτὰρ ἐπ' Ὄσσῃ

Πήλιον εἰνοσίφυλλον, ἵν' οὔρανος ἄμβατος εἴη".

"Ossa zu höh'n auf Olympos gedachten sie, aber auf Ossa

Pelion, rege von Wald, um hinauf in den Himmel zu steigen".

Apoll aber tötete vorher die Überkühnen. Für ein gewaltiges, gleichsam Himmel und Erde bewegendes Beginnen brauchen wir daher das Wort:

Den Pelion auf den Ossa stülpen oder türmen wollen.—

Im Homer ("Od." 11, 582-92) berichtet Odysseus vom Tantalus, er habe ihn in der Unterwelt zur Büssung seiner Frevel bis zum Knie im Wasser stehend gefunden, das hinwegschwand, sowie er sich zum Trinken neigte, während die Fruchtzweige zu seinen Häupten vom Winde entführt wurden, wenn er sich nach ihnen reckte. Für die Qualen unbefriedigten Verlangens bildete sich daher das Wort

Tantalusqualen.—

Weiterhin (593-600) erzählt Odysseus, dass er in der Unterwelt auch den Sisyphus sah, welcher dort zur Strafe für seine Erdensünden ein immer wieder herabrollendes Felsstück (s. Kap. X: "Hurtig mit Donnergepolter" u. s. w.) immer von neuem einen Berg hinaufzuwälzen hatte. Danach nennen wir, wie Properz [S. 100](3, 8: "Sisyphios labores") eine mühevolle und ergebnislose Arbeit eine

Sisyphusarbeit.—

Circe warnt im Homer ("Od." 12, 39 ff.) den Odysseus vor den Sirenen, jenen beiden zauberisch singenden Wesen, die den Schiffer Weib und Kind vergessen machten, ihn an sich lockten und töteten. Hiernach nennen wir ein liebreizendes, durch Schmeicheltöne ins Verderben lockendes Weib eine

Sirene

und sprechen von bezauberndem

Sirenengesang

und von einer verführerischen

Sirenenstimme.—

Ein Wesen, das uns zu raten giebt, nennen wir eine

Sphinx;

denn die thebanische Sphinx, welche nach Cinaethos, des Milesiers, "Oedipodie" (s. Proclus "Chrestomathie") keine "Bestie" ("θηρίον"), sondern eine "Wahrsagerin" ("χρησμολόγος"), nach anderen jedoch (Apollodor III, 5, 8) ein Geschöpf war mit Weibsgesicht, Löwenkörper und Vogelflügeln, diese Sphinx, die Hesiod ("Theog." 326) "Echidnas und Orthys' Tochter", "die furchtbare" ("ὀλοήν") und "ein Verderben für die Kadmeer" ("Καδμείοισιν ὄλεθρον") nennt, sie gab den Thebanern Rätsel auf und tötete deren viele, die an der Auflösung verzagten, bis Oedipus auf ihre Frage: "Wer ist morgens vierbeinig, mittags zweibeinig, abends dreibeinig?" die kluge Antwort: "der Mensch" zu geben wusste, worauf sie sich selbst (oder er ihr) das Leben nahm.

[S. 101]

Belegstellen s. bei Heyne zu Apollodor a. a. O. u. ferner: Aeschylus "Sieb. geg. Th." 526, 543; Sophokles "Oedip. tyr." 1179; Euripides "Phoen." 6, 745, 784ff., 1297, 1442ff., 1668ff.; Hygin. 67; Ausonius "Griphus" 38-41 u. a. m.—

Nach dem homerischen Hymnus auf Apoll (285-289) baute sich dieser Gott der Musen und Dichter am Fusse des "Πάρνησος",

Parnass

(Berg in Phokis) einen Tempel. Auch der "Ἑλικών,"

Helikon

(Berg in Böotien) ist Aufenthalt der Musen, die dort tanzen und sich in der Quelle "Ἱππουκρήνη,"

Hippokrene

baden (Hesiod "Theog." 1 ff.). Diesen Musenquell liess der Hufschlag des als Spross Neptuns und der Medusa von der Erde zu den Göttern schwebenden Flügelrosses

Pegasus

(Hesiod "Th." 284: "Πήγασος ἵππος") entspringen (Ovid "Met." 5, 257: "Dura Medusaei quem praepetis ungula rupit") und wer sich mit dem Wasser dieses "Rossquells" "die Lippen netzte", d. h. wer daraus trank, wurde ein Dichter (s. Persius "Prolog.": "Nec fonte labra prolui caballino" und andere Stellen bei J. Mallet "Quaestiones Propertionae" Gött. 1882 S. 4-7, wo nachgewiesen wird, dass diese Vorstellung auf alexandrinische Dichter zurückgeht).—

Im Hesiod ("Theog." 227) begegnet uns zuerst die Tochter der Eris, Lethe (Λήθη, die Vergessenheit). Der mythische Fluss

Lethe

wurde nach ihr benannt und aus diesem,

[S. 102]

aus dem Strom der Vergessenheit trinken

die abgeschiedenen Seelen, die vom Elysium zu verklärtem Dasein übergehen (vrgl. Vergil "Aen." 6, 714-715: "Lethaei ad fluminis undam . . . longa oblivia potant").—

Hesiod ("Theog." 313) erwähnt zuerst die Tochter Typhons und Echidnas, "Ὕδρην ... λύγρ' εἰδυῖαν Λερνειήν", "die Verderben brütende, Lernaeische

Hydra oder Hyder",

wozu der Scholiast (p. 257) treffend bemerkt, sie versinnbildliche das Böse, das immer wieder sein Haupt erhebt, so sehr man es auch vernichten will. Herkules tötete aber die Hydra, obgleich nach Apollodor (II, 5, 2) "μιᾶς κοπτομένης κεφαλῆς δύο ἀνεφύοντο", "ihr zwei Köpfe wiederwuchsen, wenn einer abgehauen war".

Vrgl. Ovid "Met." 9, 71-74. Die Zahl ihrer Häupter wird verschieden angegeben. Vrgl. Pisander aus Kamiros bei Pausan. II, 37. p. 399, 400; Alcaeus beim Scholiasten zu Hesiod, a. a. O.; Euripides "Herc. fur." 419; Diodor 4, 21; Hygin. "Fab." 30.—

Von Hesiod (9. Jahrh. v. Chr.) wird auch zuerst

die goldene Zeit

oder: das goldene Zeitalter

erwähnt ("Werke und Tage" 109-123). Es ist das saturnische Zeitalter gemeint, "wo die Menschen sorglos ohne Arbeit und Weh dahinlebten, wie die Götter, ohne Altersbeschwer, immer tafelfreudig, und starben, als schliefen sie ein; wo der Acker von selbst Frucht trug" u. s. w.

Vrgl. Aratus "Phaenomena" 96-106; Tibull 1, 3, 35; Ovid "Amor." 3, 8, 40; "Met." 1, 89-112; d. Verf. d. "Aetna" V. 9 u. Claudian "Lob d. Stilicho" 1, 85.—S.: Eichhoff in "Fleckeisens Jahrb. f. Philol. u. Pädag." 120, 581. Viele einschlagende Stellen der alten Komödiendichter giebt Athenaeus 6 p. 267 E.-270 A. Auch schrieb Eupolis ein "χρυσοῦν γένος".—

[S. 103]

In der attischen Komödie des fünften Jahrhunderts v. Chr. finden wir unter anderen Zügen der "goldenen Zeit" bei Krates (s. Athenaeus a. a. O.): "παρατίθου τράπεζα"—"Tisch, decke dich!", dem wir im deutschen Märchen wieder begegnen als

Tischlein, decke dich!—

Telekleides aber singt (ebenda): "ὀπταὶ κίχλαι μετ' ἀμητίσκων εἰς τὴν φάρυγ' εἰσεπέτοντο"—"Gebratene Krammetsvögel mit kleinen Kuchen flogen Einem in den Schlund hinein"; während sie nach Pherekrates (ebenda), sehnsüchtig verspeist zu werden, Einem "περὶ τὸ στόμ' ἐπέτοντο"—"um den Mund herumflogen". Der gleichen Vorstellung entsprang unser:

Gebratene Tauben, die Einem ins Maul fliegen,

von denen schon 1536 Hans Sachs ("Gedichte", Nürnb. 1558, S. 544) in seinem "Schlaweraffen Landt" weiss, so wie das in "les navigations de Panurge" (in d. 1547 zu Valence ersch. Nachdruck d. "Gargantua u. Pantagruel" von Rabelais) vorkommende:

Il attend, ques les alouettes lui tombent toutes rôties

(er erwartet, dass ihm die Lerchen ganz gebraten herabfallen).—

Das Märchen vom Lande der Faullenzer (mittelhochdeutsch "slur"), bei uns

Schlaraffenland

genannt, ist den europäischen Völkern gemeinsam. "Das Schluraffenlandt" heisst es 1494 in Sebastian Brants "Narrenschiff" (Zarncke, S. 104), während es bei Hans Sachs (a. a. O.) "Schlaweraffen Landt" und "Schlauraffenlandt" lautet (s.: J. Pöschel in "Beitr. z. Gesch. d. deutschen Spr. u. Lit." Bd. 5, Halle 1878 u. F. [S. 104]Liebrechts Nachträge dazu in Gräbers "Zeitschr. f. roman. Philol." 3, 127).—

Aus Hesiod ("W. u. T." 94 ff.) entnehmen wir ferner das beliebte Wort für etwas Unheilbergendes und Unheilausströmendes:

Büchse der Pandora oder Pandorabüchse.

Die Menschen, so erzählt er, lebten, bevor Zeus ihnen zur Strafe für den Feuerdiebstahl des Prometheus die Pandora mit der schreckensvollen Büchse sandte, ohne Drangsal, Krankheit und Alter;

"ἀλλὰ γυνὴ χείρεσσι, πίθου μέγα πῶμ' ἀφελοῦσα,

ἐσκέδασ' ἀνθρώποισι, δ' ἐμήσατο κήδεα λυγρά"

"Aber das Weib hob ab von der Büchse den mächtigen Deckel,

Streute mit Händen daraus: für die Menschheit sann sie auf Trübsal".

Nur die Hoffnung blieb tückisch in der Büchse zurück.—

Auch besingt Hesiod ("Theog." 311) zuerst den

"Κέρβερον ὠμηστὴν, ἀίδεω κύνα χαλκεόφωνον,

πεντηκοντοκάρηνον, ἀναιδέα τε κρατερόν τε ..."

"Cerberus, der rohes Fleisch frisst, den Höllenhund mit der ehernen Stimme, den fünfzigköpfigen, frechen und starken", dessen Wächteramt vor den Thoren des Hades Vergil ("Aen." 6, 417 ff.) u. a. schildern. Wir nennen daher einen grimmigen Thürhüter einen

Cerberus.—

Im Aeschylus (525-456 v. Chr.) finden wir zuerst den Argus ("Ἱκέτιδες" 805), welcher die von der eifersüchtigen Juno in eine Kuh verwandelte Io zu hüten hatte, erwähnt als "den Alles sehenden Wächter"—[S. 105]"τὸν πάνθ' ὁρῶντα φύλακα". Daher nennen wir scharfe aufmerksame Augen

Argusaugen.—

Die Gelegenheit beim Schopf oder bei der Stirnlocke fassen

citieren wir aus dem griechischen Mythus, nach welchem der durch Ion von Chios († 422 v. Chr.) besungene, in Olympia als Gott verehrte (Pausanias, V 14) Kairos (Καιρός, Occasio, die günstige Gelegenheit) mit lockigem Vorhaupt und kahlem Nacken im Davonfliegen geschildert wurde, da man die gute Gelegenheit hintennach zu spät ergreift. So beschreibt ihn uns (um 280 v. Chr.) im 13. Epigramm Posidipp ("Griech. Anthologie" IV) als vom Lysipp plastisch dargestellt.

Ausonius (Epigr. 12) nennt nur deshalb Phidias als den Meister, weil ihm dessen Name besser in den Vers passt. Vrgl. auch Phaedrus ("Fab." V, 8) und Kallistrat ("Stat." 6).—

Aus Sophokles (496-406 v. Chr.) erfahren wir ("Trach." 549 ff.), dass der wegen seines Angriffs auf Deïanira von deren Gatten Herkules durch einen Giftpfeil getötete Kentaur Nessus der Begehrten sterbend riet, sein Blut als Liebesmittel aufzubewahren, damit sie den Herkules dauernd an sich fesseln könne. Als dieser sich nun in Iole verliebte, sandte ihm die Gattin ein mit dem giftigen Blute bestrichenes Opferhemd. Herkules zog es an und verfiel in so rasenden Schmerz, dass er den Flammentod wählte. Daher gilt uns als etwas die höchste Pein Verursachendes das

Nessushemd.—

Grundloses, plötzliches Entsetzen nennen wir, wie die Alten, einen

panischen Schrecken,

oder, nach dem französischen "panique", eine

Panik;

[S. 106]

denn Griechen und Römer führten den im Heerlager durch blinden Lärm hervorgerufenen nächtlichen Schrecken (seltener den bei Tage) auf Pan zurück. Im pseudoeuripideïschen "Rhesus" (36 ff.) fragt Hektor den Chor, der ihn nachts zu den Waffen ruft:

"ἀλλ' ἦ Κρονίου Πανὸς τρομερᾷ

μαστίγι φοβεῖ, φυλακὰς δὲ λιπών

κινεῖς στρατιάν;"

"Sag', bist du erschreckt von dem schwirrenden Schwung

Der Geissel des Pan, des Kroniden, und liess'st

Den Posten im Stich, erregend das Heer?"

Eratosthenes ("Katast." 27) meldet vom Pan, er habe durch Blasen auf einer Seemuschel die Titanen in die Flucht gejagt, und Hygin ("Poet. Astr." 2, 28) lässt ihn dasselbe durch Werfen mit Muscheln erreichen. Valerius Flaccus (3, 46) hingegen besingt den nächtlichen Schrecken, den Pans Stimme verbreitet, und Plutarch ("Is. u. Osir." 14) erwähnt die durch Pane und Satyrn in Ägypten erregten "panischen Schrecken" ("ταραχὰς πανικάς"); während Polyaenus ("Strateg." 1, 2) die Feinde des bacchischen Heeres durch Pans wildes, vom Echo vermehrtes Geschrei in die Flucht treiben lässt (vrgl. Auct. "de incredibilibus" 11, ed. Teucher 1796). Die 11. "orphische Hymne" nennt Pan (7):

"φαντασιῶν ἐπαρωγέ, φόβων ἔκπαγλε βροτείων",

"Bringer der Schreckphantasie'n, Erreger der menschlichen Ängste",

(23)

"Πανικὸν ἐκπέμπων οἶστρον ἐπὶ τέρματα γαίης",

"Bis zu den Grenzen der Erd' entsendend das panische Rasen".

Und nicht allein Dichter und Mythographen, auch Geschichtsschreiber wissen davon zu erzählen.

Xenophon ("Anab." 2, 2) und Aeneas Tacticus (27) geben verschiedene Mittel an, nachts im Lager die Mannszucht aufrecht zu erhalten, damit nicht der "panische Schrecken" um sich greife. Dies muss sehr nötig gewesen sein; denn Pausanias (10, 23) berichtet über die von den Macedoniern geschlagenen Gallier unter Brennus: "In der Nacht befiel sie ein panischer Schrecken ("φόβος Πανικὸς") . . . sie glaubten Pferdegetrappel zu hören und den Feind zu sehen und huben an, sich in ihrer Verblendung untereinander anzugreifen und zu töten".

Die Römer schrieben nach Dionys von Halikarnass (5, 16) dem Faunus die Eigenschaften Pans zu, Phantome, seltsame Geräusche und [S. 107]Schrecken ("τὰ Πανικά") nachts im Heerlager hervorzurufen. Cicero bringt das Wort stets in griechischer Form ("πανικός" sc. "φόβος" u. "πανικά" sc. "δείματα") und bezieht es einmal ("Att." 5, 20) auf den Kriegsschrecken, sonst ("Att." 14, 3; 16, 1; "Ad. fam." 16, 23) auf leere Schreckversuche oder Schreckensgerüchte anderer Art. In Hirts "Bilderbuch" (II, S. 160, Vign. 4) findet sich die Abbildung eines antiken Terracottareliefs, das den "panischen Schrecken" darstellt.—

Aus der alten, im pseudoplatonischen "Axiochus" (371 e) und in des Aeschines "Dialogen" (3, 21) flüchtig berührten, uns erst von Hyginus (168) erzählten Mythe, dass die Töchter des Danaus, ausgenommen Hypermnestra, zur Strafe des Gattenmordes verdammt waren, in der Unterwelt beständig Wasser in ein leckes Fass zu schöpfen, entwickelte sich das sprichwörtliche Bild für Verschwendung "ὁ τετρημένος πίθος", "das durchlöcherte Fass" (s. Aristoteles "Oekon." 1, 6) und für vergebliche Arbeit "εἰς τὸν τετρημένον πίθον ἀντλεῖν", "in das durchlöcherte Fass schöpfen" (s. Xenophon "Oekon." 7, 40). Lucian nennt dieses Fass zuerst ("Hermot." 61): "ὁ τῶν Δαναίδων πίθος".

Das Fass der Danaïden

füllen zu wollen, ist uns daher ein Bild bodenloser Anstrengung und Vergeudung.—

"Ζεὺς ὑέτιος", "Zeus der Regenspender" tritt uns zuerst im Aristoteles ("de mundo" 7) entgegen. Die Griechen verehrten ihn an mehreren Orten (s. Pausanias 2, 19; 9, 39), und er ist auf der Antoninussäule zu Rom geflügelt dargestellt. Wasserströme fliessen vor ihm nieder. Im Tibull (1, 7, 26) finden wir, dass am Nil "kein dürres Gras zum Regenspender Zeus (Pluvio Jovi) flehe", wonach wohl Goethe in "Wanderers Sturmlied" (1771) und im 22. "Epigramm" (Venedig 1790) vom

[S. 108]

Jupiter pluvius

singt, den er in Deutschland zum geflügelten Wort gemacht hat.—

Aristoteles (Πολιτ. Σαμ. Frg. 523, ed. Rose, vrgl. Tzetzes zu Lykophron 488) erzählt die Anekdote vom Ancaeus, dem mythischen König auf Samos, und dessen Knecht. Ancaeus pflanzte Weinstöcke, und der Knecht prophezeite ihm, er würde sterben, ehe er Wein davon tränke. Als nun der Wein reifte, sagte Ancaeus er würde es doch noch erleben; aber der Knecht orakelte:

Πολλὰ μεταξὺ πέλει κύλικος καὶ χείλεος ἄκρου

Zwischen dem Rande der Lipp' und des Bechers kann Viel sich ereignen.

Und richtig! Ancaeus wurde von einem Wildschwein getötet, bevor er seinen Wein getrunken. Dieser Spruch wird auch gern lateinisch citiert:

Multa cadunt inter calicem supremaque labra;

in England sagt man statt dessen:

There is many a slip—t'wixt cup and lip;

im französischen "Reinecke Fuchs" lautet V. 5468:

Entre bouche et cuillier—Avient souvent grand encombrier!

und bei uns heisst es nach Fr. Kinds Gedicht "Ankaeos" (1802 verf.—S. "Gedichte" v. Fr. K. Lpz. 1817. I, 85):

Zwischen Lipp' und Kelchesrand

Schwebt der finstern Mächte Hand.—

Theokrit (um 250 v. Chr.) schildert zuerst den Liebling der Venus, den Adonis, als blühend (I, 109), schön (XV, 127), rosig, achtzehn- oder neunzehnjährig und so flaumbärtig, dass sein Kuss nicht sticht (XV, 85, 128-130). Auch Bion (I, 1, 2, 5, 6, 7, 37, 38, 63, [S. 109]67, 71, 79, 92), Vergil ("Ecl." 10, 18), Properz (2, 13, 53), Ovid ("Met." X, 522) und die apollodorische "Bibliothek" (III, 14, 4) preisen seine Schönheit und Zartheit. Daher nennen wir einen gar zu schönen jungen Mann einen

Adonis.—

Wenn wir von dem Zauber reden, der die Seele dessen stärkt, der den Boden der Heimat wieder betritt, so citieren wir gern den mythischen Beherrscher Libyens, den Riesen

Antaeus,

welchen Herkules nur dadurch besiegen konnte, dass er ihn vom Erdboden emporhob und also erwürgte, weil jenem die Kräfte im Ringkampf wuchsen, wenn er die Erde berührte, die für seine Mutter galt (s. Apollodors "Bibl." 2, 5, 11; Lucan 4, 598-616; Philostrat. "Icon." 2, 21).—

Einen höllenstrengen Richter nennen wir einen

Rhadamanth

nach dem "Ῥαδάμανθυς", von dem es in Apollodors "Bibliothek" (III, 1, 2) heisst, dass er "im Hades mit Minos Recht spreche" ("ἐν ᾅδου μετὰ Μίνωος δικάζει"), welche beiden Brüder Cicero ("Tusc." 1, 5, 10) "die unerbittlichen Richter" und ("Tusc." 1, 41, 98), zusammen mit Aeacus und Triptolemus "die einzig wahren Richter" nennt. Vergil ("Aen." 6, 566) erwähnt hingegen allein des Rhadamanth "überaus hartes Regiment" ("durissima regna"), mit dem er Geständnisse auspresse, und Claudian (5, 478 ff.) nennt ihn im Gegensatz zu Minos "den gestrengen Bruder" ("rigidum fratrem"), der die Sünder zur Strafe mit wilden Tieren zusammenkoppele; während er [S. 110]bei Homer noch als der "gottgleiche, blonde Sohn des Zeus und der Europa nach Euböa reist und im Elysium weilt" ("Il." 14, 322; "Od." 4, 564; 7, 322) und Pindar ("Pyth." 2, 133) nur andeutet, dass er "den Täuschungen abhold" sei ("οὐδ' ἀπάταισι θυμὸν τέρπετα ἔνδοθεν").—

Diodor (um d. Mitte d. 1. Jahrh. v. Chr.) erzählt uns zuerst (Buch 4), dass Prokrustes in Attika die des Weges Kommenden auf ein Bett legte, nach dessen Länge er die zu Kleinen reckte und die zu Grossen kürzte. So wurde uns das

Prokrustesbett

ein Bild für jegliche Art gewaltsamen Ausdehnens oder Abkürzens.—

In demselben Buche Diodors wird uns, wie in der Apollodorischen "Bibliothek" (2, 55), als eine Kraftleistung des Herkules berichtet, dass er des Augias, Königs von Elis, seit vielen Jahren nicht gesäuberten Rinderstall in einem Tage von Dung befreite, indem er zwei Flüsse hindurchleitete. Daher reden wir, wenn es gilt, massenhaft angehäufte Missstände zu durchbrechen und zu beseitigen, mit Lucian (Alex. 1: "Τὴν Αὐγείου βουστασίαν ἀνακαθήρασθαι") und mit Seneca (Apoc. 7: "cloacas Augeae purgare"), von einem

Augiasstall,

dessen Reinigung

herkulische Kraft

erfordere, und sprechen, mehr im Hinblick auf diese als auf die anderen elf Arbeiten jenes Halbgottes, von einer

Herkulesarbeit.—

Heiligzuhaltendes, dessen Bewahrung uns Schutz gewährt, nennen wir ein

Palladium

[S. 111]

nach jenem Pallasbilde von Holz, das in Ilion zuerst, als ein vom Himmel gefallenes, verehrt und sorgsam behütet wurde, da sein Besitz die Stadt unüberwindlich machen sollte (s. Vergil "Aen." I, 164ff. und dazu Heyne).—

Die geheime Ratgeberin eines Staatslenkers nennen wir seine

Egeria

weil, nach Livius 1, 19 und 21 (vrgl. Valerius Maximus 1, 2, 1; Vergil "Aen." 7, 763 u. 775; Ovid "Amor." 2, 13, 18, "Fast." 3, 154; 261 sqq.; 4, 669; "Met." 15, 432 sqq.; 547 sqq.; Juvenal 3, 12 sqq.; Dionys v. Halik. 2, 60 sqq.), König Numa behauptete, von jener Nymphe, seiner Gemahlin, in nächtlichen Zusammenkünften zu erfahren, was er zu thun habe. Diese geheime Zwiesprache verlegen Manche in einen Hain bei Aricia, Andere in einen Hain vor der Porta Capena bei Rom.—

Aus einem Wirrsal, einem

Labyrinth,

leitet uns, wie Theseus, der

Faden der Ariadne, der Ariadnefaden,

von dem wir im Ovid ("Her." 10, 103; "Met." 8, 172; "Fast." 3, 462) und Hygin (42) lesen. Danach nennen wir ein handliches Büchlein, das uns durch die verschlungenen Pfade einer Wissenschaft führt, einen

Leitfaden.—

Bei Ovid (43 v.-17 n. Chr.) finden wir auch ("Met." 8, 183-235; vrgl. Hygin 40) die Erzählung von Ikarus, der trotz des Daedalus väterlicher Warnung mit den wachsverklebten Flügeln der Sonne zu nahe [S. 112]flog, so dass sie schmolzen und er im Meere ertrank. Hiernach nennen wir ein tollkühnes, missglückendes Wagnis einen

Ikarusflug.—

Das Urbild aller greisen, frommen und treuliebenden Ehepaare ist für uns

Philemon und Baucis,

die nach Ovid ("Met." 8, 620-725) Jupiter und Merkur gastlich aufnahmen, ohne sie noch als Götter erkannt zu haben, die dafür ihre Hütte zum Tempel verwandelt sahen, dessen Diener sie werden durften, und die, auf Verlangen zur selbigen Stunde sterbend, in eine Eiche und eine Linde umgestaltet wurden, welche gepaart an Phrygiens Höhen wuchsen, von Gläubigen bekränzt. Hagedorn ("Werke" 1793; II, 197) und danach Goethe (1802 "Was wir bringen"; 1809 "Wahlverwandtschaften" II, 1 und 1833 "Faust" II, 5) brachten weiteren Kreisen Deutschlands den Stoff nahe, den bereits La Fontaine ("Philemon et Baucis") verwertet hatte.—

Morpheus,

in dessen Armen wir Schlafende ruhen lassen, besitzt nach Ovid ("Met." 11, 634-693), als ein Sohn des Schlafgottes Somnus, die Macht, Traumgestalten hervorzurufen ("μορφή", die Gestalt; danach: "Μορφεύς", der Gestaltende).—

In der 107. Fabel des Hyginus (bl. um 10 v. Chr.) tötet Apoll in der Gestalt des Paris den Achill durch einen Pfeilschuss in die Ferse. Hier war die Stelle, wo er sterblich war; denn bis auf die Ferse, an der sie ihn hielt, hatte Thetis den Neugeborenen in den [S. 113]unverwundbar machenden Styx getaucht (s. Fulgentius 3, 7). Wir nennen daher die schwache, verwundbare Stelle eines Menschen seine

Achillesferse

(von den Ärzten wird der sich von der Wade zur Ferse hinziehende Sehnenstrang "Achillessehne" genannt).—

Nach Hyginus (Fab. 178) tötete Cadmus den Drachen, der den kastalischen Quell bewachte, und säete dessen Zähne aus und pflügte sie unter. Daraus entsprossen dann Krieger, die sich, bis auf fünf, einander erschlugen. Hiernach nennen wir eine Saat der Zwietracht

Drachensaat,

obwohl es richtig wäre, von einer "Drachenzahnsaat" zu reden.—

Wir pflegen zu sagen, dass ein neubelebt aus dem Zusammenbruch des Bestehenden hervorgehender Staat oder Mensch sich erhebe, wie ein

Phönix aus der Asche;

denn also schildert Claudian (44 "Phoenix", 102: "origo per cinerem") die Wiedergeburt des indischen Wundervogels, der, alt geworden, sich im eigenen Neste verbrenne, um verjüngt aus der Asche zu erstehen. Die weiteren Phönixmythen s. b. Creuzer ("Symbolik" II, 163ff.; 3. Aufl. 1841) und bei Th. Graesse ("Sagen des Mittelalters" Dresd. 1850).—

Die Märchensammlung "Tausend und ein Nacht" liefert uns aus "Aly Baba und die vierzig Räuber" die schatzerschliessende Zauberformel:

Sesam! öffne dich!

[S. 114]

Dieser Sesamblüte der orientalischen Sage ähnelt

die blaue Blume

der deutschen, von der J. Grimm ("Deutsche Mythol." 3. Aufl. Gött. 1854, S. 1152) schreibt:

"Die ungenannte blaue Wunderblume (S. 916, 924), die dem Hirten, wenn er sie unversehens aufgesteckt hat, plötzlich seine Augen öffnet und den bisher verborgenen Eingang zum Schatz entdeckt (S. 923), erscheint desto geheimnisvoller, weil sie gar nicht angegeben werden kann. Der Name Vergissmeinnicht, den sie sich gleichfalls selbst beilegt, soll bloss ihre Bedeutsamkeit ausdrücken und mag erst im Verlauf der Zeit auf Myosotis angewandt worden sein".

In des Novalis Roman "Heinrich von Ofterdingen" (1802) erfüllt die "blaue Blume" die Sehnsucht des Titelhelden. So wurde sie zum Losungswort der Romantik.—

Aus dem Tierepos haben wir den schon um 1200 vorkommenden Namen des Wolfes

Isegrim (Eisenhelm)

zur Bezeichnung eines grimmigen Menschen entnommen.—

Für ein zurückgesetztes, zur niedrigsten Hausarbeit verwendetes Mädchen giebt uns das deutsche Märchen den Namen

Aschenbrödel oder Aschenputtel.—

Eine schwäbische Sage, die Gustav Schwab nach mündlicher Überlieferung in seiner Ballade "Der Reiter und der Bodensee" (1826, s. "Gedichte" Stuttg. 1828-9) dem deutschen Volke schenkte, lautet also: Über die Schneefläche des zugefrorenen Bodensees sprengt ahnungslos ein Reiter, der, jenseits angekommen, tot vom Ross sinkt, als er hört, welcher Gefahr er entronnen. Wir [S. 115]erinnern daher bei ähnlichen Schrecken nach unbewusst überstandenem Unheil an den

Reiter über den Bodensee.—

Aus der norwegisch-isländischen Sage citieren wir für wilde Kampfeswut und Ingrimm die

Berserkerwut;

denn in der "älteren Edda" (16, 23 Simrock) heisst es:

"Zu Sorgen und Arbeit hatte die Söhne

Arngrim gezeugt mit Eyfura,

Das Schauer und Schrecken von Berserkerschwärmen

Über Land und Meer gleich Flammen lohten".—

In der "jüngeren Edda" (1, 27 Simrock) lesen wir von einem der zwölf göttlichen Asen, vom Heimdall: "Er bedarf weniger Schlaf als ein Vogel und sieht sowohl bei Nacht als bei Tag hundert Rasten weit; er hört auch das Gras in der Erde und die Wolle auf den Schafen wachsen, mithin auch alles, was einen stärkeren Laut giebt". Mit der Wendung

Das Gras wachsen hören

bezeichnen wir daher noch heut eine übermenschliche Feinspürigkeit.—

Wenn ein zuverlässiger Hüter und Warner von uns ein

Treuer Eckart oder ein Getreuer Eckart

genannt wird, so entlehnen wir diesen Namen der nordischen, auf deutscher Grundlage ruhenden Wilkinasage. Eckart rettet als Erzieher der Harlunge diese vor einem Überfall. Dann finden wir ihn vor Frau Holles wilder Jagd als Warner, dass die Leute aus dem Wege gehen (s. Grimm: "deutsche Mythol." S. 887), und am Venusberge, dass niemand hineingehe (s. "Heldenbuch" ges. 1472 und "die Mohrin" verf. 1453 von H. v. Sachsenheim).[S. 116] Schon bei Agricola ("Sprichw." Hagenau, 1584) heisst das 667. Sprichwort: "Du bist der treue Eckart; du warnest jedermann", Tieck gab (1799) die romantische Erzählung heraus: "Der getreue Eckart und Der Tannenhäuser" und Goethe schrieb (1813) die Ballade "Der getreue Eckart".—

Einen verführerischen Wüstling nennen wir einen

Don Juan

nach dem Helden einer spanischen Sage des 14. Jahrhunderts, die sich an eine historische Person knüpft, den Don Juan Tenorio, einen Freund Peters des Grausamen. Der Sage nach hatte er die Tochter eines Komturs entführen wollen, den er im Zweikampf erstach. Die dem Gefallenen errichtete Bildsäule ladet er höhnend zum Abendessen, und jener

Steinerne Gast

findet sich wirklich ein und überliefert den Sünder der Hölle. Dies Wort citieren wir im Sinne Schillers, der ("Piccolomini" IV, 6 a. E.) den vor sich hinbrütenden Max einen "steinernen Gast" schelten lässt, "der uns den ganzen Abend nichts getaugt". Die Don-Juan-Sage ging in mannigfacher Gestaltung über die Bühnen Spaniens (zuerst 1634 durch Tirso de Molina), Italiens, Frankreichs und Englands, bis die Musik unseres Mozart (1787) dem Libretto Lorenzo Dapontes (s. Kap. VII) zum Siege über alle Vorgänger verhalf.—

Einen bösen Ehemann nennen wir einen

Blaubart

nach dem ursprünglich altfranzösischen Märchen "Raoul, Le Chevalier Barbe-Bleue", in dem dieser blutdürstige [S. 117]Ritter seine sechs Gemahlinnen wegen ihrer Neugier tötet. Auch seine siebente würde er getötet haben, hätte man ihn nicht erschlagen.—

Aus dem im Anfang des 16. Jahrhunderts auftauchenden Märchen "Von den 7 Schwaben" (herausg. v. Richard Michael Bück in Bartsch-Pfeiffers "Germania". Neue Reihe V. 317) ist die Aufforderung des sechsten unter ihnen, der bald "Gelbfüssler", bald "Jokele", bald "Hansele" heisst, allgemein gebräuchlich geworden:

"Hannemann! geh' du voran!

Du hast die grössten Stiefeln an",

(Dass dich das Tier nicht beissen kann).—


[S. 118]

III.
Geflügelte Worte aus deutschen Schriftstellern.

Dem 13. Jahrhundert gehört

Neue Besen kehren gut

an, was zuerst[15] in Freidanks "Bescheidenheit" (W. Grimms Vrîdanc 15: "Von Dieneste" g. E.) in der Form vorkommt:

Der niuwe beseme kert vil wol

ê daz er stoubes werde vol.

(Der neue Besen kehrt sehr wohl,

Eh' dass er Staubes werde voll.)—

[15] Vrgl. über Dieses und Ähnliches die "Einleitung", in der gesagt ist, dass auch Sprichwörter nicht vom Himmel fallen, sondern stets ihren ersten Urheber haben müssen. Falls also nicht aus der Form des ersten Befundes mit Sicherheit hervorgeht, dass ein bereits gebräuchliches Sprichwort vorliegt, kann der Sammler die erste schriftstellerische Quelle getrost anmerken. Die spätere Forschung möge dann untersuchen, ob das Wort schon in früheren Tagen im Volke verbreitet war.

Das fünfte Rad am Wagen

stammt aus Herbort von Fritzlars (1. Decennium des 13. Jahrh.) "Liet von Troye" 83 "so zele man mich zem fünften Rade" oder aus "Vrîdanc" 41 "Von Guote und Uebele":

der wagen hât deheine stat

dâ wol stê daz fünfte rat.

(Der Wagen hat keine Stelle,

Wo das fünfte Rad wohl angebracht wäre.)—

[S. 119]

Den Mantel nach dem Winde kehren

findet sich zuerst in Gottfried von Strassburgs (um 1215) "Tristan und Isolt" (262, 32 f. Massmann, Leipz. 1843) in der Form:

man sol den mantel keren,

als ie die winde sint gewant.—

Aus dem "Sachsenspiegel" (1219-1233) Eike von Repkows, eines Schöffen aus der Nähe von Magdeburg, stammt:

Wer zuerst kommt, mahlt zuerst.

Es lautet bei Homeyer ("Des Sachsenspiegels erster Teil oder das Sächsische Landrecht nach der Berliner Handschrift von 1369"; 3. Ausg., Berlin 1861, 2. Buch, Artikel 59, § 4): "Die ok irst to der molen kumt, die sal erst malen".—

Wer seinen Kindern giebt das Brot

Und leidet nachmals selber Not,

Den soll man schlagen mit der Keule tot,

befindet sich an manchem Stadtthore Norddeutschlands neben einer aufgehängten Keule angebracht. Dieser Spruch ist einer Erzählung des Rüdiger von Hünchhover entnommen, der in Urkunden 1290-1293 erscheint (Herrigs Archiv 7, 340). Sie heisst "Der Schlägel" und lautet also: "Ein alter Mann, der sein ganzes Vermögen seinen Kindern überlassen hat, die ihn nun schlecht behandeln, weiss in ihnen den Glauben zu erwecken, dass er noch einen Schatz zurückbehalten habe, worauf sie ihn wieder in Ehren halten. Nach seinem Tode finden aber die Kinder in der vermeintlichen Schatzkiste nichts als einen Schlägel, mit der Beischrift, dass man einem jeden, der seine ganze Habe seinen Kindern übergiebt und [S. 120]infolgedessen in Not und Elend lebt, mit diesem Schlägel das Gehirn einschlagen müsse".

("Koloczaer Codex altdeutscher Gedichte" von Graf Mailáth und Köffinger, S. 155, und v. der Hagens "Gesamtabenteuer" 49, vrgl. auch "Meister Stephans Schachbuch", ein mittelniederdeutsches Gedicht des 14. Jahrhunderts, herausgegeben von W. Schlüter 1889-90, V. 4730-4881.) Nach Thiele "Danmarks Folkesagen", I, 107 wird in Dänemark diese Geschichte von Olaf Bagger in Odense unter Friedrich II. (1559-1588) erzählt.—

Die Welt will betrogen sein

steht in der Form "die wellt die will betrogen syn" in Sebastian Brants (1458-1521) 1494 erschienenen "Narrenschiff" (Ausg. Zarncke, S. 65, Sp. 1). Man führt es oft in der lateinischen Form an:

Mundus vult decipi.

So heisst es schon in Sebast. Franks 1533 erschienenen "Paradoxa", No. 236 (247): "Die Welt will betrogen und belogen sein und nur mit Wahn geäfft und regiert werden, wie jener Mönch sagt, der für sein Thema hält:

Mundus vult decipi

darumb bin ich hie,

dem man zu Lohn alle Säcke voll stiess". Hierin sieht Dr. Weinkauff (Birlingers "Alemannia", VI, 1. S. 48 u. 49) die Grundlage von

Mundus vult decipi, ergo deciplatur

(Die Welt will betrogen sein, darum sei sie betrogen);

während Thuanus (Bch. 12, anno 1556) dies lateinische Wort auf den päpstlichen Legaten Caraffa (späteren Papst Paul IV., † 1559) zurückführt.—

Grobian

ist auch ein Wort Sebastian Brants aus dem "Narrenschiff" (Zarncke, S. 71 u. 72). Er spricht dort von einem [S. 121]"neuen Heiligen, Grobian geheissen", den er weiterhin "Sankt Grobian" nennt.—

Hanswurst

findet sich zum ersten Male in der Form Hans Worst in der niederdeutschen Übersetzung von Sebastian Brants "Narrenschiff" (Rostock 1519, No. 76, 83, Ausg. Zarncke, S. 75, Sp. 2). Bei Brant selbst steht hans myst. Hans Mist ist auch der Name eines Bauern in einem Fastnachtspiele des 15. Jahrh. (Keller I, S. 342). Hans Worst wiederholt sich bei Luther in der "Vermahnung an die Geistlichen, versammelt auf dem Reichstag zu Augsburg", 1530, im Abschnitte "Vom ehelosen Stande"; in der Predigt über die "Auferstehung der Toten", B. 19, 133; in "Wider den Meuchler zu Dresden" (1531), 25, 105; und in "Wider Hans Worst" (Wittenberg 1541, 26, 4) sagt Luther:

"Dies Wort, Hans Worst, ist nicht mein, noch von mir erfunden, sondern von andern Leuten gebraucht wider die grossen Tölpel, so klug sein wollen, doch ungereimt und ungeschickt zur Sache reden und thun".

Schon hieraus möchte man schliessen, dass Luther an eine volkstümliche Bühnengestalt gedacht hat, besonders aber aus den kurz darauf folgenden Worten:

"Wohl meinen etliche, ihr haltet meinen gnädigen Herrn (den Kurfürsten von Sachsen) darum für Hans Worst, dass er von Gottes, dem ihr feind seid, Gaben stark, fett und volliges Leibes ist. Also hab ichs auch oft gebraucht, sonderlich und allermeist in der Predigt".

Die heut übliche Form "Hans Wurst" steht erst in Fischarts "Gargantua" (1575. c. 8. g. E.): "Trink alzeit for den durst—So tringt dich kain durst—Mein Hans Wurst".—

[S. 122]

Calembourg

entstammt nach der von Philarète Chasles ("Études sur l'Allemagne ancienne et moderne", Paris 1854, p. 83) aufgestellten und in Littrés Lexikon gebilligten Etymologie dem Schwankbuche Philipp Frankfurters "Der Pfaffe von Kalenberg" (nachweisbar erst Ende des 15. Jahrh. geschrieben, vielleicht schon im 11. Jahrh.). Aus Calembourg haben wir dann zur Bezeichnung hervorragend schlechter Wortwitze

Kalauer

gemacht, wobei wohl an Leder und die geringere Qualität der Stiefel gedacht worden ist, wie sie die Stadt Kalau liefert. Andere wollen wissen, der Ausdruck rühre daher, dass Ernst Dohm seine guten Witze dem "Kladderadatsch" Sommers aus Kalau sandte.—

Der Name

Amerika

entstand nach dem des Amerigo (Americus) Vespucci auf den Vorschlag des Buchhändlers und Professors Martin Waldseemüller (Hylacomylus in St.-Dié), welcher Vespuccis dritte Reise nach der "Neuen Welt" i. J. 1507 herausgab (vrgl. A. v. Humboldt "Examen critique de l'histoire et de la géographie du nouveau continent". IV., 97ff. 104-6).—

Die Geister platzen aufeinander

steht in Luthers (1483-1546) auf das Münzersche Treiben in Altstadt bezüglichem Briefe (vom 21. August 1524) "an die Fürsten zu Sachsen von dem aufrürischen Geiste", B. 53, Nr. 108, S. 255ff, in der Form: "Man lass die Geister auf einander platzen und treffen".—

[S. 123]

Nach dem "Was ist das?" zum 8. Gebot in Luthers "Katechismus" (1529) sollen wir

Alles zum Besten kehren,

und im dritten Hauptstück heisst es: "Vater unser, der du bist im Himmel.—Was ist das? Gott will uns damit locken, dass wir glauben sollen, er sei unser rechter Vater". Hiernach ist

Er will uns damit locken

ein geflügeltes Wort geworden. Ebenda zählt Luther in der Erklärung der "vierten Bitte" des "Vaterunsers" auch

Gute Freunde, getreue Nachbarn

zu "unserem täglichen Brod".—

Wasser thuts freilich nicht

stammt aus dem vierten Hauptstück.—

Die Kunst geht nach Brot,

(d. h. "die Kunst geht betteln",) was in Lessings "Emilia Galotti", 1, 2 vorkommt, steht bei Luther, B. 64, S. 183: "Kunst gehet itzt nach Brot, aber Brot wird ihr wieder nachlaufen und nicht finden". Bei Neander: "Ethice vetus et sapiens", (Lpz. 1590) steht S. 338 unter "Proverbia Germanorum" bereits: "Kunst gehet nach Brot".—

Aus Luthers "Ein' feste Burg ist unser Gott" (im Klugschen Gesangbuche von 1529, S. 21) wird citiert:

Mit unsrer (eigentl.: unser) Macht ist nichts getan,

ferner:

Das Wort sie sollen lassen stan,

und:

Lass fahren dahin.

Letzteres benutzte Schiller im "Reiterliede" (Schillers Musenalmanach für 1798, S. 137) am Schluss von "Wallensteins Lager"

Lass fahren dahin, lass fahren!

[S. 124]

Bürger singt in Strophe 14 des Gedichtes "der Bruder Graurock und die Pilgerin" (1777):

Lass fahren! Hin ist hin!—

Für "Legende" braucht Luther "Lugenda" in seiner "Predigt am 25. Sonntag nach der heiligen Dreifaltigkeit, Anno 1537, in tempio parochine", B. 6, S. 244: "Sonderlich hat die Lugenda von den Wunderzeichen Franzisci ein Sack voll erlesener, grosser, schändlicher Lügen". Lugende steht in Grimmelshausens "wunderbarlichem Vogelnest", (1672) II, 13. Später wurde aus Lugenda "Lügende" und "Lüg-Ente". In "Schelmuffskys Curiöser und sehr gefährlicher Reisebeschreibung zu Wasser und Lande, von E. S.[16]. Gedruckt zu Schelmerode in diesem Jahr" (1696) heisst es zu Anfang: "so wusste ich allmalen so eine artige Lüg-Ente vorzubringen". Daraus ist

Ente

für Zeitungslüge geworden. Grimm jedoch sagt im "Wörterbuch": "Man nennt eine in Zeitungen verbreitete, gleichsam fortschwimmende, wieder auftauchende Fabel oder Lüge heute gewöhnlich Ente; früher hiess es blaue Ente; blau ist nebelhaft, nichtig; einem etwas Blaues vormachen, blauen Dunst machen bedeutet vorlügen". Es folgen dann mehrere Belegstellen, wobei zu bemerken ist, dass auch im Französischen "canard" und im Spanischen "ánade" für Zeitungslüge gebraucht wird.—

[16] Der Verfasser war der einunddreissigjährige Christian Reuter, dessen Leben und Werke Friedrich Zarncke beschrieb. Vrgl. Bd. IX d. "Abhandl. d. philol.-hist. Classe der Kgl. sächs. Gesellsch. d. Wissensch." No. 5. Lpz. S. Hirzel. 1884.

Allgemein wurde, doch ohne jegliche Gewähr, auf Luther der Spruch zurückgeführt:

[S. 125]

Wer nicht liebt Wein, Weib und Gesang,

Der bleibt ein Narr sein Lebelang;

auch die Lutherstube auf der Wartburg ist jetzt damit geschmückt. Xanthippus ("Spreu" IV, München 1883) hat wohl mit Recht als die Quelle den italienischen Reim bezeichnet:

"Chi non ama il vino, la donna e il canto

Un pazzo egli sara e mai un santo."

"Wer nicht liebt Gesang und Weib und Wein,

Der wird ein Narr und nie ein Heiliger sein."

Zum ersten Male, scheint es, tritt die Luther-Legende im "Wandsbecker Bothen" von 1775, No. 75 in folgender "Devise an einen Poeten" auf:

Dir wünsch' ich Wein und Mädchenkuss,

Und deinem Klepper Pegasus

Die Krippe stets voll Futter!

Wer nicht liebt Wein, Weib und Gesang,

Der bleibt ein Narr sein Lebenlang.

Sagt Doktor Martin Luther.

Nach Redlich ("Die poetischen Beiträge zum Wandsbecker Bothen", Hamburg 1871, S. 57) machte wahrscheinlich Joh. Heinrich Voss diese Verse, also nicht Claudius, wie W. Roeseler ("Mathias Claudius und sein Humor", Berlin 1873, S. 41) annimmt. Dann teilt Voss den oben citierten Vers 1777 im "Musenalmanach" (Hamburg, S. 107) mit der Überschrift "Gesundheit" und der Unterschrift "Dr. M. Luther" mit. Auch sein 1777 gedichtetes Lied: "An Luther" (Voss: "Sämmtl. Gedichte" Königsb. 1802. B. 4, S. 60) endet mit jenen Worten, und aus seiner Anmerkung S. 294, ersehen wir, dass Hamburger Pastoren in dem Abdrucke des Spruches im Musenalmanach eine Verunglimpfung Luthers erblickten und deshalb Vossens Wahl zum Lehrer am Johanneum vereitelten. Über den Ursprung gab Voss keine Auskunft. Herder ("Volkslieder", 1. T. Leipz. 1778, S. 12) schliesst die Zeugnisse über Volkslieder mit:

Wer nicht liebt, Weib, Wein und G'sang,

Der bleibt ein Narr sein Leben lang.

Luther.

Karl Müchler giebt in dem zuerst in F. W. A. Schmidts "Neuem Berliner Musenalmanach für 1797", S. 48 gedruckten Trinkliede "Der Wein [S. 126]erfreut des Menschen Herz" ("Lieder geselliger Freude", herausg. von J. F. Reichardt, 1797, 2. Abtlg. S. 15) jeder Strophe die Kehrreime:

— —Was Martin Luther spricht:

Wer nicht liebt Wein, Weib und Gesang,

Der bleibt ein Narr sein Lebelang;

Und Narren sind wir nicht.

Auch in Methfessels "Allgemeinem Commers- und Liederbuch", Rudolstadt 1818, schliesst das von Lichtensteinsche Lied "Wo der geistige Freudenbringer":

Drum singt, wie Doktor Luther sang:

Wer nicht liebt Wein, Weib und Gesang,

Der bleibt ein Narr sein Leben lang.

Wenn in den "Epistolis obscurorum virorum" (Lips. 1864, p. 371) gesagt wird: "Quamvis Salomon dicat: musica, mulier et vinum laetificant cor hominis, primo Proverbiorum XII". "Obgleich Salomon sagt: Musik, Weib und Wein erfreuen des Menschen Herz, erstes Buch der Sprüche 12", so ist das ein erdichtetes Citat, da es kein erstes Buch der Sprüche Salomos giebt.—

Dunkelmänner,

die wörtliche Übersetzung von "obscuri viri", hat folgenden Ursprung: der für die Reformation kämpfende Humanist Reuchlin gab, um sein Ansehen im Streite gegen die kölner Papisten, Pfefferkorn, Hochstraten, Arnold von Tongern, Ortuinus Gratius u. s. w. zu stärken, 1514 seinen Briefwechsel mit berühmten Leuten: "Epistolae clarorum virorum" heraus. Von ihm befreundeter Seite, es werden Crotus Rubianus, Ulrich Hutten, Jacob Fuchs, Eobanus Hesse, Petreius Eberbach genannt, erschien 1515 der erste, 1517 der zweite Band "Epistolae obscurorum virorum" (Briefe unberühmter Leute), die so abgefasst sind, als kämen sie von seinen Feinden, und die auch an Ortuinus Gratius gerichtet sind. Zuerst frohlockten diese; als sie aber merkten, dass sie gemeint seien, erschien 1518 die Gegenschrift: "Lamentationes obscurorum virorum, non prohibitae per sedem Apostolicam". So bekam "obscuri viri", eigentlich "unberühmt" im Gegensatz zu "clari viri", den Nebensinn[S. 127] von Obscuranten, Finsterlingen, "Dunkelmännern". Letzterer Ausdruck scheint erst im 19. Jahrhundert gebildet worden zu sein. In der von Bentzel-Sternau herausgegebenen Zeitschrift "Jason", Jahrgang 1809, III. Band, S. 271 wird gesagt: "Bekannt ist es, welche heilsame Wirkung die Briefe der Dunkelmänner auf den Lesenden (den kranken Erasmus) hervorbrachten." Hoffmann von Fallersleben brachte in den "Unpolitischen Liedern" (1. T. 1840) ein Gedicht "Dunkelmannstracht" und H. Heine: "Wintermärchen" (1844), Kap. 4, sagt von Köln:

Ja, hier hat einst die Klerisei

Ihr frommes Werk getrieben,

Hier haben die Dunkelmänner geherrscht,

Die Ulrich von Hutten beschrieben.—

Ulrich von Hutten (1488-1523) ist wegen seines Wahlspruches:

Ich hab's gewagt,

zu erwähnen, welcher sich zuerst auf dem Titelblatt seiner Übersetzungen der "Conquestiones" (wahrscheinlich—nach Böcking—1520 erschienen) sowie als Unterschrift in der, nach Böcking gleichfalls 1520 erschienenen "Klag über den Lutherischen Brandt zu Mentz (Mainz)" findet. Ebenso beschliesst Hutten mit diesem Spruch das Vorwort zu seinem "Gesprächbüchlein" (1521) und in demselben seinen Dialog in Prosa: "Die Anschauenden", und er hängt ihn fast stets seinen deutschen Versen als Schluss, ohne Zusammenhang mit dem Vorhergehenden, an. Im Zusammenhang steht es am Schluss seiner "Klag und Vormahnung gegen den übermässigen unchristlichen Gewalt des Bapsts zu Rom", wo es heisst:

[S. 128]

Wohlauf, wir haben Gottes Gunst,

Wer wollt in solchem bleiben d'heim?

Ich hab's gewagt, das ist mein Reim.

Auch beginnt ein 1521 gedrucktes Lied von ihm:

Ich hab's gewagt mit Sinnen,

dessen sechste Strophe schliesst:

Bin unverzagt,

Ich hab's gewagt,

Und will des Ends erwarten.

Er sah in diesem deutschen Wahlspruch eine Übersetzung seines lateinischen, bereits 1517 als Motto seinem "Phalarismus" vorgesetzten und auch später noch, z. B. in der Vorrede "an alle freien Männer Deutschlands" (ad liberos in Germania omnes) von ihm angewendeten Wahlspruches:

Jacta est alea.

Gefallen ist der Würfel.

(vrgl. Menander unt. "Gefl. Worte aus Griech. Schriftst.").—

Nach dem Buchdrucker Johann Ballhorn (eigentlich Balhorn), der seit 1531 in Lübeck (nach Balthasar Schuppius zu Soest in Westfalen) thätig war, heisst

ballhornisieren oder verballhornen

so viel wie "verschlimmbessern", "lächerliche Veränderungen in einem Schriftstück anbringen". Der erste, welcher Johann Ballhorn erwähnt, ist Schuppius in dem "Kalender" (1659) S. 588 und 601. An der ersten Stelle heisst es: "wie Johann Ballhorn, der Buchdrucker zu Soest in Westfalen, welcher das ABCbuch vermehrt und verbessert herausgehen liess"; und an der zweiten: "als ich dasselbe erbrochen, lag darin dieses Pasquill, auctior et correctior, wie Johann Ballhorn zu schreiben pflag". Andere leiten [S. 129]"verballhornen" von dem jedoch durch Johann Ballhorn nur gedruckten Buche "Lübeckische Statuta" u. s. w., (1586) ab, weil die darin vorgenommenen und dem allein auf dem Titelblatt genannten Ballhorn fälschlich zugeschriebenen Verbesserungen allseitigen Tadel gefunden hätten. Noch Andere schieben ihm zu, dass er dem auf der letzten Seite der Fibeln üblichen Hahn ein paar Eier untergelegt habe. Eine Fibel mit dem Bilde des Hahnes, im Jahre 1583 gedruckt zu Hamburg, befindet sich in der dortigen Stadtbibliothek. In "Deutscher Recht- nicht Schlechtschreibung" (S. 5, Berlin 1877) wird "Johann Ballhorn von Buxtehude" genannt; einen solchen giebt es nicht.—

Aus dem "Esopus", (4, 62; 1548) des Burchard Waldis (1490-1556) stammt:

Das ist für die Katze,

oder, wie man im Königreich Sachsen zu sagen pflegt:

Das ist der Katze,

d. h. das lohnt nicht, das bringt nichts ein. Der Ausdruck ist ein Rest der dort befindlichen Erzählung "Vom Schmied und seiner Katze". Ein Schmied nahm sich vor, von seinen Kunden nichts für seine Arbeit zu verlangen, sondern die Bezahlung ihrem eigenen Willen anheimzustellen; sie begnügten sich aber mit dem blossen Danke. Nun band er seine fette Katze in der Werkstatt an, und wenn ihn die Kunden mit leeren Worten des Dankes verliessen, sagte er: "Katz, das geb ich dir!" Die Katze verhungert, und der Schmied beschliesst, es zu machen wie die anderen Handwerker.[17] Seume glaubte, die [S. 130]Schnurre rühre von Taubmann her; denn er schreibt in seinem Buche "Mein Leben", ziemlich gegen Ende: "so dass ich— — —weiter nichts erntete, als ein freundliches 'Wir bleiben Euch in Gnaden gewogen', wovon doch am Ende selbst Taubmanns Katze ihr Bischen Geist aufgab".

[17] S. Balthasar Schuppius "Freund in der Not" (1657) S. 229, "der Kurtzweilige Zeitvertreiber" von 1666, S. 41 und Abraham a St. Clara "Huy und Pfuy der Welt".

In den "Deutschen Rechtssprichwörtern" von Graf und Dietherr, 2. Ausg., Nördlingen 1869, S. 267 steht "vom Danke kann man keine Katze füttern" und in der Anmerkung a: "von'n danke kan man keine katten futtern". Es ist also ebenso möglich, dass Waldis seine Erzählung daraus herspann, wie, dass diese Worte aus ihr entsprangen.—

Lehrstand, Nährstand, Wehrstand

wird bei Erasmus Alberus (1500-53) zum ersten Male angedeutet. In seiner "Predigt vom Ehestand" aus dem Jahre 1546 (auf der Königl. Bibliothek in Berlin) heisst es Bogen 6: "Der Priester muss lehren, die Oberkeit wehren, die Bauerschaft nähren" und in seinem "Buch von der Tugend und Weisheit, nämlich 49 Fabeln" (Frankfurt a. M. 1550, Fabel 47, Morale):

"Fein ordentlich hat Gott die Welt

Mit dreien Ständen wohl bestellt.

Wenn die sich nur wüssten zu halten,

So liess Gott immerdar hin walten.

Ein Stand muss lehrn, der andre nährn,

Der dritt' muss bösen Buben wehrn".

In Luthers "Tischreden", 1560, (B. 59, S. 207) heisst es:

"Amt eines treuen Seelsorgers".

"Nähren und wehren muss in einem frommen, treuen Hirten und Pfarrherrn beisammen sein . . . sonst wenn das Wehren nicht da ist, so frisst der Wolf die Schafe desto lieber, da sie wohl gefüttert und feist sind. . . . Ein Prediger muss ein Kriegsmann und ein Hirte sein. Nähren ist lehren, und das ist die schwerste Kunst; darnach soll er auch Zähne im Maule haben und wehren oder streiten können". In den "Tischreden" (ed. Förstemann, Abt. 3, S. 415) steht Kap. XXXVII, § 118: "Einem Lehrer gebührt, dass er gewiss lehre, nähre und wehre" und bei Bindseil "Colloquia[S. 131] latina", V. p. 280: "Id eo ad Doctorem pertinet nehren und wehren docere et confutare". "Nähramt, Wehramt" kommt bei Luther am Schluss der Schrift "Ob Kriegsleute u. s. w." vor, und "Vom Nähr- und Lehrstande" u. s. w. ist die Überschrift zu Sirach 39. Im Wencel Scherffer ("Geist- und Weltliche Gedichte", Brieg 1652, S. 74) werden die drei Beine einer von den Herzögen zu Liegnitz und Brieg erlegten dreibeinigen Bache auf die drei Stände: "den Regier-, Lehr- und Nährstand" gedeutet und "Wehr-Lehr-Nähr-Her-Stand" betitelt Friedrich von Logau einen seiner Verse (Salomons von Golau Deutscher Sinn-Getichte drey Tausend. Breslau. In Verlegung Caspar Klossmanns. 1654 ersch. jedoch ohne Jahresangabe. 2. Tausend 8. Hundert No. 21). Die drei Substantiva "Wehrstand, Lehrstand, Nährstand" findet man in der Überschrift, welche Weidner dem 3., 4. und 5. Teile von Zincgrefs "Apophthegmata" (1653-55) giebt. Zeller erläutert ("Geschichte der Philosophie", II, 1, 764) die drei Stände in Platos "Staat" durch diese deutschen Bezeichnungen.—

In der Schrift des Erasmus Alberus "Ein Dialogus oder Gespräch etlicher Personen vom Interim" (1548; Blatt Diiij) heisst es:

(Gehe hin, und) thu, das du nicht lassen kannst.

Lessing wiederholt es in "Emilia Galotti" (1772), 2, 3; v. Hippel in den "Lebensläufen nach aufsteigender Linie", I, 5 (1778) sagt: "Er thue, was er nicht lassen kann"; in Wielands "Pervonte" (1778) heisst es von Vastola, als diese den Pervonte küssen muss (2. Teil); sie "that was sie nicht lassen konnte"; Schiller in "Wilhelm Tell", 1, 1 lässt Tell sagen: "ich hab' gethan, was ich nicht lassen konnte".—

Atlas

für "Landkartensammlung" führte Gerhard Mercator (Kremer; 1512-94) durch sein Werk ein "Atlas sive geographicae meditationes de fabrica mundi et fabricati figura", (Atlas oder geographische Betrachtungen über die Erschaffung der Welt und über die Gestalt der erschaffenen Welt) Duisburg 1595.—

Der Pastor in Frankfurt a. O. Andreas Musculus (Mensel; 1514-81) gab 1556 die Schrift heraus "Vom zuluderten zucht und ehrerwegnen pluderichten Hosen Teuffel vermanung und warnung", auf deren neuer [S. 132]Auflage v. J. 1629[18] der Hosenteufel bezeichnet wird als "Dess jetzigen Weltbeschreyten verachten und verlachten Al-modo Kleyder Teuffels Alt-Vatter". Dies sehen wir als die Quelle des üblichen Wortes

Modeteufel

an (mit Julius Lessing: "Der Modeteufel" S. 5; Berl. 1884. "Volkswirtschaftl. Zeitfr." Heft 45).—

[18]Dieser nach des Musculus Tode erschienene Nachdruck fehlt in der Kgl. Bibliothek zu Berlin, ist aber vorhanden in der reichhaltigen Costume-Bibliothek des Freiherrn von Lipperheide in Berlin.

In Johann Fischarts (1547-89) "Gargantua" (S. 160) lesen wir: "Duck dich Seel, es kommt ein Platzregen," was vielleicht die Quelle des bekannten Wortes ist:

"Freue dich, liebe Seele, jetzt kommt ein Platzregen",

wie unter einer in den vierziger Jahren des 19. Jahrh. zu Berlin erschienenen kolorierten Zeichnung steht, die einen dicken schweisstriefenden Herrn darstellt, der, an einem Tisch sitzend, die Hand nach einem vollen Glase Berliner Weissbier ausstreckt.—

Fischart verdanken wir auch den tief ins Volk gedrungenen Witz

Jesu-wider

(für "Jesuit", "Jesuiter"); denn er reimt in seinem "Jesuitenhütlein" (1580, Kap. 4):

"Aber weil der Nam Wider Christ

Noch etlichen zuwider ist,

Welche doch noch zu gewinnen weren:

So that den Namen ich verkehren

Und setzt das förderst rechts darhinder,

Auff dass mans finden könt dest minder,

Macht Christ Wider und Jesu Wider

Für Wider Christ, den sonst kennt jeder".—

[S. 133]

Johannes Olorinus Variscus (Johann Sommer; 1559-1622) erzählt in "Ethographia Mundi", (1609, 1. T., 17. Regel) unter andern Lügengeschichten, dass jemand, ans Ende der Welt gekommen, dort

Die Welt mit Brettern vernagelt

oder, wie er sagt, "verschlagen" gefunden habe.—

Gas

ist ein von van Helmont (1577-1644) in Brüssel erfundenes Wort. In seinen "Opera omnia", (ed. M. B. Valentini, 1707) heisst es S. 102, Sp. 12 § 14 nach Erwähnung des von ihm entdeckten Gases: "Hunc spiritum, incognitum hactenus, novo nomine gas voco" (Diese bislang unbekannte Art Luft benenne ich mit dem neuen Namen "Gas").—

Friedrich von Logau (1604-55) sang in seinen Sinngedichten (Salomons von Golau deutscher Sinn-Getichte drey Tausend. Breslau. In Verlegung Caspar Klossmanns ersch. 1654 jedoch ohne Jahresangabe. 1. Tausend, 8. Hundert, No. 2) nach vollendetem dreissigjährigen Kriege:

"Gewaffneter Friede".

"Krieg hat den Harnisch weg gelegt, der Friede zeucht ihn an,

Wir wissen was der Krieg verübt, wer weiss was Friede kann?"

und (3. Tausend, 5. Hundert, No. 78):

"Der geharnischte Friede".

"Der Friede geht im Harnisch her, wie ist es so bestellt?

Es steht dahin; er ist vielleicht die Pallas unsrer Welt".

Danach sagen wir:

ein bewaffneter Friede.—

[S. 134]

Eben daher citieren wir (2. Tausend, 4. Hundert, No. 34):

"Der Mai".

"Dieser Monat ist ein Kuss, den der Himmel giebt der Erde,

Dass sie jetzund seine Braut, künftig eine Mutter werde".—

Logaus Sinngedichte ("Die Liebe". 2. Tausend, 4. Hundert, No. 14):

"Nenne mir den weiten Mantel, drunter alles sich verstecket;

Liebe thuts, die alle Mängel gerne hüllt und fleissig decket",

und (2. Taus., 9. Hundert) "Christliche Liebe":

"Liebe kaufte neulich Tuch, ihren Mantel zu erstrecken,

Weil sie, was durch dreissig Jahre Krieg verübt, soll alles decken",

sind wohl unsere Quellen, wenn wir sagen, dass wir etwas

Mit dem Mantel der Liebe zudecken.

In Friedrich Wilhelm Gotters "Gedichten" (I, S. 91; Gotha 1787) heisst es in der Romanze "Die Trauer" (1774):

"Elise, die gern Thränen stillt,

Verirrte gerne leitet,

Und über kleine Schwächen mild

Der Liebe Mantel breitet".

Es sei hierbei erinnert an "Sprüche Salomonis" 10, 12: "Liebe decket zu alle Übertretungen", an 1. Petri 4, 8: "Die Liebe decket auch der Sünden Menge" und an das (nach dem "Corpus iuris canonici", Dist. 96, c. 8) dem Kaiser Konstantin zugeschriebene Wort: "er würde, wenn er mit eigenen Augen einen Priester oder Einen im Mönchsgewande sündigen sähe, seinen Mantel ausziehen und ihn so damit bedecken, dass Niemand ihn gewahre" ("chlamydem meam expoliarem et cooperirem eum, ne ab aliquo videretur").—

Aus Paul Gerhardts (1606-76) Kirchenliede "Nun ruhen alle Wälder" ("Geistliche Lieder und Psalmen", Berlin 1653) stammt die Frage:

Wo bist du, Sonne (ge)blieben?—

[S. 135]

Auch citiert man die erste Zeile seines 1649 gedichteten Liedes vom Folgenden abgelöst, also:

Wach auf, mein Herz, und singe!—

Ein Weihnachtslied von Johann Rist (1607-67) beginnt:

Ermunt're dich, mein schwacher Geist.—

Nürnberger Trichter

beruht auf dem Titel eines Buches von Harsdörffer (1607-58): "Poetischer Trichter, die Teutsche Dicht- und Reimkunst, ohne Behuf der lateinischen Sprache, in VI Stunden einzugiessen", das 1648 ohne Namen in Nürnberg erschien.

Das Bild vom Trichter ist nicht seine Erfindung, da er sich in der Vorrede auf "H. Schickards Hebreischen Trichter" (Tüb. 1627) bezieht, und ein solcher Trichter schon in der lateinischen Komödie "Almansor, sive ludus literarius" des Mart. Hayneccius (Lpz. 1578) 5, 5, genannt wird. Vrgl. Zincgref-Weidner ("Apophthegmata", T. 3, Amst. 1653, S. 227): "Der Drechter Almansoris, mit welchem man den Leuten ingegossen, ist lang verlohren". "Mit einem Trichter eingiessen" steht bereits bei Sebast. Franck ("Sprichw." 1541, II, 107 b). "Eintrichtern" sagen wir jetzt. Franz Trautmann gab 1849-50 in Nürnberg ein humoristisches Blatt "der Nürnberger Trichter" heraus.—

Philipp von Zesen (1619-89), wendete

lustwandeln

in "Der Adriatischen Rosemund" (1645) zum ersten Male für "spazieren gehen" an. Mit seinen anderen, S. 366 daselbst zusammengestellten Verdeutschungen drang er nicht durch; aber "lustwandeln" erhielt sich, weil es den Spott ganz besonders hervorrief. Christian Weise macht sich in dem satirischen Romane (1672) "Die drei ärgsten Erznarren in der ganzen Welt", Kap. 11 [S. 136]darüber lustig, sowie Grimmelshausen in "Des weltberühmten Simplicissimi Pralerey und Gepräng mit seinem Teutschen Michel u. s. w." (o. O. u. J. Kap. 5 g. E.). Im obengenannten Verzeichnisse bildete Zesen das Wort

Gottestisch (für Altar)

wohl mit Anlehnung an 1. Kor. 10, 21 "Teilhaftig sein des Herrn Tisches".—

Samuel Rodigast (1649-1708) dichtete das evangelische Gesangbuchlied:

Was Gott thut, das ist wohlgethan.—

Wenn in unfeinen Kreisen die Geliebte eines Menschen als seine

Charmante

(noch gemeiner: Schockscharmante) bezeichnet wird, so ist dieser Ausdruck dem Französischen nicht unmittelbar entnommen, da "sa charmante" einem Franzosen in diesem Sinne unverständlich ist. "Charmante" ist vielmehr eine der Geliebten des Helden in Christian Reuters (geb. 1665) die entarteten Simpliciaden geisselnden Romane "Schelmuffskys Wahrhafftige, Curiöse und sehr gefährliche Reisebeschreibung zu Wasser und zu Lande, in hochteutscher Frau Muttersprache eigenhändig und sehr artig an den Tag gegeben von E. S". (Hamburg 1696.)[19]

[19] S. die Anmerkung unter "Ente".

Das Ende der 2. Strophe im Liede Erdmann Neumeisters (1671-1756): "Herr Jesu Christ, mein Fleisch und Blut" lautet:

Herr Jesu Christ! wo du nicht bist,

Ist Nichts, das mir erfreulich ist;

[S. 137]

was geschmacklos umgestaltet wurde in:

Wo du nicht bist, Herr Organist,

Da schweigen alle Flöten.—

Als Bezeichnung Berlins findet sich

Spree-Athen

wohl zuerst in dem Gedichte des Erdmann Wircker zu Friedrichs I. Lobe "An seiner königl. Majestät zu Preussen im Nahmen eines andern", worin es heisst:

"Die Fürsten wollen selbst in deine Schule gehn,

Drumb hastu auch für Sie ein Spree-Athen gebauet".

(In dem Buche "Märkische neun Musen, welche sich unter dem allergrossmächtigsten Schutz Sr. koenigl. Majestät in Preussen als Ihres allergnädigsten Erhalters und ändern Jupiters bey glücklichen Anfang Ihres Jubel-Jahres auff dem Franckfurtischen Helicon frohlockend aufgestellt" Erste Assemblée verlegts Johann Völcker 1706. S. 59.)—

Bramarbas

für "Prahlhans" ist dem satirischen Gedichte eines nicht bekannten Verfassers "Cartell des Bramarbas an Don Quixote" entnommen, das Philander von der Linde (Burchard Menke 1675-1732) in der zu seinen "Vermischten Gedichten", (Leipz. 1710) den Anhang bildenden "Unterredung von der deutschen Poesie" mitteilt. Hiernach gab Gottsched ("Deutsche Schaubühne", Leipz. 1741, III) dem Lustspiele Holbergs "Jacob von Tyboe eller den stortalende Soldat" (oder der grosssprecherische Soldat), das er in der Übersetzung Dethardings veröffentlichte, den Titel "Bramarbas oder der grosssprecherische Officier", weil, wie er sich in der Vorrede äussert, der Name Tyboe "in unserer Sprache keine Anmut gehabt haben würde"; er setzt hinzu, dass er diesen Namen dem Philander von der Linde entlehnt habe.—

[S. 138]

Ein sorglos bei seinem Tagewerk Singender und überhaupt ein laut Vergnügter wird gern

Johann, der muntre Seifensieder

genannt nach der Anfangs- und Schlusszeile des Friedrich von Hagedornschen (1708-54) Gedichtes "Johann der Seifensieder" ("Versuch in poetischen Fabeln und Erzehlungen" 1. Buch, Hamb. 1738). Auch spricht man kurzweg von einem

muntren Seifensieder,

wie denn schon Gleim ("An die Freude". S. Voss: "Musenalm." f. 1798; S. 88) dichtet:

"Alle muntren Seifensieder

Sind verschwunden aus der Welt!

Hagedorns und meine Lieder

Singt kein Trinker und kein Held!"

Hagedorn schöpfte den Stoff aus La Fontaines ("Fables" VIII, 2) "Le savetier et le financier", nur machte er aus dem "Schuhflicker" einen "Seifensieder", indem er wohl "savetier" von "savon" ableitete. Die Moral der Geschichte stammt aus Horaz (Epist. 1, 7, 95): "vitae me redde priori"; "gieb mich meiner alten Lebensart zurück!"—

von Haller (1708-77) sagt in dem Gedichte "Falschheit menschlicher Tugenden" im "Versuche schweizerischer Gedichte" (1732 in Bern zuerst anonym erschienen):

"Ins Innre der Natur dringt kein erschaffner Geist;

Zu glücklich, wann sie noch die äussre Schale weist".

Dieser Behauptung widerspricht Goethe heftig in den Gedichten "Allerdings" (1820, 3. Heft der Morphologie) und "Ultimatum" (zuerst in der Ausg. von 1827). Aus dem Ersteren citieren wir Hallers Wort also:

In's Innre der Natur

Dringt kein erschaffner Geist,

Glückselig! wem sie nur

Die äussre Schale weis't!—

[S. 139]

In demselben Buche Hallers (S. 47) steht zu lesen:

"Unselig Mittelding von Engeln und von Vieh!

Du prahlst mit der Vernunft und du gebrauchst sie nie".

Brockes trat in seinem "Irdischen Vergnügen in Gott" (1748; 133. 9, S. 344) diesen Gedanken breit, dem der Altonaer Goldschmied Joachim Lorenz Evers die knappe Form gab:

Was ist der Mensch? Halb Tier, halb Engel.

So nämlich beginnt seine Nr. 369 der 1797 erschienenen "Vierhundert Lieder", die "der geselligen und einsamen Fröhlichkeit gewidmet" sind.

Bemerkt sei hier, dass Hallers Verse wohl Goethe ("Faust", "Prolog im Himmel", 43-44) zu den Worten des Mephistopheles über den Menschen anregten:

"Er nennt's Vernunft und braucht's allein,

Nur tierischer als jedes Tier zu sein".—

Sternwarte

ist ein von Popowitsch ("Untersuchungen vom Meere", Frankf. u. Leipz. 1750, S. 89) geschaffener Ausdruck. Nicht Haller bildete das Wort, wie Jahn ("Deutsches Volkstum", VIII, 1, 6) angiebt.—

Baumgarten (1714-62) hielt 1742 zu Frankfurt a. O. über die Wissenschaft der sinnlichen Erkenntnis Vorlesungen, welche er unter dem Namen "Aesthetica", Frankfurt a. O. 1750-58, herausgab. Daraus entstand

Aesthetik.—

Gellerts (1715-69) Fabel "Der Tanzbär" (B. 1 der "Fabeln u. Erzählungen", Lpz. 1746) liefert uns das Begrüssungswort für einen Heimkehrenden:

Petz ist wieder da!

womit die Bären des Waldes sich freudig anbrummen, als der Tanzbär zu ihnen zurückgekommen ist.—

[S. 140]

Aus Gellerts Erzählung (B. 1): "Die Widersprecherin" haben wir uns zur Bezeichnung einer Widerspruch liebenden Frau das Wort:

Der Hecht, der war doch blau

zurecht gemacht, welches in dieser Form nicht darin vorkommt. Es handelt sich in der Fabel darum, ob ein Hecht zu blau oder zu wenig blau gesotten ist; dem Hausherrn ist er's zu wenig, der Hausfrau zu sehr. Da Jener bei seiner Meinung beharrt, so fällt Ismene darob in Ohnmacht, aus der sie Nichts zu erwecken vermag. Ihr Tod scheint gewiss. Der tiefbetrübte Mann bricht in die Klage aus:

"Wer hiess mich dir doch widerstreben,

Ach der verdammte Fisch! Gott weiss, er war nicht blau!"

Den Augenblick bekam sie wieder Leben.

"Blau war er", rief sie aus, "willst Du Dich noch nicht geben?"—

Gellerts Erzählung "Der Greis" (B. 1) schliesst:

(Er ward geboren,)

Er lebte, nahm ein Weib und starb.

Hiermit ahmte Gellert des Chr. Gryphius Epigramm nach ("Poetische Wälder". Anderer Teil. Bresl. u. Leipz. 1718, S. 439):

"Ein sechzigjähr'ger Mann ward unlängst beigesetzt;

Er kam auf diese Welt, ass, trank, schlief, starb zuletzt."—

Die Schlussworte aus Gellerts Erzählung "Der sterbende Vater" (1748; B. 2), worin der Vater dem ältesten Sohn ein Juwelenkästchen, dem jüngeren nichts vermacht, heissen:

Für Görgen ist mir gar nicht bange,

Der kommt gewiss durch seine Dummheit fort.—

[S. 141]

Aus Gellerts Erzählung "Das junge Mädchen" (B. 2) wird citiert:

Vierzehn Jahr' und sieben Wochen,

womit dies heiratslustige Wesen eine irrige Angabe ihres Vaters verbessert, als er ihre vierzehn Jahre als Einwand gegen einen Eheschluss anführt. Es ist die Bearbeitung einer Anekdote im "Kurtzweiligen Zeitvertreiber" von 1666, S. 351.—

Aus Gellerts Erzählung "Der Bauer und sein Sohn" (B. 2) führen wir an:

Die Brücke kommt. Fritz, Fritz! wie wird dir's gehen?

was auch umgestaltet wird zu:

Fritz, Fritz! Die Brücke kommt!—

Weit verbreitet ist eine geschmacklose Travestie des Beginns von Gellerts "Morgengesang" ("Geistliche Oden und Lieder" 1757):

"Mein erst Gefühl sei Preis und Dank!"—

Aus Gellerts Liede "Zufriedenheit mit seinem Zustande" (a. a. O.) sind die Verse:

Geniesse, was dir Gott beschieden,

Entbehre gern, was du nicht hast.

Ein jeder Stand hat seinen Frieden,

Ein jeder Stand auch seine Last.

In dem folgenden Liede "Vom Tode" beginnt die zweite Strophe:

Lebe, wie du, wenn du stirbst,

Wünschen wirst, gelebt zu haben.

Vielleicht ist dieser Gedanke dem frommen Spruchdichter Antoine Faure (1551-1624) entlehnt, dessen Quatrain No. 48 (Ausg. v. 1612) lautet:

Puisque tu sais quel moyen il faut suivre

Pour vivre bien, pourquoi ne vis-tu pas

[S. 142]

Pour bien mourir ainsi, qu'à ton trépas

Tu voudrais bien avoir su toujours vivre?

Faures Quatrains waren noch im 18. Jahrh. ein sehr verbreitetes Spruchbuch. Doch mögen Faure und Gellert aus Marc Aurel geschöpft haben, der (5, 29) lehrt: "Wie du beim Hinscheiden gelebt zu haben wünschest, so kannst du jetzt schon leben" (Ὡς ἐξελθὼν ζῆν διανοῇ, οὕτως ἐνταῦθα ζῆν ἔξεστιν). In des Christian Germann aus Memmingen Stammbuch schrieb 1766 Gellert zu einem Todtenkopf die Worte:

"Fac ea, quae moriens facta fuisse velis".

(s. "Deutsche Stammbücher" der Brüder Keil. 1893 Nr. 1729).—

Lichtwer (1719-83) gab 1748 zu Leipzig "Vier Bücher Aesopischer Fabeln" ohne Namen heraus. In der 22. Fabel des 1. Buches "Die Katzen und der Hausherr" lautete, wie in der Ausgabe von 1758, der 1. Vers der 2. Strophe:

Mensch und Tiere schliefen feste,

während in der zu Berlin und Stralsund 1762 mit Namen erschienenen Ausgabe die Fabel umgeändert ist, mit den Worten

Tier' und Menschen schliefen feste,

beginnt und ferner die Worte

So ein Lied, das Stein erweichen,

Menschen rasend machen kann,

enthält, welche in den beiden früheren Auflagen gar nicht vorkommen. Die Fabel schliesst:

Blinder Eifer schadet nur.—

Der Anfang von Lichtwers Fabel (4, 24) "Die Kröte und die Wassermaus":

[S. 143]

"Von dem Ufer einer See

Krochen annoch Abends späte

Eine Wassermaus und Kröte

An den Bergen in die Höh"

begeisterte den Berliner Hofschauspieler Rüthling zu folgenden Versen [20]:

"Eines Abends noch sehr späte

Gingen Wassermaus und Kröte

Einen steilen Berg hinan".

"Da sprach die Wassermaus zur Kröte:

Eines Abends es war schon späte

Gehen wir diesen Berg hinan".

"Da sprach zur Wassermaus die Kröte:

Eines Abends noch sehr späte

Gehen wir diesen Berg hinan!"

"Und so gingen Wassermaus und Kröte

Eines Abends noch sehr späte

Diesen steilen Berg hinan".

Hieraus hat sich das "geflügelte Wort" gebildet:

Eines Abends spöte

Gingen Wassermaus und Kröte

Einen steilen Berg hinan . . . .

was dann verschieden fortgesetzt zu werden pflegt.—

[20] Zu finden in der Intendanturbibliothek des Berliner Kgl. Schauspielhauses (Französischestr. 36) als Einlage im Souffleurbuch von "Richard's Wanderleben" (Lustspiel in 4. Aufz. nach d. Englischen des John O. Keefe frei bearbeitet v. G. Kettel), zuerst aufgeführt 1831.

Gleim (1719-1803) sagt in den "Fabeln", Berlin 1756 (anonym), S. 9 am Schlusse der 4. Fabel: "Der Löwe, der Fuchs":

(Denn) was von mir ein Esel spricht,

Das acht' ich nicht.—

[S. 144]

Im "Musenalmanach für das Jahr 1798", hrsg. von J. H. Voss, dichtet Gleim:

"Beim Lesen eines wizreichen Buchs".

"Wiz auf Wiz!

Bliz auf Bliz!

Schlag auf Schlag!

Ob's auch einschlagen mag?"

Hieraus entstammt unser:

Witz auf Witz! Schlag auf Schlag!

vrgl. Raupachs "Schleichhändler" (1828)2, 9, wo der Bader Schelle sagt: "Und so ging der Witz immer weiter, Schlag auf Schlag".—

Fr. K. von Moser (1723-98) schrieb an Hamann ein "Treuherziges Schreiben eines Layen-Bruders im Reich an den

Magum im Norden

oder doch in Europa, 1762" (Mosers "Moral. u. pol. Schrift." Bd. 1, Frankf. a. M. 1766, S. 503). Hamann adoptierte das Wort sofort und nannte sich

Magus im Norden und Magus des Nordens.—

Anton Friedrich Büsching (1724-93) übersetzte "Geographie" zuerst mit

Erdbeschreibung.

Der 1. Teil seiner "Erdbeschreibung" erschien 1754 in Hamburg.—

Klopstock (1724-1803) singt wiederholt in seiner Ode "der Zürchersee" (1750), Dichterunsterblichkeit sei

des Schweisses der Edlen wert.—

Saat, von Gott gesäet, dem Tage der Garben zu reifen,

was Klopstock 1758 auf seiner Meta Grab in Ottensen bei Altona setzen liess, was seine zweite Gattin 1803 ihm auf's Grab setzte, und womit Rückert sein Gedicht "Die Gräber zu Ottensen" schliesst, ist der 845. Vers [S. 145]des 11. Gesangs des "Messias" (1768). Klopstock lehnt sich hier an Vers 5 und 6 des 125. Psalms an: "Die mit Thränen säen, werden mit Freuden ernten. Sie gehen hin und weinen und tragen edlen Samen und kommen mit Freuden und bringen ihre Garben".—

Immanuel Kants (1724-1804)

kategorischer Imperativ

kommt zuerst in seiner 1785 zu Riga herausgegebenen "Grundlegung der Metaphysik der Sitten" vor, wo es im zweiten Abschnitt heisst: "Alle Imperativen gebieten entweder hypothetisch oder categorisch. Jene stellen die praktische Notwendigkeit einer möglichen Handlung als Mittel zu etwas Anderem was man will (oder doch möglich ist, dass man es wolle) zu gelangen vor. Der categorische Imperativ wird der sein, welcher diese Handlung als für sich selbst, ohne Beziehung auf einen andern Zweck, als objektiv notwendig vorstellt". Weiterhin sagt Kant: "Dieser Imperativ mag der der Sittlichkeit heissen".—

Karl Wilhelm Ramlers (1725-98) Ode: "Der Triumph", worin er Friedrich den Grossen feierte, beginnt:

Schäme dich, Kamill,

(Dass du mit vier Sonnenpferden

In das errettete Rom zogst),

weil der König am 30. März 1763 nach dem Friedensschlusse dem festlichen Empfange der Berliner aus dem Wege gegangen war.—

Ja, Bauer! das ist ganz was Anders,

steht in Ramlers "Fabellese" (Berlin 1783-90), 1, 45 in der Fabel "Der Junker und der Bauer", einer Umschmelzung der Fabel Michael Richeys, welche in dessen [S. 146]"Deutschen Gedichten" (herausg. von Gottfried Schütz in Hamburg von 1764-66) im 1. Bande unter dem Titel "Duo quum faciunt idem, non est idem" (Wenn zwei dasselbe thun, ist's nicht dasselbe) die einhundertneunzehnte Nummer der 4. Abt. "Sinn- und Scherzgedichte" ist, und wo der entsprechende Vers lautet:

Ja, Bauer, das ist ganz ein anders!

Die dort erzählte Geschichte ist alt.[21]

[21] Halliwell "Dictionary of archaic and provincial words", Lond. 1844-1845, führt die alte sprichwörtliche Redensart "The case is altered, quoth Plowden" (der Fall ist ein anderer, sprach Plowden) auf diesen ausgezeichneten Juristen zur Zeit der Königin Maria von England (1553-58) zurück. In "Tales and quicke Answeres", (o. J. um 1535) wird sie von einem Bauer in Seeland erzählt; (Shakespeare Jest-Boocks. W. Carew Hazlitt. Lond. 1860. Vol. I. 2. Abt. S. 134, No. 121); auch Erasmus in "Ecclesiastae sive de ratione concionandi" (2. Ausg., 1536, S. 454) nennt sie eine Seeländische Geschichte. Nach "Luthers Tischreden", Eisleben, 1566, S. 612 erzählte sie Luther 1546. Dort heisst es: "Da sprach der Schultes: 'War's meine Kuh? Das ist ein ander Ding'". In "Bidermanni ex societate Jesu Acroamatum libri 3" wird in 3, 1, 13 sprichwörtlich "die Kuh des Praetor" angeführt. Eine andere Geschichte, in der einem Bauer doppeltes Recht, das zweite Mal mit den Worten: "Mein Bauer, das wär ein anders" in Aussicht gestellt wird, erzählt Grimmelshausen im "Wunderbarlichen Vogelnest", 1, 6 (1672); er wiederholt sie im "Deutschen Michel", 8.

Ach, wie ist's möglich dann,

Dass ich dich lassen kann

ist der Anfang eines um 1750-1780 entstandenen Volksliedes. ("Deutscher Liederhort" von Erk und Böhme, 1893, No. 548.) Zur ersten Strophe sind zwei hinzugedichtet; diese drei bilden den jetzt üblichen Text, den Georg Scherer ("Volkslieder", 1868, No. 40) mitteilt. Der neue Text ist komponiert von Moritz Ernemann: "Acht Lieder. Berlin 1825"; darin steht unter dem Texte: Hel. (mina) v. Chézy (1783-1856).

Die jetzt übliche Melodie hat Friedrich Kücken (geb. 1810, † 1882) komponiert. Die "Gartenlaube" machte Louis Böhmer († 1860) zum [S. 147]Dichter und Komponisten des Liedes, was Hoffmann von Fallersleben "Unsere volkstümlichen Lieder", 3. Aufl., Leipzig 1869, S. 159 eine Schrulle nennt. Erk schrieb darüber an Büchmann: "Der Bummelante Böhner kann nichts dazu, dass ihm unverständige Leute die Melodie zugeschrieben haben".—

Morgen, morgen! nur nicht heute![22]

(Sprechen immer träge Leute)

ist der Anfang des Liedes "Der Aufschub" von Christian Felix Weisse (1726-1804) in dessen "Liedern für Kinder", 1766, verm. Aufl. Mit neuen Melodien v. J. A. Hiller, (Leipz. 1769, S. 104-5). Laut Vorrede sind die Lieder von S. 100 an hier neu hinzugekommen.—

[22] "Also das Eilige auf Morgen" sprach Archias lächelnd zu Pelopidas und steckte den Brief zu sich, welchen ihm dieser als eilig überbrachte. Das "οὐκοῦν εἰς αὔριον τὰ σπουδαῖα" wurde nach Plutarch ("Pelopidas" c. 10) sprichwörtlich in Griechenland.

Aus Gotthold Ephraim Lessings (1729-81) "Sinngedichten" (1753) citieren wir den Schluss des ersten "Die Sinngedichte an den Leser":

(Wer wird nicht einen Klopstock loben?

Doch wird ihn Jeder lesen?—Nein.)

Wir wollen weniger erhoben

Und fleissiger gelesen sein.

Geschöpft sind diese Verse aus Martials (4, 49) Spottworten an den Dichter Flaccus:

"Confiteor: laudant illa, sed ista legunt",

"Ja; dich preisen sie hoch, doch lesen thuen sie mich".—

Aus Lessings "Liedern" (1, 6) citiert man ungenau, aber verbessernd den Schluss der "Antwort eines trunknen Dichters":

Zu viel kann man wohl trinken,

Doch trinkt man nie genug.

Im Text heisst es: "Doch nie trinkt man genug".—

[S. 148]

Aus Lessings "Hamburger Dramaturgie", 101.-104. Stück, (1768) stammt:

Seines Fleisses darf sich jedermann rühmen.—

Aus "Emilia Galotti" (1772) 1, 4 ist

Weniger wäre mehr

durch Wielands Vermittelung entstanden, welcher im Neujahrswunsche der Zeitschrift "Merkur" von 1774 den Ausspruch des Prinzen:

"Nicht so redlich, wäre redlicher"

folgendermassen umformte:

"Und minder ist oft mehr, wie Lessings Prinz uns lehrt".

(Siehe Hesiod: "die Hälfte ist mehr als das Ganze" und Cervantes, in dessen "Don Quijote" [1, 6 g. E.] der Pfarrer den "Schatz mannichfaltiger Dichtungen" also kritisiert: "como ellas no fueran tantas, fueran mas estimadas", "wären es nicht so viele, so hätten sie mehr Wert").—

Das oft wiederholte Wort aus "Emilia Galotti":

Raphael wäre ein grosser Maler geworden, selbst wenn er ohne Hände auf die Welt gekommen wäre,

lautet in derselben Scene eigentlich also:

"Oder meinen Sie, Prinz, dass Raphael nicht das grösste malerische Genie gewesen wäre, wenn er unglücklicher Weise ohne Hände wäre geboren worden?"

(Seneca "De beneficiis", IV, 21: "Artifex est etiam, cui ad excercendam artem instrumenta non suppetunt", "auch der ist ein Künstler, dem zur Ausübung der Kunst die Werkzeuge mangeln").—

Aus "Emilia Galotti" 2, 7 u. 8 wird citiert:

Perlen bedeuten Thränen,

womit Lessing einen Aberglauben wieder auffrischt, der bereits im 9. Jahrh. verbreitet war. Zu jener Zeit erschienen die "Traumlehren" des Astrampsychus und des Nicephorus (her. v. Rigaltius. Par. 1603), in denen es heisst: "οἱ μάργαροι (bei Niceph.: "μαργαρῖται") [S. 149]δηλοῦσι δακρύων ῥόον", "Perlen bedeuten einen Thränenstrom".—

Aus "Emilia Galotti" 4, 7 stammt:

Wer über gewisse Dinge den Verstand (5, 5: seinen Verstand) nicht verliert, der hat keinen zu verlieren.

Gewiss kam der in spanischer Litteratur so bewanderte Lessing auf diese Wendung durch Baltazar Gracians Wort: "Muchos por faltos de sentido, no le pierden"—"Viele verlieren den Verstand deshalb nicht, weil sie keinen haben" ("Oraculo manual" § 35, 1637 zuerst erschienen, übersetzt von Arth. Schopenhauer: "Handorakel" 3. Aufl. 1877, S. 22).—

In "Emilia Galotti" 4, 7 heisst es ferner:

(Ha, Frau,) das ist wider die Abrede.

Schiller lässt in "Kabale und Liebe", 2, 3, Ferdinand, und im "Fiesco", 2, 9, den Mohren diese Worte sagen. Fr. Kind legt sie in der Wolfschluchtscene des "Freischütz" dem Jägerburschen Max in den Mund.—

"Emilia Galotti", 5, 2 steht:

Hohngelächter der Hölle;

und 5, 6:

Wer lacht da? (Bei Gott, ich glaub', ich war es selbst).—

Ebenda 5, 7 ruft Emilia, als sie die Rose zerpflückt hat, die ihrem gemordeten Verlobten Appiani galt, und sie nun, den Dolch im Herzen, niedersinkt:

Eine Rose gebrochen, ehe der Sturm sie entblättert.—

"Nathan der Weise" (1779) enthält 1, 2:

Es ist Arznei, nicht Gift, was ich dir reiche,

wobei Lessing wohl an Romeos Worte in "Romeo und Julia", 5, 2:

Come cordial, not poison,

Komm Medizin, nicht Gift,

[S. 150]

gedacht hat, und 1, 3 (ähnlich 3, 10):

Kein Mensch mnss müssen.—

Als Bekräftigung dient uns das in Lessings "Nathan" 1, 5 sechsmal vorkommende Wort des Klosterbruders:

Sagt der Patriarch.—

Viel citiert werden auch die Worte Nathans 2, 5:

Nur muss der Eine nicht den Andern mäkeln,

Nur muss der Knorr den Knubben hübsch vertragen,

Nur muss ein Gipfelchen sich nicht vermessen,

Dass es allein der Erde nicht entschossen.—

Der Schluss vom 2. Akt des "Nathan" ist:

Der wahre Bettler ist

(Doch einzig und allein) der wahre König!—

4, 2 steht dreimal:

Thut nichts, der Jude wird verbrannt.—

und 4, 4:

Es sind nicht alle frei, die ihrer Ketten spotten.—

Aus Christoph Martin Wielands (1733-1813) "Idris und Zenide", 3, 10 (1768) citieren wir:

Ein Wahn, der mich beglückt,

Ist eine Wahrheit wert, die mich zu Boden drückt,

was vielleicht dem Worte Grays aus "On the Prospect of Eton College" nachgebildet ist:

Where ignorance is bliss,

't is folly to be wise.

Wo Nichtwissen Seligkeit,

Ist es Thorheit klug zu sein.—

Wieland ist ferner durch seine Worte in "Musarion" (1768 B. 2, V. 142, in späteren Ausgaben, V. 135):

Die Herren dieser Art blend't oft zu viel Licht;

Sie seh'n den Wald vor lauter Bäumen nicht,

der Schöpfer der Redensart:

Den Wald vor lauter Bäumen nicht sehen

[S. 151]

geworden, die er in seiner "Geschichte der Abderiten" (1774), V. 2 wiederholt. Blumauer bestätigt diese Autorschaft Wielands durch "Aeneis", B. 2, Str. 9:

Er sieht oft, wie Herr Wieland spricht,

Den Wald vor lauter Bäumen nicht.

Eigentlich aber hat Wieland nur ein älteres Wort "die Stadt vor lauter Häusern nicht sehen" umgeändert, welches J. Eiselein ("Sprichwörter" S. 576) falsch auf Agricola zurückführt, und das französischen Ursprungs ist.[23] Auch fühlt man sich erinnert an Ovids (Trist. 5, 4, 9 und 10):

"Nec frondem in silvis, nec aperto mollia prato

Gramina, nec pleno flumine cernit aquas."

"Weder die Blätter im Wald, noch auf sonniger Wiese die zarten

Gräser, noch im Fluthstrom weiss er das Wasser zu seh'n."

und an des Properz (1, 9. 16): "Medio flumine quaerere aquam", "mitten im Fluss das Wasser suchen".—

[23] Edouard Fournier "l'Esprit des Autres", 7. Ausg., S. 2 citiert ein Lied eines poitevinischen Bauern:

La hauteur des maisons

Empêch' de voir la ville.

Dies Citat scheint aus der Luft gegriffen. Die Redensart steht vielmehr in "Les bigarrures et touches du seigneur des Accords. Avec les Apophthegmes du Sieur Gaulard. Et les Écraignes dijonnoises. Dernière édition, revue et beaucoup augmentée. Paris. Jean Richter 1603". Der besondere Titel des zweitgenannen Werkes ist: "Les contes facétieux du sieur Gaulard, gentilhomme de la Franche Comté Bourguignotte" (sic!). (1. Ausg. 1582.) S. 21 heisst es: "Als er in Paris war und durch die Strassen ging, sprach er: Jeder sagte mir, ich würde eine so grosse und schöne Stadt sehen; aber man machte sich über mich lustig; denn man kann sie nicht sehen wegen der Menge von Häusern, die den Umblick verhindern". Sam. Gerlach teilt dann in "Eurapeliae" (Lübeck 1639), 3. Hundert, No. 7-29 närrische Reden und Wendugen des M. Gaulard mit und erzählt No. 24 die eben erwähnte Äusserung.—Zincgref-Weidner ("Apophthegmata", 3. T. 1653 S. 55 und 5. T. 1655 S. 112) wiederholt die Geschichte und nennt den Erzähler (S. 118) Herrn Gaulardt, Baron aus Burgundien.

[S. 152]

In Wielands "Oberon" (1780) steht

1, 1:

Ritt in das alte romantische Land,

5, 30:

Nichts halb zu thun ist edler Geister Art,

7, 75:

Ein einz'ger Augenblick kann Alles umgestalten.—

Aus Wielands Singspiel "Alceste", 4, 2 wird citiert:

Noch lebt Admet (in deinem Herzen).

1, 2 heisst es:

noch

Lebt dein Admet.—

August Ludwig von Schlözer (1735-1809) wurde in gerechtem Zorn über die Hinrichtung der "Hexe" Anna Göldi aus Glarus zum Schöpfer des Wortes

Justizmord.

Nämlich in seinen "Staatsanzeigen" (1782-93; 2. Bd., S. 273) steht ein Aufsatz von ihm: "Abermaliger Justizmord in der Schweiz 1782". In der Fussnote heisst es:

"Ich verstehe unter diesem neuen Worte die Ermordung eines Unschuldigen, vorsätzlich, und sogar mit allem Pompe der heiligen Justiz, verübt von Leuten, die gesetzt sind, dass sie verhüten sollen, dass ein Mord geschehe oder, falls er geschehen, doch gehörig gestraft werde".

Von "assasins juridiques", Justizmördern, sprach übrigens schon Voltaire in einem Briefe an Friedrich II. (Apr. 1777).—

Aus Gottlieb Konrad Pfeffels (1736-1809) "Tobakspfeife" (1782 gedichtet, 1783 im Vossischen "Musenalmanach" S. 159 erschienen) citiern wir:

Gott grüss Euch, Alter! Schmeckt das Pfeifchen?

und:

Ein andermal von euren Thaten!—

In Gottlob Wilhelm Burmanns (1737-1805) "Kleinen [S. 153]Liedern für kleine Jünglinge" (Berlin und Königsberg 1777) beginnt das Lied "Arbeit" also:

Arbeit macht das Leben süss.—

Von Matthias Claudius (1740-1815) citieren wir:

Ach, sie haben

Einen guten Mann begraben;

Und mir war er mehr

aus seinem Gedichte "Bei dem Grabe meines Vaters" (I. und II. T. d. "Wandsbecker Bothen", Hamburg 1775, S. 96); aus seinem 1775 im Vossischen "Musenalmanach" auf das Jahr 1776 erschienenen, von Joh. André ("Musikal. Blumenstrauss", Offenbach 1776) komponierten "Rheinweinlied":

Am Rhein, am Rhein, da wachsen unsre Reben,

und aus seinem im Vossischen "Musenalmanach" auf das Jahr 1786 erschienenen Liede "Urians Reise um die Welt" die Anfangsverse:

Wenn jemand eine Reise thut,

So kann er was verzählen.—

Die Bezeichnung einer unmöglichen Existenz durch:

Messer ohne Klinge, an welchem der Stiel fehlt

gehört Georg Christoph Lichtenberg (1742-99), der im Göttingenschen Taschen-Kalender von 1798 ein "Verzeichnis einer Sammlung von Gerätschaften, welche in dem Hause des Sir H. S. künftige Woche verauktioniert werden sollen", angeblich "nach dem Englischen" mitteilt, in welchem Verzeichnis unser Wort den ersten Auktionsartikel bildet.—

Joh. Gottfried Herder (1744-1803) nannte (in der 1801 bis 1803 erschienenen "Adrastea", Bd. 3, im Artikel "Kunst-Sammlungen in Dresden", S. 52-56) Dresden [S. 154]wegen seiner Kunstschätze ein "Deutsches Florenz", woraus

Elb-Florenz

entstanden ist.—

Aus seinem Gedichte "Der gerettete Jüngling" (in der Sammlung der Legenden, die Herder in seinen "Zerstreuten Blättern", 6. Sammlung, Gotha 1797, S. 285-289 gab) wird citiert:

Eine schöne Menschenseele finden

Ist Gewinn.—

Aus Herders Gedicht "Der Gastfreund" wird

Nur über meinen Leichnam geht der Weg

nicht nach Schillers Fassung ("Wallenst. Tod" 5, 7):

Erst über meinen Leichnam sollst du hingehn,

sondern nach Körners ("Hedwig" 3, 10) also citiert:

Nur über meine Leiche geht der Weg.—

Herders Gedicht "Die wiedergefundenen Söhne" ("Adrastea" 2, 200-204, Lpz. 1801) bietet:

Was die Schickung schickt, ertrage!

Wer ausharret wird gekrönt.

Die erste Zeile stammt wohl aus Shakespeares (Heinrich VI., T. 3, 4, 3):

"What fates impose, that men must needs abide".—

Der von Herder bearbeitete "Cid" (1805) beginnt:

Trauernd tief sass Don Diego.—

Im 28. Gesange heisst es:

Rückwärts, rückwärts, Don Rodrigo!

-  -  -  -

Rückwärts, rückwärts, stolzer Cid!—

Der 51. Gesang enthält:

"Auf ins Feld! Es geht zum Siege,

Krieger, gen Valencia!"

[S. 155]

was wir nach Pius Alex. Wolffs "Preciosa" (1821) 4, 12 in der Form citieren:

Auf (denn)—nach Valencia!

Reinhold Köhler, "Herders Cid und seine französische Quelle", (Lpz. 1867) hat nachgewiesen, dass mit Ausnahme von 14 Romanzen Herders Cid eine bald mehr bald weniger treue metrische Übertragung einer namenlosen französischen Prosabearbeitung der spanischen Cid-Romanzen in der "Bibliothèque universelle des Romans", (1783, Juli) ist. Die 22 ersten Romanzen erschienen in der "Adrastea" 5, 165-239, Leipz. 1803.—

Karl Arnold Kortum[24] (1745-1824) lässt in T. I, Kap. 19 der 1784 in Münster erschienenen "Jobsiade" bei den wunderlichen Antworten des Examinanden stets die Verse wiederkehren:

Über diese Antwort des Kandidaten Jobses

Geschah allgemeines Schütteln des Kopfes.—

[24] Nicht: Kortüm.

In Trapps "Braunschweigischem Journal", 11. Stück, Novemberheft 1790, schlägt der Sprachreiniger Joachim Heinrich Campe (1746-1818) auf S. 280-282:

Zerrbild

oder: "Zerr-gemälde" für "Karikatur" vor und für "Delicatesse" auf S. 282:

Zartgefühl,

was Weigand ohne Begründung auf Lessing zurückführt. In Wielands "Pervonte" (1778) wird das Wort noch wie "Zärtlichkeitsgefühl" gebraucht, wenn (3. Teil) Vastola sagt:

"Wo nimmt es wohl Pervonte her,

Dass unser einer sich von Zartgefühlen nähre?"—

In seiner Schrift "Über die Reinigung und Bereicherung der deutschen Sprache" (Dritter Versuch. Verb. u. verm. Ausg., Brnschw. 1794, Ausübender Teil, S. 284) empfahl Campe für "Rendez-vous" das Wort "Stell-dich-ein", welches wir jetzt

Stelldichein

[S. 156]

schreiben. Ebenda (S. 14) spricht er von dem "anfangs so laut verworfenen, nachher von vielen guten Schriftstellern angenommenen Wort":

Umwälzung

für "Revolution". Dies Wort hatte er in den "Briefen aus Paris" zum ersten Male versucht, welche im "Braunschweigischen Journal" abgedruckt wurden. Im 3. Bd., 1789, 2. Brief aus Paris, steht S. 303:

Staatsumwälzung.—

Aus Friedrich Justin Bertuchs (1747-1822) Lied "Das Lämmchen" ("Wiegenliederchen", Altenburg 1772, S. 30) wird

Ein junges Lämmchen, weiss wie Schnee,

und:

Die Freuden, die man übertreibt,

Die Freuden werden Schmerzen.

in der Form citiert:

Die Freuden, die man übertreibt,

Verwandeln sich in Schmerzen.—

Gottfr. Aug. Bürgers (1748-94) Gedicht "Die Weiber von Weinsberg" (1774) enthält:

O weh, mir armen Korydon!,

eine Klage, die sich ursprünglich auf den in unerwiderter Liebe zum schönen Alexis hinschmachtenden Schäfer Korydon in Vergils 2. Ecloge[25] bezieht, der den Namen seinem Vorbilde Theokrit entlehnte, in dessen 4. Idylle Korydon handelnd auftritt, während er Idylle 5, 6 nur [S. 157]erwähnt wird. Bürger benutzte ein altes Studentenlied, in dem ein Vers beginnt:

O weh, mir armen Choridon, o weh!

("Studentenlieder des 17. und 18. Jahrh.", herausg. v. Rob. u. Rich. Keil, 1861, S. 171.) Zu erinnern ist hier auch noch an das Gedicht des Adam Olearius:

"Coridons Klage über die jetzige verkehrte Welt".—

[25] Vrgl. Vers 69:

"Ah, Corydon, Corydon! Quae te dementia cepit!"

"Korydon, Korydon, Ach! Welch Wahnsinn hat dich ergriffen!"

Wonach dann bei Iuvenal 9, 102 "O Corydon, Corydon!" so viel heisst, wie "O du Hans Narr!"—

In Bürgers "Lenore" (Göttinger Musenalmanach von 1774, S. 214) Strophe 1, 3 steht:

Bist untreu, Wilhelm, oder todt?—

Strophe 2, 2 bietet:

Des langen Haders müde.—

und Strophe 9, 1 u. 2 enthält das Wort:

Hin ist hin!

Verloren ist Verloren!—

Der 6. Vers der 20. Strophe dieses Gedichtes, der mehrmals darin wiederholt wird:

Die Toten reiten schnell!

ist nicht Bürgers Erfindung, sondern (nach Althof "Leben Bürgers" Göttingen 1798, S. 37) dem Munde eines Bauermädchens entnommen, das er einst im Mondschein singen hörte:

Der Mond, der scheint so helle,

Die Toten reiten so schnelle,

Fein's Liebchen, graut dir nicht?

Diese wenigen Worte hätten ihm nie wieder aus dem Sinne gewollt, und aus ihnen hätte sich nach und nach das gewaltige Lied "Lenore" gestaltet.

Nach Herders erst 1815 nach seinem Tode erschienener Recension (Ausg. Suphan, Bd. 20, S. 377-379) des Althofschen Buches hat Herder in seiner Kindheit in einer Weltecke in Ostpreussen oft ein Zaubermärchen erzählen hören, in dem der Refrain (und zwar mit einer Antwort vermehrt) gerade [S. 158]die Strophe war, die Bürger singen hörte. Der Geliebte nämlich reitet mit der Geliebten in einer kalten, mondhellen Winternacht und spricht sie im Weiterreiten wiederholt an:

Der Mond scheint hell,

Der Tot reit't schnell,

Feinsliebchen, grauet dir?

worauf sie antwortet:

Und warum sollt's mir grauen?

Ist doch Feinslieb bei mir.

"Die Toten reiten schnell", heisst es auch in dem in "Des Knaben Wunderhorn" (B. II, S. 19; 1. Ausg. 1808) mitgeteilten Liede "Lenore", welches die Überschrift hat: "Bürger hörte dieses Lied nachts in einem Nebenzimmer". L. Erk hält es nicht für ein Volkslied. Die Überschrift "Aus dem Odenwald", welche es in der 2. Ausg. v. J. 1846 bekommen hat, enthält wohl nur eine Mutmassung. Erk hat kein solches Lied im Odenwald ausfindig machen können. In der Bearbeitung von Achims von Arnim und Clemens' Brentano "Des Knaben Wunderhorn", die Birlinger und Crecelius 1876 lieferten, steht es T. 2, S. 263 und ist betitelt "Die Toten reiten schnell". In Heines "Französischen Zuständen", Brief XIII vom 25. Juli 1840 heisst es:

"Auf den hiesigen Boulevards-Theatern wird jetzt die Geschichte Bürgers, des deutschen Poeten, tragiert; da sehen wir, wie er, die Leonore dichtend, in Mondschein sitzt und singt: Hurrah! les morts vont vite—mon amour, crains-tu les morts?"

Schon Mme de Staël (1813: "De l'Allemagne" XIII) citierte bei Besprechung Bürgers das "Les morts vont vite".—

Aus der Schlussstrophe der "Lenore" ist:

Geduld! Geduld! wenn's Herz auch bricht!—

Aus Bürgers "Der Kaiser und der Abt" ("Gedichte", Götting. 1778) stammt:

Drei Männer umspannten den Schmerbauch ihm nicht,

und:

Der Mann, der das Wenn und das Aber erdacht,

Hätt' sicher aus Häckerling Gold schon gemacht.—

Bürgers Ballade "Die Entführung, oder Ritter Karl von Eichenhorst und Fräulein Gertrude von Hochburg" (Januar 1778) beginnt:

Knapp', sattle mir mein Dänenross,

Dass ich mir Ruh erreite.—

[S. 159]

Bürgers "Trost" (vermutlich 1786):

Wenn dich die Lästerzunge sticht,

So lass dir dies zum Troste sagen:

Die schlechtsten Früchte sind es nicht,

Woran die Wespen nagen,

stand zuerst im Göttinger Musenalmanach für 1787, S. 7.—

Ludw. Heinr. Christoph Höltys (1748-76) 1775 verfasstes, im Vossischen Musenalmanach für 1776 zuerst gedrucktes Rheinweinlied beginnt:

Ein Leben wie im Paradies.—

Im Jahrgange 1777 des erwähnten Almanachs erschien auch zuerst ein 1776 gedichtetes Lied:

Wer wollte sich mit Grillen plagen?

aus dem dann noch die Verse bekannt sind:

O, wunderschön ist Gottes Erde

Und wert darauf vergnügt zu sein.—

Im Jahrgang 1778 desselben Almanachs steht Höltys ebenfalls 1776 gedichtetes Lied:

Rosen auf den Weg gestreut

Und des Harms vergessen!

Diese beiden Lieder fanden durch J. F. Reichardts Composition die weiteste Verbreitung.

Endlich finden wir im Vossischen Musenalmanach von 1779 Höltys Lied:

Üb' immer Treu und Redlichkeit,

das nach der Melodie des Liedes "Ein Mädchen oder Weibchen" aus Mozarts "Zauberflöte" (1791) gesungen zu werden pflegt.—

Aus Goethe (1749-1832) sind folgende geflügelte Worte. In "Götz von Berlichingen" (1773) 1. Akt, [S. 160]erwidert Götz den Wunsch Weislingens, er möge Freude an seinem Sohn Karl erleben, mit dem Spruche:

Wo viel Licht ist, ist starker Schatten.—

Kurz darauf antwortet Weislingen dem ihm mit den Worten: "Ein fröhlich Herz!" zutrinkenden Götz:

Die Zeiten sind vorbei!—

(vrgl. das lächelnde "Tempi passati".)

In Goethes "Clavigo" 1, 1 (1774) sagt Carlos:

Man lebt nur einmal in der Welt;

und Akt 2 am Ende:

Da macht wieder jemand einmal einen dummen Streich.—

Im 4. Akt gegen Ende sind:

Luft! Luft! Clavigo!

die Worte der sterbenden Marie Beaumarchais.—

In "Dichtung und Wahrheit" (14. Buch) gedenkt Goethe seines am 19. Juli 1774 gedichteten Schwankverses "Diné zu Coblenz". Er schildert sich darin bei Tische zwischen Lavater und Basedow sitzend. Lavater belehrt einen Geistlichen über die Geheimnisse der Offenbarung; Basedow beweist einem Tanzmeister, dass die Taufe ein veralteter Gebrauch sei; Goethe widmet sich unterdessen den Genüssen der Mahlzeit:

Prophete rechts, Prophete links,

Das Weltkind in der Mitten.—

In den "Leiden des jungen Werthers" (1774) B. II, unterm 24. Dez. 1771 lesen wir: "Und das

Glänzende Elend,

die Langeweile unter dem garstigen Volke, das sich hier neben einander sieht!"

In Gellerts Fabel "Damokles" (1746) hiess es schon:

"Bei aller Herrlichkeit stört ihn des Todes Schrecken

Und lässt ihn nichts, als teures Elend schmecken".

[S. 161]

Dies deutet weiterhin auf Ovid, der ("Met." 11, 133) den Midas in Verzweiflung vor seinen in Gold verwandelten Speisen zum Bacchus beten lässt:

" . . miserere, precor, speciosoque eripe damno".

"Sei barmherzig und mach' mich frei von dem glänzenden Übel!"—

In der "Iris" (Jacobis), Bd. 2, St. 3, März 1775, S. 161-224 erschien Goethes Singspiel "Erwin und Elmire", das im 1. Auftritte des 1. Aufzuges die Worte enthält:

Ein Schauspiel für Götter,

(Zwei Liebende zu sehn!)

Goethe mochte hierzu durch Gellerts Lustspiel "Die zärtlichen Schwestern" (1747) angeregt worden sein, worin es (2, 6) heisst: "Kann wohl ein schönerer Anblick sein, als wenn man zwei zärtliche sieht, die es vor Liebe nicht wagen wollen, einander die Liebe zu gestehen?"—

In "Erwin und Elmire" (a. a. O. S. 242) steht auch das Gedicht "Neue Liebe, neues Leben" mit dem Anfangsvers:

Herz! mein Herz? was soll das geben?—

Aus Goethes Ballade "Der Fischer"[26] wird citiert:

Kühl bis ans Herz hinan!

und:

Halb zog sie ihn, halb sank er hin.—

[26] In "Volks- und anderen Liedern, mit Begleitung des Fortepiano. In Musik gesetzt von Siegm. Frhr. v. Seckendorff", Weimar 1779, S. 5, in demselben Jahre von Herder ("Volkslieder", 2. T., S. 3) als "Das Lied vom Fischer" wieder abgedruckt.

Aus der Ballade "Erlkönig" (1782 im Singspiel "Die Fischerin" erschienen, 1781 gedichtet) wird citiert:

Und bist du nicht willig, so brauch' ich Gewalt.—

Aus dem Gedichte "Das Göttliche" (zuerst im Tiefurter Journal, 1782, No. 40) citieren wir:

Edel sei der Mensch,

Hülfreich und gut.—

Das von Goethe am 7. September 1783 an einen [S. 162]Fensterpfosten des Bretterhäuschens auf dem Gickelhahn bei Ilmenau geschriebene Lied:

Über allen Gipfeln ist Ruh

schliesst:

Warte nur, balde

Ruhest du auch!—

Am 16. März 1787 schrieb Goethe in Bezug auf seine "Iphigenie" in Caserta:

So eine Arbeit wird eigentlich nie fertig.—

"Iphigenie", 1787, bietet in 1, 2 die Worte der Titelheldin:

Das Land der Griechen mit der Seele suchend

und:

Ein unnütz Leben ist ein früher Tod

und:

Das Wenige verschwindet leicht dem Blick,

Der vorwärts sieht, wie viel noch übrig bleibt,

ferner die des Arkas:

Ein edler Mann wird durch ein gutes Wort

Der Frauen weit geführt.—

In Goethes "Iphigenie" 1, 3 stehen die Worte des Thoas:

Du sprichst ein grosses Wort gelassen aus

und:

Man spricht vergebens viel, um zu versagen;

Der andre hört von allem nur das Nein;

in 2, 1 die Worte des Pylades:

Lust und Liebe sind die Fittige

Zu grossen Thaten;

endlich in 3, 1 die Worte des Orest an Iphigenie:

Zwischen uns sei Wahrheit!

die Friedrich Wilhelm IV., der belesene Fürst, am 11. Apr. 1847 dem vereinigten Landtage zurief.—

Das Beste ist gut genug

ist entnommen aus Goethes "Italiänischer Reise", unter [S. 163]"Neapel", am Ende des 2. Briefes vom 3. März 1787, wo es heisst: "In der Kunst ist das Beste gut genug".—

Aristophanes, der Dichter des von Goethe 1787 übersetzten Lustspiels "Die Vögel" wird im Epiloge zu dieser Übersetzung von Goethe

der ungezogene

Liebling der Grazien

genannt, ein Wort, das später gern auf Heinrich Heine angewendet wurde. Vielleicht zuerst 1846 von L. Schücking (s. dessen "Lebenserinnerungen" 1886, Bd. 2, S. 137 und 140).—

Aus Goethes "Egmont" (1788) werden die Worte 3, 2:

Ich versprach dir einmal Spanisch zu kommen

von demjenigen citiert, welcher mit einem Rohrstocke droht.—

Clärchens Lied in "Egmont", Akt 3:

Freudvoll

Und leidvoll,

Gedankenvoll sein;

Langen

Und Bangen

In schwebender Pein,

Himmelhoch jauchzend,

Zum Tode betrübt,

Glücklich allein

Ist die Seele, die liebt,

wurde uns zu einer Kette von "Geflügelten Worten". "Langen" hat hier die Bedeutung von "Verlangen tragen", "sich sehnen" (englisch: to long), und wird oft in "Hangen" verändert.

Geschah dies zuerst durch Beethoven, der 1810 die Musik zum Egmont mit dieser Veränderung drucken liess? In der Handschrift des Egmont auf der Königl. Bibliothek zu Berlin steht von Goethes Hand: "Langen"; "Hangen" wurde wohl durch die 'schwebende Pein' hervorgerufen. Das [S. 164]Volk singt wie der vermeintliche Schneidergeselle in Heines "Harzreise" (1824):

Freudvoll und leidvoll,

Gedanken sind frei.

"Zum Tode betrübt" entlehnte Goethe den Worten Jesu (Matth. 26, 38; Mark. 14, 34):

"Meine Seele ist betrübt bis an den Tod".—

Auch sind die gegen Ende des 5. Aktes von Egmont gesprochenen Worte zu verzeichnen:

Süsses Leben! schöne freundliche Gewohnheit des Daseins und Wirkens! von dir soll ich scheiden!—

Aus dem Singspiele "Die ungleichen Hausgenossen", woran Goethe 1785-89 arbeitete, ist das zuerst in Schillers Musen-Almanach für 1796 veröffentlichte Gedicht: "Antworten bei einem gesellschaftlichen Fragespiel". Daraus führen wir an die Worte eines "Erfahrenen":

Geh' den Weibern zart entgegen,

Du gewinnst sie auf mein Wort.

Und wer rasch ist und verwegen,

Kommt vielleicht noch besser fort.

Doch, wem wenig d'ran gelegen

Scheinet, ob er reizt und rührt,

Der beleidigt, der verführt.—

Aus dem 1789 im 8. Bd. von "Goethes Schriften" (Leipz., Göschen) erschienenen Gedichte "Beherzigung" wird die Schlussstrophe citiert:

Eines schickt sich nicht für alle!

Sehe jeder, wie er's treibe,

Sehe jeder, wo er bleibe,

Und wer steht, dass er nicht falle.

Der letzte Vers beruht auf 1. Korinther 10, 12: ". . . wer sich lässt dünken, er stehe, mag wohl zusehen, dass er nicht falle", während der erste Vers aus lateinischer Quelle geflossen zu sein scheint. Vrgl. Cicero pro Roscio Amerino 42, 122: "Non in omnes, arbitror, omnia convenire"; Properz 4, 9, 7: "Omnia non pariter rerum sunt omnibus apta"; Tacitus "Ann." 6, 54: "non eadem omnibus decora" und Plinius "Epist." 6, 27: "non omnibus eadem placent, nec conveniunt quidem".—

[S. 165]

Unmittelbar hinter diesem Gedichte stand dasjenige, welches jetzt "Erinnerung" heisst:

Willst du immer weiter schweifen?

Sieh', das Gute liegt so nah.

Lerne nur das Glück ergreifen:

Denn das Glück ist immer da.

Das Gedicht: "Frisches Ei, gutes Ei" endigt:

Begeisterung ist keine Heringsware,

Die man einpökelt auf einige Jahre.—

Das Gedicht: "Wie du mir, so ich dir" heisst:

Mann mit zugeknöpften Taschen,

Dir thut niemand was zu lieb;

Hand wird nur von Hand gewaschen;

Wenn du nehmen willst, so gieb!

vrgl.: "manus manum lavat".—

Aus Goethes "Tasso" (1790) citieren wir:

Du siehst mich lächelnd an, Eleonore, (1, 1)

(Und siehst dich selber an und lächelst wieder);

Die Stätte, die ein guter Mensch betrat,

Ist eingeweiht; (1, 1)

Es bildet ein Talent sich in der Stille,

Sich ein Charakter in dem Strom der Welt; (1, 2)

(Doch—haben alle Götter sich versammelt

Geschenke seiner Wiege darzubringen:)

Die Grazien sind leider ausgeblieben. (2, 1)—

Das 2, 1 vorkommende:

"So fühlt man Absicht, und man ist verstimmt"

wird in der Form citiert:

Man merkt die Absicht und man wird verstimmt.—

In derselben Scene finden wir das Wort Tassos:

Erlaubt ist, was gefällt,

was dem

libito fè licito

[S. 166]

aus Dantes "Hölle" V, 55 nachgeahmt zu sein erscheint, aber von Goethe aus Tassos Schäferspiel "Aminta" entnommen ist, worin die zweite Strophe des Chorliedes am Ende des ersten Aktes mit den Worten schliesst:

"ein goldnes, glückliches Gesetz,

Das die Natur schrieb: Wenn's gefällt, so ziemt's,"

wie überhaupt die begeisterten Worte über die goldene Zeit, die Goethe hier dem Tasso in den Mund legt, eine Umschreibung dieses Chorgesanges sind. Zu Grunde liegt wohl dem Allem das freche "si libet, licet", was Julia zu ihrem Stiefsohn Caracalla sagte, als er sie zum Weibe begehrte (bei Spartian: "Antonin. Caracalla", c. 10).

—Die Prinzessin erhebt dann bei Goethe sofort den Spruch des Dichters zu dem einfach schönen:

"Erlaubt ist, was sich ziemt",

wozu sie ihm den Weg durch die Worte weiset:

Willst du genau erfahren, was sich ziemt,

So frage nur bei edlen Frauen an.

Die Gegenüberstellung des "Erlaubt ist, was gefällt", und des "Erlaubt ist, was sich ziemt", verdankte Goethe entweder dem Schäferdrama "Il pastor fido" (1585) des Guarini (Mailand. 1807. S. 368ff.), der in bewusstem Gegensatze zu Tassos Worten singt: "Wenn es sich ziemt, gefällt's" ("piaccia, se lice"), oder er entnahm es diesen ihm wohl durch Herder zugänglich gemachten Versen des Jakob Balde (geb. 1603, gest. 1668; "Poemata" Colon. 1660. "Lyric." IV, Od. 14. Str. 12):

"Ardente Roma: QVOD LIBET, HOC LICET

Clament NERONES: QVOD LICET, HOC LIBET;

TRAJANE, dices. At nec omne

Quod licet, hoc libeat regenti."

Herder arbeitete, ehe der "Tasso" erschien, an einer Übersetzung des Balde. In der "Terpsichore" I. T. 1795 lautet bei ihm die obige Strophe (s. "Sämtl. Werke", her. v. B. Suphan, Bd. 27, S. 67):

[S. 167]

"Neronen singen, während dem Brande Roms:

'Erlaubt ist, was beliebet'. Mein König singt:

'Nur was erlaubt ist, das beliebt mir'.

Königen auch ist erlaubt nicht Alles".—

Aus Goethes "Faust. Ein Fragment". (Echte Ausgabe. Leipzig, Göschen. 1790) wird citiert:

Nacht.

Faust: Da steh' ich nun, ich armer Thor!

Und bin so klug, als wie zuvor.

Es möchte kein Hund so länger leben!

Urväter Hausrat.

Welch Schauspiel! aber ach! ein Schauspiel nur!

Wie anders wirkt dies Zeichen auf mich ein!

Geist: (So schaff ich) am sausenden Webstuhl der Zeit.

Faust: Wenn ihr's nicht fühlt, ihr werdet's nicht erjagen.

Doch werdet ihr nie Herz zu Herzen schaffen.

Wenn es euch nicht von Herzen geht.

Wagner: (Allein) der Vortrag macht des Redners Glück.

Faust: Es trägt Verstand und rechter Sinn

Mit wenig Kunst sich selber vor.

Wagner: (Und) wie wir's dann zuletzt so herrlich weit gebracht.—

Faust. Mephistopheles.

(Seit der Ausgabe von 1808: Studierzimmer.)

Mephist.: Ich sag' es dir: ein Kerl, der spekuliert,

Ist wie ein Tier, auf (einer Heide. Seit 1808:) dürrer Heide

Von einem bösen Geist im Kreis herum geführt,

Und rings umher liegt schöne grüne Weide.—

(Schülerscene.)

Mephist.: In spanische Stiefel eingeschnürt.

Mephist.: Irrlichteriere(n)

Schüler: Mir wird von allem dem so dumm,[27]

Als ging mir ein Mühlrad im Kopf herum.

Schüler: Denn was man schwarz auf weiss besitzt

Kann man getrost nach Hause tragen.

[S. 168]

Mephist.: Es erben sich Gesetz' und Rechte

Wie eine ew'ge Krankheit fort.

Mephist.: (Vernunft wird Unsinn, Wohlthat Plage;)

Weh dir, dass du ein Enkel bist!

(Vom Rechte, das mit uns geboren ist,

Von dem ist leider nie die Frage.)

Mephist.: Im Ganzen—haltet euch an Worte!

Am besten ist's auch hier, wenn ihr nur Einen hört

Und auf des Meisters Worte schwört.

(vrgl. Horaz "Epist." I, 1, 14, "jurare in verba magistri".)

Mephist.: Denn eben wo Begriffe fehlen,

Da stellt ein Wort zur rechten Zeit sich ein.

Mephist.: Ich bin des trocknen Tons nun satt.

Mephist.: Der Geist der Medizin ist leicht zu fassen.

Mephist.: Doch der den Augenblick ergreift,

Das ist der rechte Mann.

Mephist.: Besonders lernt die Weiber führen;

Es ist ihr ewig Weh und Ach

So tausendfach

Aus einem Punkte zu kurieren.

Schüler: Das sieht schon besser aus! Man sieht doch, wo und wie.

Mephist.: Grau, teurer Freund, ist alle Theorie,

Und grün des Lebens goldner Baum.

Mephist.: (Folg' nur dem alten Spruch und meiner Muhme, der Schlange),

Dir wird gewiss einmal bei deiner Gottähnlichkeit bange!

Mephist.: Sobald du dir vertraust, sobald weisst du zu leben.—

[27] In den späteren Bearbeitungen: von alle dem.

Auerbach's Keller in Leipzig.

Siebel: (Fühlt man erst recht) des Basses Grundgewalt.

Brander: Ein garstig Lied! Pfui! Ein politisch Lied!

Brander: Hatte sich ein Ränzlein angemäst't Als wie der Doktor Luther.

Mephist.: (Mit) wenig Witz und viel Behagen.

Frosch: Mein Leipzig lob' ich mir!

Es ist ein klein Paris und bildet seine Leute.

Schon in einer Beschreibung Leipzigs vom Jahre 1768 heisst es "Paris im Kleinen" (Düntzers Faust, 2. Aufl.) und in dem seltenen Buche "Gepriesenes Andencken von Erfindung der Buchdruckerey . . .", Lpzg. 1740, singt der Magister und Rektor in Sangerhausen, Christian Gottlob Kändler (S. 139):

"So schlecht der Fremde von uns spricht,

So untersteht er sich doch nicht,

[S. 169]

Was Leipzig drucket zu verschmähen,

Papier und Littern sind zu schön,

Er denkt zum Schluss: Paris zu sehen,

Allein er siehet Leipzig stehn".

Mephist.: Den Teufel spürt das Völkchen nie,

Und wenn er sie beim Kragen hätte.

Spanien, das Land des Weins und der Gesänge

entwickelte sich aus den Worten des Mephistopheles:

"Wir kommen erst aus Spanien zurück,

Dem schönen Land des Weins und der Gesänge".

Frosch: Denn wenn ich judicieren soll,

Verlang' ich auch das Maul recht voll.

Brander: Ein echter deutscher Mann mag keinen Franzen leiden,

Doch ihre Weine trinkt er gern.

Alle singen:  Uns ist ganz kannibalisch wohl

Als wie fünfhundert Säuen.—

Hexenküche.

Mephist.: (Auch) die Kultur, die alle Welt beleckt,

(Hat auf den Teufel sich erstreckt).

Mephist.: Den Bösen sind sie los, die Bösen sind geblieben.

Mephist.: Dies ist die Art, mit Hexen umzugehn.

Mephist.: (Denn) ein vollkommner Widerspruch

Bleibt gleich geheimnisvoll für Kluge wie für Thoren.

Mephist.: Gewöhnlich glaubt der Mensch, wenn er nur Worte hört,

Es müsse sich dabei doch auch was denken lassen.—

Strasse.

Faust: Mein schönes Fräulein, darf ich wagen,

Meinen Arm und Geleit ihr anzutragen?—

Abend.

Margarete: Nach Golde drängt,

Am Golde hängt

Doch Alles!

Mephist.: Gleich schenken? Das ist brav! Da wird er reüssieren!—

Der Nachbarin Haus.

Mephist.: Es ist eine der grössten Himmelsgaben,

So ein lieb Ding im Arm zu haben.

(In späteren Ausgaben: 's ist u. s. w.)

[S. 170]

Margarete: Das ist des Landes nicht der Brauch.

Mephist.: Durch zweier Zeugen Mund

Wird allerwegs die Wahrheit kund.

(Dies ruht auf 5. Mos. 19, 15: "Es soll kein einzelner Zeuge wider jemand auftreten, sondern in dem Munde zweier oder dreier Zeugen soll die Sache bestehen" und auf Joh. 8, 17: "Auch stehet in eurem Gesetz geschrieben, dass zweier Menschen Zeugnis wahr sei", vrgl. 5. Mos. 17, 6; Matth. 18, 16; 2. Kor. 13, 1; 1. Tim. 5, 19.)

Faust: Wer recht behalten will und hat nur eine Zunge

Behält's gewiss.—

Gretchens Stube.

Gretchen: Meine Ruh' ist hin.

Mein Herz ist schwer.—

Marthens Garten.

Faust: Name ist Schall und Rauch,

Umnebelnd Himmelsgut.

Margarete: Es thut mir lang schon weh',

Dass ich dich in der Gesellschaft seh'.

Faust: Es muss auch solche Käuze geben.

Faust: Ahnungsvoller Engel (du)!

Faust: Du hast nun die Antipathie!

Margarete: Ich habe schon so viel für dich gethan,

Dass mir zu thun fast nichts mehr übrig bleibt.

Mephist.: Die Mädels sind doch sehr interessiert,

Ob einer fromm und schlicht nach altem Brauch.

Sie denken, duckt er da, folgt er uns eben auch.

Mephist.: Hab' ich doch meine Freude d'ran!—

Dom.

Gretchen: Nachbarin! Euer Fläschchen!—

Aus Goethes 1794 erschienenem "Reinecke Fuchs" stammt:

Pfingsten, das liebliche Fest, war gekommen.—

Im 11. Kap. des 2. Buches von "Wilhelm Meisters Lehrjahren" (erschienen 1795 und 1796) kommt in dem am Schlusse stehenden Liede des Harfenspielers (gedichtet 1782):

O Trank der süssen Labe!

[S. 171]

vor. Das Lied erhielt später unter "Balladen" den Titel: "Der Sänger". Hier sind die Worte verändert in:

O Trank voll süsser Labe!—

Die Worte des Harfenspielers in "Wilhelm Meisters Lehrjahren" 2, 13:

Wer nie sein Brot mit Thränen ass,

Wer nie die kummervollen Nächte

Auf seinem Bette weinend sass,

Der kennt euch nicht, ihr himmlischen Mächte

schrieb die Königin Luise in ihr Tagebuch, als sie auf der Flucht nach Königsberg am 3. Dez. 1806, von einem Schneesturm überfallen, zu Ortelsburg in ein Bauernhaus einkehren musste. Goethe spricht sich bewegt hierüber aus in den "Sprüchen in Prosa" (n. 153. Werke 19, 43. Hempel. vrgl. "Du speisest sie mit Thränenbrot" . . Ps. 80, 6 und "Der Betrübten Brot" Hosea 9, 4).—

Aus der sich bei Goethe anschliessenden Strophe:

Ihr führt ins Leben uns hinein,

Ihr lasst den Armen schuldig werden,

Dann überlasst ihr ihn der Pein;

Denn alle Schuld rächt sich auf Erden,

ist der letzte Vers sehr bekannt. Dahinter steht bei Goethe ein anderer Gesang des Harfenspielers, welcher beginnt:

Wer sich der Einsamkeit ergiebt,

Ach! der ist bald allein!—

Das Land, wo die Citronen blüh'n,

ist aus dem Liede "Mignon" (Wilhelm Meisters Lehrjahre 3, 1): "Kennst du das Land, wo die Citronen blüh'n?"—

In der 3. Strophe heisst es:

Das Maultier sucht im Nebel seinen Weg,

was auf unklare Menschen angewendet zu werden pflegt.—

[S. 172]

In "Wilhelm Meisters Lehrjahren" 4, 9 stehen Philines Worte:

wenn ich dich lieb habe, was geht's dich an!

Goethe citiert sie in "Wahrheit und Dichtung", 14. Buch, also: "Jenes wunderliche Wort (Spinozas): "Wer Gott recht liebt, muss nicht verlangen, dass Gott ihn wieder liebe", mit allen den Vordersätzen, worauf es ruht, mit allen den Folgen, die daraus entspringen, erfüllte mein ganzes Nachdenken. Uneigennützig zu sein in Allem, am uneigennützigsten in Liebe und Freundschaft, war meine höchste Lust, meine Maxime, meine Ausübung, so dass jenes freche spätere Wort

Wenn ich dich liebe, was geht's dich an

mir recht aus dem Herzen gesprochen ist". Das Wort Spinozas steht in seiner Ethik, pars V, propositio XIX in der Form: "Qui Deum amat, conari non potest, ut Deus ipsum contra amet".—

Wir citieren die Überschrift des 6. Buches von "Wilhelm Meisters Lehrjahren", wenn wir

Bekenntnisse einer schönen Seele

sagen.—

Goethes Ballade "Der Zauberlehrling" (zuerst in Schillers Musen-Almanach für 1798, S. 32) enthält die Worte:

Die ich rief, die Geister,

Werd' ich nun nicht los;

und aus seiner Ballade "Der Schatzgräber" (zuerst ebenda S. 46) wird citiert:

Tages Arbeit! Abends Gäste!

Saure Wochen! Frohe Feste!—

Aus Goethes Sonett in "Was wir bringen" (Vorspiel [S. 173]bei Eröffnung des neuen Schauspielhauses zu Lauchstädt: 26. Juni 1802; 19. Auftritt) wird citiert:

In der Beschränkung zeigt sich erst der Meister.

Dies Sonett befindet sich mit dem Titel "Natur und Kunst" auch in dem "Epigrammatisch" überschriebenen Abschnitte seiner Gedichte.—

Im Wieland-Goetheschen "Taschenbuch auf das Jahr 1804", S. 97 steht Goethes "Tischlied" zum 22. Jan. 1802:

Mich ergreift, ich weiss nicht wie,

Himmlisches Behagen;

und S. 113 das Gedicht "Schäfers Klagelied", das nach Zelters "Briefwechsel mit Goethe" (I, S. 21 und 41) schon 1802 bekannt war. Am Ende der zweiten Strophe befinden sich, die das träumende Hinabwandeln des Schäfers vom Berge schildernden Zeilen:

Ich bin heruntergekommen

Und weiss doch selber nicht wie,

die wir in ganz anderem Sinne ("heruntergekommen" in übertragener Bedeutung) citieren.—

Aus Goethes (ebenda S. 115-116 zuerst erschienenem) Gedichte "Trost in Thränen" wurde üblich:

Die Sterne, die begehrt man nicht.

S. 150 ebenda lässt Goethe am Ende des Gedichtes "Frühlingsorakel" den Kuckuck seinen eigenen Namen

Mit Grazie in infinitum

wiederholen.—

Aus dem zu Schillers Todtenfeier am 10. Aug. 1805 von der Lauchstädter Bühne erklungenen Goetheschen "Epiloge zu Schillers Glocke" blieben die folgenden Worte der vierten Strophe haften: [S. 174]

Denn er war unser! (Mag das stolze Wort

Den lauten Schmerz gewaltig übertönen!)

Und hinter ihm in wesenlosem Scheine,

Lag, was uns Alle bändigt, das Gemeine.

Erschienen im "Taschenbuch für Damen auf das Jahr 1806" her. v. Huber, Lafontaine, Pfeffel u. A., Tübingen, J. G. Cotta; wiederholt und erneut bei der Vorstellung am 10. Mai 1815; abgedruckt in den "Sämtl. Werk." 6, 423. Stuttg. u. Tüb., J. G. Cotta 1840.—

Aus dem in Tübingen, 1808, bei Cotta (8. Band von Goethes Werken) erschienenen "Faust" wird citiert:

Zueignung (gedichtet 1797).

Ihr naht euch wieder, schwankende Gestalten.—

Vorspiel auf dem Theater.

Direktor: (Zwar sind sie an das Beste nicht gewöhnt.

Allein) sie haben schrecklich viel gelesen.

Dichter: Was glänzt, ist für den Augenblick geboren,

Das Echte bleibt der Nachwelt unverloren.

Direktor: Wer Vieles bringt, wird Manchem etwas bringen.

Lustige Person:  Greift nur hinein in's volle Menschenleben!

Lustige Person:  Und wo ihr's packt, da ist's interessant.

Lustige Person:  Wer fertig ist, dem ist nichts recht zu machen,

Ein Werdender wird immer dankbar sein.

Direktor: Der Worte sind genug gewechselt,

Lasst mich auch endlich Thaten seh'n.—

Prolog im Himmel.

Der Herr: Es irrt der Mensch, so lang er strebt.

Der Herr: Ein guter Mensch, in seinem dunkeln Drange

Ist sich des rechten Weges wohl bewusst.

Mephist.: Von Zeit zu Zeit seh' ich den Alten gern.—

Faust. Der Tragödie erster Teil.

Nacht.

Wagner: Zwar weiss ich viel, doch möcht' ich alles wissen.

Faust: Was du ererbt von deinen Vätern hast.

Erwirb es, um es zu besitzen.

Faust: Die Botschaft hör' ich wohl, allein mir fehlt der Glaube;

Das Wunder ist des Glaubens liebstes Kind.—

[S. 175]

Vor dem Thor.

Bürger: Nein, er gefällt mir nicht, der neue Burgemeister!

Andrer Bürger:  . . . . hinten, weit in der Türkei.

Faust: . . . . . . ein dunkler Ehrenmann.

Faust: Was man nicht weiss, das eben brauchte man,

Und was man weiss, kann man nicht brauchen.

Faust: Zwei Seelen wohnen, ach! in meiner Brust.

Die eine will sich von der andern trennen;

Die eine hält mit derber Liebeslust

Sich an die Welt mit klammernden Organen;

Die andre hebt gewaltsam sich vom Dust

Zu den Gefilden hoher Ahnen.

Schon Wieland lässt in dem lyrischen Drama "Die Wahl des Herkules" (1773) diesen, zwischen Tugend und Begehrlichkeit schwankenden Halbgott ausrufen:

"Zwei Seelen—ach, ich fühl' es zu gewiss!

Bekämpfen sich in meiner Brust

Mit gleicher Kraft." . . . .

Und lange vor Wieland singt Racine (1639-1699) im dritten Gesange seiner "Cantiques spirituels", "Plainte d'un Chrétien sur les contrariétés qu'il éprouve au dedans de lui-même", den er dem siebenten Kapitel des "Römerbriefes" entlehnte, wo Paulus den Kampf seines inneren und äusseren Menschen schildert:

"Mon Dieu, quelle guerre cruelle!

Je trouve deux hommes en moi:

L'un veut, que plein d'amour pour toi,

Mon coeur te soit toujours fidèle,—

L'autre, à tes volontés rebelle,

Me révolte contre la loi".

"L'un tout esprit et tout céleste,

Veut, qu'au ciel sans cesse attaché,

Et des biens éternels touché,

Je compte pour rien tout le reste,

Et l'autre par son poids funeste

Me tient vers la terre penché". etc.

Wieland und Goethe setzten für "deux hommes" unwillkürlich "deux âmes" als den üblichen Begriff. Sie kannten wohl die Lehre des Mani (3. Jahrh. n. Chr.), von deren Anhängern Balthasar Bekker ("Bezauberte Welt" I. Buch, XVIII. Hauptstück § 7; holländ. 1691, deutsch 1693 Amsterd.) sagt: "Sie halten gar dafür, dass jeder Mensch zwo Seelen habe, deren eine allezeit wider die andere streite". Und Beide hatten gewiss in Xenophons "Cyropaedie" VI, 41 des wider Willen sündhaft verliebten Araspes [S. 176]Vermuthung gelesen, "er müsse ohne Frage zwei Seelen haben (δύο γὰρ, ἔφη, ὦ Κῦρε, σαφῶς ἔχω ψυχάς), denn eine Seele könne nicht böse und gut sein, noch zugleich etwas wollen und es auch nicht wollen." Bereits in den "Unterhaltungen deutscher Ausgewanderten" (1793-1795) lässt Goethe den "Alten" von "Ferdinand" sagen, er habe seiner Eltern grundverschiedene Gemüthsarten in sich vereinigt, so dass "seine Freunde zu der Hypothese ihre Zuflucht nehmen mussten, dass der junge Mann wohl zwei Seelen haben mochte"; und weiterhin heisst es da "die gute Seele schien die Oberhand zu gewinnen". Hierzu brauchte Goethe Racine nicht; seine Faustworte aber strömen klar aus jener Quelle.—

Faust: (Du hast wohl recht:) ich finde nicht die Spur

Von einem Geist, und alles ist Dressur.

Studierzimmer.

Faust: mein geliebtes Deutsch.

Mephist.: Wozu der Lärm? was steht dem Herrn zu Diensten?

Faust: Das also war des Pudels Kern!

Faust: Der Kasus macht mich lachen.

Mephist.: der Geist, der stets verneint!

Mephist.: Beisammen sind wir, fanget an!

Mephist.: Du bist noch nicht der Mann, den Teufel fest zu halten!—

Studierzimmer.

Mephist.: Allwissend bin ich nicht; doch viel ist mir bewusst.

Faust: Was willst du armer Teufel geben?

Faust: Verweile doch! Du bist so schön!

(vrgl. T. II, 5 "Grosser Vorhof des Palastes".)

Mephist.: Blut ist ein ganz besondrer Saft.

Schon in Christian Heinrich Postels Singspiel "Die Gross-Muthige Thalestris oder Letzte Königin der Amazonen" (Hamburg. Vorgestellet anno 1690) heisst es im "anderen Auftritt":

"Blut ist der Safft vor allen Säfften,

Der tapfren Muth im Herzen kann ernähren".—

Mephist.: Ein stiller Geist ist Jahre lang geschäftig;

Die Zeit nur macht die feine Gährung kräftig.

Tiere: (Wir kochen) breite Bettelsuppen.—

Walpurgisnacht.

Mephist.: süsser Pöbel.

[S. 177]

(G. v. Loeper führt dies Wort in seiner Ausgabe des Faust auf ein "dolce plebe" im Ariost zurück, giebt aber keine Stelle an.)

Mephist.: Die Müh' ist klein, der Spass ist gross.

Mephist.: Du glaubst zu schieben und du wirst geschoben.

(vrgl. "Maximes et réflexions morales du Duc de la Rochefoucauld" 1782, No. 43 "L'homme croit souvent se conduire lorsqu'il est conduit".)—

Feld.

Mephist.:Sie ist die erste nicht. (Nicht Goethes Erfindung, sondern ein altes Wort.)—

Kerker.

Faust:Der Menschheit ganzer Jammer fasst mich an.

Das Bild

der rote Faden

wird in Goethes "Wahlverwandtschaften" (1809), II. 2, also erklärt:

"Wir hören von einer besonderen Einrichtung bei der englischen Marine: Sämtliche Tauwerke der königlichen Flotte, vom stärksten bis zum schwächsten, sind dergestalt gesponnen, dass ein roter Faden durch das Ganze durchgeht, den man nicht herauswinden kann, ohne alles aufzulösen, und woran auch die kleinsten Stücke kenntlich sind, dass sie der Krone gehören.

Ebenso zieht sich durch Ottiliens Tagebuch ein Faden der Neigung und Anhänglichkeit, der alles verbindet und das Ganze bezeichnet".

Goethe citiert den roten Faden noch einmal in den "Wahlverwandtschaften", II, 4 zur Einleitung eines Stücks von Ottiliens Tagebuch: "Manches Eigene von innigerem Bezug wird an dem roten Faden wohl zu erkennen sein."

"Dieser rote Faden" schrieb Lothar Bucher ("National-Zeit." 8. Juli 1865 Morgenbl.), "sieht in Wirklichkeit gar nicht rot aus, sondern gelb". Das war aber damals nur bei den in Chatham angefertigten Tauen der englischen [S. 178]königlichen Marine der Fall, während die aus Portsmouth rot, die aus Plymouth blau und die aus Pembroke grün gekennzeichnet wurden. Jetzt ist der rote Faden allein üblich, was zu Goethes Zeit sich ebenso verhalten haben wird. Seit 1776 besteht der Brauch in Englands Flotte. Als Unterscheidungszeichen für Zwillinge kommt "der rote Faden" 1. Mos. 38, 28 u. 30 vor.—

Es wandelt niemand ungestraft unter Palmen

(d. h. in der Region der Ideale) steht im Tagebuche Ottiliens ("Wahlverwandtschaften", II, 7) und wird oft vergeblich in Lessings "Nathan" gesucht. Dort sagt I, 6 der Tempelherr zu Daja: "Weib macht mir die Palmen nicht verhasst, worunter ich so gern sonst wandle".—

Nur der Lump ist bescheiden

entlehnen wir Goethes Versen aus dem zuerst 1810 im "Pantheon" gedruckten, von Zelter komponierten Gedichte "Rechenschaft":

Nur die Lumpe sind bescheiden,

Brave freuen sich der That.

Goethe mag hierauf, wie Schopenhauer ("Par. u. Paral." 2, 496; Lpzg. 1877) bemerkte, durch Cervantes gekommen sein, welcher in den seiner "Reise auf den Parnass" angehängten Verhaltungsregeln für Dichter auch diese giebt: "Jeder Dichter, den seine Verse lehrten, dass er einer sei, achte und schätze sich hoch, indem er sich an das Sprichwort halte: ein Lump sei, wer sich für einen Lump hält" ("ruin sea el que por ruin se tiene!").—

Hier sind wir versammelt zu löblichem Thun

ist der 1. Vers von Goethes am 26. März 1810 nach Berlin gesandtem und in den "Gesängen der Liedertafel", 1811, No. 44, zuerst gedrucktem Liede: "Ergo bibamus" (s. auch "Geflügelte Worte aus der Geschichte"). Das Lied sollte, wie Reinhold Steig (Goethe-Jahrbuch XVI, S. 186 ff.) aus den Akten der Singakademie [S. 179]nachwies, den Geburtstag der Königin Luise post festum verherrlichen. "Wunderlichst in diesem Falle!" Als "Ein Spätling zum 10. März" ist es wirklich in der Handschrift vom Dichter bezeichnet. Zeller setzte es in Musik.—

Das in der letzten Hälfte des vorigen Jahrhunderts mit seinen Verwandten genial oder, wie man damals sagte, genialisch entstandene Wort:

Geniestreich

hat seine schriftstellerische Weihe durch Goethe im 1814 geschriebenen 3. Teile, im 19. Buche, von "Dichtung und Wahrheit" gefunden, wo er kurz nach der Definition: "Genie ist die Kraft des Menschen, welche durch Handeln und Thun Gesetz und Regel giebt", sagt: "Wenn einer zu Fusse, ohne recht zu wissen warum und wohin, in die Welt lief, so hiess dies eine Geniereise, und wenn einer etwas Verkehrtes ohne Zweck und Nutzen unternahm, ein Geniestreich".

Als ältere Stellen sind anzuführen:

Alman. de belletr. 1782 S. 100, wo es von den Sturm- und Drang-Dichtern (nach Grimm) heisst: "die Herrn samt ihren Geniestreichen . . . sind beinahe vergessen"; dann erschien 1786 ein Buch unter dem Titel "Folgen einer akademischen Mädchenerziehung, mit unter einige Geniestreiche. Kein pädagogischer Roman"; und endlich schrieb Schiller am 1. Nov. 1790 an Koerner über die wahrscheinliche Verheirathung Goethens mit "Mamsell Vulpius", es könnte ihn doch verdriessen, "wenn er mit einem solchen Geniestreich aufhörte".—

Das häufige Zurückweisen auf Shakespeare bezeichnen wir mit dem Titel eines im "Morgenblatt für gebildete Stände", 1815, No. 113, am 12. Mai erschienenen Aufsatzes von Goethe:

Shakespeare und kein Ende.—

[S. 180]

Goethes zuerst für die Ausgaben von 1815 vereinigte Sammlung "Sprichwörtlich" liefert uns den Vers:

Alles in der Welt lässt sich ertragen,

Nur nicht eine Reihe von schönen Tagen;

was bei Luther (B. 57, S. 128) "Gute Tage können wir nicht vertragen" lautet; und das aus dem "Epilog zum Trauerspiel Essex" abgelöste, von Goethe am 18. Okt. 1813, dem Schlachttage von Leipzig gedichtete:

Der Mensch erfährt, er sei auch, wer er mag,

Ein letztes Glück und einen letzten Tag.—

Aus dem Abschnitt "Sprüche" (zugleich auch aus dem "Westöstlichen Divan. Buch der Sprüche") citieren wir das nach Ev. Joh. 9, 4 (s. Kap. I dieses Buches) gebildete:

Noch ist es Tag, da rühre sich der Mann!

Die Nacht tritt ein, wo niemand wirken kann.—

In Goethes "Sprüchen in Prosa", Abt. 2 heisst es:

"Es giebt

problematische Naturen,

die keiner Lage gewachsen sind, in der sie sich befinden, und denen keine genug thut".

Hiernach gab Friedrich Spielhagen einem seiner Romane den Titel "Problematische Naturen" (1860). Goethe schrieb auch in der "Geschichte der Farbenlehre" (III. Abt. "Bacon v. Verulam"): "Man durchsuche Dictionnaire, Bibliotheken, Nekrologe, und selten wird sich finden, dass eine problematische Natur mit Gründlichkeit und Billigkeit dargestellt worden . . ." und er wandte das Wort noch einmal an, als er in Jena am 8. Okt. 1827 zu Eckermann ("Gespräche" III, 143) vom Kuckuck sagte: "Er ist eine höchst problematische Natur, ein offenbares Geheimniss, das aber nichtsdestoweniger schwer zu lösen, weil es so offenbar ist".—

Aus Goethes "West-östlichem Divan" (1819) stammt das beliebte Aufsatzthema:

Mach't nicht so viel' Federlesen!

Setz't auf meinen Leichenstein:

Dieser ist ein Mensch gewesen

Und das heisst ein Kämpfer sein.

[S. 181]

Eigentlich aber sagt dort im "Buch des Paradieses" in dem Gedichte "Einlass" der Dichter zur Huri:

Nicht so vieles Federlesen!

Lass mich immer nur herein:

Denn ich bin ein Mensch gewesen

Und das heisst ein Kämpfer sein.

(vrgl.: "Ma vie est un combat".) Man hat wohl den Schlussreim des unter "Epigrammatisch" befindlichen, 1815 erschienenen Goetheschen Gedichtes "Grabschrift" beim Citieren damit verschmolzen:

"Auf deinem Grabstein wird man lesen:

Das ist fürwahr ein Mensch gewesen".

vrgl. 1. Tim. 6, 12: "Kämpfe den guten Kampf des Glaubens; ergreife das ewige Leben . . ." und 2. Tim. 4, 7: "Ich habe einen guten Kampf gekämpfet, ich habe den Lauf vollendet, ich habe Glauben gehalten".—

Goethes "Noten und Abhandlungen zu besserem Verständnis des West-östlichen Divans" (1819) tragen das Motto:

"Wer das Dichten will verstehen

Muss ins Land der Dichtung gehen;

Wer den Dichter will verstehen

Muss in Dichters Lande gehen".

In den "Noten" selbst sagte Goethe, unter "Eingeschaltetes": "Der Dichter steht viel zu hoch, als dass er Partei machen sollte"; ein Ausspruch, der durch Freiligraths Gedicht "Aus Spanien" (1841) zu dem geflügelten Wort wurde:

Der Dichter steht auf einer höhern Warte

Als auf den Zinnen der Partei.

Hierauf antwortete Herwegh mit dem Gedichte "Die Partei", dessen Schlussverse lauten:

Ich hab' gewählt, ich habe mich entschieden,

Und meinen Lorbeer flechte die Partei!—

[S. 182]

Aus dem 2. Buche der Goetheschen "Zahmen Xenien" (1823) wurde üblich:

Im Auslegen seid frisch und munter!

Legt ihr's nicht aus, so legt was unter;

aus dem 4.:

Liegt dir Gestern klar und offen,

Wirkst du heute kräftig frei,

Kannst auch auf ein Morgen hoffen,

Das nicht minder glücklich sei;

aus dem 5.:

Sollen dich die Dohlen nicht umschrei'n,

Musst nicht Knopf auf dem Kirchturm sein,

und:

Jeder solcher Lumpenhunde

Wird vom zweiten abgethan;

aus dem 6. (zuerst in Wendts Musen-Almanach für 1831, S. 42, "Die vereinigten Staaten"):

Amerika, du hast es besser,

und aus dem 7.:

Wie fruchtbar ist der kleinste Kreis,

Wenn man ihn wohl zu pflegen weiss.—

Im Jahre 1827 schenkte uns Goethe das Wort

Weltliteratur.

Zu dieser Zeit entstand sein also betiteltes Gedicht (in "Epigrammatisch"); in seinen "Sprüchen in Prosa . . ." heisst es gegen Ende der 6. Abteilung: "Jetzt da sich eine Weltliteratur einleitet, hat, genau besehen, der Deutsche am meisten zu verlieren; er wird wohl thun, dieser Warnung zu gedenken". Auch findet sich bei Goethe (Cotta 1840. XXXII, 433-8) unter "Ferneres über Weltliteratur" ein Wink, wie sich der Einzelne dieser Erscheinung gegenüber gedeihlich zu verhalten habe. Endlich sprach er zu Eckermann 31. Jan. 1827: [S. 183]"Nationalliteratur will jetzt nicht viel sagen, die Epoche der Weltliteratur ist an der Zeit, und jeder muss jetzt dazu wirken, diese Epoche zu beschleunigen"; und (15. July 1827): "Es ist sehr artig, dass wir jetzt, bei dem engen Verkehr zwischen Franzosen, Engländern und Deutschen, in den Fall kommen, uns einander zu corrigieren. Das ist der grosse Nutzen, der bei einer Weltliteratur herauskommt und der sich immer mehr zeigen wird".—

Aus Goethes 1831 vollendetem, 1833 bei Cotta in Stuttgart erschienenen 2. Teil des "Faust" wird citiert:

1. Akt. Anmutige Gegend.

Faust.: Am farbigen Abglanz haben wir das Leben.—

Kaiserliche Pfalz.

Kanzler: Natur und Geist—so spricht man nicht zu Christen,

Mephist.:Daran erkenn' ich den gelehrten Herrn.—

Weitläufiger Saal.

Gärtnerinnen: Denn das Naturell der Frauen

Ist so nah mit Kunst verwandt.—

2. Akt. Hochgewölbtes, enges gotisches Zimmer.

Baccalaureus: Im Deutschen lügt man, wenn man höflich ist.

Mephist.: Original, fahr' hin in deiner Pracht.

Wer kann was Dummes, wer was Kluges denken,

Das nicht die Vorwelt schon gedacht.

(s. des Terenz: "Nullum est iam dictum . . .")

Wenn sich der Most auch ganz absurd geberdet,

Es giebt zuletzt doch noch 'nen Wein.—

5. Akt. Grosser Vorhof des Palastes.

Faust: Nur der verdient sich Freiheit wie das Leben,

Der täglich sie erobern muss.

Es kann die Spur von meinen Erdetagen

Nicht in Aeonen untergehn.—

[S. 184]

Bergschluchten, Wald, Fels, Einöde.

Chorus mysticus:   Das Unzulängliche

Hier wird's Ereignis;

Das Unbeschreibliche,

Hier ist's gethan;

Das Ewig-Weibliche

Zieht uns hinan.—

Der Anfang eines Gedichtes des Johann Heinrich v. Reitzenstein: "Lotte bey Werthers Grabe", Wahlheim 1775, das in demselben Jahre in Wielands "Teutschem Merkur" und im "Rheinischen Most", No. 7, erschien, lautet:

Ausgelitten hast du—ausgerungen.

Schiller mag hierdurch zu den Versen seines "Siegesfestes" angeregt worden sein:

"Ausgestritten, ausgerungen

Ist der lange schwere Streit."—

Friedr. Leop. Graf zu Stolberg (1750-1819) hat uns durch das "Lied eines alten schwäbischen Ritters an seinen Sohn" mit dem Verse beschenkt:

Sohn, da hast du meinen Speer

Das Lied stand zuerst im "Wandsbecker Bothen", 1774, No. 77 vom 14. Mai.—

Johann Martin Millers (1750-1814)

Für mich ist Spiel und Tanz vorbei

ist der Anfangsvers der 2. (in seinen Gedichten, Ulm 1783, fortgelassenen) Strophe des zuerst im Göttinger Musen-Almanach auf 1773 gedruckten, dort L. unterzeichneten "Klagelied eines Bauern", (komponiert von Frh. v. Seckendorff (?) und Chr. Dan. Schubart). Aus Millers 1776 gedichtetem, zuerst im Vossischen Musen-Almanache für 1777 gedrucktem Liede "Zufriedenheit" (komponiert von Mozart, aber erfolgreicher von Neefe) sind bekannt der Anfang:

[S. 185]

Was frag' ich viel nach Geld und Gut,

Wenn ich zufrieden bin?

sowie die Endverse der 2. Strophe:

Je mehr er hat, je mehr er will,

Nie schweigen seine Klagen still.

vrgl. Seneca "de benef." 2, 27: "Eo maiora cupimus, quo maiora venerunt"—"wir begehren um so mehr, je mehr uns zufiel"; Justinus 6, 1: ". . more ingenii humani, quo plura habet, eo ampliora cupientis"—"nach Art des Menschengeistes, der je mehr er hat, um so mehr begehrt . ."; und Luther B. 57, S. 345: "Je mehr er hat, je mehr er haben will"; ähnlich B. 62, S. 144.—

Im Grab' ist Ruh'

ist der Anfangs- und Schlussvers eines im Göttinger Musenalmanach für 1792 (S. 16) enthaltenen Gedichtes "Die Ruhe im Grabe", unterzeichnet "Ung.", während die Komposition "Langhansen" unterzeichnet ist.[28] Nach dem "Versuch eines Chiffernlexikons" u. s. w. von Redlich (Hamburg 1875, S. 30) ist Langhansen (1750-1816) der Verfasser. (S. "Chr. Erh. Langhansens u. s. w. Gedichte, nach dem Tode d. Verf. her. v. Ulr. v. Schlippenbach", Mitau 1828, S. 28.) Heines "Buch der Lieder" ("Junge Leiden" 1817-21. "Bergstimme") verschaffte dem Wort die weiteste Verbreitung.—

[28] Der eigentliche Komponist war Georg Carl Claudius, vrgl. "Als der Grossvater die Grossmutter nahm". Ein Liederbuch für altmodische Leute. 2. Aufl. Lpzg. 1887, hersausg. von Gustav Wustmann, S. 584.

Aus der von Mozart 1791 komponierten "Zauberflöte" Emanuel Schikaneders (1751-1812), der einen Plan Ludwig Gisekes, Schauspielers und Choristen am Schikanederschen Theater (s. Jahn "Mozart", T. IV, S. 603, Leipz. 1859), benutzte, stammt:

Dies Bildnis ist bezaubernd schön.

Ich kann nichts thun, als dich beklagen,

Weil ich zu schwach zu helfen bin.

[S. 186]

Zur Liebe will (nicht: kann) ich dich nicht zwingen.[29]

In diesen heil'gen Hallen

Kennt man die Rache nicht,

und:

Das höchste der Gefühle.—

[29] Wieland "Ausgewählte Briefe", Zürich 1815, Bd. 3, S. 176 schreibt 9. Jan. 1774 an Gleim: "Ich begreife nichts von dem, was Herr H.*** (Heinse) von mir will. Man kann doch wohl niemand zur Liebe zwingen".—

August Cornelius Stockmanns (1751-1821)

Wie sie so sanft ruhn

steht im Leipz. Musen-Almanach auf das Jahr 1780, S. 214 und ist "Der Gottesacker" betitelt. Friedrich Ludwig Beneken setzte das Lied in Musik.—

Johann Heinrich Voss (1751-1826) ist zu nennen wegen des im "Vossischen Musenalmanache" von 1782 befindlichen, von Joh. Abraham Peter Schulz komponierten Liede

Seht den Himmel, wie heiter!

und wegen des Distichons mit der Unterschrift X. im "Vossischen Musenalmanache", 1792, S. 71:

Auf mehrere Bücher.

Nach Lessing.

Dein redseliges Buch lehrt mancherlei Neues und Wahres,

Wäre das Wahre nur neu, wäre das Neue nur wahr!

was in dieser Form citiert wird:

Das Neue daran ist nicht gut, und das Gute daran ist nicht neu.

Die Stelle, nach welcher das Distichon gemacht ist, steht in Lessings "Briefen, die neueste Litteratur betreffend" (111. Brief, 1760, 12. Juni) und heisst: "wenn es erlaubt ist, allen Worten einen andern Verstand zu geben, als sie in der üblichen Sprache der Weltweisen haben, so kann man leicht etwas Neues vorbringen. Nur muss [S. 187]man mir auch erlauben, dieses Neue nicht immer für wahr zu halten".—

A. G. Eberhard ("Blicke in Tiedges und Elisas Leben", S. 19) erzählt von Christoph Aug. Tiedge (1752-1841):

"Einmal vorzüglich musste ich seine andauernde Geduld bei meinen wiederholten Kritteleien ganz vorzüglich bewundern. Als ich nämlich im Manuskript der Urania auf eine Stelle stiess, die einen sehr ansprechenden Gedanken enthielt, äusserte ich gegen ihn, dass er daraus ein wahres Kleinod für die Stammbuchsentenzen-Schreiberinnen bereiten könnte, wenn er sich die Mühe gäbe, sie möglichst gedrängt und glatt in der äusseren Form und hierdurch recht mund- und gedächtnisgerecht zu machen. Er machte sich sogleich an diese Arbeit, aber immer hatte ich noch bald diese, bald jene Ausstellung zu machen, bis der Hauptgedanke möglichst zusammengedrängt war, die darin befindlichen Gegenstände symmetrisch gegenübergestellt und die Verse, zwei und drei, gleich lang waren. Durch den eingeworfenen Scherz, dass es schon einiger Mühe wert sei, eine klassische Stammbuchsentenz für Mit- und Nachwelt zurecht zu machen, entstand endlich die Stelle:

Sei hochbeseligt oder leide:

Das Herz bedarf ein zweites Herz.

Geteilte Freud' ist doppelt Freude,

Geteilter Schmerz ist halber Schmerz.

Zwar hätte ich wohl gegen "doppelt" statt "doppelte" noch eine Einwendung zu machen gehabt; allein ich unterliess es, um ihn nicht aus seiner guten Laune zu bringen und ungeduldig zu machen. Meine Prophezeihung ist auch so in Erfüllung gegangen: jene Stelle hat in dem Munde unzähliger Leser fortgelebt und ist in eine Menge von Stammbüchern eingeschrieben und eingekritzelt worden".

Die Verse 221-224 des vierten Gesangs der "Urania" (1801) sind die citierten. Rückert hat darüber eine Glosse gedichtet (Ges. poet. Werke in 12 Bänden, 7, 326).

[S. 188]

v. Treitschke ("Historische und politische Aufsätze", 4. Aufl. Leipz. 1871, 1. Bd.) sagt in dem Aufsatz "Lessing", (Leipz. 1863) S. 70: "Das widrige Sprichwort, das in jenen weichlichen Tagen von Mund zu Munde ging, das Wort "geteilter Schmerz ist halber Schmerz" hatte der Jüngling (Lessing) schon mit der stolzen Gegenrede abgewiesen:

"Was nutzt mir's, dass ein Freund mit mir gefällig weine?

Nichts, als dass ich in ihm mir zwiefach elend scheine."

So wäre das Tiedgesche Wort ein älteres Sprichwort? Es fehlt dafür jeder Beweis. Der Gedanke freilich ist nicht neu, denn schon Cicero, Laelius, cap. 6, § 22, sagt: "et secundas res splendidiores facit amicitia et adversas partiens communicansque leviores" (anteilnehmende Freundschaft macht das Glück strahlender und erleichtert das Unglück) und Seneca, Epistolae, 6: "Nullius boni sine socio iucunda possessio est" (ohne Genossen ist kein Glücksbesitz erfreulich).—

Christoph Kaufmann (1753-1795), der herrnhutische Arzt und Apostel der Geniezeit, schlug Klinger, der ihm 1776 in Gotha sein Drama "Wirrwarr" vorlas, dafür den Titel

"Sturm und Drang"

vor und gab damit der ganzen Litteraturperiode vom Anfange der 70er bis in die Mitte der 80er Jahre ihren dauernden Namen. Klinger schrieb darüber an Goethe (s. "Verhandlungen der 8. Versamml. deutsch. Philologen und Schulmänner in Darmstadt" S. 48, Darmst. 1846): dass ihm Kaufmann "den Titel Sturm und Drang aufdrang, an dem später mancher Halbkopf sich ergötzte".

(vrgl. "Chr. Kaufmann" von H. Düntzer, Leipzig 1882, S. 69 und Riegers "Klinger", Darmst. 1880, S. 163).—

[S. 189]

Der Anfangsvers eines Liedes von Chr. Ad. Overbeck (1755-1851), das zuerst im Vossischen Musenalmanach (v. J. 1776, S. 49) steht und von Mozart componiert wurde, wird abgerissen citiert:

Komm, lieber Mai, und mache (!)

als bedeute dies "mache" soviel wie "eile dich!", während der Dichter fortfährt:

"die Bäume wieder grün!"—

Ferner beginnt, auch in "Frizchens Liedern" (Hamburg 1781, S. 72), ein von F. F. Hurka komponiertes Lied Overbecks:

Das waren mir selige Tage.—

Aus Aloys Blumauers (1755-1798) "Virgils Aeneis travestirt", (Wien 1784-1788), Bd. 2, Strophe 54 stammen die Worte des seine Gemahlin vermissenden Aeneas:

Kreusa!—Schatzkind!—Rabenvieh,

Wo hat dich denn der Teufel?

Im Text steht aber der letztere Vers vor dem ersteren.—

Balthasar Gerhard Schumacher (geb. 1755) brachte in der "Haude und Spenerschen Zeitung" am 17. Dezember 1793 unter dem Titel "Berliner Volksgesang" ein Lied mit den Anfangsworten:

Heil dir im Siegeskranz,

welches nichts ist, als eine Umarbeitung des "Liedes für den dänischen Unterthan an seines Königs Geburtstag zu singen in der Melodie des englischen Volksliedes: God save the King". Heinrich Harries dichtete es und veröffentlichte es am 27. Januar 1790 im "Flensburger Wochenblatt". Es beginnt also:

[S. 190]

"Heil Dir dem liebenden

Herrscher des Vaterlands!

Heil, Christian, Dir!"

Nach Hoffmann von Fallersleben ("Unsere volksthümlichen Lieder" 2. Aufl. Lpzg. 1859. S. 66) schuf der Hoforganist John Bull die englische Hymne zur Zeit der Errettung König Jakobs I. vom Tode durch die Pulververschwörung im November 1605; während nach Friedrich Chrysander ("Jahrbuch für musikalische Wissenschaften", Lpzg. 1863, B. I. S. 380ff.) Henry Carey die Hymne, wie Händel sein "Dettinger Te Deum", zur Feier von König Georgs II. Sieg bei Dettingen über die Franzosen im Frühling 1743 dichtete und mit Joh. Christoph Schmidts Hülfe komponierte. Doch ist Chrysanders Begründung minder stichhaltig, als sie heute Manchem erscheint.—

Aus Aug. Friedr. Ernst Langbeins (1757-1835) 1803 verfasstem Gedichte "Die Wehklage", ("Neuere Gedichte", Tübingen 1812) Strophe 1 stammt:

Schon sieben—und Georg nicht hier!

und aus der 14. Strophe des in den "Gedichten" (1788) erschienenen "Abenteuers des Pfarrers Schmolke und Schulmeisters Bakel":

Sperr' oculos!

(Sperre die Augen auf!).

Sein ebenda erschienenes Gedicht "Die neue Eva" endigt:

Tadeln können zwar die Thoren,

Aber klüger handeln nicht,

woraus der Volksmund gemacht hat:

Tadeln können zwar die Thoren,

Aber besser machen nicht!—

[S. 191]

Der Anfang des 1810 verfassten Langbeinschen Gedichtes "Der Zecher" lautet:

Ich und mein Fläschchen sind immer beisammen.—

Altväterische, verschwundene Zeiten bezeichnen wir mit der Anfangszeile eines (1813 in Beckers "Taschenbuch zum geselligen Vergnügen" erschienenen) Langbeinschen Liedes:

Als der Grossvater die Grossmutter nahm.

Dies Wort erkor Gustav Wustmann zum Titel seiner vortrefflichen Sammlung der wackeren Gesänge unserer Gross- und Urgrosseltern, die nur noch leise aus der Kinderzeit in uns nachklangen. (3. Aufl. Leipzig 1895. Fr. Wilh. Grunow.)—

Das verschweigt des Sängers Höflichkeit

ist der Kehrreim eines in Berlin (bei S. F. Lischke, jetzt Karl Paez) erschienenen Liedes, welches beginnt:

Als der liebe Gott die Welt erschaffen,

Schuf er Fische, Vögel, Löwen, Affen,

und dessen Verfasser unbekannt ist. Jedoch eine 1804 gedichtete Erzählung Langbeins "Die Weissagung" (Langbeins neuere Gedichte, Tübingen 1812, S. 237) hebt an:

In einem Städtlein, dessen Namen

Des Dichters Höflichkeit verschweigt,

und in "Allerhand für Stadt und Land", Jahrg. 1808, 8. Stück, Zittau, herausg. v. G. B. Flaschner, steht S. 117 ein Lied: "Des Dichters Höflichkeit", dessen Strophen mit dem Kehrreime "Das verschweigt des Sängers Höflichkeit" schliessen.—

Namen nennen dich nicht

ist der Anfang eines im Göttinger Musen-Almanach von [S. 192]1786, S. 127 erschienenen Liedes Wilhelm Ueltzens (1758-1808). Ludwig Berger (1812) komponierte es und Goethe legte dann 1813 dieser Komposition sein Lied "Alles kündet dich an" unter, das den Titel "Gegenwart" trägt.

Später schuf Georg Neumann (im "Rheinischen Odeon" Jahrg. 1. Koblenz 1836) das Lied dadurch um, dass er den 5 Strophen desselben 5 neue Strophen vorstellte. Er hatte die Verwegenheit, diese Umwandlung als ein von ihm verfasstes Gedicht zu bezeichnen und es in die "Gedichte von Karl Georg Neumann, Königl. Preuss. Regierungs- und Medicinalrate a. D." S. 80, Aachen 1841, aufzunehmen. Hier führt es den Titel: "An Charlotte, 1792".—

In Schillers (1759-1805) "Räubern" (1781), 2, 3 lesen wir Karl Moors Worte:

Ich kenne dich, Spiegelberg,

oft umgestellt in:

Spiegelberg, ich kenne dich,

(aber ich will nächstens unter euch treten und)

fürchterlich Musterung halten;

und am Ende des zweiten Aktes:

Ich fühle eine Armee in meiner Faust.

Im 4. Akte schliesst in der 5. Scene Moors Gesang von Brutus und Cäsar

Geh' du linkwärts, lass mich rechtwärts geh'n,

was an 1. Mos. 13, 9 erinnert: "Willst du zur Linken, so will ich zur Rechten, oder willst du zur Rechten, so will ich zur Linken". Weiterhin ruft der alte Moor:

Bist du's, Hermann, mein Rabe?

der Raben gedenkend, die nach 1. Könige 17, 4 und 6 dem Elias Nahrung zuführten.

5, 1 enthält Franz Moors Worte:

Hab' mich nie mit Kleinigkeiten abgegeben!

und die letzten Worte des Schauspiels:

[S. 193]

Dem Mann kann geholfen werden,

sind eine ganz triviale Redensart geworden.—

Konfiszierter Kerl

ist wahrscheinlich auch auf Schiller zurückzuführen. Karl Hoffmeister ("Schillers Leben für den weiteren Kreis seiner Leser", T. 1, Kap. 4) erzählt über diese Redensart folgendes:

"Als Schiller einst den Freunden die Worte vortrug, die Franz Moor im Anfange des fünften Aktes zu Moser spricht: 'Ha! was, du kennst keine drüber (über den Vatermord)? Besinne dich nochmals—Tod, Himmel, Ewigkeit, Verdammnis schwebt auf dem Laute deines Mundes! keine einzige drüber?' da Öffnete sich die Thür, und der hereintretende Aufseher sah Schillern halb in Verzweiflung die Stube auf- und abrennen. 'Ei, so schäme man sich doch', sagte er, 'wer wird denn so entrüstet sein und fluchen!' Als er den Rücken gekehrt, rief ihm Schiller, zu den lachenden Gesellen gewandt, das Wort aus den "Räubern" nach: 'Ein konfiszierter Kerl!'" Jedoch dieser Ausdruck findet sich nirgends in den "Räubern", sondern in "Kabale und Liebe", 1, 2, wo Musikus Miller von Sekretär Wurm sagt: "Ein konfiszierter widriger Kerl, als hätte ihn irgend ein Schleichhändler in die Welt meines Herrgotts hineingeschachert". Im Personenverzeichnis zu "Fiesco" wird Muley Hassan, Mohr von Tunis, als "konfiszierter Mohrenkopf" bezeichnet.

Und darum Räuber und Mörder

steht nicht in der ersten Ausgabe der "Räuber" (Frankfurt u. Leipz. 1781), sondern in der noch heute allen Bühnen-Aufführungen zu Grunde liegenden Umarbeitung, welche Schiller mit seinem Stücke für das Mannheimer Theater auf Andrängen des Intendanten Dalberg vornahm, im 4. Akt, Sc. 17 (Neue für die Mannheimer Bühne verbesserte Aufl. Mannheim 1782).—

[S. 194]

Aus Schillers Gedichte "Kastraten und Männer" (in der "Anthologie auf das Jahr 1782. Gedruckt in der Buchdruckerei zu Tobolsko", S. 125) in seiner späteren Umbildung "Männerwürde" genannt, stammt:

Zum Teufel ist der Spiritus,

Das Phlegma ist geblieben.

Das Bild ist vom Destillationsprozesse hergenommen, bei dem nach Herstellung des Spiritus eine wässerige, fade schmeckende Flüssigkeit zurückbleibt, welche früher "Phlegma" hiess. In derselben "Anthologie" bietet in dem Gedichte: "In einer Bataille. Von einem Offizier", S. 49 (später "Die Schlacht" genannt):

Das wilde eiserne Würfelspiel

eine viel citierte Umschreibung für Kampf und Krieg.—

Aus Schillers ebenda abgedrucktem Gedichte "An Minna", S. 190, wird citiert:

Meine Minna geht vorüber?

Meine Minna kennt mich nicht?—

Schillers "Verschwörung des Fiesco" (1783) bietet 1, 5 Gianettino Dorias Fluch:

Donner und Doria!,

und aus 3, 4 pflegt man zu citieren:

Der Mohr hat seine Schuldigkeit gethan; der Mohr kann gehen,

während es an Ort und Stelle "Arbeit", nicht "Schuldigkeit" heisst.

3, 5 steht Fiescos Drohung:

(Fahre wohl, Doria, schöner Stern.)

Auch Patroklus ist gestorben,

Und war mehr als du;

ein Citat aus Homers "Iliade" 21, 106 und 107, wo Achill dem um sein Leben flehenden Lykaon zuruft:

[S. 195]

Ἀλλά, φίλος, θάνε καὶ σύ. τίη ὀλοφύρεαι οὕτως;

Κάτθανε καὶ Πάτροκλος, ὅπερ σέο πολλὸν ἀμείνων.

Stirb denn auch du, lieber Freund! Warum wehklagest Du also?

Starb ja doch auch Patroklos, der sehr viel besser als du war.—

Verderben, gehe deinen Gang!

heisst es im "Fiesco" am Ende von 5, 1.

Man erinnert sich dabei an Shakespeares "Julius Caesar" 3, 2:

"Mischief, thou art afoot,

Take thou what course thou wilt!"

"Unheil, du bist im Zuge,

Nimm, welchen Lauf du willst!"

Im "Fiesco" 5, 4 steht:

Deutsche Hiebe;

5, 16 spricht Fiesco: "Was zerrst du mich so am Mantel?—er fällt!" Verrina (mit fürchterlichem Hohne): "Nun, wenn der Purpur fällt, muss auch der Herzog nach!" (Er stürzt ihn ins Meer.) Dies wird also citiert:

Wenn der Mantel fällt, muss der Herzog nach.—

Aus "Kabale und Liebe" (1784) 2, 2 ist:

Legt's zu dem Übrigen,

was Schiller später auch in "Maria Stuart" 1, 1 gebraucht. Ferner finden wir in "Kabale und Liebe":

5, 3:

Unglückseliges Flötenspiel!

5, 7:

Die Limonade ist matt, wie deine Seele.—

Schillers Gedicht "An die Freude" ("Thalia", I. Bd. 1787, 2. Heft, S. 1-5) enthält:

Freude, schöner Götterfunken;

Seid umschlungen, Millionen!

und:

Wem der grosse Wurf gelungen.

Das Wort dieses Gedichtes:

[S. 196]

Wer ein holdes Weib errungen,

Mische seinen Jubel ein!

hat am Schlusse von Beethovens Oper "Fidelio" und im Finale seiner neunten Symphonie die musikalische Weihe gefunden; jedoch lautet es da:

Wer ein solches Weib errungen,

Stimm' in unsern Jubel ein!

(nach der auf Beethovens Wunsch durch F. Treitschke umgearbeiteten Sonnleitnerschen Übersetzung des Operettentextes Bouillys: "Léonore ou l'amour conjugal").—

Weitere Citate aus dem Gedicht "An die Freude" sind:

Unser Schuldbuch sei vernichtet!

und

Männerstolz vor Königsthronen!

Dem Verdienste seine Kronen.—

Der Anfang des Schillerschen Gedichtes "Resignation" ("Thalia", I. Bd. 2. Heft) lautet:

Auch ich war in Arkadien geboren.

(Siehe "Et ego in Arcadia".) Aus demselben Gedichte gebrauchen wir die beiden Strophenanfänge:

Des Lebens Mai blüht einmal und nicht wieder

und:

Mit gleicher Liebe lieb' ich meine Kinder,

sowie die beiden Strophenschlüsse:

Die Weltgeschichte ist das Weltgericht

und:

Was man von der Minute ausgeschlagen,

Giebt keine Ewigkeit zurück.—

In Schillers "Don Carlos" (1787) 1, 1 stehen die Worte, mit denen Don Carlos in der "Rheinischen Thalia" von 1785 jedoch nicht begann:

Die schönen Tage in Aranjuez

Sind nun zu Ende.

Aus derselben Scene citieren wir:

[S. 197]

Brechen Sie

Dies rätselhafte Schweigen;[30]

O wer weiss,

Was in der Zeiten Hintergrunde schlummert;[31]

und:

Wo alles liebt, kann Karl allein nicht hassen.

[30] In der "Rheinischen Thalia" von 1785: "Nur brechen Sie dies grauenvolle Schweigen".

[31] Ebenda in 2, 3.

Sc. 2:

Wer kommt?—Was seh' ich?—O, ihr guten Geister!

Mein Roderich![32]

Du sprichst von Zeiten, die vergangen sind;—

O der Einfall

War kindisch, aber göttlich schön;[33]

Sprich mir von allen Schrecken des Gewissens,

Von meinem Vater sprich mir nicht.

Beim Citieren wird statt "meinem Vater" je nach Umständen der Gegenstand des Entsetzens eingeschaltet.

[32] Ebenda. "Was seh' ich?—O, ihr guten Geister! Mein Rodrigo".

[33] Ebenda.

Sc. 4 enthält:

Grosse Seelen dulden still;

Sc. 5:

Ein Augenblick, gelebt im Paradiese,

Wird nicht zu teuer mit dem Tod gebüsst;[34]

[34] Ebenda.

Sc. 6:

(Deswegen

Vergönn' ich Ihnen zehen Jahre Zeit)

Fern von Madrid (darüber nachzudenken),[35]

und was Schiller bereits vorfand:

Die Sonne geht in meinem Staat nicht unter.[36]

[35] Ebenda.

[36] Ebenda. "Die Sonne geht in meinem Reich nicht unter".

Der Gedanke findet sich schon im Keime bei Herodot (7, 8), wo Xerxes († 465 v. Chr.) zu seinem Kriegsrate von dem Feldzugsplane gegen die Athener spricht: "Wenn wir uns Die und deren Nachbarn aus dem Reiche des Phrygiers Pelops unterwerfen, so thun wir dar, dass Persien dann an den Aether des Zeus grenzt. Denn dann ["χώρην γε οὐδεμίαν κατόψεται ἥλιος ὁμουρέουσαν τῇ ἡμετέρῃ"] wird die Sonne auf kein [S. 198] Land mehr herabblicken, das an das unsrige grenzt; vielmehr werde ich, ganz Europa mit euch durchstreifend, alle Länder zu einem Lande vereinigen". Die erste Aldiner Ausgabe des Herodot wurde 1502 in Venedig gedruckt. 1585 wurde zu Turin bei der Vermählung des Herzogs von Savoyen mit Katharina von Österreich ein Schäferdrama "Il pastor fido" von Guarini aufgeführt, in dessen Prolog es heisst:

Altera figlia

Di qel Monarca, a cui

Nè anco, quando annotta, il Sol tramonta.

Hehre Tochter jenes Monarchen, dem die Sonne auch dann nicht untergeht, wenn es nachtet.

Balthasar Schupp sagt in der "Abgenötigten Ehrenrettung" (1660), S. 665: "Der König in Spanien ist ein grosser Potentat; er hat einen Fuss stehen im Orient, den anderen im Occident, und die Sonne gehet nimmer unter, dass sie nicht in etlichen seiner Länder scheine". Nach Edmund Dorer "An Calderon zum 25. Mai 1881" ("Die Gegenwart", 4. Juni 1881, S. 361) hat es ein König von Spanien zuerst gesagt. Welcher? wann? wo?—

In Schillers "Don Carlos" 1, 6 findet man ferner die Worte:

Hier ist die Stelle, wo ich sterblich bin;[37]

und:

Wenn ich einmal zu fürchten angefangen,

Hab' ich zu fürchten aufgehört.[38]

[37] In der "Rheinischen Thalia" von 1785.

[38] Ebenda.

(Ob Schiller hier an Shakespeares "Othello", 3, 3 gedacht hat:

to be once in doubt

Is once to be resolved,

Einmal zweifeln macht mit Eins entschlossen?)—

Die Worte derselben Scene:

Der Knabe

Don Karl fängt an, mir fürchterlich zu werden[39]

soll Ludwig Devrient einst in der Weinstube von Lutter und Wegener in Berlin, Charlottenstrasse No. 49, dem Kellner Karl zugerufen haben, als dieser ihm die stark aufgelaufene Rechnung reichte.—

[39] Ebenda "Dieser Knabe Don Karl u. s. w."

[S. 199]

Im "Don Carlos" 1, 9 steht:

In des Worts verwegenster Bedeutung,

und:

Arm in Arm mit dir,

So fordr' ich mein Jahrhundert in die Schranken.

2, 1 bietet:

In seines Nichts durchbohrendem Gefühle,[40]

was Alba in Sc. 5 in der Form: "In meines Nichts durchbohrendem Gefühle" wiederholt.

[40] In der "Rheinischen Thalia" von 1785.

Ebenda 2, 2 steht:

Wer ist das?

Durch welchen Missverstand hat dieser Fremdling

Zu Menschen sich verirrt?[41]

Dreiundzwanzig Jahre!

Und nichts für die Unsterblichkeit gethan;[42]

[41] Ebenda.

[42] Ebenda heisst es: "Dreiundzwanzig Jahre und König Philipps Sohn, und nichts gebaut und nichts zertrümmert unter diesem Monde".

2, 8:

(Poesie!—Nichts weiter.—) Mein Gehirn

Treibt (öfters) wunderbare Blasen auf,

(Die schnell, wie sie entstanden sind, zerspringen.)

Die Liebe ist der Liebe Preis,[43]

Beim wunderbaren Gott—das Weib ist schön;

[43] Ebenda.

2, 15:

Unrecht leiden schmeichelt grossen Seelen.[44]

[44] Ebenda.

3, 10:

Stolz will ich

Den Spanier;

(Ich mag es gerne leiden,) wenn auch der Becher überschäumt,

Wenn solche Köpfe feiern, (welch ein Verlust für meinen Staat):

Ich kann nicht Fürstendiener sein,

Die Ruhe eines Kirchhofs.

Geben Sie

Gedankenfreiheit!

was gern erweitert wird zu:

Sire, geben Sie Gedankenfreiheit!

Sonderbarer Schwärmer,

[S. 200]

Anders,

Begreif' ich wohl, als sonst in Menschenköpfen

Malt sich in diesem Kopf die Welt.

4, 21:

(Königin!)

O Gott, das Leben ist doch schön!

was auch also angeführt wird:

O Königin, das Leben ist doch schön!

und in der letzten Scene des letzten Aktes:

So sehen wir uns wieder,

was auch in der "Braut von Messina" vorkommt, als Isabella ihre Tochter wiedersieht. Die vom König gesprochenen Schlussworte des "Don Carlos" lauten:

Kardinal, ich habe

Das Meinige gethan. Thun Sie das Ihre.—

Aus der in Schillers Monatsschrift "Die Horen" (Tübingen, Cotta, 1795; IV. Bd., 10. Heft, S. 72) enthaltenen "Elegie", welche später den Titel "Der Spaziergang" erhielt, wird der Anfang citiert:

Sei mir gegrüsst, mein Berg, mit dem rötlich strahlenden Gipfel!

und aus dem 134. Verse:

Der ruhende Pol in der Erscheinungen Flucht;

sowie der Schlussvers:

Und die Sonne Homers, siehe! sie lächelt auch uns.—

Aus Schillers (ebenda, IV. Bd., 11. Heft, S. 17 anonym erschienenen) "Teilung der Erde" stammt:

Was thun? spricht Zeus,

und:

Willst du in meinem Himmel mit mir leben,

So oft du kommst, er soll dir offen sein.—

In dem Gedichte "Die Ideale" (S. 135 des Schillerschen Musen-Almanachs für das Jahr 1796, Neustrelitz) redet der Dichter die fliehende Zeit also an:

So willst du treulos von mir scheiden?—

[S. 201]

Aus dem Gedichte "Würde der Frauen", ebenda S. 186, ist:

Ehret die Frauen! sie flechten und weben

Himmlische Rosen ins irdische Leben.

was oft geschmacklos travestiert wird.—

Aus Schillers "Xenien" (Musen-Almanach für das Jahr 1797) gehören folgende Citate hierher:

das Distichon "Wissenschaft":

Einem ist sie die hohe, die himmlische Göttin, dem Andern

Eine tüchtige Kuh, die ihn mit Butter versorgt,

aus dem Distichon "Kant und seine Ausleger":

Wenn die Könige bau'n, haben die Kärrner zu thun.

"Sonntagskinder" (aus Vereinigung zweier Distichen entstanden, deren erstes "Geschwindschreiber" betitelt war), die heute schon lehren wollen, was sie gestern gelernt, werden in dem gleichnamigen Doppeldistichon mit:

Ach, was haben die Herrn doch für ein kurzes Gedärm!

abgefunden.—

Das grosse gigantische Schicksal,

Welches den Menschen erhebt, wenn es den Menschen zermalmt,

steht im 35. und 36. Verse der Schillerschen Parodie "Shakespeares Schatten".—Aus den auf die "Xenien" ebenda folgenden "Tabulae votivae" (Votivtafeln) Schillers wird citiert:

Pflicht für jeden.

Immer strebe zum Ganzen! und, kannst du selber kein Ganzes

Werden, als dienendes Glied schliess' an ein Ganzes dich an!

Der Schlüssel.

Willst du dich selber erkennen, so sieh', wie die Andern es treiben;

Willst du die Andern versteh'n, blick' in dein eigenes Herz,

und aus dem Distichon

[S. 202]

Wahl.

(Kannst du nicht Allen gefallen durch deine That und dein Kunstwerk,

Mach' es Wenigen recht;) Vielen gefallen ist schlimm.—

Endlich bietet uns ("Mus.-Alm." 1797) Schillers Gedicht

"Das Mädchen aus der Fremde"

die Verse:

Doch eine Würde, eine Höhe

Entfernte die Vertraulichkeit,

und seine "Nadowessisehe Todtenklage" (ebenda) das schalkhaft auf Lebende angewandte:

Mit dem Anstand, den er hatte . . .

und seine Ballade "Ritter Toggenburg" (ebenda) den Vers:

Und so sass er, eine Leiche . . .—

Aus Schillers "Hoffnung" (10. Stück der Horen von 1797, S. 107) sind die Endverse bekannt:

Und was die inn're Stimme spricht,

Das täuscht die hoffende Seele nicht.—

Der Musen-Almanach für 1798 enthält eine Reihe Schillerscher Balladen. Aus dem "Ring des Polykrates" (S. 24) wird citiert Strophe 9:

Des Lebens ungemischte Freude

Ward keinem Irdischen zu Teil,

und Strophe 11:

Noch Keinen sah ich fröhlich enden,

Auf den mit immer vollen Händen

Die Götter ihre Gaben streun;

endlich Strophe 16:

Hier wendet sich der Gast mit Grausen.—

aus dem "Handschuh" (S. 41) stammt:

Die Damen in schönem Kranz

und:

Den Dank, Dame, begehr' ich nicht.—

[S. 203]

Aus Schillers "Taucher" (S. 119) wird citiert:

Wer wagt es, Rittersmann oder Knapp,

Zu tauchen in diesen Schlund?

Da unten aber ist's fürchterlich,

Und der Mensch versuche die Götter nicht;

Unter Larven die einzig fühlende Brust;

Lasst, Vater, genug sein das grausame Spiel,

gewöhnlich citiert in der Form:

Lass, Vater, genug sein des grausamen Spiels.—

Ebenda stehen (S. 221) "Die Worte des Glaubens", worin im Anfange der zweiten Strophe:

Der Mensch ist frei geschaffen, ist frei,

Und würd' er in Ketten geboren,

und am Schlusse der dritten, mit Benutzung des 1. Kor. 1, 19 vorkommenden "Verstands der Verständigen":

(Und) was kein Verstand der Verständigen sieht,

Das übet in Einfalt ein kindlich Gemüt.—

Aus der Ballade "Die Kraniche des Ibykus" (ebenda S. 267) wird citiert:

Wer zählt die Völker, nennt die Namen?

Es steigt (nicht: es ragt) das Riesenmass der Leiber

Hoch über Menschliches hinaus.

und

Sieh' da, sieh' da, Timotheus,

Die Kraniche des Ibykus!—

Aus dem "Gang nach dem Eisenhammer" (ebenda S. 306):

Str. 7:

Red'st du von Einem, der da lebet?

Str. 14:

Dess freut sich das entmenschte Paar.

Str. 25 u. 28:

Der ist besorgt und aufgehoben.

Str. 28:

Herr, dunkel war der Rede Sinn.

Str. 30:

Dies Kind, kein Engel ist so rein.—

In seinem im Okt. 1798 bei Wiedereröffnung der [S. 204]Schaubühne in Weimar gesprochenen "Prolog" zu "Wallensteins Lager" schuf Schiller die Worte:

Dem Mimen flicht die Nachwelt keine Kränze,

(Denn) wer den Besten seiner Zeit genug

Gethan, der hat gelebt für alle Zeiten.

(s. unten Horaz: "principibus placuisse . . ." u. s. w.)

Im engen Kreis verengert sich der Sinn,

Es wächst der Mensch mit seinen grössern Zwecken.

(vrgl. Seneca: "Natur. quaest." III, praef.: "Crescit animus, quoties coepti magnitudinem attendit".)

Von der Parteien Gunst und Hass verwirrt,

Schwankt sein Charakterbild in der Geschichte;

Ernst ist das Leben, heiter ist die Kunst.—

In "Wallensteins Lager" (1798), 5. Auftritt, ruft der erste Jäger, als die Marketenderin kommt:

Was? der Blitz!

Das ist ja die Gustel aus Blasewitz.

Im 6. Auftritt wirft der Wachtmeister einem Jäger vor, dass ihm

der feine Griff und der rechte Ton

fehle, den man nur in des Feldherrn Nähe lernen könne. Der Jäger erwidert darauf:

Wie er räuspert und wie er spuckt,

Das habt ihr ihm glücklich abgeguckt.

was aus Molières "Femmes savantes" 1, 1 entlehnt ist, wo Armande sagt:

Wer sich nach andern bilden will und achten.

Hat ihren guten Sitten nachzutrachten.

Das heisst gewiss sein Vorbild nicht erreichen,

Im Räuspern nur und Spucken (tousser et cracher) ihm zu gleichen.

Moland sagt in seiner Molière-Ausgabe, VII, Paris 1864: "Molière bringt hier nur eine sprichwörtliche Redensart, die zu seiner Zeit gebräuchlich war, in Verse", und führt zum Beleg "Francien" von Sorel, Buch XI an: "ce n'est pas imiter un homme que peter et tousser comme lui".

[S. 205]

Der Anfang der Kapuzinerpredigt[45] in "Wallensteins Lager" lautet:

Heisa, juchheia! Dudeldumdei!

Das geht ja hoch her. Bin auch dabei!

[45] Manche meinen, das Wort "Kapuzinade" sei nach dieser Schwankpredigt gebildet, aber es ist älter als Schillers "Wallensteins Lager", und wer es zuerst brauchte, ist noch unentschieden.

Es treten im Lager zwei Arquebusiere auf, philisterhafte Gesellen, die sich zweimalige Kritiken zuziehen, im 10. Auftritt:

(Lass sie gehen, sind) Tiefenbacher,

Gevatter Schneider und Handschuhmacher,

und im 11. Auftritt:

(Schad' um die Leut; sind sonst wackre Brüder)

Aber das denkt wie ein Seifensieder.

Aus dem Schlussworte des letzten von Körner, Zahn, Zelter und Zumsteeg komponierten Chorgesanges in "Wallensteins Lager" wird citiert:

Und setzet ihr nicht das Leben ein,

Nie wird euch das Leben gewonnen sein.—

Dem Musen-Almanach für das Jahr 1799 entnehmen wir folgende Citate: aus Schillers Ballade "Der Kampf mit dem Drachen" (S. 151):

Was rennt das Volk, was wälzt sich dort

Die langen Gassen brausend fort?

Mut zeiget auch der Mameluck,

Gehorsam ist des Christen Schmuck;

aus seiner "Bürgschaft" (S. 176);

Möros, den Dolch im Gewande;

Das sollst du am Kreuze bereuen;

Zurück! du rettest den Freund nicht mehr;

(Der fühlt) ein menschliches Rühren;

(Und) die Treue, sie ist doch kein leerer Wahn.

[S. 206]

Endlich wird aus der "Bürgschaft" citiert:

Ich sei, gewährt mir die Bitte,

In eurem Bunde der dritte,

was kein ursprünglicher Einfall Schillers war, sondern vielmehr einer der Fundstellen dieser Ballade entlehnt ist. (S. Register: Dionys der Jüngere.)—

Aus "Des Mädchens Klage" (ebenda, S. 208) und dann, um zwei Strophen verkürzt, als Theklas Lied ("Piccolomini" 3, 7) wird citiert:

Ich habe genossen das irdische Glück;

Ich habe gelebt und geliebet.—

Die Schlussverse der letzten Strophe des Gedichts vom Jahre 1799: "An Goethe, als er den 'Mahomed' von Voltaire auf die Bühne brachte":

Der Schein soll nie die Wirklichkeit erreichen,

Und siegt Natur, so muss die Kunst entweichen

erfuhren nach Schillers Tode ein bizarre Umgestaltung.

Es giebt nämlich eine alte, gewöhnlich in die Zeit Karls V. von Frankreich verlegte, aber bereits in einem viel älteren französischen Roman enthaltene Sage, nach welcher ein französischer Ritter, Aubry, von einem seiner Waffengefährten, Robert Macaire, dessen Name in Frankreich eine typische Bezeichnung für einen Hallunken geworden ist, meuchlings erschlagen, und die Ermordung Aubrys durch das feindselige Betragen des Hundes des Getöteten gegen den Mörder ans Tageslicht gebracht wird. Diese Sage wurde zu einem Melodrama verarbeitet, in welchem ein dressierter Pudel die Hauptrolle spielte, der den Pariser Janhagel in Begeisterung versetzte. 1816 gab sich die königliche Bühne in Berlin dazu her, den Pudel auftreten zu lassen, was, wie Zelter (Brief 246) an Goethe schreibt, die Berliner zu dem Witze veranlasste, dass "den Hund aufs Theater bringen" eigentlich "das Theater auf den Hund bringen" sei. Auch der Grossherzog von Weimar, ein grosser Hundeliebhaber, wünschte den vierbeinigen[S. 207] Schauspieler auf seiner Bühne zu sehen, stiess aber auf Widerstand bei Goethe, dem Intendanten. Der Pudel wurde jedoch heimlich verschrieben, Goethe ging am Abend der Theaterprobe, am 20. März 1817, mit eigenmächtiger Urlaubserteilung nach Jena, reichte nach der am 12. April stattgehabten Aufführung den Abschied ein und erhielt darauf von Karl August folgende Zeilen: "Aus den mir zugegangenen Äusserungen habe ich die Überzeugung gewonnen, dass der Geheimrat von Goethe wünscht, seiner Funktion als Intendant enthoben zu sein, welches ich hiermit genehmige". Die Tagesblätter veränderten die obigen Verse Schillers demzufolge also:

Dem Hundestall soll nie die Bühne gleichen

Und kommt der Pudel, muss der Dichter weichen,

und nannten den Pudel den "Schicksalspudel". Goethe selbst erwähnt in den "Annalen" unter dem Jahre 1817 von diesen Vorkommnissen nichts.[46]

[46] Carl Eberwein "Weimarer Sonntagsblatt", 1857, S. 312. In Gotthardis "Weimarischen Theaterbildern" II, 168 soll diese Travestie mit einer kleinen Variante stehen.

Schwindet ein Wesen oder ein Werk ohne Ruhm dahin, so hört man sagen, dass es

Klanglos zum Orkus hinab

ging, ein Wort, welches den Schluss von Schillers "Nenie" bildet (ged. 1. Okt. 1799).—

Aus "Hektors Abschied" (zuerst in den "Gedichten von Friedrich Schiller", 1. T., Leipz. 1800) wird citiert:

Will sich Hektor ewig von mir wenden?

und

Theures Weib, gebiete deinen Thränen!

(In Goedekes "Historisch-kritischer Ausg.", T. 11, wird das Gedicht mit der Jahresbezeichnung 1780-93 versehen, was wohl heissen soll, dass die ältere Form, wie sie in den "Räubern", 4, 4 vorliegt, aus dem Jahre 1780, die neuere aus dem Jahre 1793 stammt.)—

[S. 208]

Im "Musen-Almanach für das Jahr 1800" S. 243, erschien Schillers "Lied von der Glocke"; daraus werden als Citate verwendet die Worte:

Von der Stirne heiss

Rinnen muss der Schweiss . . .;

Zum Werke, das wir ernst bereiten,

Geziemt sich wohl ein ernstes Wort;

Wenn gute Reden sie begleiten,

Dann fliesst die Arbeit munter fort;

Nehmet Holz vom Fichtenstamme;

Die schwarzen und die heitern Lose;

Errötend folgt er ihren Spuren;

O zarte Sehnsucht, süsses Hoffen.

Der ersten Liebe goldne Zeit!

Das Auge sieht den Himmel offen,[47]

Es schwelgt das Herz in Seligkeit;

O dass sie ewig grünen bliebe,

Die schöne Zeit der jungen Liebe;

Denn wo das Strenge mit dem Zarten,

Wo Starkes sich und Mildes paarten,

Da giebt es einen guten Klang;

Drum prüfe, wer sich ewig bindet,

Ob sich das Herz zum Herzen findet;

Der Wahn ist kurz, die Reu' ist lang;

Doch mit des Geschickes Mächten

Ist kein ew'ger Bund zu flechten,

Und das Unglück schreitet schnell;

Wohlthätig ist des Feuers Macht,

Wenn sie der Mensch bezähmt, bewacht;

Mütter irren (!)

Leer gebrannt

Ist die Stätte;

Ein süsser Trost ist ihm geblieben,

Er zählt die Häupter seiner Lieben,

Und sieh! ihm fehlt kein teures Haupt;

[47] Anschluss an Joh. 1, 51: s. Kapitel I.

(Die Berliner sagten 1813 von Bernadottes geringen Verlusten bei Grossbeeren und Dennewitz nach Häussers "Deutscher Geschichte", 3. Aufl., Bd. 4, S. 267:

[S. 209]

Er zählt die Häupter seiner Lieben,

Und sieh! es fehlten ihm nur sieben.)

. . die Gattin . . ., die teure;

. . das Auge des Gesetzes wacht;

Wenn sich die Völker selbst befrei'n,

Da kann die Wohlfahrt nicht gedeih'n;

Da werden Weiber zu Hyänen;

Gefährlich ist's, den Leu zu wecken,

Verderblich ist des Tigers Zahn;

Jedoch der Schrecklichste der Schrecken,

Das ist der Mensch in seinem Wahn.—

Aus Schillers Drama "Die Piccolomini" (1800) wird citiert:

Spät kommt ihr, doch ihr kommt (1, 1),

wobei bemerkt werden mag, dass schon in der Odyssee, 23, 7 von Odysseus gesagt wird, er komme nach Hause, obwohl er spät komme. (Ursprünglich begannen weder "Don Carlos" noch die "Piccolomini" mit ihren so berühmten Worten. Der Anfang der "Piccolomini" lautete:

Gut, dass Ihr's seid, dass wir Euch haben! wusst' ich doch,

Graf Isolani bleibt nicht aus.)

Was ist der langen Rede kurzer Sinn? (1, 2.)

Des Dienstes immer gleichgestellte Uhr. (1, 4.)

In deiner Brust sind deines Schicksals Sterne. (2, 6.)

Wohl ausgesonnen, Pater Lamormaín! (2, 7.)

Wär' der Gedank' nicht so verwünscht gescheit,

Man wär' versucht, ihn herzlich dumm zu nennen (ebenda).

(O, der ist aus dem Himmel schon gefallen,

Der an der Stunden Wechsel denken muss!)

Die Uhr schlägt keinem Glücklichen (3, 3),

was gewöhnlich in der Form citiert wird:

Dem Glücklichen schlägt keine Stunde;

Das Spiel des Lebens sieht sich heiter an,

Wenn man den sichern Schatz im Herzen trägt (3, 4),

[S. 210]

Der Zug des Herzens ist des Schicksals Stimme (3, 8),

was als Nebentitel des von Hauff unter dem Namen H. Clauren und gegen diesen geschriebenen Romans "Der Mann im Monde" (1825) noch bekannter geworden ist;

Das eben ist der Fluch der bösen That,

Dass sie fortzeugend immer Böses muss gebären (5, 1).

Derselbe Gedanke wird schon im "Agamemnon" des Äschylus, 758 so ausgesprochen: "Die gottlose That erzeugt mehre, die ihrem Geschlecht gleichen", und von Saxo Grammaticus († 1204) in seiner Erzählung von "Hamlet" folgendermassen: "Das eben ist der Fluch der Schuld, dass sie immer wieder Reiz und Veranlassung zu neuer Schuld enthalten muss". (Simrock, "Quellen des Shakespeare", 2. Aufl., I., 104.)—

Aus "Wallensteins Tod" wird citiert:

1, 4:

Ernst ist der Anblick der Notwendigkeit;

Denn aus Gemeinem ist der Mensch gemacht

Und die Gewohnheit nennt er seine Amme;

Sei im Besitze, und du wohnst im Recht;

1, 5:

Ich hab' hier bloss ein Amt und keine Meinung.

2, 2:

Schnell fertig ist die Jugend mit dem Wort:

Eng ist die Welt und das Gehirn ist weit—

Leicht bei einander wohnen die Gedanken,

Doch hart im Raume stossen sich die Sachen.

2, 3:

Es giebt im Menschenleben Augenblicke;

Und Ross und Reiter sah ich niemals wieder.

2, 6:

Dank vom Haus Österreich!

3, 9:

Das war kein Heldenstück, Octavio!

3, 10:

Nacht muss es sein, wo Friedlands Sterne strahlen;

(Gern wird für "Sterne strahlen" hier "Sterne glänzen" gesagt, weil es weicher klingt.)

3, 13:

Du hast's erreicht, Octavio!

was gewöhnlich so citiert wird:

Du hast's gewollt! Octavio!

Da steh' ich, ein entlaubter Stamm!

[S. 211]

3, 15:

So ist's, mein Feldherr!

Daran erkenn' ich meine Pappenheimer

3, 18:

Max, bleibe bei mir!

4, 10:

Keines Überfalls gewärtig;

Gekeilt in drangvoll fürchterliche Enge;

Man sagt, er wollte sterben.

Theklas Monolog in 4, 12 enthält:

Was ist das Leben ohne Liebesglanz?

und schliesst:

Das ist das Loos des Schönen auf der Erde!

5, 5 findet sich:

Ich denke einen langen Schlaf zu thun,

Denn dieser letzten Tage Qual war gross;

und 5, 11:

Des Menschen Engel ist die Zeit.—

Aus "Maria Stuart" (1801) citieren wir

4, 6:

"Graf! dieser Mortimer starb Euch sehr gelegen",

in der Form:

Der starb Euch sehr gelegen.

Die Schlussverse aus "Maria Stuart" lauten:

Der Lord lässt sich

Entschuldigen; er ist zu Schiff nach Frankreich.—

In Schillers Gedicht "Der Antritt des neuen Jahrhunderts" ("Taschenbuch für Damen auf das Jahr 1802". S. 167) heisst es:

Freiheit ist nur in dem Reich der Träume,

Und das Schöne blüht nur im Gesang.

Ebenda, S. 231, steht "Voltaires Pucelle und die Jungfrau von Orleans", später "Das Mädchen von Orleans" genannt. Daraus wird citiert:

Es liebt die Welt das Strahlende zu schwärzen

Und das Erhab'ne in den Staub zu zieh'n.

Aus der zweiten Scene des Prologes zur "Jungfrau von [S. 212]Orleans", die zuerst 1801 in Leipzig aufgeführt wurde, und deren erster Druck unter dem Titel: "Kalender auf das Jahr 1802. Die Jungfrau von Orleans" u. s. w. (Berlin, Unger) erschien, wird citiert:

Wie kommt mir solcher Glanz in meine Hütte?

aus der dritten:

Mein ist der Helm, und mir gehört er zu;

Nichts von Verträgen, nichts von Übergabe.

Der Anfangsvers der ersten Strophe des Monologs Johannas:

Lebt wohl ihr Berge, ihr geliebten Triften,

wird, wie ihr Schlussvers:

Johanna geht, und nimmer kehrt sie wieder,

bei einem Abschiede angewendet. Die Worte des Königs Karl (VII, 1, 2):

Drum soll der Sänger mit dem König gehen,

Sie beide wohnen auf der Menschheit Höhen,

erscheinen mit ihrem "Drum" als eine Schlussfolge aus den vorhergehenden Betrachtungen Karls; citiert wird das Wort, indem man für "Drum" eigenmächtig "Es" setzt.

Mit dem Volke soll der Dichter gehen,

Also les' ich meinen Schiller heut'!

sagt Freiligrath.

Ferner sind uns aus der "Jungfrau von Orleans" folgende Stellen geläufig:

Kann ich Armeen aus der Erde stampfen?

Wächst mir ein Kornfeld in der flachen Hand? (1, 3)

(wobei zu bemerken, dass nach Plutarchs "Cäsar", K. 33, Pompeius einst geprahlt hatte, er könne Armeen aus der Erde stampfen;)

Nichtswürdig ist die Nation, die nicht

Ihr Alles freudig setzt an ihre Ehre (1, 5);

[S. 213]

1, 9:

Ein Schlachten war's, nicht eine Schlacht zu nennen;[48]

[48] Solche Gegenüberstellung findet sich bereits: Livius 5, 44; 22, 48; 23, 40; 25, 14; Curtius 4, 15; Tacitus, hist. 3, 77: "pugna" und "caedes"; Livius 2, 53 und 5, 45; Tacitus, hist. 4, 33: "proelium" und "caedes"; Livius 28, 16: "pugna" und "trucidatio velut pecorum".

1, 10:

Von wannen kommt dir diese Wissenschaft?

(Schiller ahmte sich selbst in diesem Verse nach; denn in "Macbeth", 1, 5 (1801) übersetzt er das Shakespearesche 1, 3 vorkommende:

Say from whence

You owe this strange intelligence?

also:

Sagt, von wannen kam euch

Die wunderbare Wissenschaft?)

1, 10:

Unsinn, du siegst, und ich muss untergeh'n!

3, 6:

Mit der Dummheit kämpfen Götter selbst vergebens.

4, 1:

Ach, es war nicht meine Wahl!

5, 14:

Wie wird mir? Leichte Wolken heben mich;

und der Schlussvers des ganzen Dramas:

Kurz ist der Schmerz, und ewig ist die Freude!—

Schillers Gedicht "An die Freunde" ("Taschenbuch für Damen auf das Jahr 1803", Tübingen, Cotta, S. 1 u. 2) enthält das Wort:

(Und) der Lebende hat recht

dann die Umschreibung für Theaterbühne:

Die Bretter, die die Welt bedeuten

S. 201 und S. 202 daselbst steht das Gedicht: "Thekla. Eine Geisterstimme", aus dem der Endvers citiert wird:

Hoher Sinn liegt oft in kind'schem Spiel.—

Aus der "Braut von Messina" (1803) sind bekannt der Anfangsvers

Der Not gehorchend, nicht dem eignen Trieb,

der vielleicht aus dem Wort des Apothekers in Shakespeares "Romeo und Julie" (5, 1) entstand:

[S. 214]

"My poverty, but not my will, consents",

oder aus Dantes ("Inferno" 12, 87):

"Necessità 'l c' induce e non diletto".

Nachdem Don Manuel zum ersten Male die Bühne verlassen hat, ertönt das Wort des Chors:

Etwas fürchten und hoffen und sorgen

Muss der Mensch für den kommenden Morgen.

Ferner citieren wir:

1, 7:

Ein jeder Wechsel schreckt den Glücklichen;

2, 5:

Die ist es oder keine sonst auf Erden!

3, 4:

Blendwerk der Hölle!

3, 5:

Was sind Hoffnungen, was sind Entwürfe!

4, 4:

Nicht an die Güter hänge dein Herz,

Die das Leben vergänglich zieren!

Wer besitzt, der lerne verlieren,

Wer im Glück ist, der lerne den Schmerz;

4, 7:

Auf den Bergen ist Freiheit!

Die Welt ist vollkommen überall,

Wo der Mensch nicht hinkommt mit seiner Qual.

Das Leben ist der Güter höchstes nicht,

Der Übel grösstes aber ist die Schuld.

Der zweite Vers ist die Übersetzung von Ciceros [ad. fam. VI, 4, 2]: ("nec esse ullum malum praeter culpam".—A. W. v. Schlegel versah diese Verse mit Bezug auf Müllners Drama "Die Schuld", 1816, im Wendtschen Musen-Almanach von 1832 mit der Überschrift: "Unter Müllners Bildnis" und Carl Bagger ["Digtninger, gamle og nye", 1836] schreibt:

[In ein Stammbuch.]

Das Leben ist der Güter höchstes nicht,

Der Übel grösstes aber sind die Schulden).—

Der erste Vers aus Schillers Romanze "Der Jüngling am Bache", welche in dem am 12. Okt. 1803 in Weimar aufgeführten und 1806 erschienenen "Parasiten" 4, 4 eingeflochten ist, lautet:

An der Quelle sass der Knabe.

Der "Parasit" ist von Schiller aus Picards "Médiocre et Rampant ou le moyen de parvenir" (1797) weniger übersetzt als übertragen; die Schillersche Romanze hat mit der Picards nur die Stimmung gemein, so [S. 215]dass obiges Citat durchaus Schiller angehört, während jedoch der Schluss der Romanze:

Raum ist in der kleinsten Hütte

Für ein glücklich liebend Paar

seine Entstehung wohl einer Reminiscenz verdankt. Nämlich in Wielands "Musarion" (1768), Bd. 1, stottert Fanias: "Gewiss sehr viel Ehre! Allein mein Haus ist klein"; worauf die Schöne versetzt: "Und wenn es kleiner wäre, für eine Freundin hat die kleinste Hütte Raum" und in J. A. Leisewitzens "Julius von Tarent" (1776) 2, 3 ruft Bianca: "Diese Hütte ist klein; Raum genug zu einer Umarmung.—Dies Feldchen ist enge—Raum genug für Küchenkräuter und zwei Gräber; und dann, Julius, die Ewigkeit;—Raum genug für die Liebe!"—

Aus Schillers Ballade "Der Graf von Habsburg" ("Taschenbuch für Damen auf das Jahr 1804", Tübingen, Cotta) stammt:

die kaiserlose, die schreckliche Zeit!

aus dem "Siegesfest" (ebenda):

Von des Lebens Gütern allen

Ist der Ruhm das höchste doch;

Wenn der Leib in Staub zerfallen,

Lebt der grosse Name noch,

sowie:

Trink ihn aus, den Trank der Labe,

Und vergiss den grossen Schmerz.—

Der vorletzte Vers des von Schiller 1804 für Beckers "Taschenbuch" verfassten Gedichtes "Der Alpenjäger" lautet:

Raum für alle hat die Erde.—

Citate aus "Wilhelm Tell" (1804) sind Tells Worte an Ruodi den Fischer (1, 1):

Der brave Mann denkt an sich selbst zuletzt;

Ruodis Antwort:

Vom sichern Port lässt sich's gemächlich raten;

Ferner Ruodis:

Da rast der See und will sein Opfer haben;

Tells Worte an den Hirten (s.: Erasmus Alberus):

Ich hab' gethan, was ich nicht lassen konnte;

[S. 216]

und der Schlussvers der ersten Scene:

Wann wird der Retter kommen diesem Lande?

In der zweiten Scene wendet Gertrud ein Wort an, das nur die Wiederauffrischung eines alten Sprichworts ist:

Dem Mutigen hilft Gott![49]

[49] s.: Fortes fortuna adiuvat.

Der zweite Akt führt uns aus der ersten Scene zu:

Ich bin der letzte meines Stamms;

wobei zu erinnern ist, dass bereits Friedr. Leop. Graf zu Stolberg in seiner "Romanze" (1774; "ges. W." der Brüder Stolberg T. 1, S. 56) sang:

"Er, der letzte seines Stammes

Weinte seiner Söhne Fall".

Aus derselben Scene des "Tell" citieren wir:

Ans Vaterland, ans teure, schliess dich an,

Das halte fest mit deinem ganzen Herzen,

Hier sind die starken Wurzeln deiner Kraft;

und:

Es lebt ein anders denkendes Geschlecht.

2, 2 bietet:

Wir sind ein Volk und einig woll'n wir handeln,

und gegen Ende:

Wir wollen sein ein einzig (nicht: einig) Volk von Brüdern,

In keiner Not uns trennen und Gefahr.

Aus 3, 1 entnehmen wir die Worte Walthers:

Was da fleucht und kreucht,

gewöhnlich in der Form sämtlicher späteren Auflagen:

Was da kreucht und fleucht,[50]

Worte, die sich an 1. Mos, 7, 14 anlehnen.

[50] Schon Walther von der Vogelweide singt (nach Simrocks Übersetzung, 6. Aufl., Leipz. 1876, S. 5) im Gedichte "Wahlstreit" (1198): "Was kriechet oder flieget", vrgl. Homers "Ilias" 17, 447: "ὅσσα τε γαῖαν ἔπι πνείει τε καὶ ἕρπει", Herodot 1, 140: "τἆλλα ἑρπετὰ καὶ πετεινά" u. s. w.—

Aus derselben Scene brauchen wir drei Worte Tells:

[S. 217]

Früh übt sich, was ein Meister werden will;

Die Axt im Haus erspart den Zimmermann;

Wer gar zu viel bedenkt, wird wenig leisten.

3, 3 enthält des Rudenz Worte:

Allzu straff gespannt, zerspringt der Bogen.[51]

[51] Amasis, König von Ägypten (570-526) sagte vom Bogen (Herodot II, 173): "εἰ γὰρ δὴ τὸν πάντα χρόνον ἐντεταμένα εἴη, ἐκραγείη ἄν"—"denn bliebe er alle Zeit gespannt, so würde er wohl zerbrechen". Er entschuldigte damit seinen Hang, die Regierungsmühen mit Trinkgelagen abwechseln zu lassen. Dann leiht Phädrus (3, 4, 10) dem Aesop die Weisheit, der Geist brauche Spiel, um wider [wieder] denkfrisch zu werden, denn: "Cito rumpes arcum, semper si tensum habueris"—"du zerbrichst den Bogen schnell, wenn du ihn stets gespannt haben willst". Grimmelshausens "Simplicissimus" IV, 1 bietet: "Wann man den Bogen überspannet, so muss er endlich zerbrechen". Doch Schiller schöpfte wohl aus F. M. Klingers Trauerspiel: "Die Zwillinge" (1774), wo es 2, 2 heisst: "wir wollen den Bogen nicht zu stark spannen, damit die Sehne halte".

4, 2 spricht der sterbende Attinghausen:

Das Alte stürzt, es ändert sich die Zeit,

Und neues Leben blüht aus den Ruinen;

Seid einig—einig—einig!

Aus Tells Monolog 4, 3 wird citiert:

Durch diese hohle Gasse muss er kommen,

Es führt kein andrer Weg nach Küssnacht.—Hier

Vollend ich's.

Die Gelegenheit ist günstig.

Dort der Hollunderstrauch verbirgt mich (ihm);

Mach deine Rechnung mit dem Himmel, Vogt!

Fort musst du, deine Uhr ist abgelaufen;

in gährend Drachengift hast du

Die Milch der frommen Denkart mir verwandelt;

(wobei wohl 5. Mos. 32, 33 "Ihr Wein ist Drachengift" und Lady Macbeth ["Macbeth" 1, 5] vorgeschwebt hat, die vom Gemüt ihres Mannes sagt, es sei "zu voll von der Milch der Menschenliebe";)

Es lebt ein Gott zu strafen und zu rächen;

Entränn' er jetzo kraftlos meinen Händen (nämlich der Pfeil),

Ich habe keinen zweiten zu versenden;

endlich:

[S. 218]

Auf dieser Bank von Stein will ich mich setzen,

was schon des auffallenden Stils wegen citiert wird.

Aus dem darauf folgenden Gespräch Tells mit dem Flurschützen ist bekannt:

Es kann der Frömmste nicht in Frieden bleiben,

Wenn es dem bösen Nachbar nicht gefällt,

die Umänderung eines älteren Sprichworts: "Niemand kann länger Frieden haben, als seinem Nachbar beliebt".

Dann ruft der getroffene Gessler (4, 3):

Das ist Tells Geschoss!

Und nun singen die barmherzigen Brüder:

Rasch tritt der Tod den Menschen an.—

Aus dem durch Schillers Tod (1805) unvollendet gebliebenen "Demetrius" citieren wir:

Man soll die Stimmen wägen und nicht zählen,

wodurch ein oft dagewesener Gedanke[52] für uns seine bleibende Form erhielt.—

[52] S. Cicero "d. off." 2, 22: "non enim numero haec iudicantur, sed pondere"; Plinius d. jüng. B. 2, Ep. 12: "numerantur enim sententiae, non ponderantur"; Moses Mendelssohn (Ges. W. 3, 370; an Nicolai): "Stimmen . . . wollen gewogen und nicht gezählt sein"; Wieland (1774. "Abderiten" 5, 3), der da meint, es komme nicht auf "majora" (das Mehr), sondern auf "saniora" (das Vernünftigere) an; Lichtenberg (1777. Ausg. v. 1867 B. 2, 3, 236), der es bedauert, "dass wir so oft die Stimmen nur zählen können. Wo man sie wägen kann, soll man es nie versäumen"; Klopstock (Aug. 1800. "Die Wage"): "Du zählst die Stimmen; wäge sie—" und endlich Schiller selbst (1801. "Maria Stuart" 2, 3): "Nicht Stimmenmehrheit ist des Rechtes Probe", (vrgl. Stahls "Autorität nicht Majorität!")

Chr. Fürchteg. Fulda, Lehrer am Pädagogium zu Halle, ist der Verfasser eines Spottverses gegen Goethes und Schillers "Xenien":

Die neumodischen Distichen.

Īn Wĕimăr ūnd īn Jēnā mācht măn Hĕxāmĕtĕr wīe dēr.

Aber die Pentameter sind doch noch excellenter,

[S. 219]

der in "Trogalien zur Verdauung der Xenien, Kochstädt, zu finden in der Speisekammer", 1797 zu lesen ist.—

Nikolaus Sturm, mit dem Klosternamen Marcellinus (1760-1819), ist Verfasser eines Liedes, dessen Anfang lautet:

Nach Kreuz und ausgestand'nen Leiden.

("Lieder, zum Teil in bayerischer Mundart von P. Marcelin Sturm, ehemaligem Augustiner". 1819 No. 15.)—

Joh. Peter Hebel (1760-1826) "Schatzkästlein des rheinischen Hausfreundes" (1811) erzählt eine Geschichte "Die zwei Postillone":

"Diese Postillone, welche zwischen Dinkelsbühl und Ellwangen fuhren, hatten von zwei Handelsleuten stets so schlechte Trinkgelder erhalten, dass sie sich vornahmen, die Herren freigebiger zu machen. Einst traf es sich, dass der Dinkelsbühler Schwager, den einen dieser Handelsleute fahrend, auf der Landstrasse dem Postillon von Ellwangen begegnete, welcher den anderen Handelsmann fuhr. Keiner will dem anderen ausweichen. Zuerst zanken sich die Postillone, und als die Reisenden sich in den Wortwechsel mischen, schlägt der Ellwanger Postillon dem Passagier in dem gegenüberstehenden Postwagen mit der Peitsche ins Gesicht, worauf der Postillon aus Dinkelsbühl ein Gleiches an dem anderen Passagier that. Nachdem sie ihre gegenseitigen Passagiere durchgepeitscht hatten, trennten sie sich. Diesmal gab jeder der beiden Reisenden ein besseres Trinkgeld.—Hebel lässt den einen Postillon sagen: 'Du sollst meinen Passagier nicht hauen; er ist mir anvertraut und zahlt honett, oder ich hau' den Deinigen auch'."

Der Volksmund hat die Worte des Postillons verkürzt zu:

Haust Du meinen Juden, so hau' ich Deinen Juden.

Hebel erklärt in der Vorrede, dass mehrere der mitgeteilten Geschichten anderswo bereits zu hören oder zu lesen waren, und dass er auf diese Kinder des Scherzes und der Laune, denen er ein nettes und lustiges Röcklein [S. 220]angehängt, keine weiteren Ansprüche mache. Wem entlehnte er diesen Schwank?—

Durch Aug. Friedr. Ferd. von Kotzebues (1761-1819) Lustspiel "Die Indianer in England" (1789 zu Reval aufgeführt, 1790 zu Leipzig erschienen) ist der Name der Tochter des Nabob von Mysore,

Gurli,

eine Bezeichnung für ein gefühlvoll-naives Frauenzimmer geworden. Auch citiert man den Sammeltitel einiger Schriften Kotzebues:

Die jüngsten Kinder meiner Laune

(Leipz. 1793-97) gewöhnlich in der Form:

Das jüngste Kind meiner Laune,

mit welchem Scherzworte der Tischler Valentin in Raimunds "Verschwender" 3, 7 seine Pepi vorstellt.—

Die Anfangsverse von Kotzebues 1802 verfasstem, von Himmel komponierten Liede (im Februarheft des "Freimütigen" von 1803) "Trost beim Scheiden" (zuerst "Gesellschaftslied" genannt) citieren wir in der Form:

Es kann ja nicht immer so bleiben

Hier unter dem wechselnden Mond,

und den Anfang von dessen vierter Strophe also:

Wir sitzen so fröhlich beisammen,

Wir haben einander so lieb;

während es ursprünglich "Es kann schon nicht Alles so bleiben" hiess und "Wir haben uns Alle so lieb".—

Der Anfangsvers einer 1810 erschienenen Romanze Kotzebues aus seinem Lustspiele "Der arme Minnesinger" (Alman. dram. Spiele, 9. Jhrg. S. 146) heisst:

Über die Berge mit Ungestüm.

Das Lied wurde 1811 allgemein bekannt durch Carl Maria von Webers Composition, die seine erste war.—

[S. 221]

Rinaldo Rinaldini

wurde zur stehenden Bezeichnung für einen räuberhaften Gesellen durch des Chr. Aug. Vulpius (1762-1827) ehemals weitverbreiteten Schauerroman "Rinaldo Rinaldini, der Räuberhauptman; eine romantische Geschichte unsers Jahrhunderts" (Leipz. 1797 ff.). In seiner Zeitschrift "Janus" veröffentlichte Vulpius im Jahre 1800 "Romanzen und Lieder über Rinaldini". Die zweite "Romanze" dort (1, 371) beginnt: "In des Waldes düstern Gründen", und wurde zum Volkslied (vrgl. den "Liederhort" von Erk und Böhmer). Diesen Anfangsvers citieren wir in der Form:

In des Waldes tiefsten Gründen,

wohl mit Anlehnung an Schiller, der in seiner "Kassandra" (1802) singt:

"In des Waldes tiefste Gründe

Flüchtete die Seherin."—

Die letzte Strophe des Gedichtes "Das Grab" von Joh. Gaudenz Gusert Graf von Salis-Seewis (1762-1834) lautet ("Götting. Mus.-Alman." f. 1788):

Das arme Herz, hienieden

Von manchem Sturm bewegt,

Erlangt den wahren Frieden

Nur, wo es nicht mehr schlägt.—

Der Anfang des Weihnachtsliedes:

Morgen, Kinder, wird's was geben,

Morgen werden wir uns freu'n,

wird oft angewendet. Es steht in Splittegarbs Liedersammlung, Berlin 1795, 2. Aufl., S. 317, wurde aber schon vor 1783 von Joh. Phil. Kirnberger in Berlin komponiert. Nach einer Familientradition war der Verfasser [S. 222]der Schulvorsteher Martin Friedrich Philipp Bartsch in Berlin († 1833).—

Unterbrochenes Opferfest

ist der Titel einer von Winterschen, 1796 erschienenen Oper, deren Text von F. X. Huber herrührt.—

Joh. Gottfr. Seume (1763-1810) bietet uns in dem Gedichte "Der Wilde" ("Gedichte", Riga, 1801) die Worte:

(Ein Kanadier, der noch) Europens

Übertünchte Höflichkeit (nicht kannte).

(Seht,) wir Wilden sind doch bess're Menschen,

Und er schlug sich seitwärts in die Büsche.

Zuerst erschien das Gedicht in Schillers "Neuer Thalia" (Bd. 3 S. 255 Lpz. 1793) und begann:

"Ein Amerikaner, der Europens . . ."—

In der "Zeitung für die elegante Welt", 1804, No. 23, liess Seume das Gedicht "Die Gesänge" erscheinen, dessen erste Strophe:

Wo man singet, lass dich ruhig nieder,

Ohne Furcht, was man im Lande glaubt;

Wo man singet, wird kein Mensch beraubt;

Bösewichter haben keine Lieder,

im Volksmunde umgewandelt worden ist in:

Wo man singt, da lass dich ruhig nieder;

Böse Menschen haben keine Lieder.

Schon Luther sagt in seinem Gedichte "Frau Musica" (Klugs Gesangbuch, Wittenberg 1543):

Hie kann nicht sein ein böser Mut,

Wo da singen Gesellen gut,

und Cervantes "Don Quijote", II 34 (1615) gegen Ende:

Senora, donde hay musica, no puede haber cosa mala.

Gnädige Frau, wo Musik ist, da kann nichts Böses sein.

Die Parodie der Seumeschen Verse von David Kalisch:

Wo man raucht, da kannst du ruhig harren,

Böse Menschen haben nie Cigarren

[S. 223]

steht im "Humoristisch-satirischen Volkskalender des Kladderadatsch" von 1850, S. 27.—

Jean Paul (Johann Paul Friedrich Richter, 1763-1825) machte zum Schauplatz seiner Satire "Das heimliche Klaglied der jetzigen Männer" (Bremen 1801) das Landstädtchen[53]

Krähwinkel,

das dadurch, wie dann durch Kotzebues Lustspiel "Die deutschen Kleinstädter" (1803), die Bedeutung eines Klatschnestes erhielt. Auch schrieb Kotzebue "Des Esels Schatten oder der Process in Krähwinkel" im "Almanach dramatischer Spiele für 1810" (Riga 1809). Danach nennt man jedes kleinstädtisch aufgebauschte Ereignis eine

Krähwinkelei.—

[53] Crawinkel, von Jahn (nach H. Pröhle in "Fr. Ludwig Jahns Leben") in einem Briefe von 1825 Krähwinkel genannt, ist ein Dorf bei Laucha im Kreise Eckartsberga unweit von Jena; Krehwinkel, ein Weiler im Oberamt Schorndorf in Württemberg; Krähwinkel, ein Dorf im Kreise Solingen des Regierungsbezirks Düsseldorf.

Ferner gab Jean Paul (1804-5) den Roman

"Flegeljahre"

heraus, nachdem er schon in seinem "Siebenkäs" (1795 Band 2, Kap. 5) schrieb: "Wenn der Mensch über die Tölpeljahre hinüber ist, so hat er noch jährlich einige Tölpelwochen und Flegeltage zurückzulegen".—

Auch ist wohl Jean Paul als der Schöpfer des Worts

Weltschmerz

anzusehen. In seinem 1810 begonnenen posthumen Werke "Selina oder über die Unsterblichkeit" (ersch. 1827; s. Bd. 2, S. 132) sagt er von Gott: "Nur sein [S. 224]Auge sah alle die tausend Qualen der Menschen bei ihren Untergängen. Diesen Weltschmerz kann er, so zu sagen, nur aushalten durch den Anblick der Seligkeit, die nachher vergütet." Hier also bedeutet das Wort entweder "Qualen aller Menschen" oder "schmerzliches Mitgefühl Gottes für das Weltelend". Heine jedoch verlegte den "Weltschmerz" dann in die empfindsame Menschenseele, indem er in seiner pariser Schrift "Aus der Gemälde-Ausstellung von 1831" bei der Besprechung des Bildes von Delaroche: "Oliver Cromwell vor Karls I. Leiche" ausruft: "Welchen grossen Weltschmerz hat der Maler hier mit wenigen Strichen ausgesprochen". Es bedeutet hier "Schmerz für den fühlenden Menschen über die Vergänglichkeit alles Irdischen". An Jean Paul und Heine lehnte sich dann Julius Mosen an, der da sang ("Gedichte" 1836, S. 93: "Weltsünde" Str. 2):

"Und meine Seele riss entzwei der Schmerz,

Doch der mich schlug, den hört' ich also sagen:

Das ist der Weltschmerz, den einst Gott getragen!"

und ferner ("Ahasver" 1838, Gesang 1 Str. 10) im Sinne eines die ganze Welt umfassenden heroischen Schmerzes:

"Zur Zeit nur eines Volkes Todesschmerzen,

Zur Zeit die Noth nur einer einz'gen Stadt,

Trägt er den Weltschmerz bald in seinem Herzen".

Heine wiederum wendet dann das Wort in der Vorrede (1854) zu den "Geständnissen" ironisch an im Sinne des Mitleids für das Weltelend, das auch "Schufte von Gefühl" hegen. Wir aber brauchen "Weltschmerz" heut im Sinne von "schmerzlichem oder eingebildetem Ekel an Welt und Leben"; und dazu schlug abermals Heine [S. 225]die Brücke, obwohl er das Wort da in "Weltqual" ummodelt, durch folgende 1840 geschriebene Stelle ("Ges. W." Strodtmann, 12, 230): "Wenn ich auch am Tage wohlbeleibt und lachend dahinwandle durch die funkelnden Gassen Babylon's, glaubt mir's! sobald der Abend herabsinkt, erklingen die melancholischen Harfen in meinem Herzen, und gar die Nacht erschmettern darin alle Pauken und Cymbeln des Schmerzes, die ganze Janitscharenmusik der Weltqual, und es steigt empor der entsetzlich gellende Mummenschanz . . ."—

Das 1793 von Johann Martin Usteri (1763-1827) verfasste Lied:

Freut euch des Lebens,

Weil noch das Lämpchen glüht;

Pflücket die Rose,

Eh' sie verblüht!

erschien zuerst als Einzeldruck 1793 in Zürich und dann mit Nägelis Komposition in Böheims "Freimaurer-Liedern mit Melodien" (Berlin 1795).—

Ludwig Ferdinand Huber (1764-1804) nannte Goethes 1803 zuerst in Weimar aufgeführtes und 1804 erschienenes Trauerspiel "Die natürliche Tochter" (im "Freimütigen" von 1803, No. 170, S. 678)

marmorglatt und marmorkalt.

(L. F. Hubers "Sämtliche Werke seit dem Jahre 1802", 2. T., S. 240.)—

Der Prediger Friedr. Wilh. Aug. Schmidt zu Werneuchen (1764-1838) hat in seinem Gedichte "Der Mai 1795" ("Neuer Berliner Musen-Almanach für 1797", S. 86) Anlass zu der Redensart gegeben:

Sich freuen wie ein Stint,

indem er sang:

[S. 226]

"O sieh; wie alles weit und breit,

Von lindem Schmeichelwind

Mit Wonneblüten überstreut,

An warmer Sonne minnt!

Vom Storche bis zum Spatz sich freut,

Vom Karpfen bis zum Stint!"—

Aus Wenzel Müllers Singspiele "Das Neu-Sonntagskind" (1793 zuerst aufgeführt, 1794 zuerst in Pressburg gedruckt), Text von Joachim Perinet (1765-1816), stammt:

Wer niemals einen Rausch hat g'habt,

Der ist ein schlechter Mann,

was in der Form:

Wer niemals einen Rausch gehabt,

Der ist kein braver Mann

citiert wird und sein Vorbild hat in den Versen, die wir bei Keil in den "Deutschen Studentenliedern des 17. u. 18. Jahrh.", S. 33 finden:

Denn wer sich scheut, ein Rausch zu han,

Der will nicht, dass man ihn soll kennen,

Und ist gewiss kein Biedermann.—

Joh. Friedr. Kind (1768-1843) ist zu nennen wegen:

Komm doch näher, liebe Kleine!

aus seinem Gedichte "Der Christabend" (das auch Citat aus Mozarts "Don Juan" sein kann); und aus seinem Text zu Karl Maria von Webers zuerst am 18. Juni 1821 in Berlin aufgeführtem "Freischütz" citieren wir:

Glaubst du, dieser Adler sei dir geschenkt?

Werft (eigentlich: Stürz't) das Scheusal in die Wolfsschlucht!

Samiel, hilf! oder: Hilf, Samiel!

Er war von je ein Bösewicht;

Ihn traf des Himmels Strafgericht!

Was gleicht wohl auf Erden

Dem Jägervergnügen!—

[S. 227]

Von Friedr. Dan. Ernst Schleiermacher (1768-1834) rührt her:

In sieben Sprachen schweigen.

In "Zelters Briefwechsel mit Goethe" (V. S. 413) sagt Zelter in einem Briefe vom 15. März 1830: "nun muss ich schweigen, (wie unser Philologus Bekker, den sie den Stummen in sieben Sprachen nennen)"; und Halm "Nekrolog auf Immanuel Bekker" ("Sitzungsber. d. bayerisch. Akad. d. Wissensch." 1872, S. 221) sagt: "Schleiermachers geistreiches Wort, Bekker schweige in sieben Sprachen, ist zu einem geflügelten geworden".

Eifersucht ist eine Leidenschaft, die mit Eifer sucht, was Leiden schafft.

wird in Berlin auch auf Schleiermacher zurückgeführt. Wo findet es sich aber in dieser Form zuerst gedruckt?—

Ernst Moritz Arndt (1769-1860) beginnt sein "Vaterlandslied" (1812):

Der Gott, der Eisen wachsen liess,

Der wollte keine Knechte;

und ferner verdanken wir ihm das Wort:

Soweit die deutsche Zunge klingt,

welches den dritten Vers der sechsten Strophe seines Gedichtes "Des Deutschen Vaterland" bildet, das 1813 zu Ostern erschien (s. "Deutsche Wehrlieder für das Kgl. preuss. Frei-Corps", 1. Samml.) und 1825 von Gustav Reichardt komponiert wurde.—

Schliesslich citieren wir auch den Titel von Arndts 1813 zu Leipzig bei W. Rein erschienener Schrift: "Der Rhein, Teutschlands Strom, aber nicht Teutschlands Gränze" in der Form:

Der Rhein, Deutschlands Strom, nicht Deutschlands Grenze.

Diese Worte schmücken Afingers Arndtdenkmal in Bonn.—

[S. 228]

Friedr. Voigt (1770-1814) beginnt ("Lieder für das Herz; zur Beförderung eines edlen Genusses in der Einsamkeit", Lpz. 1799) ein Lied "Elisas Abschied":

Noch einmal, Robert, eh' wir scheiden,

(Komm an Elisas klopfend Herz).

Ursprünglich stand Heinrich statt Robert da (s. den ersten Druck in der deutschen Monatsschrift, August 1798, S. 281 ff.).—

Den Bürgermeister ausgenommen

steht in dem Gedichte "Die Ausnahme" von Andreas Wilke († 1814 zu Grabow in Mecklenburg-Schwerin als Vorsteher einer Privatschule). Entlehnt hat er wohl den Schwank einer Erzählung im "Vademecum für lustige Leute" (8. T., Berlin 1781, S. 68, No. 130). Danach sagt ein Fremder in einer kleinen Stadt nach der Mahlzeit zum Gastwirt, er habe so gut gegessen wie irgend einer im Lande. Der Wirt, ein Ratsherr des Städtchens, versetzt darauf: "den Herrn Bürgermeister ausgenommen". Als der Fremde dies bestreitet, muss er vor Gericht einen Gulden Strafe zahlen. Dabei aber bemerkt er: "Der Kerl, der mich hier vor Gericht gebracht hat, ist der grösste Narr der Christenheit—Sie, Herr Bürgermeister, ausgenommen".—

Alles, was ist, ist vernünftig

ist eine Umformung der Worte Georg Wilh. Friedr. Hegels (1770-1831) in der Vorrede zu seinen: "Grundlinien der Philosophie des Rechtes" (1821):

Was vernünftig ist, das ist wirklich; und was wirklich ist, das ist vernünftig;

(Aristot. Ethic. Nicom. I, 8, § 1). Pope "Essay on Man", 1, 289 hat:

[S. 229]

Whatever is, is right,

Alles was ist, ist recht so.—

Das Motto der Briefe Rahels:

Still und bewegt

entlehnte Varnhagen v. Ense aus Joh. Christ. Friedr. Hölderlins (1770-1843) "Hyperion" (Tübingen 1797-99, Bch. 2, Brief 2: "Wie der Sternenhimmel, bin ich still und bewegt"), eingedenk der Worte Goethes (1795) über Rahel: "Sie ist, soweit ich sie kenne, in jedem Augenblicke sich gleich, immer in einer eigenen Art bewegt, und doch ruhig,—kurz, sie ist, was ich eine schöne Seele nennen möchte", (vrgl. "Rahel, ein Buch des Andenkens für ihre Freunde". Berlin 1833. S. 98.) Wahrscheinlich ist Hölderlins Vergleich eine Übertragung von: "in motu immotum", dem Motto des Kardinals Luigi Este († 1586), das mit dem Emblem des sternenbedeckten Firmaments die Devise jenes Fürsten bildete.—

Der König rief, und alle, alle kamen,

ist der Anfang eines von H. Clauren (Carl Heun 1771-1854) gedichteten Liedes, dessen erster Druck das Datum "Gnadenfrei, den 24. Juni 1813" trug, "in Kommission zu haben bei W. G. Korn in Breslau und bei Gröbenschütz in Berlin".—

Der Anfangsvers eines Liedes von August Mahlmann (1771-1826) in Beckers "Taschenbuch zum geselligen Vergnügen" (1802, S. 278, 279) lautet:

Ich denk' an euch, ihr himmlisch schönen Tage

(der seligen Vergangenheit!).—

Von Friedrich von Schlegel (1772-1829) ist:

Der Historiker ist ein rückwärts gekehrter Prophet.

Es steht in dem von seinem Bruder August Wilhelm und [S. 230]ihm herausgegebenen "Athenaeum", Berlin 1798-1800, Bd. 1, Stück 2, S. 20 unter "Fragmente".—

Göttliche Grobheit

ist aus Fr. v. Schlegels Roman "Lucinde" (Berlin 1799) entwickelt, in dem es S. 30 heisst:

"Ich wollte Dir erst beweisen und begründen, es liege ursprünglich und wesentlich in der Natur des Mannes ein gewisser tölpelhafter Enthusiasmus, der gern mit allem Zarten und Heiligen herausplatzt, nicht selten über seinen eigenen treuherzigen Eifer hinstürzt und mit einem Wort leicht bis zur Grobheit göttlich ist".

Koberstein ("Grundriss", 5. Auflage, 4. Band, S. 696) sagt: "Die Gegner (der Romantiker) griffen den Ausdruck Fr. Schlegels 'göttliche Grobheit', dessen er sich in der 'Lucinde' bedient hatte, auf und wandten ihn häufig auf die Kritik und Polemik der neuen Schule an". (?) Hiernach wäre der erste, welcher "göttliche Grobheit" anwendete, nicht E. T. A. Hoffmann gewesen. (?) In seiner Erzählung im Berlinischen Taschen-Kalender von 1821: "Die Irrungen. Fragment aus dem Leben eines Phantasten" heisst es im Kapitel "Traum und Wahrheit": "O Baron, sprach die Jungfrau, du hast Mut und nicht fremd blieb dir göttliche Grobheit".—

Von Novalis (Friedrich Freiherr von Hardenberg 1772-1801) ist das im Schlegel-Tieckschen Musenalmanach für 1802 mitgeteilte:

Wenn ich ihn nur habe,

Wenn er mein nur ist,

sowie das ebenda befindliche:

Wenn alle untreu werden,

So bleib' ich dir doch treu.

Max von Schenkendorf ("Gedichte", Cotta 1815, S. 141 "Erneuter Schwur". Junius 1814. An Friedrich Ludwig Jahn.) wiederholte diese Verse, nur dass er "euch" statt "dir" setzte und die Gefährten seiner Jugend damit besang.—

Nach R. Köpke: "Ludwig Tieck, Erinnerungen aus dem Leben des Dichters" (I, 210 und 211) ist Ludwig Tieck (1773-1853) der Schöpfer des Wortes:

Waldeinsamkeit.

[S. 231]

Es heisst daselbst: "Als Tieck sein Märchen 'Der blonde Eckbert' (1797) im Kreise der Freunde aus dem Korrekturbogen vorlas, erfuhr das Wort, welches im Mittelpunkt desselben stand, Waldeinsamkeit, eine scharfe Kritik, Wackenroder erklärte, es sei unerhört und undeutsch, wenigstens müsste es heissen: "Waldeseinsamkeit". Die Übrigen stimmten bei. Umsonst suchte Tieck sein Wort durch ähnliche Zusammensetzungen zu verteidigen. Er musste endlich schweigen, ohne überzeugt zu sein, strich es aber nicht aus und gewann ihm das Bürgerrecht in der Litteratur". Tieck selbst erzählt dies in seiner 1841 in der "Urania", (S. 133 ff.) erschienenen Novelle "Waldeinsamkeit", nennt jedoch das Jahr 1796.—

Das Wort

romantisch,

das 1734 im "Bernischen Spectateur" neben dem bis dahin üblichen "romanisch" zuerst[54] vorkommt, erlangte seine allgemeine Bedeutung als litterarischer Parteiname, nachdem Tieck 1800 seine Gesamtgedichte unter dem mit vollster Unbefangenheit gewählten Titel "Romantische Dichtungen" herausgegeben hatte (s. R. Köpke: "Ludwig Tieck, Erinnerungen aus dem Leben des Dichters", I, 265; s. auch II, 172). Erst A. W. Schlegel stellte in "Charakteristiken und Kritiken" (Königsberg 1801) die klassische Poesie des Altertums und die romantische des Mittelalters und der Neuzeit als auf ganz verschiedene Weise entstanden gegenüber. Romantic wird nach Friedländer ("Darstell. aus d. Sittengesch. Roms", 5. Aufl. 1881. Bd. 2, S. 245) im Englischen schon Mitte des 17. Jahr. von Personen und Naturscenen gebraucht.—

[54] S. "Die Gegenwart" XXVII, S. 71 "Klassisch und Romantisch." Eine Wortstudie von H. Breitinger.

[S. 232]

Ein Losungswort für und gegen die Romantik war einst Tiecks:

Mondbeglänzte Zaubernacht.

Nämlich im Prolog und am Schlusse seines "Kaiser Oktavianus" (1804) glossiert er das Thema:

Mondbeglänzte Zaubernacht,

Die den Sinn gefangen hält,

Wundervolle Märchenwelt,

Steig' auf in der alten Pracht!

Uhland verwendet das Wort in seiner Glosse "Der Romantiker und Recensent".—

Amadeus Gottfr. Adolf Müllners (1774-1829) Worte in dem Drama "Die Schuld" (aufgeführt 1813, ersch. 1816) 2, 5:

(Und) erklärt mir, Oerindur,

Diesen Zwiespalt der Natur!

(Bald möcht' ich in Blut sein Leben

Schwinden seh'n, bald—ihm vergeben)

hat der Volksmund also umgestaltet:

Erkläret (löset) mir, Graf Oerindur,

Diesen Zwiespalt der Natur.—

Von Luise Brachmann (1777-1822) citieren wir den ersten Vers ihres Gedichtes "Columbus":

Was willst du, Fernando, so trüb und so bleich?—

De la Motte Fouqués (1777-1843) "Trost" ("Frauentaschenbuch für 1816" S. 187) beginnt:

Wenn alles eben käme,

Wie du gewollt es hast.—

Zahlen beweisen

oft erweitert zu:

Zahlen beweisen, sagt Benzenberg,

müsste eigentlich heissen: "Zahlen entscheiden"; denn so lautet es an vielen Stellen der Schriften des rheinischen [S. 233]Physikers und Publicisten Joh. Friedr. Benzenberg (1777-1846). Verbreitet wurde der Ausdruck besonders durch die "Kölnische Zeitung". Als nämlich 1833 der Stadt Köln das Stapelrecht genommen und ihr zum Ersatz ein Freihafen gegeben wurde, entspann sich unter den Beteiligten ein lebhafter Streit über den Nutzen oder den Schaden der neuen Einrichtung, welcher in der genannten Zeitung unter der abwechselnden Überschrift "Zahlen beweisen" und "Zahlen beweisen nicht" ausgefochten wurde. Der Karneval von 1834 bemächtigte sich der Frage und verschaffte durch allerlei drollige Wendungen und Zusätze dem Worte Eingang in die weitesten Kreise.—

In Clemens Brentanos (1778-1842), Lustspiel "Ponce de Leon" (1804), 5, 2, sagt der Haushofmeister Valerio zu einem Schulmeister mit Bezug auf eine erwartete Musikantenschar: "Diese schlechten Musikanten und guten Leute aber werden sich unter Eurer Anführung im Walde versammeln". Hieraus entstand durch E. T. A. Hoffmann ("Seltsame Leiden eines Theater-Direktors", anonym, Berl. 1819, S. 198, u. "Kater Murr", 1820, 2. Abschn.) und Heinrich Heine ("Ideen. Das Buch le Grand", 1826, Kap. 13) das Dictum:

Gute Leute und schlechte Musikanten.

Brentano wird dadurch zu seinem Worte angeregt worden sein, dass die Amme in Shakespeares "Romeo und Julia" (IV, 5) die Musikanten "Ihr guten Leute" anspricht, denen weiterhin Peter sagt: "Es heisst 'Musik mit ihrem Silberklang', weil solche Kerle, wie ihr, kein Gold fürs Spielen kriegen".—

Aus dem zuerst im "Neuen Liederbuch für frohe [S. 234]Gesellschaften", Hamburg 1808, S. 91, sodann im Sommer 1810 bei J. A. Böhme in Hamburg erschienenen "Gesellschaftslied: Im Kreise froher kluger Zecher, in Musik gesetzt fürs Piano-Forte von Karl Döbbelin" stammt:

Wir Menschen sind ja alle Brüder.

(Schon Maleachi 2, 10 ruft aus: "Haben wir nicht alle einen Vater?") Das Lied ist unterzeichnet Ludwig. Ist damit Johannes Ludwig gemeint, der Verfasser der "Lieder und Gedichte für Freunde der Natur und häuslichen Glückseligkeit", Hildburghausen 1802? Später steht Zschokkes Name unter dem Liede. Nach dem "Nekrolog der Deutschen" (IV, 281) soll Christian Gottlob Otto, Professor der Mathematik an der Fürstenschule zu Meissen (1763-1826) der Verfasser sein.—

Volkstum

ist Friedrich Ludwig Jahns (1778-1852) Erfindung. Er gab "Das deutsche Volkstum" 1810 zu Lübeck heraus. In der bereits 1808 geschriebenen, dem Buche vorangehenden "Erklärung", erwähnt er, dass er schon früher eine Schrift "Volkstum" verfasst habe, die verloren gegangen sei.—

Turnen

ist ein ebenfalls von Jahn um jene Zeit eingeführtes Wort. Er eröffnete 1811 den ersten Turnplatz in der Hasenhaide bei Berlin. Turner (mit turnieren in Verbindung) steht bereits gegen 1650 bei Moscherosch, "Philander von Sittewald", II, 146. (Althochdeutsch turnan = wenden, lenken).—

(Das Publikum, das ist) ein Mann,

Der alles weiss und gar nichts kann,

[S. 235]

beginnt ein Gedicht "Das Publikum" von Ludwig Robert (1778-1832), welches nach dem Nekrolog von W. Alexis für Robert (im "Freimütigen", Juli 1832) "von Mund zu Munde" ging (s. "Ludw. Roberts Schriften". Mannh. 1838. T. I, S. 19). Ernst von Wildenbruch in seinem "Christoph Marlow" (1884) lässt Ben Jonson sagen (Akt 3, Sc. 5): "Ein Recensent, siehst du, das ist ein Mann, der Alles weiss und gar nichts kann".—

Aus Roberts Gedicht "An L. Tieck. Promenaden eines Berliners in seiner Vaterstadt" (1824) stammt das Wort (s. "Morgenblatt" vom 21. Sept. 1824 und L. Roberts "Schriften" II, 125):

Hof-Demagoge.

("So nämlich nenn' ich keinen Berliner! Hof-Demagogen sind Männchen, Die allem Volke den Hof machen Und bei jeder Gelegenheit Für massigen Preis, Was preussisch ist, preisen".)

Dies wurde der Spitzname für den aus Münchengosserstädt stammenden Berliner Schriftsteller Friedrich Förster, der ein eifriger Liberaler und Hofgelegenheitsdichter war. Später nannte ein Kritiker der "Nachträge zu den Reisebildern (1831)" im "Konversationsblatt" Heinrich Heine einen "Salondemagogen" (s. "Ges. W." XX, 225, 1876), woraus dann das harmlosere Witzwort "Salontiroler" entsprungen sein mag, was Berthold Auerbach in seinem Roman "Auf der Höhe" gebraucht und das von Defregger zum Titel und Inhalt eines Gemäldes (Berliner Nationalgalerie) auserkoren ward, nur dass dort nicht das Waldkind im Salon, sondern der Salonmensch unter den Wäldlern die komische Figur spielt.—

Der "Denkspruch" von Karl Streckfuss (1779-1844):

Im Glück nicht stolz sein und im Leid nicht zagen,

Das Unvermeidliche mit Würde tragen,

Das Rechte thun, am Schönen sich erfreuen,

Das Leben lieben und den Tod nicht scheuen,

Und fest an Gott und bess're Zukunft glauben,

Heisst leben, heisst dem Tod sein Bitt'res rauben,

[S. 236]

findet sich in seinen "Gedichten" (Lpzg. 1811) und ist im Inhaltsverzeichnisse mit der Jahreszahl 1809 versehen. Die zweite Reihe wurde zum "geflügelten Worte".

Nach den Mitteilungen seiner Söhne bestimmte Streckfuss 1831, als die Cholera in Berlin herrschte, in seinem Testamente, dass jene Verse auf sein Grab gesetzt werden sollten. Sie befinden sich auch auf seinem namenlosen Grabstein auf dem alten Dreifaltigkeitskirchhofe in Berlin vor dem Hallischen Thore. 1843, ein Jahr, ehe Streckfuss starb, liess die litterarische Gesellschaft, deren Vorsteher er war, ihn durch Franz Kugler zeichnen und die, mit dem von ihm eigenhändig geschriebenen Denkspruch versehene Zeichnung lithographisch vervielfältigen.—Der gleiche Gedanke ist schon früh den Griechen aufgestiegen. Vrgl. Theognis, 591-594 (Poetae lyrici graeci, ed. Bergk. Leipz. 1882, 4. Aufl. Tom. II):

Τολμᾶν χρή, τὰ διδοῦσι θεοὶ θνητοῖσι βροτοῖσιν,

ῥηϊδίως δὲ φέρειν ἀμφοτέρων τὸ λάχος,

μηδὲ λίην χαλεποῖσιν ἀσῶ φρένα, μηδ' ἀγαθοῖσιν

τερφθῇς ἐξαπίνης, πρὶν τέλος ἄκρον ἰδεῖν.

(Der Mensch soll dulden, was die Gottheit sendet,

Und, wie das Loos auch fällt, es leicht ertragen.

Im Leid lass nie dein Herz zu tief verzagen,

Im Glück nicht jubeln, eh' du weisst, wie's endet!)

und die Worte des Kleobulus bei Diogenes Laertius (I, 6 u. 4, 93):

εὐτυχῶν μὴ ἴσθι ὑπερήφανος ἀπορήσας μὴ ταπεινοῦ.

(Sei nicht übermütig im Glück, nicht kleinmütig im Unglück.)

Conz († 1827) übersetzt den am Ende des "Handbuches des Epiktet" (Stuttgart o. J.) befindlichen Vers (der nach Simplicius dem Kleanthes, Schüler des Zeno und Lehrer des Chrysippus, angehört):

Ὅστις δ' ἀνάγκῃ συγκεχώρηκεν καλῶς

(Wer sich der Notwendigkeit in schöner Weise fügt)

mit Benutzung der Streckfussischen Worte:

Und wer das Unvermeidliche mit Würde trägt.

Die erste Zeile der Streckfussischen Grabschrift entsprang wohl dem Verse

"Im Glücke bin ich stolz, verzagt in Kümmernissen"

aus Gellerts Gedicht "Das natürliche Verderben des Menschen" (s. "Geistliche Oden und Lieder" 1757).—

Aus der zuerst 1809 aufgeführten "Schweizerfamilie" [S. 237]Joseph Weigls mit Text von Ignaz Friedr. Castelli (1781-1862) citieren wir:

Setz' dich, liebe Emeline,

Nah', recht nah zu mir.—

Der Anfang eines Liedes von Johann Rudolf Wyss d. J. (1781-1830) lautet:

Herz, mein Herz, warum so traurig?

Und was soll das Ach und Weh?

Es erschien im Schweizeralmanach "Alpenrosen" 1811 zuerst in Berner Mundart:

"Herz, myn Herz, warum so trurig?"—

Adalbert v. Chamissos (1781-1831):

Der Zopf, der hängt ihm hinten,

(1822. "Tragische Geschichte". Zuerst in "Moosrosen" auf das Jahr 1826, herausg. von Wolfgang Menzel, Stuttg. 1826, S. 395, 396) ist ebenso bekannt, wie sein

Das ist die Zeit der schweren Not,

was zuerst in einem im Juni 1813 von Chamisso an J. Hitzig aus Kunersdorf geschriebenen Briefe vorkommt (J. Hitzig: "Leben und Briefe von Ad. v. Chamisso", I., S. 343, Leipz. 1839), wo es heisst: "Gott verzeihe mir meine Sünden!

Thema.

Das ist die schwere Zeit der Not,

Das ist die Not der schweren Zeit,

Das ist die schwere Not der Zeit,

Das ist die Zeit der schweren Not".

Diese vier Zeilen führen in den Werken Chamissos jetzt den Titel "Kanon".—

In Chamissos "Nachtwächterliede" (1826; Werke 3, 95 Lpz. Weidmann, 1836) lautet die dritte Strophe:

"Hört, ihr Herrn, so soll es werden:

Gott im Himmel, wir auf Erden,[S. 238]

Und der König absolut,

Wenn er unsern Willen thut.

Lobt die Jesuiten!"—

Auch wird aus Chamissos "Frauen-Liebe und -Leben" 2 ("Gedichte" 1831 n. A.) citiert:

Er, der herrlichste von allen.

vrgl. Hiob 1, 3: "Er war herrlicher, denn Alle, die gegen Morgen wohneten".—

Max von Schenkendorf (1783-1817) sagt in der vorletzten Strophe von "Schills Geisterstimme" (1809):

Für die Freiheit eine Gasse!

Theodor Körner sagt nach ihm in seinem "Aufruf" (von 1813) "Frisch auf, mein Volk! die Flammenzeichen rauchen", wo es den Anfang des vorletzten Verses der ersten Strophe bildet:

Der Freiheit eine Gasse!

Dass Arnold von Winkelried, wie erzählt wird, sich mit diesen Worten 1386 in der Schlacht bei Sempach in die Speere der Feinde gestürzt habe, lässt sich nicht nachweisen. Im Liede Halbsuters, das von Liliencron in den "historischen Volksliedern der Deutschen vom 13. bis 16. Jahrh.", 1. Bd. S. 125-140 mitteilt, wird nur Strophe 27 "Ein Winkelried" genannt und Strophe 29 von ihm gesagt:

Hie mit da tet er fassen

ein arm voll spiess b'hend;

den sinen macht er gassen,

sin leben hat ein end.

Herwegh besang Winkelrieds That mit einem Gedichte, dessen Titel und Kehrreim: "Der Freiheit eine Gasse!" ist. Ähnlich sagte schon um 61 n. Chr. Seneca ("de provid." 2), indem er schildert, wie Cato Uticensis sich nach der Niederlage bei Thapsus (46 v. Chr.) das Leben nahm: "Una manu latam libertati viam faciet"—"mit einer Hand wird er der Freiheit eine breite Bahn schaffen".—

Auch citieren wir den Anfangsvers von Schenkendorfs Liede (1813):

Freiheit, die ich meine,

Die mein Herz erfüllt,

Komm' mit deinem Scheine,

Süsses Engelsbild!—

[S. 239]

Was vergangen, kehrt nicht wieder;

Aber ging es leuchtend nieder,

Leuchtet's lange noch zurück!

bildet in den Gedichten Karl Försters (1784-1841), herausg. v. L. Tieck, Leipz. 1843, I. S. 60 den Anfang des Gedichtes "Erinnerung und Hoffnung".—

Das von Pius Alex. Wolff (1784-1828) nach des Cervantes Novelle: "la gitanilla de Madrid" gedichtete Drama "Preciosa" (zum ersten Male in Berlin 14. März 1821 auf die Bühne gekommen) enthält 1, 5:

Herrlich! Etwas dunkel zwar—

Aber 's klingt recht wunderbar,

und

Leb' wohl, Madrid! (Nie wende sich dein Glück!)—

Der 2, 1 vorkommende Reim:

Wird man wo gut aufgenommen,

Muss man ja nicht zweimal kommen,

lautet als stehendes Citat gefälliger so:

Wird man wo gut aufgenommen,

Muss man nicht gleich wiederkommen.—

2, 2 enthält Preciosas Gesang:

Einsam bin ich nicht alleine,

(s. "Geflügelte W. a. d. Geschichte". "Rom": Scipio.)—

Aus 3, 2 der "Preciosa" sind die Worte Pedros:

Auf der grossen Retirade, und:

Peter des Plaisirs

für "maitre de plaisir", und

Thut nichts, könnt's noch öfter hören;

aus Sc. 3 u. 8:

Donnerwetter Parapluie;

Die Stelle der dritten Scene lautet:

Pedro:  Parapluie!

Ambrosio: Flucht nicht so grässlich!

Pedro:  Donnerwetter!

[S. 240]

Pedro spricht gern in wälschen, von ihm missverstandenen Wörtern, und so wird jenes "Parapluie" von ihm aus "parbleu" verzerrt, das seinerseits aus "par Dieu" entstand, wie "Potsdonnerwetter" aus "Gottsdonnerwetter".—

Ernst Benj. Sal. Raupach (1784-1852) lässt seinen "König Enzio" (1831) zweimal sagen:

Das Glück war niemals mit den Hohenstaufen.

(Akt 2, Sc. 2, Auftritt 5 und Akt 4, Sc. 2, Auftritt 8.)—

Adolf Bäuerles (1784-1869) Lied "Was macht denn der Prater?" aus seinem von Wenzel Müller komponierten Operntext "Aline" (aufgef. in Wien am 9. Okt. 1822) hat den Refrain:

"Ja nur ein' Kaiserstadt, ja nur ein Wien".

Dies Lied wurde in K. v. Holteis "Die Wiener in Berlin" (4. Jahrb. d. Bühne für 1825) eingeschoben, und man citiert es im Wiener Dialekt:

's giebt nur a Kaiserstadt, 's giebt nur a Wien!

"Es giebt nur a Wien" steht übrigens schon in einer 1781 in Wien erschienenen, namenlosen Schrift "Schwachheiten der Wiener".—

Ein altes jüdisches Sprichwort: "Butterbrot fällt uf's Ponim" (d. h. aufs Gesicht, vom hebräischen "panim") hat Ludwig Börne (1786-1837) zu dem Worte verarbeitet (Ges. Schr., 3, 276):

Minister fallen, wie Butterbrode, gewöhnlich auf die gute Seite.—

In seiner "Rede auf Jean Paul" (Ges. Schr., 1, 313) sagt Börne (vrgl. Kap. IX Heraklits πάντα ῥεῖ):

Nichts ist dauernd als der Wechsel,

was Heine als Motto seiner "Harzreise" (1824) verwendet.—

In den "Briefen aus Paris" schreibt Börne unter dem [S. 241]4. Nov. 1831 (Ausg. 1833: IX, 83): "Salvandy ist einer von den bequemen Carlisten, die in Pantoffeln und im Schlafrock die Rückkehr Heinrichs V. abwarten". Dies Wort verwandte der preussische Minister des Auswärtigen, Frhr. v. Manteuffel, als er am 8. Jan. 1851 in der ersten Kammer über eine etwaige Beamtenrevolution sagte: "Ja, meine Herren, ich erkenne eine solche Revolution für sehr gefährlich, gerade weil man sich dabei in Schlafrock und Pantoffeln beteiligen kann, während der Barrikadenkämpfer wenigstens den Mut haben muss, seine Person zu exponieren". Daher stammt der Ausdruck:

Revolutionäre in Schlafrock und Pantoffeln.

Börne wird nur ein in Paris wohl längst bekanntes Wort Napoléons umgemodelt haben, welcher, nach den "Memoires de Mdme la Duchesse d'Abrantés" (Par. 1832, VI, 40), kurz bevor er die Tempel der Pariser Theophilanthropen schloss (Décret des 1. Consuls vom 4. Okt. 1801), deren Religion "une religion en robe de chambre" nannte.—

Der Karnickel hat angefangen!

steht in folgender von dem Reimer und Kupferstecher Heinrich Lami (1787-1849) in Verse gebrachten Geschichte, "Eigennützige Dienstfertigkeit" (s. "Mixpickel (sic!) und Mengemus, eingemacht von H. Lami", Magdeburg 1828, S. 21 und 22): Der Pudel eines über den Markt wandelnden Herrn zerreisst ein lebendiges Kaninchen, das zu dem Kram einer Hökerin gehört. Obwohl der Herr ihr zehnfachen Ersatz bietet, besteht die Verkäuferin, in der Absicht, ihn zu prellen, darauf, dass er mit ihr "auf die Obrigkeit" gehen soll. Ein Schusterjunge, der dem Streite zugehört hat, nimmt Partei für den Herrn und verspricht, gegen ein Trinkgeld zu bezeugen, "det der Karnickel hat angefangen" (dass das [S. 242]Kaninchen angefangen hat). Der Ausdruck ist jetzt auch ins Französische übergegangen. Am Schluss eines Artikels "Aménités" der Pariser Zeitung "Le Bien public", No. 66, 7. März 1877, heisst es: "Encore une fois,

c'est le lapin qui a commencé!"—

Aus Ludwig Uhlands (1787-1862) "Wanderliedern" (7, "Abreise"; 14. Sept. 1811; zuerst gedruckt im "Deutschen Dichterwald", S. 32, Tübingen 1813, wo es die Bezeichnung 6 trägt) wird citiert:

Von Einer aber thut mir's weh;

aus Uhlands "Frühlingsglauben" ("Frühlingslieder", 2; 21. März 1812; zuerst ebenda S. 5):

Nun muss sich Alles, Alles wenden,

und:

Die Welt wird schöner mit jedem Tag;

Man weiss nicht, was noch werden mag;

aus Uhlands "Freier Kunst" (24. Mai 1812, zuerst gedruckt im "Deutschen Dichterwald", S. 3):

Singe, wem Gesang gegeben,

was Chamisso 1831 zum Motto seiner "Gedichte" erkor; aus "Des Sängers Fluch" (3. u. 4. Dez. 1814; Gedichte, Stuttg. u. Tüb., Cotta, 1815, S. 335) das vielfach travestierte:

Denn was er sinnt, ist Schrecken, und was er blickt, ist Wut,

Und was er spricht, ist Geissel, und was er schreibt, ist Blut;

ferner:

Noch eine hohe Säule zeugt von verschwundener Pracht;

und:

Versunken und vergessen.—

Aus der "Schwäbischen Kunde" (6. Dez. 1814), ebenda S. 287 wird citiert:

Der wackre Schwabe (oft verwandelt in: Ein wackrer Schwabe) forcht sich nit;

[S. 243]

aus Uhlands "Vaterländischen Gedichten. Am 18. Okt. 1816":

Untröstlich ist's noch allerwärts;

aus "Bertran de Born" ("Morgenblatt von 1829", No. 283. 6. Nov.):

Deines Geistes

Hab' ich einen Hauch verspürt.—

Aus dem einaktigen, 1836 erschienenen Vaudeville Karl Blums (1786-1844): "Ein Stündchen vor dem Potsdamer Thor", ist wohl nur in Norddeutschland geläufig:

O Kyritz, mein Vaterland!—

Aus Louis Angelys (1788-1835): "Fest der Handwerker" (Angelys "Vaudeville und Lustspiele", Berlin 1828-34, II. 11) sind die Worte des Maurerpoliers Kluck:

Positus, ich setz' den Fall,

mit Anlehnung an Jean Pauls "Posito, gesetzt Sie werden unser Landmesser" (in dem "heimlichen Klaglied der jetzigen Männer", "4. Ruhestunde") und:

Darum keine Feindschaft nicht!

(eigentlich: "Dadrum keene Feindschaft nich")

sowie die Redensart Hähnchens des Tischlers:

Allemal derjenige, welcher,

besonders in Berlin übliche Citate geblieben.—

Aus demselben Lustspiele erhielt sich auch Hähnchens Wort

Nie ohne dieses.—

Arthur Schopenhauer (1788-1860) braucht in seinen 1856-1860 geschriebenen "Materialien zu einer Abhandlung über den argen Unfug, der in jetziger Zeit mit der deutschen Sprache getrieben wird" (A. Sch.'s "Handschriftlicher Nachlass", her. v. J. Frauenstädt. Lpz. 1864. S. 66) zuerst das Wort

Zeitungsdeutsch.—

[S. 244]

Aus Joseph Freiherr v. Eichendorffs (1788-1857) Gedichte "Der frohe Wandersmann" (1822), zuerst gedruckt in der Novelle "Aus dem Leben eines Taugenichts", (Berlin 1826. S. 4-5) wird der Anfang citiert:

Wem Gott will rechte Gunst erweisen,

Den schickt er in die weite Welt.—

Aus Friedrich Rückerts (1788-1866) Gedichte "Welt und Ich" wird citiert:

Wenn die Rose selbst sich schmückt,

Schmückt sie auch den Garten.

Es stand zuerst im "Deutschen Musen-Almanach" von Chamisso und Schwab, 1834, No. 19, S. 41. 42.—

Aus Ferdinand Raimunds (1790-1836) Zauberspiele "Der Diamant des Geisterkönigs", (1824) 2, 19 wird citiert:

Ich bin dein Vater Zephises

Und habe dir nichts zu sagen als dieses.—

In Raimunds romantischem Original-Zaubermärchen (1826) "Der Bauer als Millionär" oder "Das Mädchen aus der Feenwelt", 2, 6, singt die Jugend:

Scheint die Sonne noch so schön.

Einmal muss sie untergeh'n,

was durch Heinr. Heine ("Buch der Lieder", Vorrede zur 2. Aufl. 1837) in der Umformung Citat wurde:

Und scheint die Sonne noch so schön,

Am Ende muss sie untergeh'n.—

In Raimunds romantisch-komischem Märchen (1828) "Der Alpenkönig und der Menschenfeind" (1, 20 u. 21) singt die arme Kohlenbrennerfamilie "Glühwurm" beim Verlassen ihres vom reichen "Rappelkopf" gekauften Hauses, das sie in Leid und lärmendem Zwist bewohnt, fünfmal die Verse:

[S. 245]

So leb' denn wohl du stilles Haus.

Wir ziehn betrübt aus dir hinaus.—

Aus Theodor Körners (1791-1813) "Hedwig" 2, 10 citieren wir:

Die Pferde sind gesattelt (gnäd'ger Herr)

als Beispiel für eine unbedeutende Rolle, da es die einzigen Worte sind, die ein auftretender Diener in jenem Stück zu sprechen hat.—

Aus Körners "Aufruf" (1872. "Frisch auf, mein Volk! . . .") stammt:

Vergiss die treuen Toten nicht!—

Aus Franz Grillparzers (1791-1813) "Ahnfrau"; (1816) ist anzuführen:

Den Jüngling ziert Bescheidenheit,

eine Umstellung der Worte gegen Ende des ersten Aufzuges:

Ziert Bescheidenheit den Jüngling,

(Nicht verkenn' er seinen Wert,)

welche auch die bekannte Travestie hervorgerufen haben:

Bescheidenheit ist eine Zier,

Doch kommt man weiter ohne ihr.—

Aufzug 3 der "Ahnfrau" bietet:

Ja, ich bin's, du Unglücksel'ge,

Bin der Räuber Jaromir;

auch dies ist verändert, da zwischen beiden Versen fünfzehn andere des ursprünglichen Textes weggelassen werden.—

In Grillparzers "Abschied von Wien" (1842) wird Wien

Capua der Geister

genannt, weil Capua bei den Alten wegen seiner entnervenden Üppigkeit berühmt war.—

[S. 246]

Ich bin ein Preusse, kennt ihr meine Farben?

wurde zum Geburtstage Friedrich Wilhelms III. 1830 von J. B. Thiersch (1794-1855) verfasst und steht in den "Liedern und Gedichten des Dr. Bernhardt Thiersch, von seinen Freunden in und bei Halberstadt für sich herausgegeben" (Halberstadt 1833).—

Graf August v. Platen (1796-1835) sagt in einem titellosen Gedichte vom Jahre 1818:

So viel Arbeit um ein Leichentuch!—

August Heinrich Hoffmann von Fallersleben (1798-1874) dichtete 1822 das Lied:

Du siehst mich an und kennst mich nicht.

Es erschien zuerst in seinen "Gedichten", Breslau 1827, S. 114. Sein auf Helgoland entstandenes Lied:

Deutschland, Deutschland über alles

erschien zuerst als Einzeldruck am 1. September 1841 zu Hamburg, und zwar mit Haydns Melodie zu "Gott erhalte Franz den Kaiser", wodurch Hoffmann die österreichische Volkshymnenweise geschickt nach Deutschland hinüberspielte.—

Aus dem 1826 zum ersten Male auf der Königstädtischen Bühne in Berlin gegebenen Singspiele von Karl v. Holtei (1798-1880): "Der alte Feldherr" sind folgende zwei Liederanfänge:

Denkst du daran, mein tapferer Lagienka?

eine Nachbildung des 1815 gedichteten Liedes von Emile Debraux:

Te souviens-tu, disait un capitaine

Au vétéran qui mendiait son pain?

("Chants et chansons populaires de la France par H. L. Delloye", Paris 1843, 2. Serie, No. 1), und

Ford're niemand mein Schicksal zu hören!—

[S. 247]

Der Anfang des 1827 geschriebenen Mantelliedes aus Holteis "Lenore" (zum ersten Male aufgeführt zu Berlin, 12. Juni 1828) lautet:

Schier dreissig Jahre bist du alt,

Hast manchen Sturm erlebt.

Das Lied fand die weiteste Verbreitung, weil es nach der schönen alten Volksweise gesungen wird: "Es waren drei Reiter gefangen".—

Aus Heinrich Heine (1799-1856) citieren wir das 1822 in den "Gedichten" mit der Überschrift "An Karl von U(echtritz). Ins Stammbuch" abgedruckte:

(Anfangs wollt' ich fast verzagen

Und ich glaubt' ich trüg' es nie,

Und ich hab' es doch getragen,—)

Aber fragt mich nur nicht wie?—

Und aus seiner ebenda befindlichen, 1819 gedichteten Romanze "Die Grenadiere":

Was schert mich Weib, was schert mich Kind?

(Lass sie betteln gehn, wenn sie hungrig sind.)

Dies entsprang den Versen der altschottischen Ballade "Edward, Edward" (s. Percy: "Reliques of ancient english poetry", (2. ed., London 1767, p. 59):

"And quhat wul ze leive to zour bairns and zour wife,

Quhan ze gang ovir the sea, O?

The warld is room, late them beg throw life,

Mither, mither.")

Nach Herder (Suphan, Bd. 25, S. 20, Berl. 1885), aus dem Heine wohl schöpfte:

"Und was willst lassen dein'm Weib und Kind

wann du gehst übers Meer—o!

Die Welt ist Raum!—lass's betteln drinn

Mutter, Mutter."—

Aus Heines "Lyrischem Intermezzo" (1823 mit den "Tragödien" erschienen) sind die Anfangsverse der Gedichte (No. 1 u. 9):

Im wunderschönen Monat Mai,

[S. 248]

und:

Auf Flügeln des Gesanges,

sowie (No. 39) die Verse aus dem zuerst im Berliner "Gesellschafter" vom 9. Okt. 1822 gedruckten Gedichte: "Ein Jüngling liebt' ein Mädchen":

Es ist eine alte Geschichte,

Doch bleibt sie immer neu.—

Aus Heines "Heimkehr" (No. 2) ist das zuerst im Berliner "Gesellschafter" vom 26. März 1824 abgedruckte:

Ich weiss nicht, was soll es bedeuten,

Dass ich so traurig bin;

Ein Märchen aus alten Zeiten,

Das kommt mir nicht aus dem Sinn,

mit dem Schlusse:

Und das hat mit ihrem Singen

Die Lorelei gethan;

ferner der Schluss des zuerst in den "Rheinblüten" (Taschenbuch auf das Jahr 1825) abgedruckten Gedichtes (No. 19):

Sei mir gegrüsst, du grosse,

Geheimnisvolle Stadt,

mit dem überraschenden Wortspiel:

(Die Thore jedoch, die liessen

Mein Liebchen entwischen gar still;)

Ein Thor ist immer willig,

Wenn eine Thörin will;

und aus dem (ebenda zuerst gedruckten) Gedichte (No. 38) "Mensch, verspotte nicht den Teufel" die Zeile:

Mensch bezahle deine Schulden;

sowie der Anfang des Liedes (No. 64):

Du hast Diamanten und Perlen

mit seinem Kehrreim:

[S. 249]

Mein Liebchen, was willst du mehr?[55]

welches mit der Notiz "Geschrieben im Herbst 1823" zuerst in der Hamburger Zeitschrift "Die Biene" vom 31. Jan. 1826 erschien; und das in No. 66 enthaltene:

Die Leutnants und die Fähnderichs,

Das sind die klügsten Leute.—

[55] Eine Anlehnung an den Kehrreim in Goethes "Nachtgesang": "Schlafe! was willst du mehr?" (vrgl. "Goethe in Heines Werken" v. W. Robert-tornow. 1883. S. 11) der dem "Dormi, che vuoi di più?" eines von Reichardt komponierten italienischen Volksliedes nachgebildet ist, welches Viehoff ("Goethes Gedichte" I, 110; 3. Aufl. 1876) mitteilt.

Am Schlusse eines Gedichtes in der "Harzreise" (1824; Ges. W. I, 63) nennt Heine sich einen "Ritter von dem heil'gen Geist"; ein Wort, das uns in der Form

Ritter vom Geist

durch Gutzkows Roman "Die Ritter vom Geiste" (1850-52) geläufig wurde.—

Aus dem siebenten Gedichte des zweiten Cyklus von Heines "Nordsee" (1826), "Fragen", wird der Schlussvers citiert:

Und ein Narr wartet auf Antwort.—

Alle bisher angeführten Heinecitate finden sich im "Buch der Lieder".—

In den "Englischen Fragmenten" (1828, Kap. 12, Vorrede von 1830) nennt sich Heine "so recht

europamüde".

Ernst Willkomm schrieb dann (1838) einen Roman "Die Europamüden", und Immermann citierte das Wort im "Münchhausen" (Düsseld. 1839. I, 18). Im Vorwort zu A. Weills "Sittengemälden aus dem elsässischen Volksleben", 1847 (Ges. W. XIV, 151), und im [S. 250]"Romancero", 1846-51 (Ges. W. XVIII, 79 u. 122), wendet Heine selbst das Wort wiederum an.—

Aus Heines "Neuem Frühling" (1831), No. 6, stammt:

Wenn du eine Rose schaust,

Sag', ich lass' sie grüssen.—

Aus Kap. 24 von Heines "Atta Troll" (Kap. 1-24 ersch. 1843 in der "Zeitung für die elegante Welt") ist:

Kein Talent, doch ein Charakter,

und aus Kap. 27 des "Atta Troll" (ersch. Hamb. 1847), wo Heine von den jungen Freiheitsdichtern im Gegensatz zu den alten Romantikern singt:

"Das sind ja des Völkerfrühlings

Kolossale Maienkäfer,

Von Berserkerwut ergriffen!"

citieren wir den

Völkerfrühling.

Fürst Bismarck schloss seine Reichstagsrede am 2. März 1885 mit dem Satz: "Es liegt eine eigentümliche prophetische Voraussicht in unserem alten nationalen Mythus, dass sich, so oft es den Deutschen gut geht, wenn ein deutscher Völkerfrühling wieder, wie der verstorbene Kollege Völk sich ausdrückte, anbricht, dass dann auch stets der Loki nicht fehlt, der seinen Hödur findet, einen blöden, dämlichen Menschen, den er mit Geschick veranlasst, den deutschen Völkerfrühling zu erschlagen, respektive niederzustimmen". Joseph Völks Rolle im öffentlichen Leben begann aber erst nach dem Erscheinen des "Atta Troll", so dass er wohl schwerlich vor Heine vom "Völkerfrühling" gesprochen haben wird. Heine singt schon in seinem "Poseidon" (1825-26 "Die Nordsee" I, 5) von Hellas' leuchtendem "Menschenfrühling" und Friedrich Delbrück schrieb ein Buch "Über die Verehrung gegen Eltern und der Frühling der Natur verglichen mit dem Frühling des Menschengeschlechts". Magdeburg 1799.—

Schliesslich citiert man aus Heines "Neuen Gedichten", 1844 (Jolanthe und Marie):

Blöde Jugendeselei,

und aus dem "Romancero" (1846-51 "Zwei Ritter") als Muster verkommenen Polentums:

Krapülinski und Waschlapski.—

[S. 251]

Aus Wilhelm Hauffs (1802-27) Liede "Reiters Morgengesang" (gedichtet 1824 nach dem schwäbischen Volksliede) citieren wir, das Vergängliche menschlicher Pracht betonend:

Gestern noch auf stolzen Rossen,

(Heute durch die Brust geschossen,

Morgen in das kühle Grab!).

und:

. . ach, wie bald

Schwindet Schönheit und Gestalt!—

Aus Nikolaus Lenaus (1802-50) Liede "Der Postillon" hört man oft den Anfangsvers citieren:

Lieblich war die Maiennacht.—

Aus des Wieners Friedrich Kaiser Posse "Verrechnet", deren Kouplets von Johann Nepomuk Nestroy (1802-62) sind, blieb

Es muss ja nicht gleich sein,

—es hat ja noch Zeit,

in der Form bekannt:

Muss es denn gleich sein?—

Ludolf Wienbarg (1802-72) versah sein Buch "Aesthetische Feldzüge", 1834, (nach Strodtmann "Heines Leben" I, S. 432, auf den Vorschlag seines Verlegers Julius Wilh. Campe) mit einer Widmung an

das junge Deutschland,

und im folgenden Jahre richtete W. Menzel ("Litteraturblatt", 11. und 13. Sept.) seinen ersten Angriff auf die junge Litteratur, der er zum Zeichen der Verachtung ihres kosmopolitischen Strebens den Namen "la jeune Allemagne" gab.—

Des Lebens Unverstand mit Wehmut zu geniessen,

Ist Tugend und Begriff;

stammt aus dem Anfange dieses Jahrhunderts und hat [S. 252]nicht, wie die "Braunschweiger Anzeigen" (Okt. 1876. St. 232. S. 2809) behaupten, den weiland braunschweigischen Hof-Buchbinder Joh. Engelh. Voigts zum Verfasser, sondern den General und Oberhofmarschall des Kurfürsten von Hessen, Hans Adolf von Thümmel († 1851), der in dem Glauben, ein Dichter zu sein, viele ähnliche Verse beging. Die obigen begeisterten einen Kandidaten der Theologie, A. L., dazu, ins Fremdenbuch der Rudelsburg folgende Worte (mit Zeichnung) einzutragen:

Und wer des Lebens Unverstand

Mit Wehmut will geniessen,

Der lehne sich an eine Wand

Und strample mit den Füssen.—

Derselbe v. Thümmel soll auch der Verfasser sein von:

Im Schatten kühler Denkungsart.

Möglicherweise aber sind diese Worte Eigentum des oben genannten Voigts, wie in dem angeführten Artikel der "Braunschweiger Anzeigen", allerdings ohne Beleg, versichert wird.—

Aus Gust. Albert Lortzings (1803-51) zuerst 1837 in Berlin aufgeführter Oper "Czar und Zimmermann" citieren wir:

O, ich bin klug und weise,

Und mich betrügt man nicht.

und:

Es ist schon lange her—

endlich:

O selig, o selig, ein Kind noch zu sein!

Der Text zu dieser komischen Oper ist nach Hoffmann von Fallersleben ("Unsere volkstümlichen Lieder", No. 817, Nachtrag) von Salomon Reger (1804-57); nach dem Textbuche Hermann Mendels (Herausg. d. [S. 253]musikal. Convers.-Lex.) hat aber Lortzing den Operntext selbst gedichtet, und nur das Czarenlied stammt von Salomon Reger her.—

Aus Eduard Mörikes (1804-75) Gedichten ist in Süddeutschland als Citat anzusehen:

Sommerweste.

Nämlich in dem Gedichte "An meinen Vetter" (1. Ausg. der Gedichte, Stuttg. u. Tüb. 1838, S. 208-9) heisst es:

Lieber Vetter! Er ist eine

Von den freundlichen Naturen,

Die ich Sommerwesten nenne.—

Setze dir neben mir,

Dir steh'n zu seh'n, das jammert mir,

und:

Was ist mich das, mein Kind, mit dich!

Du isst mich nich, du trinkst mich nich,

und:

Du bist mich doch nich krank?

sind einem, die in Berlin gewöhnliche Verwechselung von mir und mich verspottenden Gedichte des Hofschauspielers Rüthling († 1849) entnommen, lauten jedoch im Originale ("Museum komischer Vorträge", No. 1, 11. Aufl., Berlin) etwas anders.—

Aus den Gedichten von Karl Friedrich Heinrich Strass (1803-64) citieren wir den Anfang eines von ihm 1842 gedichteten, von Chemnitz umgearbeiteten und von C. G. Bellmann komponierten Liedes:

Schleswig-Holstein, meerumschlungen.—

Ludwig Feuerbach (1804-72) schrieb in seiner Anzeige von Moleschotts "Lehre der Nahrungsmittel für das Volk" i. J. 1850 das geflügelt gewordene Wort:

Der Mensch ist, was er isst,

wobei ihm Brillat-Savarin (s. unter Kap. V) [S. 254]vorgeschwebt haben mag. Da nun Feuerbachs Satz von den Gegnern des Materialismus noch platter aufgefasst wurde, als er gemeint war, so gab Feuerbach zur Erläuterung die Schrift heraus "Das Geheimnis des Opfers oder der Mensch ist, was er isst" (Ges. Werke. Lpz. 1864-66. X). Darin heisst es (S. 6):

"Gott ist, was er isst; er isst Ambrosia, d. h. also Unsterblichkeit oder unsterbliche Speise, also ist er ein Unsterblicher, ein Gott; der Mensch dagegen isst Brot, isst Früchte der Erde, also Irdisches, Nicht-Ambrosisches, Sterbliches, also ist er ein Mensch, ein Sterblicher".

Und weiterhin (S. 26) fragt er:

"Sind die Juden nicht auch deswegen von den Heiden so verspottet und gehasst worden, weil sie die Speisen verschmähten, welche diese liebten? . . . Liegt aber diesem Hasse nicht der Gedanke zu Grunde: Wer nicht isst, was wir essen, der ist auch nicht, was wir sind?"—

Aus Louis Schneiders (1805-78) Schwank "Der reisende Student" stammt:

Ungeheure Heiterkeit

(Ist meines Lebens Regel),

welches er der Melodie des Beauplanschen Liedes "C'est le galop qui fait le bonheur de ma vie" als Text unterlegte.—

L. Schneiders Lustspiel "Der Kurmärker und die Picarde" giebt uns, als Einlage das Lied:

O Tannebaum, o Tannebaum,

Wie grün sind deine Blätter!

Dies entsprang (nach dem "Deutschen Liederhort" von Erk und Böhmer, 1893, No. 175 a, b, c, d u. 176) aus dem zwischen 1550 und 1580 auf einem fliegenden Blatt gedruckten Liede (s. Strophe 9, die sich wiederholt in No. 121 des 1582 erschienenen Ambraser Liederbuches) "Es hing ein Stallknecht seinen Zaum u. s. w.":

"O Tanne, du bist ein edler Zweig,

Du grünest Winter und die liebe Sommerzeit,

[S. 255]

Wenn alle Bäume dürre sein,

So grünest du, edles Tannenbäumelein".—

Der Anfang des von Ida Gräfin Hahn-Hahn (1805-80) 1835 verfassten Liedes:

Ach wenn du wärst mein eigen!

wird allgemein citiert, jedoch soll nach Erk und Böhmer ein Volkslied aus dem 16. Jahrh. den gleichen Anfang haben.—

Das vor 1826 entstandene, von Mendelssohn komponierte Gedicht Eduard Freiherr von Feuchterslebens (1806-49) "Nach altdeutscher Weise" beginnt:

Es ist bestimmt in Gottes Rat,

Dass man, was man am liebsten hat,

Muss meiden,

und schliesst:

Wenn Menschen auseinandergehn,

So sagen sie: auf Wiedersehn!

Ja Wiederseh'n!

Die Anfangszeilen jedoch citieren wir in der Form, die der Komponist ihnen gab:

Es ist bestimmt in Gottes Rat,

Dass man vom Liebsten, was man hat,

Muss scheiden.—

Friedrich Halm (Pseudonym für Eligius Franz Joseph Freiherr v. Münch-Bellinghausen; 1806-71) bietet in dem Drama "Der Sohn der Wildnis" (1842):

Zwei Seelen und ein Gedanke,

Zwei Herzen und ein Schlag!—

Den

Staatshämorrhoidarius

erfand Graf Franz Pocci (1807-76) für die Münchener "Fliegenden Blätter". Der "Staatshämorrhoidarius" Poccis [S. 256]gelangte in dieser Zeitschrift zum Abdruck in elf Nummern aus den Jahren 1844-47.—

Johann Hermann Detmold (1807-51), der nachmalige Minister und Bundestagsgesandte, schrieb als konservativer Abgeordneter der deutschen Nationalversammlung 1849 die vielbelachte illustrierte Satire "Thaten und Meinungen des Herrn Piepmeyer, Abgeordneten zur konstituirenden Nationalversammlung zu Frankfurt am Mayn". Heft 2 p. 8 übt Piepmeyer eine Rede ein und spricht tiefnachdenklich: "Eine verräterische Camarilla, eine brutale Soldateska!" Daher das Schlagwort:

Vertierte Soldateska.—

David Friedrich Strauss (1808-74) gab 1847 in Mannheim die Schrift heraus "Der Romantiker auf dem Thron der Caesaren oder Julian der Abtrünnige", worin er die Auffrischung des Heidentums durch Julianus Apostata mit der der protestantischen Orthodoxie durch Friedrich Wilhelm IV. verglich. Diesen König nannte man seitdem oft den

Romantiker auf dem Throne.—

Sie sollen ihn nicht haben,

Den freien deutschen Rhein

ist der Anfang eines 1840 von Nicolaus Becker (1809-45) gedichteten Liedes, das zuerst im Rheinisch. Jahrbuch, 1841, S. 365 stand.—

Struwwelpeter

ist der Titel einer 1845 erschienenen Kinderschrift von Heinrich Hoffmann-Donner in Frankfurt a. M. (geb. 1809). In der Form "Strubbelpeter" kommt das Wort früher vor. Als Goethe 1765-68 in Leipzig studierte, nannte ihn die Frau des Kupferstechers Stock "den [S. 257]Frankfurter Strubbelpeter" und zwang ihn, sich das Haar auskämmen zu lassen (s. "Kunst und Leben" aus Försters Nachlass hrsg. v. H. Kletke. 1873. S. 102 ff.).—

Auch der die Suppe verschmähende

Suppenkasper

ist aus Hoffmanns Schrift bekannt.—

O lieb', so lang du lieben kannst,

ist der Anfang von Ferdinand Freiligraths (1810-76) Gedichte "Der Liebe Dauer", das, 1830 verfasst, zuerst im "Morgenblatt für gebildete Leser", Stuttgart, No. 271, 12. Nov. 1841 stand.

Auch Freiligraths Gedichttitel

Der Blumen Rache

wurde zum geflügelten Wort. Doch nimmt man hier Blumen in übertragenem Sinn und denkt an weibliche Rache, während in dem Gedichte wirkliche Blumen durch ihren Duft ein schlummerndes Mädchen tödten, aus Rache dafür, dass sie von ihr grausam aus der Erde gerissen wurden.—

Rrrr! ein ander Bild!

sind die Worte des Guckkästners in des pseudonymen Brennglas (Glasbrenners) "Berlin, wie es ist—und trinkt" (Lpz. 1832-50). Aus denselben Heften ist:

Auch eine schöne Gegend!

(eigentlich: Ooch 'ne scheene Jejend.)

Diese Redensart kommt in einem Gespräche zweier Berliner Frauen vor, die einander fragen, wo ihre beiderseitigen Söhne im Freiheitskriege gefallen seien. Auf die Antwort der Einen: "Bei Leipzig", erfolgt nun die oben angeführte Äusserung im breitesten Berliner Dialekt.

[S. 258]

Heinrich Heine schaffte dem Worte weitere Verbreitung; denn er sagt im "Tannhäuser" (1836):

Zu Hamburg sah ich Altona,

Ist auch eine schöne Gegend,

im "Ex-Nachtwächter":

Das ist eine schöne Gegend

Ebenfalls.

und in "Himmelfahrt" (Letzte Gedichte, 1853-55):

Sie (die Spree) fliesst gemütlich über, wenn's regent

Berlin ist auch eine schöne Gegend.

Vielleicht kam Glasbrenner auf diese Wendung durch Tiecks "Gestiefelten Kater" (1797), worin (3, 5) der König sagt:

"Auch eine hübsche Gegend. Wir haben doch schon

eine Menge schöner Gegenden gesehen".—

In der No. 395 der Münchener "Fliegenden Blätter" (1852) befindet sich ein "Die Wassersnoth in Leipzig" betiteltes Gedicht, das anfängt:

In der grossen Seestadt Leipzig,

und in dessen Verlauf sich die bekannten Zeilen finden:

Auf dem Dache sitzt ein Greis,

Der sich nicht zu helfen weiss.

Das Gedicht ist unterzeichnet G. H. und der Dichter war nach einer Mitteilung der Redaktion der "Fliegenden Blätter" ein damals in Kiel lebender stud. jur. G. J. F. Hansen. Es wird aber behauptet, dass das Gedicht schon vor 1852 in Leipzig allgemein bekannt war.—

Die in Gustav Raeders (1810-68) Posse "Robert und Bertram oder die lustigen Vagabonden" (1859) häufig vorkommende und vielfach umgestaltete Redensart Bertrams:

Weiter (oder: Sonst) hat es keinen Zweck

ist ein sehr gebräuchliches Wort geworden, ebenso wie [S. 259]das in seiner Zauberposse "Der artesische Brunnen" (ersch. 1860) oft im Munde Balthasars vorkommende:

Meine Mittel erlauben mir das!—

Aus Fritz Reuters (1810-74) "Ut mine Stromtid" (ersch. 1862-64) Kap. 3 wird Inspektor Bräsigs Äusserung zu Karl Havermann citiert:

Darin bin ich dir über.—

Alles schon dagewesen,

pflegt Rabbi Ben Akiba in Karl Gutzkows (1811-78) "Uriel Acosta" (1847) in den verschiedensten Formen zu wiederholen [s.: Prediger Salomo 1, 9].—

Wir sprechen, um die Richtung des Komponisten Richard Wagner (1813-83) und seiner Anhänger zu bezeichnen, auf Grund seiner Schrift: "Das Kunstwerk der Zukunft" (Leipz. 1850) von

Zukunftsmusik.

In der "Niederrheinischen Musikzeitung" von 1859, No. 41 schrieb deren damaliger Redakteur, Prof. Ludwig Bischoff: "All' die Ungegohrenheit, der Schwindel, all' die Eitelkeit, all' die Selbstbespiegelung, all' die Trägheit, der Zukunft zuzuschieben, was man selbst leisten müsste, all' die Hohlheit und Salbaderei der ästhetischen Schwätzer—wie schön fasst sich das alles in dem einen Wort 'Zukunftsmusik' zusammen". Wagner antwortete darauf (s. "Das Judentum in der Musik" S. 36): "Prof. Bischoff in der Kölnischen Zeitung verdrehte meine Idee eines 'Kunstwerkes der Zukunft' in die lächerliche Tendenz einer Zukunftsmusik". Jedoch adoptierte Wagner später das Spottwort; denn er gab 1861 eine Schrift "Zukunftsmusik. Brief an einen französischen Freund" heraus. Übrigens ist die Idee nicht ganz Wagners Eigentum. Schon in Rob. Schumanns "Gesammelten Schriften" (Bd. I, S. 46) findet man unter den Aufzeichnungen Florestans die Bemerkung aus dem [S. 260]Jahre 1833: "Eine Zeitschrift für zukünftige Musik fehlt noch"! und Karl Gaillard, Redakteur der "Berliner musikalischen Zeitung", sagt No. 24, Jahrgang 1847 derselben: "Schafft sich Herr Berlioz ein eigenes Orchester an, so mag er dirigieren, soviel es ihm beliebt, und seinen musikalischen Hokuspokus, genannt 'die neue Musik' oder 'die Musik der Zukunft', treiben", (vrgl. die gründliche Erörterung Wilh. Tapperts in dessen "Wagner-Lexikon", Lpz. 1877, S. 45.)—

Emanuel Geibels (1815-84) Lied "Der Zigeunerbube im Norden" beginnt:

"Fern im Süd' das schöne Spanien,

Spanien ist mein Heimathland,

Wo die schattigen Kastanien

Rauschen an des Ebro Strand."

Danach sagen wir:

Spanien, das Land der Kastanien!—

Aus Geibels Lied "Wo still ein Herz von Liebe glüht" wird citiert:

O rühret, rühret nicht daran!

und aus seinem Gedichte "Hoffnung" ("Zeitstimmen", Lübeck 1841, S. 15):

Es muss doch Frühling werden.—

Johannes Scherr (1817-86) gab dem ersten Kapitel des achten Buches seines Werkes "Blücher und seine Zeit" (1862-63) die auf Napoléon I. bezügliche Überschrift:

Kaiserwahnsinn;

danach dann (1864) in der "Verlorenen Handschrift" Gustav Freytags (geb. 1816) Professor Werner von der Meisterschaft spricht, mit welcher Tacitus die eigentümlichen Symptome und den Verlauf des

[S. 261]

Caesarenwahnsinns

schildert.—

Georg Herweghs (1817-75) Gedicht "Aus den Bergen" bietet:

Raum, ihr Herren, dem Flügelschlag

Einer freien Seele

und sein Gedicht "Strophen aus der Fremde" schliesst:

Das arme Menschenherz muss stückweis brechen.

Es stand zuerst in Rückerts "Musenalmanach" (Lpz. 1840, S. 246 ff.) und darauf in den "Gedichten eines Lebendigen" (Zürich u. Winterthur 1841).—

Der Titel eines Walzers von Johannes Strauss:

(An der Donau)

An der schönen blauen Donau

ist der Kehrreim der ersten beiden Strophen des Gedichtes "An der Donau" aus den "Stillen Liedern" (Lpz. 1839) von Karl Beck (1817-79).—

Es giebt eine alte Anekdote[56] von einem Reisenden, der im Auslande Bienen von der Grösse eines Schafes gesehen zu haben vorgab, während die Bienenkörbe nicht grösser gewesen seien, als die in der Heimat, und der dann auf die Frage "Wie die Bienen denn hineinkämen?" die Antwort giebt: "Dafür lass' ich sie selbst sorgen." Diese Anekdote hat Wilhelm Camphausen (geb. 1818) in den "Düsseldorfer Monatsheften" illustriert und einem [S. 262]für sein Vaterland begeisterten Russen die volkstümlich gewordene Antwort

Der Bien' muss

in den Mund gelegt.—Von demselben Künstler ist die Illustration zu dem berühmten Worte eines Unteroffiziers an einen Soldaten:

Was nutzt mich der Mantel, wenn er nicht gerollt ist?

welche auf No. 23 der "Münchener Bilderbogen", 5. Aufl., steht und schon 1847 in den "Fliegenden Blättern", Bd. V. No. 98 unter dem Titel: "Der einjährige Freiwillige auf dem Marsche" zu finden war.—

[56] S. den Lügenmärchen-Anhang zur 6. Ausgabe des "Laienbuches" (Schiltbürger) von 1597, deren einziges bekanntes Exemplar sich auf der Wiener Hofbibliothek befindet; ferner: Melanders "Jocor. atq. serior. centur. aliq." No. 115 (Frkf. 1603), Olorin. Variscus "Ethogr. mundi", T. 1 No. 2 (Magdb. 1609), Nicod. Frischlini "Beb. et Pogii facetiae, item additamenta Phil. Hermotimi", p. 304 (Amst. 1660), "Kurtzweiliger Zeitvertreiber" von 1666, S. 117 unter "Aufschneidereien", und Abraham a Santa Clara in "Huy und Pfuy! der Welt" (1680) unter "Ross".

Aus der "Wacht am Rhein", gedichtet 1840 von Max Schneckenburger (1819-49) stammt:

Lieb Vaterland, magst ruhig sein!

Das 1854 von Carl Wilhelm komponierte Lied wurde erst im Jahre 1870 volkstümlich. Anton Langer in Wien verfasste im Aug. 1872 eine Entgegnung darauf unter dem Titel "Donauwacht". Als Antwort auf dieses antideutsche Pasquill schrieb F. F. Masaidek (geb. 1840), ein Mitarbeiter des Wiener Figaro, ein Gegenpasquill:

Die Wacht am Alserbach,

das am 23. Aug. 1872 in der "Deutschen Zeitung" und im "Figaro" erschien und Tags darauf vom "Vaterland", der "Tagespresse", der "Wehrzeitung", dem "Volksfreund" und dem "Extrablatt" abgedruckt wurde. Der Titel hat sich in Österreich erhalten und dient heute zur Bezeichnung der exaltierten Schwarzgelben.—

Aus der Posse "Berlin, wie es weint und lacht" von David Kalisch (1820-75) stammt:

Alles muss verrungeniert werden,

(Alles muss ruiniert werden,)

[S. 263]

und:

Was ich mir dafür kaufe!

(eigentlich: Wat ick mir dafor kofe!)

(im Sinne von: Was ich mir daraus mache!).

Das Wort

's Geschäft bringt's mal so mit sich

stammt aus Kalischs "Berlin bei Nacht";

Darin bin ich komisch

und:

So'n bischen Französisch,

Das ist doch ganz wunderschön

aus seiner Posse "Der gebildete Hausknecht".

So lasst ihm doch das kindliche Vergnügen

ist aus der Posse "Namenlos" von Pohl und Kalisch. Kalisch ist auch der Schöpfer der typisch gewordenen Gestalten des "Kladderadatsch" (begründet 1848): des ewigen Quartaners

Karlchen Miessnick,

des schlagfertigen Berliner Spiessbürgerpaares

Müller und Schultze

und des breitspurig jüdelnden

Zwückauör (Zwickauer),

der auch in Kalischs gleichzeitiger Posse "100,000 Thaler" als Börsenspekulant mit Herrn Zittauer auftritt und nach Max Rings "Erinnerungen", ein Breslauer Urbild gehabt haben soll.—

Gegen Demokraten

Helfen nur Soldaten

ist der Schluss des Gedichtes v. Merckels "Die fünfte Zunft", das als fliegendes Blatt im Aug. oder Sept. 1848 erschien, in den "Zwanzig patriotischen Liedern" von v. Merckel (Berlin 1850) wieder abgedruckt wurde und in Paul Lindaus "Gegenwart" vom 16. Nov. 1878 zu [S. 264]finden ist. Sehr bekannt wurde das Wort als der Titel einer 1848 zu Berlin erschienenen Broschüre, die ein Oberst v. Griesheim verfasst haben soll (s. Graf Roons Denkwürdigkeiten 1, 270).

Wenn Karl Braun-Wiesbaden in "Nur ein Schneider" den Schneider sagen lässt, der Prinz von Oranien-Nassau habe seit 1787 den Grundsatz im Munde geführt: "Gegen Demokraten helfen nur Soldaten", so ist das wohl nur eine Erfindung.—

Wie denken Sie über Russland?

ist der Titel eines in Berlin 1861 erschienenen Lustspiels von Gustav v. Moser (geb. 1825).—

Es wär' so schön gewesen,

Es hat nicht sollen sein

ist die Umgestaltung von

Behüet dich Gott! es wär' zu schön gewesen,

Behüet dich Gott, es hat nicht sollen seyn!

im XIV. Stück des "Trompeter von Säkkingen" (1854) Viktor v. Scheffels (1826-1886).—

In "Immanuel Kant. Ein Denkmal seiner unsterblichen Philosophie, dem deutschen Volke geweiht von Fr. M. Freystadt" (1. u. 2. Aufl., Königsb. 1864; S. 16) nennt der Verfasser

Königsberg die Stadt der reinen Vernunft

und fügt in einer Anmerkung hinzu: "Schreiber dieses war der Erste, der Königsberg den gedachten Ehrentitel gab in einem Korrespondenzartikel für die Leipziger Allgemeine Zeitung während der vierziger Jahre dieses Säculums". (Jahrgang und Nummer giebt er nicht an.) Dies Wort scheint frei nach Heinrich Heine gebildet zu sein, der 1828-29 im 2. T. der "Reisebilder" (Ges. W. II, 12) von Berlin "der gesunden Vernunftstadt" spricht.

[S. 265]

Julius Stettenheims (geb. 1831) ergötzlicher Lügenberichterstatter und Verdreher geflügelter Worte

Wippchen

ist zur typischen Figur geworden und viel citiert wird dessen oft wiederkehrende und meistens überflüssige Wendung:

Verzeihen Sie das harte Wort!

(vrgl. "Wippchens sämtliche Berichte" von Julius Stettenheim 1878 ff.). "Verzeiht ein hartes Wort mir!" sagt schon in Herders "Cid." (I, 21) Doña Uraca zu ihrem sterbenden Vater.—

Aus Wilhelm Buschs (geb. 1832) "Max und Moritz, eine Bubengeschichte in sieben Streichen" (Münch. 1865) ist der Vers verbreitet:

Dieses war der erste Streich,

Doch der zweite folgt sogleich.—

Aus Hermann Salingrés (1833-79) Posse "Graupenmüller" (1865) wird citiert:

Man muss die Feste feiern, wie sie fallen.—

Der Titel eines 1876 als Manuscript gedruckten Lustspiels von Julius Rosen (Nikolaus Duffek 1833-92) lautet:

O diese Männer!

Schon in dem Richardsonschen Romane "Sir Charles Grandison" (1753), Bd. 3, Brief 16 heisst es:

"O these men!"—

Als am 9. Sept. 1865 zu Danzig ein auf Rechnung des Herrn Friedrich Heyn erbautes Fregattschiff "Marineminister von Roon" von Stapel gelassen wurde, ward dabei ein vom Regierungsrat Wantrup († 1891) verfasstes Gedicht gesprochen, aus dessen Anfangszeilen:

[S. 266]

Vom Fels zum Meere weh'n des Königs Fahnen,

Und auch die blaue Salzflut grüssen ihre Farben

Schwarzweiss—so reinlich und so zweifelsohne

die letzten fünf Worte unvergänglich geworden sind.—

Ein sonst unbekannter, nun verstorbener Schriftsteller Hogarten ist der Verfasser des weitverbreiteten Verses:

Geniess't im edlen Gerstensaft

Des Weines Geist, des Brotes Kraft.

Er schrieb diese Worte im Auftrage der Berliner Tivolibrauerei, deren Saalgebäude sie seit 1869 schmücken. Als Kuriosum sei erwähnt, dass sich der Dichter, dem man einen Friedrichsd'or bot, zwanzig dafür erstritt.—

In einem Feuilletonartikel "tote Seelen" in der "Neuen freien Presse" (31. März 1875; wieder abgedruckt in "Halb-Asien", 2. Aufl. 1879. II, 81 ff.), der das Treiben jüdischer Wucherer in Galizien geisselte, schuf Karl Emil Franzos (geb. 1848) das Schlagwort:

Jedes Land hat die Juden, die es verdient,

und nannte es den "Schlüssel zur neueren Geschichte der Juden". Antisemiten und Philosemiten zogen gegen das Wort los, es hallte wieder in der europäischen Presse und blieb geflügelt. Franzos hat es offenbar dem Satze nachgebildet: "Chaque pays a le gouvernement qu'il mérite", der auf Proudhon zurückgeführt zu werden pflegt. Ob mit Recht, bleibt noch zu erforschen. Andere meinen, Friedrich Gentz sei des Gedankens Vater.

Halb-Asien

wird ein Teil des von der Kultur nur überfirnissten Osteuropas genannt, nachdem ihn Karl Emil Franzos zuerst im Feuilleton der "Neuen freien Presse" (Herbst 1875, "Von Wien nach Czernowitz") so bezeichnete. Franzos citierte sich dann selbst, als er (Jan. 1876) das Buch

[S. 267]

herausgab: "Aus Halb-Asien. Kulturbilder aus Galizien, der Bukowina, Südrussland und Rumänien".—

In der No. 28 der "Züricher Post" vom 2. Februar 1888 steht ein satirisches Lied von Karl Henckell (geb. 1864), das den Titel: "Lockspitzellied" führt. Davon stammt das Wort

Lockspitzel

als Verdeutschung von "agent provocateur". Die Bezeichnung "Spitzel" für Spion entstammt der österreichischen Volkssprache.—


[S. 268]

IV.
Geflügelte Worte aus dänischen Schriftstellern.

Durch Ludwig Freiherr von Holbergs (1684-1754) 1722 erschienenes Lustspiel "Der politische Kannegiesser" hat das Wort

Kannegiesser

die Bedeutung eines politischen Schwätzers bekommen, und wir leiten selbst Wörter davon ab wie:

kannegiessern, Kannegiesserei.

Der Titel eines anderen Lustspiels von Holberg:

Don Ranudo de Colibrados

ist die Bezeichnung eines von Adelstolz aufgeblähten, bettelhaften Menschen geworden. Ranudo ist Anagramm von O du Nar(r).—


[S. 269]

V.
Geflügelte Worte aus französischen Schriftstellern.

Einen Menschen, dem die Wahl zwischen zwei gleich wertvollen Gegenständen schwer wird, vergleichen wir mit

Buridans Esel.

Um zu beweisen, dass keine Handlung ohne einen bestimmenden Willen stattfinden könnte, soll sich Buridan, ein französischer Philosoph des 14. Jahrh., des Bildes eines Esels bedient haben, der in gleichem Abstande von zwei Bündeln Heu, gleichmässig von beiden angezogen, notwendigerweise verhungern müsse. Er mag dies mündlich gethan haben, denn in Buridans Werken ist der entsprechenden Stelle vergeblich nachgespürt worden. Durch Schopenhauer ("Die beiden Grundprobleme der Ethik" 2. Aufl., S. 58) wissen wir, dass Bayle († 1706) im Artikel "Buridan" die Grundlage alles seitdem darüber Geschriebenen ist. Schopenhauer sagt daselbst ferner:

"Auch hätte Bayle, da er die Sache so ausführlich behandelt, wissen sollen, was jedoch auch seitdem nicht bemerkt zu sein scheint, dass jenes Beispiel . . . weit älter ist als Buridan. Es findet sich im Dante, der das ganze Wissen seiner Zeit inne hatte, vor Buridan lebte und nicht von[S. 270] Eseln, sondern von Menschen redet, mit folgenden Worten, welche das vierte Buch seines Paradiso eröffnen:

Intra duo cibi distanti e moventi

D'un modo, prima si morria di fame

Che liber' uomo l'un recasse a' denti.

(Zwischen zwei gleich entfernten und gleich anlockenden Speisen würde der Mensch eher sterben, als dass er bei Willensfreiheit eine von ihnen an die Zähne brächte.) Ja, es findet sich schon im Aristoteles 'über den Himmel', 2, 13 mit diesen Worten: 'Ebenso was über einen heftig Hungernden und Dürstenden gesagt wird, wenn er gleich weit von Speise und Trank absteht, denn auch dieser muss in Ruhe verharren'. Buridan, der aus diesen Quellen das Beispiel überkommen hatte, vertauschte den Menschen gegen einen Esel, bloss weil es die Gewohnheit dieses dürftigen Scholastikers ist, zu seinen Beispielen entweder Sokrates oder Plato oder asinum zu nehmen".—

(Mais) où sont les neiges d'antan?

Wo ist der Schnee des verflossenen Jahres?

ist der Kehrreim der "Ballade des Dames du temps jadis" François Villons (1431-61), in der er die Vergänglichkeit aller weiblichen Schönheit des Leibes und der Seele besingt.—

L'appétit vient en mangeant

Je mehr man hat, je mehr man will,

eigentlich: "Die Esslust kommt beim Essen", steht in des François Rabelais (1483-1553) "Gargantua", Kap. 5. Das im "Leben des Gargantua und Pantagruel" vorkommende und seitdem für Nachäfferei angewendete

Les moutons de Panurge

Die Schafe des Panurge

findet seine Erklärung darin, dass in der Erzählung Panurge einem eine Herde Schafe mit sich führenden [S. 271]Viehhändler, der sich auf demselben Schiff befindet, ein Schaf abkauft und es über Bord wirft, worauf alsdann die ganze Herde nachspringt.

Horror vacui

Grauen vor dem Leeren

lässt sich auf "Gargantua et Pantagruel" 1, 5: "Natura abhorret vacuum" zurückführen.

Deficiente pecu, deficit omne, nia

(Mangelt im Beutel die Bar — mangelt's an Jeglichem, — schaft,)

heisst es in "Gargantua und Pantagruel", III, 41 (1546).—

Clement Marot (1495-1544) schilderte (1531) in einer poetischen Epistel an den König (Au Roy pour avoir esté des-robbé), wie ihn sein Diener bestohlen habe, "ein Fresser, Trunkenbold, ein unverschämter Lügner, ein falscher Spieler, Spitzbube, Flucher, Lästerer, dem man auf hundert Schritt anriecht, er werde an den Galgen kommen,

sonst der beste Kerl von der Welt",

"au demeurant le meilleur fils du monde".—

Der Kanzelredner Pierre Charron (1541-1603) sagt am Anfang der Vorrede des ersten Buches seines "Traité de la Sagesse" (Bordeaux 1601): "La vraie science et le vrai étude de l'homme, c'est l'homme". Diesen Satz citieren wir englisch nach Pope, der ihn (1733) in seinem Lehrgedichte "Essay on Man" 2, 1 also wiedergab:

The proper study of mankind is man.

"Das eigentliche Studium der Menschheit ist der Mensch"

sagt Goethe in den "Wahlverwandschaften" II, 7 am Ende.—

[S. 272]

Chronique scandaleuse

ist der Titel einer historischen Schrift über Louis XI., die man Jean de Troyes zugeschrieben hat, die aber von Ludwigs XI. écuyer und maître d'hôtel Denis Hesselin inspiriert, wenn nicht verfasst ist. Die Schrift heisst ursprünglich "Chroniques du très-chréstien et victorieux Louys de Valois, unziesme de ce nom". Erst ein Buchhändler, der 1611 diese Schrift wieder abdruckte, gab ihr den Titel "Chronique scandaleuse", den sie ihrem Inhalte nach nicht verdient. (Aubertin "Hist. de la littérature franç. au moyen-âge", II, 271).—

Einen schmachtenden Liebhaber nennen wir nach einer Person des Romans "Astrée" (1619) von d'Urfé (1567-1625) statt Céladon:

Seladon.—

Réne Descartes (Renatus Cartesius, 1596-1650) bezeichnet als die erste und sicherste Erkenntnis des Philosophen (s. "Princip. Philos." 1, 7 u. 10. Amst. 1644) den Satz: "ego

cogito, ergo sum".

Ich denke, also bin ich.—

Aus 4, 3 des "Cid" (1636) von Pierre Corneille (1606-84) ist:

Et le combat cessa, faute de combattants,

Und endlich schwieg der Kampf, da es an Kämpfern fehlte.—

Jean Rotrou (1609-50) schrieb in seiner zuerst 1636 gegebenen Komödie "Les Sosies" (IV, 4):

"Point point d'Amphytrion (sic!), où l'on ne disne point",

"Amphitryon ist hin, wenn er uns nicht mehr sättigt".

Dieser Vers wurde wohl dadurch angeregt, dass bei [S. 273]Plautus ("Amphitruo" III, 3, 13 s. auch 2, 70) Jupiter unter des Titelhelden Maske den Blepharo durch Sosias zum Frühstück bitten lässt, und er rief Molières Worte hervor ("Amphitryon" 1668, III, 5):

"Le véritable Amphitryon

Est l'Amphitryon où l'on dîne".

"Amphitryon, der echte rechte,

Ist der Amphitryon, bei dem man tafelt".

So wurde denn "L'Amphitryon où l'on dîne" in Frankreich "geflügelt" und danach erlangte auch bei uns, ohne Beziehung auf Plautus,

Amphitryon

die Bedeutung eines gefälligen Gastgebers.—

Die Kastanien aus dem Feuer holen,

Tirer les marrons du feu,

entlehnen wir der Fabel Jean de La Fontaines (1621-95), 9. Bch., 17 "Der Affe und die Katze". Der Affe Bertram bewegt die Katze Raton, geröstete Kastanien aus dem Feuer zu holen, die er sofort verspeist, bis eine Magd dazu kommt, worauf beide Tiere fliehen. "Raton war nicht zufrieden, sagt man", schliesst die Fabel, welche schon im 16. Jahrh. von Sim. Majoli in "Dies caniculae" lateinisch und von Noël du Fail in "Eutrapel" französisch, im 17. von Jac. Regnerius lateinisch und von Guil. Bouchet, Pierre Deprez, Is. Benserade französisch erzählt wurde, vrgl. Fabel 17 in des Armeniers Vartan († 1271) Fabelsammlung (Paris 1825).—

Nach Molières (Jean Baptiste Poquelin 1622-73) Komödie "Le dépit amoureux" (1656) reden wir von einem

dépit amonreux,

verliebtem Trotze.—

[S. 274]

Aus Molières "l'Amour médecin" (1665) 1, 1 dienen Sganarelles Worte an den Goldschmied Josse:

Vous êtes orfèvre, Monsieur Josse

Sie sind ein Goldschmied, Herr Josse

zur Verspottung eigennützigen Rates. Herr Josse nämlich hatte ihm geraten, seiner Tochter zur Bekämpfung ihrer Melancholie eine Garnitur von Rubinen, Diamanten und Smaragden zu kaufen.—

Als Sganarelle, der Holzhauer, in Molières "le Médecin malgré lui" (1666) 1, 6 den Preis des von ihm gefällten Holzes angiebt, will er sich auf kein Feilschen einlassen. Anderswo könne man das Holz allerdings billiger bekommen; aber

Il y a fagots et fagots;

Zwischen Holz und Holz ist ein Unterschied;

und als er, wider seinen Willen den Arzt spielend, die Lage der Leber und des Herzens verwechselt und auf diesen Irrtum aufmerksam gemacht wird, erwidert er 2, 6:

Nous avons changé tout cela,

Wir haben das Alles geändert.—

Aus 1, 1 des ebenfalls 1666 erschienenen "Misanthrope" sind die Worte des Alceste bekannt:

L'ami du genre humain n'est point du tout mon fait.

Wer aller Menschen Freund, der ist der meine nicht.—

Tartufe,

die Hauptperson in "le Tartufe", (1667) ist ein allgemein verständlicher Ausdruck für "Scheinheiliger" geworden.

(Molière selbst schrieb: Tartuffe. Tartufo kommt als Bezeichnung eines bösartigen Menschen in Lippis "Malmantile" vor, der handschriftlich in Frankreich vor dem Tartufe in Umlauf war. S. Littré.)—

Les envieux mourront, mais non jamais l'envie.

Die Neider sterben wohl, doch nimmermehr der Neid,

in 5, 3 des "Tartufe" ist ein älteres, von Molière in die [S. 275]Litteratur eingeführtes Sprichwort, welches Quitard ("Dictionnaire des proverbes") aus Philippe Garniers 1612 in Frankfurt erschienener Sammlung citiert.—

Aus Molières "George Dandin" (1668), 1, 9 sollten wir: "Vous l'avez voulu; vous l'avez voulu, George Dandin, vous l'avez voulu" bei selbstverschuldetem Missgeschick citieren; statt dessen sagen wir:

Tu l'as voulu, George Dandin, tu l'as voulu.

Du hast es so haben wollen, George Dandin, du hast es so haben wollen.—

In Molières "Fourberies de Scapin" (1671) 2, 11 wiederholt Géronte siebenmal:

Que diable allait-il faire dans cette galère!

Was zum Teufel hatte er auf jener Galeere zu suchen?

womit wir auf den Unvorsichtigen zielen, der, wie man zu sagen pflegt, in ein Wespennest gestochen hat. Schon früher hatte Molières Jugendfreund, Cyrano de Bergerac, in "le Pédant joué", 2, 4 dies Wort angewendet; doch erfahren wir aus Grimarests "Leben Molières", Paris 1715, dass es Cyrano samt der ganzen Scene, in der es vorkommt, nur Molières vertraulichen Mitteilungen verdankte und während dessen Abwesenheit in der Provinz seinem Lustspiel einverleibte; dass dann Molière nach seiner Rückkehr zur Hauptstadt sich seines geistigen Eigentums, als er die "Fourberies de Scapin", schrieb, mit den Worten "Je reprends mon bien où je le trouve" wiederbemächtigte, was umgeändert in

Je prends mon bien où je le trouve

Ich nehme mein Eigentum, wo ich es finde,

ein geflügeltes Wort wurde. "Je reprends mon bien où je le trouve" ist aber wohl nur eine Übersetzung des [S. 276]Rechtssatzes "Ubi rem meam invenio, ibi vindico", der auf L. 6 Dig. "De rei vindicatione" (I, 9) beruht: "ubi enim probavi rem meam esse, necesse habebit possessor restituere".—

In Molières "Les Femmes savantes", (1672) 3, 2 sagt Armande:

Nul n'aura de l'esprit, hors nous et nos amis!

Keiner soll Geist haben als wir und unsere Freunde!—

Einen Menschen, der sich einbildet, krank zu sein, nennen wir einen

Malade imaginaire

nach Molières Komödie "Le Malade imaginaire" (1673), aus der uns Argans Seufzer (2, 11) geläufig wurde:

Ah, il n'y a plus d'enfants!

Ach, es giebt keine Kinder mehr!—

Juste milieu

Richtige Mitte

kommt zuerst vor in Blaise Pascals (1623-62) "Pensées sur la religion" (3, 3, Amst. 1692; 1. Ausg. Par. 1670). Ludwig Philipp wandte das Wort auf seine innere Politik an ("Nous chercherons à nous tenir dans un juste-milieu également éloigné des excès du pouvoir populaire et des abus du pouvoir royal" . . . s. den "Moniteur universel" vom 31. Januar 1831) und gab damit seinem Regierungssystem den bleibenden Namen.—

Aus Nicolas Boileau-Despréauxs (1636-1711) 9. Epistel, Anfang, ist:

Rien n'est beau que le vrai; le vrai seul est aimable.

Schön ist das Wahre nur; das Wahre nur ist lieblich.

Aus seiner Satire 1, 52 stammt:

[S. 277]

J'appelle un chat un chat et Rolet un fripon.

'ne Katze nenn' ich Katz' und Rolet einen Schelm.

Dieser Rolet war ein Prokurator von schlechtestem Rufe; öffentlich mit ihm anbinden war gewagt, und Boileau glaubte sich damit zu helfen, dass er seinem Verse die Randbemerkung hinzufügte: "Rolet, Gastwirt bei Blois". Nun wollte aber der Zufall, dass bei Blois wirklich ein Gastwirt Rolet wohnte, den dieser unbeabsichtigte Angriff in nicht geringe Wut versetzte. Der Dichter hatte Mühe ihn zu besänftigen.—

Der Schlussvers des zweiten Gesanges der "Art poétique" des Boileau lautet:

Un sot trouve toujours un plus sot, qui l'admire

Ein Thor fand immer noch den Tropf, der ihn bewundert.—

In Nolant de Fatouvilles "Arlequin, Empereur dans la Lune", aufgeführt 1684, (Ghérardi "Théâtre italien", B. 1) macht Harlekin, der sich für den Kaiser im Monde ausgegeben hat, dem Doktor, dessen Tochter er heiraten will, eine Beschreibung der Mondbewohner; bei jedem Zuge dieser Beschreibung bemerken die Umstehenden: "C'est tout comme ici" und zwar neunmal. Daraus entstand das bekannte

tout comme chez nous,

ganz wie bei uns.

Holberg benutzt im "Ulysses" 2, 2 diese Wendung häufig in dänischer Form (ligesaa hos os).—

Embarras de richesses,

Reichtumsnot,

ist der Titel einer Komödie des Abbé d'Allainval (†1753).—

Philipp Néricault Destouches (1680-1754) sagt in [S. 278]der Komödie "Le Glorieux" (zuerst gegeben 18. Jan. 1732) 2, 5:

La critique est aisée, et l'art est difficile,

Die Kritik ist leicht, und die Kunst ist schwer;

in 3, 5 befindet sich der dem Horaz (Epist. 1, 10, 24 "Naturam expellas etc.") nachgebildete Vers:

Chassez le naturel, il revient an galop.

Vertreib't das Naturell, es kommt im Nu zurück.—

Das Bild für eine komisch grosse Erregung in kleinem Kreise,

Sturm im Glase Wasser,

verdanken wir Charles de Sécondat, Baron de Montesquieu (1689-1755), welcher die Wirren in der Zwergrepublik San Marino "tempête dans un verre d'eau" nannte (s. Balzacs "le Curé de Tours" p. 281, Oeuvr. compl. Par. 1857).

Ihm floss dieser Vergleich wohl aus den Alten zu. In ähnlichem Sinne nämlich war zur Zeit Ciceros (s. "de leg." 3, 16) "excitare fluctus in simpulo" (Stürme im Schöpflöffel erregen) sprichwörtlich; und im Athenaeus ("Deipnos." VIII, 19) verspottet der Flötenspieler Dorion die Tonmalerei des Zitherspielers Timotheos, der einen Seesturm spielen wollte, mit den Worten: "er habe in einem siedenden Kochtopfe schon einen grösseren Sturm gehört".—

Von Worten François Marie Arouet de Voltaires (1694-1778) sind bekannt: aus "Candide":

Tout est pour le mieux dans le meilleur des mondes possibles,

Alles ist aufs beste bestellt in der besten der möglichen Welten,

ein von Leibniz in "Theodicaea", (1710) 1, 8 (— —nisi inter omnes possibiles mundos optimus esset, Deus nullum produxisset, Gott hätte keine Welt geschaffen, wenn sie nicht unter allen möglichen die beste wäre) ausgesprochener und von Voltaire in diesem Romane verspotteter Gedanke; dann Vers 1, 7 der Komödie "Charlot":

[S. 279]

Et voilà justement comme on écrit l'histoire

Und das ist just die Art, wie man Geschichte schreibt,

während er ein Jahr früher, 24. Sept. 1766, an Madame du Deffand in Prosa geschrieben hatte: "Et voilà comme on écrit l'histoire". In Voltaires "Jeannot et Colin" lesen wir: "Toutes les histoires anciennes, comme le disait un de nos beaux esprits, ne sont que des fables convenues" und vermuten Voltaire selbst in dem "Schöngeist", der uns so die Geschichte eine

fable convenue

vereinbarte, zugegebene Fabel

nennen lehrte. Andere rathen auf Fontenelle, wie Garnier in seiner Voltaire-Ausgabe T. XXI, p. 237 ohne Fundstelle.—

Aus dem ersten Gesange von Voltaires "Henriade" ist der 31. Vers:

Tel brille au second rang, qui s'éclipse au premier,

Oft glänzt im zweiten Rang, wer ganz erlischt im ersten;

aus der Vorrede zum "Enfant prodigue":

Tous les genres sont bons, hors le genre ennuyeux,

Alle Kunstgattungen sind gut, mit Ausnahme der langweiligen Kunstgattung,

(von Wieland am Ende seiner "Sendschreiben an einen jungen Dichter", von Goethe in dem am 11. Juni 1792 gesprochenen Epilog [s. seine "Theaterreden"], nachgeahmt);

aus "le Mondain":

Le superflu, chose très-nécessaire,

Das Überflüssige, ein höchst notwendiges Ding.—

Der Salomon des Nordens

wird Friedrich der Grosse zuerst in Voltaires "Ode an die Preussen bei der Thronbesteigung Friedrichs" (1740) und später oft in den Briefen genannt.

[S. 280]

Voltaires:

Ecrasez l'infâme

findet sich in seinem Briefwechsel mit einigen ihm befreundeten Freigeistern in dem Zeitraume von 1759-68. Man trifft diesen Ausdruck, und ähnliche, in seiner Korrespondenz mit Friedrich dem Grossen, Helvetius, Diderot, d'Alembert, Marmontel, Thieriot, dem Advokaten Christin, dem Grafen d'Argental, Marquis d'Argens, Madame d'Épinay und Damilaville. Namentlich zeichnete Voltaire seine Briefe an d'Alembert oft und an Damilaville, den anonymen Verfasser eines "Enthüllten Christentums", einen seiner zuverlässigsten Freunde, gewöhnlich statt mit seinem Namen mit Écr. l'inf.. . oder auch wohl Écrlinf, so dass die mit der Eröffnung staatsgefährlicher Briefe betrauten Beamten dies für den Namen des Absenders hielten. Der Ausdruck "L'infâme" findet sich zum ersten Mal in einem Briefe Friedrichs des Grossen an den Marquis d'Argens vom 2. Mai 1759, dann in einem Briefe, den der König am 18. Mai 1759 aus Landshut an Voltaire richtet, und zuletzt in einem Brief Voltaires am 27. Jan. 1768 an Damilaville. Das Wort scheint später aus Voltaires Korrespondenz zu verschwinden, weil es eine ihm gefährliche Berühmtheit bekommen mochte. Aus sämtlichen Stellen geht hervor, dass "infâme" als weibliches Eigenschaftswort zu denken ist, zu dem man daher ein entsprechendes Hauptwort zu ergänzen hat. Voltaire wünschte, das zu ergänzende Hauptwort solle "superstition", Aberglaube, sein, was sich aus vielen seiner Briefe ergiebt, z. B. 1) aus einem vom 23. Jan. an d'Alembert, 2) aus einem vom 29. Aug. 1762 an den König, 3) aus einem vom 28. Nov. 1762 [S. 281]an d'Alembert, und 4) aus einem vom 21. Juni 1770 an denselben. Voltaire meinte mit "Aberglauben" die Kirche (nicht die Religion).—

Séide, Seïde,

der Sklave Muhameds, ist durch Voltaires Tragödie "Le fanatisme ou Mahomed le prophète" (1739) die Bezeichnung für einen fanatischen Nachbeter und Anhänger geworden.—

Ebenda 2, 4 spricht Mahomed das Wort aus, das Beaumarchais zum Motto nahm:

Ma vie est un combat,

Mein Leben ist ein Kampf.

Dieser Gedanke war nicht neu; denn nach der Vulgata lautet Hiob 7, 1 "Militia est vita hominis" ("des Menschen Leben ist ein Kampf", nach Luther: "Muss nicht der Mensch immer im Streit sein auf Erden?"); Euripides ("Die Hülfeflehenden" 550) sagt: "πάλαισμά θ' ἡμῶν ὁ βίος" ("Unser Leben ist ein Kampf") und Seneca schreibt im 96. Briefe: "Vivere militare est", "leben heisst kämpfen" (vrgl. "Gefl. Worte aus lateinischen Schriftst." und 1. Tim. 6, 12; 2. Tim. 4, 7 sowie Goethes "Denn ich bin ein Mensch gewesen u. s. w.").—

In Voltaires "Discours sur l'homme", 6, lesen wir:

"Mais malheur à l'auteur qui veut toujours instruire!

Le secret d'ennuyer est celui de tout dire".

Doch wehe dem Poët, der lehrt in jeder Zeile!

Wer Alles sagt, besitzt die Kunst der Langenweile.—

Le style, c'est l'homme,

Wie der Stil, so der Mensch,

ist eine Umänderung der Worte des Grafen George Louis Leclerc de Buffon (1707-88) in seiner Antrittsrede in der Akademie: "Recueil de l'Académie" (1753, S. 337) "le style est l'homme même". Die Lesart späterer Ausgaben lautet aber: "le style est de l'homme même".—

Où peut-on être mieux

Qu'au sein de sa famille?

[S. 282]

Tout est content, le coeur, les yeux.

Vivons, aimons comme nos bons aieux!

(Wo kann man besser weilen, als im Schosse seiner Familie? Alles ist befriedigt, das Herz, die Augen. Leben wir,lieben wir, wie unsre guten Voreltern!)

ist aus Jean François Marmontels (1723-99) am 5. Januar 1769 zuerst aufgeführten, von Grétry komponierten "Lucile".—

Ils sont passés, ces jours de fête,

Sie sind vorbei, des Festes Tage,

stammt aus Anseaumes am 20. Sept. 1769 zuerst aufgeführten Oper "Le Tableau parlant".—

Les extrèmes se touchent

ist in Louis Sebastien Merciers (1740-1814) "Tableau de Paris" (Amst. 1782-88) die Überschrift vom 348. Kapitel des vierten Bandes. Es kommt ferner vor bei Anquetil in "Louis XIV, sa Cour et le Régent", (Paris 1789) 1. Bd. (1674-80).—Labruyère ("Caractères", 1687) sagt: "Une gravité trop étudiée devient comique; ce sont comme des extrémités qui se touchent", und Pascal ("Pensées", 1692): "Les sciences ont deux extrémités qui se touchent".

Epiphanius (4. Jahrh.) "Adversus haereses" I. 3, t. 2 führt als berühmten Ausspruch heidnischer Philosophen an: "αἱ ἀκρότητες, ἰσότητες, extremitates, aequalitates". In des Aristoteles "Moral. Eudemiorum" lib. 3, c. 7, 1234 steht: ἔστι δ' ἐναντιώτερον τοῖς ἀκροῖς τὸ μέσον ἢ ἐκεῖνα ἀλλήλοις, διότι τὸ μὲν μετ' οὐδετέρου γίνεται αὐτῶν τὰ δὲ (τὰ ἄκρα) πολλάκις μετ' ἀλλήλων. (Extrema frequenter una habitant.) Der Commentator zu Cassiani († um 448) "Collationes", c. 16, Alardus Gazaeus sagt: "videtur haec sententia (nimitates aequalitates) proverbialis locutio ex Aristotele desumpta II, Ethik 6".—

Évariste Vicomte de Parny (1753-1814) singt ("Poësies", Par. 1777, Lettre 4):

[S. 283]

"La peine est aux lieux qu'n habite

Et le bonheur où l'on n'est paso".

"Die Qual ist überall, wo wir auch hausen,

Und wo wir nicht sind, ist das Glück".

Dies citieren wir mit der Schlusszeile von "Des Fremdlings Abendlied", das Schmidt von Lübeck 1808 im "Taschenbuch zum geselligen Vergnügen" veröffentlichte, in folgender Form:

Da, wo du nicht bist, ist das Glück!

Zelter komponierte das Lied und dann Schubert, der es aber veränderte und "Der Wanderer" betitelte. Bei ihm schliesst es:

"Dort, wo du nicht bist, dort ist das Glück!"—

Jean François Collin d'Harlevilles (1755-1806) stolze Redensart in "Malice pour malice" (1793), 1, 8:

Impossible est un mot que je ne dis jamais,

"Unmöglich" ist ein Wort, dass ich nie ausspreche,

mochte Napoléon I. vorschweben, als er aus Dresden am 9. Juli 1813 (s. "Correspondance") an den Kommandanten von Magdeburg, Grafen Lemarois, schrieb: "'Ce n'est pas possible', m'écrivez-vous: cela n'est pas français"—"'Es ist nicht möglich', schreiben Sie mir: Das ist unfranzösisch". Hieraus entsprang das geflügelte Wort

Impossible n'est pas un mot français.—

Anthelme Brillat-Savarin (1756-1826) begann seine "Physiologie du goût" (1825) mit den "Aphorismes du professeur", deren viertes lautet:

Dis-moi ce que tu manges, je te dirai ce que tu es.

Sage mir, was du isst, und ich sage dir, was du bist.

S. Feuerbachs "Der Mensch ist, was er isst".—

Das ganz unverbürgte Wort des Müllers von Sanssouci an Friedrich den Grossen: "Ja, wenn das Berliner [S. 284]Kammergericht nicht wäre", hat François Guillaume Jean Stanislas Andrieux (1759-1833) den Stoff zu einer poetischen Erzählung "der Müller von Sanssouci" (1797) geliefert. Daraus wird der Vers:

Oui, si nous n'avions pas de juges à Berlin,

Ja, wenn wir in Berlin nicht Richter haben würden,

auch in Deutschland citiert und zwar in der Fassung

Il y a des juges à Berlin.

Lehmanns "Florilegium politicum auctum", (Frankfurt 1662, 1. T., S. 332, No. 46) erzählt eine ähnliche Geschichte, von der eine persische Version aus der Zeit des Chosrev Nuschirvan (531-79) in Wüstenfelds "Zeitschrift der deutschen Morgenländischen Gesellschaft" (18, 406; 1864) mitgeteilt wird.—

Allons, enfants de la patrie!

Auf, Kinder des Vaterlands!

ist der Anfang des in der Nacht vom 24. zum 25. April 1792 in Strassburg von dem Ingenieuroffizier Joseph Rouget de Lisle (1760-1836) gedichteten und komponierten "Chant de guerre de l'armée du Rhin" ("Schlachtgesang der Rheinarmee").

Am 25. April trägt er das Lied beim Maire Dietrich vor und schickt es an demselben Tage mit Widmung an den Oberbefehlshaber der Rheinarmee, Marschall de Luckner. Ende Mai oder Anfang Juni erschien es anonym, mit der Widmung auf zwei Queroctav-Blättern. Am 30. Juli singen es die Marseiller Verbündeten bei ihrem Einzuge in Paris, und von nun an nimmt es die Bezeichnung "Marseillaise" an. Eine Originalausgabe ist in Strassburg i. E. Dann erschien das Lied als "Le Chant des Combats" 1793 im "Almanach des Muses" zu Paris und 1796 in den "Essais en vers et en prose par Joseph Rouget de Lisle" (Paris. P. Didot l'ainé. An 5e de la republique. S. 57-59) unter dem Titel: "Le Chant des Combats, vulgairement L'Hymne des Marseillois. Aux Mânes de Sylvain Bailly, premier Maire de Paris".—

Anne Louise Germaine Baronne de Staël-Holstein, geb. Necker (1766-1817) sagt in ihrem Buch "Corinne, ou L'Italie" (1807; L. 18, Ch. 5): "Überlegenheit von Geist und Seele fürchtet man mit Unrecht; diese [S. 285]Überlegenheit ist vielmehr höchst sittlicher Natur; denn ("tout comprendre rend très-indulgent") Alles richtig verstehen macht sehr nachsichtig . . ." Hieraus scheint der stets auf Frau von Staël zurückgeführte weiter greifende Satz gebildet zu sein:

Tout comprendre c'est tout pardonner.

Alles verstehen ist Alles verzeihen.—

François Auguste Vicomte de Chateaubriand (1768-1848) schildert am Schluss seines Buches "Les Martyrs ou le triomphe de la religion chrétienne" ("Oeuvres" t. 21. p. 132, Paris 1836), wie Alles in Rom donnert und kracht, als ein edles Märtyrerpaar den Tigern in der Arena preisgegeben wird, wie die Götterbilder wanken und man, wie einst in Jerusalem, eine Stimme rufen hört:

Les dieux s'ent vont.

Dies Wort brachte Heine bei uns auf, der 1833 ("Romantische Schule". "Werke". Strodtmann. VI, 101) schrieb: "Les dieux s'en vont, Goethe ist todt." Chateaubriand aber schöpfte aus Flavius Josephus, der ("de bello judaico" VI, 5, 3) unter den Vorzeichen von Jerusalems Untergang anführt, die Priester hätten zu Pfingsten im Tempel ein Getöse verspürt und den vielstimmigen Ruf gehört: "Wir gehen fort von hier!"—

Das in Camille Jordans (1771-1821) "Vrai sens du vote national sur le consulat à vie" (1802, S. 46) enthaltene

"Le couronnement de l'édifice"

die Krönung des Gebäudes

ist durch Napoléon III. zum Schlagworte geworden. Er wendete es in einem Schreiben an den Staatsminister [S. 286]Rouher an, das sein Dekret über vorzunehmende Reformen vom 20. Januar 1867 begleitete. Schon am 14. Febr. 1853 hatte er in seiner Eröffnungsrede des Parlaments gesagt: "La liberté n'a jamais aidé à fonder d'édifice politique durable; elle le couronne quand le temps l'a consolidé". ("Die Freiheit hat niemals ein dauerhaftes Staatsgebäude gründen helfen; sie krönt es, wenn die Zeit es befestigt hat".)—

Aus Méhuls zuerst 1807 in Paris und in Deutschland 1809 aufgeführtem "Joseph in Ägypten", Text von Alexandre Duval (1767-1842), Akt 1 ist:

Ich war Jüngling noch an Jahren.—

Artikel 340 des "Code Napoléon" (vom 20. März 1804) lautet:

La recherche de la paternité est interdite.

Die Erforschung der Vaterschaft ist untersagt.—

Aus Boieldieus zuerst 1812 aufgeführtem "Johann von Paris", dessen Text von St. Just gedichtet ist, stammt:

Welche Lust gewährt das Reisen!—

Aus einer Romanze der zuerst 1814 in Paris aufgeführten Oper Isouards "Joconde" (3. Aufz. No. 1), Text von Étienne (1778-1845) stammt:

"(On pense, on pense encore

A celle qu'on adore,)

Et l'on revient toujours

A ses premiers amours."

"An Die man denkt und denkt,

Der's Herz man einst geschenkt

Und stets kommt man zurück

Aufs erste Liebesglück."

Viele citieren den Vers verderbend: "premières amours", weil sie wähnen, die männliche Form sei ganz unzulässig; aber im "Dictionnaire de l'Académie" (v. J. 1800) steht unter "Amour (Liebschaft)": "presque toujours [S. 287]feminin au pluriel . ." und Etienne bedurfte des Jambenflusses halber dieser Ausnahme von der Regel.—

Aus Boieldieus 1825 zuerst aufgeführten Oper "Die weisse Dame", deren Text von Augustin Eugène Scribe (1791-1861) ist, stammt:

Ha! welche Lust, Soldat zu sein!

Aus Scribes und Germain Delavignes(1790-1868) von Hermann Mendel übersetztem Texte zu Meyerbeers zuerst in Paris 1831 aufgeführtem "Robert der Teufel" ist:

(Ja) das Gold ist nur Chimäre,

das auch den Franzosen in der Form spruchhaft wurde:

Oui, l'or est une chimère.—

Revanche für Pavia!

ist der Nebentitel des Lustspiels "Die Erzählungen der Königin von Navarra" (1851) von Scribe und Ernest Legouvé (geb. 1807).—

Les enfants terribles

erfand der Satirenzeichner Paul Gavarni (Sulpice Guillaume Chevalier, 1801-66) für eine seiner komischen Bilderfolgen.—

Das Lied:

Reich mit des Orients Schätzen beladen,

ist die Übersetzung von Léon Halévys (1802-82):

"Un beau navire à la riche carène etc.",

die der Dresdener Oberpfarrer Karl Kirsch 1829 lieferte (s. "Troubadour, eine Sammlung von Romanzen, Liedern und Nocturnes, Worte von Karl Kirsch". Lpzg. o. J., Industrie-Comptoir). Den Titel "La jeune Indienne" übertrug er mit "das Hindumädchen"; die erste Zeile lautete jedoch: "Reich mit des Orients Segen beladen". Der Komponist Louis Huth veränderte es zu der oben [S. 288]angegebenen Fassung. Hiernach wären die Angaben Hoffmann v. Fallerslebens ("Unsere volkstümlichen Lieder", No. 741) umzugestalten. Jedenfalls kannte der Übersetzer die Verse aus Schillers "Ring des Polykrates":

"Mit fremden Schätzen reich beladen,

Kehrt zu den heimischen Gestaden

Der Schiffe mastenreicher Wald."—

Aus Eugène Sues (1804-57) "le Juif errant" (1844-45) ist

Rodin

für die Bezeichnung eines Jesuiten typisch geworden.—

Chauvin,

ein Rekrut, tritt in dem am 19. März 1831 im Theater "Folies dramatiques" mit vielem Beifall aufgeführten Lustspiele der Gebrüder Cogniard (Théodore, 1806-72, und Hippolyte, 1807-82,) "La cocarde tricolore" auf. Im "Figaro" (28. Jahrg., Sér. 3, No. 41) behauptet ein alter Pariser, er habe diesen Haudegen persönlich gekannt. Nach Littré ist es jedoch nur eine auf volkstümlichen Zeichnungen vorkommende Figur, die, eines verblendeten und beschränkten Patriotismus Gefühle in Bezug auf Napoléons I. Erfolge und Misserfolge ausdrückend, demjenigen den Namen gab, der übertriebene und lächerliche Ansichten über Vaterlandsliebe und Krieg hat.—

La propriété c'est le vol,

Eigentum ist Diebstahl,

sagt Pierre Joseph Proudhon (1809-65) in "Qu'est-ce que c'est que la propriété? ou: Recherches sur le principe du droit et du gouvernement" (Paris 1840). Brissot schrieb bereits in seinen "Recherches philosophiques sur le droit de propriété et sur le vol considéré dans sa [S. 289]nature" (1780): "La propriété exclusive est un vol dans sa nature". Übrigens sagen schon im 13. Jahrh. die Weisheitssprüche hinter Jehuda Tibbons Ermahnungsschrift (Berlin 1852), dass Eigentum, d. h. Geld, Diebstahl ist; und "Eigentum ist etwas Abscheuliches" heisst es in Morellys "Le Code de la nature" (Amsterd. 1755).—

Le spectre rouge (de 1852)

Das rothe Gespenst (von 1852)

ist der Titel einer Broschüre M. A. Romieus (4o Edit. Berlin 1851), in welcher er für Frankreich den Bürgerkrieg prophezeit.—

(Le) Demi-monde Halbwelt

ist der Titel eines 1855 veröffentlichten Romans von Alexandre Dumas dem Jüngeren (geb. 1824).—

Auf, nach Kreta!

ist aus Offenbachs Operette "Die schöne Helena" (1865), deren Text von Henry Meilhac (geb. 1832) und Ludovic Halévy (geb. 1834) herrührt.—


[S. 290]

VI.
Geflügelte Worte aus englischen Schriftstellern.

Utopien

(d. h. Nirgendreich aus dem griechischen οὐ, nicht, und τόπος, Ort) nennen wir ein von der Phantasie geschaffenes, ideales, unmögliches Land nach der von Thomas Morus (1480-1535) 1516 verfassten Schrift "De optimo reipublicae statu deque nova insula Utopia" ("über den besten Zustand des Staates und über die neue Insel Utopien").—

In Sir Philip Sidneys (1554-86) "Arcadia", 3, die erst nach seinem Tode erschien, steht:

My better half

meine bessere Hälfte.—

In englischer Sprache citieren wir:

My house is my castle,

Mein Haus ist meine Burg,

die Umformung eines Rechtsspruches bei Sir Edward Coke (1551-1633), der ("Institutes", T. 3, R. 162, Abschnitt "Gegen das Bewaffnetgehen") den Satz "Es darf Jemand Freund und Nachbarn versammeln, um sein Haus gegen Diejenigen zu verteidigen, welche ihn [S. 291]berauben oder töten oder ihm darin Gewalt anthun wollen", also begründet:

For a man's house is his castle.

Denn eines Mannes Haus ist seine Veste.

Er sagt ferner in "Semaynes Case" (5, Report 91): "Das Haus eines Jeglichen ist ihm gleich wie seine Burg und seine Veste, sowohl zu seiner Verteidigung gegen Beleidigung und Gewalt wie zu seiner Ruhe". Doch hätten wir es kaum nötig, diesen alten Rechtsspruch englisch zu citieren, da er im Haimburger Stadtrecht von 1244 deutsch lautet: "Wir wollen auch, daz einem jegeleichen purger sein Haus seine Veste sei". (Osenbrüggen "Der Hausfrieden", Erlangen 1857, S. 3 und 4.)—

Francis Bacon (1561-1626) veröffentlichte "Essayes. Religious Meditations. Plaies of perswasion and disswasion". (Scene and allowed. Print. f. H. Hooper. Chancery Lane. 1597.) Der besondere Titel der zweiten, auf dem Gesamttitel als "Religious Meditations" bezeichneten Abteilung lautet: "Meditationes sacrae". (Londini. Excud. Joh. Windel.) Nur diese "Meditationes sacrae" erschienen hier in lateinischer Sprache, und in deren 11. Artikel "De Haeresibus" steht die Stelle: "nam et ipsa scientia potestas est" (denn die Wissenschaft selbst ist Macht). 1598 wurde dieser Sammelband bei demselben Verleger wieder abgedruckt, nur dass in dieser Ausgabe die "Religious meditations" auch englisch erschienen; hier im 11. Artikel "Of Heresies" ist Obiges übersetzt: for (denn)

knowledge (itself) is power,

Wissenschaft (selbst) ist Macht.

Im "novum organum" 1, 3 (vrgl. 2, 1 u. 3) begründet es Bacon also:

[S. 292]

"scientia et potentia humana in idem coincidunt, quia ignoratio causae destituit effectum" (Der Menschen Wissen und Macht fällt in Eins zusammen, weil Unkenntnis jeden Erfolg vereitelt).—

Shakespeare (1564-1616), der hier nach der sogenannten Schlegel-Tieckschen Übersetzung citiert wird, in der jedoch dreizehn Dramen von Wolf Graf Baudissin bearbeitet sind, bietet im "Hamlet" 1, 2:

Schwachheit, dein Nam' ist Weib!

Frailty, thy name is woman!

Vordem übersetzte Wieland:

Gebrechlichkeit, dein Nam' ist Weib!

Raupach ("Die Schleichhändler", Akt 2 geg. Ende) bildete daraus die Travestie:

O Verstellung, dein Name ist Kieckebusch!—

Im "Hamlet" 1, 2 heisst es ferner:

Er war ein Mann, nehmt Alles nur in Allem,

Ich werde nimmer seines Gleichen seh'n,

He was a man, take him for all in all,

I shall not look upon his like again,

wie auch Antonius vom Brutus im "Cäsar", 5, 5 sagt:

Dies war ein Mann;

This was a man!

"Hamlet" 1, 4 steht:

(Du kommst in) so fragwürdiger Gestalt,

(Thou com'st in) such a questionable shape,

Etwas ist faul im Staate Dänemark;

Something is rotten in the state of Denmark;

1, 5:

(But soft! methinks,) I scent the morning air,

(Doch still! mich dünkt) ich witt're Morgenluft,

(was in Bürgers "Lenore", Str. 28 wiederholt wird);

Es giebt mehr Ding' im Himmel und auf Erden,

Als eure Schulweisheit sich träumen lässt;

There are more things in heaven and earth, Horatio,

Than are dreamt of in our philosophy;

Die Zeit ist aus den Fugen,

The time is out of joint.

[S. 293]

"Hamlet" 2, 2 steht:

Kürze ist des Witzes Seele,

Brevity is the soul of wit;

auch hört man die Übersetzung: "Kürze ist des Witzes Würze";

Mehr Inhalt, wen'ger Kunst;

More matter, with less art;

Zweifle an der Sonne Klarheit,

Zweifle an der Sterne Licht,

Zweifl', ob lügen kann die Wahrheit,

Nur an meiner Liebe nicht;

Doubt thou, the stars are fire,

Doubt that the sun doth move;

Doubt truth to be a liar;

But never doubt, I love;

Ist dies schon Tollheit, hat es doch Methode;

Though this be madness, yet there is method in it;

Kaviar für das Volk;

Caviare to the general;

Behandelt jeden Menschen nach seinem Verdienst, und wer ist vor Schlägen sicher?

Use every man after his desert, and who should 'scape whipping?

Was ist ihm Hekuba, was ist er ihr,

Dass er um sie soll weinen?

What's Hecuba to him, or he to Hecuba,

That he should weep for her?

In Homers "Iliade" (6, 449 ff.) sagt Hektor zu Andromache, dass ihn sogar der Hekuba, seiner Mutter, künftiges Leid minder bekümmere, als ihres, der Gattin.

Aus Hamlets Monolog in 3, 1 ist:

Sein oder Nichtsein, das ist hier die Frage.

To be or not to be, that is the question.

(s' ist) ein Ziel

Aufs innigste zu wünschen (näml. der Todesschlaf).

'tis a consummation

Devoutly to be wish'd;

Der angebor'nen Farbe der Entschliessung

Wird des Gedankens Blässe angekränkelt;

And thus the native hue of resolution

Is sicklied o'er with the pale cast of thought.

[S. 294]

Das Wort Hamlets ebenda:

Get thee to a nunnery,

Geh' in ein Kloster,

wird bei uns in der Form citiert:

Geh' in's Kloster,

so von Heine in den "Romancero"-Gredichten: "Die alte Rose" und "Der Exnachtwächter".—

Ferner enthält diese Scene Ophelias:

O welch' ein edler Geist ist hier zerstört!

O what a noble mind is here o'erthrown!

Aus 5, 1 ist Hamlets Ausruf:

Ach, armer Yorick!

Alas, poor Yorick!

Lorenz Sterne veröffentlichte seine "Predigten" (London 1760 und 1766) unter dem Namen Yorick, womit er sich keine geringe Schmeichelei sagte, da Hamlett den Yorick, des Königs Spassmacher, 5, 1 einen "Burschen von unendlichem Humor, voll von den herrlichsten Einfällen" nennt. Auch Sternes "Sentimentale Reise" erschien nach seinem Tode (1768) unter dem Namen Yorick.—

Aus 5, 2 werden Hamlets letzte Worte citiert:

Der Rest ist Schweigen.

The rest is silence.—

Aus dem 1. Teile von Shakespeares "König Heinrich IV." wird der Beiname Heinrich Percys,

Hotspur, Heisssporn

auf einen heissblütigen, ritterlichen Jüngling angewendet. 2, 4 bietet die Worte des Kellners Franz:

Gleich, Herr, gleich!

Anon, Sir, anon!

und die drei Worte des Falstaff:

So lag ich, und so führt'(e) ich meine Klinge,

Here I lay, and thus, I bore my point;

[S. 295]

(Wenn Gründe) so gemein wie Brombeeren (wären),

(If reasons were) as plenty as blackberries;

Hol' die Pest Kummer und Seufzen! Es bläst einen Menschen auf, wie einen Schlauch,

A plague of sighing and grief; it blows a man up like a bladder.

Auch fordert Falstaff dort mehrfach "a cup of sack", "ein Glas Sekt", worunter ein südlicher Wein zu verstehen ist. Das Wort

Sekt (oder Sect)

soll zuerst in Berlin und bald in ganz Deutschland die Bedeutung "Champagner" dadurch bekommen haben, dass sich Ludwig Devrient, die Rolle des Falstaff weiter spielend, in der Weinstube von Lutter und Wegener in Berlin (Charlottenstr. 49) also sein schäumendes Lieblingsgetränk zu bestellen pflegte.

4, 2 bietet Falstaffs

Futter für Pulver (oder: Kanonenfutter),

Food for powder.

5, 1 gegen Ende finden wir Falstaffs:

Ich wollte, es wäre Schlafenszeit, Heinz, und Alles gut.

I would it were bedtime, Hal, and all well.

5, 4 sagt Prinz Heinrich, als er den sich tot stellenden Falstaff unter den Gefallenen auf dem Schlachtfelde erblickt:

Ich könnte besser einen Bessern missen,

I could have better spared a better man,

und ebenda sagt Falstaff:

Das bessere Teil der Tapferkeit ist Vorsicht.

The better part of valour is discretion.

Im zweiten Teil von Shakespeares, "König Heinrich IV.", 4, 4 haben wir des Königs Worte:

Dein Wunsch war des Gedankens Vater, Heinrich,

Thy wish was father, Harry, to that thought.

[S. 296]

Es liesse sich annehmen, dass irgendwie des Demosthenes Gedanke (3. Olynthische Rede § 19): "ὃ γὰρ βούλεται, τοῦθ' ἕκαστος καὶ οἴεται". (Jeder bildet sich die Dinge so ein, wie er sie sich wünscht) bis zu Shakespeare gelangt wäre, der ihm dann seine dauernde Form gab.—

In Shakespeares "Julius Cäsar", 1, 2 sagt Cäsar:

Er denkt zu viel, die Leute sind gefährlich.

He thinks too much; such men are dangerous.

Das in 3, 1 vorkommende Wort des Antonius:

Zuletzt, doch nicht der letzte meinem Herzen,

Tho' last, not least in love,

ist in der Form, in der es Lear, 1, 1 zu Cordelia spricht

Du jüngste, nicht geringste,

Although the last, not least,

geläufiger (Shakespeare fand es bereits in Spensers [† 1599] "Colin Clout", 444 vor).

In "Julius Cäsar" 3, 2 finden wir die Worte des Antonius:

Denn Brutus ist ein ehrenwerter Mann;

Das sind sie Alle, Alle ehrenwert.

For Brutus is an honourable man,

So are they all, all honourable men.

Die Umwandlung einer aus Plutarchs "Caesar" 69 entlehnten Stelle (ὄψῃ δέ με περὶ Φιλίππους) lautet in Shakespeares "Julius Caesar" 4, 3:

Bei Philippi sehen wir uns wieder.—

In Shakespeares "Heinrich V.", 2, 1 (und in den "Lustigen Weibern von Windsor" 2, 1) sagt Nym:

Das ist der Humor davon,

There's the humour of it,

was sich in derselben Scene viermal in der Form

that is the humour of it

wiederholt. Aus 4, 3 führen wir ein uns nur in englischer Form:

[S. 297]

Household words

(Alltagsworte)

geläufiges Wort an. Es ist dadurch so bekannt geworden, dass Charles Dickens es zum Titel eines viel gelesenen litterarischen Unterhaltungsblattes wählte.—

In Shakespeares "Richard III.", 1, 1 steht:

the winter of our discontent.

Der Winter unseres Missvergnügens;

5, 4:

Ein Pferd! ein Pferd! (m)ein Königreich für'n Pferd

A horse! a horse! my kingdom for a horse!

Beim Citieren wird dieses Wort häufig travestiert, so dass statt "ein Pferd" der jedesmalige Gegenstand des Wunsches gesetzt wird.—

Aus Shakespeares "Heinrich VIII.", 4, 2 stammt:

Men's evil manners live in brass; their virtues

We write in water.

Der Menschen Sünden leben fort in Erz;

Ihr edles Wirken schreiben wir ins Wasser.

Shakespeare hat hier offenbar Thomas Mores "History of Richard III.", 1557, S. 57 benutzt: "Men use, if they have an evil turne, to write it in marble, and whoso doth us a good a tourne, we write it in duste". (Hat man ein Ungemach erfahren, so pflegt man es in Marmor zu schreiben, und jede uns erwiesene Wohlthat schreiben wir in den Staub).—

Aus Shakespeares "Sommernachtstraum" 5, 1 entnehmen wir:

Des Dichters Aug' in schönem Wahnsinn rollend,

The poets eye, in a fine frenzy[57] rolling;

ferner des die Satzglieder verdrehenden Prologusspielers Worte "That is the true beginning of our end" ("Das ist das wahre Beginnen unseres Endes", anstatt "Das ist das wahre Endziel unseres Beginnens"), die wir in der Form:

Das ist der Anfang vom Ende,

[S. 298]oder französisch citieren:

C'est le commencement de la fin,

was in den "Hunderttagen" zu seinem Erstaunen Talleyrand zugeschrieben wurde (s. Fournier: "l'Esprit dans l'histoire", Par. 1882, 4. Aufl. S. 438); endlich rufen wir aus derselben Scene ironisch einem grossprahlenden Redner zu:

Gut gebrüllt, Löwe!

Well roared, lion!—

[57] Horaz, Od. III, 4: amabilis insania.

Shakespeares "Kaufmann von Venedig" bietet 1, 2:

Gott schuf ihn, also lasst ihn für einen Menschen gelten.

God made him, and therefore let him pass for a man;

2, 2:

Das ist ein weiser Vater, der sein eigen Kind kennt,

It is a wise father, that knows his own child,

(Telemachs Worte: "Odyssee", I, 215-16). Aus 4, 1 wird citiert:

Ich steh' hier auf meinen Schein.

I stay here on my bond.—

Aus Shakespeares "Sturm" ist:

Caliban

für einen ungefügen, plumpen Gesellen sprichwörtlich; aus 2, 2 ist:

Die Not bringt einen zu seltsamen Schlafgesellen,

Misery acquaints a man with strange bedfellows.—

Aus Shakespeares "Romeo und Julia" citieren wir die Namen der streitenden Familien Montague und Capulet, als Typen des Parteizwistes zweier Häuser, in der Form:

Montecchi und Capuletti;

aus "Romeo und Julia", 2, 2:

Der Narben lacht, wer Wunden nie gefühlt,

He jests at scars, that never felt a wound;

[S. 299]

Was ist ein Name? Was uns Rose heisst,

Wie es auch hiesse, würde lieblich duften;

What 's in a name? that which we call a rose,

By any other name would smell as sweet;

aus 3, 5:

Es war die Nachtigall und nicht die Lerche;

It was the nightingale and not the lark;

aus 5, 3:

O, wackrer Apotheker!

Dein Trank wirkt schnell.

O, true apothecary!

Thy drugs are quick.—

Aus Shakespeares "Macbeth", 1, 3, ist anzuführen (diesmal nach Schillers Übersetzung, nur dass er "rennt" statt "rinnt" nahm):

Komme, was kommen mag,

Die Stunde rinnt auch durch den rauh'sten Tag;

Come what come may,

Time and the hour runs through the roughest day;

aus 1, 5:

Zu voll von Milch der Menschenliebe,

Too full of the milk of human kindness.

(vrgl. Schillers "Tell" 4, 3). Hat Shakespeare dabei an 1. Petri 2, 2 gedacht: "Und seid begierig nach der vernünftigen lauteren Milch, als die jetzt geborenen Kindlein, auf dass ihr durch dieselbige zunehmet?"

Aus "Macbeth" 5, 1 wird citiert:

Alle Wohlgerüche Arabiens,

All the perfumes of Arabia.—

In Shakespeares "Mass für Mass" 5, 1 kommt

tooth of time

vor, was Wieland ("Abderiten", im "Teutschen Merkur", 1774, 1 n. 2, IV, 12 u. "Peregrinus Proteus", 1791, 3) mit

Zahn der Zeit

in Deutschland einbürgerte. Übrigens findet sich die [S. 300]"scharfzahnige Zeit" bereits bei Simonides aus Keos († 468 v. Chr.); s. Stobaeus "Eclog. Phys." I, 8, 22 u. vrgl. Ovid, "Metam." 15, 234-5 u. 872.—

Auch der Titel von Shakespeares Lustspiel:

Verlor'ne Liebesmüh'

nach Tieck:

Liebes-Leid und Lust

Love's labour's lost

wird citiert; ebenso lebt bei uns der Titel seines Lustspiels

Comedy of errors

in dieser Form:

Eine Komödie der Irrungen

und der Titel seines Lustspiels:

Viel Lärm(en) um Nichts,

Much ado about nothing.—

Aus Shakespeares

Othello,

dessen Name sprichwörtlich für einen eifersüchtigen Ehemann wurde, 1, 3 wird citiert:

Thu' Geld in deinen Beutel!

Put money in thy purse!

aus 5, 2:

Hast du zur Nacht gebetet, Desdemona?

Have you prayed to-night, Desdemona?—

Aus Shakespeares "König Lear" 3, 2 stammt des Narren trübes Wort (vrgl. "Was ihr wollt" 5. a. E.):

Denn der Regen, der regnet jeglichen Tag;

For the rain it raineth eyery day;

aus 3, 4:

Kundiger Thebaner;

Learned Theban;

und aus 4, 6:

[S. 301]

Ja, jeder Zoll ein König!

Ay, every inch a king!

und:

Narr des Glücks.

Fool of fortune.

Letzteres kommt auch in "Timon von Athen", 3, 6 und in der Form "fortune's fool" in "Romeo und Julia", 3, 1 vor.—

In der ersten Folio-Ausgabe Shakespeares (London 1623) folgt dem Vorworte eine Reihe von Gedichten, zunächst Ben Jonsons (1574-1637): "Dem Gedächtnisse des Autors, meines geliebten William Shakespeare" u. s. w. In diesem Gedichte steht:

He was not of one age, but for all times,

Nicht seiner Zeit nur, allen Zeiten lebt er,

sowie die unsterblich gewordene Bezeichnung des zu Stratfort am Avon geborenen Shakespeares:

sweet swan of Avon,

süsser Schwan vom Avon,

welche Jonson wohl Horaz nachbildete, der ("Od." 4, 2, 25) Pindar—"Dircaeum cycnum"—"den Schwan vom Dirkequell" nennt, weil dieser in des Dichters Heimat floss und der singende Schwan dem Apoll geweiht war.—

Henry More (1614-87) behauptet im "Encheiridion metaphysicum" (1671), "die Körper hätten bloss drei Dimensionen, die Geister aber vier". Diese

vierte Dimension,

worunter wir jetzt gewöhnlich blühenden Unsinn verstehen, ist uns besonders durch Friedrich Zöllners (1834-82) "Die transcendentale Physik und die sogenannte Philosophie" (Lpz. 1879) in tiefstem Ernst verkündet worden.

Er spricht dort vom Württembergischen Prälaten Friedr. Christ. Oetinger (1702-82. Sämtl. Schriften, hrsg. v. Ehmann, Pfarrer in Unteriesingen [S. 302]bei Tübingen, Stuttg. 1868), der S. 314 über die Philosophie seines Freundes Fricker (1729-66, Pfarrer von Dettingen unter Urrach) sagt: "Zu diesen arithmetischen Schlussfolgen gehört auch ein geometrisch Concept, nämlich das Intensum oder die vierte Dimension".—

Der Theologe Thomas Tully oder Tullius, (1620-79) wird von John Tillotson (1630-94) bewundernd citiert wegen des Satzes: "Dii immortales ad usum hominum fabricati paene videantur" ("fast scheinen die unsterblichen Götter zum Nutzen der Menschen erschaffen zu sein"). Tillotson umschreibt das dann also ("Sermons" Lond. 1712; vol. 1 p. 696, Serm. 93): "if God were not a necessary Being of himself, he might almost seem to be made on purpose for the use and benefit of Men" ("wäre Gott nicht an und für sich notwendigerweise da, er müsste, scheint es, eigens zu Nutz und Frommen der Menschheit geschaffen werden"). Und hieraus schöpfte Voltaire ("Épitre à l'Auteur du livre des trois imposteurs") den berüchtigten Vers:

Si Dieu n'existait pas, il faudrait l'inventer,

Und gäb' es keinen Gott, wir müssten ihn erfinden.—

John Bunyans (1628-88)

"Vanity Fair"

(Markt der Eitelkeit) aus "the Pilgrims Progress", (1678-84) hat Thackeray zum Titel eines satirischen Romans (1847) gewählt.—

Lilliput

ist bei Jonathan Swift (1667-1745) "Gullivers Reisen" (1726) der Name des Märchenlandes der daumenhohen

Lilliputer oder Lilliputaner.—

John Bull

als Bezeichnung des englischen Volkes stammt aus John Arbuthnots (1675-1735) politischer Satire [S. 303] "History of John Bull" (1712). Ein Hoforganist John Bull komponierte i. J. 1605 das Volkslied "God save the king" (vrgl. Heil Dir im Siegerkranz). Weil dieser Tondichter so Volksthümliches schuf, mag Arbuthnot darauf verfallen sein, dessen Namen auf das Volk im Ganzen anzuwenden. George Colmans Schauspiel "John Bull" (1805), das in Karl Blums Übertragung bei uns (1825) aufgeführt wurde, gab aber wohl erst dem Worte Flügel.—

Alexander Pope (1688-1744) sang in seiner "Ode on St. Cecilia's day" (1708):

". . . . 'tis no crime to love"

(Lieben ist kein Verbrechen).

In Gellerts Lustspiel "Die zärtlichen Schwestern" (1747) sagt Lottchen (1, 11), sie halte "die vernünftige Liebe für kein grösser Verbrechen, als die vernünftige Freundschaft", und Siegmund ruft aus (2, 10): "Julchen widersteht ja seiner Liebe. Ist es ein Verbrechen? was kann ich dafür, dass sie mich rührt?" Dann sagt Marwood in Lessings "Miss Sara Sampson" (1755; 4, 8): "Es ist kein Verbrechen geliebt haben; noch viel weniger ist es eines, geliebt worden sein, aber die Flatterhaftigkeit ist ein Verbrechen". Und ebenda (5, 10) spricht die sterbende Sara: "Noch liebe ich Sie, Mellefont, und wenn Sie lieben ein Verbrechen ist, wie schuldig werde ich in jener Welt erscheinen!" In Wielands "Grazien" (1770; 2. B.) spricht Amor: "Ist euch lieben ein so gross Verbrechen?" und C. F. Weisse übersetzt Popes Worte in seinen "kleinen lyrischen Gedichten" (Lpz. 1772; Bd. 3, 5. 183) mit: "Ist Lieben ein Verbrechen?" So entstand der Anfangsvers des schon 1810 bekannten Liedes eines Unbekannten:

[S. 304]

Ist denn Lieben ein Verbrechen?—

Hénault schrieb den Vers:

Indocti discant, et ament meminisse periti.

Laien, die mögen hier lernen und Kenner sich freu'n der Erinn'rung.

als Motto auf sein "Abrégé chronologique de l'histoire de France" (1744) und teilte in der 3. Aufl. dieses Abrisses (1749) mit, dass er ihn den Reimen Popes entnommen habe:

"Content, if hence th' unlearn'd their wants may view,

The learn'd reflect on what before they knew",

"Froh, wenn hiernach den Laien sein Kenntnismangel kränkt,

Und abermals der Kenner sein Wissen überdenkt".

(Pope "Essay on Criticism" 1711, V. 744-5).—

Samuel Richardson (1689-1761) gab uns das Muster eines Damenhelden in

Lovelace,

einer Figur seines Romans "Clarissa Harlowe" (1749), und ist für uns der Urheber des Wortes

sentimental,

denn "sentimental" wird in seinem Romane "Sir Charles Grandison" (1753. Bd. 6, Brief 52) durch liegende Schrift als neu und ungewöhnlich bezeichnet und im Index angeführt. Zwölf Jahre später erschien Sternes Buch "Yorick's sentimental journey", dessen Verdeutscher J. J. Ch. Bode (1768) den Titel auf Lessings Rat mit "Yoricks empfindsame Reise" wiedergab. In der Vorrede führt Bode Lessings eigene Worte also an:

"Es kommt darauf an, Wort durch Wort zu übersetzen, nicht eines durch mehrere zu umschreiben. Bemerken Sie [S. 305]sodann, dass "sentimental" ein neues Wort ist. War es Sterne erlaubt, sich ein neues Wort zu bilden, so muss es eben darum auch seinem Übersetzer erlaubt sein. Die Engländer hatten gar kein Adjectivum von 'sentiment', wir haben von 'Empfindung' mehr als eines: 'empfindlich, empfindbar, empfindungsreich', aber diese sagen alle etwas anderes. Wagen Sie 'empfindsam'! wenn eine mühsame Reise heisst, bei der viel Mühe ist, so kann ja auch eine empfindsame Reise heissen, bei der viel Empfindung war; ich will nicht sagen, dass Sie die Analogie ganz auf Ihrer Seite haben dürften. Aber was sich die Leser vor's erste bei dem Worte noch nicht denken, mögen sie sich nach und nach dabei zu denken gewöhnen".

Lessing bildete also das Wort:

empfindsam

nach "sentimental", das er irrtümlich für eine Erfindung Sternes hielt. Noch 1769 braucht Herder in seinen "Kritischen Wäldern" stets "Empfindbarkeit".—

Aus Benjamin Franklins (1706-90) "Weg zum Reichtum" ist:

Three removes are as bad as a fire.

Dreimal umziehen ist so gut, wie einmal abbrennen,

ebendaher ist:

Early to bed and early to rise,

Makes a man healthy, wealthy and wise,

Früh zu Bett, früh auf der Reise,

Macht gesund und reich und weise.—

Das gelegentlich einmal von Samuel Johnson (1709-84) gebrauchte und von seinem Biographen Boswell (im 66. Lebensjahre Johnsons) mitgeteilte

Hell is paved with good intentions,

Die Hölle ist mit guten Vorsätzen gepflastert,

führt Walter Scott in seinem Werke "Die Braut von Lammermoor" (1819), B. 1, Kap. 7 auf einen [S. 306]englischen Theologen zurück. Wahrscheinlich meint er Georg Herbert († 1632), der in "Iacula prudentum" (S. 11, Ausg. von 1651) denselben Gedanken in der Form:

Hell is full of good meaning and wishings

ausspricht. Wir sagen auch:

Der Weg zur Hölle ist mit guten Vorsätzen gepflastert.

Vielleicht lehnt sich dies Wort an Jesus Sirach 21, 11: "Die Gottlosen gehen zwar auf einem feinen Pflaster, dess Ende der Höllen Abgrund ist".—

Oliver Goldsmith (1728-74) hat es schwerlich geahnt, dass die im zweiten Akt seiner Komödie "Der gutmütige Mann" (1760) vorkommenden Worte Loftys:

Massregeln, nicht Menschen

Measures, not men

einst ein mit Erbitterung angewendetes politisches Schlagwort werden würden. So sagt der Verfasser der "Juniusbriefe" in Unkunde über die Quelle des Citats: "Massregeln und nicht Menschen ist der gewöhnliche Ruf angeblicher Mässigung. Das ist eine elende Heuchelei, von Schurken aufgebracht und von Narren in Umlauf gesetzt"; und Burke in seinen "Gedanken über die Gründe der jetzigen Unzufriedenheit", 1773: "Von diesem Kaliber ist die heuchlerische Phrase: Massregeln, nicht Menschen, eine Art Zauberformel, wodurch manche sich jede Ehrenpflicht abschütteln".

Aus Goldsmiths "The Hermit", stanza 8, wird citiert:

Man wants but little here below,

Nor wants that little long,

Hienieden braucht der Mensch nicht viel,

Noch braucht er's lange Zeit,

[S. 307]

während Young schon in "Nightthoughts" (1741) 14, 118 sagt:

Man wants but little, nor that little long.—

William Cowper (1731-1800) ist zu nennen wegen der im Gedichte "The task" (1785) Buch 4 enthaltenen Bezeichnung des Thees:

The cups,

That cheer, but not inebriate.

Die Schalen,

Die erheitern, nicht berauschen.—

Richard Brinsley Sheridan (1751-1816) liefert uns den Titel seiner berühmten Komödie (1777), der auf so viele gesellige Vereinigungen angewendet wird:

The school for scandal.

Die Lästerschule.—

Das bei Robert Burns (1759-96) in dem Gedichte: "Is there for honest poverty" vorkommende

For a' that and a' that

übersetzt Freiligrath mit:

Trotz alledem und alledem.

Schmidt-Weissenfels sagt in einem biographischen Bei- und Nachtrag: "Lassalle und Freiligrath" ("Gegenwart" vom 26. Mai 1877):

"Wenn aus dem Briefwechsel in dieser Zeit noch etwas erwähnenswert ist, so ist es die sichtliche Liebhaberei, mit welcher Lassalle das Lieblingswort Freiligraths: 'Trotz alledem und alledem' darin mehrfach citiert. Freiligrath führte es schon in der glücklichen Poetenzeit, die er früher am Rhein verlebte, im Munde, hatte es dann nach Burns zum Titel und Gedankengang eines seiner leidenschaftlichsten [S. 308]revolutionären Gedichte[58] benutzt, und seitdem war es zu einem geflügelten Wort geworden. Aber eifersüchtig war der Dichter darauf, dass ihm das Urheberrecht daran gewahrt bleibe; auch trug es sein Siegel als Wahlspruch".—

[58] "Neuere politische und sociale Gedichte" von F. Freiligrath, Köln 1849. 1. Heft, S. 62. vrgl. auch Ferd. Freiligraths "ges. Dicht". Stuttg. Göschen, 1870, S. 44 und 172.

William Wordsworth (1770-1850) bietet aus "My heart leaps up" das von Lewes zum Motto des ersten Buches von "Goethes Leben" auserkorene:

The child is (the) father of the man.

Das Kind ist des Mannes Vater.—

Aus Thomas Campbells (1777-1844) "Lochiel's Warning" ist das von Byron als Motto für "Dantes Prophezeiung" gewählte:

('T is the sunset of life gives me mystical lore

And) coming events cast their shadows before.

(Der Abend des Lebens giebt mir geheimnisvolle Weisheit,

Und) künftige Ereignisse werfen ihre Schatten voraus.—

Thomas Moore (1779-1852) beginnt ein schwermütiges Lied seiner "Irischen Melodieen" (1807-34):

"'tis the last rose of summer."

Danach nennen wir, ohne auf den Text weiter einzugehen, den holden Gegenstand der Liebesneigung eines bejahrten Herrn seine

letzte Rose.—

Aus Lord George Byrons (1783-1824) Tagebuche sind bekannt die von ihm mit Bezug auf den unerwarteten Erfolg der beiden ersten Gesänge seines "Childe Harold" geschriebenen Worte:

I awoke one morning and found myself famous,

Ich erwachte eines Morgens und fand mich berühmt!

[S. 309]

und aus "Childe Harold", 4, 79 citiert man die Bezeichnung als:

Niobe of Nations.

Niobe der Nationen.

In seinem "Don Juan" (11, 45 und 13, 49; ersch. 1823) giebt Byron als Zahl der Londoner höheren Schichte reicher hochnäsiger Nichtsthuer "etwa Viertausend" ("about twice two thousand") an und so (11, 54), auch nach Lanne, als die Zahl der "lebenden Schriftsteller": etwa "Zehntausend" ("ten thousand"). Vor ihm bezeichnete man die obere Schichte mit "the upper-crust", dann aber sagte man, wohl die erwähnten beiden Stellen des elften "Don Juan"—Gesanges vermengend, meistens:

The upper ten thousand, oder The upper ten,

Die oberen Zehntausend.

Oder wäre schon Edmund Burke hier als Quelle anzusehen? Dieser versteht nämlich (1793. "Remarks on the policy of the allies . . . ."; "Works", Lond. 1815 VII, p. 140-1) "ganz England" unter dessen 35000 Grundbesitzern und spricht von 10000 adligen Kavalleristen als von der Kraft Preussens, die 1792 gegen Frankreich zog.—

Washington Irving (1783-1859) veröffentlichte 1837 eine Skizze "The Creole Village", in der er den Wunsch ausspricht, es möge unter den unschuldigen Bewohnern dieses Dorfes

"the almighty dollar"

der allmächtige Dollar

immer verachtet bleiben. In "Wolfert's Roost and other Papers" (1855) brachte er dann die kleine Erzählung [S. 310]wieder und sagt in einer Anmerkung (p. 48), jener Ausdruck sei zuerst von ihm damals gebraucht und inzwischen landläufig geworden.—

Der Dichter und Komponist von (Tell me the tales that to me were so dear)

Long, long, ago

Lang', lang' ist's her

ist T. H. Bayly (Cramers Vocal Gems, No. 1).—

"The last of the Mohicans"

Der letzte Mohikaner

(1826), und

"The Path-Finder"

Der Pfadfinder

(1840) sind Romantitel James Fenimore Coopers (1789-1851).—

Aus James Robinson Planchés (1796-1880) englischem, von Th. Hell verdeutschten Texte zu Karl Maria von Webers am 12. April 1826 in London zuerst aufgeführten "Oberon" stammt:

Mein Hüon, mein Gatte!

scherzhaft erweitert durch:

Im Schlafrock von Watte!

nach dem musikalischen Quodlibet "Fröhlich" (von L. Schneider), das in den 30er Jahren in Berlin gegeben wurde, und in dessen 1. Akte der Oberon-Text also parodiert wird:

Alexander, mein Gatte,

Im Schlafrock von Watte!—

Edward George Lytton Bulwer (1803-73) nennt die Deutschen in der Vorrede zu "Ernest Maltravers", London 1837, "das Volk der Dichter und Kritiker". Wir citieren gewöhnlich:

[S. 311]

Volk der Dichter und Denker.

Vielleicht weckte diesen Gedanken Frau von Staël, die in der Vorrede vom 1. Oktober 1813 zu ihrem Buche "De l'Allemagne" schreibt, sie habe vor drei Jahren Preussen und die umliegenden nordischen Länder "la patrie de la pensée" genannt.—

Aus dem Titel von Charles Darwins (1809-82) Werk "On the origin of species by means of natural selection or the preservation of favoured races in the

struggle for life"

(1859) sind die letzten Worte:

Kampf ums Dasein

ins Leben übergegangen. Angeregt zu diesem Schlagworte wurde Darwin durch Malthus, der schon in seinem "Essay on the principles of population" (London 1798) von "struggle for existence" gesprochen hatte.

In der alten fünfaktigen Einteilung von Schillers "Wallensteins Tod" endete der dritte Akt mit einem, bei der neuen Einteilung fortgebliebenen Monologe Buttlers, in dem die Worte vorkommen:

"Nicht Grossmut ist der Geist der Welt,

Krieg führt der Mensch, er liegt zu Feld,

Muss um des Daseins schmalen Boden fechten".—


[S. 312]

VII.
Geflügelte Worte aus italienischen Schriftstellern.

Der erste Vers von Dante Alighieris (1265-1321) "Göttlicher Komödie" ("Hölle" 1, 1) lautet:

Nel mezzo del cammin di nostra vita,

Auf halbem Wege dieser Lebensreise,

und der letzte Vers der Inschrift über der Höllenpforte ("Hölle" 3, 9):

Lasciate ogni speranza, voi ch' entrate

Beim Eintritt hier lasst alle Hoffnung fahren!

Aus 5, 121 der "Hölle" citiert man:

Nessun maggior dolore

Che ricordarsi del tempo felice

Nella miseria.

Kein grössrer Schmerz ist denkbar,

Als sich erinnern glücklich heit'rer Zeit

Im Unglück.

Derselbe Gedanke findet sich bereits in des Boëtius († 524 oder 526 n. Chr.) "Tröstung der Philosophie", 2, 4, welche Schrift Dante gern las: "In omni adversitate fortunae infelicissimum genus infortunii est fuisse felicem", "Bei aller Schicksalstücke ist Glücklichgewesensein die unseligste Unglücksart".—

[S. 313]

Rodomonte, wovon man

Rodomontade

ableitete, ist der Name eines heidnischen Helden in Lodovico Ariostos (1474-1533) "Rasendem Roland" (ersch. 1515). Er ist dem des "Rodamonte" (Bergzertrümmerer) in Bojardos "Verliebtem Roland" (ersch. 1495) sinnzerstörend nachgebildet.—

Furia Francese

französischer Ungestüm

erscheint zuerst bei Antonius de Arena († 1544) "Ad compagnones", S. 11 und entstand wohl aus dem

furor teutonicus

deutscher Ungestüm

bei Lucanus († 65 v. Chr.) "Pharsalia", 1, 255. 256. Auch Petrarca († 1374), Canzone 5, v. 53 spricht von "tedesco furor".—

Se non è vero, è (molto) ben trovato

(Wenn es nicht wahr ist, ist es sehr gut erfunden)

steht in Giordano Brunos (1550-1600) "Gli eroici furori" (Paris 1585, 2. T., 3. Dialog, vrgl. "Opere di Giordano Bruno", hrsg. von Ad. Wagner, Leipz. 1830, Bd. 1, S. 415). Doch gab hiermit Bruno nur einer schon vor ihm üblichen Wendung die knappere Form (s. Fumagalli "Chi l'ha detto?" 1895. S. 349).—

Aus Mozarts zuerst 1787 aufgeführtem "Don Juan", dessen italienischer Text von Lorenzo Daponte (1749-1838) verfasst und durch Friedr. Rochlitz verdeutscht wurde, stammt 1, 1 (s. "Gefl. Worte aus der Bibel": Offenb. Joh.):

Keine Ruh' bei Tag und Nacht

und:

Das ertrage, wem's gefällt;

[S. 314]

sowie 1, 9:

Reich' mir die Hand mein Leben!

und 2, 6:

Weiter (Sonst) hast du keine Schmerzen?

was auch in der Form citiert wird:

Hast du sonst noch Schmerzen?—

Cosi fan tutte

(So machen's alle Weiber)

ist der Titel einer zuerst 1790 in Wien aufgeführten komischen Oper Mozarts, deren Text auch von Lorenzo Daponte herrührt.—

Mich fliehen alle Freuden,

was oft travestiert wird, ist der Anfang eines Liedes aus dem komischen Singspiele "Die schöne Müllerin" (la molinara) von Giovanni Paesiello (1741-1816), das vermutlich Christian Gottlob Neefe (1748-98) übersetzt hat. Das italienische Lied beginnt:

"Nel cor più non mi sento

Brillar la gioventù".

Aus Rossinis zuerst 1813 in Venedig aufgeführtem "Tancred", Akt I, citieren wir:

di tanti palpiti,

nach so langen Leiden.—

Aus Donizettis zuerst 1836 in Neapel aufgeführter Oper "Belisar", deren italienischer Text nach Eduard von Schenks gleichnamigem Trauerspiel von Salvatore Cammarano gedichtet und von J. Hähnel verdeutscht wurde, wird citiert Akt 2. Sc. 3:

Trema, Bisanzio!

Zitt're Byzanz!—


[S. 315]

VIII.
Geflügelte Worte aus spanischen Schriftstellern.

Einen närrischen Verfechter veralteter Anschauungen nennen wir einen

Don Quijote,

nach dem Titelhelden des Romanes von Miguel de Cervantes (1547-1616): "El ingenioso hidalgo Don Quijote de la Mancha" (1. T. 1605. 2. T. 1615). Nach dem Kampfross des Don Quijote nennen wir einen elenden Gaul eine (richtiger einen)

Rosinante

(spanisch: "Rocinante", zusammengesetzt aus "rocin", Klepper und "antes", früher). Don Quijote gab dem Pferde diesen Namen, weil dadurch ausgedrückt würde, was es einst als blosser Reitklepper gewesen, und was es jetzt als die Perle aller Rosse der Welt geworden wäre.

Nach der Erkorenen Don Quijotes bezeichnen wir eine Geliebte als

Dulcinea;

wir lassen verblendete Draufgänger, die Windmühlen für Riesen halten, wie Don Quijote (I, 8),

mit Windmühlen kämpfen,

(molinos de viento acometer)

[S. 316]

und nennen einen Kopfhänger, wie Sancho Pansa (I, 19) seinen von Schlägen zerbläuten Herrn, einen

Ritter von der traurigen Gestalt

(El Caballero de la Triste Figura).—

Der Titel eines Lustspiels von Don Pedro Calderon (1600-81) ist:

"El secreto á voces",

wonach Carlo Gozzi (Venezia. Colombani 1772, Tom. 4) sein in Modena bereits 1769 gegebenes Stück

"Il pubblico secreto"

verfasste, das zuerst (1781) F. W. Gotter für uns bearbeitete, unter dem Titel:

"Das öffentliche Geheimnis",

und später Karl Blum (1786-1844) unter dem Titel:

"Das laute Geheimnis".

Schiller citiert schon in einem Brief an Koerner (4. Sept. 1794): "Was man in einer Zeitung und auf dem Katheder sagt, ist immer ein öffentliches Geheimnis".—

Auch citieren wir deutsch Calderons Lustspieltitel "La vida es sueño":

Das Leben ein Traum.—

Von Calderon stammt auch (aus dem vor 1644 erschienenen Stück "In diesem Leben ist Alles wahr und Alles Lüge") der Ausspruch her:

Ultima razon de Reyes . . .

"Das letzte Wort der Könige

(im Kriege sind Pulver und Kugeln").—Ludwig XIV. wählte hiernach für die französischen Geschütze (wohl um 1650, da sie sich nicht früher findet) die schlecht-lateinische Inschrift:

Ultima ratio regum,

[S. 317]

welche durch Beschluss der Assemblée vom 17. Aug. 1796 verpönt wurde.—In Preussen tritt nach Preuss ("Oeuvres de Frédéric-le-Grand" XI, p. 118)

Ultima ratio regis

seit 1742 als Kanonen-Inschrift auf. Alle Bronzegeschütze Friedrichs des Grossen trugen sie, die eisernen aus Haltbarkeitsrücksichten nicht; weshalb sie bei den meistens eisernen Festungsgeschützen ganz fortblieb. Daher rührt es, dass heut die Inschrift nur bei preussischen Feldgeschützen vorkommt und nicht bei Festungsgeschützen, gleichviel ob sie aus Bronze, Eisen oder Stahl sind.—


[S. 318]

IX.
Geflügelte Worte aus russischen Schriftstellern.

Iwan Turgenjew (1818-83) schreibt in den "Literatur- und Lebens-Erinnerungen" (VI.—"Deutsche Rundschau", Febr. 1884. S. 249 u. 253) über den Helden seines Romans "Väter und Söhne" (1862): "Die Figur des Basarow ist das Ebenbild eines jungen, kurz vor dem Jahre 1860 verstorbenen, in der Provinz lebenden Arztes, den ich kennen gelernt hatte, und in dem mir das verkörpert zu sein schien, was man später Nihilismus nannte". Und ferner: "Das von mir erfundene Wort

Nihilist

wurde von Vielen angegriffen, die nur auf eine Gelegenheit, einen Vorwand warteten, die Bewegung, die sich der russischen Gesellschaft bemächtigt hatte, aufzuhalten. Nicht im Sinne eines Vorwurfs, einer Kränkung hatte ich dieses Wort gebraucht, vielmehr als einzig richtigen Ausdruck für ein historisches Faktum; es wurde aber zu einem Werkzeuge falscher Anklagen—ja beinahe zu einem Brandmal der Schande gemacht".—

Allerdings gab Turgenjew dem Worte "Nihilist" seine heutige, auf die russischen Umstürzler allein bezügliche Bedeutung; aber erfunden hat er es ebensowenig, [S. 319]wie das Wort "Nihilismus". Schon i. J. 1799 schrieb Fr. H. Jacobi ("Werke" 3, 44) an Fichte, dass er den Idealismus in der Philosophie "Nihilismus" schelte; 1804 schrieb Jean Paul ("Vorschule der Aesthetik" Abt. I, § 4):

"Wenn der Nihilist das Besondere in das Allgemeine durchsichtig zerlässet und der Materialist das Allgemeine in das Besondere versteinert und verknöchert, so muss die lebendige Poesie eine solche Vereinigung beider verstehen und erreichen, dass jedes Individuum sich in ihr wiederfindet",

und 1838 lehrte Krug in seinem "Handwörterbuch der philosophischen Wissenschaften" ("Supplem." 2. Abt. S. 83):

"Im Französischen heisst auch der ein 'Nihiliste', der in der Gesellschaft, und besonders in der bürgerlichen, nichts von Bedeutung ist (nur zählt, nicht wiegt oder gilt), desgl. in Religionssachen nichts glaubt.[59] Solcher socialen oder politischen oder religiösen Nihilisten giebt es freilich weit mehr, als jener philosophischen oder metaphysischen, die alles Seiende vernichten wollen".

[59] Im Jahre 1846 spricht Meinhold in der Vorrede zur zweiten Auflage seiner Novelle "Maria Schweidler die Bernsteinhexe" (p. XXIV) von der "nihilistischen Kritik" der Evangelien.—

In der ersten Ausgabe v. J. 1828 (3, 58) erklärte Krug "Nihilismus" noch kurzweg als "eine in sich selbst zerfallende Behauptung", so dass inzwischen die politische Bedeutung des Wortes in Frankreich entstanden sein wird.


[S. 320]

X.
Geflügelte Worte aus griechischen Schriftstellern.

Homer verdanken wir den Ausdruck:

ἔπεα πτερόεντα,

geflügelte Worte,

welcher 46mal in der "Iliade", 58mal in der "Odyssee" vorkommt. Er wird seit dem Erscheinen des vorliegenden Buches, also seit 1864, allgemein auf den in ihm behandelten Stoff angewendet, so dass Georg Büchmann als Urheber der wissenschaftlichen Bedeutung dieses Wortes zu nennen ist (vrgl. die "Einleitung").—Auch drang die Bezeichnung in die holländische, dänische, schwedische und französische Sprache ein (vrgl. vorne das "Gedenkblatt"). Carlyle brauchte in seinem 1838 geschriebenen Essay über Walter Scott den Ausdruck "winged words" schon in dem Sinne der "citierbaren Sentenzen".—

Nestor,

der älteste und weiseste Grieche in der "Iliade" (1, 247 ff. und anderwärts) hat hervorragenden Greisen seiner Art den Namen gegeben.—

Das kriegerische Volk, welches in Homers "Iliade" dem [S. 321]Achill unterthänig ist, gab uns für jede, mit dem Schwerte, der Feder oder der Zunge kampfbereite Gefolgschaft seinen Namen:

Myrmidonen.—

"Iliade" 1, 599 und "Odyssee" 8, 326 steht:

ἄσβεστος γέλως;

"Odyssee" 20, 346:

ἄσβεστον γέλω,

unauslöschliches Gelächter,

woraus wir

homerisches Gelächter

gemacht haben, was sich vielleicht zuerst als "rire homérique" in Frankreich findet, wie z. B. in den aus den achtziger Jahren des achtzehnten Jahrhunderts stammenden "Memoires de la Baronne d'Oberkirch" (cap. 29): "on partit d'un éclat de rire homérique".—

"Iliade" 2, 204 und 205 steht:

Οὐκ ἀγαθὸν πολυκοιρανίη, εἷς κοίρανος ἔστω,

Εἷς βασιλεύς ...

Niemals frommt Vielherrschaft im Volk; nur Einer sei Herrscher,

Einer König allein . . .

So schliesst Aristoteles (Metaph. 12. 10 gegen Ende) seine Theologie im Gegensatz zu der Speusippischen Sonderung der Wesenklassen.—

"Iliade" 2, 212-277 schildert uns das Urbild eines boshaften Schwätzers, den "hässlichsten Mann vor Ilion",

Thersites,

wie er zeternd den Agamemnon frech verleumdet und vom Odysseus mit Worten und Schlägen unter dem heiteren Beifall der Achaier zum Schweigen gebracht wird.—

[S. 322] Das "Iliade" 2, 408. 563 u. 567 und sonst noch 22mal vorkommende βοὴν ἀγαθός (im Schlachtruf tüchtig), ein Beiwort des Menelaus und des Diomedes, hat Voss[60] frei übersetzt mit

Rufer im Streit.—

[60] Job. Heinrich Voss gab seit 1777 einzelne Stücke der Odyssee heraus, dann 1781 die ganze Odyssee und 1793 die Iliade.

Aus "Iliade" 4, 164, 165 und 6, 448, 449 ist:

Ἔσσεται ἦμαρ, (ὅτ' ἄν ποτ' ὀλώλῃ Ἴλιος ἱρή—)

Einst wird kommen der Tag, (da die heilige Ilios hinsinkt).

Auf Grund der Erwähnung "Stentors mit der ehernen Stimme, der so laut schreien konnte wie fünfzig andere", ("Iliade", 5, 785) nennen wir eine ungewöhnlich laute Stimme eine

Stentorstimme.—

In "Iliade" 6, 142 werden die Menschen harmlos als solche bezeichnet, "die des Feldes Frucht essen", "οἳ ἀρούρης καρπὸν ἔδουσιν" (vrgl. auch "Odyssee" 8, 222; 9, 89; 10, 101) was wir im verächtlichen Sinne nach Horaz (Epist. I, 2, 27) lateinisch citieren:

(Nos numerus sumus et) fruges consumere nati,

(Wir sind Nullen) geboren allein zum Essen der Feldfrucht.—

"Iliade" 6, 484 steht:

δακρυόεν γελάσασα,

Unter Thränen lächelnd

nimmt Andromache ihr Söhnchen dem scheidenden Hektor ab.—

Aus "Iliade" 12, 243 ist:

Εἷς οἰωνὸς ἄριστος ἀμύνεσθαι περὶ πάτρης.

Ein Wahrzeichen nur gilt! das Vaterland zu erretten!—

[S. 323]

In der "Iliade" 15, 496 lesen wir:

... οὔ οἱ ἀεικὲς ἀμυνομένῳ περὶ πάτρης Τεθνάμεν ...

Nicht ruhmlos ist's, für des Vaterlandes Errettung sterben.

Dies erweiterte Tyrtäus (s. Bergk "Poet. lyr. graec." p. 397 frgm. 10) also:

τεθνάμεναι γὰρ καλὸν ἐνὶ προμάχοισι πεσόντα,

ἄνδρ' ἀγαθὸν περὶ ᾗ πατρίδι μαρνάμενον,

Schön ist der Tod für den tapferen Mann, der unter den Kämpfern

Fiel in den vordersten Reih'n, als er fürs Vaterland focht.

Wir citieren aber die kürzere Form, welche Horaz ("Od." III., 2, 13) dieser Empfindung lieh:

Dulce et decorum est pro patria mori,

Glorreich und süss ist sterben fürs Vaterland.—

"Iliade" 21, 107 steht:

κάτθανε καὶ Πάτροκλος, ὅπερ σέο πολλὸν ἀμείνων,

Auch Patroklus ist gestorben und war mehr als du,

(s. Schillers "Fiesko" 3, 5). Es war nach Diog. Laërtius (IX, 11, n. 6, 67) ein Lieblingsvers des Philosophen Pyrrhon, und nach Plutarch ("Alexander" 54) soll Kallisthenes diesen Vers wiederholt ausgesprochen haben, als er bei Alexander in Ungnade gefallen war.—

Ferner wird citiert das "Iliade" 17, 514; 20, 435; "Odyssee" 1, 267; 1, 400; 16, 129 vorkommende:

Θεῶν ἐν γούνασι κεῖται,

Das liegt oder ruht im Schosse der Götter.—

Der dritte Vers der "Odyssee" kündet von dem gereisten Manne, der

πολλῶν δ' ἀνθρώπων ἴδεν ἄστεα καὶ νόον ἔγνω,

Vieler Menschen Städte gesehn und Sitten gelernt hat.—

[S. 324]

"Odyssee" 1, 149 lautet:

Οἱ δ' ἐπ' ὀνείαθ' ἑτοῖμα προκείμενα χεῖρας ἴαλλον,

Und sie erhoben die Hände zum lecker bereiteten Mahle.—

Aus "Odyssee" 1, 170 wird die Frage an den Fremdling citiert:

τίς πόθεν εἴς ἀνδρῶν?

unde gentium?

Woher der Männer?—

Nach "Odyssee" 2, 94-109 sprechen wir von

Penelopearbeit

als einer stets von vorn beginnenden, nie fortschreitenden Arbeit. Penelope hatte ihren Bewerbern Gehör versprochen, sobald sie für ihren Schwiegervater Laertes ein Totengewand fertig gewebt haben würde, vernichtete aber bei Nacht, was sie den Tag über geschaffen hatte. Schon Plato ("Phaed." p. 84 A) citiert diese "Arbeit ohne Ende" ("ἀνήνυτον ἔργον").—

Auf "Odyssee" 3, 214-215:

"εἰπέ μοι ἠὲ ἑκὼν ὑποδάμνασαι, ἦ σέ γε λαοὶ

ἐχθαίρουσ' ἀνὰ δῆμον ἐπισπόμενοι θεοῦ ὀμφῇ",

"Sag', ob willig Du Dich demütigst, oder das Volk Dich

Etwa hasst in dem Lande, befolgend die Stimme des Gottes?"

beruht vielleicht

Vox populi, vox Dei,

Volkes Stimme, Gottes Stimme,

Eher stammt es jedoch aus Hesiods ("Werke u. Tage" 763-764. Ausg. Goettling):

"Φήμη δ' οὔ τις πάμπαν ἀπόλλυται, ἥντινα πολλοὶ

Λαοὶ φημίζουσι. θεός νύ τις ἐστὶ καὶ αὐτή".

[S. 325]

"Nie wird ganz ein Gerücht sich verlieren, das vielerlei Volkes

Häufig im Munde geführt; denn ein Gott ist auch das Gerücht selbst".

Aeschines ("c. Tim." 129) wendet diese Stelle an, Demosthenes ("d. fals. legat." 243) antwortet darauf und Aeschines ("d. fals. legat." 144) entgegnet ihm wiederum. Auch Aristoteles ("Nikom. Ethik" 1153b 27), Dio Chrysostomus (37 extr.) u. A. citieren die Verse Hesiods, die also im Alterthum ein "geflügeltes Wort" waren. Schon Alcuin (735-804 n. Chr.) bekämpft das "Vox populi, vox Dei" ("Capitulare admonitionis ad Carolum". Baluzzi Miscell, I, p. 376, Paris 1678) also: "Auf diejenigen muss man nicht hören, die zu sagen pflegen 'Volkes Stimme, Gottes Stimme', da die Lärmsucht des Pöbels immer dem Wahnsinn sehr nahe kommt".—

Der als Führer und Ratgeber des Telemach aus der "Odyssee" und wohl noch mehr aus Fénélons "Télémaque" bekannte

Mentor

gilt als Bezeichnung eines Erziehers.—

"Odyssee" 4, 349, 365, 384 und 401 taucht Proteus auf als

γέρων ἅλιος,

Meergreis.

(vrgl. die Vossische Übersetzung: der "untrügliche Greis des Meeres"; des "meerdurchwallenden Greises"; "ein Greis des salzigen Abgrunds"; "der untrügliche Meergreis.")—

"Odyssee" 6, 208 und 14, 58 steht:

δόσις δ' ὀλίγη τε φίλη τε,

So gering die Gabe auch ist, so angenehm ist sie doch.—

Aus der Erzählung von der Hadesstrafe des Sisyphus ("Odyssee" 11, 593-600. S. unt. Kap. II, "Sisyphusarbeit") citiert man V. 598:

[S. 326]

αὖτις ἔπειτα πέδονδε κυλίνδετο λᾶας ἀναιδής,

wieder entrollte darauf in die Eb'ne der schändliche Felsblock,

weil Voss (Musenalmanach für 1778 S. 149) die Tonmalerei des in lauter Daktylen dahinstürzenden Hexameters also wiedergeben zu müssen glaubte:

Hurtig mit Donnergepolter (entrollte der tückische Marmor),

und die drei ersten im griechischen Texte gar nicht vorhandenen Wörter dieser Übersetzung zum Citate geworden sind.

In der frühesten Form, wie sie ein Brief von Voss an Gleim vom 27. März 1777 aufbewahrt, finden wir:

"Und wie ein Wetter herunter entrollte der tückische Felsen."

Bernays fügt hinzu ("Homers Odyssee von J. H. Voss", Stuttg. 1881, S. LXI): "Es sei hier bemerkt, dass auch Pope diese Verse mit besonderer Anstrengung behandelt und ihnen das stärkste Mass sinnlich nachahmender Bewegung zu erteilen versucht hat:

"The huge round stone, resulting with a bound,

Thunders impetuous down, and smokes along the ground."

Wie sehr auch Voss den Popeschen Homer verachtete und bespöttelte, zu seinem Donnergepolter liess er sich wahrscheinlich doch durch den Engländer verleiten".—

"Odyssee" 12, 208-12 enthält die Trostworte des Odysseus an seine Ruderer, die vor der Scylla erschrecken:

"ὦ φίλοι, οὐ γάρ πώ τι κακῶν ἀδαήμονες εἰμέν.

... καί που τῶνδε μνήσεσθαι ὀίω".

"Freunde, wir sind ja bisher nicht ungeübt in Gefahren . . . .

Und ich hoffe, wir werden uns einst auch dieser erinnern".

Die letzten Worte citieren wir nach Vergils leicht veränderter Wiedergabe ("Aen." 1, 203):

. . . . forsan et haec olim meminisse juvabit,

Dereinst wird auch dieses vielleicht zur Erinnerungsfreude.—

[S. 327]

"Odyssee" 17, 218 steht:

(κακὸς κακὸν ἡγηλάζει),

ὡς αἰεὶ τὸν ὁμοῖον ἄγει θεὸς ὡς τὸν ὁμοῖον.

(Ein Taugenichts führet den andern),

Wie doch stets den Gleichen ein Gott gesellet zum Gleichen!

Hieraus mag den Griechen das von Plato (Symp. 195b.) überlieferte Sprichwort "ὡς ὅμοιον ὁμοίῳ αἰεὶ πελάζει", entsprungen sein, was von Cicero (Cato M. 3, 7) mit "pares cum paribus facillime congregantur" wiedergegeben wird und von uns mit:

Gleich und gleich gesellt sich gern.—

Das Trostwort "Odyssee" 20, 18 lautet:

(Τέτλαθι δὴ κραδίη.) καὶ κύντερον ἄλλο ποτ' ἔτλης.

Dulde nur still, mein Herz! Schon Schnöderes hast du erduldet!

Horaz "Od." 1, 7, 30: "O fortes peioraque passi Mecum saepe viri, Nunc vino pellite curas"; "Sat." 2, 5, 21: "Et quondam maiora tuli"; u. Ovid. "Trist." 5, 11, 7: "Perfer et obdura".—

Sardonisches Lachen

stammt aus "Odyssee" 20, 301-2:

"μείδησε δὲ θυμῷ Σαρδάνιον μάλα τοῖον",

"er lächelte so recht sardonisch in sich hinein".

Pausanias (X, 17, 7) meint, auf der Insel Sardo wachse ein Kraut, nach dessen Genuss man vor Lachen sterbe.—

Hesiod (9. Jahrh. v. Chr.) gebraucht:

Πλέον ἥμισυ παντός

Die Hälfte ist mehr als das Ganze,

(Vers 40, Ausg. Goettling, des an seinen Bruder Perses gerichteten Gedichtes "Werke und Tage".) Hesiod und Perses hatten das väterliche Erbe unter sich geteilt; die ungerechten Richter, die den armen Poeten nötigten, die Hälfte seines Eigentums dem Perses zu überlassen, nennt [S. 328]er in jenem Verse: "Thoren! Sie wissen nicht, um wieviel die Hälfte mehr ist als das Ganze!" Denn Hesiod verwaltete den Rest seiner Habe so weise, dass er nichts eingebüsst zu haben schien, während sich des Bruders Vermögen durch Trägheit mehr und mehr verringerte.—

Ebenda, 289, bietet Hesiod:

Τῆς δ' ἀρετῆς ἱδρῶτα θεοὶ προπάροιθεν ἔθηκαν

(Ἀθάνατοι· μακρὸς δὲ καὶ ὄρθιος οἶμος ἐπ' αὐτὴν).

Schweiss verlangen die Götter, bevor wir die Tugend erreichen;

Lang und steil ist der Pfad, der uns zu dem Gipfel hinanführt.—

Ebenda, 309, sagt Hesiod:

Ἔργον δ' οὐδὲν ὄνειδος.

Arbeit schändet nicht.—

Nach alter Rhapsodensitte (s. Demodokos bei Homer "Odyss." 8, 499) singt Alkman (bl. um 610 v. Chr.; frg. 31): "ἐγὼ δ' ἀείσομαι, ἐκ Διὸς ἀρχόμενος" (ich werde singen, von Zeus beginnend). Darnach lautet der Anfang der "Phainomena", eines Lehrgedichtes des Aratus, so wie der Anfang des 17. Idylls seines Freundes Theokrit (bl. um 250 v. Chr.) "Ἐκ Διὸς ἀρχώμεσθα" (von Zeus lasst uns beginnen). Vergil "Eclogen", 3, 60 überträgt es mit:

Ab Jove principium,

was Statius (1. Jahrh. n. Chr.) im prosaischen Prooemium zum 1. Buch seiner "Silvae" und Calpurnius (1. Jahrh. n. Chr.) in Ecloge 4, 82 wiederholten.—

(Ἐξ ὄνυχος τὸν λέοντα γράφειν)

Ex ungue leonem (pingere),

(Der Klaue nach den Löwen malen, d. h. aus einem Glied auf die ganze Gestalt schliessen)

[S. 329]

wird von Plutarch ("De defectu oraculorum", 3) auf Alcäus (bl. um 610 v. Chr.), von Lucian ("Hermotimus", 54) auf Phidias (geb. um 500 v. Chr.) zurückgeführt. Es findet sich sprichwörtlich schon bei dem Mimendichter Sophron aus Syrakus (5. Jahrh. v. Chr.).—

Alcäus bezeichnet es zwar als Sprichwort, ist aber für uns die Quelle von

Im Weine (liegt) die Wahrheit,

was noch öfter in der lateinischen (nicht antiken) Form citiert wird:

In vino veritas,

denn er zuerst singt (frgm. 16, Bergk): "οἶνος ... ἀνθρώποις δίοπτρον"—"der Wein ist ein Spiegel für die Menschen" und (frgm. 57): "οἶνος, ὦ φίλε παῖ, καὶ ἀλάθεα ..." "Wein, liebes Kind, (wird) auch Wahrheit (genannt)".

Vrgl. Theognis (500): "ἀνδρὸς ... οἶνος ἔδειξε νόον"—"Wein offenbart des Menschen Sinn"; Äschylus (fragm. 13): "κάτοπτρον εἴδους χαλκός ἐστ', οἶνος δὲ νοῦ"—"des Wuchses Spiegel ist das Erz, der Wein des Sinns"; Ion (bei Athen. X, p. 477): "τῶν ἀγαθῶν βασιλεὺς οἶνος ἔδειξε φύσιν"—"Wein, der die Edlen beherrscht, deckte das Innerste auf"; Plato ("Symp." 33) nennt als Sprichwort: "οἶνος ... ἦν ἀληθής"—"der Wein ist wahr" (d. h. macht, dass man die Wahrheit sagt); Theokrit (29, 1) ebenfalls mit Anlehnung an Alcäus:

"Οἶνος, ὦ φίλε παῖ, λέγεται καὶ ἀλάθεα·

Κἄμμε χρὴ μεθύοντας ἀλαθέας ἔμμεναι."

"Wahrheit nennet man auch, o geliebtester Knab', den Wein:

Und so müssen wir nun, wie Betrunkene, wahr nur sein".

Auch Plinius ("N. H." XIV, 28): "vulgoque veritas iam attributa vino est"—"gewöhnlich wird dem Wein die Wahrheit zuerteilt"; (ferner Plutarch "Artaxerx." 15), Athenäus II, 6 p. 37 u. a. m.—

Ein Freudengesang des Alcäus (12, Schneidewin 20. B.) auf den Tod des Tyrannen von Lesbos, Myrsilos, beginnt:

[S. 330]

Νῦν χρὴ μεθύσθην,

was wir nach Horaz (Od. I, 37, 1) lateinisch citieren:

Nunc est bibendum,

Jetzt muss getrunken werden!—

Bekannte Worte sind die Inschriften des Apollotempels in Delphi, das:

γνῶθι σεαυτόν,

Erkenne dich selbst,

(Nosce te,

wie Cicero, Tuscul. 1, 22, 52 übersetzt), das Einem der sieben Weisen, bald dem Thales (um 620-543 v. Chr.), bald dem Chilon, bald anderen zugeschrieben wird, und das von Terenz ("Andria" I, 1, 34) durch

Ne quid nimis

übersetzte, bald auf Chilon, bald auf Solon (um 640-559 v. Chr.), bald auf Sokrates (469-399 v. Chr.), endlich im allgemeinen auf die Sieben Weisen zurückgeführte

μηδὲν ἄγαν,

Nichts zu viel.

(Diogenes Laërtius I, 1 n. 14, 41; I, 2 n. 16, 63; II, 5 n. 16, 32; IX, 11 n. 8, 71. vrgl. Theognis 219, 335 und 401.)—

De mortuis nil nisi bene,

Über die Toten (sprich) nur gut,

ist wahrscheinlich eine Übersetzung des von Diogenes Laërtius (I, 3 n. 2, 70) überlieferten Wortes des Chilon:

τὸν τεθνηκότα μὴ κακολογεῖν.

Doch führt Plutarch "Solon", c. 21 (Anfang) den Spruch in etwas anderer Form auf Solon zurück. Thucydides sagt II, 45: "τὸν γὰρ οὐκ ὄντα ἅπας εἴωθεν ἐπαινεῖν", "Den, der nicht mehr ist, pflegt Jeder zu loben".—

[S. 331]

Epimenides aus Kreta (um 596 v. Chr.) galt den Alten als der Verfasser des Verses:

"Κρῆτες ἀεὶ ψεῦσται, κακὰ θηρία, γαστέρες, ἀργαί",

den Luther in der "Epistel S. Pauli an Titum" (1, 12) also übersetzt: "Die Creter sind immer Lügner, böse Tiere und faule Bäuche". Danach sagen wir von einem trägen Schlemmer, er sei ein

fauler Bauch.—

In Äsops (6. Jahrh. v. Chr.)[61] Fabel 27: "Der flöteblasende Fischer" (citiert wird hier stets die Halmsche Ausgabe) versucht ein Fischer erst vergeblich durch Flötenspiel die Fische an sich zu locken: dann greift er zum Netz und spricht, als sie nun vor ihm auf dem Strande hüpfen: "ὦ κάκιστα ζῶα, ὑμεῖς, ὅτε μὲν ηὔλουν, οὐκ ὠρχεῖσθε, νῦν δὲ ὅτε πέπαυμαι, τοῦτο πράττετε"—"O ihr schlechtes Getier, als ich flötete, wolltet ihr nicht tanzen, nun ich aber aufhöre, thut ihr's!" Diese Fabel erzählte Cyrus in Sardes höhnend den Gesandten der Ioner und Äoler, weil die Ioner, als er sie bitten liess, vom Krösus abzufallen, nicht auf ihn hörten, nun aber, da er die Herrschaft erlangt, gehorsamst bereit waren. Er schliesst: "Παύεσθέ μοι ὀρχεόμενοι, ἐπεὶ οὐδ' ἐμέο αὐλέοντος ἠθέλετε ἐκβαίνειν ὀρχεόμενοι"—"Höret auf vor mir zu tanzen, denn als ich euch flötete, da wolltet ihr nicht herauskommen und tanzen!" (Herodot I, 141.) Der Evangelist Matthäus (11, 17; vrgl. Luk. 7, 32) kürzt das [S. 332]äsopische Wort also: "ηὐλήσαμεν ὑμῖν καὶ οὐκ ὠρχήσασθε." Und wir entnehmen aus Luthers Übersetzung "Wir haben euch gepfiffen und ihr wolltet nicht tanzen" unser:

Nach Jemandes Pfeife tanzen sollen.—

[61] Die "geflügelten Worte" aus griechischen Fabeln sind zwar dem 6. Jahrh. unter Äsop eingereiht, aber es ist wohl möglich, dass keines von ihnen dem Fabelerzähler Äsop sein Dasein verdankt, da die auf uns gekommene Sammlung "äsopischer" Fabeln diesen Namen mit keinem besseren Rechte führt, als die der "anakreontischen" Gedichte den des Anakreon.

Wie der Fuchs in Äsops Fabel (33 u. 33b) "Der Fuchs und die Trauben" sagen wir, das Misslingen unserer Pläne nicht der eigenen Unzulänglichkeit, sondern den Umständen zuschreibend:

Die Trauben sind sauer,

(ῥᾷγες ὀμφακίζουσι μάλα)

wenn sie für uns zu hoch hängen.—

Aus Äsops Fabel 97 "Der Bauer und die Schlange" und 97b "Der Wanderer und die Natter" entlehnen wir:

Eine Schlange am Busen nähren;

(vrgl. Petron. 77: "tu viperam sub ala nutricas").—

Zu den äsopischen Fabeln (158) wird auch eine Erzählung des Sophisten Prodikus (bl. um 430 v. Chr.) in seinen "Horen" gerechnet, die wir in Xenophons "Denkwürdigkeiten" (2, 1, 21) durch den Mund des Sokrates erfahren, wonach Herkules als Jüngling in der Einöde zwei Wege vor sich sah, den zur Wollust und den zur Tugend, und lange zweifelte, welchen er einschlagen solle (vrgl. Cicero "de off." 1, 32). Wir citieren danach:

Herkules am Scheidewege.—

Aus Äsops Fabel (200) "Die Dohle und die Eule" und 200b "Die Dohle und die Vögel" stammt:

Sich mit fremden Federn schmücken.—

In Äsops Fabel (203) "Der Prahler" und (203b) "Der prahlerische Fünfkämpfer" rühmt sich jemand, dass er in Rhodus [S. 333]einst einen gewaltigen Sprung gethan, und beruft sich auf die Zeugen, welche es dort mit angesehen hätten. Einer der Umstehenden antwortet ihm: "Freund, wenn's wahr ist, brauchst du keine Zeugen. Hier ist Rhodus, hier springe" (ἰδοὺ ἡ Ῥόδος, ἰδοὺ καὶ τὸ πήδημα), was lateinisch in der Form citiert wird:

Hic Rhodus, hic salta.—

Aus Äsops Fabel (232) "Der Hund und der Koch" wird kurz herausgegriffen:

παθήματα—μαθήματα.

Leiden sind Lehren.

vergl. Paulus im Ebräerbriefe 5, 8: "ἔμαθεν ἀφ' ὧν ἔπαθε τὴν ὑπακοήν"—"er lernte an dem, was er litt, Gehorsam".—

Die 237b. Fabel "Die Hasen und die Frösche" schliesst: "ὁ μῦθος δηλοῖ· ὅτι οἱ δυστυχοῦντες ἐξ ἑτέρων χείρονα πασχόντων παραμυθοῦνται", "die Fabel lehrt, dass die Unglücklichen aus den schlimmeren Leiden Anderer Trost schöpfen" (vrgl. Thucyd. 7, 75; Seneca "Über den Trost, an Polybius" 31). Mit einer leichten Veränderung des Sinnes wurde hieraus im Mittelalter ein Hexameter gebildet, den wir bei Dominicus de Gravina ("Chronic. de reb. in Apul. gest. ab anno 1333-50", s. "Raccolta di varie croniche etc." Nap. 1781. II, 220) also citiert finden: "iuxta illud verbum poëticum: gaudium est miseris socios habuisse poenarum", "nach jenem Dichterwort: Wonne für Jeden im Leid ist Leidensgefährten zu haben". Dann bietet Marlowes "Faustus" (1580): "Solamen miseris socios habuisse doloris", "Trost für Jeden im Leid ist Schmerzensgefährten zu haben"; während die heute übliche, schon von Spinoza ("Ethik" 4, 57; ersch. 1677) als sprichwörtlich bezeichnete Form lautet:

Solamen miseris socios habuisse malorum.

Trost für Jeden im Leid ist Unglücksgefährten zu haben.—

[S. 334]

Aus Äsops Fabel (240) "Die Löwin und der Fuchs" und (240b) "Die Löwin" stammt:

Eins, aber es ist ein Löwe.

(ἕνα ... ἀλλὰ λέοντα.)—

In der 246. Fabel antwortet der Fuchs dem in der Höhle krank liegenden Löwen auf dessen Frage, warum er nicht näher trete: "ὅτι ὁρῶ ἴχνη πολλῶν εἰσιόντων, ὀλίγων δὲ ἐξιόντων", "weil ich die Spuren vieler Hineingehenden, aber weniger Hinausgehenden sehe". Schon Plato ("Alcib." I. p. 123 A) citiert diese Stelle und Horaz ("Epist." 1, 1, 74 nach Lucilius bei Nonius p. 303 u. 402) überträgt sie also: "Quia me vestigia terrent", "Omnia te adversum spectantia, nulla retrorsum", woraus sich das "geflügelte Wort" entwickelte:

Vestigia terrent,

Die Spuren (der verunglückten Vorgänger) schrecken ab.

So antwortete (nach Zincgref "Apophth.", Strassb. 1626. S. 49) Kaiser Rudolf I. auf die Frage, ob er nicht nach Rom reisen wolle, um die Salbung vom Papst zu empfangen: "Vestigia terrent". Gleich dem Fuchs in der Fabel wollte er nicht, wie seine Vorgänger,

Sich in die Höhle des Löwen wagen.—

Aus Äsops Fabel (258) "Der Löwe und der wilde Esel" und (260) "Der Löwe, der Esel und der Fuchs" entlehnen wir:

Löwenanteil,

d. h. den unverschämt grossen Anteil, den sich der Stärkere kraft des Rechts des Stärkeren zuspricht. Auf Grund dieser Fabel heisst in der Rechtswissenschaft (s. Lex. 29, § 2; Dig. pro socio 17, 2) ein Gesellschaftsvertrag, wonach [S. 335]der eine Teilnehmer allen Nachteil trägt, der andere allen Nutzen zieht, eine

societas leonina.—

Fabel 304 "Der verschwenderische Jüngling und die Schwalbe" erzählt, wie ein Jüngling, der seine Habe bis auf einen Mantel verthan, auch diesen verkaufte, als er die erste Schwalbe heimkehren sah, weil es nun schon Sommer sei (οἰόμενος ἤδη θέρος εἶναι). Danach aber fror es noch so, dass die Schwalbe tot blieb und der frierende Verschwender ihr Worte des Zornes über die Täuschung nachrief. Hieraus stammt wohl das von Aristoteles (Nik. Eth. I, 6) überlieferte Wort: "μία χελιδὼν ἔαρ οὐ ποιεῖ" "Eine Schwalbe macht keinen Frühling", welches wir, auf Äsop zurückgreifend, also citieren:

Eine Schwalbe macht noch keinen Sommer.—

Nach Athenäus, 14, p. 616 E (vrgl. Plutarch "Agesilaos" 36) sagte der Ägypterkönig Tachos zum Spartanerkönig Agesilaos: Ὤδινεν ὄρος, Ζεῦς δ' ἐφοβεῖτο, τὸ δ' ἔτεκεν μῦν (der Berg kreisste, Zeus geriet in Angst, der Berg aber gebar eine Maus). Horaz machte daraus ("Ars poëtica", 139) auf die hochtrabend beginnenden Dichterlinge den Spottvers:

Parturiunt montes, nascetur ridiculus mus.

Wie das Gebirg' auch kreisst, es kommt nur 'ne schnurrige Maus 'raus,

(vrgl. Phädrus "Fabeln" IV. 22). Die erste Anwendung dieses wohl ursprünglich Äsopischen Wortes im Deutschen scheint am Ende des 12. Jahrh. in Hartmanns von der Aue "Erec", 9048, vorzukommen.—

Ein Wort des griechischen, ohne Habe aus seinem Vaterlande fliehenden Philosophen Bias (bl. um 570 [S. 336]v. Chr.) nahm der "Wandsbecker Bote" in der lateinischen Form:

Omnia mea mecum porto

Alles Meinige trage ich bei mir

zum Motto. Claudius veranstaltete dann eine Sammlung seiner Werke unter dem Titel "Asmus omnia sua secum portans oder: Sämtliche Werke des Wandsbecker Boten", 8 Bde., Hamburg 1774-1812. Cicero "Paradoxa", 1, 1, 8 stellt die Worte so: "Omnia mecum porto mea". Bei Valerius Maximus 7, 2, externa, 3 heisst es: "ego, inquit, vero bona mea mecum porto". Seneca legt einen fast wörtlich, dem Sinne nach ganz gleichen Ausspruch dem Philosophen Stilpon (bl. um 300 v. Chr.) bei, im 9. Briefe und in der Schrift "Über die Standhaftigkeit der Weisen", Kap. 5 u. 6; so auch Plutarch "Über Seelenruhe", Kap. 17. (S. Zeller II, 1, p. 234[5].) Phädrus führt 4, 21 den Ausdruck auf den Dichter Simonides von Keos (556-469 v. Chr.) zurück, dem wir auch nach Claudians Verse ("Ep." 4, 9):

"Fors iuvat audentes, Cei sententia vatis",

"Wagende fördert das Glück, so sagte der Dichter von Keos",

(andere Lesart:

"Fors iuvat audaces, prisci sententia vatis",

"Herzhafte fördert das Glück, so sagte ein uralter Sänger")

mittelbar das

Fortes fortuna adiuvat

verdanken sollen, was sich zuerst bei Terenz ("Phormio" 1, 4), dann bei Cicero ("Tusc." 2, 4, 11; "de fin." 3, 4, 16 kurz weg "fortuna fortes") findet, dem Livius (34, 37) schon als altes Sprichwort gilt und ähnlich vom älteren Plinius ("Epist." 6, 16 des Neffen Plinius) [S. 337]citiert wurde bei Erforschung des Vesuvausbruchs, wobei er trotzdem sein Leben verlor.

vrgl. auch Ennius bei Macrobius 6, 6; Vergil "Aen." 10, 284; Tibull 1, 2, 16 ("fortes adiuvat ipsa Venus"); Livius 8, 29; Ovid "Ars am." 1, 608; "Met." 10, 586; "Fast." 2, 782, Seneca "Epist." 94 und oben Schillers "Dem Mutigen hilft Gott".—

Ferner nannte Simonides (nach Plutarch: "De Gloria Atheniensium" 3) "τὴν μὲν ζωγραφίαν ποίησιν σιωπῶσαν, τὴν δὲ ποίησιν ζωγραφίαν λαλοῦσαν", worüber Lessing in der Vorrede seines "Laokoon oder Über die Grenzen der Malerei und Poësie" bemerkt: "Die blendende Antithese des griechischen Voltaire, dass

die Malerei eine stumme Poësie und die Poësie eine redende Malerei

sei, stand wohl in keinem Lehrbuche. Es war ein Einfall, wie Simonides mehrere hatte, dessen wahrer Teil so einleuchtend ist, dass man das Unbestimmte und Falsche, welches er mit sich führt, übersehen zu müssen glaubt".

Schon Plutarch gab (a. a. O.) die Erläuterung, beide Künste seien ("ὕλῃ καὶ τρόποις μιμήσεως") "in den Gegenständen wie in der Art der Nachahmung" verschieden.

Goethes Satz (s. Eckermann "Gespräche" 23. März 1829), dass

die Baukunst eine erstarrte Musik

sei, hat wohl in des Simonides Worten seine Wurzel, wenn er auch zunächst durch Mdme de Staëls "Corinne" (1807) angeregt sein mag, die (4, 3) vor dem St. Petersdom ausruft: "La vue d'un tel monument est comme une musique continuelle et fixée . . ." Nach Schelling ("Vorlesungen über Philosophie der Kunst" S. 576 und 593) würde der Satz lauten:

Die Architektur ist die erstarrte Musik,

[S. 338]

und Schopenhauer lässt sich ("Die Welt als W. u. V." 2, 519) über das "Witzwort" aus, dass

Architektur gefrorne Musik

sei.—

Sphärenharmonie (oder Sphärenmusik)

ist nach des Pythagoras (geb. um 582 v. Chr.) Annahme das Tönen der sich im Raume bewegenden Planeten. (Zeller "Die Philos. d. Griech. in ihrer gesch. Entw." I, p. 398 ff. 4. Aufl. Lpzg. 1876).—

Philosophie

soll als technischer Ausdruck für die Wissenschaft der Philosophie (nach einer Angabe des Plato-Schülers Heraklides aus Pontus, deren historische Wahrheit jedoch bezweifelt wird) auch dem Pythagoras seine Entstehung verdanken (Zeller a. a. O. I, p. 1 ff.).—

Nach Plutarch ("Über das Hören" 13) sagte Pythagoras, ihm habe sich aus der Philosophie das "μηδὲν θαυμάζειν" ergeben, ein Lehrsatz, den wir nach Horaz ("Epist." 1, 6, 1) also citieren:

Nil admirari!

Nichts anstaunen!—

Kosmos

für "All", "Weltall" soll nach Diogenes Laërtius 8, 48 zuerst von den Pythagoräern gebraucht worden sein. (Zeller a. a. O. I, p. 4093, und "Doxographi Graeci" ed. H. Diels. Berlin 1879, p. 3278). Eigentlich hiess "Κόσμος" "Ordnung", als welche den Pythagoräern aber das All erschien, da die Zahlen ihnen die Dinge waren und zugleich ein System bildeten.—

Ipse dixit,

Er selbst hat's gesagt,

das Cicero "de natura deorum", I, 5, 10 als das Wort [S. 339]überliefert, womit die Schüler des Pythagoras des Meisters Lehren priesen, ist uns in der lateinischen Form ebenso zur Hand, wie das griechische:

αὐτὸς ἔφα,

das der Scholiast zu Vers 196 der "Wolken" des Aristophanes erhalten hat.—

Theognis (bl. um 540 v. Chr.) bringt uns zuerst den Gedanken (V. 327-8):

ἁμαρτωλαὶ ... ἐν ἀνθρώποισιν ἕπονται θνητοῖς ...

Fehltritte haften den sterblichen Menschen an.

Sophokles "Antig." 1023-4, Euripides "Hippol." 615 und ein unbekannter Tragiker (bei Nauck "frgm. poët. trag." 261) sagen dasselbe mit ähnlichen Worten, während es in dem Epigramm auf die bei Chäronea Gefallenen (V. 9 beim Demosthenes "pro corona" § 289) heisst: "μηδὲν ἁμαρτεῖν ἐστι θεῶν ..."—"In nichts irren ist eine Eigenschaft der Götter". Dann bietet Cicero ("Philipp." 12, 2): "Cuiusvis hominis est errare, nullius nisi insipientis in errore perseverare"—"Jeder Mensch kann irren, nur der Dumme im Irrtum verharren". Wir pflegen hiernach zu sagen:

errare humanum est,

Irren ist menschlich.

vrgl. Seneca Rhetor controvers. 4, 3 und Hieronymus epist. 57, 12: "errasse humanum est".—

Des Theognis (398):

τὸν δ' ἀγαθὸν (νόον) τολμᾶν χρή

gab wohl Horaz ("Epist." I, 2, 40) wieder mit seinem knappen:

Sapere aude

Wage es, weise zu sein!—

[S. 340]

Theognis (583) singt ferner:

Ἀλλὰ τὰ μὲν προβέβηκεν, ἀμήχανόν ἐστι γενέσθαι

Ἀργά· τὰ δ' ἐξοπίσω τῇ φυλακῇ μελέτω.

Was nun einmal geschehen, lässt ungescheh'n niemals sich machen;

Aber für Das, was da kommt, sorge mit wachsamem Sinn!

Diesem Spruch des von den Alten gern citierten Dichters mögen des Plautus Worte ("Aulul." 4, 10, 15) entstammen:

Factum illud: fieri infectum non potest,

Geschehen ist's: ungeschehen kann's nicht gemacht werden,

und ("Trucul." 4, 2, 21):

Stultus es, qui facta infecta facere verbis postules,

Dumm bist du, weil du Geschehenes durch Worte ungeschehen machen willst;

wir sagen danach:

Geschehene Dinge lassen sich nicht ungeschehen machen

und:

Geschehenes ungeschehen machen wollen.—

Mit dem Klagelaut des sterbenden Singschwans ("Cycnus musicus" s. Brehms "Thierleben" 1879, II, 3 S. 446: "sein letztes Aufröcheln ist klangvoll wie jeder Ton, welchen er von sich giebt") vergleicht Äschylus (525-456 v. Chr.) eines Menschenkindes schwungvolle Worte vor dem Tode, indem er ("Agam." 1445) Klytämnestra von Kassandra sagen lässt:

"ἡ δέ τοι, κύκνου δίκην

τὸν ὕστατον μέλψασα θανάσιμον γόον"

"Jene, die nach Art des Schwans

Zu singen anhub letzten Todesklaggesang."

Cicero wendet ("de orat." 3, 2, 6) denselben [S. 341]Vergleich auf L. Crassus an, der starb, kurz nachdem er eine Rede gehalten: "Illa tanquam cycnea fuit divini hominis vox"—"Das war gleichfalls die Schwanenstimme des göttlichen Menschen". Und so nennen wir die letzte Schöpfung eines dahingeschwundenen Geistes sein

Schwanenlied

oder seinen

Schwanengesang.—

Pindar (521-441 v. Chr.) bietet die Worte ("Olymp." 1, 1):

Ἄριστον μὲν ὕδωρ,

Das Beste ist das Wasser;

und ("Pyth." 8, 136, vrgl. unten Horaz "Od." IV, 7, 16 mit Anm.):

Σκιᾶς ὄναρ ἄνθρωποι,

Eines Schattens Traum (sind) die Menschen.—

Aus einem uns verlorenen Gesange Pindars hat sich ein Bruchstück erhalten (s. Boeckh: "Frgm." 151 und Plato: "Gorgias" 484 b), worin es mit Bezug auf die Tötung und Beraubung des Geryon durch Herkules heisst:

"νόμος ὁ πάντων βασιλεὺς

θνατῶν τε καὶ ἀθανάτων

ἄγει δικαιῶν τὸ βιαιότατον

ὑπερτάτᾳ χειρί"

"Das Gesetz (sc. der Natur, das dem Stärkeren Recht giebt), der König über alle Sterblichen und Unsterblichen, waltet mit allmächtiger Hand, das Gewaltsamste billigend".

Herodot (3, 38) citiert ausser dem Zusammenhang: "ὀρθῶς μοι δοκέει Πίνδαρος ποιῆσαι νόμον πάντων βασιλέα φήσας εἶναι"[S. 342].—"Pindar scheint mir in seinem Dichten recht zu haben, wenn er sagt: 'das Herkommen ist König über Alle'"; und wiederum anders (7, 104): "ἔπεστι γάρ σφι δεσπότης νόμος ... (ἐπικρατέειν ἢ ἀπόλλυσθαι)"—"über ihnen steht nämlich als Despot das Gesetz (zu siegen oder zu sterben)". Diesen Stellen entsprang das Wort:

Usus tyrannus,

Der Brauch ist Tyrann,

was im Hinblick auf des Horaz ("A. P." 71-72) "usus Quem penes arbitrium est et ius et norma loquendi", "Über die Sprache verfügt der Gebrauch, Recht giebt er und Regel", gewöhnlich auf Sprachliches bezogen wird, wie denn schon Luther (29, S. 258) sagt: "Die natürliche Sprache ist Frau Kaiserin".—

Auf Heraklit (bl. um 500 v. Chr.) wird der bekannte Satz zurückgeführt, dass Alles ewig wechsle (vrgl. oben Kap. III: Börne):

Πάντα ῥεῖ,

Alles fliesst.

Nach Aristoteles "de coelo" 3, 1 (vrgl. "Metaph." 1, 6 n. "de anima" 2, 2), während er nach Plato ("Kratyl." 402 a.) gesagt haben soll: "πάντα χωρεῖ" ("Alles bewegt sich fort").—

Sophokles (496-406 v. Chr.) sagt im "Oedipus auf Kolonos" 1026-7:

"... τὰ γὰρ δόλῳ

τῷ μὴ δικαίῳ κτήματ' οὐχὶ σώζεται";

Wir citieren dies nach Paulus Diaconus (p. 222. Muell.) aus Naevius († 204) also:

Male parta male dilabuntur

[S. 343]

(vrgl. dasselbe bei Cicero "Philipp." II, 27 ohne Quellenangabe und Plautus "Poenulus" 4, 2, 22: "Male partum, male disperit") und auf Deutsch, aber aus den "Sprüchen Salomonis" 10, 2 schöpfend, in der Form:

Unrecht Gut gedeiht nicht.—

Auch citieren wir den Anfang des herrlichsten Chors der "Antigone" (331-2) des Sophokles:

Πολλὰ τὰ δεινὰ, κοὐδὲν ἀν-

θρώπου δεινότερον πέλει,

Vieles Gewalt'ge lebt, und nichts

Ist gewaltiger, als der Mensch;

sowie der Titelheldin sanftes Wort (516):

Οὔ τοι συνέχθειν, ἀλλὰ συμφιλεῖν ἔφυν,

Nicht mitzuhassen, mitzulieben bin ich da.—

Die in dem Scholion zu des Sophokles "Antigone", 620, angeführten Verse eines unbekannten griechischen Tragikers:

Ὅταν δ' ὁ δαίμων ἀνδρὶ πορσύνῃ κακά,

Τὸν νοῦν ἔβλαψε πρῶτον, ᾧ βουλεύεται,

citieren wir in der schlecht lateinischen Form:

Quos Deus perdere vult, dementat prius,

Die, welche Gott verderben will, verblendet er vorher.

(Velleius Paterculus II, 118: "Ita se res habet, ut plerumque fortunam mutaturus deus consilia corrumpat". Publilius Syrus, 490 bei Ribbeck: "Stultum facit Fortuna, quem vult perdere".) Ein Fragment bei Lykurg advers. Leocratem § 92 lautet ähnlich:

ὅταν γὰρ ὀργὴ δαιμόνων βλάπτῃ τινά,

τοῦτ' αὐτὸ πρῶτον ἐξαφαιρεῖται φρενῶν

τὸν νοῦν τὸν ἐσθλόν.—

[S. 344]

Vier Elemente,

Feuer, Wasser, Luft, Erde, stellte Empedokles (geb. 490 v. Chr.) in seinem Lehrgedichte "über die Natur" auf.—

Herodot (484-428 v. Chr.) sagt (2, 10), das Land zwischen den Gebirgen nördlich von Memphis sei einst ein Meerbusen gewesen, gerade wie das Gebiet um Ilion u. s. w., "wenn es erlaubt ist, so Kleines mit Grossem zu vergleichen"—"ὡς ... εἶναι σμικρὰ ταῦτα μεγάλοισι συμβαλεῖν", und er braucht dieselbe entschuldigende Wendung (4, 99; nur steht dort ταῦτα vor σμικρά), als er die Küste Skythiens mit der Attikas vergleicht. Daher rührt wohl Vergils Wort ("Georgica" 4, 176) gelegentlich des Vergleichs der Bienen-Arbeit mit der der blitzeschmiedenden Cyclopen:

Si parva licet componere magnis,

Wenn man Kleines mit Grossem vergleichen darf.

(vrgl. "Ecl." 1, 24; Ovid "Met." 5, 416-7 u. "Trist." 1, 3, 25 u. 1, 5, 28).—

Ebenso ist das übliche, die Glaubwürdigkeit beschränkende

Relata refero

(Ich erzähle Erzähltes)

auf Herodot zurückzuführen, der (7, 152) auseinandersetzt: "ἐγὼ δὲ ὀφείλω λέγειν τὰ λεγόμενα, πείθεσθαί γε μὲν οὐ παντάπασι ὀφείλω, καί μοι τοῦτο τὸ ἔπος ἐχέτω ἐς πάντα λόγον"—"mir liegt ob zu erzählen, was erzählt wird, aber mir liegt nicht immer ob es zu glauben; und dies Wort soll mir bei Allem gelten, was ich erzähle" (vrgl. dieselbe Vorsicht 1, 183; 4, 173, 187, 195; 6, 137).—

In des Euripides (480-406 v. Chr.) "Orestes" 234 schlägt Elektra dem kranken Bruder vor aufzustehen, denn:

μεταβολὴ πάντων γλυκύ

Abwechselung ist immer angenehm,

[S. 345]

was den Griechen "geflügelt" wurde: denn Aristoteles ("Nikom. Eth." 7, 15) citiert: "Abwechselung ist das Allerangenehmste, wie der Dichter sagt" ("μεταβολὴ δὲ πάντων γλυκύτατον κατὰ τὸν ποιητήν").

Als Übersetzung dieses Wortes lässt sich aus der nachchristlichen römischen Litteratur (s. Valerius Maximus II, 10 ext. I; Phädrus II, Prolog 10; Justinus "Praefatio")

varietas delectat[62]

herleiten; wir aber citieren:

variatio delectat,

Abwechselung ergötzt,

was sich nirgends findet. Der muntere Dichter und Komponist August Schäffer († 1879) irrt, wenn er eins seiner Lieder beginnt:

"Delectat variatio

Das steht schon im Horatio".—

[62] So wird es richtig citiert in Hans Clauerts "wercklichen Historien" (1591, cap. XV) und mit dem Zusatz versehen: "Wie der Teuffel sagt, da er Buttermilch mit einer Mistgabel ass".

In des Euripides "Iphigenie in Tauris" (568) sagt Orest, er lebe unglücklich:

κοὐδαμοῦ καὶ πανταχοῦ,

Sowohl nirgends als auch überall;

Seneca schreibt ("epist." 2, 2):

Nusquam est, qui ubique est,

Nirgends lebt, wer überall lebt;

Martial (7, 73, 6):

Quisquis ubique habitat, . . . nusquam habitat,

Wer überall haust, haust nirgends;

Und so sagen wir denn:

Überall und nirgends sein.—

Ein Vers des Dichters und pythagoräischen Philosophen Epicharmus (5. Jahrh. v. Chr.) findet sich im [S. 346]pseudoplatonischen "Axiochus" 366 und in des Äschines "Dialogen" III, 6 also verstümmelt:

Ἁ δὲ χεὶρ τὰν χεῖρα νίζει· δός τι, καὶ λαβέ τι

Die Hand wäscht die Hand: Gieb etwas und nimm etwas.

Liest man den Schluss mit C. Fr. Hermann ("Gesch. d. plat. Philos." S. 306) "λάβοις τί κα" "so magst du auch etwas kriegen", so ergiebt sich der gute Sinn des Goetheschen "Wie du mir, so ich dir". Schon bei den Griechen wurde "χεὶρ χεῖρα νίπτει" geflügeltes Wort (s. Menander "Monostich." 543 und die Stellen S. 274 im "Epicharm." von Lorenz Berl. 1884). Wir citieren es nach Senecas "Verkürbissung des Claudius" und Petronius c. 45 lateinisch in der Form:

manus manum lavat

und übersetzen:

Eine Hand wäscht die andere.—

Die Worte des (401 v. Chr. †) Choerilos von Samos (s. Kinkel. "Frgm. Epic. Graec." I, p. 271. fr. 10; 1877):

Πέτρην κοιλαίνει ῥανὶς ὕδατος ἐνδελεχείῃ

Der Tropfen höhlt den Stein (durch Beharrlichkeit)

citieren wir auch in der lateinischen Form

Gutta cavat lapidem non vi sed saepe cadendo

Der Tropfen höhlt den Stein nicht durch Kraft, sondern durch häufiges Niederfallen.

Ovid ("ex Ponto" 4, 10, 5) singt: "Gutta cavat lapidem" . . fährt dann aber fort "consumitur annulus usu" ("der Ring wird durch den Gebrauch abgenutzt"). Das "non vi sed saepe cadendo" war schon im 16. Jahrh. bekannt, da es folgende Verse hervorrief, welche sich in Giordano [S. 347]Brunos Lustspiel "Il candelajo" ("Der Lichtzieher", 1582) III, 6 finden:

"Gutta cavat lapidem, non bis sed saepe cadendo:

Sic homo fit sapiens, bis non sed saepe legendo".

("Der Tropfen höhlt den Stein, nicht durch zweimaligen, sondern durch öfteren Fall: so wird der Mensch weise, nicht durch zweimaliges, sondern durch öfteres Lesen").—

Ein Wort des Sokrates (469-399 v. Chr.) in Xenophons Memorabilien 1, 3, 5, das Cicero "de finibus" 2, 28, 90 in der Form "cibi condimentum est fames" (Hunger ist der Speise Würze) mitteilt, erscheint schon im 13. Jahrh. im Deutschen. In Freidanks "Bescheidenheit" (Wilh. Grimms "Vridanc", 39) heisst es bereits unter "Von dem Hunger":

Der Hunger ist der beste Koch.—

Nach Sokrates (s. Cornificius "ad. Herenn." 4, 28, 39; Quintilian 9, 3, 85; Aulus Gellius 19, 2; Athenäus "Deipnos." 4, p. 158f; Diog. Laërtius II, 5, n. 16, 34: "ἔλεγε, τοὺς μὲν ἄλλους ἀνθρώπους ζῆν, ἵν' ἐσθίοιεν· αὑτὸν δὲ ἐσθίειν, ἵνα ζώῃ" "er sagte, andere Leute lebten, um zu essen; er aber esse, um zu leben") citieren wir auch

Wir leben nicht, um zu essen; wir essen, um zu leben.—

Hippokrates (um 460-370 v. Chr.) hat im Anfange der Schrift "Prognostikon" ein Menschenantlitz, auf dem sich die Kennzeichen des nahenden Todes einstellen, so vortrefflich zu schildern gewusst, dass man noch jetzt ein solches Gesicht

Hippokratisches Gesicht

facies hippocratica

nennt. Wer aber nannte es zuerst so?—

Den Anfang der "Aphorismen" des Hippokrates[S. 348] "βίος βραχὺς, ἡ δὲ τέχνη μακρή" citieren wir in der lateinischen Form:

Vita brevis, ars longa (vrgl. Seneca "de brev. v." 1),

Das Leben ist kurz, die Kunst ist lang;

und ebenso, den Schluss: "Ὁκόσα φάρμακα οὐκ ἰῆται, σίδηρος ἰῆται, ὅσα σίδηρος οὐκ ἰῆται, πῦρ ἰῆται (ὅσα δὲ πῦρ οὐκ ἰῆται, ταῦτα χρὴ νομίζειν ἀνίατα)", das Motto von Schillers "Räubern":

"Quae medicamenta non sanant, ferrum sanat,

quae ferrum non sanat, ignis sanat.

(Quae vero ignis non sanat, insanabilia reputari oportet")—"Was Arzneien nicht heilen, heilt das Messer; was das Messer nicht heilt, heilt Brennen; was aber Brennen nicht heilt, muss als unheilbar angesehen werden".—

Aus Thucydides (um 454-396 v. Chr.) 1, 22 ist bekannt:

Κτῆμα ἐς ἀεί

Ein Besitztum auf immer.—

2, 45 lässt Thucydides den Perikles zu den Witwen der gefallenen Athener Folgendes sprechen: "τῆς τε γὰρ ὑπαρχούσης φύσεως μὴ χείροσι γενέσθαι ὑμῖν μεγάλη ἡ δόξα καὶ ἦς ἂν ἐπ' ἐλάχιστον ἀρετῆς περὶ ἢ ψόγου ἐν τοῖς ἄρσεσι κλέος ἦ." "Ihr werdet grossen Ruhm ernten, wenn Ihr Euch nicht schwächer erweiset, als die Natur Euch schuf, und am meisten Die, von der unter den Männern im Guten wie im Bösen am Wenigsten gesprochen wird!" Dadurch wurde das Wort gebildet:

Die beste Frau ist die, von der man am Wenigsten spricht.—

Als in des Aristophanes (um 444-380) "Vögeln" unter dem Schwarm auch eine Eule herbeifliegt, fragt (V. 301) Euelpides: "τίς γλαῦκ' Ἀθήναζ' ἤγαγε;" "Wer hat die Eule nach Athen gebracht?" sc.: "wo schon [S. 349]so viele sind"; denn die Eule, kein seltener Vogel dort, war Athenes Wappentier und prangte auf den Münzen der Stadt, die (nach V. 1106: "Γλαῦκες ὑμᾶς οὔποτ' ἐπιλείψουσι" . . . "An Eulen wird es euch nie mangeln") schlechtweg "Eulen" hiessen. So ward denn wohl

Eulen nach Athen (tragen)

im Sinne von "etwas Überflüssiges leisten" ein griechisches Sprichwort (vrgl. Suidas: "Γλαῦκα εἰς Ἀθήνας"), welches uns zum "geflügelten Wort" wurde durch Aristophanes und Cicero ("Γλαῦκ' εἰς Ἀθήνας" v. "Fam." 6, 3; 9, 3; "Quint, fr." 2, 16).—

V. 376 der "Vögel" des Aristophanes:

ἀλλ' ἀπ' ἐχθρῶν δῆτα πολλὰ μανθάνουσιν οἱ σοφοί

aber wer klug ist, der lernt fürwahr von dem Feinde gar Vieles

kürzt Ovid ("Metam." 4, 428) zu dem Schlagwort ab:

Fas est et ab hoste doceri

Recht ist's, auch vom Feinde zu lernen.—

Ebenfalls in des Aristophanes "Vögeln" (V. 821 u. sonst) wird die von den Vögeln in die Luft gebaute Stadt

νεφελοκοκκυγία

Wolkenkukuksheim

genannt, was gleichbedeutend mit "Phantasiegebilde" gebraucht wird.—

In des Aristophanes "Plutos" steht (1151):

πατρὶς γάρ ἐστι πᾶσ' ἵν' ἂν πράττῃ τις εὖ

Ein Vaterland ist jedes (Land), wo es einem gut geht.

(vrgl. die Parallelstellen bei Nauck: "Tragic. graec. fragm." S. 691). Dies lautet bei Cicero "Tusc." 5, 37 (verm. herrührend vom Tragiker Pacuvius, † 130 v. Chr.)

[S. 350]

Patria est, ubicunque est bene,

Das Vaterland ist allenthalben, wo es gut ist;

und hierin sehen wir die Quelle des als Kehrreim des Liedes "Froh bin ich und überall zu Hause" ("Gedichte" von Fr. Hückstädt, Rostock 1806. S. 144-5) bekannten Wortes:

Ubi bene, ibi patria,

Wo (es mir) gut (geht), da (ist mein) Vaterland.—

Plato (um 427-347 v. Chr.) sagt im "Phaedon" 91 c.: "ὑμεῖς μέντοι, ἂν ἐμοὶ πείθησθε, σμικρὸν φροντίσαντες Σωκράτους, τῆς δὲ ἀληθείας πολὺ μᾶλλον", "wenn ihr mir folget, so kümmert ihr euch um Sokrates ein wenig, viel mehr aber um die Wahrheit". Dieses Wort überliefert uns Ammonius ("Leben d. Aristot.") in der zugespitzten Form: "φίλος μὲν Σωκράτης, ἀλλὰ φιλτάτη ἡ ἀλήθεια", "Sokrates ist mir lieb, aber die Wahrheit am allerliebsten". Wir citieren es in lateinischer Sprache und setzen für "Sokrates" "Plato":

Amicus Plato, sed magis amica veritas,

Plato ist mir lieb, aber die Wahrheit ist mir noch lieber,

wie es sich schon in des Cervantes "Don Quijote" (c. 51. T. II, ersch. 1615) findet; während Luther ("de servo arbitrio" z. A.) schreibt: "Amicus Plato, amicus Socrates, sed praehonoranda (höher zu schätzen) veritas" (vrgl. Aristot. 1096, a, 14. Bekker).—

In "Tim. 26, e" stellt Plato "πλασθέντα μῦθον" "die erdichtete Fabel" und "ἀληθινὸν λόγον" "die wahre Überlieferung" einander gegenüber. Auch wendet er "μῦθος" und "λόγος" einzeln in demselben Sinne an, weshalb F. A. Wolf ("zu Platos Phaedon". Berl. 1811. S. 27) diese Worte mit

Dichtung und Wahrheit

[S. 351]

übersetzte, indem er auf den gleichen Gebrauch in des Aristoteles "Poëtik" hinwies. Vor ihm hatte schon G. E. Lessing ("Vossische Zeitung" v. 12. Juni 1751) "Erdichtung und Wahrheit" und J. G. Jacobi (in d. Aufs. "Dichtkunst. Von der poetischen Wahrheit". S. 9 u. 17, mit dem er im Okt. 1774 die "Iris" eröffnete) den Ausdruck

Wahrheit und Dichtung

angewendet. Goethe nannte dann (1811) seine Lebensbeschreibung "Dichtung und Wahrheit", welcher Titel nach seinem Tode durch Riemer und Eckermann in "Wahrheit und Dichtung" keck verändert wurde.—

Aus Platos "Gorgias", 1, citieren wir das damals schon sprichwörtliche "κατόπιν ἑορτῆς" stets in der lateinischen Form:

post festum,

nach dem Fest,

d. h. "zu spät, wenn alles, weswegen man kommt, vorüber ist"; obgleich sich die Römer dieses Ausdrucks selbst nicht bedienten.—

Platonische Liebe

nennt man diejenige, welche sich zu der geliebten Person nicht durch Sinnenreiz hingezogen fühlt, sondern durch die Schönheit der Seele und des Charakters; platonisch heisst sie, weil Plato im "Gastmahl" sie von Pausanias also erklären lässt.—

Deus ex machina

beruht auf Plato, der ("Kratylos", p. 425, D) den Sokrates sagen lässt: "wir müssten uns denn auch unsererseits mit der Sache so abfinden, wie die Tragödiendichter, die ihre Zuflucht zu den Maschinen nehmen, [S. 352]wenn sie in Verlegenheit sind, und die Götter herbeischweben lassen, indem wir sagten, die ursprünglichen Wörter hätten die Götter eingeführt und deshalb wären sie richtig".—

Platos "Gesetze" rügen (p. 625), dass die meisten es nicht einsehen, "dass ihr Lebelang stets alle Städte mit allen Städten in beständigem Kriege wären", und es heisst ferner dort (pag. 626): "dass naturgemäss stets alle Städte mit allen Städten in unversöhnlichem Kriege wären", und nicht nur diese, sondern dass auch "Dorf gegen Dorf, Haus gegen Haus, Mensch gegen Mensch, ein Jeder gegen sich selbst Krieg führe", ja "dass Alle mit Allen auf Kriegsfuss seien" ("πολεμίους εἶναι πάντας πᾶσι"). Hiernach heisst es vielleicht bei Lucilius (Lachm. v. 1020):

"insidias facere, ut si hostes sint omnibus omnes",

"sie legen Fall'n, als wären Alle Allen Feind'",

und gewiss bei Hobbes ("De cive" . . . . als Mscpt. gedr. 1642, ersch. Amst. 1648 . . . . c. 1, 12):—"es ist unleugbar, dass Krieg der natürliche Zustand der Menschen war, bevor die Gesellschaft gebildet wurde, und zwar nicht einfach der Krieg, sondern der

Krieg Aller gegen Alle",

Bellum omnium in omnes,

während sich in seinem "Leviathan" (engl. Lond. 1651, latein. Amst. 1668) c. 18 der Ausdruck also wiederholt:

Bellum omnium contra omnes.—

Kosmopolit

Weltbürger

stammt nach Diogenes Laërtius VI, 2 n. 6, 63 von Diogenes dem Cyniker (412-323 v. Chr.), der auf die Frage, woher er sei, sich "κοσμοπολίτης" nannte.

[S. 353]

Cicero erzählt ("Tusc." 5, 37, 108): "Als Sokrates gefragt wurde, aus welchem Lande er sei, antwortete er: 'Aus der Welt'. Denn er hielt sich für einen Einwohner und Bürger der ganzen Welt". Dass dies Wort mit Unrecht auf Sokrates zurückgeführt wird, darüber vrgl. Zeller II, 1, p. 1606 und 2774. (3. Aufl., Lpz. 1875.)—

Aristoteles (384-322 v. Chr.) sagt uns, der Mensch (ἄνθρωπος) sei von Natur (φύσει) ein

πολιτικὸν ζῷον ("Polit." 1, 2), ζῷον πολιτικόν (3, 6),

politisches Geschöpf, geselliges Wesen, geselliges Tier,

"Der Mensch ein gesellicht Thier" ist die Überschrift eines Verses von Friedrich von Logau (Salomons von Golau Deutscher Sinngetichte. Drey Tausend. Breslau. In Verlegung Caspar Klossmanns. 1654 ersch. Jedoch ohne Jahresangabe. 3. Tausend, 10. Hundert No. 95).—

Aristoteles spricht ("Hist. animal." 6, 3) davon, dass sich im Weissen des Eies das Herz des werdenden Vogels "als ein Blutfleck" anzeige, "welcher Punkt, wie ein Lebewesen, hüpfe und springe" ("Στίγμη αἱματίνη ἐν τῷ λευκῷ ἡ καρδία· τοῦτο δὲ τὸ σημεῖον πηδᾷ καὶ κινεῖται, ὥσπερ ἔμψυχον"). Theodorus Gaza († 1478) übertrug die letzten Worte also: "quod punctum salit iam et movetur ut animal". Volcher Coiter ("Exercitat. anatom." Norib. 1573) citiert dies: "punctum salit", und dann nennen Aldovrandi ("Ornithol." Frcf. 1610; L. 14 c. 1) und W. Harvey ("Exercit. d. gener. anim." 17; Lond. 1651) "den hüpfenden Punkt", der sich (s. Schiller "Der Genius" 1795) "verborgen im Ei reget":

punctum saliens,

welch'

springender Punkt

("der Lebenspunkt, der Punkt, auf den Alles ankommt") von uns meistens übertragen auf das in geistiger Beziehung als Hauptsache Hervorspringende angewandt wird.—

[S. 354]

Im Aristoteles ("De incessu animalium" cap. 2 n. 8) findet sich der Satz "Die Natur macht Nichts vergeblich" (ἡ φύσις οὐδὲν ποιεῖ μάτην) (natura nihil frustra facit) und es scheint, als habe man zerstreuterweise hieraus das dann viel gebrauchte Wort mit völlig anderer Bedeutung gebildet:

Natura non facit saltus

Die Natur macht keinen Sprung (wörtl. keine Sprünge)

(vrgl. Linné "Philosophia botanica" 1751 unter 77); denn es wird (cap. 8) bald darauf das Springen (ἅλσις, saltus) der Tiere besprochen.

Julius Frauenstädt leitet es irrig in seiner Einleitung von Schopenhauers "sämtl. Werken" (S. 22. 2. Aufl. Lpz. 1877) kurzweg aus obiger Aristotelesstelle her.—

Auf dem von Aristoteles ("Histor. animal." 8, 28) überlieferten Sprichworte: "ἀεὶ φέρει τι Λιβύη καινόν", "immer bringt Afrika etwas Neues" beruht:

Quid novi ex Africa?

Was giebt es Neues aus Afrika?

(vrgl. Aristot. "de generat. animal." 2, 5, Anaxilas, Komödiendichter um 350 v. Chr. bei Athen. 14, p. 623 E., Plin. "Nat. hist." 8, 17: "vulgare Graeciae dictum: semper aliquid novi Africam afferre" und Nicephorus Gregoras [um 1350] "Histor. Byzant.", p. 805, 23, ed. Schopen).—

Aristoteles ("de anima" 3, 4) sagt: "ὥσπερ ἐν γραμματείῳ ᾧ μηδὲν ὑπάρχει ἐντελεχείᾳ γεγραμμένον" ("wie auf einer Tafel, auf der wirklich nichts geschrieben ist"). Hierzu fügt Trendelenburg das Wort Alexanders aus Aphrodisias (um 200 v. Chr.): "ὁ νοῦς ... ἐοικὼς πινακίδι ἀγράφῳ" ("die Vernunft, einer unbeschriebenen Tafel gleichend"), das Plutarch "Aussprüche d. Philos". 4, 11 (χαρτίον, "Blatt" für "Tafel" setzend) den Stoikern zuschrieb. Wir citieren lateinisch

[S. 355]

Tabula rasa,

abgewischte Schreibtafel;

was nach Prantl ("Gesch. d. Logik") zuerst bei Ägidius a Columnis († 1316) vorkommt.

"Tabellae rasae" lesen wir zwar schon bei Ovid ("Ars Amandi" 1, 437) aber ohne jene Beziehung auf Geistiges.—

Aristoteles ("Problemata" 30, 1) fragt: "Διὰ τί πάντες ὅσοι περιττοὶ γεγόνασιν ἄνδρες, ἢ κατὰ φιλοσοφίαν, ἢ πολιτικὴν, ἢ ποίησιν, ἢ τέχνας, φαίνονται μελαγχολικοὶ ὄντες ..." "Woher kommt es, dass all' die Leute, die sich in der Philosophie, oder in der Politik, oder in der Poesie, oder in den Künsten auszeichneten, offenbar Melancholiker sind?" Hieraus bildete Seneca ("de tranquill, anim." 17, 10) den uns geläufigen Satz:

Nullum magnum ingenium sine mixtura dementiae fuit.

Es hat keinen grossen Geist ohne eine Beimischung von Wahnsinn gegeben.—

Im Aristoteles ("Oekonom." 1, 6) lesen wir: "Καὶ τὸ τοῦ Πέρσου, καὶ τὸ Λίβυος ἀπόφθεγμα εὖ ἂν ἔχοι· ὁ μὲν γὰρ ἐρωτηθεὶς τί μάλιστα ἵππον πιαίνει,

ὁ τοῦ δεσπότου ὀφθαλμὸς

ἔφη· ὁ δὲ Λίβυος, ἐρωτηθεὶς ποία κόπρος ἀρίστη, τὰ τοῦ δεσπότου ἴχνη, ἔφη." "Sowohl des Persers, wie des Libyers Ausspruch ist gut, denn Jener sagte auf die Frage, was ein Pferd am Besten mäste:

Das Auge des Herrn;

während der Libyer auf die Frage, welcher Dünger am Besten sei, sagte: des Herrn Fussstapfen". Columella (4, 18) vermengt diese Worte, indem er schreibt: "oculos et vestigia domini res agro saluberrimas", "die Augen und Fussstapfen des Herrn seien die heilsamsten Dinge [S. 356]für den Acker", und Plinius ("Nat. hist.", 18, 2) kürzt dies also: "majores fertilissimum in agro

oculum domini

esse dixerunt".—"Die Altvordern sagten, am fruchtbringendsten für den Acker sei das Auge des Herrn".—

Im Aristoteles ("Analyt." prior. B. 18 p. 66 ed. Bekker) steht: "Ὁ δὲ ψευδὴς λόγος γίνεται παρὰ τὸ πρῶτον ψεῦδος", "der falsche Satz entspringt dem falschen Grundgedanken" oder "die falsche Conclusion der falschen Prämisse". Hieraus stammt für "Grundirrtum"

Das πρῶτον ψεῦδος,

das wir jedoch nach dem Sprachgebrauch, der "ψεῦδος" nicht als "Irrtum" sondern als "absichtliche Täuschung" nimmt, oft als "Grundbetrug" oder "Urlüge" aufzufassen und theologisch anzuwenden geneigt sind.—

Theophrast (um 372-287 v. Chr.) pflegte (nach Diogen. Laërt. V. 2 n. 10, 40) zu sagen: "πολυτελὲς ἀνάλωμα εἶναι τὸν χρόνον", "Zeit sei eine kostbare Ausgabe". Hieraus scheint hergeleitet:

Zeit ist Geld,

was wir auch englisch ausdrücken:

Time is money.

In Bacons "Essayes" ("Of Dispatch" 1620) heisst es: "Time is the measure of business, as money is of wares: and business is bought at a deare hand, where there is small dispatch" (Zeit ist der Arbeitmesser, wie Geld der Waarenmesser ist: und Arbeit wird teuer, wenn man nicht sehr eilt).—

Der Redner Pytheas (um 340 v. Chr.) sagte (nach Plutarch "Staatslehren" 6 n. "Demosthenes" 8, sowie nach [S. 357]Aelian "variae hist." 7, 7) von den Reden des von ihm unaufhörlich angefeindeten Demosthenes, dass sie "nach Lampendochten röchen" (ἐλλυχνίων ὄζειν) und noch heute sagen wir

nach der Lampe riechen

von jeder litterarischen Arbeit, welche ohne Anmut der Form nächtliches Studium verrät.—

Bei Stobäus (Serm. LXVI, p. 419. Gesn.) finden wir des Menander (342-290 v. Chr.):

Τὸ γαμεῖν, ἐάν τις τὴν ἀλήθειαν σκοπῇ,

Κακὸν μέν ἐστιν, ἀλλ' ἀναγκαῖον κακόν.

Heiraten ist, wenn man die Wahrheit prüft,

Ein Übel, aber ein

notwendiges Übel.

Malum necessarium, die lat. Übersetzung, steht in des Lampridius (4. Jahrh. n. Chr.) "Alexander Severus" 46.—

Plutarch überliefert uns in der "Trostrede an Apollonius", dessen Sohn gestorben war, (p. 119e; cap. 34) den Vers des Menandn>:

"Ὃν οἱ θεοὶ φιλοῦσιν ἀποθνήσκει νέος",

den Plautus ("Bacch." 4, 7, 18) also übersetzt:

"quem di diligunt adolescens moritur"

und der bei uns zu lauten pflegt:

Wen die Götter lieben, der stirbt jung.—

Menanders Wort "ἀνεῤῥίφθω κύβος" ("der Würfel falle!"—Überl. v. Athenäus XIII, p. 559 c.) citierte Cäsar, als er 49 v. Chr. den Rubicon überschritt, in griechischer Sprache, wie Plutarch ("Pompeius", 60 und "Ausspr. v. Kön. u. Feldh.") ausdrücklich hervorhebt. Sueton hingegen lässt ihn lateinisch sagen ("Caesar" 32):

[S. 358]

Alea iacta est!

Der Würfel ist gefallen!

(Erasmus verbessert: "Iacta esto alea!" "Der Würfel falle!") Huttens Wahlspruch (s. Kap. III) "Jacta est alea" hat hier seine Quelle.—

Die 422. Gnome der "Monostichen" des Menander

Ὁ μὴ δαρεὶς ἄνθρωπος οὐ παιδεύεται

Wer nicht geschunden wird, wird nicht erzogen

stellte Goethe als Motto vor den 1. Teil seiner Selbstbiographie.—

Eine Komödie Menanders

Ἑαυτὸν τιμωρούμενος

kam auf uns durch des Terenz Komödie

Heautontimorumenos,

"Der Selbstpeiniger".

Die nach Diogenes Laërtius (VII, 1 n. 19, 23) von dem Stoiker Zeno (geb. 340 v. Chr.) aufgestellte (von Porphyrius im "Leben des Pythagoras" aber auf diesen zurückgeführte, in Plutarchs Schrift "Die Menge der Freunde" und in dem Pseudo-Aristotelischen Buch "Magna Moralia" II, 15 citierte) Definition des Freundes "Ἄλλος ἐγώ" wenden wir an in der lateinischen und deutschen Form:

Alter ego,

Ein zweites Ich.

Bei Cicero findet sich "me alterum" "ad. fam." 7, 5, 1; "ad Attic." 3, 15, 4; 4, 1, 7; "Alterum me" "ad fam." 2, 15, 4; "verus amicus est tanquam alter idem" "de amic." 21, 80; bei Ausonius "alter ego" praef. 2, 42 (4. Jahrh. n. Chr.). Der griechische Romanschreiber Eustathius [6. Jahrh.? 12. Jahrh.?] sagt dreist von sich: "Ein zweites Ich; denn also bezeichne ich den Freund". Hercher "Erotici Graeci" 2, p. 164, 25; vrgl. 165, 18. Späterhin nahm "Alter ego" die Bedeutung eines Stellvertreters der souveränen Gewalt an.—

[S. 359]

Am Schlusse jeder Beweisführung des Mathematikers Euklid (bl. um 300 v. Chr.) heisst es:

ὅπερ ἔδει δεῖξαι,

quod erat demonstrandum,

was zu beweisen war.—

Des (um 270 v. Chr. bl.) Philosophen Bion Witz: "Εὔκολον τὴν εἰς Ἅιδου ὁδόν· καταμύοντας γοῦν κατιέναι", "der Weg zum Hades ist leicht; man kommt ja mit geschlossenen Augen hinab" (s. Diog. Laërt. IV, c. 7, n. 3, § 49) wird von uns in der kürzeren Form des Vergil citiert ("Aen." 6, 126):

Facilis descensus Averno,

Das Hinabsteigen in die Unterwelt ist leicht;

worauf dann folgt, dass das Wiederauftauchen daraus schwer sei.—

Philo Judaeus († 54 n. Chr.) sagt ("de migr. Abrahami" 15, p. 449, Mangey) von den ägyptischen Zauberern: "ἀπατᾶν δοκοῦντες ἀπατῶνται" (sie glaubten zu betrügen und wurden betrogen). Danach schreibt der gern citierende Apostel Paulus im 2. Briefe an Thimotheus 3, 13 auch von den Magiern Ägyptens: "Mit den bösen Menschen aber und verführerischen wird es je länger je ärger, "verführen und werden verführt" ("πλανῶντες καὶ πλανώμενοι")". Dann sagt Porphyrius in seines Lehrers Plotin Leben (16): "οἳ—ἐξηπάτων καὶ αὐτοὶ ἠπατημένοι" ("die betrogen und selbst betrogen waren") und Augustinus ("Bekenntnisse" 7, 2): "deceptos illos et deceptores", und G. E. Lessing ("Nathan" 3, 7) verdeutschte in der Parabel von den drei Ringen das Wort also:

Betrogene Betrüger.

[S. 360]

(vrgl. Margarete von Navarra in dem 1543 erschienenen "Heptameron" Novelle 1, 6, 15, 23, 25, 28, 45, 51, 62; Cardanus († 1576) "De subtilitate", 1663, III, 551; Cervantes "Don Quijote" 2, 33 (1615) u. s. w.; Moses Mendelssohn ("Ges. Schr.", 1843, III, 115; Brief vom 9. 2. 1770 an Bonnet über eine Sekte): "Wollen wir sagen, dass alle ihre Zeugen Betrogene und Betrüger sind?" Eine komische Oper von Guilet et Gaveaux (1799) heisst "Le trompeur trompé".)—

Flavius Josephus (37 n. Chr.—nach 93) sagt in seiner Schrift "Gegen Apion" (II, 16) von Moses im Gegensatze zu Minos: "Ὁ δὲ ἡμετέρος νομοθέτης εἰς μὲν τούτων οὐδοτιοῦν ἀπεῖδεν, ὡς δ' ἄν τις εἴποι βιασάμενος τὸν λόγον,

θεοκρατίαν

ἀπέδειξε τὸ πολίτευμα, Θεῷ τὴν ἀρχὴν καὶ τὸ κράτος ἀναθείς"—"Unser Gesetzgeber richtete jedoch auf Alles Dieses gar nicht sein Augenmerk; er machte die Staatsverfassung zu einer

Theokratie

(Gottesherrschaft), wenn man sich so gewaltsam ausdrücken darf, indem er Gott die obrigkeitliche Macht beilegte".—

Einen Spruch des Epiktet (geb. um 50 n. Chr.) teilt Aulus Gellius 17, 19, 6 in der lateinischen Form mit:

Sustine et abstine,

ἀνέχου καὶ ἀπέχου,

Leide und meide.—

Plutarch (geb. um 50 n. Chr., † 120 n. Chr.) erzählt in seiner Biographie des L. Aemilius Paullus (Kap. 5), dass dieser sich aus unbekannten Gründen von seiner Gattin, Papiria, habe scheiden lassen. Plutarch vermutet, dass der Scheidungsgrund ein ähnlicher gewesen sei, wie derjenige eines gewissen Römers. Dieser habe sein Weib fortgeschickt und alsdann auf die Fragen [S. 361]seiner Freunde: "Ist sie denn nicht sittsam? Nicht schön von Gestalt? Schenkte sie Dir denn keine Kinder?" ihnen seinen Schuh hingestreckt und gefragt: "Ist er nicht fein? Ist er nicht neu? Aber Niemand von Euch sieht, an welcher Stelle mein Fuss gedrückt wird, (οὐκ ἂν εἰδείη τὶς ὑμῶν. καθ' ὅτι θλίβεται μέρος οὑμὸς πούς)". Hierauf fusst die Stelle des Hieronymus (adv. Jovin. 1, 48): "Legimus quendam apud Romanos nobilem, cum eum amici arguerent, quare uxorem formosam et castam et divitem repudiasset, protendisse pedem et dixisse eis: Et hic soccus, quem cernitis, videtur vobis novus et elegans, sed nemo scit praeter me, ubi me premat." Hier findet sich zuerst das bekannte Bild unseres Sprachschatzes:

Nicht wissen und wissen, wo Einen der Schuh drückt.—

Durch Lucians (um 160 n. Chr.) Abhandlung "wie man Geschichte schreiben müsse" wurde die thracische Stadt

Abdera

für immer als lächerlich gebrandmarkt; und sie wurde als solche in Deutschland berühmt durch Wielands im "teutschen Merkur" 1774, 1. und 2. erschienene "Geschichte der

Abderiten".—

Bei Sextus Empiricus (Ende des 2. Jahrh. n. Chr.; "Adversus mathematicos", 287; Imm. Bekker, Berl. 1842; S. 665) steht:

ὀψὲ θεῶν ἀλέουσι μύλοι, ἀλέουσι δὲ λεπτά.

Lange zwar mahlen die Mühlen der Götter, doch mahlen sie Feinmehl. (Ähnlich in "Orac. Sibyll." 8, 14. ed. Friedlieb, Lpz. 1852.)

In Eiseleins "Sprichwörtern" wird das Wort ohne jeglichen [S. 362]Beleg auf Plutarch zurückgeführt. Sebastian Franck ("Sprichwörter", 1541, II, 119b) führt an: "Sero molunt deorum molae, Gottes Mühl stehet oft lang still" und "die Götter mahlen oder scheren einen langsam, aber wohl", ferner einige Zeilen weiter unten "Der Götter Mühl machen langsam Mehl, aber wohl", und Logau (1654) III, 2, 24 macht daraus:

Gottes Mühlen mahlen langsam, mahlen aber trefflich klein.

(Ob aus Langmut er sich säumet, bringt mit Schärf er alles ein.)

Daraus dürfte die bekannte Redensart: "Langsam, aber sicher" entstanden sein.—

Plotin († 270 n. Chr.) bereichert unsere Sprache um zwei "geflügelte Worte". Wir lesen bei ihm (Enn. I, 6 p. 57; Ausg. v. Kirchhoff I, S. 12): "οὐ γὰρ πώποτε εἶδεν ὀφθαλμὸς ἥλιον, ἡλιοειδὴς μὴ γεγενημένος, οὐδὲ τὸ καλὸν ἂν ἴδοι ψυχὴ μὴ καλὴ γενομένη", "Nie hätte das Auge je die Sonne gesehen, wäre es nicht selbst sonnenhafter Natur; und wenn die Seele nicht schön ist, kann sie das Schöne nicht sehen". Hieraus stammt

Schöne Seele

und der Goethesche Vers (1823. "Zahme Xenien". Bd. 3):

Wär' nicht das Auge sonnenhaft,

Die Sonne könnt' es nie erblicken.

Mit diesem Gedanken lehnte Plotin sich an Plato an, der in seinem "Staat" p. 508 sagt: "Das Gesicht ist nicht die Sonne . . . aber das sonnenähnlichste . . . unter allen Werkzeugen der Wahrnehmung", und der ebenda weiter unten "Erkenntnis und Wahrheit, wie Licht und Gesicht, für sonnenartig" erklärt.—

Julianus Apostata (331-363 n. Chr.) meint (oratio [S. 363]VI ed. Ez. Spanhemius, 1696, p. 184), "es dürfe nicht Wunder nehmen, dass wir zu der, gleich der Wahrheit, einen und einzigen Philosophie auf den verschiedensten Wegen gelangen. Denn auch wenn Einer nach Athen reisen wolle, so könne er dahin segeln oder gehen und zwar könne er als Wanderer die Heerstrassen benutzen oder die Fusssteige und Richtwege und als Schiffer könne er die Küsten entlang fahren oder wie Nestor das Meer durchschneiden". Damals galt noch Athen als Ziel der Gebildeten, später wurde es Rom. "Es führen viele Wege nach Athen" liegt im obigen Satz und mochte sich in das uns geläufige Wort verwandeln:

Es führen viele Wege nach Rom,

wofür jedoch sichere Belege noch zu suchen sind.—

Proclus (412, 485 n. Chr.) nennt in seinem Commentar zu Platos "Timaeus" (154c) den "οὐρανός" (Himmel) die

πέμπτη οὐσία

Quintessenz

(Das fünfte Seiende)

und auch in dem "Leben des Aristoteles" von Ammonius (Westermann, "vitarum scriptores Graeci minores", 1845, p. 401) wird die "εʹ οὐσία" erwähnt. Damit ist nach Aristoteles ("De mundo", Kap. 2) der Äther gemeint, der dort "ein anderes Element als die vier, ein göttliches, unvergängliches" genannt wird. (Aristot. "Meteor." 1, 3; "de coelo", 1, 3; "de gen. an.", 2, 3.) Proclus ist die Quelle für das Wort. Viel später jedoch wurde der heut damit verknüpfte Begriff des feinsten Extrakts, der innersten Wesenheit oder des Kerns einer Sache in dies Wort hineingelegt. Raimundus Lullus gab 1541 sein Buch "De secretis naturae sive Quinta essentia" [S. 364]heraus, in dem er zu Anfang des zweiten Teiles diese "Quintessenz" als Allheilmittel preist, und 1570 erschien Leonhart Thurneysser zum Thurns "Quinta essentia, das ist die höchste Subtilitet, Krafft und Wirkung . . . . der Medicina und Alchemia" . . . . In der Vorrede stellt er die "Quinta Essentz Olea" neben den "Stein der Weisen", den "lapis philosophorum". Im 13. Buch nennt er sich einen Schüler des Theophrastus Paracelsus, der also der Vater des Schwindels mit der "Quintessenz" sein wird, wie er so manchen anderen Schwindels Vater gewesen ist.—


[S. 365]

XI.
Geflügelte Worte aus lateinischen Schriftstellern.[63]

[63] Aus diesem Kapitel (15. Aufl.) ging A. Otto's Werk hervor: "Die Sprichwörter und sprichwörtlichen Redensarten der Römer" (Lpzg., Teubner, 1890), eine vortreffliche Arbeit, der dieses Buch manchen wertvollen Aufschluss verdankte.

Jeder ist seines Glückes Schmied

ist nach der dem Sallust zugeschriebenen Schrift "de republica ordinanda" 1, 1, wo es heisst: "quod in carminibus Appius ait, fabrum esse suae quemque fortunae", auf Appius Claudius (Consul 307 v. Chr.) zurückzuführen. Plautus ("Trin." 2, 2, 84: "sapiens ipse fingit fortunam sibi") schreibt diese Fähigkeit nur dem Weisen zu; während ein von Cornelius Nepos (Atticus 11, 6) mitgeteilter Jambus eines Unbekannten wiederum aussagt:

Sui cuique mores fingunt fortunam (hominibus).

Jedes Menschen Glück schmiedet ihm sein Charakter.—

Als Citatenquelle ist Plautus (um 254-184 v. Chr.) zu erwähnen mit:

Nomen atque omen,

Name und zugleich Vorbedeutung,

aus dem "Persa", 4, 4, 74, und mit dem ebenda 4, 7, 19 [S. 366]vorkommenden, von Terenz im "Phormio" 3, 3, 8 angewendeten

Sapienti sat (est)!

Für den Verständigen genug!

(d. h. für ihn bedarf es keiner weiteren Erklärung).—

Oleum et operam perdidi

Öl und Mühe habe ich verschwendet

kommt in des Plautus "Poenulus" 1, 2, 119 vor und wird dort von einer Dirne gebraucht, die sich vergebens hat putzen und salben lassen. Cicero überträgt es auf Gladiatoren ("Ad familiares" 7, 1); dann wird damit auf das verschwendete Öl der Studierlampe angespielt (Cicero "Ad Atticum" 13, 38; "Iuvenal" 7, 99).—

Allgemein bekannt ist auch des Plautus Komödientitel

Miles gloriosus

Der ruhmredige Kriegsmann.

Das Original dieses Stückes war von einem uns unbekannten griechischen Dichter und hiess "Ἀλαζών" ("der Marktschreier", "Aufschneider", "Gloriosus"), wie Plautus (2, 1, 8 u. 9) selbst bezeugt.—

Summa summarum,

Alles in allem,

finden wir zuerst bei Plautus ("Truculentus" 1, 1, 4).—

Im "Trinummus" (5, 2, 30) des Plautus heisst es:

Tunica propior pallio.

Das Hemd ist mir näher als der Rock.—

Bei Plautus ("Stichus" 5, 4, 52 "Casina" 2, 3, 32) kommt

Ohe iam satis!

Oh, schon genug!

vor, das sich auch bei Horaz (Sat. 1, 5, 12) und Martial (4, 91, 6 u. 9) findet.—

[S. 367]

Ennius (239-169 v. Chr.) wird in Ciceros "Laelius" 17, 64 citiert mit:

Amicus certus in re incerta cernitur,

Den sicheren Freund erkennt man in unsicherer Sache.—

Schon Euripides (Hec. 1226) sagt ähnlich:

"Ἐν τοῖς κακοῖς γὰρ οἱ ἀγαθοὶ σαφέστατοι Φίλοι".

"Denn in der Not sind gute Freund' am sichersten".—

In 1, 1, 99 der "Andria" des Terenz (185-155 v. Chr.) erzählt Simo, wie er sich erst über des Sohnes Pamphilus Thränen beim Begräbnis einer Nachbarin gefreut, dann aber der Verstorbenen hübsche Schwester unter den Leidtragenden bemerkt habe . . . . "Das fiel mir gleich auf. Haha! Das ist's!

Hinc illae lacrumae!"

"Daher jene Thränen!"

Dies Wort wird bereits von Cicero ("pro Caelio", c. 25) und von Horaz ("Epistel" 1, 19, 41) citiert.—

Aus 1, 2, 23 der "Andria" des Terenz ist die Antwort des Davus:

Davus sum, non Oedipus,

Davus bin ich, nicht Ödipus,

d. h. "ich verstehe dich nicht, denn ich kann nicht so geschickt Rätsel lösen wie Ödipus".—

Aus der "Andria" 1, 3, 13:

Inceptio est amentium, haud amantium,

Ein Beginnen von Verdrehten ist's, nicht von Verliebten,

ist in den Gebrauch übergegangen:

Amantes, amentes,

Verliebt, verdreht,

was wohl zuerst in dem Titel des 1604 in 3. Auflage [S. 368]erschienenen Lustspiels "Amantes amentes" von Gabriel Rollenhagen vorkommt. "Amens amansque" (verdreht und verliebt) findet sich übrigens schon bei Plautus "Merc." Prolog. 81.—

Aus der "Andria" 2, 1, 10 und 14 ist:

Tu si hic sis, aliter sentias,

Wärst du an meiner Stelle, du würdest anders denken;

Interim fit (eigentlich: fiet) aliquid;

Unterdessen wird sich schon irgend etwas ereignen;

(in des Plautus "Mercator" 2, 4, 24 heisst es: aliquid fiet).—

Aus 3, 3, 23 sind die Worte:

Amantium irae amoris integratio (est)

Der Liebenden Streit die Liebe erneut,

eine Verschönerung des Menandrischen "ὀργὴ φιλούντων μικρὸν ἰσχύει χρόνον", "Nicht lange währt der Zorn der Liebenden" (s. Stobäus Serm. LXI, p. 386.11); aus 4, 1, 12:

proximus sum egomet mihi,

Jeder ist sich selbst der Nächste.—

Aus dem "Eunuch" (Prolog 41) des Terenz stammt:

Nullum est iam dictum, quod non sit dictum prius,

Es giebt kein Wort mehr; das nicht schon früher gesagt ist;

(s. Goethe: "Wer kann was Dummes . . .")—

Aus 4, 5, 6 kommt uns das damals schon sprichwörtliche

Sine Cerere et Libero friget Venus

Ohne Ceres und Bacchus bleibt Venus kalt.

Bereits Euripides sagte ("Bacchae", 773):

οἴνου δὲ μηκέτ' ὄντος, οὐκ ἔστιν Κύπρις.

Wo's keinen Wein mehr giebt, giebt's keine Liebe.—

In des Terenz "Heautontimorumenos" (s. auch unter: Menander) 1, 1, 25 heisst es:

Homo sum; humani nihil a me alienum puto,

Mensch bin ich; nichts, was menschlich, acht' ich mir als fremd.

[S. 369]

Es liegt hier wohl zweifellos die Übersetzung eines, schon im Menanderschen Original befindlich gewesenen Wortes vor.—

Aus des Terenz "Adelphi" 4, 1, 21 citieren wir den erschreckten Ruf des Syrus, als er Ctesiphos Vater plötzlich erblickt, über den er gerade mit jenem spricht:

Lupus in fabula!

(Cicero "ad. Attic." 13, 33 wendet das Wort an, das schon bei Plautus "Stich." 4, 1, 71 in der Form "ecce tibi lupum in sermone" vorkommt.) Zu übersetzen wäre: "Wenn man vom Wolf spricht, ist er nicht weit"; doch wollen andere Ausleger den Volksglauben der Alten hineinziehen, dass man beim Anblick eines Wolfes verstummen müsse (s. Voss z. Vergils Ecl. 9, 54 u. Meineke zu Theokrits Id. 14, 22), da ja auch die plötzliche Ankunft dessen, von dem wir reden, uns verstummen mache.—

"Adelphi" 4, 7, 21-23 heisst es:

"Ita vita est hominum, quasi, cum ludas tesseris;

Si illud, quod maxume opus est iactu, non cadit,

Illud quod cecidit forte, id arte ut corrigas".

"So gleicht des Menschen Leben einem Würfelspiel:

Wenn just der Wurf, den man am meisten braucht nicht fällt,

So korrigiert man, was der Zufall gab, durch Kunst".

Aus dieser Stelle stammt

corriger la fortune

"das Glück verbessern", d. h. "falsch spielen", was sich in Hamiltons 1713 erschienenen "Mém. d. Grammont" K. 2, in Prévosts "Manon Lescaut" (1743) 27, 1 und [S. 370]auch in Lessings "Minna von Barnhelm" (1767) 4, 2 findet.

Molière (1663 "L'École des Femmes" 4, 8) hat "corriger le hazard" beim Würfelspiel, aber durch "bonne conduite". In Regnards "Le Joueur" (1696) 1, 10 weiss Toutabas, wenn's sein muss, "par un peu d'artifice d'un sort injurieux corriger la malice"; und in G. Furquhars "Sir Harry Wildair" (1701) Akt 3 z. A. sagt "Monsieur Marquis" in seinem Kauderwelsch: "Fortune give de Anglis Man de Riches, but Nature give de France Man de Politique to correct unequal Distribution".—

Duo cum faciunt idem, non est idem,

Wenn zwei dasselbe thun, so ist es nicht dasselbe,

ist eine Verkürzung der Stelle "Adelphi" 5, 3, 37:

Duo cum idem faciunt, . . .,

Hoc licet impune facere huic, illi non licet.

Wenn zwei dasselbe thun, . . . so darf der Eine

es ungestraft thun, der Andere nicht.—

Aus des Terenz "Phormio" 1, 2, 18 stammt:

Montes auri pollicens;

Berge Goldes (goldene Berge) versprechen(d).

Wenn Georg Ebers ("Ägypten in Bild und Wort" S. 17) den Komödiendichter Menander aus Athen an seine Geliebte schreiben lässt: "Ich habe von Ptolomäus . . . Briefe . . ., in denen er mir mit königlicher Freigebigkeit goldene Berge verspricht", so ist dies nur eine freie Übersetzung von "τῆς γῆς ἀγαθά, die Güter der Erde". In des Plautus "Miles gloriosus" 4, 2, 73 kommen aber schon "argenti montes", "Berge von Silber", vor und im "Stichus" 1, 1, 24-5 heisst es: "Neque ille sibi mereat Persarum montes, qui esse aurei perhibentur", "Und er möchte sich die Perserberge nicht erwerben, die von Gold sein sollen". Auch Varro (bei "Nonius" p. 379) singt von diesen Perserbergen:

"Non demunt animis curas ac religiones

Persarum montes, non atria divitis Crassi";

"Weder die Berge der Perser, noch Hallen des prunkenden Crassus

Können die Herzen befreien von Angst und von nagenden Skrupeln";

während der Perserkönig im Aristophanes ("Acharn." 81) nach achtmonatlichem Sitzen auf goldenen Bergen (ἐπὶ χρυσῶν ὀρῶν) eine Befreiung anderer Art fand. Es scheint, als deute unser Gudrunepos (vor 1200) mit seinem (V. 493) "und waere ein berc golt, den naeme ich niht dar umbe" auf eine gemeinsame indogermanische Quelle.—

[S. 371]

Aus des Terenz "Phormio" 2, 2, 4 ist:

Tute hoc intristi; tibi omne est exedendum,

Du hast es eingerührt; Du musst es auch ganz ausessen;

aus 2, 4, 14:

Quot homines, tot sententiae,

So viel Leute, so viel Ansichten,

was schon Cicero ("De fin." 1, 5, 15) anführt, (vrgl. unten: Horaz "Sat." 2, 1, 27.)—

Oderint, dum metuant,

Mögen sie hassen, wenn sie nur fürchten,

aus der Tragödie "Atreus" des Accius (170-104 v. Chr.), citierten bereits Cicero (1. "Philipp." 14, 34, "pr. Sest." 48, "de offic." 1, 28) und Seneca ("Üb. d. Zorn" 1, 20, 4; "Üb. d. Gnade" 1, 12, 4 u. 2, 2, 2). Nach Sueton ("Calig." 30) war es ein Lieblingswort des Kaisers Caligula.—

Bei Lucilius († 103 v. Chr.) steht (ed. Lachmann, Berl. 1877, v. 2, ebenso bei Persius 1, 2):

Quis leget haec?

Wer wird das (Zeug) lesen?—

Auch stammt nach Macrobius ("Saturnalien", 6, 1, 35)

non omnia possumus omnes

wir können nicht Alle Alles

von Lucilius her und wurde von Furius Antias citiert. Vergil verwendete es Ecloge 8, 63. Homer mag des Gedankens Vater sein, denn, dass einem Menschen nicht alle Gaben verliehen seien, spricht er öfters aus (s. "Iliade" 4, 320; 13, 729 u. "Odyssee" 8, 167).—

Varro (116-27 v. Chr.) "De lingua latina" VII, 32 (n. Otfr. Müllers Ausg.) sagt: "Sed canes, quod latratu [S. 372]signum dant, ut signa canunt, canes appellatae". Dies ist spöttisch umgestaltet worden zu:

canis a non canendo

Hund wird "canis" genannt, weil er nicht singt (non canit) (s. Quintilians "lucus a non lucendo").—

Auch citieren wir das von Gellius (1, 22, 4 u. 13, 11, 1) als Titel einer Varronischen Schrift angeführte:

Nescis, quid vesper serus vehat.

Du weisst nicht, was der späte Abend bringt.—

Cicero (106-43 v. Chr.) nennt "pro Roscio Amerino", 29 die Mordgesellen, die zu Sullas Zeiten Gutsbesitzer ermordeten und dann deren Güter betrügerisch an sich zu bringen und vorteilhaft zu verschachern wussten:

sectores collorum et bonorum,

Halsabschneider und Güterschlächter.—

Im Anfange der 1. Rede "in Catilinam" finden wir das auch bei Livius 6, 18 und bei Sallust "Catilina" 20, 9 vorkommende, ungeduldige

Quousque tandem . . .?

Wie lange noch . . .?—

In Ciceros "Catilina" 1, 1 (vrgl. Martial IX, 71); IV, 25, 56, sowie "pro rege Deiotaro" 11, 31 und "de domo sua" 53, 137 steht:

O tempora! O mores!

O Zeiten! O Sitten!

Im "Hofmeister" (1774) von R. Lenz citiert es (5, 10) der Schulmeister Wenzeslaus, und als Refrain von Geibels "Lied vom Krokodil" (1840) fand es die weiteste Verbreitung.—

In Ciceros "Catilina" 2, 1 findet sich:

Abiit, excessit, evasit, erupit.

Er ging, er machte sich fort, er entschlüpfte, er entrann.—

[S. 373]

Videant consules ne quid res publica detrimenti capiat,

Die Konsuln mögen dafür sorgen, dass die Republik keinen Schaden leidet

bildete, seit man vom 6. Jahrh. an die Diktatur nicht mehr in Rom anwenden wollte, das sogenannte senatus-consultum ultimum, welches die Konsulargewalt zu einer diktatorischen machte (s. Cicero "pr. Mil." 26, 70, "in Catil." I, 2, 4, "Phil." 5, 12, 34, "Fam." 16, 11, 3; Cäsar "de bell. civ." 1, 5, 3; 1, 7, 4; Liv. 3, 4, Sallust "Catil." 29, Plutarch "C. Gracch." 14 u. "Cic." 15.)—

Aus Ciceros "de fin." 5, 25, 74 stammt:

Consuetudo (quasi) altera natura,

Die Gewohnheit ist (gleichsam) eine zweite Natur;

Galenus ("De tuenda valetudine", cap. 1) bietet die heute übliche Form: "Consuetudo est altera natura". Schon in des Aristoteles "Rhetorik", 1370a 6 (Bekker) heisst es: "die Gewohnheit ist der Natur gewissermassen ähnlich" (τὸ εἰθισμένον ὥσπερ πεφυκὸς ἤδη γίγνεται).—

In Ciceros "Tuscul." 1, 17, 39 heisst es:

Errare . . malo cum Platone, . . quam cum istis vera sentire,

Lieber will ich mit Plato irren, als mit denen (den Pythagoreern) das Wahre denken.—

Di minorum gentium

(wörtlich: "Götter aus den geringeren Geschlechtern") nennen wir die untergeordnete Schicht einer Klasse Menschen mit Beziehung auf das "maiorum gentium di" (d. h. "die oberen zwölf Götter" bei Cicero "Tusc." 1, 13, 29), Bezeichnungen, die daraus entsprangen, dass Tarquinius ausser den von Romulus berufenen "patres maiorum gentium" ("Senatoren aus den hervorragenden [S. 374]Geschlechtern") auch "patres minorum gentium" ("Senatoren geringerer Herkunft") berief (vrgl. Cicero "d. rep." 2, 20; Liv. 1, 35, 6 und dazu das "Patrici minorum gentium" bei Cic. "Fam." 9, 21 und Liv. 1, 47, 7).—

Aus Ciceros I. "Philippica", 5, 11 und zugleich aus "De finibus" 4, 9, 22, (vrgl. Livius 23, 16 im Anfang, wo es in nicht übertragener Bedeutung steht) stammt die für eine den Staat bedrohende Gefahr gebräuchlich gewordene Wendung:

Hannibal ad (nicht: ante) portas.

Hannibal (ist) an den Thoren.

Diese Redensart, wie die Erinnerung an Catilina und an das aus Livius (XXI, 7: "dum ea Romani parant consultantque, iam Saguntum summa vi oppugnabatur") geschöpfte Wort:

Dum Roma deliberat, Saguntum perit,

Während Rom beratschlagt, geht Sagunt zu Grunde,

(auch in der Form:

Roma deliberante Saguntum perit

citiert) wurden von Goupil de Préfeln in einer Sitzung der konstituierenden Versammlung von 1789 zu dem unrichtigen Citate vermischt:

Catilina est aux portes, et l'on délibère.

Er stichelte damit auf Mirabeau, der diesem Worte dadurch erst recht Bahn verschaffte, dass er es in seiner berühmten Rede zur Abwendung des Bankerotts wiederholte und variirte.—

In Ciceros II. "Philippica" 14, 35, "pro Milone" 12, 32 und "pro Roscio Amerino" 30, 84 und 31, 86 wird das uns geläufige

[S. 375]

cui bono?

(Wozu?)

(A quoi bon?)

eigentlich: "Wem zum Nutzen?" ausdrücklich als ein Wort des L. Cassius bezeichnet. Aus der zuletzt angeführten Stelle ersehen wir, dass L. Cassius, ein Mann von äusserster Strenge, bei den Untersuchungen über Mord den Richtern einschärfte, nachzuforschen, "cui bono", wem zum Nutzen das Ableben des Ermordeten war.—

Cicero spricht in seiner Rede "pro Roscio Amer." 16, 47: "Homines notos sumere odiosum est, cum et illud incertum sit, velintne hi sese nominari" ("angesehene Leute nennen, ist eine heikle Sache, da es auch zweifelhaft ist, ob sie selbst genannt werden wollen"). Daher sagen wir, wenn es gescheidter ist, keine Namen zu nennen:

Nomina sunt odiosa,

Namen sind verpönt.—

Aus Ciceros Rede "pro Milone" 4, 10 ist bekannt:

Silent leges inter arma.

Im Waffenlärm schweigen die Gesetze.

Lucanus ahmt diese Worte ("Pharsalia" I, 277) also nach: "Leges bello siluere coactae".—

Die altrömische Formel des Richters, der nicht entscheiden kann, ob Schuld oder Unschuld vorliegt, das

Non liquet

citieren wir aus Cicero "pro Cluentio" 28, 76 (vrgl. Gellius 14, 2. g. E. und das "liquet" bei Cicero "Caecin." 10; Quintilian "Instit." 3, 6, 12): "Deinde homines sapientes, et ex vetere illa disciplina iudiciorum, qui neque absolvere hominem nocentissimum possent, neque [S. 376]eum, de quo esset orta suspicio, pecunia oppugnatum, re illa incognita, primo condemnare vellent, non liquere dixerunt." Darauf gaben einsichtige Männer von der alten Schule der Geschwornengerichte, die weder solchen Verbrecher freisprechen konnten, noch ihn, gegen Den, wie man munkelte, mit Bestechung der Richter vorgegangen war, vor Untersuchung dieser Sache im ersten Termin verurteilen wollten, folgenden Spruch ab: es ist nicht aufgeklärt."—

Weil Cicero seine Reden gegen Antonius im Vergleich mit den gewaltigen Reden des Demosthenes gegen Philipp von Macedonien "Philippische" nannte, so nennt man noch heute jede Donnerrede eine

Philippika.—

Der Titel der Ciceronischen Rede "de domo sua" ist in der älteren Lesart

pro domo

für das eigene Haus

zum allgemeinen Ausdruck für jede Thätigkeit geworden, die auf Erhaltung der eigenen Habe abzielt, und wir nennen danach eine der Selbstverteidigung oder dem eigenen Vorteil dienende Rede eine

oratio pro domo.—

Aus Ciceros ("De harusp. respons." 20, 43) Redewendung: "resistentem, longius, quam voluit, popularis aura provexit", "Die Volksgunst trieb den Widerstrebenden weiter, als er wollte", stammt das später von Vergil, Horaz, Livius und Quintilian ähnlich angewandte Wort:

aura popularis,

Hauch der Volksgunst.—

[S. 377]

Suum cuique

(Jedem das Seine)

finden wir bei Cicero "de offic." 1, 5; "de natur. deor." 3, 15, 38; "de leg." 1, 6, 19; (vrgl. Tacitus: "Annalen", 4, 35, Plinius: "Natur. hist." 14, 6, 8 und den ähnlichen Gedanken bei Theognis 332 u. 546).

"De finibus" 5, 23, 67 sagt Cicero: "Iustitia in suo cuique tribuendo cernitur", "Die Gerechtigkeit erkennt man daran, dass sie Jedem das Seine zuerteilt"; und "suum cuique tribuere" ist eine Rechtsregel Ulpians ("Corp. iur. civ." "Digest." I, 1 "de iustitia et iure" § 10); daher es in Shakespeares "Andronicus" 1, 2 heisst: "Suum cuique spricht des Römers Recht". Friedrich I. von Preussen wählte das "Suum cuique" zur Inschrift vieler Medaillen und Münzen und zum Motto des am 17. Januar 1701 gestifteten Ordens vom schwarzen Adler, und seitdem blieb es Preussens Wahlspruch.—

Das von Cicero "de offic." 1, 10, 33 als "abgedroschenes Sprichwort" citierte

Summum ius, summa iniuria

Das höchste Recht (ist) das höchste Unrecht

scheint eine spätere Fassung des Sprichwortes in des Terenz "Heautontimorumenos" 4, 5 zu sein:

Dicunt: ius summum saepe summa est malitia.

Man pflegt zu sagen: Das höchste Recht ist oft die höchste Bosheit.

Luther 21, 254 schreibt: "Wie der Heide Terentius sagt: 'Das strengest Recht ist das allergrossest Unrecht'". (23, 295 führt Luther das Wort auf Scipio zurück.)—

Aus Ciceros "de offic." 1, 16, 52, wo es sich um allgemeine Gefälligkeiten gegen Jedermann handelt, wie z. B. dass wir es Jedem gestatten müssen, sich an unserem Feuer das seinige anzuzünden, citieren rauchende Gelehrte, um Feuer bittend:

Ab igne ignem.

Vom Feuer Feuer.—

[S. 378]

"De offic." 1, 22, 77 enthält den von Cicero selbst verfertigten Vers:

Cedant arma togae, concedat laurea laudi,

Es mögen die Waffen der Toga, d. h. dem Friedensgewande, nachstehen, der Lorbeer der löblichen That,

worüber er sich in der Rede "in Pisonem" 29 und 30 eines Weiteren auslässt, während er nur "cedant arma togae" in der 2. "Philippica" 8 schreibt.—

Aus "de offic." 1, 31, 110 kennen wir das schon hier von Cicero als Sprichwort citierte, in "ad familiares" 3, 1 und 12, 25 wieder vorkommende und von Horaz in der "Kunst zu dichten", 385, angewendete

Invita Minerva;

Wider den Willen der Minerva;

aus "de offic." 3, 1, 3:

ex malis eligere minima;

von zwei Übeln das kleinere wählen;

"minima de malis" war nach 3, 29, 105 sprichwörtlich.—

Aus Ciceros "de offic." 3, 33, 117 (sed aqua haeret, ut aiunt) und aus "ad Quintum fratrem" 2, 8 (in hac causa mihi aqua haeret) stammt:

Hic haeret aqua,

Hier stockt es.—

Aus Cicero "de legibus" 3, 3, 8 citieren viele:

(his) salus populi suprema lex (esto),

Für diese (nämlich für die Regierenden) sei das Wohl des Volkes das vornehmste Gebot.—

In "de finibus" 2, 32, 105 führt Cicero als Sprichwort an:

Iucundi acti labores;

Angenehm (sind) die gethanen Arbeiten;

und er fügt hinzu, auch Euripides sage nicht übel:

[S. 379]

"Suavis laborum est praeteritorum memoria", was in dessen "Andromeda" (nach Stobaeus: "Florib." 29, 57) also lautete: "Ἀλλ' ἡδύ τοι σωθέντα μεμνῆσθαι πόνων".—

Aus Ciceros "de natur. deor." 3, 40 citieren wir:

Pro aris et focis (certamen);

(Kampf) um Altar und häuslichen Herd.—

In "pro Milone" 29, 79 sagt Cicero: "Liberae sunt nostrae cogitationes" (Frei sind unsere Gedanken), und L. 48 der "Digesten" 19, 18 heisst es aus Ulpians lib. III ad Edictum: "Cogitationis poenam nemo patitur" (Für seinen Gedanken wird niemand bestraft). Das ist umgewandelt worden zu dem sprichwörtlichen:

Gedanken sind zollfrei,

was sich wohl zuerst bei Luther ("Von weltlicher Oberkeit, wie man ihr Gehorsam schuldig sei". 1523) findet.—

Aus Ciceros "pro Sestio" cap. 45 stammt:

Otium cum dignitate,

Musse mit Würde,

oder, wie dort steht: "cum dignitate otium". Der Sinn ist: "behagliche Ruhe, verbunden mit einer angesehenen Stellung". Auch im Anfange der Schrift "de oratore" ist es zu finden und in Ciceros Briefen "ad. famil." 1, 9, 21 wird es als ein häufig von ihm angewendetes Wort erwähnt.—

In diesen Briefen Ciceros "ad famil." 5, 12 steht:

Epistola non erubescit,

Ein Brief errötet nicht,

häufig umgestellt in:

Literae non erubescunt,

auch in:

Charta non erubescit.—

[S. 380]

Imperium et libertas[64]

Herrschaft und Freiheit

stammt aus Ciceros 4. Rede gegen Catilina, IX, 19, wo er dem Senat zuruft: "Bedenket, wie in einer Nacht die so mühsam befestigte Herrschaft (quantis laboribus fundatum imperium) und die so trefflich begründete Freiheit (quanta virtute stabilitam libertatem) fast zu Grunde ging!" Die Rede schliesst mit der Forderung, dass der Senat "über die Herrschaft und die Freiheit Italiens" (de imperio, de libertate Italiae) die Entscheidung treffen möge.—

[64] Lord Beaconsfield (Disraeli) sagte in einer Rede beim Lord-Mayors-Mahl am 10. Nov. 1879: "Einer der grössten Römer wurde nach seiner Politik gefragt. Er antwortete: imperium et libertas". Die Nationalzeitung vom 28. Nov. 1879 (Morgen-Ausg.) teilte mit, dass auf ihre Anfrage bei dem Lord die Antwort erfolgt sei, die Quelle der citierten Worte fände sich im 1. Buche von Bacons "Advancement of Learning". (Ausg. Spedding, Ellis und Heath, vol. III, p. 303.) Bacon übersetzt daselbst das in des Tacitus "Agricola" 3 vorkommende "principatum ac libertatem", wofür er "imperium et libertatem" schreibt, mit: "government and liberty". Dass ein nach seiner Politik gefragter grosser Römer diese Aussage gethan habe, ist also ein Irrtum.

Ut sementem feceris, ita metes

Wie du gesäet, so wirst du ernten,

dies Wort des M. Pinarius Rufus steht bei Cicero "de oratore", 2, 65, 261. Ihm mochte des Aristoteles Satz (Rhetor. 3, 3) vorschweben: "σὺ δὲ ταῦτα αἰσχρῶς μὲν ἔσπειρας, κακῶς δὲ ἐθέρισας", "was du hier böse gesäet, das hast du schlimm geerntet". (vrgl. in der Vulgata Hiob 4, 8: "et seminant dolores et metunt eos", nach Luther: "Die da Mühe pflügten und Unglück säeten, ernteten sie auch ein". Galater 6, 8: "Quae enim seminaverit homo, haec et metet", nach Luther Gal. 6, 7: "Denn was der Mensch säet, das wird er [S. 381]ernten", dann Sprüche Sal. 22, 8; 2. Cor. 9, 6 und "Gefl. Worte a. d. Bibel" Hosea 8, 7.)—

Aus einigen Hexametern des Julius Cäsar (100-44 v. Chr.) über Terenz, die in dessen Biographie von Sueton (p. 294, 35, ed. Roth) enthalten sind, hat man vermittelst eines falsch gesetzten Kommas die Bezeichnung

vis comica

Kraft der Komik

herausgelesen. Die betreffenden Verse heissen:

Lenibus atque utinam scriptis adiuncta foret vis,

Comica ut aequato virtus polleret honore

Cum Graecis;

Wenn sich doch Kraft dir zu deinem gefälligen Dichten gesellte,

Dass dein Wort in der Komik die nämliche Geltung erreiche,

Wie sie die Griechen besitzen!

Es ist in ihnen daher von einer "virtus comica", nicht aber von einer "vis comica" die Rede. ("Klein. Schrift, in latein. u. deutscher Sprache" von Fr. Aug. Wolf, herausg. von G. Bernhardy, II, p. 728).—

Aus Lucretius (98-55 v. Chr.) "Über die Natur" ist 1, 102:

Tantum religio potuit suadere malorum.

Zu so verderblicher That vermochte der Glaube zu raten.—

Aus 1, 149; 1, 205; 2, 287 wird citiert:

De nihilo nihil,

Aus Nichts wird Nichts,

was Persius ("Satiren" 3, 84) wiederholt. Lucretius hatte seine Ansicht aus Epikur entlehnt, der (nach Diog. Laërtius 10, n. 24, 38) an die Spitze seiner Physik den Grundsatz stellte: "οὐδὲν γίνεται ἐκ τοῦ μὴ ὄντος", "Nichts [S. 382]wird aus dem Nichtseienden". Vor Epikur hatte schon Melissus gesagt, dass aus Nichtseiendem nichts werden kann (Überweg "Geschichte der Philosophie des Altertums", 1, S. 63), wie auch Empedokles die Ansicht bekämpft, dass Etwas, was vorher nicht war, entstehen könne (ebenda 1, S. 66). Aristoteles ("Physik" 1, 4) sagt, Anaxagoras habe die übliche Ansicht der Philosophen für wahr gehalten, dass aus dem Nichtseienden Nichts entstünde ("οὐ γινομένου οὐδενὸς ἐκ τοῦ μὴ ὄντος"). In Mark Aurels (121-180 n. Chr.) "Selbstbetrachtungen" 4, 4 heisst es: "denn von Nichts kommt Nichts, so wenig als Etwas in das Nichts übergeht".—

Aus 2, 1 und 1 ist berühmt:

Suave, mari magno, turbantibus aequora ventis,

E terra magnum alterius spectare laborem.

Bei der gewaltigsten See, bei Wogen aufwühlenden Winden

Anderer grosses Bemüh'n vom Land aus seh'n, ist behaglich.—

Aus Sallusts (86-35 v. Chr.) "Jugurtha" 10 ist:

concordia parvae res crescunt, discordia maximae dilabuntur.

Durch Eintracht wächst das Kleine, durch Zwietracht zerfällt das Grösste.—

Aus dem 187. Spruch des Publilius Syrus (bl. um 50 v. Chr.):

Heredis fletus sub persona risus est,

Das Weinen des Erben ist ein maskiertes Lachen,

oder aus den sogenannten "Varronischen Sentenzen" (12): "sic flet heres, ut puella nupta viro; utriusque fletus non apparens risus", "Ein Erbe weint wie eine Braut; Beider Weinen ist heimliches Lachen" (vrgl. auch Horaz "Sat." 2, 5, 100-104)

scheint:

Lachende Erben

hervorgegangen zu sein. Schon 1622 kommt in Baden [S. 383]ein "Lacherbengeld" vor (vrgl. Rau: "Grundsätze der Finanzwissenschaft", 5. Ausgabe 1864; § 237, S. 371 Anm. a) und Friedrich von Logau schreibt (Salomons von Golau Deutscher Sinn-Getichte Drey Tausend. Breslau. In Verlegung Caspar Klossmanns. 1654, jedoch ohne Jahresangabe erschienen. Zweite "Zugabe" zum 3. Tausend "unter wehrendem Druck eingetroffen" No. 78 u. 79):

"Lachende Erben".

"Wann Erben reicher Leute die Augen wässrig machen

Sind solcher Leute Thränen nur Thränen von dem Lachen."

* * *

"Die Römer brauchten Weiber, die weinten für das Geld;

Obs nicht mit manchem Erben sich ebenso verhält?"

Dann heisst es in Othos "Evangelischem Krankentrost" (1664), S. 1034: "Freu' dich, liebes Mütlein; traure, schwarzes Hütlein, heisst's bei lachenden Erben".—

Die 245. Sentenz des Publilius Syrus:

Inopi beneficium bis dat qui dat celeriter

Dem Armen giebt eine doppelte Wohlthat, wer schnell giebt,

wird verkürzt zu:

Bis dat qui cito dat

Doppelt giebt, wer gleich giebt.—

Vergil (70 v.-19 n. Chr.) bietet "Eclogen" 1, 6, die manchmal als Hausinschrift verwendeten Worte des behaglich gelagerten Hirten Tityrus:

Deus nobis haec otia fecit,

Ein Gott hat uns diese Musse geschaffen.

"Ecl." 2, 1:

Formosum pastor Corydon ardebat Alexin,

Corydon glühte, der Hirt, für die schöne Gestalt des Alexis

[S. 384]

ist namentlich durch die verdrehte Übersetzung:

Der Pastor Corydon briet einen wunderschönen Hering

bekannt, die Christian Weise in seiner vom 27. Sept. 1692 datierten Vorrede zu Zincgrefs "Apophthegmata" (Frankf. u. Leipz. 1693) erwähnt.

"Ecl." 2, 65 sagt Corydon von seiner Liebe:

Trahit sua quemque voluptas.

Jeden reisst seine Leidenschaft hin.

"Ecl." 3, 93 warnt Damoetas die Blumen und Erdbeeren pflückenden Knaben:

Latet anguis in herba,

Die Schlange lauert im Grase

(vrgl. "Georgica" 4, 457-459).—"Ecl." 3, 104 fordert Damoetas den Menalcas auf, ihm zu sagen, in welcher Gegend der Himmel nur drei Klafter breit sei, "und", fügt er hinzu, "wenn Du darauf antworten kannst,

eris mihi magnus Apollo,

dann wirst Du für mich gross wie Apoll sein".

Danach pflegt man Fragen, deren Beantwortung man nicht erwartet, mit diesem Spruche zu begleiten.—

"Ecl." 3, 108 heisst es:

Non nostrum tantas componere lites,

Nicht unseres Amtes ist's, solchen Streit beizulegen;

"Ecl." 3, 111:

Claudite iam rivos, pueri; sat prata biberant.

Schliess't nun die Rinnen, ihr Knechte! genugsam getränkt sind die Wiesen.

"Ecl." 10, 69:

Omnia vincit Amor.

Alles besiegt der Gott der Liebe.—

[S. 385]

Vergils "Georgica" 1, 30 bietet die Bezeichnung eines weit entlegenen Eilandes:

Ultima Thule,

Die äusserste Thule.—

"Georgica" 1, 145 heisst es: "Labor omnia vicit inprobus", was citiert wird in der Form:

Labor omnia vincit improbus;

Die unablässige Arbeit besiegt alles;

"Georgica" 2, 490:

Felix, qui potuit rerum cognoscere causas;

Glücklich, Wer zu erkennen vermocht' die Gründe der Dinge!

"Georgica" 3, 284:

Sed fugit interea, fugit irreparabile tempus.

Doch unterdessen entfliehet die Zeit, flieht unwiederbringlich.—

Tantaene animis caelestibus irae!

So heftiger Zorn in der Seele der Götter!

ruft Vergil "Aeneïde" 1, 11 aus und in Shakespeares "Heinrich VI." T. II, Akt 2, Sc. 2 ruft es Glocester dem Kardinal Beaufort zu.—

Nach "Aen." 1, 26-7

manet alta mente repostum

bleibt (der Juno) tief in die Seele gesenkt

"das Urteil des Paris" (s. Kap. II), weil danach Venus für die Schönere galt.—

"Aen." 1, 33 heisst es:

Tantae molis erat Romanam condere gentem.

Solcherlei Mühsal war es, das römische Volk zu begründen,

was Herder dem vierten Teile seiner "Ideen zur Philosophie der Geschichte der Menschheit" (Riga und Leipzig 1791) in der Form: "Tantae molis erat Germanas condere gentes" als Motto voranstellte.

[S. 386]

Eine Artikelüberschrift in den "Deutschen Blättern" von F. A. Brockhaus (1814) sagte: "Germanam" und "gentem", indem sie im übrigen mit der Herderschen Fassung übereinstimmte.—

"Aen." 1, 118 lautet:

(Apparent) rari nantes in gurgite vasto

Wenige (sieht man) nur in dem riesigen Flutschwall schwimmen.—

"Aen." 1, 135 beschwichtigt Neptun die Winde mit seinem

Quos ego!

Euch werd' ich!—

Viel citiert wird auch "Aen." 1, 204:

Per varios casus, per tot discrimina rerum,

Durch so verschied'ne Geschicke, so viele gefährliche Lagen.—

Das Wort des Äneas "Aen." 2, 3:

Infandum, regina, iubes renovare dolorem

ist auch in der Schillerschen Übersetzung (Gedichte von Friedrich Schiller, 1. T., Leipz., Crusius, 1800) üblich:

O Königin, Du weckst der alten Wunde

Unnennbar schmerzliches Gefühl.—

Aus "Aen." 2, 6 ist:

Et quorum pars magna fui.

Und worin ich eine grosse Rolle spielte.—

Berühmt ist der Warnungsruf des Laokoon, als er das Krieger bergende Riesenpferd vor Trojas Mauern sieht, "Aen." 2, 49:

Quidquid id est, timeo Danaos et dona ferentes.

Was es auch ist, ich fürchte die Griechen auch dann, wenn sie schenken.

Uns hat dieser Vers für eine verdächtige Gabe, die Vorteil verspricht und mit Nachteil droht, den Ausdruck:

[S. 387]

Danaergeschenk

zugeführt, wohl nach des Seneca ("Agam." 624) "Danaum fatale munus". Vergil mag dabei des griechischen Sprichwortes gedacht haben, das Sophokles ("Ajax" 644) also überliefert: "Ἐχθρῶν ἄδωρα δῶρα, κοὐκ ὀνήσιμα", "Der Feinde falsche Gaben sind Nichts wert". Als die Trojaner dennoch das hölzerne Ross in die Stadt ziehen, fährt Vergil ("Aen." 2, 247, s. auch Aeschylus: "Agamemnon" 1070 ff.) fort:

Tunc etiam fatis aperit Cassandra futuris

Ora. Dei iussu non unquam credita Teucris.

Da nun thut auch

Kassandra

den Mund auf, Unheil verkündend,

Die auf Apollos Geheiss nie Glauben gefunden in Troja.—

"Aen." 2, 274 mahnt der Dichter an den siegprangenden Hektor, im Hinblick auf den nun verwundeten, mit dem Ausruf:

Quantum mutatus ab illo (Hectore)!

Wie anders gegen jenen (Hektor von damals)!—

In der Schilderung von Trojas Brande heisst es "Aen." 2, 311:

Iam proximus ardet Ucalegon,

Schon brennt's bei dem Nachbarn Ucalegon,

und nach dem Brande "Aen." 2, 325:

Fuimus Troes,

Trojaner sind wir gewesen,

und "Aen." 2, 354:

Una salus victis nullam sperare salutem,

Ein Heil bleibt den Besiegten allein, kein Heil mehr zu hoffen.—

"Aen." 2, 774 und 3, 48 schildert Aeneas also sein [S. 388]Entsetzen über den Anblick der Schatten seiner Crëusa und des Polydorus:

Obstupui, steteruntque comae, et vox faucibus haesit.

Ich war starr, und mir hob sich das Haar, und die Stimme versagte.—

"Aen." 3, 57 bietet:

Auri sacra fames!

O, fluchwürdiger Hunger nach Gold!,

"Aen." 4, 175:

Viresque acquirit eundo,

Und Kräfte bekommt sie (die Fama) durchs Gehen,

was auch geändert wird zu:

Fama crescit eundo, oder nur Crescit eundo,

Das Gerücht wächst, indem es sich verbreitet.—

"Aen." 4, 569-570 steht:

Varium et mutabile semper femina

Ein Weib ist stets ein wankendes und veränderliches Wesen.

Nach Verdis "Rigoletto" (Text von Piave. 1851) citieren wir dies Wort auch italienisch:

Donna e mobile.—

"Aen." 4, 625 lesen wir:

Exoriare aliquis nostris ex ossibus ultor!

Rächer, erstehe du mir dereinst aus meinen Gebeinen!

Der grosse Kurfürst, sagt man, citierte diese Worte, als er, vom Kaiser preisgegeben, am 29. Juni 1679 den Frieden von St. Germain-en-Laye unterzeichnete; und der spanische General Diego Leon rief sie bei seiner Exekution (1841) den auf ihn feuernden Soldaten Esparteros entgegen, was Freiligrath zu seinem Gedicht "Aus Spanien" begeisterte, dessen Motto und Refrain jener Spruch bildet.—

"Aen." 5, 320 heisst es bei Gelegenheit des dort geschilderten Wettlaufspiels, dass Nisus der erste war und ihm Salius

[S. 389]

longo sed proximus intervallo

nach langem Zwischenraum, doch als der Nächste

folgte. Schon Plinius der Jüngere wendet das Wort in den "Briefen" (7, 20) auf seinen eigenen litterarischen Wert im Vergleich zu dem des Tacitus an.—

"Aen." 5, 814-815 verheisst Neptun, Aeneas und die Seinen würden das Land erreichen, bis auf Einen . . .

"Unum pro multis dabitur caput".

"Ein Haupt wird für Viele geopfert".

Und wirklich: Palinurus, der Steuermann, wird als Sühne von dem Gott in die Fluten geworfen, während die Andern entrinnen. Daher rührt unser

Unus pro multis,

Einer für Viele,

was wir aber im Sinne eines Sichopferns, eines öffentlichen Eintretens für Meinungsgenossen, zu brauchen pflegen.—

"Aen." 6, 95 steht:

Tu ne cede malis, sed contra audentior ito.

Weiche dem Unheil nicht, noch mutiger geh' ihm entgegen!—

Des Aeneas Begleiter, der

fidus Achates,

der getreue Achates,

"Aen." 1, 188 und auch sonst erwähnt, ist zum Muster eines treuen Freundes geworden.

Das erste deutsche Reisehandbuch erschien zu Ulm im Verlage Georg Wildeysers unter dem Titel: "Martini Zeilleri Fidus Achates oder Getreuer Reisegefert u. s. w." und es befindet sich ein Exemplar der dritten Auflage vom Jahre 1661 auf der Giessener Universitätsbibliothek. Zeiller war nach Joechers Gelehrtenlexikon ein Pfarrersohn in Ulm, Ephorus des Gymnasiums, Inspektor der deutschen Schulen, Censor der philosophischen und historischen Bücher, "aber dabei sehr leichtgläubig".—

[S. 390]

"Aen." 6, 261 heisst es:

Nunc animis opus, Aenea, nunc pectore firmo!

Jetzt, Aeneas, bedarf es des Muts, jetzt kräftigen Herzens.—

Aus "Aen." 6, 620 wird citiert:

Discite iustitiam moniti, et non temnere divos.

Lernet, gewarnt, recht thun und nicht missachten die Götter.

Aus "Aen." 6, 727 ist:

Mens agitat molem;

Der Geist bewegt die Materie;

aus "Aen." 6, 583:

Parcere subiectis et debellare superbos,

Die Unterworfenen schonen, die Übermüt'gen besiegen;

aus "Aen." 7, 312:

Flectere si nequeo superos, Acheronta movebo;

Kann ich die Götter für mich nicht erweichen, so lock' ich die Hölle;

aus "Aen." 8, 560:

O mihi praeteritos referat si Juppiter annos!

O, wenn Zeus mir gäbe zurück die vergangenen Jahre!—

Die Tonmalerei in "Aen." 8, 596:

Quadrupedante putrem sonitu quatit ungula campum,

Dröhnend erschüttert das lockere Feld vierfüssiger Hufschall,

wandelt der Dichter "Aen." 11, 875 um, indem er "cursu" statt "sonitu", "Lauf" statt "Schall" und "quadrupedoque" statt "quadrupedante" setzt.—

Als Motto dienen oft Apolls Worte an Julus nach dessen glorreicher Waffenthat, "Aen." 9, 641:

Sic itur ad astra!

So steigt man zu den Sternen!—

Aus "Aen." 10, 63, 64:

Quid me alta silentia cogis rumpere?

Warum zwingst Du mich, das tiefe Schweigen zu brechen?

[S. 391]

ist entnommen:

altum silentium

tiefes Schweigen.—

"Aen." 10, 467 findet sich:

Stat sua cuique dies,

Jedem steht sein Tag bevor!—

Experto credite,

Glaub't es dem, der es selbst erfuhr,

steht "Aen." 11, 283. Es ist auch in Ovid "Ars amandi" 3, 511 zu finden und, umgestellt in "crede experto", bei Silius Italicus "Punica", 7, 395. "Experto crede" heisst es in des heiligen Bernhard Ep. 106 und im Prologus zum 1. Buche des "Policraticus" von Johannes von Salesbury (†dagger; c. 1180). Dann kommt es in den maccaronischen Gedichten des Antonius de Arena († 1544): "Ad compagnones", im dritten Verse des "consilium pro dansatoribus" zu "Experto crede Roberto" erweitert, vor, was Neander "Ethice vetus et sapiens" (Leipz. 1590, S. 89) als sprichwörtlich anführt. Ed. Fournier "l'Esprit des Autres" (6. Ausg. 1881, S. 32) citiert einen mittelalterlichen Vers: "Quam subito, quam certo, experto crede Roberto". Endlich wird in Moscheroschs 1643 erschienenen "Gesichte Philanders von Sittewald" (in "der Welt Wesen") als ratgebender Führer des Autors erwähnt:

Expertus Robertus.—

Das Wort Vergils:

Sic vos non vobis,

ist uns vom jüngeren Donatus ("Leben des Vergil", 17) also überliefert: Vergil habe einst an das Thor des Augustus [S. 392]ein für den Kaiser schmeichelhaftes Distichon anonym angeschrieben. Bathyll, ein schlechter Dichter, habe sich für den Verfasser ausgegeben und sei deshalb von Augustus mit Ehren und Gaben bedacht worden. Um die Blösse des unverschämten Poeten aufzudecken, schrieb Vergil darauf den obigen Halbvers viermal unter einander an das Thor. Augustus forderte die Ergänzung dieses Versanfangs. Vergebens versuchten sich Einige daran. Da kam endlich Vergil, und nachdem er unter das erst erwähnte Distichon die Worte gesetzt hatte: "Hos ego versiculos feci, tulit alter honores" (Ich schrieb hier diese Verschen, die Ehren ein And'rer davontrug) ergänzte er die Anfänge so:

Sic vos non vobis nidificatis aves,

Sic vos non vobis vellera fertis oves,

Sic vos non vobis mellificatis apes,

Sic vos non vobis fertis aratra boves.

d. i.:

So bau't ihr Nester, o Vögel, nicht für euch,

So trag't ihr Wolle, o Schafe, nicht für euch,

So mach't ihr Honig, o Bienen, nicht für euch.

So zieh't ihr Pflüge, o Rinder, nicht für euch.—

Horaz (65-8 v. Chr.) gab 24 oder 23 v. Chr. die drei ersten Bücher seiner "Oden" heraus; aus diesen ist in Deutschland geläufig I, 1, 7:

Mobilium turba Quiritium,

Die Schaar der wankelmütigen Quiriten;

I, 3, 9:

Aes triplex circa pectus,

Mit dreifachem Erz gepanzert.

I, 3, 37:

Nil mortalibus arduum est,

Nichts ist Sterblichen allzuschwer;

[S. 393]

I, 4, 15:

Vitae summa brevis spem nos vetat inchoare longam,

Die kurze Summe des Lebens verbietet uns eine lange Hoffnung anzufangen;

I, 9, 13:

Quid sit futurum cras, fuge quaerere,

Was morgen sein wird, frage nicht;

I, 11, 8:

Carpe diem,

Beute den Tag aus;

I, 16, 22:

Compesce mentem

Beherrsche deinen Unmut;

I, 22, 1:

Integer vitae scelerisque purus,

Der im Wandel Reine und von Schuld Freie;

I, 24, 7:

Nuda . . . Veritas

die nackte Wahrheit;

I, 24, 9:

Multis ille bonis flebilis occidit,

Von vielen Guten beweint, starb er hin;

I, 28, 15:

Omnes una manet nox,

Auf Alle harrt ein und dieselbe Nacht;

I, 32, 1:

Poscimur,

Wir werden vom Geist ergriffen;

(vrgl. Ovid, "Metam." 5, 333).—

"Oden" II, 3, 1:

Aequam memento rebus in arduis

Servare mentem.

Bedenk' es, wie du standhaft im Ungemach

Den Gleichmut wahrest;

II, 3, 25:

Omnes eodem cogimur,

Zum selben Ort hin (d. h. zum Orcus) müssen wir Alle;

[S. 394]

II, 6, 13:

Ille terrarum mihi praeter omnes

Angulus ridet,

Jenes Plätzchen lächelt mir vor allen anderen auf der Erde zu,

was sich als Hausinschrift nicht selten findet;

II, 10, 5:

Aurea mediocritas,

Goldene Mittelstrasse

II, 14, 1 u. 2:

Eheu fugaces, Postume, Postume

Labuntur anni . . .

O weh, die Jahre, Postumus, Postumus,

Entgleiten flüchtig . . .

II, 16, 27:

Nihil est ab omni

Parte beatum;

Es giebt kein vollkommenes Glück.—

"Oden" III, 1, 1:

Odi profanum vulgus et arceo;

Ich hasse die uneingeweihte Menge und halte sie fern;

III, 1, 2:

Favete linguis!

Hütet die Zungen! (d. h. zanket und schwatzet nicht! seid andächtig!)

Aus Cicero (de divin. I, 45, 102 u. II, 40, 83) ergiebt sich, dass dieser Ruf von Alters her bei öffentlichen Religionshandlungen in Rom üblich war.

III, 3, 1:

Iustum et tenacem propositi virum;

Den Biedermann, der seinem Entschlusse treu;

III, 3, 7:

Si fractus illabatur orbis,

Impavidum ferient ruinae;

Ob berstend auch einstürzt der Himmel,

Stirbt in den Trümmern der Held doch furchtlos;

III, 4, 65:

Vis consili expers mole ruit sua;

Kraft ohne Weisheit stürzt durch die eig'ne Wucht;

[S. 395]

III, 16, 17:

Crescentem sequitur cura pecuniam;

Dem wachsenden Geld folgt die Sorge;

III, 24, 6:

dira necessitas;

Die furchtbare Notwendigkeit;

III, 29, 55:

Mea virtute me involvo;

Ich hülle mich in meine Tugend ein;

III, 30, 1:

Exegi monumentum aere perennius;

Ein Denkmal habe ich mir gesetzt, dauernder als Erz:

III, 30, 6:

Non omnis moriar,

Nicht ganz werde ich sterben.—

"Oden" IV. Buch (ersch. um 18 v. Chr.) 1. 3:

Non sum qualis eram;

Ich bin nicht mehr, der ich war;

(vrgl. Ovid, "Tristia" 3, 11, 25: "Non sum qui fueram");

IV, 7, 16:

Pulvis et umbra sumus;

Staub und Schatten sind wir;

(vrgl. Kap. X. Pindar "Pyth." 8, 136, ferner Sophokles "Elektra" 1159 und Euripides "Meleagros" Frg. 536, ed. Nauck).

Aus IV. 9, 45:

"Non possidentem multa vocaveris

Recte beatum"

"Nicht den, der viel besitzt, wirst du mit Recht glücklich nennen"

mag der Widerspruchsgeist

Beati possidentes!

Glücklich die Besitzenden!

entwickelt haben. Dieser Ausdruck wurde durch die Juristen üblich, die nicht im "Corpus iuris", wohl aber [S. 396]sonst oft von "beatitudines possessionis" ("Vorteilen, die der Besitz gewährt") und von "beati possidentes" reden.

IV, 12, 28:

Dulce est desipere in loco,

Lieblich ist's, zu seiner Zeit den Thoren spielen,

was Seneca ("De tranquill. anim." 15, g. End.) in der Form "aliquando et insanire iucundum est" auf einen griechischen Dichter zurückführt. Vielleicht meint er Menanders "καὶ συμμανῆναι δ' ἔνια δεῖ", "man muss mit Andern auch mal thöricht sein" (bei Clemens Alexandrinus "Stromat." VI, p. 204; Bentley: συμμανῆναι für συμβῆναι).—

Aus den "Epoden" (um 30 v. Chr.) des Horaz ist bekannt 2, 1:

Beatus ille, qui procul negotiis

(Ut prisca gens mortalium)

Paterna rura bobus exercet suis

(Solutus omni fenore;)

Glückselig, wer dem Treiben der Geschäfte fern

Gleichwie die Menschheit alter Zeit

Mit eignen Rindern sein ererbtes Gut bepflügt

Von allen Wucherplagen frei.—

Den "Satiren" des Horaz entnehmen wir I (ersch. 35 v. Chr.) 1, 24:

(Quamquam) ridentem dicere verum

(Quid vetat?)

(Doch) lächelnd die Wahrheit sagen (was hindert daran?),

welche Stelle meistens umgeändert wird in:

Ridendo dicere verum.

I, 1, 69 und 70:

Mutato nomine de te fabula narratur;

Die Geschichte handelt von dir, nur der Name ist geändert;

[S. 397]

I, 1, 106:

Est modus in rebus, sunt certi denique fines;

Es ist Mass und Ziel in den Dingen, es giebt, mit einem Worte, bestimmte Grenzen;

I, 3, 6:

ab ovo usque ad mala;

Vom Ei bis zu den Äpfeln,

d. h. vom Anfange des Mahles, wo Eier gereicht wurden, bis zu dessen Ende, wo man die Früchte auftrug, bedeutet: "von Anfang bis zu Ende, ohne Unterlass, ohne Unterbrechung".

Aus "Sat." I, 4, 34:

dummodo risum

Excutiat sibi, non hic cuiquam parcet amico,

Wenn er nur Lachen für sich erweckt, wird er keinen Freund verschonen,

entstand wohl das schon bei Quintilian "de institut. orat." 6, 3, 28 als sprichwörtlich angeführte (Propositum illud:

Potius amicum, quam dictum perdendi)

Lieber einen Freund verlieren, als einen Witz.

(Boileau, Sat. 9, 22 hat:

Mais c'est un jeune fou qui se croit tout permis,

Et qui pour un bon mot va perdre vingt amis.

Quitard "Dictionnaire des proverbes", Paris 1842, p. 44 führt auf: "Il vaut mieux perdre un bon mot qu'un ami").—

"Sat." I, 4, 62 sagt Horaz, nachdem er ein klangvolles Fragment des Ennius angeführt hat:

"invenias etiam disiecti membra poetae".

(Nach Wieland: "Ihr werdet auch in den zerstückten Gliedern den Dichter wieder finden"). Daraus stammt unser:

disiecta membra poëtae.

[S. 398]

Horaz scheint dies Wort dem Polybius zu verdanken, nur dass er es anders verwendet. Letzterer meint (1, 4), wer nur Einzelforschungen treibe, könne aus den Bruchstücken nicht auf den grossen Gang und Zusammenhang der Geschichte schliessen, ebenso wenig, wie Die, welche nur "die zerstreuten Gliedmaassen" ("διεῤῥιμμένα τὰ μέρη") eines Körpers vor sich sähen, aus dem Einzelnen nachweisen können, wie das Ganze in seiner lebendigen Schöne gewesen sei.

I, 4, 85:

Hic niger est, hunc tu, Romane, caveto,

Das ist eine schwarze Seele; vor ihm, o Römer, hüte dich;

I, 5, 100:

Credat Iudaeus Apella,

Das glaube der Jude Apella,

(d. h.: Glaube es, wer es will; ich glaube es nicht);

I, 9, 59:

Nil sine magno vita labore dedit mortalibus,

Das Leben gab dem Sterblichen Nichts ohne grosse Arbeit;

I, 9, 71:

Unus multorum.

Einer von den Vielen, vom grossen Haufen, ein Dutzendmensch;

I, 9, 78:

Sic me servavit Apollo,

So hat mich Apollo gerettet;

ein Anklang an das homerische ("Iliade" 20, 443) "τὸν δ' ἐξήρπαξεν Ἀπόλλων"—"doch schnell entrückt ihn Apollon", nämlich den von Achill bedrängten Hektor.

I, 10, 72:

Saepe stilum vertas,

Oft wende den Griffel,

d. h. "feile den Ausdruck" (indem du mit dem oberen breiteren Ende des Griffels verwischest, was du mit dem unteren spitzen in die Wachstafel gegraben hast).

[S. 399]

"Satir." II, (wahrscheinlich 30 v. Chr.) 1, 27 steht:

". . . . quot capitum vivunt, totidem studiorum

Milia"—

woraus mit Anlehnung an des Terenz ("Phormio" 2, 4) "Quot homines, tot sententiae" gebildet wurde:

Quot capita, tot sensus!

So viel Köpfe (es giebt), so viele Meinungen (giebt es);

II, 2, 17 u. 18:

—cum sale panis

Latrantem stomachum bene leniet,

"Brot mit Salz wird den bellenden Magen gut besänftigen",

woraus wir entnehmen:

Bellender oder knurrender Magen.

II, 3, 243 lesen wir von den Söhnen eines Reichen, die das Teuerste, Nachtigallen, massenhaft zu vertilgen liebten:

Par nobile fratrum,

Ein edles Brüderpaar, so wie man höhnisch sagt: "ein Paar nette Burschen!"

II, 6, 1 steht:

Hoc erat in votis;

Dies gehörte zu meinen Wünschen!

II, 6, 49:

Fortunae filius,

Sohn des Glücks oder Glückskind.—

Die "Episteln" des Horaz bieten I (ersch. 20 od. 19 v. Chr.) 1, 14:

Iurare in verba magistri,

Auf des Meisters Worte schwören;

I, 1, 54:

(O cives, cives, quaerenda pecunia primum est;)

Virtus post nummos;

Bürger, o Bürger, ihr müsset zunächst Reichtümer erstreben;

Tugend erst nach dem Gelde!

[S. 400]

I, 1, 76 nennt Horaz das römische Volk:

belua multorum capitum,

Ein vielköpfiges Ungeheuer,

oder wie wir auch übersetzen hören:

eine vielköpfige Bestie;

I, 2, 14:

Quidquid delirant reges, plectuntur Achivi;

Wie auch immer die Könige (Agamemnon und Achilles) wüten, die Griechen, sie büssen's (d. h. das Volk büsst es);

I, 2, 16:

Iliacos intra muros peccatur et extra;

G'rade wie drinnen in Ilions Burg wird draussen gefrevelt;

I, 2, 40:

Dimidium facti, qui coepit, habet;

wer nur begann, der hat schon halb vollendet,

was dem bei Aristoteles viermal (s. im Index von Bonitz "ἥμισυ") vorkommenden Sprichwort ("ἡ ἀρχὴ ἥμισυ παντός", "der Anfang ist die Hälfte des Ganzen") nachgebildet ist, welches Lucian ("Hermotimos" 3) fälschlich dem Hesiod zuschreibt, während es Jamblichus dem Pythagoras ("Leben d. Pyth." 29) zuweist. Der horazische Vers schliesst mit den Worten (vrgl. Kap. X.: Theognis):

Sapere aude

Wage es, weise zu sein!

I, 2, 62:

Ira furor brevis est;

Der Zorn ist eine kurze Raserei;

I, 2, 69:

Quo semel est imbuta recens, servabit odorem

Testa diu.

Lange wird neues Geschirr noch danach riechen, womit man's

Füllte zuerst.

I, 6, 67 enthält:

[S. 401]

Si quid novisti rectius istis,

Candidus imperti; si non, his utere mecum;

Wenn du was Besseres weisst, als dies hier,

Teil' es mir redlich mit; wenn nicht, so benutze, wie ich, dies;

was an des Isokrates (436-339 v. Chr.) Wort anklingt ("Ad Nicocl." § 39): "χρῶ τοῖς εἰρημένοις, ἢ ζήτει βελτίω τούτων". "Benutze das Gesagte, oder suche etwas Besseres, als dies!"

I, 10, 24:

Naturam expollas furca; tamen usque recurret;

Treibst du Natur mit dem Knüppel auch aus, sie kommt doch zurück stets,

(s. Kap. V: "Chassez le aturel etc.").—

I, 11, 27:

Caelum non animum mutant, qui trans mare currunt;

Wer über See geht, der wechselt das Klima und nicht den Charakter;

Horaz entlehnte diesen Gedanken den Griechen.

Schon Aeschines (in "Ctesiph." 78) sagte: "ὅστις ἐστὶν οἴκοι φαῦλος, οὐδέποτ' ἦν ἐν Μακεδονίᾳ καλὸς κἀγαθός· οὐ γὰρ τὸν τρόπον ἀλλὰ τὸν τόπον μετήλλαξεν"—"Wer daheim ein Feigling ist, war nie in Macedonien ein Held; denn er wechselte nicht den Charakter, sondern den Ort". Und vor ihm Bias (s. Stobacus "Floril." p. 51 ed. Gessner): "Τόπων μεταβολαὶ οὔτε φρόνησιν διδάσκουσιν, οὔτε ἀφροσύνην ἀφαιροῦνται"—"Ortswechsel belehrt weder den Verstand, noch nimmt er Einem den Unverstand".—

I, 11, 28 bietet (vielleicht nach des Aristophanes "Fröschen", 1498, wo "διατριβὴ ἀργός", "faule Thätigkeit" vorkommt): "strenua . . . . inertia", woraus unser

geschäftiger Müssiggang

entsprungen ist, wenn wir es nicht aus des Phaedrus 2, 5 "occupata in otio" oder aus Senecas ("Üb. d. Kürze d. Leb." 11. g. E.) "desidiosa occupatio", (ebenda [S. 402]12) "iners negotium", und ("Üb. d. Ruhe d. Seele" 12) "inquietam inertiam" herleiten wollen. Joh. Elias Schlegels Lustspiel "Der geschäftige Müssiggänger" (im vierten Bd. von Gottscheds "Deutscher Schaubühne . . ." Lpz. 1743) machte das Wort in Deutschland geläufig.—

I, 12, 19 steht:

Concordia discors

Zwieträchtige Eintracht,

(Ovid, "Metam." 1, 433 hat: discors concordia);

I, 17, 35:

Principibus placuisse viris, non ultima laus est,

Wer den vorzüglichsten Männern gefiel, dess Ruhm ist gering nicht;

Danach schrieb Marcellinus in seinem Leben des "Thukydides" § 35: "ὁ γὰρ τοῖς ἀρίστοις ἐπαινούμενος καὶ κεκριμένην δόξαν λαβὼν ἀνάγραπτον εἰς τὸν ἔπειτα χρόνον κέκτηται τὴν τιμήν;" "Wer von den Besten gelobt wurde und diesem Lobe entsprach, dess Ruhm wird ewig unvergänglich sein"; und dann Schiller im "Prolog" (1798) zu "Wallensteins Lager":

(Denn) wer den Besten seiner Zeit genug

Gethan, der hat gelebt für alle Zeiten.—

I, 17, 36 finden wir:

Non cuivis homini contingit adire Corinthum;

Nicht einem Jeglichen wird es zu Teil, nach Korinth zu gelangen;

(d. h. hier: das Höchste zu erreichen. Es ist die Übersetzung des griechischen Sprichworts "οὐ παντὸς ἀνδρὸς εἰς Κόρινθον ἔσθ' ὁ πλοῦς", dessen frivole Deutung man Gellius 1, 8, 4 nachlesen kann. Korinth bot aber auch ideale Genüsse und die Seefahrt von Rom dorthin war ein Wagnis. Daraufhin zielt der horazische Vers.)

[S. 403]

I, 18, 71 steht:

Et semel emissum volat irrevocabile verbum;

Und, einmal entsandt, fliegt unwiderruflich das Wort hin.—

I, 18, 84 steht:

Nam tua res agitur, paries cum proximus ardet;

Brennet des Nachbars Wand, so bist du selber gefährdet;

I, 19, 19:

O imitatores, servum pecus;

O Nachahmer, sklavisches Gezücht!—

Aus dem zweiten Buch der "Episteln", das in den letzten Lebensjahren des Horaz erschien, ist 2, 102:

Genus irritabile vatum.

Das reizbare Geschlecht der Dichter.—

Aus der "Kunst zu dichten" des Horaz entlehnen wir dem Verse 4 (mit leichter Umwandlung) den Vergleich für eine unharmonische Dichtung:

Desinit in piscem mulier formosa superne;

In einen Fischschwanz endet das oberhalb prachtvolle Weibsbild;

aus Vers 5:

Risum teneatis, amici?

Würdet Ihr, Freunde, Euch da des Lachens erwehren?

Vers 9 u. 10:

Pictoribus atque poëtis

Quidlibet audendi semper fuit aequa potestas,

Maler und Dichter, erlaubt war stets euch jegliches Wagstück;

Vers 11:

Hanc veniam petimusque damusque vicissim;

Diese Vergünstigung fordern wir selbst und gewähren sie Ander'n;

als Citat wird dies ganz allgemein von gegenseitigen Diensten gebraucht; Horaz bezieht es auf die dichterischen Freiheiten, die er andern Poeten gestatten und sich selbst erlaubt wissen will;

aus Vers 19:

non erat his locus;

Das war hier nicht am Platze;

[S. 404]

aus Vers 25 u. 26:

Brevis esse laboro obscurus fio;

Ich bemühe mich kurz zu sein und werde dunkel;

aus Vers 39 u. 40:

Versate diu, quid ferre recusent,

Quid valeant humeri;

Überleget euch lang', was die Schultern verweigern,

Was sie zu tragen vermögen;

Vers 78:

(Grammatici certant, et) adhuc sub iudice lis est,

Da sind die Forscher nicht eins, und der Streit hängt noch vor dem Richter,

woraus das übliche Scherzwort entsprungen sein mag:

Darüber sind die Gelehrten noch nicht einig;

aus Vers 97:

sesquipedalia verba

ellenlange Wörter.—

Vers 147 rühmt von Homer, dass er den trojanischen Krieg nicht

ab ovo

vom Ei (der Leda an, aus dem Helena hervorging),

d. h. "vom ersten, entlegensten Anfang" an zu erzählen beginne, sondern den Zuhörer (V. 148) sofort

in medias res

Mitten in die Dinge hinein

führe.—

Vers 173 nennt den Greis:

Laudator temporis acti

Lobredner der Vergangenheit.—

Aus Vers 276: "Dicitur et plaustris vexisse poemata Thespis" (Man sagt, dass Thespis seine Dramen auf Wagen umhergefahren habe) ist der

Thespiskarren

[S. 405]

entlehnt. Doch irrt sich Horaz in seiner Angabe, da der Wagen der ältesten griechischen Komödie angehört, während Thespis der älteste attische Tragödiendichter war.—

Vers 333 steht:

Aut prodesse volunt aut delectare poetae.

Entweder wollen die Dichter uns nützlich sein oder ergötzen.

Vers 343 spricht Horaz vom Dichter:

(Omne tulit punctum qui miscuit) utile dulci

Jeglichen Beifall errang, wer Lust und Nutzen vereinte,

woraus die Redensart stammt:

Das Angenehme mit dem Nützlichen verbinden.

Diese letzten Worte scheinen aus Polybius entlehnt zu sein, der (1, 4) sagt, man könne "aus der Geschichte zugleich Nutzen und Vergnügen schöpfen" ("ἅμα καὶ τὸ χρήσιμον καὶ τὸ τερπνὸν ἐκ τῆς ἱστορίας λαβεῖν").

(S. auch Lucian "Wie man Geschichte schreiben muss" 9, "Über den Tanz" 33, "Anacharsis" 6 u. 10.)—

Aus Vers 359:

Indignor, quandoque bonus dormitat Homerus.

Ich ärgere mich, wenn der vortreffliche Homer auch einmal schläft (d. h. im Ausdruck nachlässig ist)

wird fälschlich als eine Entschuldigung für Schlummerköpfe citiert:

Quandoque bonus dormitat Homerus.

Zuweilen schlummert ja selbst der vortreffliche Homer.—

Ebenso irrig ist oft aus Vers 361 das

Ut pictura poësis: . .

(Ein Gedicht gleicht darin einem Gemälde, dass . . .)

herausgerissen citiert worden, als bedeute es: "Malerei und Poesie haben die gleichen Gesetze". (vrgl. Kap. X: "Simonides").—

[S. 406]

Von einer Schrift, zu deren Lektüre man gern zurückkehrt, citiert man den Ausgang des 365. Verses:

Decies repetita (poësis) placebit.

Zehnmal wiederholt, wird sie gefallen.

Solche Schrift wird zu jenen gehören, deren Verfasser das berühmte:

Nonumque prematur in annum,

Und bis ins neunte Jahr muss sie verborgen bleiben (d. h. gefeilt werden),

den Ausgang des 388. Verses, beherzigt haben.—Von Einem, der sich als Mann bewährt, sagen wir mit Vers 413:

Multa tulit, fecitque puer, sudavit et alsit,

Viel hat, in Hitze und Frost, schon als Kind er gethan und erlitten.—

Des Livius (59 v.-17 n. Chr.) Redewendung (4, 2, 11):

"potius sero, quam nunquam,"

(Lieber spät, als niemals),

citieren wir französisch:

Mieux vaut tard, que jamais.—

Im Livius steht (38, 25, 13): "cum iam plus in mora periculi quam in ordinibus conservandis praesidii esset, omnes passim in fugam effusi sunt"—"Als schon mehr Gefahr im Verzuge, als Hilfe im Aufrechterhalten der Heeresordnung lag, strömten Alle in planloser Flucht auseinander". Hieraus bildete sich das Wort:

periculum in mora,

Gefahr im Verzuge.

39, 26, 9 enthält das Drohwort "nondum omnium dierum solem occidisse"—"es sei noch nicht die Sonne aller Tage untergegangen", was wir kürzen zu:

Es ist noch nicht aller Tage Abend.—

[S. 407]

Bei Tibull (54-19 v. Chr.) 2, 5, 23 steht:

Roma aeterna.

Das ewige Rom.—

Propertius (48-16 v. Chr.) bietet uns 2, 10, 5-6:

"Quod si deficiant vires audacia certe

Laus erit: in magnis et voluisse sat est,"

Wenn auch die Kräfte versagen, so wird doch das kühne Beginnen

Rühmlich sein: schon genügt's, hat man nur Grosses gewollt.

Joh. Agricola von Eisleben ("Terent. Andria" Berl. 1544, d. 4, 1) nennt dies eine Sentenz Platonis. Wieso?—Anklingt Tibulls (4, 1, 7): "Est nobis voluisse satis"—"Uns genügt's, gewollt zu haben".—

Aus des Propertius Pentameter (3, 21, 10):

Quantum oculis, animo tam procul ibit amor,

Wie aus den Augen sie schwand, schwand auch die Lieb' aus dem Sinn,

scheint herzurühren:

Aus den Augen, aus dem Sinn.—

Aus dem Pentameter des Ovid (43 v.-17 n. Chr.) "Heroiden" 13, 84: "Bella gerant alii! Protesilaus amet" ist offenbar das berühmte Distichon entstanden:

Bella gerant alii! tu, felix Austria, nube!

Nam quae Mars aliis, dat tibi regna Venus!

Kriegführ'n lasse die Andren! du, glückliches Österreich, freie!

Mehrer des Reiches ist Mars Anderen, Venus nur dir!

"Felix Austria" findet sich schon auf einem Siegel Herzog Rudolfs IV. vom Jahre 1363 (vrgl. Dr. Franz Kürschner: "Herzog Rudolfs IV. Schriftdenkmale"). Dass, wie man meinte, Matthias Corvinus des Distichons Urheber sei, erwies Béla von Tóth als Irrtum (s. dessen "Szájrul szájra" (von Mund zu Munde), Budapest 1895, S. 22-25). Bis jetzt ist der ovidkundige Verfasser der Verse noch unerforscht.—

Aus Ovids "Amores" 3, 4, 17 stammt:

Nitimur in vetitum semper, cupimusque negata,

Zu dem Verbotenen neigen wir stets und begehren Versagtes;

[S. 408]

oder wie es in einem Altdorfer Stammbuch v. J. 1722 übersetzt wird:

"Unser Tichten, Trachten, Ringen

Geht nur nach verbotnen Dingen."

(vrgl. "Deutsche Stammbücher" von den Gebrüdern Keil, 1893 No. 912).—

"Amor" 3, 8, 55 (und "Fasti" 1, 217) bieten:

Dat census honores,

Die Einkünfte geben die Ehren;

"Amor." 3, 11, 7 vrgl. "Ars amandi" 2, 178:

Perfer et obdura (dolor hic tibi proderit olim)

Trage und dulde: dir wird der Schmerz dermaleinst noch nützen.

("Tristia" 5, 11, 7 lautet: "Perfer et obdura, multo graviora tulisti", eine Übertragung von Homers "Odyss." 20, 18 [s. Kap. X]. Vor Ovid sang Catull 8, 11: "Obstinata mente perfer, obdura", und Horaz "Sat." 2, 5, 39: "Persta atque obdura").—

Brief 17, 166 steht:

An nescis longas regibus esse manus?

Weisst du denn nicht, wie weit reichet der Könige Hand?

Schon bei Herodot (8, 140) heisst es von Xerxes: "καὶ γὰρ δύναμις ὑπὲρ ἀνθρώπον ἡ βασιλέος ἐστι καὶ χεὶρ ὑπερμήκης", "denn der König hat auch die Gewalt über den Menschen und eine über die Maassen lange (d. h. weitreichende) Hand".—

Aus Ovids "Kunst zu lieben" ("Ars amandi") 1, 99 ist das Wort über die Frauen bekannt:

Spectatum veniunt, veniunt spectentur ut ipsae,

Zum Seh'n kommen sie hin, hin kommen sie, dass man sie sehe.

Aus 2, 13 der "Kunst zu lieben" wird citiert:

Nec minor est virtus, quam quaerere,

Parta tueri.

Weniger schwer, als Erwerben, ist's nicht:

Erworb'nes bewahren;

[S. 409]

wohl eine Reminiscenz aus Demosthenes ("Olynth.") 1, 23, der da sprach: "πολλάκις δοκεῖ τὸ φυλάξαι τἀγαθὰ τοῦ κτήσασθαι χαλεπώτερον εἶναι", "oft scheint es schwerer zu sein, Schätze zu bewahren, als sie zu besitzen".—Der 91. Vers der Ovidischen "Mittel gegen die Liebe" ("Remedia amoris") heisst:

Principiis obsta (sero medicina paratur).

Sträube dich gleich im Beginn (zu spät wird bereitet der Heiltrank).

Auch wird "Principiis obsta" oft aus dem Zusammenhange gerissen und "wehre dich gegen Principien!" darunter verstanden. Ovid mag dabei an des Theognis Rath gedacht haben (v. 1133):

"Κύρνε, παροῦσι φίλοισι κακοῦ καταπαύσομεν ἀρχήν,

ζητῶμεν δ' ἕλκει φάρμακα φυομένῳ."

"Heilen wir, wo Freunde weilen,

Böses, Kyrnos, gleich zur Stunde!

Lass' uns mit dem Balsam eilen,

Wenn im Wachsen ist die Wunde!"—

Aus Ovids "Metamorphosen" 1, 7 ist die Bezeichnung des Chaos verbreitet:

Rudis indigestaque moles

Eine rohe, verworrene Masse;

"Met." 2, 13 und 14, bringt die Schilderung der Nymphen:

Facies non Omnibus una,

Nec diversa tamen (qualem decet esse sororum):

Nicht gleich sind alle von Antlitz,

Und doch auch nicht verschieden (so wie sich's gehöret bei Schwestern);

"Met." 2, 137:

Medio tutissimus ibis

In der Mitte wirst du am sichersten gehen.

[S. 410]

"Met." 3, 136 und 137:

Dicique beatus

Ante obitam nemo supremaque funera debet,

Niemanden soll man

Glücklich heissen, bevor er gestorben und eh' er begraben.

(vrgl. Kap. XII: "nemo ante mortem beatus".)

"Met." 5, 416-7:

Si componere magnis parva mihi fas est,

Wenn es mir erlaubt ist, Kleines mit Grossem zu vergleichen,

(s. Kap. X: Herodot 2, 10 und 4, 99.);

"Met." 6, 376 die das Quaken der Frösche malenden Worte:

Quamvis sint sub aqua, sub aqua maledicere tentant,

Ob in der Tiefe sie quaken, sie quaken doch, nur um zu schimpfen;

"Met." 7, 20-1 die Worte der sich in aufkeimender Liebe zu Iason überraschenden Medea:

Video meliora proboque;

Deteriora sequor.

Wohl seh' ich das Bess're und lob' es:

Aber ich folge dem Schlecht'ren.

(vrgl. Euripides: "Medea", 1078-9 und "Hippol." 380.)—

Aus "Met." 9, 711 stammt:

Pia fraus,

Frommer Betrug;

und aus "Met." 15, 234:

Tempus edax rerum,

Die Zeit, welche die Dinge zernagt;

(auch in den "Epistolis ex Ponto" 4, 10, 7 wendet Ovid "tempus edax" an. "Edax vetustas" [zernagendes Alter] steht "Metam." 15, 872; vrgl. oben: "Zahn der Zeit").—

Aus Ovids "Fasti" (Festkalender) 1, 218 wird citiert:

Pauper ubique iacet,

Ein Armer hat allerwärts einen niederen Stand,

[S. 411]

und aus 6, 5:

Est deus in nobis, agitante calescimus illo,

In uns wohnet ein Gott, wir erglüh'n durch seine Belebung.—

Aus Ovids "Tristia" sind bekannt 1, 9, 5 u. 6:

Donec eris felix, multos numerabis amicos:

Tempora si fuerint nubila, solus eris

Freunde, die zählst du in Menge, so lange das Glück dir noch hold ist,

Doch sind die Zeiten umwölkt, bist du verlassen allein;

(vrgl. Theognis 115, 643, 697, 857, 929 u. Plautus "Stichus" IV, 1, 16.)—

"Trist." 3, 4, 25: "bene qui latuit, bene vixit" in der Form:

Bene vixit, qui bene latuit

Glücklich lebte, wer in glücklicher Verborgenheit lebte,

(nach Epikurs: "λάθε βιώσας", "bleibe verborgen im Leben!" s. Plutarch p. 1128 ff. u. Useners "Epicurea" 1887, 8. 326 u. 327.)—

"Trist." 4, 3, 37:

Est quaedam flere voluptas!

Im Weinen liegt eine gewisse Wonne;

"Trist." 5, 10, 37:

Barbarus hic ego sum, quia non intelligor ulli,

Ein Barbar bin ich hier zu Land, da mich keiner versteh'n kann.—

In Ovids "Briefen aus dem Pontus" 1, 2, 143 stammt das Wort:

Besser sein als sein Ruf,

denn er sagt dort von Claudia: "ipsa sua melior fama", sie sei selbst besser als ihr Ruf. Dann erwidert Figaro auf Almavivas Vorwurf, er stehe in abscheulichem Rufe (réputation), in "Figaros Hochzeit" (1784) 3, 3, von Beaumarchais: "Et si je vaux mieux qu'elle?" "Und wenn ich nun besser bin, als mein Ruf?" Und in Schillers "Maria Stuart" (1801) 3, 4 heisst es: [S. 412]

Ich bin besser, als mein Ruf.

Auch Goethe verwendet das Wort gegen Ende des siebenten Buches von "Dichtung und Wahrheit".

Des Perikles Wort bei Thucydides 2, 41: "Die Stadt sei noch besser, als ihr Ruf (ἀκοῆς κρείσσων)" kann nicht als Quelle angesehen werden, weil der Sinn wesentlich abweicht.—

Ebenda bei Ovid 3, 4, 79 (s. oben: Properz 2, 10, 5-6) steht:

Ut desint vires, tamen est laudanda voluntas,

Wenn's auch an Kräften gebricht, so ist doch der Wille zu loben.—

Aus dem ersten (um 12 v. Chr. verf.) Buche der "Astronomica" des Manilius wurde V. 104, der von der menschlichen Vernunft aussagt:

Eripuitque Jovi fulmen viresque tonandi,

Und selbst Zeus entriss sie den Blitz und die Donnergewalten,

vom Kardinal Polignac (1745. "Anti-Lucretius" 1, 96) in folgender Umgestaltung gegen Epikur gerichtet, der den Griechen ihre Götter raubte:

Eripuit fulmenque Jovi Phoeboque sagittas.

Zeus entriss er den Blitz und dem Phoebus entriss er die Pfeile.

Hiernach schmiedete man in Paris für des Freiheitsapostels und Blitzableiter-Erfinders, Benjamin Franklins, Porträtbüste von Houdhon den Vers:

Eripuit coelo fulmen, mox sceptra tyrannis,

Erst entriss er dem Himmel den Blitz, dann den Herrschern die Scepter.

Nach Condorcet (Oeuvr. compl. Par. 1804. V. 230-1. "Vie de Turgot") war der Minister Turgot († 1781) der Verfasser dieses Lobspruches, doch mass sich Friedrich v. d. Trenck in seinem Verhör vor den Richtern zu [S. 413]St. Lazare in Paris (9. Juli 1794) die Urheberschaft bei (s. G. Hiltl: "Des Frh. v. Trenck letzte Stunden. Nach d. Akt. d. Droit publ. u. Archiv. Mittheil." Gartenlaube 1863. No. I). Heute wird gewöhnlich citiert:

Eripuit coelo fulmen, sceptrumque tyrannis.—

Klassischer Zeuge

beruht auf folgendem Satz des Verrius Flaccus (um Chr. G.) im Auszuge bei Paulus Diaconus (p. 56, 15; Müller): "classici testes dicebantur qui signandis testamentis adhibebantur"—"klassische Zeugen pflegte man die zur Testamentsunterzeichnung Verwendeten zu nennen". Wir aber brauchen das Wort verallgemeinernd, wie "sicherer Bürge".

"Classici" hiessen die zur ersten Vermögensklasse eingeschätzten Steuerzahler (vrgl. "infra classem" bei Paul. Diac. p. 113, 12 u. Gellius VI, 13, 1).—

Im 6. Briefe des jüngeren Seneca (4-65 n. Chr.) heisst es:

Longum iter est per praecepta, breve et efficax per exempla.

Lang ist der Weg durch Lehren, kurz und erfolgreich durch Beispiele (s. Phaedrus 2, 2, 2: "exemplis discimus", "an Beispielen lernen wir").—

Auf der Stelle des 7. Briefes:

Homines dum docent discunt

beruht:

Docendo discitur, oder: Docendo discimus

Durch Lehren lernen wir.—

Im 23. Briefe heisst es:

(Mihi crede,) res severa est verum gaudium,

(Glaube mir,) eine ernste Sache ist eine wahre Freude.

Diese Worte standen als Weihespruch am alten Gewandhause in Leipzig und stehen nun wieder dort am neuen Konzerthause. Der Musikdirigent Langer übersetzte sie: "eine schwere Sache ist ein wahrer Spass".—

[S. 414]

Aus dem 96. Briefe wird citiert:

Vivere (mi Lucili) militare est,

Leben, mein Lucilius, heisst kämpfen,

(s. Kap. V: "ma vie est un combat").—

Der 106. Brief schliesst mit dem vorwurfsvollen: "Non vitae, sed scholae discimus" (leider lernen wir nicht für das Leben, sondern für die Schule). Wir stellen es um und citieren belehrend:

Non scholae, sed vitae discimus,

Nicht für die Schule, sondern für das Leben lernen wir.—

Im 107. Briefe wird mit Anlehnung an Verse des Stoikers Kleanthes (4. Jahrh. v. Chr.), die Epiktet (c. 52. Ausg. v. Chr. Gottl. Heyne. Lpzg. 1783) überliefert, das Wort geschaffen:

Ducunt volentem fata, nolentem trahunt,

Den Willigen führt das Geschick, den Störrischen schleift es mit.—

Licentia poetica,

Poetische Licenz,

ist entlehnt aus Senecas "Natural. quaest." II, 44, wo es heisst: "poeticam ista licentiam docent". (vrgl. Cicero "de orat." 3, 38, wo "poetarum licentiae" und Phaedrus 4, 25, wo "poetae more . . . et licentia" steht. Lucians "Gespräch mit Hesiod" nennt diese Licenz: τὴν ἐν τῷ ποιεῖν ἐξουσίαν).—

Vielleicht ist auch

per aspera ad astra

über rauhe Pfade zu den Sternen

aus Seneca geschöpft, in dessen "rasendem Herkules" Vers 437 lautet:

Non est ad astra mollis e terris via.

Der Weg von der Erde zu den Sternen ist nicht eben.—

[S. 415]

Das Wasser trüben

beruht auf Phaedrus (bl. etwa 30 nach Chr.), B. 1, Fab. 1, wo der am oberen Laufe des Baches stehende Wolf komischerweise dem weiter unten stehenden Lamme frech zuruft:

Cur (inquit), turbulentam fecisti mihi

Aquam bibenti?

Warum hast du mir, der ich trinke, das Wasser trübe gemacht?

Von "Schafen", die "schöne Borne" durch "darein treten" "trübe gemacht" haben, ist übrigens auch die Rede Hesekiel 34, 18-19 (vrgl. 32, 2 und 13).—

Die Verse des Phaedrus (I, 10):

Quicumque turpi fraude semel innotuit,

Etiamsi verum dicit, amittit fidem . . .

gab von Nicolay (1737-1820) in seinem Gedichte "Der Lügner" also wieder:

Man glaubet ihm selbst dann noch nicht,

Wenn er einmal die Wahrheit spricht.

Danach hat sich die landläufig gewordene genauere Übertragung gebildet:

Wer einmal lügt, dem glaubt man nicht;

Selbst dann, wenn er die Wahrheit spricht.

Dieser Gedanke wird schon dem Demetrius Phalereus (4. Jahrh. v. Chr.) zugeschrieben von Stobaeus ("Florileg." 12, 18).—

Behandelt ein äusserst Minderwertiger eine gefallene Grösse schlecht, so reden wir vom

Eselstritt;

denn, als der Esel sah, wie Phaedrus (1, 21) erzählt, dass Eber und Stier den sterbenden Löwen ungestraft misshandelten, da schlug er ihm mit den Hufen ein Loch in die Stirn.—

[S. 416]

In der Fabel des Phaedrus (1, 24) "Der geplatzte Frosch und der Ochse" (Rana rupta et bos) heisst es vom Frosch, dass er, "vom Neid über solche Grösse erregt" (tacta invidia tantae magnitudinis), sich so lange aufgebläht habe (inflavit pellem), um ihr gleichzukommen, bis er "mit geplatztem Leibe dalag" (rapto iacuit corpore). Daher sagen wir von einem Dünkelhaften, er sei wie ein

aufgeblasener Frosch,

oder kurzweg, er sei

aufgeblasen,

oder:

ein aufgeblasener Mensch;

und daher stammt auch Martials in sechs Distichen (9, 98) zwölfmal vorkommendes, gegen einen Neider seines Ruhmes gerichtetes "Rumpitur invidia" und unser:

Vor Neid bersten oder platzen.

Die Fabel war nicht des Phaedrus Erfindung. Schon Horaz kannte sie (vrgl. "Sat." 2, 3, 314) und Vergil ("Ecl." 7, 26) lässt Thyrsis singen:

"Pastores, hedera nascentem ornate poetam,

Arcades, invidia rumpantur ut ilia Codro."

"Schmücket, arkadische Hirten, den werdenden Dichter mit Epheu,

Dass dem Kodrus vor Neid die Eingeweide zerbersten".—

Valerius Maximus (bl. um 30 n. Chr.) spricht im "Prologus" von sich als

mea parvitas,

und Aulus Gellius (bl. um 150 n. Chr.) XII, 1, 24 sagt danach von sich:

mea tenuitas,

Meine Wenigkeit,

[S. 417]

was zuerst Opitz ("Prosodia Germanica oder Buch von der Teutschen Poeterey", Kap. 5, Brieg 1624) gebraucht.—

In des älteren Plinius (23-79 n. Chr.) "Natur. hist." 23, 8 heisst es in einem Gegengiftrecept: "addito salis grano" (unter Hinzufügung eines Salzkörnchens), was citiert wird umgestaltet in:

cum grano salis

(mit einem Salzkörnchen, d. h. mit einem Bischen Witz).

Ebenda (29, 19) meldet Plinius vom Basilisken, dass er den Menschen tödten solle, wenn er ihn nur ansehe ("hominem si aspiciat tantum dicitur interimere"). Daher unser:

Basiliskenblick.

(vrgl. unter Jesaias "Basiliskenei").—

Ein Wort, das Plinius häufig im Munde führte:

Nullus est liber tam malus, ut non aliqua parte prosit,

Kein Buch ist so schlecht, dass es nicht in irgend einer Beziehung nütze,

wird vom jüngeren Plinius in B. 3, Ep. 5 mitgeteilt.

(vrgl. Varros (fr. 241, Bücheler): "neque in bona segete nullum est spicum nequam, neque in mala non aliquod bonum"—"weder giebt's gute Saat ohne eine schlechte Ähre, noch schlechte ohne irgend eine gute").—

Persius (34-62 n. Chr.) bietet in "Satire" 1, 1:

O quantum est in rebus inane;

O wie viel Leeres ist in der Welt;

in 1, 28:

At pulchrum est digito monstrari et dicier: hic est!

Schön ist's doch, wenn man auf dich zeigt und der Ruf tönt: Der ist's!

(vrgl. Horaz, Od. 4, 3, 22: "monstror digito praetereuntium");

und in "Satire" 1, 46, wie Juvenal 6, 164:

Rara avis

(Ein seltener Vogel)

[S. 418]

in dem uns geläufig gewordenen Sinn für "ein seltenes Wesen" überhaupt; während Horaz ("Sat." II, 2, 26) die Worte zwar auch schon anwendet, aber in nicht übertragener Bedeutung.—

Quintilian (um 35-95) fragt ("de institutione oratoria" 1, 6): "Dürfen wir einräumen, dass einige Worte von ihren Gegenständen abstammen, wie z. B. lucus, Wald, weil er, durch Schatten verdunkelt, nicht sehr licht ist (luceat)?" Daher rührt:

Lucus a non lucendo.

Wald wird "lucus" genannt, weil es darin dunkel ist(non lucet),

was nach dem Scholiasten Lactantius Placidus (zu Statius "Achilleis" 3, 197) auf einen unbekannten Grammatiker Lykomedes zurückgeht.

Aus 10, 7 ist:

Pectus est (enim) quod disertos facit (et vis mentis).

Sinn und Verstand ist's, was den Redner macht.

So übersetzte M. Haupt, sehr gegen die Übersetzung eifernd: Das Herz macht beredt.—

In Quintilians "Declamationes" (350, Burmanns und Dussault) heisst es: "caedes videtur significare sanguinem et ferrum"—"Mord" (d. h. in juridischem Sinne) "scheint

Blut und Eisen

zu bedeuten" (d. h. eine Tödtung durch eine Eisenwaffe, die Blut fliessen lässt). Arndt mochte dies dunkel vorschweben als er sang (1800, in dem Gedichte "Lehre an den Menschen" Str. 5; s. "Gedichte" Grfsw. 1811. S. 39-41 und das Inhaltsverzeichnis):

"Zwar der Tapfre nennt sich Herr der Länder

Durch sein Eisen, durch sein Blut".

[S. 419]

Nach ihm ruft Max von Schenkendorf aus ("Das eiserne Kreuz"):

"Denn nur Eisen kann uns retten,

Und erlösen kann nur Blut

Von der Sünde schweren Ketten,

Von der Bösen Übermut".

Und in einem Aufsatz Schneckenburgers "Über Deutschland und die europäische Kriegsfrage" (geschr. Ende Okt. 1840, auszüglich abgedruckt im "Schwäb. Merkur" v. 30. Aug. 1870) lesen wir: "Der bei den Franzosen obwaltende Mangel an gediegener Volksbildung und echter Religiosität, das reizbare, oberflächliche, aller Gründlichkeit bare, leidenschaftsloser Belehrung unzugängliche, schnell absprechende Wesen ihres Nationalcharakters, die grobe Entsittlichung beinahe aller Klassen begründen meine Zweifel und scheinen für die absolute Notwendigkeit einer Eisen- und Blutkur zu sprechen". Otto von Bismarck aber verlieh dem Wort erst Flügel, als er am 30. Sept. 1862 in der Abendsitzung der Budgetkommission des preussischen Abgeordnetenhauses sprach: "Nicht durch Reden und Majoritätsbeschlüsse werden die grossen Fragen der Zeit entschieden—das ist der Fehler von 1848 und 1849 gewesen—sondern

durch Eisen und Blut".—

Lucanus (39-65 n. Chr.), "Pharsalia" 1, 128 bietet:

Victrix causa diis placuit, sed victa Catoni,

Die siegreiche Sache gefiel den Göttern, aber die unterliegende dem Cato,

und 1, 135:

Stat magni nominis umbra,

Er steht da, der Schatten eines grossen Namens,

[S. 420]

eigentlich vom Pompejus gesagt, verkürzt in:

Stat nominis umbra,

Eines Namens Schatten steht da,

das Motto der "Juniusbriefe" (ersch. im "Public. Advertiser" vom 21. Jan. 1769-12. Mai 1772. London). In der "Pharsalia" 1, 256 steht:

Furor teutonicus,

Deutsches Ungestüm,

(vrgl. "Furia Francese").—

Petronius Arbiter (1. Jhrh. n. Chr.) bringt die Sentenz: "qualis dominus, talis et servus", die wir also im Munde führen:

Wie der Herr, so der Knecht.—

Martial (um 40-102 n. Chr.) lässt 6, 19 den Advokaten Posthumus, der in seiner Rede von Cannae, von Mithridates, von den Puniern, von Marius, Sulla u. s. w. spricht, auffordern, zu den drei gestohlenen Ziegen zurückzukommen, um die sich der Streit dreht. Diese Martialstelle bildet die Grundlage der Redensart:

Um auf besagten Hammel zurückzukommen,

die in der französischen Farce des 14. oder 15. Jahrhundert "l'Advocat Patelin"[65] vorkommt.

[65] Littré "Histoire de la langue française", 5. éd., Paris 1869, Bd. 2, p. 30 u. 45 erklärt die Farce für anonym: der Verfasser müsse in den letzten Jahren des 14. und den ersten des 15. Jahrhunderts gelebt haben (pag. 50). Schon 1470 (p. 46) kommt "pateliner" vor. Pierre Blanchet, dem man "Patelin" zuschrieb, starb 1519 als Sechzigjähriger, wäre also 1470 erst ein zehnjähriger Knabe gewesen.

"Patelin, ein verhungerter Advokat, braucht für seine Frau und sich Tuch. Er tritt in den Laden eines Tuchhändlers, den er durch Lobpreisungen seines verstorbenen Vaters und seiner verstorbenen Tante rührt. Als er diese zum Geprelltwerden geeignete Stimmung im Verkäufer erweckt hat, [S. 421]giebt er sich den Anschein, als sei er von der Güte eines Stückes Tuch, das er in dem Laden erblickt, wie geblendet. Er sei nicht gekommen, um Einkäufe zu machen, aber der Güte solcher Waren könne er nicht widerstehen, und wohl sehe er, dass die ersparten Goldstücke, die er zu Hause liegen habe, heran müssten. Der Händler, den die Aussicht auf ein vorteilhaftes Geschäft noch mehr für Herrn Patelin einnimmt, ist sofort bereit, ihm sechs Ellen Tuch mitzugeben, und Herr Patelin ladet ihn ein, sich gleich seine Bezahlung zu holen und bei ihm zu speisen. Der Tuchhändler kommt, vernimmt aber von der Frau des Advokaten zu seinem Erstaunen, dass der Mann schon seit elf Wochen gefährlich krank, gerade jetzt im Sterben liegt und also unmöglich heute Tuch gekauft haben kann. Da er nun gar den Kranken selbst in verschiedenen Sprachen phantasieren hört, so zieht er sich endlich, halb überzeugt, halb zweifelnd zurück. Bald darauf wird derselbe Tuchhändler von seinem Schäfer um Hammel betrogen und klagt. Der Schäfer wendet sich an den Advokaten Patelin, der ihm den Rat erteilt, auf alle Fragen des Richters nichts zu antworten als "Bäh". Im Termin erscheinen nun der Tuchhändler als Kläger und der Schäfer als Verklagter in Begleitung seines Anwalts. Der Kläger ist über das unerwartete Erscheinen Patelins so bestürzt, dass er seines Prozesses vergisst und den Anwalt beschuldigt, ihn um sechs Ellen Tuch betrogen zu haben. Der Richter ruft ihm daher zu:

Sus, revenons à ces moutons[66]!

Wohlan, lasst uns auf die besagten Hammel zurückkommen!

Da der Kläger trotzdem fortfährt, in der Auseinandersetzung des Thatbestandes das gestohlene Tuch und die gestohlenen Hammel zu verwechseln, so wird er mit seiner Klage abgewiesen."

[66] So heisst es in der letzten Ausgabe des "l'Advocat Patelin" vom Bibliophile Jacob (Paul Lacroix). In früheren heisst es:

à nos moutons!

und so wird es gewöhnlich in Frankreich citiert.—

[S. 422]

(Rabelais citiert das Wort bereits 1532, statt "revenir" stets "retourner" anwendend, in "Gargantua und Pantagruel", 1, 1; 1, 11; 3, 34, Grimmelshausen "Der abenteuerliche Simplicissimus", Mompelgart 1669 (herausg. von Keller, Stuttgart 1854, I. S. 34), sagt: "Aber indessen wieder zu meiner Heerd zu kommen". Kotzebue lässt im Lustspiele "Die deutschen Kleinstädter" (Leipz. 1803) den Bürgermeister Staar zu Krähwinkel die Worte sagen: "Wiederum auf besagten Hammel zu kommen". Auch im Englischen findet sich jetzt das Wort. Es heisst in "German Home Life", Lond. 1876, p. 17: "But to return to our sheep").—

Martial bietet ferner 8, 56:

Sint Maecenates, non deerunt, Flacce, Marones.

Wenn's Mäcene nur giebt, mein Flaccus, dann giebt's auch Vergile!—

Der Name des

Maecen(as)

war durch die Gedichte des Vergil, Horaz und Properz zur typischen Bezeichnung eines Gönners und Beschützers der Künste geworden und ist es geblieben.—

Es heisst 12, 51:

semper homo bonus tiro est,

Ein guter Mensch bleibt immer ein Anfänger,

(d. h.: er wird oft getäuscht, weil er immer unbefangen bleibt wie ein Kind). Es wird auch citiert:

Bonus vir semper tiro;

denn so schrieb Goethe das Wort in seine "Maximen und Reflexionen" (3. Abteilung).—

Aus "De spectaculis", 31;

Cedere maiori virtutis fama secunda est;

Illa gravis palma est quam minor hostis habet,

Wer dem Gewalt'geren weicht, dess Mut gilt gleichsam als zweiter;

Das ist der schmerzliche Ruhm für den geringeren Feind,

ist:

Cedo maiori

Vor dem Grösseren trete ich zurück

[S. 423]

entlehnt (s. Kap. XII: "Der Starke weicht einen Schritt zurück").

Maiori cedo

lautet es in den Sentenzen der unter dem Namen "Dionysius Cato" schon im 4. Jahrh. bekannten Spruchsammlung.—

Aus Juvenal (etwa 47-113 n. Chr.) wird citiert Satire 1, 30:

Difficile est satiram non scribere;

Es ist schwer, (da) keine Satire zu schreiben;

1, 74:

Probitas laudatur et alget;

Rechtschaffenheit wird gepriesen und friert dabei;

1, 79:

(Si natura negat) facit indignatio versum;

Wenn das Talent es versagt, so schmiedet Entrüstung die Verse;

1, 168:

Inde irae et lacrumae,

Daher Zorn und Thränen,

was mit Anlehnung an Terenz, "Andria", 1, 1:

"Hinc illae lacrumae!"

umgemodelt wird zu:

Inde illae irae, oder Hinc illae irae;

(Daher jener Zorn).

2, 24:

Quis tulerit Gracchos de seditione querentes?

Wer wohl die Gracchen erträgt, die um Aufruhr Klagen erheben?

d. h. wer hört auf den, der das, wogegen er eifert, selbst thut? D. J. Strauss übersetzte:

"Ist es auch billig, darf man fragen,

Wenn Gracchen über Aufruhr klagen?"—

2, 63:

Dat veniam corvis, vexat censura columbas!

Alles verzeihen die Krittler den Raben und peinigen die Tauben;

[S. 424]

(d. h.: die Sittenrichter sind milde gegen die Männer und streng gegen die Frauen).

4, 91 steht:

Vitam impendere vero;

Sein Leben dem Wahren weihen,

(J. J. Rousseaus Wahlspruch);

6, 223 höhnt ein herrisches Weib ihren Mann, der sich sträubt, einen Sklaven ohne Schuldbeweis zu kreuzigen, dass er einen Sklaven für einen Menschen halte, und schliesst kategorisch:

Hoc volo, sic iubeo; sit pro ratione voluntas;

Ich will's: also befehl' ich's: statt Grundes genüge der Wille

(oft wird "Sic volo" etc. citiert; so von Luther 31, S. 150).—

6, 242 und 243:

"Nulla fere causa est, in qua non femina litem

Moverit"

"Kaum giebt's einen Prozess, wo den Streit nicht hätte begonnen

Irgend ein Weib"

scheint die Grundlage manches Wortes zu sein. So heisst es in Richardsons Romane "Sir Charles Grandison" (1753) 1, Brief 24: "Such a plot must have a woman in it" (hinter solchem Anschlage muss eine Frau stecken); und es wird häufig citiert:

"Cherchez la femme" oder "Où est la femme?"

Juvenal 7, 154 lesen wir von den Lehrern, die den Schülern bis zur Erschlaffung immer wieder dieselbe Geistesspeise auftischen müssen:

Occidit miseros crambe repetita magistros.

Immer wieder aufgewärmter Kohl tötet die armen Schullehrer.

Hiernach entstand der Ausdruck

Kohl

für "langweiliges Geschwätz" (Weigand nahm dies in [S. 425]der 1. Aufl. d. "Wörterbuches" an, während er in der 2. Aufl. das Wort aus der Gaunersprache herleitet. Grimms "Deutsch. Wörterb." hält aber die Beziehung auf Iuvenal aufrecht).

Das Wort des Juvenal enthält eine Anspielung anf das griechische Sprichwort "δὶς κράμβη θάνατος", "zweimal hintereinander Kohl ist der Tod" (vrgl. Basilius Magnus, † 379, vol. 3, epist. 186 u. 187, ed. Hemsterhuys, und Suidas unter "κράμβη"). Jedoch in Deutschland drang diese Anschauung nicht durch. So singt z. B. Wilhelm Busch in "Max und Moritz" von dem Kohl der Witwe Bolte:

"Wofür sie besonders schwärmt,

Wenn er wieder aufgewärmt".—

Juvenal 7, 202 liefert uns:

"Corvus albus",

Ein weisser Rabe,

als Bezeichnung für einen Ausnahmemenschen.—8, 83-84 heisst es:

"Summum crede nefas, animam praeferre pudori

Et propter vitam vivendi perdere causas".

"Als grösste Sünde gelt' es dir,

Der Ehre vorzuzieh'n das Leben

Und um das liebe Leben hier

Des Daseins Ziele aufzugeben!"

Hieraus wird citiert, es sei verwerflich:

propter vitam vivendi perdere causas,

und daraus dann die Warnung gemacht:

Non propter vitam vivendi perdere causas!—

10, 81 bietet als das Verlangen des römischen Volkes:

Panem et circenses;

Brot und Circusspiele;

10, 356:

Mens sana in corpore sano;

Gesunde Seele in gesundem Körper;

[S. 426]

14, 47:

Maxima debetur puero reverentia.

Die höchste Scheu sind wir dem (zu erziehenden) Knaben schuldig.—

Tacitus (52-117 n. Chr.) nimmt sich in den unter Trajan geschriebenen "Annalen" I, 1 vor,

sine ira et studio

Keinem zu Lieb' und keinem zu Leid

(eigentlich: "ohne Zorn und ohne Vorliebe", d. h. "ohne Parteilichkeit", "vorurteilsfrei") zu schreiben, wobei ihm der Sallustische Satz (51, 13) vorschweben mochte: "in maxuma fortuna minuma licentia est; neque studere, neque odisse, sed minume irasci decet" ("In der höchsten Glückslage liegt die geringste Freiheit; man soll da weder Vorliebe, noch Hass zeigen, am allerwenigsten aber Zorn").—

"Annalen" 1, 7 steht:

ruere in servitium,

sie stürzen sich in die Knechtschaft.—

Durch seine Abwesenheit glänzen

ist ein Taciteïscher Edelstein in Chénierscher Fassung. Tacitus erzählt ("Annalen", B. 3, letztes Kap.), dass, als unter der Regierung des Tiberius Iunia, die Frau des Cassius und Schwester des Brutus, starb, sie mit allen Ehren bestattet ward; nach römischer Sitte wurden dem Leichenzuge die Bilder der Vorfahren vorangetragen;

"aber Cassius und Brutus leuchteten gerade dadurch hervor, dass man ihre Bildnisse nicht sah";

"sed praefulgebant Cassius atque Brutus, eo ipso, quod effigies eorum non visebantur".

Daraus machte J. Chénier in der Tragödie "Tibère", 1, 1:

[S. 427]

Cnéius:Devant l'urne funèbre on portait ses aïeux:

Entre tous les héros qui, présents à nos yeux,

Provoquaient la douleur et la reconnaissance,

Brutus et Cassius brillaient par leur absence.

(Dem Aschenkruge voraus trug man die Bildnisse ihrer Vorfahren. Unter allen den Helden, die unsern Schmerz und unsere Dankbarkeit weckten, glänzten Brutus und Cassius durch ihre Abwesenheit.)—

Der jüngere Plinius (62-113 n. Chr.) teilt uns in Ep. VII, 9 mit: Aiunt multum legendum esse, non multa.

multum, non multa,

Vieles, nicht vielerlei,

hat hierin seinen Ursprung, ebenso wie

non multa, sed multum.

Plinius meint wahrscheinlich die Stelle im Quintilian X, 1, 59: "multa magis quam multorum lectione formanda mens" ("der Geist ist mehr durch viele als durch vielerlei Lektüre zu bilden"), vrgl. auch "schrecklich viel gelesen haben".—

Ep. VIII, 9 bietet "illud iners quidem, iucundum tamen nil agere" ("das zwar unerspriessliche, aber angenehme Nichtsthun"), was wir in italienischer Form also citieren:

il dolce far niente.

Das süsse Nichtsthun.

Übrigens sagte bereits Cicero ("de oratore" II, 24): "Nihil agere . . delectat", "Nichts thun ist angenehm": und wer weiss, wie Viele schon vor ihm diese Bemerkung machten?—

Tres faciunt collegium,

Drei machen ein Kollegium aus,

ist ein "Digesten" 87, "de verborum significatione" 50, 16 [S. 428]in der Form: "Neratius Priscus tres facere existimat collegium—" (Neratius Priscus meint, dass drei ein Kollegium ausmachen) vorkommender Rechtsspruch, welcher die Bedeutung hat, dass wenigstens drei Personen da sein müssen, um die Grundlage einer Art der juristischen Person, einen Verein zu bilden. (Priscus lebte um 100 n. Chr.) Im gewöhnlichen Leben besagt der Spruch, dass wenigstens drei Studenten im Auditorium sein müssen, wenn der Professor lesen soll, oder dass ein Trinkgelage zu Dreien bereits behaglich ist.—

Ultra posse nemo obligatur

Über sein Können hinaus ist Niemand verpflichtet

ist die Umformung des Rechtssatzes vom jüngeren Celsus (um 100 n. Chr.): Impossibilium nulla obligatio est (s. "Digesten" Lib. 50, Tit, 17, L. 185).—

Klassischer Schriftsteller

stammt aus dem Satz des A. Gellius (XIX, 8, 15 Hertz; bl. um 125-175 n. Chr.): "classicus adsiduusque scriptor, non proletarius". Nach sonstigem Sprachgebrauche würde dies geheissen haben: "ein zur ersten Vermögensklasse gehörender und zur höchsten Steuer verpflichteter Schriftsteller, kein Proletarier", hier aber steht es zum ersten Male in der übertragenen Bedeutung: "ein vornehmer Autor ersten Ranges, kein untergeordneter" d. h. "ein mustergültiger Schriftsteller" (vergl. Verrius Flaccus: "Klassischer Zeuge").—

Aus dem Satze des Tertullian (um 145-220 n. Chr.) "Über das Fleisch Christi" 5: "Und gestorben ist Gottes Sohn; es ist ganz glaubwürdig, weil es ungereimt ist. Und begraben, ist er auferstanden; es ist gewiss, weil es unmöglich ist", hat sich entwickelt:

[S. 429]

Credo, quia absurdum.

Ich glaube es, weil es widersinnig ist.

Diese Worte stehen nicht bei Augustinus, wie oft behauptet wird.—

Ulpian (um 170-228) schuf den Rechtssatz (Lib. 56 ad. Edict.—Digest. XLVII, X, 1, § 5):

"Ein unseren Kindern zugefügtes Unrecht berührt unsere eigene Ehre so sehr, dass einem Vater die Klage wegen erlittenen Unrechts auf seinen Namen zusteht, wenn ihm einer den Sohn, selbst mit dessen Einwilligung, verkaufte; dem Sohn aber steht sie nicht zu, weil das kein Unrecht ist, was einem geschieht, der es so haben will" ("quia nulla est iniuria quae in voleutem fiat").

Aus den Schlussworten entwickelte sich das übliche

Volenti non fit iniuria

(Dem, der es so haben will, geschieht kein Unrecht).—

In des Terentianus Maurus (nach Lachmann Ende des 3. Jahrh. n. Chr.) "Carmen heroicum", einem Teile seines Gedichtes "De literis, syllabis et metris", lautet Vers 258:

(Pro captu lectoris) habent sua fata libelli.

(Ganz wie der Leser sie fasst,) so haben die Büchlein ihr Schicksal.—

Roma locuta (est), causa finita (est)

Rom hat gesprochen, die Sache ist zu Ende

ist zurückzuführen auf Augustinus (354-430 n. Chr.), Sermo 131, No. 10: "Iam enim de hac causa (Pelagiana) duo concilia missa sunt ad sedem apostolicam. Inde etiam rescripta venerunt: causa finita est; utinam aliquando finiatur error". ("Denn es sind schon in Sachen des Pelagius zwei Concilien zum päpstlichen Stuhle entsandt worden. Auch kamen von da die Rescripte: die Sache ist zu Ende. Wenn doch einmal der Irrtum ein Ende nähme!") Nämlich die Synoden zu [S. 430]Karthago und Mileve (416) untersuchten den Gnadenbegriff des Pelagius. Infolgedessen wurden Pelagius und Caelestius bis zum Widerruf exkomniuniciert. Innocenz I. bestätigte den Synodalbeschluss, welchen Augustinus mit den angeführten Worten seiner Gemeinde mitteilte. Wer aber hat zuerst die dem "Causa finita est" voranstehenden Worte in: "Roma locuta est" zusammengezogen? (Die Rescripte des Papstes vom Jahre 417 stehen bei Augustinus Epist. 181 und 182).—

Si vis pacem, para bellum,

Wenn du Frieden haben willst, sei kriegsbereit,

ist wohl den Worten des Vegetius (Ende 4. Jahrh. n. Chr.) entlehnt: "Qui desiderat pacem, praeparet bellum" ("Epitome institutorum rei militar." 3. prolog.)—

O si tacuisses, philosophus mansisses

Wenn du geschwiegen hättest, wärst du ein Philosoph geblieben

erklärt sich aus des Boëtius (um 473-525 n. Chr.) "Tröstung der Philosophie" 2, 17:

"Als jemand einen Mann, der den falschen Namen eines Philosophen nicht zum Vorteil wahrer Tugend, sondern aus hochmütiger Eitelkeit führte, mit Schmähung angegriffen und hinzugefügt hatte, dass er bald erfahren würde, wenn jener nämlich die zugefügten Beleidigungen sanft und geduldig trüge, ob derselbe ein Philosoph sei, so trug letzterer einige Zeit lang Geduld zur Schau, und gleichsam höhnend über die erlittene Schmähung fragte er: "Merkst Du nun endlich, dass ich ein Philosoph bin?" Darauf sagte der erste recht beissend: "Intellexeram, si tacuisses" ("Ich hätt's gemerkt, wenn Du geschwiegen hättest")". Mit anderen Worten: "Du wärst ein Philosoph geblieben, wenn Du geschwiegen hättest". Ist die Bibel die erste Quelle dieses Wortes? In Hiob 13, 5 heisst es: "Wollte Gott, ihr schwieget: [S. 431]so würdet ihr weise"; in Sprüche Salomonis 17, 28: "Ein Narr, wenn er schwiege, würde auch weise gerechnet und verständig, wenn er das Maul hielte". Vielleicht spielt der heilige Bernhard († 1153) darauf an, wenn er in der "Praefatio in librum de diligendo Deo" sagt: "Accipite de mea paupertate quod habeo, ne tacendo philosophus puter" (Nehmt von meiner Armut an, was ich habe, damit ich nicht wegen meines Schweigens für einen Philosophen gelte).—

In flagranti (crimine comprehensi)

Auf frischer That ertappt

stammt aus dem von Tribonian († 545) und neun anderen Juristen 529 n. Chr. edierten "Codex Justinianeus", einem Teile des "Corpus iuris" (1. 13. C. 9, 1). Dort steht: "in ipsa rapina et adhuc flagrante crimine comprehensi."—

Ebendaher stammt (1. 27. C. 3, 28) das "levis notae macula adspergi", "mit einem kleinen Schandflecken bespritzt werden", daher wir kurz sagen

levis nota

ein leichter Verweis.

(vrgl. "Handlexikon zu den Quellen des römischen Rechts" von H. G. Heumann. 6. Aufl. 1884.)—

Ut, re, mi, fa, sol, la, si,

die italienische Benennung der Töne durch Guido von Arezzo (11. Jahrh.), bildete man aus den Anfangssilben der ersten Strophe der sapphischen Ode von Paulus Diaconus († 797) an den heiligen Johannes:

Ut queant laxis resonare fibris

Mira gestorum famuli tuorum

Solve polluti labii reatum

Sancte Johannes!

Dass mit leichtem Herzen die Jüngerscharen

Deine Wunderthaten besingen können,

Nimm hinweg die Schuld von den Sünderlippen,

Heil'ger Johannes!

[S. 432]

(Des Wohlklangs wegen setzten dann die Italiener für "ut" "do", während die Franzosen bei "ut" blieben).—

Secunda Petri

oder:

Altera pars Petri

wird für "Urteilsvermögen" gebraucht nach dem 2. Buche "de iudicio" ("Über das Urteil") der "Sententiarum" des Petrus Lombardus († 1164).—

Das kanonische Recht enthält im 6. Buch der "Decretalen" (B. 5, Tit. 12, Reg. 43) den Grundsatz von Bonifacius VIII. († 1303):

Qui tacet, consentire videtur.

Wer schweigt, von dem wird angenommen, dass er zustimmt.

Es erinnert an des Sophokles Worte ("Trach." 814): "οὐ κάτοισθ' ὅθ' οὕνεκα ξυνηγορεῖς σιγῶσα τῷ κατηγόρῳ;"; "begreifst du nicht, dass du durch dein Schweigen dem Ankläger beipflichtest?" (vrgl. auch Euripides "Orest." 1592 "Iphig. Aul." 1142 und Terenz "Eunuch" 3, 2). Bonifacius verbessert übrigens den zu weit greifenden Satz durch den folgenden aus des Paulus lib. 56 ad Edictum (v. l. 142. D. 50, 17; l. 11 § 4. 7 D. 11, 1; l. 13 § 11 D. 19, 2) geschöpften: "Is qui tacet non fatetur, sed nec utique negare videtur" ("Wer schweigt, pflichtet nicht etwa bei, sondern scheint nur nicht schlechtweg Nein zu sagen"), vrgl. Windscheid "Pandekten" 1, § 72 u. 10.—

Aus der 1277 verfassten "Alexandrëis"[67] des Philippe Gualtier de Châtillon (5, 301) stammt:

[S. 433]

Incidis in Scyllam, cupiens vitare Charybdin,

Während du wünschst, die Charybdis zu meiden, verfällst du der Scylla.

[67] Der Titel der ersten Ausgabe lautet: "Alexandri Magni Regis Macedonum vita per Gualtherum Episcopum Insulanum heroico carmine elegantissime scripta. 1513"; und im 5. Buch lesen wir dort:

"Incidis in scillam cupiens vitare caribdim".

Dieser Vers ist einem griechischen Sprichworte bei Apostolius 16, 49 (Paroemiogr. Graeci ed. Leutsch II, 672) nachgebildet, das sich aus Homers "Odyssee" (XII, 85-110) entwickelte, wo die Gefahren der beiden Meeresstrudel Scylla und Charybdis zuerst geschildert werden. Auch setzt man für "Incidis" "Incidit" und dann für "cupiens" "qui vult". Homerischer als Gualtier sagen wir:

Aus der Scylla in die Charybdis gerathen;

denn Homer schildert die Scylla zuerst.—

Im Gedichte W. Langlands (Mitte des 14. Jahrh.) "Piers Ploughman's Vision" V. 12, 908 heisst es:

Clarior est solito post maxima nebula (sic!) Phoebus.

Glänzender scheinet, als sonst, nach mächtigen Wolken die Sonne.

Das Citat ist in dieser unrichtigen Form durch Jahrhunderte bis in Binders "Novus Thesaurus Adagiorum Latinorum" (2. Ausg., Stuttgart 1866) gewandert; berichtigt, enthält es das bekannte, schon in Sebast. Francks "Sprichwörter" (1541, II, 104a) aufgenommene:

Post nubila Phoebus.

(Nach Wolken die Sonne).

Vielleicht beruht das Wort auf Tobias 3, 23: ". . . nach dem Ungewitter lässest du die Sonne wieder scheinen".—

In dulci iubilo . . .

In süssem Jubel . . .

beginnt ein Weihnachtslied, das aus einer des Mystikers Suso Leben enthaltenden Handschrift des 14. Jahrh. [S. 434]stammt und somit nicht, wie oft behauptet wurde, von dem 1440 gest. Petrus Dresdensis herrührt (s. Hoffmann v. Fallersleben: "In dulci jubilo" S. 8. Hannover 1854). Das Wort findet sich später in Studentenliedern und hat dort den Sinn von in "Saus und Braus".—

De omni re scibili et quibusdam aliis

Über alles Wissbare und einiges Andere

wird auf Giovanni Pico, Graf. v. Mirandola († 1494) zurückgeführt, der in Rom (1486) 900 Thesen bekannt machte, die er sich öffentlich zu verteidigen erbot. In der elften rühmt er sich, vermittelst der Zahlen zur Entdeckung und zum Verständnis von Allem zu gelangen, was man erfahren könne (ad omnis scibilis investigationem et intellectionem). Citiert wird auch:

De omnibus rebus et quibusdam aliis.—

Fortiter in re, suaviter in modo

Stark in der That, milde in der Art

ist zurückzuführen auf den vierten Jesuitengeneral Aquaviva (1543-1615), der in "Industriae ad curandos animae morbos" (Venedig 1606) sagt: "Dass die Art der Regierung stark und mild sein muss, lehrt nicht allein die sich gleich bleibende Autorität der heiligen Väter, sondern das lehren auch in reichem Masse unsere Satzungen", und nach weitläufiger Erörterung dieses Grundsatzes schliesst: "Fortes in fine assequendo et suaves in modo assequendi simus" (Lasst uns stark sein in der Erreichung des Ziels und milde in der Art es zu erreichen). Wohl möglich, dass hierzu des Sophisten Himerius (4. Jahrh. n. Chr. "Or." 7, 15, Firmin Didot) "πρᾷος τοὺς λόγους, ὀξὺς τὰ πράγματα", "mild im Reden, schneidig im Handeln" die Anregung gab; während der [S. 435]Wortlaut aus der "Weisheit Salomonis" zu stammen scheint, wo von der Weisheit geschrieben steht (8, 1): "Sie reichet von einem Ende zum andern gewaltiglich und regieret alles wohl"; nach der Vulgata: "attingit ergo a fine usque ad finem fortiter et disponit omnia suaviter".—

Nach Berners Vermutung ("Lehrb. d. deutsch. Strafrechts" 1879. S. 120. Anm.) ist der römische Rechtsgelehrte Prosper Farinacius (1544-1618) der Urheber des Ausdrucks

Corpus delicti,

welchen Klein ("Grunds, d. gem. deutsch, peinl. Rechts" 1799. § 68) zuerst mit

Thatbestand

übersetzt habe. Bei Farinacius (1581. Quaest. I, n. 6) steht: "Primum Inquisitionis requisitum est probatio corporis delicti", "Das erste Erfordernis richterlicher Untersuchung ist die Prüfung des Thatbestandes", und weiterhin (Quaest. 2, n. 1-30) handelt er eingehend vom "Corpus delicti".—

Von dem Wittenberger Professor Friedrich Taubmann (1565-1613) ist:

Quando conveniunt Ancilla, Sibylla, Camilla,

Garrire incipiunt et ab hoc et ab hac et ab illa!

Ancilla, Sibylla, Camilla, wenn Die sich wiedersehn,

Gleich geht's mit Schnattern los über Die und dann Die und dann Den!

was sich in der Form:

Quando conveniunt Margretha, Catharina, Sybilla (sic!) etc.

wohl zuerst im "Kurtzweiligen Zeitvertreiber" von 1666, S. 56 findet. In der Form:

Quando conveniunt Catharina, Sibylla, Camilla,

Sermones faciunt vel ab hoc vel ab hac vel ab illa

[S. 436] steht es als Kanon in Göpels Kommersbuch, 2. Ausg., S. 357, No. 249. In Grotefends grösserer latein. Grammatik (II, 87. 4. Aufl. 1824) heisst es "Catharina, Rosina, Sibylla" u. sonst wie oben.—

Et in Arcadia ego

(Auch ich war in Arkadien)

setzte der Maler Bartolommeo Schidone (1559-1615) auf sein im Palast Sciarra-Colonna in Rom befindliches Gemälde unter einen am Boden liegenden Totenkopf, den zwei junge Hirten ergriffen betrachten. Bekannter wurde jedoch das Wort durch Nic. Poussin († 1663), der es auf dem Grabhügel eines Landschaftsgemäldes anbrachte, welches im Louvre hängt und in einer etwas veränderten, kleineren Wiederholung im Besitze des Herzogs von Devonshire ist. Auch ist es als Basrelief auf Poussins Grabmonument zu sehen, das Chateaubriand in San Lorenzo in Lucina zu Rom setzen liess. In den Jahren 1765-80 wurde dann das Bild oft durch den Stich verbreitet und von Oeser, Bach u. A. nachgeahmt. Die älteste deutsche Übersetzung des Wortes ist wohl die in J. G. Jacobis "Winterreise" (ersch. 1769, vrgl. seine "Sämtl. Werke", Halle 1770, II, S. 87): "Wenn ich auf schönen Fluren einen Leichenstein antreffe, mit der Überschrift: "Auch ich war in Arkadien"; so zeig' ich den Leichenstein meinen Freunden, wir bleiben stehen, drücken uns die Hand und gehen weiter".

So redet Joh. Benj. Michaelis in einem 1771 bei Gross in Halberstadt gedruckten Brief an "An Herrn Canonicus Gleim" (31. 7. 1771) von einem "unvermuteten Grabmal mit der Aufschrift: Auch ich war in Arkadien". In Wielands "Pervonte" (1778) heisst es:

"Und auch nicht eine dieser Schönen

Schien nach der Grabschrift sich zu sehnen:

Auch ich lebt' in Arkadia!"

und am Schlusse:

[S. 437]

"Und ruft mit Wehmut aus: "Du arme Vastola,

Auch du warst in Arkadia!"

(Delille übersetzte es in seinem 1782 erschienenen Lehrgedicht "Les Jardins", Str. 3, V. 139 mit: "Et moi aussi je fus pasteur dans l'Arcadie".) Das letzte Stück von Weissens Kinderfreund (24. T. 1782) schliesst mit dem Schäferspiel: "Das Denkmal in Arkadien"; und Herder schreibt 1785 ("Ideen" VII, 1, Werke, I. X. S. 41): "Auch ich war in Arkadien ist die Grabschrift aller Lebendigen in der sich immer verwandelnden, wiedergebärenden Schöpfung". Schiller beginnt seine "Resignation" (1786): "Auch ich war in Arkadien geboren" (s. Kap. III), und Herder wiederum schliesst 1787 sein Gedicht "Die Erinnerung" (nach dem Spanischen) mit dem entsetzlichen Reim:

"Lies die Inschrift glänzend schön:

Auch hier ist Arkadien!"

und 1789 sein "Angedenken an Neapel" fast noch ärger:

Doch ein Hauch wird lispelnd zu euch wehen;

Ich, auch ich war in Arkadien!

Garlieb Merkels "Erzählungen" (1800) haben das Motto: "Auch ich war in Arkadien", und Herzog Emil August von Sachsen-Gotha schrieb einen Roman: "Kyllenion, oder: Ein Jahr in Arkadien", Gotha 1815. Endlich wählte Goethe "Auch ich in Arkadien" zum Motto beider, 1816 und 1817 erschienenen Bände seiner "italienischen Reise", während E. T. A. Hoffmann in dem Motto zum 2. Abschnitt des 1. Bandes der "Lebensansichten des Kater Murr" (Berl. 1821-2) wieder zu dem üblichen "auch ich war in Arkadien" zurückkehrte.—

Vademecum

("Gehe mit mir") in der Bedeutung "Taschenbuch, Begleitbuch fürs Leben", ist der Titel des Buches von Johann Peter Lotichius: "Vade mecum sive epigrammatum novorum centuriae duae", Frankfurt a. M. 1625 (Vademecum oder zwei Hunderte neue Epigramme). Als der Horazübersetzer Pastor Lange über das kleine Format von Lessings "Schriften" spöttelte: er wolle wohl seine gesammelten Werke zu einem "Vademecum" machen, veröffentlichte dieser: "Ein Vademecum für den Herrn Sam. Gotth. Lange, Pastor in Laublingen, in diesem Taschenformate ausgefertiget von Gottfr. Ephr. Lessing" (Berl. 1754). Hiernach bekam "Vademecum" [S. 438]den spöttischen Sinn: "Denkzettel fürs Leben". Ohne Bezug auf Litterarisches findet sich das Wort vor Lotichius in Frankreich, da schon 1532 in des Rabelais "Gargantua und Pantagruel" (II, 28) Panurge ein Ledertäschchen sein "Vademecum" nennt.—

Pia desideria

Fromme Wünsche

ist der Titel einer Schrift des belgischen Jesuiten Hermann Hugo (Antwerpen 1627). Joh. Georg Alpinus übertrug sie unter dem Titel "Himmelflammende Seelenlust. Oder Hermann Hugons Pia Desideria, d. i. Gottselige Begierden u. s. w." (Frankfurt 1675). Der lateinische Titel wurde 1675 von Philipp Jakob Spener für jene in der Geschichte der Religion bedeutende Schrift gewählt, wodurch er, der Verinnerlichung des Glaubens das Wort redend, der starren Orthodoxie gegenübertrat. Von da rührt der Widerhall her, den das Wort bekam.—

In necessariis unitas, in dubiis libertas, in omnibus autem caritas,

In notwendigen Dingen Einheit, in zweifelhaften Freiheit, in allen aber liebendes Dulden,

kommt in der Form vor: "si nos servaremus in necessariis unitatem, in non necessariis libertatem, in utrisque charitatem, optimo certe loco essent res nostrae" in "Paraenesis votiva pro Pace Ecclesiae. Ad Theologos Augustanae Confessionis. Auctore Ruperto Meldenio Theologo". Diese Schrift ist in zwei Exemplaren in Kassel und Hamburg wiederaufgefunden worden und scheint (vrgl. Fr. Lücke: "Über das Alter u. s. w. des kirchlichen Friedensspruches, In necessariis etc." Gött. 1850. S. 46.) dem Inhalte nach zwischen 1622 und 1625 erschienen zu sein, der Titelvignette nach ist sie in Frankfurt a. M. [S. 439]gedruckt. Über Rupertus Meldenius ist sonst nichts bekannt. Schon 1628 wird der Spruch, der vor Meldenius nicht nachzuweisen ist, in einer in Frankfurt a. O. gedruckten Schrift eines Gregor Frank in der Form angeführt: "servemus in necessariis unitatem, in non necessariis libertatem, in utrisque charitatem".—

Thomas Hobbes (1588-1679) sagt ("De Cive" Par. 1646; 1, 8): "Quoniam autem jus ad finem frustra habet, cui jus ad media necessaria denegatur, consequens est, cum unusquisque se conservandi jus habeat, ut unusquisque jus etiam habeat utendi omnibus mediis, et agendi omnem actionem, sine qua conservare se non potest"—"Weil dem, welchem man das Recht versagt, die nötigen Mittel anzuwenden, das Recht, zum Zweck zu streben, nichts hilft, so folgt daraus, dass, da Jeder das Selbsterhaltungsrecht hat, auch jeder berechtigt ist, alle Mittel anzuwenden und jede That, ohne die er sich selbst nicht erhalten kann, zu vollziehen". Hieraus scheint der Satz

Der Zweck heiligt die Mittel

entnommen zu sein, der gemeinhin fälschlich als Quintessenz der Jesuitenmoral gilt. Der Jesuitenpater Hermann Busenbaum schreibt allerdings in seiner "Medulla theologiae moralis" ("Kern der Moraltheologie" 1650. Lib. IV, Cap. III, Dub. VII, Art. II § 3): "cum finis est licitus etiam media sunt licita"—"da der Zweck erlaubt ist, sind auch die Mittel erlaubt" und (Lib. VI, Tract. VI, Cap. II, Dub. II, Art. I § 8): "cui licitus est finis, etiam licent media"—"Wem der Zweck erlaubt ist, dem sind auch die Mittel erlaubt". An der [S. 440]ersten Stelle schliesst er aber ausdrücklich verwerfliche Mittel aus und an der zweiten wird auch nur Zulässiges zur Erreichung des Zwecks empfohlen. Man riss seine Worte aus dem Zusammenhange und deutete sie so, als habe Busenbaum gemeint, man dürfe sich zur Erreichung eines guten Zwecks schlechter Mittel bedienen, weil diese dadurch geheiligt würden. Pascal scheint das zuerst in die Welt gesetzt zu haben, da er (1656. "Les provinciales, ou lettres . . .", 7. lettre) einen Jesuiten sagen lässt: "nous corrigeons le vice du moyen par la pureté de la fin"—"wir verbessern die Lasterhaftigkeit des Mittels durch die Reinheit des Zwecks".—

Einschneidender war aber Pascal, als er im 9. seiner "Lettres provinciales" die jesuitische "doctrine des restrictions mentales" an den Pranger stellte. Diese "restrictio mentalis", oder, wie wir heut sagen:

reservatio mentalis,

"der Gedankenvorbehalt des Eidleistenden" findet sich zuerst bei dem Jesuiten Hermann Busenbaum (1600-68) in der "Medulla theologiae moralis" (III, 2), nachdem schon der Jesuit Sanchez ("Opus morale", Colon. 1614; III, 6, § 15) gesagt hatte: "si quis . . . iuret se non fecisse aliquid, quod re vera fecit, vel aliam diem ab ea, in qua facit, vel quodvis aliud additum verum, re vera non mentitur, nec est periurus . . ." ("Schwört einer, er habe etwas nicht gethan, was er doch gethan hat, indem er einen anderen Tag, als den der That, oder irgend etwas anderes wahrheitsgemässes hinzufügt, so ist er thatsächlich kein Lügner oder Meineidiger").—

[S. 441]

Benedictus de Spinoza (1632-77) sagt im "Tractatus politicus" cap. 1, § 4 (1677): "Sedulo curavi,

humanas actiones non ridere, non lugere,

neque detestari, sed intelligere."

"Ich habe mich eifrig bemüht, des Menschen Thun weder zu belachen, noch zu beweinen, noch es zu verabscheuen, sondern es zu begreifen". Und so citieren wir auch, wenn wir von einem Philosophen sagen, er betrachte die Dinge

sub specie aeternitatis,

(unter dem Gesichtspunkt der Ewigkeit),

den Spinoza, der in seiner "Ethik" (1677) den Satz aufstellt (5, 29-31), der Geist sei ewig, "quatenus res sub aeternitatis specie concipit" ("insofern er die Dinge unter der Form der Ewigkeit begreife").—

Im "Corpus Iuris Hungarici" (Tyrnaviae 1751, tom. II p. 424) findet sich im Decretum II (Mariae II, Ungariae regis quadragesimi octavi) ann. 1751, Artic. 37 die Wendung: ". . . miseram . . . contribuentem plebem gravantes exactiones . . ." (die das arme zahlende Volk bedrückenden Steuern). Diese Worte gelten als Quelle des üblichen:

misera contribuens plebs,

das arme steuerzahlende Volk.

Da jedoch ein daktylischer Versschluss hierin erklingt, so könnte auch eine noch unentdeckte ältere Dichterstelle zu Grunde liegen.—


[S. 442]

XII.
Geflügelte Worte aus der Geschichte.

Hellas.

Die Schiffe hinter sich verbrennen

pflegt man zu sagen, um damit auszudrücken: sich die Möglichkeit des Zurückweichens abschneiden. Plutarch "Über die Tugenden der Frauen" erzählt unter "Trojanerinnen" (vrgl. Polyaenus: "Strat." 8, 25, 2), wie nach Trojas Fall (12. Jahrh. v. Chr.) Flüchtlinge zu Schiff in die Tibergegend verschlagen und dort dadurch sesshaft wurden, dass ihre klugen Weiber die Schiffe verbrannten (κατέφλεξαν τὰ πλοῖα).

Schon Dionys von Halikarnass 1, 52 erwähnt diese That und Vergil ("Aen." 5, 605 u. 659 ff. u. 793-5) verlegt deren Schauplatz nach Sicilien und lässt die von Juno angestiftete Iris den ersten Brand schleudern und die Trojanerinnen zur Nachahmung aufreizen. Dass Ferdinand Cortez am 26. Juli 1519 in Mexiko bei Entdeckung einer Verschwörung die Schiffe zerstören liess, um jede Verbindung nach aussen abzuschneiden, ist erfunden. (Duro: "Las Joyas de Isabel la Católica, las Naves de Cortès y el Salto de Alvacado". Madrid 1882).—

Nemo ante mortem beatus

(Niemand ist vor seinem Ende glücklich zu preisen)

ist die lateinische Abkürzung der Worte Solons († 559 V. Chr.):[S. 443] "πρὶν δ' ἂν τελευτήσῃ, ἐπισχεῖν, μηδὲ καλέειν κω ὄλβιον, ἀλλ' εὐτυχέα". (Herodot I, 32; Arrian, 7, 16, 7; s. auch Sophokles, Oedip. tyr. 1497-1500, Trach. 1-3 u. Ovid, Met. 3, 136-7 und Jesus Sirach 11, 29), die er zu dem lydischen Könige

Krösus

sprach, dessen Name uns nach Herodot I, 50 ff. und Ovid Trist. 3, 7, 42 zur Bezeichnung eines schwer Reichen dient.—

Aristoteles überliefert ("De partib. animal." I, 5), dass Heraklit (um 500 v. Chr.), als er sich in einem Backofen wärmte, seine Besucher getrost eintreten hiess (ἐκέλευσε αὐτοὺς εἰσιέναι θαῤῥοῦντας), denn auch hier seien Götter (εἶναι γὰρ ἐνταῦθα θεούς). Dies citieren wir in der lateinischen Form:

Introite, nam et hic Dii sunt!

Tretet ein, denn auch hier sind Götter!

die man in der Vorrede zu Aulus Gellius unverbürgt las, bis Salmasius dafür den heraklitischen Spruch "Vielwisserei belehrt den Geist nicht" richtig setzte, und die uns als Motto von Lessings "Nathan" geläufig wurde.—

Plutarch ("Themistokles" 3, "Aussprüche von Königen und Feldherren", "Politische Aussprüche" 4, "Über den Forschritt in der Tugend", "Vom Nutzen, den man aus seinen Feinden schöpfen kann"), Cicero ("Tusculanae" 4, 19) und Valerius Maximus (8, 14, externa 1) überliefern die Worte des Themistokles (527-460):

Der Sieg des Miltiades (bei Marathon) lässt mich nicht schlafen.—

Xanthippe,

die Frau des Sokrates (um 469-399), ist die Bezeichnung einer ihren Ehemann durch Gezänk plagenden [S. 444]Frau und überhaupt eines zänkischen Weibes geworden. Das Volk macht daraus mit Betonung der ersten Silbe:

Zanktippe.

Diese Xanthippe hat nach Cicero ("Tusc." 3, 15, 31; vergl. "de off." 1, 26, 90) am Sokrates gerühmt, sein Gesichtsausdruck (vultus) sei beim Ausgehen und beim Wiederkommen

Semper idem,

Immer derselbige,

gewesen, und der Erzähler fügt hinzu: "Jure erat semper idem vultus, cum mentis, a qua is fingitur, nulla fieret mutatio" ("Mit Recht war der Ausdruck immer derselbe, weil der Geist, durch den er entsteht, unverändert blieb"). Uns wurde das aus dem Satzgefüge gelöste "semper idem" zum Wahlspruch der Beständigkeit.—

Θάλαττα, θάλαττα!

Die See! die See!

war nach Xenophons "Anabasis" 4, 7, 17 der Freudenruf der nach der Schlacht von Kunaxa (401 v. Chr.) übriggebliebenen zehntausend griechischen Söldner des jüngeren Cyrus, als sie unter Xenophons Führung heimziehend, das Meer wiedererblickten. Dies "Thalatta! Thalatta!" machte erst Heine durch sein Gedicht "Meergruss" (1826-6. "Nordsee" 2. Cyklus No. 1) weiteren Kreisen zum geläufigen Wort.—

Dionys der Ältere (Tyrann von Syrakus 405-367) kurierte den Schmeichler Damokles, der ihn wegen seines Wohllebens für den glücklichsten Sterblichen erklärt hatte, dadurch von seinem Wahn, dass er ihn die Freuden der Königstafel kosten, aber über seinen Sitz ein blinkendes Schwert an einem Pferdehaar von der [S. 445]Decke herab hängen liess und ihm also bald klar machte, wie wenig glücklich der sei, über dessen Haupt der Schrecken schwebe (vergl. Cicero "Tusc." 5, 21 u. Gellert "Fabeln" B. 1). Danach wurde uns das

Damoklesschwert

ein Sinnbild mitten im Genuss drohender Gefahr.—

Der Cyniker Diogenes (412-323), erzählt Diogenes Laërtius (VI, 2 n. 6, 41), zündete sich am Tage eine Laterne an, ging umher und sagte: "Ich suche einen Menschen". Obschon Phaedrus (B. 3, 19) das Wort dem Aesop beilegt, so ist der

Diogeneslaterne

doch ihr Recht verblieben.

Auch das choragische Monument des Lysikrates zu Athen pflegt so bezeichnet zu werden. Eine Nachbildung dieses Monuments stellte der Architekt Fontaine in den ersten Jahren des 1. Empire auf einen südlich vom Schlosse St. Cloud bis Mitte Jan. 1871 befindlichen Turm, der damals vom Mont Valérien aus zerstört wurde. Jeder Pariser kannte sie unter dem Namen "Diogeneslaterne".—

Dem Demosthenes (385-322 v. Chr.) wirft sein Feind Aeschines ("geg. Ktesiph." 52) eine Anzahl neugebildeter Wörter und Redensarten vor, worunter auch (für "Geld")

τὰ νεῦρα τῶν πραγμάτων,

nervus rerum,

Thatennerv.

Wenn also der Philosoph Bion (bl. um 270 v. Chr.) sagte, "τὸν πλοῦτον νεῦρα πραγμάτων", "Reichtum sei der Thatennerv" (s. Diog. Laërt. IV, 7 n. 3, 48), so ist er ebensowenig der Urheber des Wortes, wie es Krantor, der Schüler Platos, war, der (nach Sext. Empiricus "adv. Ethic." S. 557. Imm. Bekker) den "Reichtum" sagen lässt: "ἐν μὲν εἰρήνῃ παρέχω τὰ τερπνά, ἐν δὲ πολέμοις νεῦρα τῶν πράξεων γίνομαι", [S. 446]"im Frieden verschaffe ich Freuden, im Kriege werde ich zum Thatennerv". Doch wandte Krantor das Wort zuerst auf den Krieg an. Auch Cicero nannte ("Philipp." 5, 2) "nervos belli pecuniam", "Geld die Nerven des Krieges", und ("De imp. Cn. Pomp." 7, 17) "vectigalia nervos rei publicae", "Steuern die Nerven des Staates" und Vespasians Feldherr Mucianus (s. Tacitus "Hist." 2, 84) sagte oft, dass Gelder "belli civilis nervos", "die Nerven des Bürgerkrieges" seien. Plutarch ("Agis et Cleom.", 27) meint, dass der Mann wohl eine tiefe Einsicht ins Kriegswesen gehabt habe, der da zuerst sprach: "τὰ χρήματα νεῦρα πραγμάτων", "Geld ist der Thatennerv". Auch fand der Gedanke dauernden Anklang. Wir begegnen ihm wieder bei den Scholiasten zu Pindars "Olymp." 1, 4, bei Libanius, 4. Jahrh. n. Chr. (Orat. 46, Vol. II, p. 477 ed. Reiske. Altenb. u. Lpzg. 1791-7), bei Photius, um 250 n. Chr. ("Lexik." unter Μεγάνορος πλοῦτον), bei Suidas, um 1000 n. Chr. (II, 1, 173 n. 970) u. s. w.

Dann sagte der deutsche Kaiser Heinrich V. (1106-25) zum polnischen Gesandten, stolz auf das Gold und Silber seines Schatzes deutend: "Dieser

nervus rerum agendarum

soll euch (Polen) schon zu Paaren treiben" (vrgl. Arth. Kleinschmidt "Zur Gesch. des Adels, bes. in Deutschl." in "Uns. Zeit" 1874. I, 147), und der Marschall Trivulzio sprach zu Ludwig XII. (1498-1515):

Zum Kriegführen sind dreierlei Dinge nötig, Geld, Geld, Geld!

(vrgl. "Kurtzweil. Zeitvertreib." o. O. 1668. S. 49-50).

Macchiavelli hingegen bestreitet, dass Geld der Nerv des Krieges sei ("Discorsi" 1518 u. 1522, Überschr. d. 10. Kap. vom 2. B.) und führt das Wort auf Quintus Curtius zurück, der es auf den Krieg zwischen Antipater und Sparta bezogen habe, wovon sich jedoch in dem uns von Curtius noch Vorliegenden nichts findet. Ohne Angabe der Quelle citieren das Wort ferner Agricola (No. 281 s. Sprichw. 1529: "Nervi bellorram pecuniae") und Rabelais ("Garg. u. Pant." 1, 46. Ao. 1533: "Les nerfs des batailles [S. 447]sont les pécunes"), während Champollion (1576 "De repbl.") wiederum meint, "Geld sei der Staatsnerv" ("rei publicae nervos in pecunia consistere") u. s. w.—

Der Richtereid in Athen enthielt die Stelle (s. Demosthenes "in Timocr." 149-151 u. "de corona" z. A.): "ἀκροάσομαι τοῦ τε κατηγόρου καὶ τοῦ ἀπολογουμένου ὁμοίως ἀμφοῖν", "ich will anhören den Kläger und den Verklagten, Beide gleicherweise". Auch findet sich dieser Gedanke oft bei den Alten (s. Leutsch u. Schneidewin "Paroemiogr. graec." II, 759) in der Form:

"μήτε δίκην δικάσῃς, πρὶν ἀμφοῖν μῦθον ἀκούσῃς"

"Richte nicht, ehe du nicht in Verhör nahmst beide Parteien!"

Im Euripides (Heraclid, 179-180) heisst es:

τίς ἂν δίκην κρίνειεν, ἢ γνοίη λόγον,

πρὶν ἂν παρ' ἀμφοῖν μῦθον ἐκμάθῃ σαφῶς;

Wer mag zur Einsicht kommen, wer erkennt zu Recht,

Bevor er Beider Rede nicht genau erforscht?

Seneca ("Medea" 2, 2, 199-200) schöpfte hieraus wohl sein:

"Qui statuit aliquid, parte inaudita altera,

Aequum licet statuerit, haud aequus fuit".

"Wer etwas beschliesst, ohne die andere Partei gehört zu haben, handelt nicht billig, selbst wenn er Billiges beschlossen hat".

Dies scheint die Quelle des Wortes

Audiatur et altera pars

zu sein, was Pauli (1522, "Schimpf und Ernst" No. 259) mit dem Zusatz bringt: "Es steht nit umbsunst auf allen richthüssern" und mit der Übersetzung: "Man soll den andern Teil auch verhören".

In dem grossen Rathaussaale zu Nürnberg steht die Inschrift: "Eins manns red ist eine halbe red, Man soll die teyl verhören bed" (s. Agricola, 1529, "Sprichw." 43, 69), in der Vorhalle des Römers zu Frankfurt a. M. liest [S. 448]man: "Eyns mans redde ein halbe redde, Man sal sie billich verhören bede" und ebenfalls im Römer trägt Kaiser Lothars († 1137) Bild den Wahlspruch: "audi alteram partem" ("höre die andere Partei"), da er (nach dem "Kurtzweiligen Zeitvertreiber" 1666, S. 87) zu sagen pflegte: "Mit Urteil sprechen gar nicht eile, Bis du gehört hast beide Teile", vrgl. ferner die Stellen bei Graf und Diethen: "Rechtssprüchwörter" S. 433, No. 266-273 u. S. 435 besonders Note 9.—

Als der vertriebene Dionys der Jüngere (Tyrann von Syrakus 367-43) in Korinth Schullehrer war, erzählte er dem Philosophen Aristoxenus (s. das Bruchstück aus dessen "Leben des Pythagoras" in den gleichnamigen Werken des Porphyrius § 59-61 und des Jamblichus c. 33) sein Erlebnis mit den beiden befreundeten Pythagoreern Phintias und Damon. Phintias, von ihm zum Tode verurteilt, habe sich eine Frist erbeten, um seine und des Freundes Vermögensangelegenheiten zu ordnen, da sie in Gütergemeinschaft lebten, und ihm, dem Älteren, das zieme. Damon sei als Bürge zurückgeblieben. Niemand aber habe an des Phintias Wiederkehr geglaubt, und als er dennoch pünktlich erschien, um das Urteil an sich vollstrecken zu lassen, da habe er, Dionys, die beiden Getreuen umarmt und geküsst und sie gebeten, ihn für würdig zu halten, ihn in ihren Freundschaftsbund als Dritten aufzunehmen ("ἀξιῶσαι τρίτον αὑτὸν εἰς τὴν φιλίαν παραδέξασθαι"). Schiller behandelte diesen auch von Cicero ("Tusc." 5, 22; "de off." 3, 10; "de fin." 2, 24, 79), Diodor (B. 2, T. 2, S. 85. Dindorf), Hygin (Fab. 257), Valerius Maximus (4, 7, ext. 1), Polyaenus ("Strateg." 5, 22) und Lactantius ("Üb. d. Gerechtigk." 17) überlieferten Stoff in der Ballade "Die Bürgschaft" (s. Kap. III), und in seiner Fassung citieren wir den Wunsch des besänftigten Tyrannen:

[S. 449]

Ich sei, gewährt mir die Bitte,

In eurem Bunde der Dritte.

Der Bericht des Aristoxenus schliesst damit, dass die Freunde dem Dionys diese Bitte rund abschlagen. Schiller aber schöpfte aus Hygin, der dies übergeht, den Phintias "Möros" nennt und ihn zur Hochzeit der Schwester gehen lässt; doch lag ihm wohl noch eine andere der genannten Quellen vor, da bei Hygin allein das Wort "der Dritte" fehlt. Auch wird losgelöst citiert:

Der Dritte im Bunde und im Bunde der Dritte.—

Alexanders des Grossen (reg. 336-323) Ausspruch

Wenn ich nicht Alexander wäre, möchte ich wohl Diogenes sein

bringt Diogenes Laërtius VI, 2 n. 6, 32. Plutarch führt ihn an vielen Stellen (z. B. "Alexander", 14, und "Über das Glück Alexanders des Grossen") stets in der Form an: "Wenn ich nicht Alexander wäre, so würde ich Diogenes sein".—

Ein gewisser Medius (um 330 v. Chr.) tritt bei Plutarch ("Über den Schmeichler und den Freund" c. 24) als Chorführer der Schmeichler im Gefolge Alexanders des Grossen auf und erteilt den Rat: ("θαῤῥοῦντας ἅπτεσθαι καὶ δάκνειν ταῖς διαβολαῖς, διδάσκων ὅτι κἂν θεραπεύσῃ τὸ ἕλκος ὁ δεδηγμένος, ἡ οὐλὴ μένει τῆς διαβολῆς") "kühn mit Verleumdungen zu packen und zu beissen, damit, wenn auch des Gebissenen Wunde heilt, doch die Narbe der Verleumdung bleibe". Hieraus ist das Wort entlehnt, das schon bei F. Bacon (1605. "De dignit. et augment. scient". B. 8. c. 2. Parab. 34) als sprichwörtlich bezeichnet wird:

Audacter calumniare, semper aliquid haeret.

[S. 450]

Joh. Olorinus (1609. "Ethogr. Mundi" 9. Regel) citiert es so:

Calumniare audacter, semper aliquid haeret,

Nur kühn verleumden! Etwas bleibt immer haften.

Auch wird (z. B. von Goethe "Dicht. u. Wahrh." B. 10) allein angeführt:

Immer bleibt etwas hängen!

und ebenso lateinisch:

Semper aliquid haeret.—

In des älteren Plinius "Natur. hist." (35, 36, § 10) lesen wir, dass Alexanders des Grossen Hofmaler Apelles († 308 v. Chr.) dem überpeinlichen Maler Protogenes vorwarf, dieser könne nicht so gut wie er "manum de tabula tollere", "die Hand vom Bilde thun". In der Form des warnenden Zurufs

Manum de tabula!

Hand vom Bild!

wurde das Wort in allgemeinerer Bedeutung gang und gäbe.

Ebenda (§ 12) führt Plinius

Nulla dies sine linea!

Kein Tag sei ohne einen Strich!

auch auf Apelles zurück, der sich täglich wenigstens etwas in seiner Kunst üben wollte. (Die Stelle bei Plinius lautet: "Apelli fuit alioqui perpetua consuetudo nunquam tam occupatum diem agendi, ut non lineam ducendo exerceret artem, quod ab eo in proverbium venit", "Apelles machte es sich zur stehenden Gewohnheit, keinen Tag vorübergehen zu lassen, ohne sich wenigstens durch einen Strich in seiner Kunst geübt zu haben, was durch ihn sprichwörtlich wurde".)—

[S. 451]

Endlich bietet uns Plinius dort des Apelles Zornruf:

Schuster, bleib' bei deinem Leisten!

wie wir das lateinische

Ne sutor supra (nicht: ultra) crepidam!

frei übersetzen. Apelles nämlich pflegte die von ihm vollendeten Gemälde für die Vorübergehenden so auszustellen, dass er dahinter versteckt ihre Urteile zu hören vermochte. Ein Schuhmacher tadelte nun einmal, dass die Schuhe auf dem Bilde eine Öse zu wenig hätten, und Apelles brachte die fehlende an. Als dann aber der Tadler, stolz auf diesen Erfolg, auch den Schenkel zu bemängeln sich unterfing, rief der unwillige Maler hinter dem Bilde hervor: "Was über den Schuh hinausgeht, muss der Schuster nicht beurteilen", (vrgl. Valerius Maximus 8, 12, externa 3 u. Athenaeus "Deipnosophisten" 8.)—

Εὕρηκα!

Ich hab's gefunden!

rief (nach Vitruvius IX, im Anfang) Archimedes aus, als er bei der Untersuchung des Goldgehaltes einer für König Hiero II. von Syrakus (reg. 269-215) angefertigten Krone das Gesetz des specifischen Gewichts entdeckte. Zwei andere Aussprüche des Archimedes sind:

δός μοι ποῦ στῶ καὶ κινῶ τὴν γῆν

(nach Pappos, ed. Hultsch, L. VIII, p. 1060), oder (nach Simplicius in Phys. ed. Brandis, S. 424 a):

δός μοι πᾶ βῶ καὶ κινῶ τὰν γᾶν

gieb mir einen Punkt, wo ich hintreten kann, und ich bewege die Erde!

oder (nach Tzetzes, hrsg. v. J. Bekker):

[S. 452]

δόμμυ πᾶ βῶ καὶ χαριστίωνι τὰν γᾶν κινάσω πᾶσαν

gieb mir einen Punkt, wo ich hintreten kann, so will ich mit meinem Werkzeug die ganze Erde bewegen,

und:

Noli turbare circulos meos,

Störe meine Kreise nicht,

womit er den auf ihn eindringenden Feind zurückwies, der ihn in mathematischen Betrachtungen störte.

Im Valerius Maximus (8, 7, ext. 7) lautet die alte Lesart: "noli, obsecro, istum circulum disturbare". In neueren Ausgaben ist nach den besseren Handschriften das Wort "circulum" weggelassen. Nach den Prolegomena eines ungenannten alten Autors zu dem Neuplatoniker Porphyrios (abgedr. in "Scholia in Aristotelem" von Brandis, Berl. 1836, S. 8) waren die Worte des Archimedes: "τὰν κεφαλὰν καὶ μὴ τὰν γραμμάν". "Nimm meinen Kopf, aber lass unberührt, was ich gezeichnet habe".—

Einen zu teuer erkauften Erfolg nennt man einen

Pyrrhussieg,

weil Pyrrhus, König von Epirus, nach der gewonnenen Schlacht bei Asculum 279 v. Chr., ausrief: "Noch einen solchen Sieg über die Römer und wir sind verloren!" (Plutarch, "Leben des Pyrrhus" c. 21 u. "Aussprüche von Königen und Feldherren" unter "Pyrrhus"; Cassius Dio, I, S. 40. Imm. Bekker.)—

Einem schmähsüchtigen Recensenten geben wir den Namen des griechischen Rhetors

Zoïlus

(um 270 v. Chr.), der sich durch hämische Kritiken Platos und Homers berüchtigt machte.—

Antigonus I. Gonatas, König von Macedonien († 240 v. Chr.), sagte nach Plutarch ("Apophth. reg. et imp." u. "Isis u. Osiris"; bei Didot. Paris 1868. S. 217, 47 und 445, 41): οὐ ταῦτά μοι σύνοιδεν ὁ λασανοφόρος, "davon weiss mein Kammerdiener nichts", als ihn ein [S. 453]gewisser Hermodotus in einem Gedichte "Sohn der Sonne" und "Gott" genannt hatte. Dieses Wort fand in Frankreich seinen Schliff. Wir lesen in Montaignes "Essais" L. 3, Ch. 2 (ersch. 1588): "Mancher galt der Welt als ein Wunder, an dem seine Frau und sein Bedienter nicht einmal etwas Bemerkenswertes sahen. Wenige Menschen sind von ihrem Gesinde bewundert worden", wozu sein Erklärer Coste anmerkt: "Man muss in hohem Grade Held sein, sagte der Marschall von Catinat († 1712), um es in den Augen seines Kammerdieners zu sein (il faut être bien héros pour l'être aux yeux de son valet de chambre)". Doch soll dieses Wort (nach den Briefen des Frl. Aïssé, S. 161 Ausg. v. J. Ravenel. Paris 1853) schon von der zu den Précieusen des 17. Jahrh. zählenden Mdme. Cornuel gesagt worden sein. Bei uns lautet es

für einen Kammerdiener giebt es keinen Helden

und wird von Hegel ("Phaenomenologie" Bamb. u. Würzb. 1807, S. 116 u. "Philos. d. Gesch." 3. Aufl. Berlin 1848, S. 40) und von Goethe ("Wahlverw." 1809, T. II, K. 5 u. "Sprüche in Prosa" Abt. 5) mit dem Zusatz beleuchtet, dass jeder nur von Seinesgleichen geschätzt werden könne. Kant aber fasste es anders auf, denn er schrieb (Ausg. v. Hartenstein VIII, S. 618 in "Frgm. aus d. Nachl." † 1804): "Dass ein Fürst vor seinem Kammerdiener viel verliert, kommt daher, weil kein Mensch gross ist", was Schopenhauer ("Welt als Wille u. Vorstellung" II, 439) breiter ausführt. Aus dieser Selbsterkenntnis entsprang des Antigonus Wort.—

Einem gelehrten und gestrengen Kunstrichter geben wir den Namen eines

[S. 454]

Aristarch,

des berühmten Grammatikers um 150 v. Chr., der sich mit Kritik, namentlich Homers, beschäftigte.—


Rom.

Livius 5, 48, Florus 1, 13 und Festus S. 372 (Ausg. v. O. Müller) überliefern, dass der Gallierkönig Brennus (390 v. Chr.), als die besiegten Römer sich sträubten, die auferlegten 1000 Pfund Gold Kriegskontribution nach den zu schweren Gewichten der Feinde abzuwägen, höhnend auch noch sein Schwert in die Wagschale geworfen und dabei gerufen habe: "Wehe den Besiegten!" (Vae victis!) Danach sagen wir noch heute

Sein Schwert in die Wagschale werfen,

wenn von gewaltsamen Entscheidungen die Rede ist, und citieren das

Vae victis!

wie es bereits Plautus ("Pseudolus" 5, 2, 19) that.—

Der zweite punische Krieg wurde 218 v. Chr. in Karthago also eröffnet, dass der römische Abgesandte, die Toga zu einer Falte zusammenbauschend, sprach: "hierin tragen wir Krieg und Frieden für Euch: nehmet, was Ihr wollt"; (Liv. 21, 18: tum Romanus sinu ex toga facto "hic" inquit "vobis bellum et pacem portamus; utrum placet, sumite"; s. auch Dio Cassius, Frgm. 55, 10). Und als ihm zugerufen wurde, er möge geben, was er wolle, entfaltete er den Bausch des Gewandes und sagte: er gäbe den Krieg. Hierauf beruht das geflügelte Wort:

Krieg und Frieden in den Falten seiner Toga tragen.—

[S. 455]

Im Jahre 217 v. Chr. sprach P. Scipio (nach Livius XXII, 22, 14) vor Sagunt zum Präfekten Bostar: "habita fides ipsam plerumque obligat fidem" ("gehegtes Vertrauen verpflichtet meistens das Vertrauen selbst", d. h. "die, denen man Vertrauen zeigt, fühlen sich dadurch auch zum Vertrauen verpflichtet"). Dieses Wort wurde in der Form

Vertrauen erweckt Vertrauen

folgendermassen zu einem "geflügelten". Lehmann schrieb in seinem "Florilegium politic. auct." (Frkf. 1662, I, 346 No. 38) "Fides facit fidem"; Krummacher übersetzte das in seiner 43. Parabel "Das Rotkehlchen" (Duisburg. 1805) mit "Freundliches Zutrauen erweckt Zutrauen"; Pastor Schmaltz sagte am 12. Sept. 1830 in der Kirche zu Neustadt-Dresden: "Vertrauen erweckt Vertrauen"; König Friedrich August II. v. Sachsen liess sich, als Prinzregent, das Manuskript der Schmaltzischen Predigt geben und sprach am 20. Sept. (laut der "Dankadresse an S. Kgl. H. d. Prinz. Friedr. Aug., Mitreg. d. Königr. Sachs." Dresd. 22. Sept. 1830) zu den Anführern der Dresdener Kommunalgarde: "Vertrauen erregt wieder Vertrauen, darum vertrauen Sie auch mir"; die Überbringer der Adresse sagten darauf: "Lassen Sie künftig das Wort 'Vertrauen erweckt wieder Vertrauen' als das Panier des sächsischen Volkes gelten". Endlich rief Friedrich Wilhelm IV. in der Thronrede am 11. April 1847 dem preussischen vereinigten Landtage zu: "Ich gedenke der Worte eines königlichen Freundes: 'Vertrauen erweckt Vertrauen'". Heute lebt das Wort auch in den unteren Volksschichten.—

Auch sagte Scipio (nach Cicero "de rep." 1, 17, 27 [S. 456]und "de off." 3, 1, 1): "nunquam se minus solum esse, quam cum solus esset"—"er sei nie weniger allein, als wenn er allein sei". Dies kernige Wort wandte Goethe ins Elegische, indem er seinen Harfner ("Wilhelm Meister" 2, 13) singen lässt:

"Ja! lasst mich meiner Qual!

Und kann ich nur einmal

Recht einsam sein,

Dann bin ich nicht allein."

Und dies wurde als Citat geläufig durch Pius Alexander Wolffs "Preciosa" (1821), die aber liebebeseeligt singt (2, 2):

Einsam bin ich nicht alleine,

Denn es schwebt ja, süss und mild,

Um mich her im Mondenscheine

Dein geliebtes teures Bild.—

Das eine hartnäckig verteidigte Ansicht bezeichnende

Ceterum censeo,

Übrigens bin ich der Meinung,

ist eine Verkürzung des Ausspruches: "Ceterum censeo Carthaginem esse delendam" (übrigens bin ich der Meinung, dass Karthago zerstört werden müsse), den der ältere Cato (234-149) mit Bezug auf den 3. punischen Krieg so oft gethan haben soll.

(vrgl. Plutarch "Cato major", 27: δοκεῖ δέ μοι καὶ Καρχηδόνα μὴ εἶναι. Diodor B. 37 bei Constantin Porphyrogeneta "von Tugenden und Lastern"; Cicero "über das Greisenalter" K. 6; Livius, L. 49, Epitome; Florus 2, 15: delendam esse Carthaginem; Valerius Maximus 8, 15, 2; Velleius Paterculus 1, 13; Aurelius Victor "de viris illustribus", K. 47: Carthaginem delendam censuit; Plinius, N. H., 15, 20.—Englische und französische Schriftsteller sprechen nie von "Ceterum censeo", stets von "Carthago delenda").—

Catos:

Ein Haruspex muss das Lachen bezwingen, wenn er den andern sieht,

[S. 457]

(strengwörtlich: "Er wundere sich, dass ein Haruspex[68] nicht lacht, wenn er einen Haruspex gesehen habe". "Mirari se, quod non rideret haruspex, haruspicem cum vidisset") hat Cicero ("de divinatione" 2, 24, 51) uns aufbewahrt, (vrgl. auch Cicero "de natura deorum" 1, 26, 71: "mirabile videtur, quod non rideat haruspex, cum haruspicem viderit.") Statt Haruspex wird oft Augur[69] citiert.—

[68] Ein Priester, der den Willen der Götter aus den Eingeweiden der Opfertiere herauslas.

[69] Ein Priester, der aus dem Flug und Ruf der Vögel weissagte.

Nach Lucullus († vermutlich 57 v. Chr.), der ungeheure Reichtümer erworben hatte und den Schluss seines Lebens in verschwenderischer Üppigkeit verbrachte, nennen wir ein ausgesucht feines Gastmahl

lucullisch.—

Tusculanum (sc. rus, Tusculanischer Landsitz) war der Name mehrerer Güter bei Tusculum, dem jetzigen Frascati, auf welche sich die Rommüden, Varro, Hortensius, Pompeius, Cicero, Caesar, L. Crassus, M. Crassus, Balbus, Metellus und Lucullus, zurückzuziehen pflegten. Wir nennen also den ruhigen Landsitz eines Grossstädters fälschlich sein

Tusculum

(s. die Belegstellen aus Cicero, Plinius und Martial in den Lexicis von Forcellini und Freund).—

Den Rubicon überschreiten

sagt man von einem folgenschweren Entscheidungsschritt, wie es der Übergang Caesars (Januar 49 v. Chr.) über den Rubicon war, weil dadurch der Bürgerkrieg entfesselt wurde (s. Kap. X bei Menander).—

[S. 458]

Das Wort Cäsars an seinen auf stürmischer See verzagenden Bootsmann (48 v. Chr. an Illyriens Küste)

Du trägst den Cäsar und sein Glück,

Καίσαρα φέρεις καὶ τὴν Καίσαρος τύχην (συμπλέουσαν)

teilt Plutarch "Cäsar", 38 mit (vrgl. Plutarch "Über das Glück der Römer", 6, und "Aussprüche von Königen und Feldherren". Ebenso Appian de bell. civ. II, 47, doch ohne συμπλέουσαν. Florus 4, 2 und Cassius Dio 41, 46 kennen nur: "Du trägst den Cäsar".)—

Plutarch ("Leben Cäsars", Kap. 11 und "Aussprüche von Königen und Feldherren") hat auch das Wort aufbewahrt, welches Cäsar beim Anblick eines elenden Alpenstädtchens seinen Begleitern zurief:

(Ich möchte) lieber der Erste hier, als der Zweite in Rom (sein).—

Den Ausspruch Cäsars:

Veni, vidi, vici,

Ich kam, ich sah, ich siegte,

mit dem er seinen bei Zela (2. Aug. 47 v. Chr.) schnell errungenen Sieg brieflich dem Freunde Amintius in Rom anzeigte, überliefert Plutarch in seinen "Aussprüchen von Königen und Feldherren" (s. auch Plutarch "Cäsar", 50, Seneca "Suasoriae" II, § 22, Bursian, Cassius Dio 42, 48, Polyaenus "Strat." 1, 30). Nach Sueton ("Cäsar", 37) prangten diese Worte als Inschrift auf einer bei Cäsars pontischem Triumphzuge einhergetragenen Tafel.—

Es wird bestritten, dass Julius Cäsar († 44 v. Chr.) bei seiner Ermordung mit dem Ausrufe:

Auch Du, mein Brutus!

zu Boden gesunken sei, mit dem Shakespeare ("Julius Cäsar" 3, 1) ihn sterben lässt, und der in Schillers "Räubern" (4, 5 im Römergesang, Strophe 4) benutzt ist. Sueton ("Julius Cäsar", K. 82) teilt mit, dass [S. 459]er bei der ersten Wunde ein einziges Mal aufgeseufzt, aber kein Wort geäussert habe. Freilich fügt er hinzu, dass Einige erzählen, er habe dem auf ihn eindringenden Brutus auf griechisch zugerufen: "Auch du gehörst zu Jenen? auch du, mein Kind?" (καὶ σύ τέκνον). Cassius Dio 44, 19, erzählt, Cäsar hätte wegen der Menge der auf ihn Eindringenden Nichts sagen noch thun können, sondern habe sich verhüllt und sei durch viele Wunden ermordet worden. Er fügt hinzu: "Das ist am verbürgtesten. Doch damals sagten schon Einige, dass er zum Brutus, der heftig auf ihn losstiess, sprach: Auch du, mein Kind?" Es wird auch kurzweg gesagt:

Tu quoque?

Auch Du?—

Sueton ("Leben des Augustus", 87), erzählt, dass Kaiser Augustus (reg. 31 v.-14 n. Chr.) im täglichen Leben gewisse Worte oft wiederholt, z. B. von faulen Schuldnern häufig gesagt habe, sie würden

ad Calendas graecas,

an den griechischen Kalenden,

d. h. am Nimmermehrstage, bezahlen. Denn "Calendae" hiess im römischen Kalender der erste Tag jedes Monats ein Zahlungstermin der Römer, während die Griechen keine solche "Kalenden" hatten.—

Σπεῦδε βραδέως,

Festina lente.

Eile mit Weile,

führte Augustus auch oft im Munde, (vrgl. Sueton "Leben d. Aug.", 25 u. Polyaenus "Strateg." 8, 24.) Sophokles ("Antigone", v. 231) bringt schon einen ähnlichen Gedanken.—

[S. 460]

Nach dem jüngeren Seneca ("De clementia" 1, 9) schenkte Augustus auf den Rat der Gattin Livia dem Verschwörer L. C. Cinna das Leben und sprach dabei die edlen Worte: "Cinna . . . ex hodierno die inter nos amicitia incipiatur", "Cinna . . . vom heutigen Tage an möge unsere Freundschaft beginnen!" Wir citieren dies aus Corneilles "Cinna" (1693) 5, 3 in gedrängter Kürze also:

Soyons amis, Cinna!

Seien wir Freunde, Cinna!—

Auch wird der Verzweiflungsruf des Augustus, den er bei der Nachricht von der Niederlage im Teutoburger Walde (Sept. d. J. 9 n. Chr.) ausstiess, also citiert:

Varus, gieb mir meine Legionen wieder!

während Sueton ("Leb. d. Aug.", 23) überliefert:

"Quinctili Vare, legiones redde".—

Sueton ("Leben des Claudius", 21) überliefert uns auch das Wort:

Ave, imperator, morituri te salutant.

Heil, dir Kaiser! Die dem Tode Geweihten begrüssen dich.

Als nämlich Kaiser Claudius (reg. 41-54) zur Feier der Vollendung des Abzugskanals aus dem Fucinersee ein blutiges Seegefecht gab, begrüssten ihn mit obigen Worten die Fechter. Des Kaisers Gegengruss: "Seid gegrüsst" nahmen sie irrtümlich für die Erlaubnis, nicht zu kämpfen, so dass Claudius sie drohend zum Kampfe antreiben musste. (S. Cassius Dio, 60, 50.)—

Der Verschwörung gegen Kaiser Claudius verdächtigt, wurde Caecina Paetus (42 n. Chr.) zum Tode verurteilt. Da stiess sich seine Gattin Arria den Dolch in den Busen, zog ihn aus der Wunde und reichte [S. 461]ihn dem Gatten zum Selbstmorde mit dem heldenmütigen Ruf:

Paete, non dolet!

Paetus, es schmerzt nicht!

Diesen Ausruf nennt bereits der jüngere Plinius († 79 n. Chr. "Epist." 3, 16) "unsterblich". Wir citieren ihn auch nach der Wortfolge bei Martial (1, 14) also:

Non dolet, Paete!—

Sueton ("Leben des Vespasian", 23) und Cassius Dio (66, 14) teilen die Entstehung eines in verschiedenen Fassungen, auch in der Form:

Non olet,

Geld stinkt nicht,

bekannten Ausspruches des Vespasian (reg. 69-79) mit. Als ihn sein Sohn Titus wegen einer auf Bedürfnisanstalten (daher: Vespasiennes) gelegten Steuer getadelt hatte, hielt er ihm das erste aus dieser Steuer eingekommene Geld vor die Nase und fragte ihn, ob es röche. Und als dieser die Frage verneinte, sagte er: "Und dennoch ist es aus Harn". Auf Vespasians Wort bezieht sich Juvenal 14, 204:

Lucri bonus est odor ex re qualibet.

Der Geruch des Gewinns ist gut, woher dieser auch stamme.—

Aus Sueton ("Leben des Titus", 8) kennen wir das, wie er sagt, "merkenswerte und mit Recht gelobte" Wort, das Kaiser Titus (reg. 79-81) einst bei Tafel ausrief, als ihm einfiel, dass er an jenem Tage noch Keinem etwas Gutes gethan habe:

(Amici,) diem perdidi.

(Freunde,) ich habe einen Tag verloren.

Nach Zincgref ("Apophth." Strassb. 1626, S. 137) [S. 462]führte Herzog Friedrich der Weise, Kurfürst von Sachsen, das deutsche Wort im Munde.—

Als Kaiser Konstantin 312 n. Chr. wider Maxentius zog, erschien ihm am Mittagshimmel ein Kreuz und die Worte "τούτῳ νίκα", "damit siege!", wie Eusebius Pamphili (bl. um 320) im "Leben Konstantins" 1, 28 berichtet. Wir citieren dies Geheiss lateinisch in der Form der Verheissung:

(In) hoc signo vinces,

In diesem Zeichen wirst du siegen.—

Kollation,

womit im gemeinen Leben ein einfaches Mahl bezeichnet wird, ist der Klostersprache entlehnt, wo es das Abendessen der Mönche an Fasttagen bedeutete, weil dann vor dem Essen je ein Kapitel aus des Kirchenlehrers Johannes Cassianus († 440 n. Chr.) "Collationes patrum Sceticorum" (d. h. geistliche Gespräche der Mönche in der sketischen Wüste) vorgelesen wurde. (Die "Collationes" erschienen erst 1559 in Basel).—


Italien.

Francesco da Buti, einer der ältesten Erklärer Dantes, erwähnt zu der Stelle des "Fegefeuers" XXIV, 23 und 24, dass Papst Martin IV. (1281-85), wenn er aus dem Konsistorium kam, zu sagen pflegte: "Wieviel haben wir für die heilige Kirche Gottes gelitten!

Ergo bibamus!"

(Darum wollen wir einmal trinken!)

Das Wort ist besonders als Titel des Goetheschen im Kap. III erwähnten Liedes ("Hier sind wir versammelt . . .") bekannt, in welchem "Ergo bibamus" [S. 463]neunmal vorkommt. In den Bemerkungen "Zur Farbenlehre" (Polemischer Teil, No. 391, Tüb. 1810) sagt Goethe:

"Es fällt uns bei dieser Gelegenheit ein, dass Basedow, der ein starker Trinker war und in seinen besten Jahren in guter Gesellschaft einen sehr erfreulichen Humor zeigte, stets zu behaupten pflegte: die Conclusion 'Ergo bibamus' passe zu allen Prämissen. Es ist schön Wetter, ergo bibamus! Es ist ein hässlicher Tag, ergo bibamus! Wir sind unter Freunden, ergo bibamus! Es sind fatale Bursche in der Gesellschaft, ergo bibamus! So setzte auch Newton sein ergo zu den verschiedensten Prämissen".—

Ei des Columbus

ist die Umänderung der volkstümlichen spanischen Redensart

"Hänschens Ei".

In Calderons "La dama duende" ("Die Dame Kobold"), bald nach dem 4. Nov. 1629 aufgeführt, 2. Aufz., heisst es:

Ahora sabes

lo del huevo de Iuanelo,

que los ingenios mas grandes

trabajaron en hacer

que en un bufete de jaspe

se tuviese en pié, y Iuanelo

con solo llegar, y darle

un golpecillo, le tuvo?

Das andere (Geheimnis)

Kennst du doch, mit Hänschens Ei?

Womit viele hoch erhabne

Geister sich umsonst bemühten,

Um auf einen Tisch von Jaspis

Solches aufrecht hinzustellen;

Aber Hänschen kam und gab ihm

Einen Knicks nur, und es stand.

[S. 464]

Die Redensart "Hänschens Ei" ward von Vasari in seinen "Künstlerbiographien" (1. Aufl. 1550) umgestaltet auf den Baumeister Filippo Brunelleschi übertragen. Als dieser bei einer Versammlung von Architekten aus allen Ländern, welche (vor 1421) nach Florenz berufen worden waren, um zu beraten, wie man den unvollendeten Bau des Domes Santa Maria del fiore mit einer Kuppel abschliessen könnte, seinen kühnen Plan entwickelte, wurde er bitter verhöhnt, und nun nahm er im gerechten Zorn erst dann wieder an den Beratungen teil, nachdem an ihn eine ehrenvolle Einladung ergangen war. "Die anderen Baumeister", erzählt der Anekdotenliebhaber Vasari, "hätten gern gesehen, dass er seine Meinung eingehend entwickelt und sein Modell gezeigt hätte, wie sie die ihrigen. Das wollte er nicht; aber er machte den inländischen und ausländischen Meistern den Vorschlag, dass derjenige, welcher ein Ei der Länge nach fest auf eine Marmorplatte stellen könnte, die Kuppel bauen solle, da sich hierin ihr Talent zeigen würde. Nachdem man also ein Ei genommen hatte, versuchten sich alle diese Baumeister, es aufrecht stehen zu lassen; aber keinem gelang es. Als man nun den Filippo das Ei aufrecht hinzustellen aufforderte, nahm er es mit Grazie, stiess es mit dem schmalen Ende auf die Marmorplatte und brachte es so zum Stehen. Als die Künstler riefen, dass sie es so auch hätten machen können, antwortete ihnen Filippo lachend, sie würden es auch verstanden haben, die Kuppel zu wölben, wenn sie sein Modell oder seine Zeichnung gesehen hätten. Und so wurde beschlossen, dass er beauftragt werden sollte, den Bau zu leiten". Auf Brunelleschi passte das [S. 465]Beispiel vom Ei trefflich, weil die von ihm und Ghiberti vollendete Kuppel in der That die Form eines an der Spitze eingedrückten Eies hat. Benzoni ("Geschichte der neuen Welt" 1, 5, Venedig 1565) überträgt diese Erzählung auf Columbus, räumt jedoch ein, dass er den Vorgang, der sich nach der ersten Reise des Columbus auf einem ihm zu Ehren gegebenen Gastmahl des Kardinals Mendoza (1493) zugetragen haben soll, nur durch Hörensagen wisse (Voltaire, "Essai sur les moeurs", [1739], chap. 144; Humboldt, "Kritische Untersuchungen über die historische Entwickelung der geographischen Kenntnisse von der neuen Welt", II. Bd., S. 394).—

Qui mange du pape, en meurt

Wer isst, was vom Papst kommt, stirbt daran

stammt aus der Zeit des Papstes Alexander VI. Borgia († 1503), weil er ihm unbequeme Personen dadurch bei Seite schaffte, dass er ihnen bei seinen Gastmählern mit Gift gemischten Wein vorsetzte. Warum wird das Wort nur französisch citiert? Wer meldet es zuerst?—

Aut Caesar aut nihil

Entweder Cäsar oder Nichts

war die unter einem Kopfe des römischen Cäsar angebrachte Devise Cesare Borgias († 1507).—

Julius Meyer ("Correggio", Leipz. 1871, S. 23) spricht von einer bekannten Erzählung,

"die, soweit sich verfolgen lässt, zuerst der Pater Resta aufbrachte: bei einer Anwesenheit in Bologna habe Correggio (1494-1534) vor dem Bilde der heiligen Cäcilia von Rafael (früher in der Kirche S. Giovanni in Monte) ausgerufen:

[S. 466]

Anch' io sono pittore!

Auch ich bin Maler!

Zur Zeit, als der Meister allenfalls in Bologna gewesen sein könnte, d. h. im Jünglingsalter, war die Cäcilia noch gar nicht dort; überhaupt werden wir sehen, dass er höchst wahrscheinlich so wenig in Bologna wie in Rom gewesen ist. Möglich, dass die Fabel entstanden, indem man hinsichtlich der Komposition in einer Figur auf dem Bilde der heiligen Martha von Correggio eine Art von Wiederholung des Paulus aus der Cäcilia des Rafael zu finden meinte u. s. w."

Es wäre wünschenswert gewesen, wenn Julius Meyer angegeben hätte, wo Resta (ungefähr um 1700) die fragliche Äusserung gethan haben soll. Seine Kunstbriefe in den "Lettere pittoriche" des Bottari enthalten die Geschichte nicht.—

Ad maiorem Dei gloriam,

Zum grösseren Ruhme Gottes

kommt sehr häufig in den "Canones et decreta oecumenici concilii Tridentini" (1545-1563) vor.—

In einer portugiesischen Sammlung von Kernsprüchen (Collecç. polit. d. apophth. memorav. p. D. Pedr. Jos. Suppico de Moraes, Lissab. 1733, T. 2, B. 2, S. 44) wird von Papst Julius III. (1550-55) erzählt, er habe einem portugiesischen Mönche, der ihn bemitleidete, weil er mit der Herrschaft über die ganze Welt belastet sei, geantwortet: "Wenn Ihr wüsstet, mit wie wenig Aufwand von Verstand die Welt regiert wird, so würdet Ihr Euch wundern". Dies mag der Ursprung des Wortes sein:

An nescis, mi fili, quantilla prudentia mundus regatur (oder: regatur orbis)?

Weisst du denn nicht, mein Sohn, mit wie wenigem Verstande die Welt regiert wird?

womit (nach Lundblad: "Schwedischer Plutarch") Axel [S. 467]Oxenstjerna (1583-1654) seinen Sohn beschwichtigte, der sich dem Posten eines schwedischen Gesandtschaftschefs nicht gewachsen fühlte. Andere nennen Andere als Urheber des Wortes.—

Dass Galilei (1564-1642) die Abschwörung seiner Lehre von der Bewegung der Erde mit dem Worte:

Eppur si muove!

Und sie bewegt sich doch!

begleitet habe, ist eine Erfindung, die das "Dictionnaire des portraits historiques anecdotes et traits remarquables des hommes illustres" (Paris, Lacombo, 1768-9, Bd. II) als eine Thatsache auftischt. (Wohlwill, "Der Inquisitionsprozess des Galileo Galilei", Berl. 1870. Karl von Gebier, "Galileo Galilei und die römische Kurie". Stuttg. 1876, I, S. 310).—

Teleskop (eigentlich Teleskopium)

für "Fernrohr" (erf. 1608) schlug zuerst der gelehrte Gräcist Demiscianus dem Fürsten Cesi vor (vrgl. K. v. Gebler "Galileo Galilei . . ." Stuttg. 1876. I, 24).—

Elle est grande dans son genre, mais son genre est petit,

Sie ist gross in ihrem Gebiete, aber ihr Gebiet ist klein,

sagte die Sängerin Angelica Catalani (1782-1849) von der Sängerin Henriette Sontag an der Tafel des Beerschen Hauses in Berlin (Holtei: "Vierzig Jahre" IV, Berlin 1843-44, S. 33). Es scheint aber, als habe die Catalani das Wort einem Alexandriner entnommen: "Dans son genre il est grand, mais son genre est petit", dessen Quelle noch zu erforschen wäre.—

L'Italia farà da se,

Italien wird ganz allein fertig werden,

gewöhnlich als Devise des italienischen Freiheitskampfes [S. 468]von 1849 hingestellt, wurde nach Reuchlin ("Geschichte Italiens", II, 1, S. 155) vom damaligen Minister des Auswärtigen in Piemont, Pareto, vielmehr den "Interventionsgelüsten der französischen Radikalen ins Gesicht geschleudert". v. Treitschke: "Bundesstaat und Einheitsstaat" nennt es den Wahlspruch Cesare Balbos (1789-1853); nach Theodor Mundt, "Italienische Zustände", 1, 58 war diese Devise vom König von Sardinien Karl Albert (1798-1849) und seinem Kaplan Vincenza Gioberti (1801-52) zuerst ausgegangen.

Ernesto Masi sagt in seinem Buche "Il segreto del re Carlo Alberto" (Bologna. 1891), dass der König die Worte in einem Ministerrat 1845 ausgesprochen habe. Leopardi aber, 1848 ausserordentlicher Gesandter des Königs beider Sizilien am Hofe von Sardinien, erzählt, dass in einem Gespräche mit dem Könige am 12. Juni dieser zu ihm sagte: "Man hat mir die Worte "L'Italia farà da se" zugesprochen; ich habe sie nicht erfunden, mir aber angeeignet, und ich glaube, dass man nichts Geeigneteres sagen könnte" (Narrazioni storiche, Turin 1856, cap. 49, pag. 230). vrgl. Fumagalli.—

Nach Massari "La vita ed il regno di Vittorio-Emanuele II. di Savoia", Mailand 1878, sagte Minister d'Azeglio zu Vittorio Emanuele II. (reg. 1849-1878) im Anfange seiner Regierung: "Die Geschichte zählt so wenig Könige, die Ehrenmänner sind, dass es eine schöne Aufgabe wäre, jetzt die Reihe zu beginnen." "Soll ich also dieser König-Ehrenmann sein?" fragte der König ihn lächelnd. Beim Jahresschlusse wurde der König aufgefordert, seinen Namen in die Volkszählliste der Stadt Turin einzuzeichnen. Er schrieb in die Rubrik "Stand und Stellung":

"Rè galantuomo".

(König und Ehrenmann.)

Cavours (1810-61) Grundsatz, den er noch an seinem [S. 469]Todestage, am 6. Juni 1861, dem Pater Giacomo aussprach, lautete:

Libera chiesa in libero stato

Freie Kirche im freien Staat.

(s. v. Treitschke: "Cavour", Heidelb. 1869 und in "Hist. u. polit. Aufs." 4. Aufl., 2. Bd. Lpz. 1871, S. 244; ferner Fumagalli.)

Montalembert äussert dasselbe in der Vorrede zu seinen Werken (Paris 1860, I, S. XI) also: "mit einem Worte, die freie Kirche in einer freien Nation ist das Programm gewesen, das mich zu meinen ersten Anstrengungen angefeuert hat u. s. w."—

Cri de douleur

Schmerzensschrei

ist ein geflügeltes Wort durch Cavour geworden, der es 1856 auf dem Friedenskongress in Paris anwendete, als er daselbst Beschwerde über den Druck erhob, den Österreich auf Italien ausübte. Auch sagte Victor Emanuel in der Thronrede von 1859:

"Den Verträgen treu, bin ich doch nicht taub gegen den Schmerzensschrei, der aus allen Teilen Italiens zu mir dringt".—


Spanien.

König Ferdinand V. (1479-1516) von Spanien verlieh (nach Bandini: "Leb. d. Amerigo Vespucci". III. Abschn.) dem Columbus i. J. 1493 den Wappenspruch:

"Por Castilla y por Leon

Nuebo mundo alló Colon".

(Für Castilien und Leon fand Columbus eine neue Welt.) Es scheint, als tauche hier zum ersten Male das Wort

Neue Welt

auf, welches dann (vrgl. Kap. III: "Amerika") namenhafte Bedeutung erlangte.—

[S. 470]

Krieg bis aufs Messer

antwortete der spanische Feldherr Don José de Palafox (1780-1847) bei der Belagerung von Saragossa 1808 auf die Aufforderung der Franzosen zur Übergabe.—


Polen.

Der König herrscht, aber er regiert nicht

ist in der lateinischen Form:

Rex regnat, sed non gubernat

von Jan Zamoiski († 1605) im polnischen Reichstage gesagt worden. Später schrieb Hénault ("Mémoires", S. 161) von Madame des Ursins: "Elle gouvernait, mais elle ne régnait pas"; aber am bekanntesten wurde das Wort durch Thiers, der in den ersten Nummern der von ihm mit Armand Carrel und dem Buchhändler Sautelet gegründeten, zum ersten Male 1. Juli 1830 erschienenen Zeitung "Le National" den Satz verfocht:

Le roi règne et ne gouverne pas.—

Finis Poloniae!

Das Ende Polens!

wurde dem polnischen Feldherrn Thaddäus Kosciuszko (1746-1817) in No. 24 der amtlichen "Südpreussischen Zeitung" vom 25. Oktober 1794 in den Mund gelegt. Kosciuszko sei in der Schlacht bei Maciejowice am 10. Okt. 1794 auf der Flucht in einem Sandhügel stecken geblieben; dort hätten ihm die Kosaken das Pferd unter dem Leibe erschossen und ihn, als er herabsprang, am Hinterkopf verwundet. Auf vier Stangen sei er darauf in das Lager gebracht worden, wo er seinen Säbel abgeliefert und dabei gerufen hätte: "Finis regni [S. 471]Poloniae". In einem vom 12. Nov. 1803 datierten Briefe an Louis Philippe Ségur, der diesen Ruf in sein "Tableau historique et politique de l'Europe de 1786-96, contenant l'histoire de Frédéric Guillaume II, Paris 1800" aufgenommen hatte, leugnet Kosciuszko ihn ab.

Dieser Brief, der sich in der Urkundensammlung der Familie Ségur befindet, ist in Amédée Renées Übersetzung von Cesare Cantùs "Historia de cento anni" (B. 1, S. 419) abgedruckt und von Karl Blind in der "Gartenlaube" von 1868, No. 27 und später in der "Gegenwart" vom 11. Aug. 1877 nach einer von Ch. Ed. Chojezki mitgeteilten französischen Urschrift übersetzt.

Die Polen antworteten auf den untergeschobenen Weheruf mit dem Dombrowski-Marsche eines unbekannten Verfassers:

Jeszcze Polska nie zginęla etc.

dessen Übersetzung:

Noch ist Polen nicht verloren

selbst für uns Deutsche ein Alltagswort geworden ist. Dieser Marsch wurde zuerst von der polnischen Legion gesungen, welche Dombrowski 1796 unter Bonaparte in Italien sammelte. ("Vorlesungen über slawische Litteratur und Zustände" von Adam Mickiewiecz. Deutsche Ausgabe Leipzig 1843, T. II, S. 258, 269, 324.)—


Frankreich.

Da nach Prosper Mérimée ("Chronique du règne de Charles IX", 1829, Vorr. S. 7) Ludwig XI. (1461-83) "Diviser pour régner" sagte, so mag auf diesen zurückzuführen sein:

Divide et impera!

Entzweie und gebiete!

Heinrich Heine freilich führte es weiter zurück, indem [S. 472]er aus Paris am 12. Jan. 1842 schrieb: "König Philipp hat die Maxime seines macedonischen Namensgenossen, das 'Trenne und Herrsche!' bis zum schädlichsten Übermass ausgeübt" (Ges. W. X, 38).—

Tel est notre bon plaisir

Dies ist unser gnädiger Wille

steht zuerst in der Form: "Tel est notre plaisir", in einer Ordonnanz König Karls VIII. (1470-98) von Frankreich vom 12. März 1497. (Collection des Ordonnances des Rois.) Das "bon" findet sich in keiner Verfügung der Könige Frankreichs, und der Satz bedeutet nichts Anderes, als "Placet".—

Chevalier sans peur et sans reproche

Ritter ohne Furcht und Tadel

ist der Beiname des heldenmütigen Bayard († 1524). So wird er genannt im Titel des sehr seltenen, auf der Bibliothèque nationale zu Paris unter "I. n27 1200 Réserve" in den Katalog eingetragenen Buches: "La tresioyeuse plaisante et recreative hystoire composée par le loyal serviteur des faiz gestes triumphes et prouesses du bon chevalier sans paour et sans reprouche, le gentil seigneur de Bayart" etc. 1527. (Es giebt auch eine Ausgabe von 1525.) Das Beiwort kommt unverändert unzählige Male in dem Buche vor. Nach La Croix du Maine schrieb Bouchet: "Panégyrique du Chevalier sans reproche, messire Louys de la Trimouille" (Poitiers, chez Jaques Bouchet, 1527). De la Trimouille fiel in der Schlacht bei Pavia (1525).—

Franz I. (1494-1547) lassen die meisten historischen Darstellungen nach seiner Besiegung und Gefangennahme in der Schlacht bei Pavia (1525) mit einem Briefe an [S. 473]seine Mutter auftreten, dessen Kürze sie gewöhnlich ausdrücklich hervorheben.

Tout est perdu, fors (modern: hors) l'honneur!

Alles ist verloren, nur die Ehre nicht!

soll Alles gewesen sein, was in diesem Muster von Lakonismus gestanden habe. Jedoch ist dieser von Dulaure aufgefundene und in dessen "Geschichte von Paris" (1837, B. 3, S. 209) abgedruckte Brief länger und lautet:

"Madam! Sie zu benachrichtigen, welches der Ausgang meines Unglücks ist, so ist mir vor allen Dingen nur die Ehre und das gerettete Leben geblieben (de toutes choses ne m'est demouré que l'honneur et la vie qui est sauve), und weil diese Nachricht Ihnen in unserem Missgeschick einigen Trost bereiten wird, habe ich gebeten, dass man mich diesen Brief schreiben lasse, was man mir gefällig bewilligt hat" u. s. w.—

Le quart d'heure de Rabelais,

"die Viertelstunde des Rabelais" (das heisst: "die letzte Viertelstunde im Wirtshause, in welcher man seine Zeche zu bezahlen hat") ist auf eine Anekdote aus dem Leben des Rabelais zurückzuführen, die sich in einer 50 oder 60 Jahre nach dessen Tode von dem Priester und Rechtslicentiaten Antoine le Roy in Meudon zusammengestellten Foliohandschrift "Elogio Rabelaesina"[70] findet. Aus Rom zurückberufen, war Rabelais im Gasthause zu Lyon in Geldverlegenheit. Da lässt er die Ärzte der Stadt benachrichtigen, dass ein ausgezeichneter Doktor von weiten Reisen heimgekehrt sei und ihnen seine Beobachtungen mitzuteilen wünsche. Sie erscheinen. Er behandelt, verkleidet und mit [S. 474]verstellter Stimme, die schwierigsten Fragen der Heilkunst. Plötzlich nimmt er eine geheimnisvolle Miene an, schliesst die Thüren und spricht: "Hier habe ich ein feines Gift aus Italien mitgebracht, um Euch vom König und seinen Kindern zu befreien". (Dies wäre denn die Viertelstunde gewesen, welche Rabelais benutzte, um sich aus Geldverlegenheit zu retten.) Sofort verlassen ihn Alle; nach wenigen Augenblicken wird er festgenommen, mit Bedeckung nach Paris gebracht und vor den König geführt. Rabelais erscheint, ohne noch länger Geberde und Stimme zu verstellen. Franz I. lächelt, entlässt huldvoll die bestürzten Lyonnaiser und behält Rabelais zum Abendessen bei sich.—

[70] No. 8704 der Pariser Nationalbibliothek.

Heinrich IV. von Frankreich (reg. 1589-1610) hat (nach den der "Geschichte Heinrichs des Grossen", 1681, von Hardouin de Péréfixe angehängten "Denkwürdigen Worten") einst zum Herzog von Savoyen gesagt: "—wenn Gott mir noch Leben schenkt, so will ich es so weit bringen, dass es keinen Bauer in meinem Königreiche giebt, der nicht im Stande sei, ein Huhn in seinem Topfe zu haben". Das wurde dann erweitert zu:

Je veux que le dimanche chaque paysan ait sa poula au pot.

Ich wünsche, dass Sonntags jeder Bauer sein Huhn im Topfe hat.

Als Heinrich IV., so wird erzählt[71], von seinem Beichtvater wegen seiner vielen Liebschaften getadelt ward, liess er ihm Tage lang Rebhühner auftragen, bis er sich beschwerte, dass er

toujours perdrix

[S. 475]

essen müsse. Der König erwiderte, dass er ihm die Notwendigkeit der Abwechselung habe einleuchtend machen wollen. Doch erwähnt kein französisches Wörterbuch diesen Ausspruch. Dass er, obgleich in keinem spanischen Wörterbuche befindlich, auch in Spanien bekannt ist, ergiebt sich aus dem Bänkelsängerliede "Curiosa Relacion Poetica, En Coplas Castellanas del verdadero aspecto del mundo y estado de las mujeres" (Barcelona 1837), worin es heisst:

como dice el adagio

Que cansa de comer perdices

(d. h. wie das Sprichwort sagt, dass man es müde wird, Rebhühner zu essen).—

[71] Eine Ermittelung der Quelle wäre hier sehr erwünscht.

Petit-maîtres

Herrchen

nannte man während der Zeit der Fronde (1648-53) eine politische Partei, an deren Spitze der grosse Condé, dessen Bruder Conti und der Herzog von Longueville standen, weil sie die Herren (les maîtres) des Staats sein wollten. Voltaire, der dies ("Louis XIV" ch. 3) berichtet, fügt hinzu: "Man giebt jenen Namen heutzutage anmassenden und schlechterzogenen jungen Leuten". Heute versteht man darunter so viel wie "Stutzer".

Nach den Mémoiren der Mdme de Motteville (Amst. 1739: I p. 407) nannte man die jungen vornehmen Waffengefährten und Günstlinge des Condé, mit denen er in dem Salon der Königin Anne d'Autriche zu erscheinen liebte, deswegen "petits-Maîtres", weil er selbst der Herr des Staates zu sein schien.—

Das Wort Ludwigs XIV. (reg. 1643-1715):

L'État c'est moi,

Der Staat bin ich,

ist unverbürgt und jedenfalls nicht im April 1655 vor [S. 476]dem Parlamente gesagt worden, wie erzählt wird. Chéruel (1855, "Administration monarchique en France", B. II, S. 32-34) sagt:

"Hierher versetzt man nach einer verdächtigen Tradition die Erzählung von der Erscheinung Louis' XIV. im Parlament, im Jagdrock, eine Peitsche in der Hand, und hierhin verlegt man die berüchtigte Antwort auf die Bemerkung des ersten Präsidenten, der das Interesse des Staates hervorhob: 'Ich bin der Staat'. Statt dieser dramatischen Scene zeigen uns die zuverlässigsten Dokumente den König, wie er allerdings dem Parlament Schweigen gebietet, aber ohne einen unverschämten Hochmut zur Schau zu tragen".

Ein handschriftliches Journal, das Chéruel erwähnt, schliesst die Erzählung der Scene im Parlament also:

"Nachdem Seine Majestät sich schnell erhoben hatten, ohne dass irgend Jemand in der Versammlung ein einziges Wort gesagt, kehrten Sie nach dem Louvre und von da nach dem Walde von Vincennes zurück, woher Sie am Morgen gekommen waren und wo Sie vom Herrn Kardinal erwartet wurden".

Hierzu fügt Edouard Fournier ("l'Esprit dans l'histoire", 3. Auflage, S. 271):

"Also Mazarin erwartet den König, um von ihm zu erfahren, wie Alles abgelaufen ist, und namentlich um zu hören, wie der junge Fürst seine gewiss vom Kardinal selbst angefertigte Lektion aufgesagt hat; und in diese vom Kardinal eingegebene Lektion, von der der Schüler nicht mit einem Worte abweichen durfte, sollte sich eine für die Macht des alten Ministers wenigstens ebenso beunruhigende, wie für das Ansehen des Parlaments drohende Phrase, wie 'Ich bin der Staat' plötzlich eingeschlichen haben? Das ist unmöglich. Der Staat war noch nicht Ludwig XIV.; er war noch immer Mazarin".

Dulaure ("Histoire de Paris", 1853, S. 387) behauptet freilich:

[S. 477]

"Er unterbrach einen Richter, der in einer Rede die Worte 'der König und der Staat' gebrauchte, indem er mit Hoheit ausrief: 'L'État c'est moi'".

Ludwig XIV. hätte damit allerdings nur ausgesprochen, was seine Höflinge empfanden. Sein Bewunderer und Günstling, der Bischof Bossuet, schrieb (Oeuvres XXIII, p. 643; Par. 1864) vom Fürsten: "tout l'état est en lui" und verglich ihn mit Gott. Nach der "Revue britannique" (Mai 1851, S. 254) wäre aber Königin Elisabeth von England Urheberin des Wortes.—

Tant de bruit pour une omelette (au lard)!

So viel Lärm um einen Eierkuchen (mit Speck)!

führen französische Schriftsteller auf den Dichter Desbarreaux († 1675) zurück. Dieser bestellte während eines Ungewitters an einem Freitag, also einem Fasttage, im Wirtshause einen Eierkuchen mit Speck. Als der fromme Wirt dies Gericht widerstrebend auftrug, erfolgte ein heftiger Donnerschlag, so dass der Ärmste vor Entsetzen in die Kniee sank. Da ergriff Desbarreaux seinen Eierkuchen und warf ihn zur Beruhigung des Mannes mit jenen Worten aus dem Fenster ("Oeuvres de Voltaire", édit. Beuchot, tom. 43, p. 511).—

Der Herzog von Montausier (1610-90) von Ludwig XIV. 1668 zum Gouverneur des Dauphin ernannt, lies durch Bossuet und Huet Ausgaben der alten Klassiker

in usum delphini

zum Gebrauch für den Dauphin

besorgen, worin die anstössigen Stellen aus dem Texte weggelassen und erst am Schlusse zusammengestellt sind. Seitdem wendet man diesen Ausdruck auf alle aus Sittlichkeitsgründen verstümmelte Schriften an.—

[S. 478]

Aus der Zeit seiner Regentschaft (1715-23) stammt des Herzogs Philipp von Orléans Wort

Roué

Geräderter, Galgenschwengel,

womit dieser Fürst die lichtscheuen Genossen seiner Gelage zu bezeichnen liebte (s. "Mémoir. compl. et authent. du duc de Saint-Simon". Nouv. édit. 40 voll. Par. 1843. Tome XXIII, p. 20, Tome XXV, 61). Heute wird es gebraucht wie "vornehmer Wüstling".—

Der Grosskaufmann und Handelsintendant Jean Claude Marie Vincent, Seigneur de Gournay (1712-59) sprach in einer Versammlung von Physiokraten, vermutlich im September d. J. 1758, das zur Parole der Freihandelsschule gewordene Wort:

Laissez faire, laissez passer!

Gewerbefreiheit! Handelsfreiheit!

"Laissez-nous faire!" hatte aber schon ein Grosskaufmann Legendre, wahrscheinlich François Legendre, der Verfasser eines damals verbreiteten Rechenbuches, in einer von Colbert vermutlich im Jahre 1680 berufenen Versammlung von Kaufleuten gesagt.—

Aus Vincent de Gournays Munde stammt auch (nach Baron Grimms "Correspondance", Juli 1764) das Wort:

Bureaukratie.

(vrgl. A. Oncken in "Berners Beiträgen zur Geschichte der Nationalökonomie" No. 2. S. 1-131: "Die Maxime 'Laissez faire et laissez passer', ihr Ursprung, ihr Werden. Ein Beitrag zur Geschichte der Freihandelslehre." Bern, 1886).—

Il n'y a que le premier pas qui coûte,

Es kommt nur auf den ersten Schritt an,

erklärt uns Gibbon ("History of the decline" u. s. w. 1776-88, VII, cap. 39, Anm. 100) mit den Worten:

"Der katholische Märtyrer hatte sein Haupt eine beträchtliche Strecke entlang in seinen Händen getragen; [S. 479]doch machte einmal bei einer ähnlichen Erzählung eine Dame meiner Bekanntschaft die Bemerkung: la distance n'y fait rien, il n'y a que le premier pas qui coûte". Schon Condillac bringt ("Cours d'études", "Art d'écrire" II, 10, Parma 1775) diese Geschichte, spricht aber ganz allgemein von einer "femme d'esprit", und auch Louvet de Couvrays "Faublas" (1787) giebt in der Vorrede an: "Une femme d'esprit dit: il n'y a que le premier pas qui coûte". Littré teilt unter "pas" die Condillacsche Geschichte mit. Quitard hingegen berichtet im "Dictionnaire des proverbes", Frau du Deffand (1697-1780) habe es zum Kardinal Polignac gesagt, als dieser die Länge des Weges betonte, den der auf dem Montmartre enthauptete heilige Dionysius bis nach Saint-Denis mit seinem Haupte in den Händen zurücklegte; und allerdings rührt es von ihr her, denn sie selbst nennt sich in einem Briefe vom 7. Juli 1763 an d'Alembert als Verfasserin des Wortes.

vrgl. "Trois Mois à la Cour de Frédéric." Lettres inédites de d'Alembert publiées et annotées par Gaston Maugras. Paris, 1886. p. 28.—

Der Zeit Ludwigs XV. (reg. 1723-74) gehört (nach Hénault "Mémoires", S. 4) ein Wort des damals mit der Bewachung des Buchhandels betrauten Grafen d'Argental an. Er hatte den Litteraten Abbé Desfontaines vor sich laden lassen, um ihm einen Verweis wegen des Missbrauchs seiner Feder zu erteilen. Als Desfontaines sich folgendermassen entschuldigte: "Aber ich muss doch leben, Excellenz", antwortete d'Argental:

Je n'en vois pas la nécessité.

Ich sehe nicht ein, dass das nötig ist.

Voltaire erzählt dasselbe in einem Briefe vom 23. Dez. [S. 480]1760 an den Marchese Albergati Capacelli in Bologna; doch nennt er nicht d'Argental, sondern spricht nur von einem Staatsminister.—L. F. Huber begann eine Recension in der Jenaer allgemeinen Litteraturzeitung: "Monseigneur, ich muss ja doch leben, sagte ein Pasquillant zum Polizeilieutenant Sartine, der ihm sehr aristokratisch antwortete, dass er die Notwendigkeit dessen nicht einsähe". (L. F. Hubers sämtliche Werke seit dem Jahre 1802. 2. T. S. 151.) Jean Jacques Rousseau ("Emile", Buch 3, 1761) lässt "einen Minister" das Wort zu "einem unglücklichen satirischen Schriftsteller" sagen. Nach dem "Commentaire historique sur les oeuvres de lauteur de la Henriade" (1776, in Voltaires "Oeuvres complètes", Gothaer Ausg., Bd. 48, S. 99) hörte Desfontaines (1685-1745) dies Wort von d'Argenson (1652-1721), dem Chef der Pariser Polizei. Schiller notierte im Entwurfe zu einem Trauerspiele "Die Polizei": 'Die bekannte Replik: Ich muss aber ja doch leben, sagt der Schriftsteller—Das seh' ich nicht ein, antwortet Argenson'. (Schillers Werke, Historisch-kritische Ausg. von Karl Goedeke, 1. Bd. S. 262.)—

Die Inschrift des Berliner Invalidenhauses v. J. 1748

Laeso et invicto militi

Dem verwundeten, doch unbesiegten Krieger

soll vom Marquis d'Argens (1704-71) herrühren (s. König: "Vers. ein. hist. Schild. der Residenz Berlin", T. 5, Bd. 1, S. 100, Berlin 1798; und Gallus: "Gesch. d. Mark Brandenb." B. 6, S. 130. Züllich. u. Freyst. 1805). Camille Paganet ("Hist. de Fréd, le Gr.", [S. 481]Vol. 1, Livr. 2, p. 416. Par. 1830) giebt jedoch Maupertuis (1698-1759) als Verfasser an.—

Après nous le déluge!

Nach uns die Sündflut!

(d. h. "wir leben frech und flott darauf los, nach uns geschehe, was da will!") soll die Marquise von Pompadour (1720-64) gesagt haben (s. "Mém. de Mdme. du Hausset". 1824: "Essai sur la marq. de Pomp." S. 19 u. Mlle. Fel in "Le Reliquaire de M. Q. de la Tour" par Ch. Desmaze. Par. 1874, S. 62). Benutzt ist wohl das Wort eines unbekannten griechischen Dichters

ἐμοῦ θανόντος γαῖα μιχθήτω πυρί

Nach meinem Tode geh' die Welt in Flammen auf,

welches Cicero ("de fin." 3, 19, 64), Seneca ("de clem." 2, 2, 2) und Stobaeus ("Ecl." 2, 6, 7) citieren. Tiberius soll es (nach Cassius Dio, 48, 23) mit Vorliebe gebraucht haben und Nero sprach, als es einst in seiner Gegenwart angeführt wurde: "Vielmehr schon während ich lebe" und steckte Rom in Brand (s. Sueton "Nero" 38 u. Zonaras 11, 3).—

Nach Fournier ("Paris démoli", Einleit. p. 39) entstand das Wort

Restaurant

für Speisehaus 1765 in Paris dadurch, dass ein gewisser Boulanger über die Thür seines Speisehauses, mit Verhunzung der Stelle, Matth. 11, 28 setzte: "Venite ad me omnes, qui stomacho laboratis, et ego vos restaurabo". (Kommt her zu mir Alle, die ihr am Magen leidet, und ich will euch erquicken.)—

Mystificieren, Mystification

stammt von dem im 18. Jahrhundert entstandenen

[S. 482]

mystifier,

wovon:

mystification und mystificateur

abgeleitet worden sind, Worte, die erst 1835 in das Wörterbuch der französischen Akademie aufgenommen wurden. "Mystifier" wurde für den bis zur Narrheit eitlen und leichtgläubigen Dichter Poinsinet († 1769) von seinen Bekannten erfunden, die sich die wunderlichsten Scherze mit ihm erlaubten, ihm z. B. vorschlugen, sich das Amt des Ofenschirms beim Könige zu kaufen, und ihn bewogen, sich zu diesem Zwecke wochenlang die Schenkel zu rösten, um sich an die Kaminhitze zu gewöhnen (s. Littré; Grimms Korrespondenz, 15. Sept. 1764; Jean Monets Memoiren, Bd. 2).—

Le silence du peuple est la leçon des rois

Das Schweigen des Volkes ist eine Lehre für die Könige

ist aus der am 27. Juli 1774 zu St. Denis für Ludwig XV. gehaltenen Leichenrede des Abbé de Beauvais, Bischofs von Senez († 1790), hergestellt, in welcher es heisst: "Le peuple n'a pas sans doute le droit de murmurer, mais sans doute aussi il a le droit de se taire, et son silence est la leçon des rois". (Sermons panégyriques et oraisons funèbres de l'abbé de Beauvais, Paris 1807, 1 vol., p. 243.)

Mirabeau wendete das Wort am 15. Juli 1789, dem Tage nach dem Falle der Bastille, in der Nationalversammlung also an: "Le silence des peuples est la leçon des rois".—

Die erste Sammelausgabe der Werke Chamforts (1746-94) ist von Ginguéné im Jahre 3 besorgt. Der 1. Bd. enthält eine "Notiz über das Leben Chamforts", in welcher es (S. 58) von ihm heisst: "Der Mann, der [S. 483]unseren in feindliche Länder ziehenden Soldaten als Devise vorgeschlagen hatte:

Guerre aux châteaux! Paix aux chaumières!"

Krieg den Palästen! Friede den Hütten!

Im Protokoll der Konventsitzung vom 2. Pluviôse im Jahre 2 wird über die Feier des Jahrestags des 21. Januar berichtet: "Die Jakobiner begaben sich darauf nach dem Platz der Revolution an den Fuss der Bildsäule der Freiheit, um dort den Schwur zu leisten: Tod den Tyrannen, Friede den Hütten!"—

Chamfort "Caractères et Anecdotes" (Oeuvres choisies, éd. A. Houssaye, p. 80) giebt unbestimmt einen geistreichen Mann als den Erfinder des Wortes an:

La France est une monarchie abosolue, tempérée par des chansons.

Frankreich ist eine absolute, durch Gassenhauer gemässigte Monarchie.

Nach der Ermordung Pauls, Kaisers von Russland, im Jahre 1801 sagte ein russischer Grosser zu Graf Münster, dem hannöverschen Gesandten:

Le despotisme, tempéré par l'assassinat, c'est notre Magna charta.

Der durch Meuchelmord gemässigte Despotismus ist unsere Verfassung.

Von Lanfrey ("Histoire de Napoléon I.", Tom. 2, Kap. 6 gegen Ende) wird als geistreiches Wort Talleyrands bei dieser Gelegenheit angeführt: "L'assassinat est le mode de déstitution usité en Russie". "Der Meuchelmord ist der in Russland übliche Modus der Thronentsetzung."—

Nach Barrau ("Histoire de la révolution", 2. Ausg., S. 134) hätte Abbé Maury (Mitgl. d. Constit. 1789-91) in der Constituante, unterbrochen von lärmenden Kerlen auf der Tribüne, mit dem Ausrufe: "Monsieur le Président, faites taire ces sansculottes" den Ausdruck:

sans-culottes

geschaffen, der sich so erklärt, dass die Republikaner [S. 484]die sonst übliche Kniehose (culotte) mit der bis zu den Füssen reichenden (pantalon) vertauscht hatten. Nach Bourloton et Robert ("La commune", Paris 1872, S. 169) hätte er es lärmenden Frauen auf der Tribüne zugerufen. Will man aber Peter Duponceau glauben, so citierte Maury nur ein schon bekanntes Wort, das zuerst Baron Steuben in Washingtons Winterlager von 1777-78 den abgerissenen "tapferen Offizieren der Revolutionsarmee beigelegt" habe. (vrgl. Friedr. Kapp: "Leb. d. amerik. Generals Fr. W. v. Steuben" S. 97. Berlin 1858.)—

Il est peu de distance de la roche Tarpéienne au Capitole,

sagte Mirabeau (1749-91) in seiner Rede vom 22. Mai 1790; d. h. "selbst ein Senator kann als Hochverräter zum Tode verurteilt werden". Jouy wiederholte das Wort in dem Text zu Spontinis zuerst am 15. Dez. 1807 aufgeführten Oper "la Vestale" (3, 3) in der Form: "La roche Tarpéienne est près du Capitole" "Nicht weit vom Capitol da steht Tarpejens Klippe".—

Vandalismus

ist zum ersten Male von Grégoire, Bischof von Blois, in einem Berichte an den Konvent gebraucht worden. "Ich schuf dies Wort, um die Sache zu töten", sagt er in seinen "Memoires" (t. 1, p. 346, Ausg. von 1837).—

Sans phrase(s)

Ohne Redensarten

ist verkürzt aus: "La mort sans phrases", was bei der Abstimmung über die Art der Behandlung Ludwigs XVI. in der Konventsitzung vom 17. Januar 1793 Sieyès (1748-1836) gesagt haben soll, aber nicht gesagt hat, [S. 485]wie aus "Le Moniteur", 20. Jan. 1793, hervorgeht. Sieyès stimmte mit: "La mort". Auch sagte er:

Ils veulent être libres et ne savent pas être justes.

Sie wollen frei sein und verstehen nicht gerecht zu sein.

Ebenfalls soll er zuerst im Jahre 1793 das später von Napoléon III. aufgenommene Wort:

Natürliche Grenzen

auf den Rhein angewendet haben. (Ludwig Häusser, "Deutsche Geschichte", 3. Aufl., Bd. 2, S. 19.) Der Gedanke kommt schon 1444 in einem Manifeste des Dauphin, später Ludwig XI., vor, und wurde Gegenstand einer lebhaften litterarischen Fehde am Ende des 15. und Anfange des 16. Jahrhunderts.—

Bertrand Barère (1755-1841) sagte am 26. Mai 1794 im Konvent (s. "Moniteur" vom 29. Mai): "Wenn voriges Jahr die von Houchard befehligten Truppen alle Engländer vertilgt hätten, anstatt durch ihre Anwesenheit unsere Festungen zu vergiften, so wäre England in diesem Jahr nicht wieder gekommen, um unsere Grenzen anzugreifen.

Nur die Toten kehren nicht zurück,

Il n'y a que les morts qui ne reviennent pas,

aber die Könige und ihre Sklaven sind unverbesserlich; sie müssen verschwinden, wenn Sie wollen, dass der Friede Bestand habe, wenn Sie wollen, dass die Freiheit gedeihe". Einige Tage später wiederholte er das blutige Wort (Macaulay: "Bertrand Barère") und Napoléon I. citierte es auf St. Helena mit Bezug auf sich am 17. Juli und am 12. Dez. 1816. (O'Meara, "Napoléon in exile".)—

Die männliche Jugend von Paris, die nach dem [S. 486] 9. Thermidor 1794 sic